M 76.
Vienrtag den 2. April 1912 5». Jahrgang.
* fuldaer W Leitung
2. Blatt.
vrnck und Verlag der Sulbcer Letiendruckenl in Zntda.
4< Eine ernste Betrachtung zum
1. April.
ii.
Woher also die grauenhafte Unwissenheit der Nichtkai Koliken, auch der akademisch Gebildeten, über katholisch« Dinge? Sehr einfach daher, daß sich diese Leute mit der größten Leichtigkeit in den — April schicken lasten. Was haben wir als Jungen gelacht, wenn wir einen Unerfahrenen mit irgend einem Auftrag zum Krämer geschickt hatten! Niemals aber hätten wir uns träumen lassen, daß auch Erwachsene auf noch viel tollere Sachen hereinfallen und sich dabei noch ihrer Bildung rühmen! Als wir freilich zum ersten Male sehen mußten, wie der tollste Unsinn, womit Apostaten ihren Abfall vor der Welt zu beschönigen suchten, gläubige Aufnahme fand, war'der Respekt vor dieser „Bildung" weg!
Damit haben wir bereits eine Quelle der schauderhaften Verkehrtheit in der Beurteilung katholischer Dinge von feiten der Nichtkatholiken auf- gedcckt. Während für diese Leute, die sich in ihrer Bicrbankweisheit nicht genug entrüsten können über den Index der katholischen Kirche, alle katholischen Schriften ohne Ausnahme auf einem Index stehen und sorgsältigst ignoriert werden, stürzt sich dieses ewe Publikum über den Schund, den ihm die Apo- taten servieren, mit wahrem Wohlbehagen her. -lind doch müßte man sich bei der geringsten Neber- ] eqititg sagen, daß solche Gesellen die denkbar uu- zuvcrlässigsten Darsteller der katholischen Kirche sind und sein müssen; denn wollten sie der Wahrheit die Ehre geben, müßten sie sich selbst an den Pranger stellen rmd das billige Heldentum wäre — nichts.
Möchten doch einmal die gebildet sein wollenden Nichtkatholiken die Worte des Konvertiten Rnville überlegen:
.Einen ähnlichen Wert rvie das Zeugnis des Judas besitzt das Zeugnis abgesallener Priester. Sie müssen ja schwarz malen, um ihre Tat zu rechtfertigen, und die Gehässigkeit gegen die Kirche steht ihren Darlegungen an der Stirn geschrieben. Es ist Torheit, ihren Angaben ohne die sorgfältigste Nachprüfung Glauben zu schenken. Eine solche Nach- prüsimg verlohnt sich aber kaum, da ja das Vorhandensein uiannigsacher Mißstände nie geleugnet wird, und da auch die schwersten Mißstände noch nichis gegen die Heiligkeit der Kirche beweisen würden ... Es wäre ein Segen, wenn sich die Protestanten gewöhnen wollten, nie über katholische Dinge ohne Rückfrage bei einem gutunterrichteten Katholiken, womöglich einem Geistlichen, abzu- urtcilen." («Das Zeichen des echten Ringes'' S. 166.)
Ist cs ab«r nicht ein betrübendes Zeichen der Zeit, daß ei noch solcher selbstverständlicher Mahnungen bedarf?
Indes diese letzte Mahnung Ruvilles hat ihre ihre Berechtigung nicht allein für die Protestanten überhaupt, sondern ebensosehr für die protestan- tische W i s s e n s ch a f t; auch gegen sie muß der schwere Vorwurf erhoben werden, daß sie mit der bedenklichsten Kritiklosigkeit, die sie bei anderen wissenschaftlichen Arbeiten aufs schärfste verurteilen würde, Dinge über katholische Einrichtungen erzählt und weitergwt, die als nichts anders bezeichnet werden können, denn als Irreführung ihres Leserkreises.
