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Nonatsbeilage: ,f$ulbaer Geschlchtsblätter

Erstes Blatt

JV8 76.

Fulda, Dienstag den 2. April 1912.

3J. Jahrgang

wochenbeimge: „Mufirrerie Zonntagzzeitung"

ÄMiHdhtK tot So.m- «ndZrlerlogt viertek- jü»rNchv'Y«M»'prel5 ohne Srkvaerlohn m6 VesteLgeloniZurvas»- wie austofirh 1-50 Bit.

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u. Verlag her guibnet ncticnbruiterei f $ul»e Sernfpredfer Nr. <

Ztadtverordneten-Versammlung

A1 Fulda, 2. April 1912.

An der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten-Vec- fammfuttg nahmen 25 Mitglieder des Kollegiums teil. Der Magistrat war durch den Oberbürgermeister Dr. Antoni vertreten. Den Vorsitz führte der Stadt- verordnetenvorstcher Justizrat Gegenbau r.

1. Mitteilung von Eingängen. Der Magistrat Hal auf eine Anfrage der Stadtverordnetenversammlung gelegentlich der Etatsberatung jetzt mitgeteilt, daß die im Etat für 1907 bewilligte Bedü rfnisanstalt am Franzosenwäldchen nicht errichtet worden ist, weil damals dieser Bau aus Sparsamkeitsrücksichten nachträglich zurückgestellt werden mutzte. Bisher ist die Angelegenheit nicht wieder zur Sprache gelangt, zumal sich die Anlieger am Franzosenwäldchen gegen die Anlage ausgesprochen haben. Diese Mitteilung dient zur Kenntnisnahme.

2. Die Einführung und Verpflichtung des Stadt- verordneten Neibert erfolgt in der üblichen Weise.

Ausland.

** Zm «ngalijchtn Abgrordneteuhausr stellie sich gestern das Kabinett Khuen wieder vor. Graf Khuen wiederholte seine Erklärung, daß die Re­gierung auf die Durchsetzung ihres Standpunktes in der Reservistenfrage verzichtet habe, um den Mo­narchen von seinen Gewissensbedenken zu befreien und größere Verwicklungen zu verhüten. In der Wiener und Budapester Preffe werden Bedenken darüber geäußert, ob der Kaiser in der Freitags«

Znr Bergarbeiterbewegttttg

* London, 1. April 1912. Die Aussichten auf eine nahe Beendigung des Kohlenausstandes dürfen günstig bezeichnet werden. Bon den beiden Haupt- führern der Ausstandsbewegung hat Smillie in Schottland den Gewerkvereinlern geraten, für die Rückkehr zur Arbeit zu stimmen, und Hartshorn in Südwales kurzerhand erklärt, der Ausstand sei ab­getan. Insgesamt fahren heute etwa 20 000 Berg­arbeiter ein, 10 000 in Warwickshire, 7500 in Wor- cestershire und Staffordshire und der Rest in Nvrd- wales und Schottland. Was die Abstimniung anbe­langt, so sind bisher, wie verlautet, die Ergebnisse nur in Lancashire und Rorthumberland der Rück­kehr zur Arbeit ungünstig. Das Schlußergebnis der ganzen Abstimmung dürfte bis Donnerstag bekannt sein. Wenn sich jedoch auch eine Mehrheit für die Bcend'oung erklärt, so ist doch keinesfalls von einer guten Stimmung in der Arbeiterschaft zu sprechen. Die Aufnahme der Arbeit erfolgt nicht, weil man mit den Resultaten zufrieden wäre, sondern weil die Kassen geleert sind. In den leitenden Krei­sen der Arbeiterpartei herrschen lebhafte Befürchtun­gen wegen dieser Stimmung. Es ist nicht undenk­bar, daß die Mißstimmung zu Streitigkeiten und vielleicht zu einem schlimmen Erde führt. Die Hauptsache ist, sobald die Abstimmung den Streik für beendigt erklärt, für eine rasche Konstituierung der Rcvierämter zu sorgen, damit die Minimaltarife so­bald als möglich zur Festsetzung kommen. Die K r i e g s k o st e n des Streiks sind, ganz abgesehen von dem furchtbaren Schaden für das ganze Land, ür Handel und Industrie ganz unberechenbar. Bi- Sonntag waren für die Streikenden im ganzen 49 020 000 Arbeitstage verloren gegangen, was einen Lohnverlust von 237 400 000 Mark bedeutet; das ist mehr als eine Biertelmilliarde Mark.

