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JW 74.

Samrtag den 50. März (9(2

W. Jaqrgang.

Tuldaer W Zeitung

2. Blatt.

vr»S und Verlag der Fuldaer Actlrndnickerel

le Seite.

tonb zu sein. Wenn die schweren verwegenen Bet- che Schicksal erfahren, brechen der letzte« Lage dazu beitragen, die Polizei I im ssieichsfag eine lebhafte

in Schwung zu bringen, so ist das Blut der ermorde.

^ii Frankreich haben die unverschämten Ver» brechen verwegener Auwmobilräuber wieder einmal die Oeffentlichkeit gründlich aufgerüttelt. Presse und Parlament, alles ist jetzt dabei, die Polizei zu refor. Mieren. Und wirklich: die Polizei in Frankreich ist

rkn Kaffenbeamten wenigsten» nicht vergeblich ge­flossen.

Der Fürst von Samo», der unter türkischer Oberhoheit stand, ist dem Revolverattentat eines Grie­chen zum Opfer gefallen. Fürst Kopaflis-Effen-i, der nicht nur ein bedeutender Staatsmann, sondern auch ein angesehener Gelehrter war, war von Geburt ein Grieche aus Kreta, aber treuer Anhänger des jungtür­kischen Regimes. Dadurch hatte er sich den Haß der Griechen zugezogen. Man befürchtet, daß der Mord ernste Wirren auf der Insel nach sitz ziehen wird.

Auf Kreta selbst ist die aufständische Nationalver­sammlung Herrin der Lage geworden. Mit allen Mitteln sucht man die Angliederung an Griechenland so schnell wie möglich zu erreichen. Obwohl berei-S früher 25 kretische Abgeordnete, die nach Athen ent- sandt wurden, auf europäischen Kriegsschiffen festge­halten worden find, sucht die Nationalversammlung auch diesmal die am Sonntag gewählten Abgeordne­ten nach Athen zu entsenden. Auch jetzt werden sie mir dem Widerstand der Mächte zu rechnen haben. Die Pforte hat gegen die Entwickelung der kretischen Ver­hältnisse bei den Mächten und Griechenland Verwah. rung eingelegt und erklärt, daß eine Entsendung der kretischen Abgeordneten nach Griechenland die türkisch, griechischen Beziehungen ernstlich gefährden würden.

Der Aufstand in Mexiko konnte bisher nicht un­terdrückt werden. Im Laufe der Woche ist es zu einem dreitägigen Kampf gekommen, wobei es auf beiden Sei­ten viele Tote gab. Die Rebellen beanspruchten den Sieg für sich, während die Regierung behauptet, die! Rebellen vernichtet zu haben.

ein Muster dafür, tote eine Polizei — nicht sein soll. Der Betrieb wird da so lax gehandhabt, es herrscht eine solche Korruption, daß man bald glaubt, in Ruß-

' etwas werden soll, so müssen die weiteren Neuerungs­gelüste zurückgestellt werden. Wer allzuviel auf einmal fassen will, kann nichts festhalten.

Im übrigen ist für eine gute Osterfeier nicht das Datum entscheidend, sondern der Geist, in dem das Fest begangen wird, mag es einige Wochen früher oder später fallen.