Nehmen wir zunächst einmal das Gros gewisser Zciiungsleser, welche mit Hilfe eines Fremdwörterbuches sich über katholische Ausdrücke Rat holen. Da ist vielgebraucht das Heys e'sche Fremd- w ö r t e r b u ch. Eine kleine Stichprobe in der 1903 erschienenen Neuausgabe von Prof. Dr. Lyon zeigt uns folgenden niedlichen Unsinn: „Absolutio" — Erteilung der Weihe nach der Beichte bet den Katholiken; „Probabilismus" — der verwerfliche Grundsatz, daß die bloße Meinung, eine Handlung könne Wohl recht sein, schon hinrciche, sie zu unter- riehmen; „Besperac" — Abendmesse. — Wir haben von dieser Weisheit genug und enipsehlen dem Herrn Professor (!), Doktor (!) Otto Lyon, der sein Vorwort aus Dresden, der Hauptstadt des hellen Sachsens datiert, etwas mehr Helle in seine Slrbeits- lammer, daß er nicht mehr so heidenmäßig cinfäl- kigez Zeug verbreitet!
Allein was wollen und solle»« wir einen« Fremd- wörterbuch Vorwürfe n«achen über unwissenschaftliche Rückständigkeit, wo sogar wiffenschaftliche Werke, die zu den höchsten sich zählen, von solchen« Unfug sich nicht freihalten. Wen«« ein Harnack
in seiner Dogmengeschichte sich die bedenklichsten Blößen gibt, wenn das neue Sammelwerk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart", an dem eine "ganze Reihe protestantischer Professoren mitarbeitet, von ungehörigen Entgleisungen strotzt, wer tr'.ll dann den kleinen Geistern, die nicht selbst an die Qu "en herankönnen, ändern bei jenen schöpfen, einen Vorwurf machen?
Tas Wort Religionsgeschichte führt uns auf diese «noderne Wissenschaft, welche sich zum Gegenstand gewählt hat, die Abhängigkeitsverhältnisse der verschiedenen Religionen aufzuzeigen. Es ist klar, daß man da nur urteilen kann, wenn r.tait die verschiedenen Religionen nach ihrem eigensten Lehr- mhalt kennt. Daß aber in den Kreisen der Rcli- gwnsgeschichtler die Unkenntnis des Katholizismus die seltsamsten Blüten treibt, weiß jeder, der einmal in diese Literatur hineinqeschaut. Das bestimmt uns >" Rate, die Herren sollten Exkurse auf katholisches Gebiet, um dort Parallelen zu suchen, füglich bleiben laflen im Interesse ihres eignen wis- sc«:schaftlichen Aul ' '
Wenn aber die Kreise der Wissenschaft selbst in solch leichtfertiger Weise arbeiten, dann ist es teilt Wunder, wenn andere Leute zu den unglaublichsten Albernheiten kommen. Dann ist es kein Wunder, wenn sich die modernen Gebildeten sogar von einem Hoensbroech das Zeugnis ausstellen lassen müssen, daß sie von katholischen Dingen — nichts, aber auch gar nichts verstehen:
..Die Unkenntnis über katholische Dinge", schreibt er, ist ein weitverbreitetes Uebel. In meiner jetzt mehr als 13jährigen Zugehörigkeit zum Protestantismus habe ich in dieser Beziehung Erfahrungen gemacht, die ich nie für möglich gehalten hätte; und zwar habe ich die Erfahrungen gesammelt im Berkehr mit hochstehenden, akademisch gebildeten Protestanten, mit Geistlichen aller Rangstufen, mit Nniversitätsprofesioren, mit Dozenten der evangelischen Theologie. In diesen Kreisen bekam ich Ausjührungen zu hören über Katholisches, die jeder katholische Gymnasiast widerlegen tonnte. Fragen wurden an mich gestellt, die beschämend waren für die Fragesteller. Zahlreiche Briefe besitze ich, worin Auskunft über ka- «holijch-ultramonlane Dinge gebeten wird, die man wissen muß, und die Briejschreiber sind ausnahmslos akademisch gebildete Leute, zum großen Teile Männer, die als Parlamentarier, Journalisten, hohe Staatsbeamte, Hochschullehrer, Theologen führende Stellen einnehmen . . . Nicht selten Halle ich nach Gesprächen mit wissenschaftlichen protestantischen Größen den Eindruck, daß sie in einem Examen über Grundlehren des Katholizismus glatt durchfallen würden." („®eutld)lanb“ 1906, S. 661.)
