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Rotationsdruck n. Verlag der Huldaer Aktiendruckerei L$ul6e Heruiprechrr Ur. *

Erstes Blatt

Fulda, Montag den L April 1912.

39. Jahrgang.

MO»

■» MauSatsnrederlegung des Abg. Roeren.

Der Zentrumsabgeordnete Geheimrat Roer en versendet eine Erklärung, daß er seine Mandate zum Reichs- und Landtag niederlege. Aus der Erklärung geht hervor, daß er dies getan hat mit Rücksicht aus die bekannten Meinungsverschieden« heilen über den Charakter des Zentrums. Herr Roeren führt aus, daß er seine Stellung zu dieser Frage zwar mit den Erklänrngen des verstärkten Landesausschusses vom Jahre 1909 und 1910 nach wie vor sür vereinbar halte, daß er aber, da die Erörterungen trotzdem nicht zur Ruhe gekommen leien, die Angelegenheit vor der allein gegebenen Stelle, nämlich in der am 14. Februar im Abgeord- netcnhauie abgehaltenen Fraktioussitzung zur Sprache Ö habe. Die bereits vom Februar datierte

sche Erklärung schließt dann wörtlich:

Die Auseinandersetzungen, die sich hieran an­knüpften, haben ergeben, daß eine Verteidigung des von mir vertretenen Grundsatzes, selbst den sortgefetzten Provokationen gegenüber, für mich in meiner Stellung als Mirglied der Fraktion als ausgeschlossen gelten muß. Tiefe Lage würde für mich unerträglich sein, ich müßte sie als unwürdig bezeichnen. Ich bin des­halb nicht in der Lage, mein Mandat länger beizu­behalten, und zwar weder dasjenige zum Abgeordneten­hause noch auch, in Konsequenz davon, dasjenige zum Reichstage. Ich scheide ohne Bitterkeit, aber nicht ohne Wehmut aus einer Fraktion, der ich nahezu 30 Jahre angehört und mit Begeisterung angehangeu habe und an die mich so manche Erinnerung früherer gelten un­zertrennlich geknüpft hat. Deshalb werden diejenigen der Gegner, die vielleicht jetzt eine Verschärfung des Streites im eigenen Lager erhoffen, jedenfalls, was meine Person angehl, sich enttäuscht sehen. Ich werde das HauS, in welchem ich so viel Freundschaft und so treue Freunde gefunden habe, beim Verlassen nicht mit Steinen bewerfen. Ernste Fragen müssen ernstlich und fachlich behandelt werden, und wenn das geschieht, dann wird sich mehr als man vielleicht jetzt erwartet, die Einsicht Bahn brechen, daß der Grundsatz, die Tätigkeit des Zentrums habe sich im Einklang mit der katholischen Weltanschauung zu besinden, wahrlich nicht aus? Hyperkatholizismus oder Quertreiberei zu be­zeichnen ist, sondern daß es der Grundsatz deS alten von Mallinlrodt-Windlhorst'schen Zentrums ist, dem auch der Rest meines Lebens gehören soll."

Zum Verständnis des Zwischenfalles ist an fol­gende Vorgänge zu erinnern:

Nachdem das Zentrum nahezu 40 Jahre bestanden und durch seine fruchtbare und ruhmvolle Tätig­keit sein Wesen, sein Wollen und sein Können vor aller Welt klargelegt hatte, entspann sich ein «Streit über dessen Begriffserklärung in Worten. Auf der fog. Osterdienstags-Konkerenz von. 1909, an der die Abgg. Roeren und Bitter sowie 8 andere Herren teilnahmen, wurde nachstehende Definition ausgestellt:

„Das Zentrum ist eine politische Partei, die sich zur Aufgabe gestellt hat, die Interessen des gesamten Volkes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens im Ei n klang mit den Grund sähen derkatholischen Weltanschauung zu vertreten".