Deutsches Keich.

• Beilin, 1. April 1912. Prinz Georg von Gss. henlaud, der bisher bei der 8. Kompagnie des 1. ^arderegiments stand, ist als Oberleutnant der 2. Schwadron des 3. Gardeulanenregiments ringe« reiht worden. — Die Erhöhung der Mann­schaftslöhnung soll, wie verlautet, acht Pfennig betragen, also statt bisher 22 Pienuig fortan 30 Pfg. Zunächst hieß es bekanntlich, die Aufbesserung werde 5 Pfg., von 22 auf 27 Pfg., betragen. Das Reich hat für die Aufbesserung jährlich 20 Millionen Mk. mehr aufzubringen.

Die sonnenlose Zeit ist hcreingebrochen über das „Land der Mitternachtssonne".

Unter Dr. Nicolas' sorgsamer Pflege ist Erik Niels wieder völlig gesundet. Er hat ein kleines Zimmer mit einem daranstoßenden Atelier im Nor­den Christtanias gemietet. Hier arbeitet er mit eiserner Energie, um so bald wie möglich einen Teil -er seit Jahren von ihm entworfenen Bilder sertiq- zustellen.

Die Erlebnisse der letzten Monate sind von gro­ßem Einfluß auf chn gewesen. Aeußerlich hat er sich wenig verändert; doch sein Charakter ist ge­reifter, zielbewußter, männlicher geivorden.

| Der Tod der kleinen Gerda Jespersen liegt hinter I wie eine traurige, längst vergangene Episode sernes Lebens. Nur die Erinnerung an die Herrin von Schloß Sandsgaard schwebt über all seinen ^eoanken, über all seinem Tun, gleich einem leuch­tenden Stern.

Konsul Daland hat er nicht wieder ausgesucht. Erst, wenn er ein Paar Bilder verkauft haben wird, gn".®1 .£or ihn hintreten als freier, unabhängiger ftpnanö;^m ^ine Güte danken und ihm wenig- t>J^n fl~nen Teil seiner Schuld abtragen.

Nstolas und Erik hat sich eine herzliche Freundschaft entwickelt.

r”?1 b'e größte Mühe gegeben, dir das bißchen Erdenleben zu erhalten, mein Junge," sagte der Arzt eines ^.ages zu ihm, als er ihn bei einem Besuch im Atelnw eifrig zwischen all seinen Bildern herumhantieren sah. „Jetzt mußt du mir auch ge= st°tten, daß ich es btt em wenig behaglich gestillte." Er kaufte chm einen Studienkopf ab und aab ihm Auftrag für drei weitere Bilder. ™

Dies stärkt Eriks Lebensmut. Sein Nnabhän- gigkeitsgefühl wächst. Er fühlt sich kräftig, froh und frei.

Sobald er imstande war, in der noch kraftlosen Hand die Feder zu halten, dankte er mit warmen Worten Sigrid Arnoldsen für chre Sympathie bei {Öner Erkrankung. Und sie drückte daraufhin ihre Freude aus über seine rasche Genesung, indem sie K'nzusü^te, bajj Jngeborg ihr seit einiger Zeft mehr

audierz des Grasen Khuen wirklich mit Abdankung gedroht habe. Verstärkt werden diese Bedenken durch die von der österreichischen Regierung aus- oegebenc Erklärung, daß die über den Verlaus der Audicnz gemachten Mitlciluugen nicht als autheu- tisch betrachtet werden können; auch vetlanltt, daß wwohl die österreichische wie die ccireinfn’re Re« ßicrung von einer Abdanlungsabst'cht des Kaisers nichts gewußt habe, und daß der Kaiser selbst über die Mitteilung ungehalten gewesen sei.