Ist das nicht beschämend? Indes die Sache hat auch ihre ernste, sehr ernste Seite: denn so vererben sich die unglaublichsten Tollheiten in den Kreisen der protestantischen, nichtkatholischen Leser! Und w c ui also ist die Schuld beizmnessen, daß an eine Verständigung, ein friedliches Zusammenarbeiten kaum zu denken ist? Jenen nichtkatholischen Schrift- stellein aller Zweige, welche es in ihren Schilderungen an der erforderlichen G e w i f s e n ha f t i g- keit fehlen lassen Mit aller Sorgfalt studieren manche die Religionen fremder Völker, sie halten es für eine Ehrenpflicht, ihre Leser über die betref- fende Religion zuverlässig zu belehren, aber wo es über den K a t h o l i z i s m n s zu urteilen gilt, den man in allernächster Nähe studieren könnte, und wozu alle erforderlichen Aufschlüffe mit Leichtigkeit zu holen sind, da schämt man sich nicht, auf das Niveau eines Menschen herabzusteigen, der seine Leser und Hörer in den — April schickt.
deutsches Neich.
* Di« Jungliberale« und die Parteikrise. Die Junglibcralen, gegen die sich die Beschlüsse des Zentralvorstandes der nationalliberalen Partei vom 24. März offensichtlich richteten, scheinen nicht gewillt, sich in eine Unterdrückung ihrer Organisation zu schicken. Ein Vertretertag in F r a n k s n r t a. M. hat am Sonntag über die Schritte beraten, die er seinerseits unternehmen will, um sein Verbleiben in der Partei zu erreichen. In der Aussprache wnrde gewünscht, daß die von Baffermann in Kassel und Saarbrücken gezeichnete Polittk energisch fortgesetzt werde. Alle Versuche, den Reichsverband als solchen zu beeinträchtigen, wurden von der Versammlung
entschieden abgelehnt. Ein Verttetertag des Reichsverbandes soll noch vor dem allgemeinen Delegiertentage der Gesamtpartei einbenifen werden.
Aus Kirche und Schule.
* Mainz, 31. März 1912. Gestern verschied hier Geistlicher Rat Franz Hey der, Pfarrer von St. Peter. Der Verstorbene war am 7. September 1848 in Bobstadt geboren und wurde am 9. März 1871 zum Priester geweiht. Am 1. Oktober 1887 wurde er Pfarrer von St. Peter in Mainz, hätte also im Herbst dieses Jahres sein 25 jähriges Jubiläum als Pfarrer begehen können. Hervorragendes hat er als Präses des Mainzer Gesellenvereins und als Diözesan-Präses des Gesellenvereins gewirkt.
Ans dem Nachbargebiete.
- Großenbach (Kr. Hünfeld), 1. April 1912 Die hiesige Jagd, die 846 ha Feld und Wald umfaßt, ist dieser Tage neu verpacht»! worden. Höchstbietender blieb ein Konsortium von Hünfeld mit 1125 Mk. Der seitherige Pachtpreis betrüg nur 664 Mk.
* Schlüchtern, 27. März 1912. Für lang- jährigeDienstzeitist dem bei dem Gutspächter Willmar Dretsch zu Lindenberg in Dienst stehenden Dienstknecht Phil. Bolender eine Prämie von 10 Mark aus Kreismitteln und dem bei der Gemeinde Hutten in Dienst stehenden Schweinehirten Wilh. Blum eine solche von 25 Mk. bewilligt worden.
0 Gelnhausen, 1. April 1912. Gestern hielt hier der Verband mitteldeutscher Wassprkraftbesitzer eine zahlreich besuchte Versammlung der Kreise Schlüchtern, Gelnhausen und Hanau ab, in der die Gründung eines Zweigvereins für genannte Kreise beschlossen wurde. Zum Vorsitzenden des Zweigvereins wurde Fabrikbesitzer Bratfisch-Salmünster gewählt.
0 Hanau, 1. April 1912. Der hiesige Stadtschulrat Hahne, der seit dem 1. April 1908 dahier wirkt Und dem die städtischen Mittel- und Volksschulen unterstehen, ist in Stet in zum Stadtschulrat gewählt worden. Er wird diesem Ruse zum 1. Jul« ds. Js. Folge leisten.