Demgegenüber wurde eingewendet, eS sei ganz selbstverständlich, daß die katholischen Ab­geordneten des Zentrums fich im Einklang mit den Grundsätzen ihrer katholischen Weltanschauung hielten, doch würde die programmatische Verpflichtung aller Zentrumsmitglieder auf die Grundsätze der katholischen Weltanschauung den von den Gründern der Partei erstrebten Anschluß von politischen Ge- finimngsgenoffen evangelischen Bekenntnifles bebmbern und den Gegnern neuen Anlaß geben, das Zentrum als eine konfessionelle Partei hinzustellen, um ihm die Berechtigung im gegen­wärtigen Verfaffungsstaat zu bestreiten.

Die oberste Körperschaft der Partei, nämlich der Land Eiausschuß der preußischen Zentrumspartei nebst den Vorständen der Reichstagsfraktion und der preußischen Landtagsfraktion erließ am 28. No­

vember 1909 nach eingehender Beratung eine Kund­gebung folgenden Inhaltes:

„Die Zentrumspariei ist grundsätzlich eine poli­tische nichikonfefsionekle Partei, sie steht aus dem Boden der Verfaffung des veutschen Reiches, welche von den Abgeordneten fordert, sich als Ver­treter des gesamten deutschen Volkes zu betrachten.

Schon da? Programm der Zentrumsfraktion des Reichstags von Ende Mär, 1871 verlangt unter Ziffer 2: „Für die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des deutschen Reiches ist die verfassungs­mäßige Feststellung von Garantien zu erstreben und insbesondere das Recht der Religionsgesellschasten gegen Eingriffe der Gesetzgebung zu schützen." . . ,

Abgesehen von dem Programm bietet die Tatsache der Zugehörigkeit fast aller ihrer Wähler und ihrer Abgeordneten zur katholischen Kirche genügende Bürg­schaft dafür, daß die Zentrmnspartei die berech igten Interessen der deutschen Katholiken auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens nachdrücklichst vertreten wird. Dadurch verliert aber die Zentrumsparlei nicht den Charakter einer politischen Partei- Die Zen­trumspartei hat die Zugehörigkeit zur Partei niemals von der Angehörigkeit zum katholischen Glaubens­bekenntnis abhängig gemacht, und die Zentrurnsfraklion des Reichstags hat auch tatsächlich bis heute stets Angehörige eines nichtkatholischen Glaubensbekennt­nisses zu ihren Mitgliedern gezählt. Dabei ist es als selbstverständlich zu betrachten, daß in denjenigen Fragen, die daS religiöse Gebiet berühren, sich jeder Abgeordnete nach den Grundsätzen seines Glaubensbekenntniffes richtet."

Auf den Boden dieser authentischen Erklärung vom 28. November 1909 trat damals auch der Abg. Roeren, nachdem er erkannt hatte, daß die Definition der sog. Osterdienstagskonfcrenz zu Miß­deutungen Anlaß gegeben.

Die Streitigkeiten hörten aber doch nicht auf. Namentlich entstanden Mißhelligkeiten durch eine Broschüre des Kaplans Schapen: „Köln eine innere Gefahr für den deutschen Katholizismus", die von dem Abg. Roeren eine Empfehlung erlangt hatte.

Am 24. Oktober 1910 mußte der verstärkte LandesauZschuß der preußischen Zentrumspartei sich abermals mit der Angelegenheit befassen. Nach eingehender Beratung gab in dieser Sitzung der Abg. Roeren folgende Erklärung ab, deren Ver­öffentlichung beschloffen wurde:

„1. Ich trete nunmehr nnzweideutig und vor­behaltlos auf den Boden des Befchlufles des Landes­ausschusses vom 28. November 1939 und werde alle weitere direkte oder indirekte Vertretung einer anderen Formulierung unterlassen.

2. Nachdem sich gezeigt hat, daß die Schopen'sche Broschüre „Köln eine innere Gefahr te." die Einigkeit in. der Zentrumsparlei gefährden kann, will ich die frühere Empfehlung derselben nicht mehr auf­rechterhallen.