* Ter italienische Sozialist Enrico Ferri wurde in seinem alten Wahlkreise Gonzaga ohne Gegen­kandidaten wiedergcwählt. Ferri war bekanntlich als Freund des Trtpolis-Unternehmens von der sozialtstischen Partei getadelt worden und hatte des­halb fein Mandgt niedergelegt.

* Tie Präsidlnkschastswahlen in Ekuador sind durch­aus ruhig verlaufen. Gewählt wurde General Plaza.

blos eine Beschwerdeinstanz zur gerichtlichen Nach­prüfung der Anwendung des Gesetzes geschaffen, sondern überhaupt das Gesetz nur auf Zeit be- willigt, damit die Volksvertretung Gelegenheit habe, in die Wirkungen des Ausnahmegesetzes gebotenen­falls mildernd einzuwirken. In der kulturkämpfe­rischen Leidenschaft an 1872 hat man die katholischen Ordensleute viel schlechter gestellt, als die staatsfeindlichen Agitatoren der Umsturzpar­tei. Kein Rechtsschutz für die verfolgten Ordens­leute, keine parlamentarische Kontrolle, keine zeit- loeilige Revision der erlassenen Ausführungsbestim­mungen!

Den Begriff der „Ordenstätigkeit" dehnt man so weit aus, daß auch die einfache priesterliche Tätigkeit, die jedem Weltgeistlichen freisteht, den Priestern aus der Gesellschaft Jesu verboten sein sollte. Ja, man hat ihnen sogar Handlungen ver­boten, die jeder Laie sonst ungehindert vorneh­men kann, wie Vorträge über religiöse ober soziale Fragen. Da trat das Unrecht recht schreiend zu Tage: Jeder Vertreter des Unglaubens und des Umsturzes darf Konferenzen abhalten, wo und wie er will; wenn aber ein Jesuit zur Ver - teidigung des Glaubens und der Ordnung Kon­ferenzvorträge abhalten will, dann erklärt die eifrige Behörde das für eine „Ordenstätigkeit" und verhin­dert durch die überspannte Auslegung des Aus­nahmegesetzes die Abwehr der Angriffe auf Thron und Altar!

Nun sagt der bayerische Erlaß mit Recht, daß unter dem Begriff „Ordenstätigkeit" nicht solche Handlungen. zu fallen brauchten, „die als rein priesterliche, von dem eigentlichen Auf- gabenkornplex des Ordens losgelöste Funktionen sich darstellen und bei denen die Ordensangehörigen zum Zweck vorübergehender Aushilfe in der Seelsorge einer von der Ordensleitung un­abhängigen Aufsichtsgüvalt unterstehen." Ist das nicht ganz logisch und juristisch einwandfrei? Eben­so steht es mit der weiteren Ausführung, daß von den „Missionen", die der Bundesrat verboten hat, zu unterscheiden seien „die Konferenzen, die hauptsächlich Vorträge apologetischen oder sozialen Inhalts zum Gegenstände haben". Wer solche Konferenzen zur Verteidigung des Glaubens und des inneren Friedens gewaltsam hindern will, der befördert ja geradezu den Unglauben und den Umsturz! Und warum soll man solche erbauliche Konferenzen in Gasthaussäle und sonstige profane Räume verweisen, während die kirchlichen Räume für die religiöse und sitlliche Volksbelehrung bestimmt sind und bereit stehen?