Dieser Jahr wird die Festfreude wesentlich geför­dert durch den äußeren Frieden. Der Völkerkrieg ist glücklicherweise im vorigen Jahre gnädig an unserer Schwelle vorübergegangen. Auch dec italienisch-tür­kische Krieg, der den Winter über sich fortgeschleppt hat, vermochte bisher das übrige Europa nicht in Mit­leidenschaft zu ziehen. Und der innere Krieg, der in dem freventlich heraufbeschworenen Lohnkampf im Ruhrrevier drohend sein Haupt erheben wollte, ist glücklich überwunden worden, ehe die Opfer und Trüm. wer gar zu zahlreich wurden. Der Kaiser glaubte ja sogar, wegen des Bergarbeiter-Ausstandes seine Früh- lingSreise hinauSschieben zu müssen, aber da erfolgte der Abbruch des verfehlten Streikes so schnell und glatt, daß er doch noch zum geplanten Termin die gahrt inS Ausland antreten konnte. Die Wiederher- stellung von Ruhe und Frieden war tn der Tat ein erfreulicher Osterei. Erst wenn die Ordnung gefähr- det ivird, lernen wir recht erkennen und schätzen, welch ein Glück und Segen in dem ungestörten Verlauf von Handel und Wandel liegt. Die Arbeit bringt Heil. Wenn jedermann frisch, frei und fröhlich feiner ge- wohnten ErwerbStätigkeii. iiachgeht, dann befindet sich die gesamte Gesellschaft wohl. Wo die regelmäßige Arbeit unterbrochen wird, da nistet sich alsbald das Un. Herl in allerlei Gestalt ein. Als Strafe wird der Menschheit verkündigt, daß sie tm Schweiße ihres An- gesichtes ihr Brot essen soll. E» war aber eine vS- t e r I i e Strafe, die erzieherisch und heilsam wir. ken sollt«. Die Arbeit drückt manchmal als eine Last, uni doch ist sie ein Segen für die Menschheit auf ihrer Bilger, und Prüfungsreise durch da» irdische Jam- mertak. Wer noch arbeiten kann, der soll dem Him- mel danken an jedem Morgen und an jedem Abend. Uni wenn das friedliche Wirken und Schaffen von einer Störung wieder befreit ist. so wollen wir allzu­mal froh fein, — allerdings zugleich mit dem Vorsätze, daß jeder an seinem Teil dar beste tut, um weitere

wocheN'Uun-ichau.

s:j Fulda, 29. März 1912.

Der Kaiser hat, bevor er in Korfu sich zur Er- holung niederließ, den Dreibundfreunden in Wien und in Venedig einen Besuch abgestattet. Der Besuch des Kaisers in Wien war wohl nicht» Außer­gewöhnliches, jedoch knüpfen fich an die Monarchenzu­sammenkunft in Venedig, wo der Kaiser längere Un- terredungen mit dem König Viktor Emanuel hatte, allqerlei Gerüchte und Kombinationen. ES ist wohl selbstverständlich, daß zwischen den beiden Monarchen auch von dem Tripoliskrieze gesprochen worden ist. Die Vermutung aber, daß der Besuch >ine persönliche Friedeilsvermittelung war, geht zu weit. Man kennt doch die Stellung Jaliens und die der Türkei zu diesen Friedensvermiitelungen. Gerade Deutschland hat hier besonderen Anlaß zur Vorsicht: auf der einen Seite den Bundesgenossen, auf der anderen den Freund!

Presse jede Gelegenheit recht ist, um dem Zentrum etwas an die Rockschöße zu hängen, behauptet sie keck und kühn, daß niemand anders als das Zen- slrum bezw. der »sjenlrumsmmister* Freiherr v. Hertl'Ng den Vorschlag gemacht habe. Die Freude an dieser „(Sntöedung* dauerte »reilich nicht lange. Sowohl Herr v. Belhmann wie Freiherr v. Hertling selbst erklärlen, daß der Vorschlag von einem norddeutschen Bunvesstaat gemacht sei. Dieser Bundesstaat soll, wie das ,B. T/ (Nr. 162) glück­lich ausfindig gemacht hat, Mecklenburg sein. Die mecklenburgilcke Regierung ist, wie das,B. $/ sich ausdrückt, die „(Srwtgetin jener originellen Idee, die in bet Mmisterkonlerenz am 14. März als rettende Tat ahepuett wurde". Das,B. T/ spott t seiner selbst und weiß nicht wie. Das Blatt scheint ganz vergessen zu haben, daß es selb st, wenn auch gerade nicht zu den „Erzeugern", so doch zu den eifrigste» Verfechtern „jener originellen Idee" gehört hat.