3. Ich hoffe und wünsche, daß der ganze Streit, der sich an die fog. Osterdienstagskonferenz geknüpft hat, auf Seile» der Teilnehmer der Konferenz wie ihrer Gegner weder in der Presse noch in Versammlungen fortgesetzt wird."

Nach die'er Erklärung durften alle Partei­genossen erwarten, daß der Abg. Roeren das An­sehen, das er fich in seiner langjährigen Tätigkeit als Fraktionsmitglied in beiden Parlamenten er­worben hat, nicht mehr in den Dienst von Bestre- bungen stellen werde, die für den häuslichen Frieden und die Einigkeit der Partei nachteilig sind.

Nachdem nun der Abg. Roeren sein Mandat niedergelegt hat, geben die Gegner deS Zentrums in ihrer Preffe alsbald der Hoffnung Ausdruck, daß nunmehr der Streit um die „Definition" des Zentrums erst recht von neuem entbrennen werde. Sie spekulieren offen darauf, daß der unerschütter­liche Turm durch innere Zwistigkeiten untergraben werde.

Wir rechnen dagegen auf die Einsicht und Treue unseres Volkes, das auf dem Boden der klaren und erschöpfenden Erklärung des Landes« ansschusseS von 1909 fest stehen und alle Quer­treibereien abweisen wird.

Durch den Rücktritt Roerens wird im Reichs­tage das Mandat für S aarburg-Merzig-Saar- lonis frei, ein sicherer Zentrumskreis, wo im Januar 25789 Zentrumsstimmen nicht ganz 3000 gegnerischen Stimmen gegenüberstanden. Im Abge­ordnetenhause vertrat Roeren den gleichfalls absolut sicheren Wahlkreis Trier-Stadt und Land.

Deutsches Reich.

** Berlin, 31. März 1912. Der König von Italien verlieh dem Prinzen August Wilhelm von Preußen den Annunziatenorden. — Wie der schwäbische Merkur" aus Friedrichshafen berichtet, ist die Verwaltung der Reichsmarine an die Zeppe- linsche Luftschiffbaugesellschaft herangetreten, um den Bau von Luftschiffen noch größerer Ab­messungen, als die bisherigen sie haben, in Auf­trag zu geben. Aktionsradius und Tragfähigkeit sollen beträchtlich vergrößert werden. Das Passa­gierluftschiff L Z 12 ist bis Mitte April flugbereit.

* Der Kaiser auf Korfu. Der Kaiser und Prinz August Wilhelm mit Gefolge begaben sich Samstag früh zu Fuß vom Achilleion aus nach Garitza, wo Professor Dörpfeld den Stand der Ausgrabungen erläuterte. Es sind inzwischen die breite gepflasterte Straße, die vom Tempel zum Altar geführt hat, sowie der größte Teil dieses Al­tars, der etwa 24 Meter lang und 2,30 Meter breit war, und ferner ein großes Säulen kapitäl frei« gelegt worden. Der Kaiser verweilte über eine Stunde an der Ausgrabungsstelle und kehrte dann im Automobil nach dem Achelleion zurück.