Wir sehen dem angesagten Sturm wegen des xiyerischen Erlasses ruhig entgegen. Es wird sich da handgreiflich zeigen, auf welcher Seite die Ge­rechtigkeit, die Toleranz, die wahre Kultur und der staatserhaltende Ge­danke vertreten werden und auf welcher Seite das häßliche Gegenteil seine Advokaten findet. Das Endergebnis wird sein, daß allen urteilsfähigen Leuten die Unhaltbarkeit dieses in schlimmer Zeft entstandenen Berfolgungsgesetzes klar ivird.

Sorge jnadje als je zuvor. Sei sei so unheimlich still, so beängstigend geheimnisvoll; ihre unglück­selige Neigung scheine sie innerlich zu verzehren.

„Sie, wissen, ich gehöre nicht zu den Sentimen­talen," schloß sie ihren Brief, der herzliche Freund­schaft atmete. „Aber für mich liegt ein unendlicher Schmerz in dem Bewußtsein: meine Nichte, der ich mein ganzes Leben weihen wollte, meidet mich!"

Diese letzte Bemerkung beschäftigt Eriks Gedan­ken am meisten.

Wenn Jngeborgs Liebe zu ihm wirklich so stark wäre, wie ihre Tante vermutet? Wenn das Mädchen unglücklich würde? Und dadurch auch — Sigrid Arnoldsen? . . .

Tage vergehen. Und Wochen. Und immer fester setzt sich bei ihm der Gedanke.

Wenn er am Tage vor seiner Staffelei steht und ein Bild nach dem anderen vollendet; wenn er abends auf seinem kleinen Plüschsofa sitzt, ein gutes Buch in der Hand oder ein Zeitung; ia selbst, wenn er einmal nachts aus gesundem Schlaf aufwacht — immer stehen die beiden Jrauengestalten vor seinem geistigen Auge. Aber nicht wie damals, als er sie zuerst nebeneinander sah: stolz, gebietend, mit leuch­tendem Blick und lächelnden Lippen die eine __

hingebend, anschmiegend, voll kindlicher Unbefangen- heft und schwärmerischer Bewunderung für die schöne Tante die andere--nein. Bleich, ver­

härmt, mit einem schmerzlichen Zug um den Mund blickt die hohe Gestalt der älteren daher, vergebens die Arme nach der jüngeren ausstreckend, die, ebenso bleich und verhärmt, finsteren Trotz in den lieblichen Zügen, sich schweigend abwendet--

So stehen unentwegt die beiden vor Eriks gei­stigem Auge.

Und er, er sollte Schuld sein an dieser unglück­seligen Veränderung? Schuld an dem Unglück bei­der? . . .

Er weiß, es stünde in seiner Macht, Jngeborg glücklich zu machen. Und durch sie auch--

Aergerlich schüttelt er den Kopf. Wie kann ihm nur ein solch wahnsinniger Gedanke kommen! £Jt

es nicht, als ob aufs neue Fieberphantasien sein Hirn durchwühlten? . . .

Doch der einmal gefaßte Gedanke will nicht wei­chen; mehr und mehr nimmt er von Erik Besitz. Um ihn los zu werden, teilt er ihn Lorenz Jesperschu mit, in der Erwartung, der zynische Mensch werde ihn mit seiner gewohnten Spottlust auslachen und dadurch dem wahnsinnigen Gedanken ein- für alle­mal den Garaus machen.

Wider Erwarten spottet Loren; diesmal nicht. Im Gegenteil — er stimmt bei.

Um so fester brennt sich jeder Gedanke in Eriks Hirn ein. Er fühlt plötzlich einen Opfermut in sich, eine Kraft, das Schicksal herauszufordern, eine unbe­zwingliche Sehnsucht, den einsamen Bewohnerin­nen dort oben in Schloß Sandsgaard zu dienen — und sei es mit seinem eigenen Leben . . .

Die Folge davon ist, daß er mit ein paar Zeilen Sigrid Arnoldsen seinen Besuch für nächsten Freitag abend ankündigt.