* Frankfurt, 1. April 1912. Für d e Frankfurter Universität liegt jetzt ein Finanzplan vor. Danach ist ein Sicherheitskapilal von 73/« Millionen Mark vorgesehen. Erhofft wird für das erste Jahr ein Besuch von 1800 Studierenden, darunter 500 Medizinstudiererden, außerdem 200 Handelshochschülern. An einmaligen Ansgaben werden 1578000 Mark, an laufende« Mehr- ausgabcn 406800 Mark gefordert; zur Deckung des Bedarfs sind 650000 Mk. vorgesehen, die laufenden Ausgaben beziffern sich auf 428 400 Mark, die Einnahmen sind mit 175500 Mark veranschlagt. Finanziell wäre die Sache somit wohl gesichert. Es ist nur die Frage, ob der Staat sich bereilfinden lassen wird, eine Universität als vollwertig anzusehen, über die er nicht absolutes und unbedingtes Verfügungsrecht hat.
* Törnberg bei Kassel, 31. März 1919. Am Samstag brannte das Wohnhaus des Schreinermeisters Israel hier nieder. Auch das Nachbarhaus des Arbeiters Johs. Karl brannte bis auf die Grundmauern nieder.
* Alt-Wildungen, 1. April 1912. Der seit einiger Zeit vermißt gewesene Tagelöhner Schäfer ist bei Mandern als Leiche aus der Weser gezogen ivorden. Vermutlich liegt Selbstmord vor.
* Erfurt, 1. April 1912. Die Fleischer- Innung in Erfurt macht bekannt: „In letzter Zeit sind die Einkaufspreise für Schlachtvieh auf einer derartigen Höhe angelangt und werden voraussichtlich noch weiter steigen, daß sie mit den heutigen Verkaufspreisen nicht in Einklang zu bringen sind. Wir sehen uns deshalb genötigt, unsere Verkaufspreise entsprechend den Einkaufspreisen zu erhöhen. Der Grund hierfür ist die seit längerer Zeit überall herrschende Maul- und Klauenseuche und die vorjährige außergewöhnliche Dürrung, welche viele Viehzüchter veranlaßte, ihre Viehhaltung wegen Futtermangels einzuschränken. Auch sind wir deshalb nicht mehr in der Lage, Wurst usw. in Quantitäten zu 10 F zu verabfolgen, sondern wir
muffen bei besseren Artikeln 20 F und bei geringeren 15 F als unterste Grenze ansehen."
* Duderstadt, 1. Avril 1912. Ein Tischler aus Nordhausen, der auf einem Neubau mit dem Einsetzen von Fenstern beschäfügt war, stürzte aus dem ersten Stockwerk ab und erlitt einen doppelten Schädelbruch, der seinen Tod zur Folge hatte. Er hinterläßt eine Frau und fünf Kinder.
* Aus dem Großherzogtum Hessen, 1. April 1912. Nach den Feststellungen der großh. Zentralstelle für Landcsstalistik beträgt die Zahl der Lungen- Tuberkulose-Sterbefälle auf 10000 Lebende berechnet im Jahre 1911 = 1778 oder 13,8. Der Berechnung ist eine mittlere Bevölkerungsziffer von 1290553 zu Grunde gelegt. Im Vorjahre waren es 1811 Tuberkulose-Sterbefälle oder 14,2 auf 10000 Lebende berechnet bei einer mittleren Bevölkerungsziffer von 1283 267. Wenn man berücksichtig:, daß im Jahre 1890 noch 30 Todesfälle an Tuberku ose auf 10000 Lebende kamen, io ergibt sich gegenüber Dem 1911er Ergebnis ein Rückgang um mehr als 50 Prozent. In den letzten vier Jadreu waren es folgende Zahlen: 1908 —17,44,1909 = 15,0, 1910 = 14,2 und 1911 — 13,8. Der Erfolg aus dem Gebiete der T>,berkulose-Bekämpsuug ist also sehr bedeutend und läßt die rationelle Bekämpfung dieser unheilvollen Volksseuche das Beste erhoffen
Amt Geisa und Umgebung.
* Termbach, 1. April 1912. Sams! nachts starb hier Fabrikant Nikolaus Böhm. Der Entschlafene war Mitglied des Gemeinderats und wiederholt besten Vorsitzender. Ferner war Böhm längere Zeit Vorstand des hiesigen Krieger« und Landwehrvereins. Er bat* den Feldzug 1870/71 mitgemacht und erlitt damals eine Verwundung. Mit Böhm ist ein Mann aus dem Leben geschieden, der wegen seines lauteren Charakters die größte Hochachtung unter der hiesigen Bürgerschaft genoß.