'4- Dir Einstimmigkeit der Minister der Einzel- staatrn über die Deckung der Wehrvorla­ge n ist in der liberalen Presse aus Grund von an­geblichen Aeußerungen einiger einzelstaatlichen Mi­nister angezweifelt worden. Namentlich hinsichtlich der Hinterbliebenensteuer suchte die liberale Preffe trotz mehrfach erfolgter halbamtlicher Richtigstellun­gen immer aufs neue wieder einen Widerspruch zwi­schen den halbamtlichen Feststellungen und den Aeußerungen von Ministern einzelner Bundes­staaten zu konstruieren. Neuerdings beschäftigt sich die Presse mit den Bemerkungen, die der braun­schweigische Staatsminister H a r t w i e g in dieser Angelegenheit den „Braunschweiger Neuesten Nach­richten" gegenüber gemacht haben soll. Nach der Angabe dieses Blattes hätte der Minister geäußert, die Erbschaftssteuer fei bei den Verhandlungen der Minister gar nicht tn Erwägung gezogen worden. Wir haben zu allen diesen anscheinend sich wider­sprechenden Aeußerungen keine Stellung genommen, da die Annahme nahe liegt, daß die betreffenden Aeußerungen der Minister entweder absichtlich oder unabsichtlich unvollständig wiedergegeben worden sind. Zu den Aeußerungen des Braunfchweiger Ministers Harlwieg bemerkt nun die „Nordd. Allg. Zig." (Nr. 77), daß diese „unmöglich richtig wiedergegeben worden fein" könnten. Tatsächlich sei die Frage der Erbschaftssteuer in der Konferenz mit dem bereits halbamtlich gemeldeten Ergebnis ver­handelt worden. Wir sind überzeugt, daß sich die liberale Preffe auch jetzt nicht davon abhalten lassen wird, nach wie vor auf Grund angeblicher Aeuße­rungen einzelstaatlicher Minister ihren Lesern Sand in die Augen zu streuen. Man wird das zu dem übrigen nehmen müssen. Von der liberalen Preffe ist man es allmählich schon gewohnt, daß sie mit der Wahrheit nicht allzu ängstlich umgehen.

* * Der Bundesrat gegen die Spiritusverteuerung. Die,Nordd. Allg. Zig? schreibt:

Die von der Spirituszentrale kürzlich vorgenommene P r e i s e r h ö h u n g hat die Aufmerksamkeit der beteilig­te» Kreise von neuem auf die Tatsache gelenkt, daß die SpiriluSerzeuguiig des laufenden Jahres infolge des Mindererlrages der letzten Kartoffelernte erheblich unter dem Durchschnitt bleibt. Angesichts dieser Tatsache wird dem Vernehmen nach in den Kreisen des Bundesrats erwogen, in welcher Weise durch die Anwendung

der tm Vranntweinfieuergesetz gegebenen Mittel die Mehrerzeugung angeregt und einer etwaigen Sptrilus- lnappheit und einem übermäßigen Aufsteigen der Brannlweinpreise entgegengeroirtt werden könnte. In erster Linie soll die Erhöhung des Durchschnillsbrandes und die Heraufsetzung der Vergülungssätze sür voll­ständig und unvollständig vergällte» Branntwein in Betracht kommen. Beschlüffe in diesem Sinne dürften schon in wenigen Tagen vom Bundesrat gefaßt werden.

)( Für Deutschlands Luftflotte. Der Provinzial verband Westpreußens des deutsche» Lusiflottenver- eins und der westpreußische Verein sür Lujlschisfahrt erließen einen Aufruf zur Sammlung von Mitteln, die der Reichsmarine zur Anschaffung eines Flug- zeuges mit dem Namen .Westpreußen" für die jetzt in der Einrichtung begriffene Marinefl'.egerstation in Danzig zur Verfügung gestellt werden sollen.

+ Zur Anseiuanderschuug in der uatiänalliberalen Partei. Die nationaüiberaleReichstagsfraktion hat bekanntlich beim Zentralvorstand beantragt, daß künftig sämtliche Mitglieder der Reichstags­fraktion Mitglieder des Zentralvorstandcs sein sollen. Auf diese Weise hoffte man den Einfluß des linken Flügels, dem die Mitglieder der natioualliberalen Reichslagssraktion zum überwiegenden Teil ange­hören, zu stärken und ihm das Uebergewicht geben zu können. Wie nicht anders zu erwarten war, hat nunmehr auch die preußische Land tag sfraktion der nationalliberalen Partei den gleichen Antrag beim Zentralvorftand gestellt. Damit dürste dem Vorstoß der Baffermannleute ein wirlsames Gegen­gewicht geboten sein, da die Mitglieder der Land­tagsfraktion zum größerem Teil dem rechtsstehenden Flügel der Partei angehören. Wird dem Antrag der Reichstagssraktion f tat (gegeben, so wird die gleiche Forderung der Landtagsfraktion nicht abge« lehnt werden können. Bei diesem Stand der Dinge wird man auf den Verlauf des Vertretertagcs am 1. Mai einigermaßen gespannt sein dürfen.