♦ Wie ein liberal-protestantisches Blatt über den Kulturwert des „Simplizissimus" urteilt. Das „Berner Tagblatt", eines der bedeutendsten Blätter der Schweiz, schrieb kürzlich über den „Simpliziffi- nms":

„Wir betrachten den Inhalt des.Simpliziffinms' als Pornographie (Schweinerei . Das Blatt rieht alles in den Kot, was mit Autorität zusammenhängt. =taat Regierung, Armee und Gelstlichkeit werden in einer Weise verhöhnt, daß es eigentlich wunderbar ist.

legung des Osiertermins zugleich eine Umwälzung des ganzen Kalenders verbinden möchten. Diese Projek- tennracher glauben, es sei ein großer Vor,eil für die Welt, wenn Jahr für Jahr auf dasselbe Datum auch derselbe Wochentag fiele. Nun hat aber das gewöhn­liche Jahr 52 Wochen und einen Tag, das Schaltjahr 52 Wochen und zwei Tage; wenn diesmal auf den 1. Januar ein Sonntag fällt, so wird das nächste Jahr mit einem Montag oder Dienstag anfangen. Die Ver- schiebung um einen oder zwei Wochentage soll nun aufgehoben werden, indem man jedes Jahr aus 52 vollen Wochen bestehen läßt und dazu noch einen Ergänzungstag (im Schaltjahr zwei) hinzufügt, und zwar so, daß diese Ergänzungstage nicht in der Reihe her Wochentage gezählt werden und also auch keinen von den sieben Tagesnamen tragen. Am grünen Tisch lägt sich eine solche Neuerung leicht zu Papier brin­gen. Wenn man sie aber verwirklicht, so geht die älteste und ehrwürdigste von allen Grundlagen der Zeitrechnung in Scherben: die Woche wird ange­tastet! Die Woche von sechs Arbeits- und einem Ruhe, tage, die in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testa- mentS ihre heilige Wurzel findet und im Gesetze von ®inai festgelegt wurde, hat bisher das unveränderte Matz für die fortschreitende Zeit gebildet. Die Jahres- rechnung-n haben sich nach Völkern und Zeiten ver- schieden gestaltet; aber die Woche ist sich immer gleich geblieben, und wenn bei einer Reform des Kalender» eine Anzahl DatumStage gestrichen wurden, so hat man doch niemals die Reihenfolge der Wochentage unterer» chen. Gegenüber den religiösen und kirchlichen Be­denken kann man freilich sagen, daß die Zahl der Bet- und Ruhetage nicht vermindert, sondern vielmehr noch vermehrt werden würde, indem man auch den namen­losen ErgänzungStag al, Feiertag begehe« könnte. Aber auch in dem Falle bleibt der Eingriff in die alte Wochen folge eine ungeheuer kühne Neuerung, Mer die ein Einverständnis der beteiligten Autorität-, und die allgemeine Zustimmung der öffeirtlichen Meinung in den christlichen Ländern vielleicht gar nicht, jedenfalls nur in langer Frist zu erzielen sein würde. Durch diesen weit und tief greifenden Vorschlag wird die verhältnismäßig einfache Cfterfrage auf feie lange Bank geschoben. Wenn aus der Festlegung des Oster- termin» tn die erste Aprilhälfte in absehbarer Zeit

Deutsches Neich.