tt. Spahl, 26. März 1912. Die Jahresversammlung des Rindviehzuchtverbandes für das weimarische Rhöngebiet tagte in der Göb'schen Wirtschaft. Der Verbandsvorsitzende Herr Rittergutsbesitzer Limburg eröffnet die Versammlung mit einem herzlichen WlUkouimengruß. Außer dem Zuchtinspektor Dr. Cornelius waren zur großen Freude aller Anwesenden als Gäste erschienen Oekonomierat Tobeneker und Kreistierarzt Wächtersbach aus Dermbach, sowie der langjährige Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Zweigvereins Schmitt ans Geisa. Nach Erstattung des Jahresberichtes hielt Zuchtinspektor Dr. Cornelins einen hochinteressanten Vortrag über Kälber- uiid Bullenaufzucht. Der Redner erläuterte an der Hand eigener Erfahrungen und Studien, wie der Züchter durch geeignete Ernährung das Wachstum des Tieres im jugendlichen Alter fördern und es dabei gesund erhalten kann. Gleichzeitig geißelte er aber auch die groben Fehler, welche noch immer durch die althergebrachte Ernährungsweife bei dem Jungrind gemacht werden. Daß der Herr Zuchtinspektor den meisten Viehzüchtern durch feinen überzeugenden Vortrag die Augen geöffnet hat, bewies der lang- anhaltende Beifall zum Schluffe des Vorftoges. In der Diskussion ergriff wiederholt Rittergutsbesitzer Limburg das Wott, um feine diesbezüglichen Erfahrungen mitzuteilen. Ter Verband beschloß die Abhaltung einer Rindviehausstellung in Kaltnordheim für 1912, ferner beschloß er die Einführung eines Zuchtviehmarktes in Dorndorf. Oekonomierat Tobeneker hält noch eine herzliche Ansprache an die Versammlung. Mit einem be» neiftert aufgenommenen Hoch auf den Herrn Oekonomierat schloß der geschäftliche Teil der Ver- fammlung.
* Tiefenort, 1. April 1912. Wegen Haus« friedensbruch begangen in Hämbach, wurde durch die Gendarmerie ein Vorarbeiter aus Bosnien verhaftet und dem Amtsgericht Vacha zugesührt.— Am Freitag wurde eine männliche Leiche aus der Werra gezogen. Es handelt sich um den in Hermannsroda bedienstet gewesenen Knecht, der, bei einem Diebstahl in Leimbach erwischt, bei der Verfolgung in die Werra sprang und ertrank.
4- Johann Nepomuk Justus Rang.
Ein Gedenkblatt zum 2. April.
Vor HO Jahren, am 2. April 1802, da die Tage des alten Fürstentums Fulda bereits gezählt wa cn, wurde in dem nahen Amtsdorfe Neuhof ein Knabe geboren, dem, als er 57 Jahre später feine ehrengekrönte irdische Lausbahn zu Fulda beschloß, der Ruhm nachfolgte, Stolz und Z«erde deZ kurhesflschen Richterstandes gewesen zu sein.
Wir wollen versuchen, an der Hand ungedruckier Aufzeichnungen, die er teils selbst in aphoristischer Form, teils einer seiner Neffen hinterlassen hat, das äußere Leben diese- hochverdienten Beamten in seinen Hauptmomenten zu skizzieren, spiegelt dasselbe doch auch die damaligen Zeitoerhällniffe wieder.
Joh.Nepom. Justus Rang blickte auf eine lange -rpienreihe hochbegabter Rechtsgelehrtei', die zu den tüchtigsten Justizbeamten des Fuldaer Ländchens zählten, zurück. Sein Vater war der Hofkammerrat und Amtsvogt Franz Christian Rangx) (f 1. Dezember 1839zu Fulda, der sich 1781 nut Maria Eva Fritze, der ältesten Tochter des Kammerdirektors und Geheimrates Fritze, vermählt halte. ») Dieser Ehe
hrg. Nr. 8u.9: mitte Rang."