* * Der Postscheckverkehr soll in nächster Zeit ge- B geregelt werden. Die Vorarbeiten für die

_ idje Regelung sind der „Post" zufolge im allge­meinen abgeschloffen. Es ist geplant, die 7 Psg. Zu­schlaggebühr abzuschaffen, dagegen die Einzahlungs- gebühr von 6 auf 10 Psg., ohne Rücksicht auf die Höhe des Betrages zu erhöhen. Die Stciqerungsge- bühr von ein Zehntel per Mille wird in Fortfall kommen und statt dessen die Gebühr für die Baraus­zahlung in vereinfachter Weise auf 5 Pfg. für jede angefangenen 500 Mk. festgesetzt werden. Die lieber« Weisungsgebühr von 3 Pfg. für jede Buchung bleibt bestehen. Ueber die Ermäßigung der Höhe des Min- dcftkonto von 100 auf 500 Mk. werden noch Ver­handlungen gepflogen. Die Einzahlungen sollen künftig in beliebiger Höhe stattfinden können und der Höchstbetrag der Schecks soll auf 20 000 Mk. erhöht werden. — Ob das Gesetz schon in absehbarer Zeit dem Reichstag zugehen wird, steht noch dahin.

* Hamburg, 31. März 1912. Auf der Werst von Blohm und Voß erfolgte hier gestern der Stapellauf des großen Kreuzers „Sehdlitz". Die Taufrede hielt der Generalsekretär General der Kavallerie von Kleist.

Ausland.

* * Das französische Marokkoproiekiorat.

Der „Matin" veröffentlicht folgendes Funken- telegramm aus F e z vom 30. Marz: Der Vertrag, durch welchen das Protektorat Frankreichs über Ma­rokko errichtet wird, wurde heute nachmittag um halb 2 Uhr unterzeichnet. Morgen früh werden 101 Ka­nonenschüsse diefes Ereignis verkünden.

*♦ Die Wiederernennung des Kabinetts Khuen. Der ungarische Ministerpräsident Graf Khuen hat in aller Form eine neue Betrauung mit der Leitung der Geschäfte erhalten (vgl. 2. Blatt) Gleichzeitig mit dem Wiederernennungsdekret ist ein k ö n i g l i-

Helden der Pflicht.

Roman aus dem Lcmde bet Mitternachtssonne von 27] Erich Friesen.

Er Hot ein Zeitungsblatt aus der Tasche gezogen lind halt es Jngeborg unter die Augen Dabei deutet fein Finger auf einen bestimmten Abschnitt, der eine Beschrechnng des Eisenbahnunglücks ent­halt m,t der Romensliste der VerunglüKen.

Wie mechanisch überfliegt sie den Paffus. Kein Laut entringt sich ihren Lippen.

Beunruhigt durch ihre scheinbare Gleichgiltiqkeit fährt Lorenz in steigender Erregung fort: '

„Begreifen Sie denn gar nicht, was Sie anqe- richtet haben? Erik Niels ist krank — schwerkrank. Sie meinen, Ihre Tante sei nach Christiania ge­fahren, um Geldangelegenheiten zu ordnen? — .Hahaha, eine neue Ausrede, um Sie zu täuschen — Sus Mitleid!. Ihre Tante ist nach Christiania ge- fahren, um — Erik Niels zu sehen!"

Jngeborgs scheinbare Ruhe ist fieberhafter Er­regung gewichen.