O „Sie spotten ihrer selbst und wissen nicht wir". Wenn früher auf die .Liebesgabe* die Rede kam, dann hörte man aus der liberalen Presse nichts als: Fort mit ihr! Jetzt, wo die Regierung tatsäch­lich die Beseitiaung der Liebesgabe vorgeschlagen bat, jetzt schallts auf einmal ganr anders auS dem liberalen Blätterwald. Man weiß noch nicht so recht, spielt da die Sorge mit vor dem Verlust eines zugkräftigen Heizmittels oder die Erkenntnis, daß, wenn eS fich überhaupt um eine.Liebesgabe" handelt, sie nicht eine für die Landwirtschaft, sondern eine für den Großhandel ist. Und da der liberalen

Störungen des inneren Friedens zu verhüten. Der Dahlspruch zu Ostern lautet bekanntlich: Der Friede "" fei mit euch! —

Leider lauten die sogenannten Feinen und ver- mischten Nachrichten in den Zeitungen nicht gerade er. treulich. Unglücksfälle — Skandalprvzeffe sind keine paffenden Vorboten für das Osterfest. Manche Un. glücksfälle stehen m einem gewissen Zusammenhänge mit der Jahreszeit. Wenn z. B. die Flieger jetzt so zahlreich abstürzen, so drängt sich die Vermutung auf, daß diese wagelustigen Leute im Frühling einen be­sonderen Tatendrang spüren und zu wenig <ntf die Gefahren des unruhigen Wetters achten. Noch schreck- ilcher ist das Unglück auf dem Hochschneeberg bei Wien, to0 10 Touristen bei einem unvorfich igen Schilauf im Schnee begraben wurden. Fast zu gleicher Zeit for- berte das Steinerne Meer bei Salzburg zwei Schnee- opfer. Früher verschlangen die Berge nur im Som- nur ihr Deputat von Menschenleben. Jetzt treibt man den Höhensport zu allen Jahreszeiten, mitten im Eis. Winter und auch in den unruhigen Uebergangszeiteu von Herbst und Frühling; die Folge davon ist die fort, laufende Unglückschronik. Zu viel Leichtsinn, zu wenig Vorsicht! Der Sport mutz au» den Kinderkrankheiten heraus; er mutz vernünftig werden. Das gilt auch von dem Spott in den Schulen. Daß im Boxen ein Schüler den anderen totschlägt, oder daß beim jtürturuen ein Schüler infolge Ueberanftrengung einem Herzschlag erliegt, das darf nicht Vorkommen. Ich glaube nicht recht an die vielbeschriene „Heberbürbmig" der Schüler durch den Lernstoff; aber ich glaube wohl, daß oft -ine UeberbürdungdurchdenSport stattfindet. Wenn dann noch eine Ueberbürdung durch da» Vergnügen hinzukommt, dann gibt es natür. lich Ruinen, an denen man weinen und klagen muß.

Fm preußischen Abgeordnetenhause haben sie dieser Tage sehr schön über Jugendpflege geredet. Mir cheint, daß unter den modernen Verhältnissen die Er. ziehung des Nachwuchses immer schwieriger wird. Nicht bloß die Lehrer müssen ihre Kräfte immer höher anspannen, sondern überhaupt alle Eltern. Es ist heutzutage wirklich schwer, Vater zu sein. Wohl dem, der auch in seinem Kinder kreise eine ungetrübte Oster- fteude findet!

Die P a r l a in e n t e arbeiten auf Ostern zu. Mit Hochdruck geht S durch die Etatspositionen hindurch, 'Der leider, leider, finden fich immer wieder Ecken und Haken bei diesen Posttionen, wo die GesetzgebungS- uaschine ins Stocken gerä; und friedlich der Fluß der Rede über die liegen gebliebene Arbeit dahinplätschert; oo HOmal Gesagtes mit wichtiger Miene zum 111. Male vorgetragen wird, als Neuestes .mb Allerneue, fies. Das sind die Stunden, wo die Präsidenten in ge. linde Verzweiflung geraten und drohend die Abend- sitzungen aus dem Requisiten tasten ihrer präsidialen Machtmittel hervorsuchen, um so einen Damm zu ziehen. Manchmal gelingt'8, manchmal nicht.