') Bgt. .Fuld. Geschichtsbl/ IV. .Drei Neuhcher Amtsvögte aus der
’> Johann Christian Fritze war Konvertit und sou der Familientradition nach vermutlich einer norddeutschen Adetsfamilie entstammt sein, mit der er fedoch infolge feines Ueberlrittes zur katholischen Kirche »«rsauen Wen. In seinem Nachlasse hätten sich Briefe seines Briwers mit dec Unterschrift von Fritze vorge- Josepha hatte sich mit ä"8? und Rentbeamten sowie auch Mtadtschultheißen vranz Karl Götzmann in Geisa iverhetralet. Ein Sohn dieses Ehepaares der am 22. Dezember 1872 in Fulda verstorbene Landgerichisial Franz Karl Joseph Goßmann, gedenkt in seinen .Bei- Irägen zur Geschichte des vormaligen „Fürstentums Fulda" (Fulda 185 < pletatvoll seines Großvaters, der heben dem Kanzler Johann Eberhard Kaiser (t 1795) dem Fürstbischof Heinrich v. Bibra all „ein erleuchteter Ratgeber in der Ausführung seiner durchgreifenden Perbeffenmaen »ur Seite gestanden habe". Gößmann
waren acht Söhn« und eine Tochter entsprossen; Justus war das vorjüngste Kind. Als et acht Monate zählte, vollzog sich im weiten Schloßhof zu Neuhof der erste Huldigungsakt für den in sein Ländchen einziehenden Prinzen von Oranten An dem unter Fürstbischof Heinrich von Bibra erneuerten Amtsschloffe führte die Heerstraße vorüber, auf welcher der Heranwachsende Knabe in den Jahren von 1806 bis 1813 unaufhörliche Truppendurchmärsche des ersten französischen Kaiserreiches erblickte. Eine große Erinnerung blieb es ihm auch durch sein Leben, daß er 1812 den Kaiser Napoleon I. ganz in der Nähe gesehen halte.s) Desgleichen blieben ihm die Drangsale während der französischen Retirade unvergessen, die ihn am 28. Oktober 1813 mit Eltern und Brüdern von Haus und Hof vertrieben und 10 Tage lang in der Wohnung des Kaplans z t Mittelkalbach Zuflucht suchen liefen. *> berichtet auch, daß Fritze am 6. Januar 1761 von Hammelburg aus in fürstliche Dienste getreten je,. (Nach Rang'schen «ujzeichnungeu hätte ihn Karl v Dalberg an den Fürstbischof von Fulda empfohlen.) 1763 wurde der Lehenrat Fritze zum fürftt. Hofrak, Siadlschultheißen und Stadtsyndikus ernannt und im Rate installiert, 1765 wurde er zum wirklichen Hofral und Kammer- konsulenten, 1769 zum Hostammerdirektor befördert. Aus letzterem Amte halle er den Geheimrat Karl Beneditt Welle verdrängt, der als nunmehriger Oder- einnahmedireltor dem Range nach zwar erhöht, tm Gehalle aber durch Wegfall der genossenen Kammersporteln sich verkürzt sah. Dies war wohl auch di« Urlache des etwas abfälligen Urteile, das Welle über Fritze in seiner Familienchronik gibt. Am 3. Seplember 1803 wurde der Hofkammerdireklor und Geheimral Fritze auf mehrfaches Ansuchen unter Anerkennung seiner Becküenste mit Belassung seines ganzen Gehaltes quiesziert und am 8 Januar 1816 ist er im hohen Alter von 86 Jahren in Fulda gestorben.
*) Auch 1813 am 25. April nahm Napoleon aus seiner Reise von Mainz nach Erfurt zum „Frühjahrsfeldzug" dieses Jahres in Neuhof kurzen Aufenthalt, wobei er sich im Häuschen des Joh. Echnop (V) Kaffee kochen ließ und während des Frühstücks mit dem herdeigerufenen Hostammerrat Franz Christian Rang sprach, «gl. Fuld. Geschichtsbl. VHL Jahrg. Nr. 11.
- Bergt. .Gefch.-Bl/ a. a. O.
Ungemein bewegt und bunt ging cs im Neuhöfer Amtshauje in diesen kriegerischen Zeitläuften zu; dreimal wählte sich Kaiser Alexander I. von Rußland dasselbe zum Nachtquartier. Im Herbste 1812 kam Justus Ranz auf das Fuldaer Gymnasium, das damals unter der Leitung des Konsistorialrates Karl Gößmann (ch 1826 zu Buttlar) stand, die aber 1816 an den Oberstudieurat Joh. Leonard Psafs, den späteren Bischof, überging. Justus Rang wohnte als Gymnasiast bei seinem älteren Vruder Johann Christian (gestorben als Ober-Zollinspektor des Haupt-Zollamtes in Kassel).