„Sie Ingen!" ruft sie außer sich. „Ober bringen Sie mir Beweise für die Wahrheit Ihrer schänd­lichen Behauptungen! — Ach, ich fühle schon wie­der, wie es mich packt — das Schreckliche, Grauen- Wan ,?ante' Tante! — Wasser! Einen Schluck

Lorenz ein Glas mit Wasser und halt es an Jngeborgs zitternde Lippen. -

„Und was dann, wenn ich Ihnen die Beweffe ?! lauernd, während sie hastig den Erfrischenden Trunk hinunterstürzt. „Beweise dafür,

®te ^d-dre dem Glück Ihrer Tante und Erik Niels' im Wege stehen?"

Ich E^immer ~ — vielleicht verschwinde

r'ä»t <- ährt er zurück.

5tf .^§7^.-willen keinen sündigen Gedan- auni! Glauben Sie denn, Ihre könne je glücklich werden, mit dem Bewußt­

sein, den Tod ihrer Nichte auf dem Gewiffen zu haben?"

Sie starrt ihn an — ungewiß, faffungslos.

„Ich weiß einen Ausweg, tote Sie die beiden glücklich machen und taubem Ihr eigenes junges Leben erhalte» können", fährt er mit bent Brustton ber Ueberzeugung fort. „Hier meine Adresse! Wenn Sie meinen Rat brauchen, so schreiben Sie mir! Aber ohne baß irgenb jemanb etwas davon weiß!"

Jngeborg rührt sich nicht.

„Verbietet Ihnen nicht Ihr Mädchenstolz, unter diesen Umständen Ihrer Tante noch länger zur Last zu fallen?" flüstert aufs neue die Stimme des Ver­führers. „Wenn Erik Riels wieder gesund wirb, wenn er —"

Dunkle Röte steigt in Jngeborgs bleiche Wangen. Es ist, als ob plötzlich toieber Leben in bie be­wegungslose Mädchengestalt käme.

„Ich werde Ihnen schreiben!" ruft sie, zitternd vor Erregung, iiwem sie ben Zettel mit ber Adresse tn ihrer Bluse birgt. „Aber erst Beweise! Beweise!"

Abernials greift Lorenz in die Tasche.

„Hier."

. Langsam liest Jngeborg bas Telegramm burch, m dem Sigrid Arnolds?» Lorenz Jespersen mitt eilt, Daß sie noch heute abreist, um Erik Niels noch ein­mal zu sehen. Keine Miene ihres toteber jäh er­blichenen Gesichts verzieht fich; doch tragen ihre Augen einen selffam leeres, fast toten Ausdruck.

„Sind Sie mit bem Beweis zufrieden?" "ick!, ohne ihn anzusehen.

„Ahnen Sie nun, weshalb Sie so lange im dunkeln über ine ganze Sache gelassen würben? Weshalb Ihre Tante Ihne» vortäuschte, sie reife " SÄfÄ'*'" WNni«?'

„Ihre Tante liebt — Etik Riels!"

Kein Schreckensruf, fein Seufzer, kein Auf­schluchzen. Wie em vorn Sturm geknickter Baum sinkt Jngeborg zu Boden.

O, brutale Grausamkeit, bie soeben einem jun­gen, liebende» Herzen ben Todesstoß versetzte! Sträubte sich nicht deine Zunge, Berruchter, jene

Worte auszusprechen? Brennen sie dir tiicht die Lippen wund? Pressen sie dir nicht das Herz zu­sammen, daß du niederstürzen mußt vor der be­wegungslos daliegenden Mädchengestakl und beken­nen: „Ich bin ein Verräter. Glaube mir nicht! Deine Tante liebt dich mehr als ihr Leben und hat nur dein Glück im Auge?"

Nichts dergleichen. Lorenz Jespersen schreckt nicht zurück vor einer Brutalität mehr oder weniger. Erst recht nicht, wenn es seinen Vorteil gilt. Nur unangenehm berührt ist er von der unerwarteten Wirkung seiner Worte. Wenn das Entsetzen Jnge­borg getötet hätte--

Rasch beugt er sich über sie.