Die Presse hat Stofs bekommen durch die Weh r» Vorlagen, von denen endlich der geheimnisvolle Vorhang, her sie verdeckte, fortgezogen ist. Nun wissen wir's, was wir schon wußten: 2 neue Armeekorps mit allem Drum und Dran; rund 80 000 Soldaten wehr und das dritte aktive Hochseegeschwader! In Frankreich hat man es fich gleich gemerkt und brütet softri auch eine Mili.ärvortage aus. In England aber hatte man ja schon vorgebeugt, indem man trotz aller Abrüstungs- und Deutschfreundlichkeit in diesem Jahre noch zwtt tngliüfie gegen ein deutsches Schlacht- schiss auf Kiel legen will. Und für das nächste Jahr ß * l t das englische Flottengesetz nicht! So schlug man Mei Fliegen mit einer Klappe.

In die nationalüberale Partei ist der Ostersriede noch nicht eingezogen. Im Gegenteil: in der Sitzung des Zentralvorstandes der Partei, die in biefer Woche in Berlin stattfand, gerieten der linke unb der rechte Flügel mit hörbarem Krach aneinan­der. Zwar war man nach außen hin einig, aber hinter den Kulissen haben fich doch allerlei Kämpfe abgespielt, die man wohl als Palastrevolution gegen Herrn Bas- fermann bezeichnen darf. Die Entscheidung darüber. Wer siegen wird in diesem Bürgerkriege, wird auf dem in einigen Wochen stattfindenden Delegiertentage fallen.

In E n g la n d hat der Bergar-beitersfreik uoch im. wer fein Ende erreicht. Die Zahl der freiwillig ober unfreiwillig Arbeitslosen beläuft sich annähernd schon auf 2 Millionen, die mit ihren Angehörigen bitterer Not preisgegeben sind. Handel und Verkehr drohen gänzlich zu erlahmen; auf Jahre hinaus werden die dem wittschaftlichen Leben Englands geschlagenen Wunden nicht vernarben. Die Streikverhandlungen haben trotz des eifrigsten Bemühens der Regierung bisher noch zu keinem Ergebnis geführt. Je mehr man den Arbeitern entgegenfommi, um so mehr schei­nen sie sich auf Forderungen zu versteifen, die ihnen anfänglich gar nicht ernst zu sein schienen. Im Par- lament ist das von der Regierung als letzte Rettung eingebrachte Mindestlohngesetz angenommen worden. Da aber die Festsetzung des Mindestlohnes auf 5 resp. auf 2 Schilling abgelehnt wurde, so erklären die Ar- beiter, daß sie an dem Gesetz keinerlei Interesse mehr haben. Auch dieser letzte Versuch der Regierung, einen Weg zur Vermittelung zu finden, tvar also nichts wie ein Schlag in» Wasser.

soll bekanntlich durch den Regierungsvarschlag auf­gehoben werden und die beiden letzteren können leicht durch^daS Vorgehen der SpirituSzentrale das q ler- x ' ” ! J' ' ' ' . Schon fetzt macht sich

„ lebhafte Stimmung für die Be- serttgung der Bestimmungen über den Durchschnitts­brand und den Bergällungszwang bemerkbar und es ist nicht ;u bezweifeln, daß im Reichstag eine große Mehrhett dafür vorhanden ist.

Nach dem Vorgeben der Spirituszentrale scheint uns dieser Weg tatsächlich auch der einzige zu sein, auf dem eine Verteuerung des Ver­brauchs wirksam verhindert werden kann. Denn in dem gleichen Augenblick, wo dre Bestim­mungen über den Turchschnittsbrand und den Ver­gällungszwang in Wegfall kommen, kann jeder­mann so viel Spiritus brennen als ihm beliebt, und die Folge wird nattirlich sein, daß zahlreiche neue Brennereien gegründet tverden. Damit wäre die Spiritnszentrale tatsächlich gesprengt.

Das sollte sich die Leitung der Spirituszentralr nicht verhehlen. Will sie von ihrer Preispolitik nicht ablassen, dann muß sie auch die Folgen tragen.