Mit 17 Jahren absolvierte er die Fuldaer Gelehrtenschule und bezog sodann die Landesuniversttät Marburg, um gemäß den Traditionen feiner Familie Rechtswissenschaft zu studieren; hatten doch auch vier seiner Brüder dieses Fachstudium erwählt. In Heidelberg setzte et feine Studien fort, wo er gemeinsam mit dem nachmals so berühmt gewordenen Jur sten Julius Stahl5) die Seele der dortigen Burschenschaften wurde. Im Herbste 1822 sagte"er seinem „vergnügten, aber anständigen Burschenleben" Valet. „Nun bring' ich mich Euch wieder gesund an Leib und Seele," rief er, strotzend von Gesundheit und Jugendkraft, feinen Eltern bei der Heimkehr entgegen. Im Mai 1823 ging er in's Staatsexamen. Vor dem Obergerichte in Fulda begegnete ihm das um 6 Jahre jüngere Töchterlein des Rates und Staatsanwafts Zahn, das er immer scherzend fein „Bräulchen" genannt hatte; er betrachtete die Begegnung als eine gute Vorbedeutung, und so war es auch.
Nach rühmlichst bestandener Staatsprüfung wnrde er als Referendar bei dem Obergerichte zu Fulda bestellt und trat dann im Oktober dieses Jahres in den Staatsdienst ein. 1828 wurde er nach Ableistung des Richtereides als Assessor mit 300 Gulden Gehalt feinem Vater in Neuhof beigegeben, wo
»Friedr.JuliuSEiahl, geb. 16. Januar 1802 in München von jüdischen Ellern, trat 1819 zur lutherischen Kirche über. Er ist am 10. August 1861 itt Bad Brückenau als sehr bedeutender Rechtsphilosoph ah der Universität Berlin gestorben.
ja schon durch mehrere Geschlechtsfolgen traditionell stets ein Sohu der Familie Rang dem Vater als Adjunkt zur Seite gestanden hatte. Am 31. August 1830 führte Justus Rang seine Braut Therese Zahn, eine ebenso feingebildete als häuslich erzogene Dame, in seine sehr bescheidene Häuslichkeit heim. Denn obgleich das große Amtsschloß noch Raum genug für das junge Paar geboten hätte, so beharrte doch der gestrenge Herr Hoskammerrat eigensinnig bei der Ansicht, junge Eheleute dürften den Schwiegereltern nicht allzu nahe wohnen. Jo, er verstand sich sogar nicht einmal dazu, diesen einen der vier zum Teil verfügbaren Ecktürme des Schlosses einzuräumen; sie mußten ein enges niedriges Bauen«Häuschen bezieh.n, in dem ihnen am 18 Juli 1831 ihr erstes Kind geboren wurde. Und dieser kleine Erdenbürger, der in der Tanfe den Namen Franz erhielt, war — Fuldas zukünftiger Oberbürgermeister FranzRang.
Der Ämtsaffeffor Rang sollte aber nicht an dem Orte verbleiben, der sozusagen der Stammsitz seiner Familie geworden und «vo nachweisbar in ununterbrochener Reihenfolge sein Urgroßvater, Großvater und Vater das Amt verwaltet hatten: 1831 wurde er mit einem Jahresgehalte von 600 Talern nach Fulda versetzt als Assessor 1. Klasse im Kriminal-Senate des Obergerichtes. Er wohnte in der Kanalstraße in dem jetzt Hosbuchdrucker llth'schen Hause; hier wurde ihm am 24. März (Judica) 1833 fein zweiter Sohn geboren und am Tage daraus in der Sladtpfarrkirche ans d:e N men Ignaz Felix Viktorin Justus getauft. Es war der spätere Justtzrat Ig n a z R a n g, dessen Name «sieichfalls sehr ehrenvoll in den Anraten der S.adt Fu'da verzeichnet steht. Diesen beiden Söhnen folgte am 16. Jvli 1835 eine Tochter Friederike, die am 2. August 1911, tiefbttrauert von allen, die ihr näher standen, in hiesiger Stadt verschieden «st.
Durch seinen Freimut hatte Rang den Zorn des reaktionären Ministeriums auf sich geladen und dafür mußte er büßen: Der hervorragend scharfsinnige Jurist wurde — was man unerhört fand! — als Zusttzbeamter nach Amöneburg versetzt. Er trug die Maßregelung mit jenem philosophischem