Nein, sie lebt! Hastig, stoßweise geht ihr Atem.

In diesem Augenblick tritt Madame Worse ein, in der Hand die Versicherungspolice.

„Entschuldigen Sie, Herr Jespersen! Ich mußte etwas länger suchen, als ich dachte. Ich —

Betroffen hält sie inne. Welch merkwürdige Gruppe dort am Boden!

Unter Jammern und Schluchzen hebt sie, mit Lorenzens Hilfe, das arme Mädchen auf und bettet es aufs Sofa.

„Was ist geschehen? Hat Jngeborg sich über etwas aufgeregt? Kann Herr Jespersen irgend wel­chen Aufschluß geben?"

Kopfschüttelnd verneint Lorenz; doch rät er dringend, zum Arzt zu schicken. Er erbietet sich so­gar, da er doch sogleich nach Tromsö zurück müsse, ihn selbst zu benachrichtigen.

Mit vielen bedauernden Worten nimmt er Ab­schied von Madame Worse, sendet Dr. Claaffen nach Schloß Sandsgaard, sucht abends den Bettler Jakob zu einer kurzen Unterredung auf, und fchffst sich am nächsten Morgen zur Heimfahrt auf dem „Göte­borg" ein — äußerst zufrieden mit dem ersten ent­scheidenden Schritt zur Ausführung feines Planes.

Als Sigrid einige Tage darauf von ihrer Reife zurückkehrt, hat Jngeborg sich bereits von ihrem Ohnmachtsanfall vollkommen erholt

Madame Worse hält es für besser, der Schloß­herrin nichts von dem Besuch des Bersichentngsbe- amten und Jngeborgs Anfall mitzuteilen — eines­teils, um sie nicht unnötig aufzuregen, andernteils aber auch aus einem gewiffen Schuldbewußtsein; denn insttnktiv fühlt die alte Dame, daß sie das zarte empfindsame Mädchen nicht hätte mit dem zynischen Menschen allein lassen dürfen auck nicht für wenige Minuten.

Und. auch Jngeborg selbst bewahrt über die ganze Sache tiefes Stillschweigen.

Trotzdem fühlt Sigrid, daß während ihrer Ab­wesenheit eine Veränderung mit der Nichte vor sich gegangen ist. Sie sucht, Jngeborg darüber auszu- forschen — doch das Mädchen schüttelt auf alle be­sorgten Fragen nur den Kopf. Dabei blicken die großen blauen Augen die Tante stets so seltsam an — noch immer voll tiefer Zärtlichkeit, aber, wie es Sigrid erscheint, mehr mit der Zärtlichkeit einer mitfühlenden Schwester, als mit der früheren hin- gebenden Kindesliebe.

Auch äußerlich hat Jngeborg sich in den letzten Tagen verändert.

Nicht mehr gleich einer Elfe schwebt sie von Zimmer zu Zimmer. Ihr Gang ist fester geworden, ihre Bewegungen sind bestimmter, gereifter. Die Papageien und Kolibris, mit denen sie sonst so manche Stunde vertändelte, scheinen nicht mehr für sie zu existieren.

In gleichem Maße, wie ihr Körper an Kraft und Reife gewinnt, nehmen ihre frühere Heiterkeit, ihre kindliche Unbefangenheit ab. Meinals mehr ertönt von ihren Lippen ein frohes Lied; niemals mehr plaudert ihr Mund frisch und flott drauf los.

Kurz und ernst gibt sie auf alle Fragen Antwort, um bann die Lippen wieder fest zu schließen.

Ihre Augen haben einen Blick angenommen, als ob sie in sich hineinschaue — einen weltverlorenen, todestraungen Blick, der Sigrid bis zu Tränen rührt.

Ach, niemanb ahnt, was in der Seele diese» armen Geschöpfes vorgeht! — —*

(Fortsetzung folgt.)