Und eine weitere Folge, daß Lorenz Jespersen sich bei seiner Versicherungsgesellschaft krank meldet, um bereits mit dem Nachtzuge gen Norden zu dam­pfen und Erik einen Tag zuvorzukommen. Sticht blindlings hat er Eriks Plan zugestimmt. Die Sache kommt ihm gerade gelegen, und er zögert nicht, sie zu seinem Vorteil auszubeuten. —

Sigrid Arnoldsen war nicht wenig erstaunt über die Ankündigung von Eriks Besuch.

Obgleich sie keine Ahnung von dem Beweggrund desselben hat, so weiß sie doch, daß cs nur schwer­wiegende Gründe sein können, die ihn nach all dem, was vorgefallen, wieder nach Schloß Sands- gaard führen können.

Da sie Jngeborg nicht vor bet Zeit aufregen will unb zudem auch Konsul Daland seit gestern Gast auf Schloß Sandsgaard ist, teilt sie der Nichte erst Freitag früh mit, daß gegen Mittag Herr Niels zu einem kurzen Besuch eintreffen werde; wenn sie SAT?' f°He fte an diesem Tage in ihrem Zim­mer bleiben. v

(Swtlefzuna folal.i

Helden der pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 28] Erich Friesen.

,^%tn'3n9Cbe^ '^'cht, in ihrem Leid mit sich selbst fertig zu toerben, es besonders der aelieb- ten Tante zu verbergen, verstrickt sie sich immer tie­fer in einen Knäuel von Wirrnissen. — Mit sck-mer- zendcin Kopf, doch tränenlosen Auges, grübelt sie des Nachts, wie sie, ohne eine Sünde zu begehen aus dem Gesichtskreis dec beiden Personen, die allein airf der Welt ihr teuer sind und deren Glück sie im Wege steht, verschwinden könne. . .

'Sie grübelt — und grübelt--

Bis sie nach und nach beginnt, in Lorenz Je­spersen einen Erlöser ans diesem fürchterlichen Wirr- .sal ihres Herzens zu sehen.

Sagte er nicht, er wisse einen Ausweg? . . . Sie solle ihm schreiben und er werde kommen und sie retten? . . .

„Noch ein wenig will ich warten —" schluchzt Pc in sich hinein, den blonden Kopf tief in die Kissen iw'lend, damit niemand einen Schmerzenslaut aus Munde höre, der sie verraten könne — „noch bciiuni°4-~ bann gleite ich still in das ge- ‘bercit bäl x"fcl' ba§ $ctt Jespersen für mich h",, , wenn ich dann aus dem Wege bin,

zlAich '- " «ch M - d°»n bi» mich ich

Wintersturme brausen.dahin übe,- »^.„8 .Gebirgseinsamkeit. ubei Norwegens

o Nicht nur von den Gletschern herab ..kchneepracht — auch die Felsgrate sind Ravon Mert und die kahlen Baume und die HeiX & h-user ringsum. „ ’’

S Und darüber der fiefduukle Hunmel, von d«n letzt kein Sennenstrahl mehr erwärmend herab- steuchtet.

* Tie Kanzlerreise nach Korfu. Der Reichs­kanzler v. Bechmann Hollweg wird seine Reise nach Korfu voraussichtlich Mittwoch abend antreten. Ur­sprünglich wollte der Kanzler bereits Montag ab­reifen. Der Aufschub ist bedingt durch die Erledi­gung dringender Geschäfte. Welcher Art diese Ge­schäfte sind, ist nicht bekannt. Vermutlich findet vor der Abreise des Kanzlers noch eine Besprechung mit Ministern der größeren Bundesstaaten über die schwebenden Angelegenheiten statt. Ministerpräsi­dent Frhr. v. H e r i l i n g ist am Montag in Berlin augekornmen.