Unpolitische Zektlause.

N. Berlin, 28. März 1912.

(Nachdruck verboten.)

. Der Kaiser ist nach Korfu gefahren. Dort im Subcn kann er ben Frühling „aus erster Hand" ge- meßen. Wir bleiben im Lande unb lassen ben Früh- . 8 ti? langsam an uns he ran kommen. Er kommt wirluch, wenn er auch manchmal in bet Art bet Ech- «rnacber ispringprozession sich bewegt: auf zwei Schritte Vottvarts wieder einen Schritt rückwärts. Das Sprilwet.er ist wegen seiner launischen Beränberlich- kett berüchtigt; aber die unangenehmen Ueberraschun. gen von Regen, ober Schn erstürmen nach lockendem Sonnenschein nehmen wir gern in ben Kauf. Alle Kielt ist froh, baß bei: Winter lieber einmal über- Wunden ist.

Auf Palmsonntag folgt noch die stille Woche, die Trauerwoche,bi« Karwoche. Durch bi« Klagelieber tiiiigt aber ;chon em tröstlicher Hoffnungsfon. Da» Mit.cib mit bem Erlöser sichert uns bie Mitfreube «n Auferstehungstag. Ostern steht vor ber Tür. ES ist einem, als ob man schon von ferne eLvas Alle- luza-Klang vernehme.

Diese» Jahr fällt Ostern auf ben „richtigen" Ter- htm; bas soll hetßen: in bie Zeit vom 5. bi» 11. April, tooljin die Astronomen da» Fest gern bauernd legen mochten. Die groß» Schwankungen de» hergebrach, len Osterternun» frohen bekanntlich fdfrm zu Ende Le» vorigen Jahrhundert» eine Bewegung hervorgerufen, welche Kirche unb Staat zur Vereinfachung ber Oster- Rechnung veranlassen will. Der einfachste unb »weck- "Obigste Vorschlag geht dahin, Ostern immer auf den «i)ten Sonntag nach dem 4. April zu feiern. Als der Mannte Berliner Astronom Förster seinerzeit in Rom ^ftagte, verhielt pch der .Heilige Stuhl durchaus nicht ablehnend. Allerdings unter dem Vorbehalte, dak die S Nch auf dcn neuen Ostrrtermin ver.

<H*iße In, neuen Jahrhundert ist aber bie Sache feicfr öottoarf» gekommen. E» find drei Hindernisse

Zunächst bie Hartnäckigkeit Rußland», da» an jetneut alten Sonderkalender ebenso festhält, wie an |etner abtoeidlenbei1 Brette ber Eisenbahngeleise. Dann V«r "sr uebeteifei einiger Neuerer, die mit der Ber.

Das war vor allem die Befürchtung einer Be­unruhigung des Gewerbes speziell einer Beeinträchtigung der kleinen Brennereien und da­neben eine Schädigung des süddeutschen Bren- nereigewcrbcs. Die Erwartung, der wir seinerzeit

dettasche trägt den Goldaufdruck: „Staatsminister Windthorst." Bekanntlich war Ludwig Windlhorst zweimal in Hannover Justizminister gewesen. Zu­letzt mußte er gehen, da er sich bei aller Treue und Anhänglichkeit an seinen König nicht dazu verstehen konnte, die Rechte der Volksvettretung in Wider­spruch mit der Verfassung irgendwie zu verringern. Lieber gab er seine hohe Stellung wieder auf und wurde wieder einfacher Rechtsanwalt. Es war im Herbst 1685. Ein Jahr zuvor war es ihm jedoch noch vergönnt, die Zustimmung Hannovers zum Zollverein aufs neue mit seiner Unterschrift zu voll­ziehen, — ein Akt, der für die Neubildung eines einigen Deutschen Reiches von größter Bedeutung auch nach Windthorsts Absichten werden sollte. — Im Jahre 1865 hatte er als Iustizminister auch noch für den später so berühmt gewordenen Miquel die Bestätigung als Bürgermeister der Stadt Osna­brück vollzogen. Wie hoch man die juristischen Fähig­keiten des entlassenen katholischen Justizministers Windthorst im protestantischen Hannover schätzte, das beweist die Tatsache, daß er schon ein halbes Jahr nach seiner Entlassung zum Kronoberanwalt am Oberappellationsgericht in Celle beruf«: wurde. oi