, :+ Tie Anrechnung der Mililmdienstzkit ist eine alte Forderung der Militäranwärter. Ter Reichstag hat sich wiederholt mit ihr beschäftigt und ihre Erfüllung gewünscht. Jnfolgedeffen haben zwischen den einzelnen Bundesstaaten Verhand­lungen stattgefunden, deren Ergebnis nunmehr vorliegt. Es ist für die Militäramvärter infofern erfreulich, als die Vorschriften des Reichsbesoldungs« gesetzes, also die Anrechnung der Militärdienstzeit der Militäranwärter im Staatsdienst auf das Befoldungsdienstalter erfolgen soll. Dagegen haben die Regierungen der meisten Bundesstaaten gegen eine Einwirkung aus die Gemeindeverwallrrngeir Be­denken erhoben.

+ Ter Revolutionär Scheidenrann hat am Sonn- tag in Paris in einer Rede den (Sieg der deutsche» Sozialdemokratie bei den Reichstagswahlen gefeiert. Er bezeichnete den Wahlsieg als den „Bankerott des deutschen Nationalismus" und sagte dann wörtlich nach einem Bericht der ,Voss. Ztz/ (Nr. 168):

.Eine Regierung, die sich derartigen Kräften gegen« übersieht, kann sich in kein Kriegsabenteuer stürzen. Die regierenden Klaffen sollen sich in acht nehmen: wenn sie alles auf die letzte Karte eines europäischen Krieges setzten, würden sie die allgemeine Revolution heraufbeschwören."

Diesen selben „Genossen" Scheidemanu, der ganz offen, und noch dazu im Auslande, das als der Feind des deutschen Reiches gilt, für den Fall eines Krieges mit der Revolution droht, hat eilt großer Teil der Natioualliberalen, die sich sonst stets soviel auf ihr „na ional" zugute tun, seinerzeit für würdig befunden, im Präsid um des deutschen Reichstags zu sitzen. „Genosse" Scheidemann war freilich schon immer als einer der rabiatesten Umstürzler bekannt, aber sein Auftreten in Paris zeigt doch, wie not­wendig es war, diesen Mann aus dem Reichstags­präsidium an die Luft zu fetzen. Die national­liberale Partei darf sich beim Zentrum und bei den Konservativen bedanken, wenn Herr Scheidemann heute ans dem Reichstagspräsidium geschieden ist.

D Wiemer Reichstagskanbidat. Wir hatten be­reits vor einigen Tagen mitgeteilt, daß die Fort­schrittliche Volkspartei beabsichtigt, entweder den früheren Reichstagsa.bg. Dr. Wiemer ober Dr. Nau­mann in dein durch den Tod des Abg. Träger frei­gewordenen Rcichstagswahlkreis Jever-Varel als Kandidaten aufzustellen. Wir deuteten auch bereits an, baß bet Reichstagswahlkreis Jever-Barel für den Freisinn burchaus kein sicherer Besitz ist. Die Aussichten Wirmers dürften auch um deswillen nicht allzuhoch fein, als in dem Wahlkreis eine starke Strömung vorhanden ist, eine Heimatkandidatur aufzustellen. Genannt wurde bisher der oldenbnr- gische Laudtagsabg. Pantzen.

v Der Vollzug des Jesnitengesetzes

Fracht der liberalen Presse wieder große Schmerzen.

Die „Augsburger Abeudztg." hat einen „G e- heimerIaß" der bayerischen Minister des In­nern und des Kultus aufgeftöbert, der die Kultur- Kämpfer in Nord unb Süd in lodernde Entrüstung hersetzt hat. Das Augsburger liberale Blatt nennt den Erlaß ebenso wichtig wie bedeutungsvoll und 'außerordentlich charakterisch für die imierpolitische Aera, die jetzt anhebe. Die „Augsburger Abend­zeitung" ist in einem großen Irrtum be­fangen, wenn sie den vorigen Kultusminister Dr. b. Wehner in Gegensatz zu diesem zweiten Jesuiten- ^erlaß stellt. Denn auch dieser zweite Jesuitenerlaß tührt noch vom K u l t u s m i n'i st e r D r. v. W e h- N e r her. Noch unter seiner Leitung des Kultus- tninifteriumS ist der Erlaß zustande gekommen und dem Bundesrat als die bayerische Interpretation bes Jesuitengesetzes zugegangen. Die Minister So- ben und Knilliug sind an dem Erlaß unbeteiligt, sie haben ihn jetzt lediglich formell vollzogen.

Der neue Erlaß stellt sich auf den Standpunkt, daß rein Priesterliche, von den eigentlichen Aufga­ben des Ordens losgelöste Funktionen zur vor­übergehenden Aushilfe in der Seelsorge, die iner von der Ordensleitung unabhängigen Auf- sichisgewalt unterstehen, erlaubt fein sollen. Die von den Ordensuiederlassuugen entfernten Jesuiten leben gleichsam als Kommorantprrester und han­deln unter der Aufsicht der Bischöfe bis zur Rück- bentfung in den Orden. Missionen bleiben auch künftig in Bayern verboten, aber gestattet sind so­genannte Konferenzen auch in Kirchen, die hauptsächlich Vorträge apologetischen ober sozialen Inhalts zum Gegenstände haben. In weltlichen Räumen waren sie schon früher zugelassen. Gestat­tet sind feiner solche Priesterliche Handlungen, die Pom zuständigen Pfarramt zur vorübergehenden Aushilfe in der Seelsorge angeordnet werden.

Darob mm Zeter und Mordio, darob nun Se­rien von Entrüstungsartikeln in den liberalen Blät­tern unb die Ankündigung einer Jnterpella- 1 i o n im Reichstage.

Warten wir ab, ob die Kulturkämpfer den Mut haben werden, dieses Ausnahmegesetz aus der schlimmsten Zeit des Kulturkampfs, dös trotz der Beseittgnng des § 2 noch immer die Freiheit unbe­scholtener Staatsbürger und das gute Recht des kg- cholischeo Volkstells vergewalttgt, auch im Reichs­tage noch zu verherrlichen und feine Aufrechterhal­tung zu fordern. Inzwischen kann eben die Jnto- leronz unb Gehässigkeit der Gegner schon festgenagelt werden. Denn was in dem fraglichen Erlaß sieht, ist nicht wie sie behaupten, eine „Ausstoßung^ des leib.'r noch bestehenden Reichsgesetzes, sondern nur eine toernüujtige Auslegung des Aus­nahmegesetzes, die jeder Freund der Gerechttgkeit, der Religion und des innern Friedens mit Freuden begrüßen sollte.

Bekanntlich ist durch Verfügung des Bundesrats von 1872 die „Ordenstätigkeit" verboten vordon, und dieses Verbot ist aufrechterhalten wor- uen auch gegenüber den einzelnen Jesuiten, die feit Aushebung des H 2 sich im Reiche wieder aufhalten I können, ohne eine Ordensniederlassung zu bilden. Für die Handhabung des Ausnahmeaefetzes kommt es nun viel darauf an, ob der Begriff der verbotenen Ordenstätigkeit" weiter oder enger gezogen wird.

Sonst ist es üblich, bei der Auslegung unb An­wendung von Gesetzen, welche die persönlichen Reell- ten unb Freiheiten einschränken, namentlich bei Aus­nahmegesetzen gegen gewisse Kategorien von Staats­bürgern, bei der Auslegung unb Anwendung nicht Leiter zu geh-n, als der Wortlaut des Gesetzes zwin­gend erfordert. Als gegen Ende der siebziger Jahre em Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemo- fratic erlassen wurde, schuf dec Reichstag besou- I berc Garantien, um eine zu scharfe Handhabung der I Zwangsmaßregeln zu verhüten. Es wurde nicht :