)( Der Staat als Erbe. Die Beseitigung ' Erbrechtes der entfernten Verwandten ist bcfmintL. seit Jahren von einem Justizrat Bamberger in Aschersleben angeregt worden. Obgleich die sehr lebhaft betttebene Agitation dafür keinen Erfolg hatte, setzt sie jetzt wieder ein, und das gibt einen! Münchener Blatte Veranlassung zu folgenden Mit­teilungen:

„Der preußische Finanzminister Frhr. von Rhein- haben, ber eifrige Förderer ber Sache des Reichs-

+ Tie Beseitigung -er „Liebesgabe".

Wir haben vor einiger Zeit hervorgehoben, daß der Beseitigung der sogen. Liebesgabe grundsätzliche Bedenken zwar nicht entgegenständen, wohl aber eine Reihe 'sachlicher Bedenken.

_ .Wartung, der wir seinerzeit Ausdruck gaben, daß die Interessen des süddeutschen Brennereigewerbes in irgend einer Weise geschützt werden würden, hat sich bereits bestätigt. Die Vor­lage behält nämlich für die süddeutschen Brenner eine S P a n n u n g von 10 Mark bei. Damit wäre dies Bedenken im wesentlichen ausgeräumt.

Auch dem anderen Bedenken ist Rechnung getra­gen worden. Die kleinen Brenner, die auf das ihnen zustehende Kontingent Verzicht leisten wollen, sollen eine angemessene Abfindung erhalten.

Bedauerlicherweise sind nun der Beseitigung der! Liebesgabe von einer anderen Seite neue! Schwierigkeiten erwachsen. Bekanntlich hat die Regierung den Grundsatz betont, daß die zur Deckung der Wehrvorlagen erforderlichen Neuein­nahmen nicht den Verbrauch belasten sollen. Ge­rade nach dieser Richtung hin aber scheinen uns be- vndere Maßnahmen erforderlich zu sein, damit die I ö 6 das eklige Blatt in Bürgerslressen überhaupt Absicht der Regierung nicht von vornherein durch- S,*1?!*“ ro.itt>- Wir werben es tm In lei esse unseres kreuzt wird. Die Spirituszentrale hat den I B ,, mit Freuden begrüßen, wenn sich die Wirte Beschluß gefaßt, schon jetzt den Preis für Brannt- ""Pen diese Giftpflanze abzuschaffen. Tas Blatt

wein um 8 Mk für das Hektoliter rn er Höh eit ''cheiwuhlt die heutige Geftllichaft, spekuliert auf em nm ö ja. jur oas yeitoitter zueryoyen. die mebngften Jnilinkte ber Menschen und ist unterem Ju einer solchen beträchtlichen Preissteigerung liegt VolMebcu völlig freut»." 1 1

I einer lei s a chliche r A n laß vor, und es Hoffentlich gewinnt diese Anschauung immer

liegt somit dte Annahme nahe, daß die Spirituszen- mehr Anhänger in bürgerlichen Kreisen trale schon letzt ihr Schäfchen ins Trockene bringen » Ein interessantes Andenken an Windthorst.

will und vielleicht auch mit der plötzlichen Preiser- Dieser Tage hat das einzige noch lebende Kind un- hohuug eine Demonstration gegen die Beseitigung seres verewigten, unvergeßlichen Führers, Ludwia der Liebesgabe beabsichtigt. Windthorst, die 65jährige Tochter Maria Windthorst

r, ^prrrtuszentrale hat damit einen Weg be- (zur Zeit in Osnabrück wohnhaft) Herrn Dr Nie- chntten, der leicht zu einem unerwarteten Ende der in M.-Gladbach, der bei der 100 Geburtstaas- uhren kann. Tie Macht der Svirituszentrale ist feier in Hannover die Gedächtnisrede gehalten hatte, begründet einerseits in dem Kontingent, anderseits jene Aktenmappe ihres Vaters als Andenken -uae- m den Bestimmungen über den Durchschnittsbrand schickt, die e/als Justizmiuister des KönigrL und den V ergallungSzw a n g. Das erstere IHannover benützt hatte. Die einfache, braune

erbrechis, vermittelte Ende Februar 1908 eine' Unter» rebung bes bamaligen Ministerialdirektors Dr. Kühn mit bem Juftizrat Bamberger in Aschersleben. Im Verlaufe ber eingehenden Besprechung äußerte sich Dr. Kühn dahin, er könne sich zwar in Hinsicht auf den finanziellen Erfolg der Maßregel überschweng­lichen Erwartungen nicht hingeben, ber Grundgedanke ber Reform besitze aber eine solche Schwerkraft, daß er sich auf alle Fälle durchsetzen werde. Er glaube sagen zu Dürfen, daß eine Vorlage in der Richtung kommen werbe. Der Gesetzentwurf über das Erbrecht des Staates wurde in der Tat unter dem 3. November 1908 dem Reichstag überreicht. Mit Bestimmtheit ist anzunehmen, daß Dr. Kühn den Plan einer Begren­zung des schrankenlosen Verwanbtenerbrechts zum Besten des Reiches in Zukunft unterstützen wirb, wie in ber Vergangenheit."

Bei den neuen Steuern kommt es auf den Er­trag an. Die schönste und gerechteste Steuer taugt nichts, wenn sie nichts einbringt. So ist es auch mit diesem Gedanken. Es ist klar, daß das auto- matische, von selbst wirkende Erbrecht entfernter Verwandten keinerlei moralische Grundlage hat; di« glücklich „Betroffenen" trifft es meistens wie das große Los. Aber was kommt für das Reich dabei heraus? Die Sache ist schon ein Jahrzehnt vorher eingehend erörtert worden, nämlich bei bei Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuches vor 15 Jah­ren. Damals hätte sich der Plan verwirklichen las­sen, ohne daß es ausgefallen wäre, jedenfalls ohne schwere Kämpfe. Aber damals batte man nach ganz eindringlichem Studiuni festgestellt, daß diese Steuer- sälle doch sehr selten sind, viel seltener, tote es scheinen möchte, und dann hat man damals mit der ganz natürlichen Erscheinung gerechnet, daß alsdann jeder, der keine direkten Erben hat, dem Staat den fetten Bissen doch noch entreißen würde, indem ei ein Testament macht. Das ist nämtich der Kern Sache: das Recht, ein beliebiges Testameut zu ma- chen, kann man niemandem nehmen, ohne die ge- jamtcit Rechtsgrundlagen umzustürzen. Aus dem Grunde wäre die Erhebung des Bambergerschen Projettes, so gerechtfertigt es an sich sein niag, ein Schlag ins Wasser, und damtt ist dem Reiche nicht gedient. — Das hindert natürlich nicht, daß die Idee dennoch bei Gelegenheit einer Abänderung des gel­tenden Rechts in die Praxis umgesetzt werden kann.

* Braunschweig, 28 März 1912. In ber Landes. Versammlung des Herzogtums Braunschweig ist fol­gende Anfrage gestellt worden:

.Die Unterzeichneten bitten die herzogliche Landes­regierung, eine Eiklärung darüber abgeben zu wollen, ob fie noch auf oem Standpunkte beharrt, den sie da­mals fm Bundesrat bezüglich der Aushebung des § 1 des JesuftengesetzeS eingenommen hat."