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Samstag -en 30. März (912
59. Jahrgang.
Zeitung
3. Blatt.
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gangenen Zeitungsnummern ist ebenfalls getvaltig, um ca. 300 000 Exempl., gestiegen. An Telegrammen wurden in 1905 24 819 aufgcgeben und 24 142 gingen ein, insgesamt mehr wie 1895 rund 20 000 Stück. Entsprechend dem rapid gestiegenen Postverkehr waren auch die Porto- und Telegrammgebühren, die in 1905 818 000 Mk. betrugen, um 151 480 Mk. höher als 10 Jahre vorher.
Die Verkehrszunahme hat auch weiter angehalten. Nich dem letzten Verwa'ltungsbericht über städtische Angelegenheiten, erstattet vom Obcrbürger- mc ister der Stadt Fulda am 28. Dezember 1911 in der Stadtverordnetenversammlung, gingen 3% Millionen Briefe ein, gegen 2 189 252 in 1905; auch die Zahl der aufgegebenen Paketsendungen ist weiter angewachsen (um 17 000) auf 170 000 Stück. Während in den Jahren 1895 und 1905 die auf Postanweisung eingezahlten Beträge die hier zur Auszahlung gekommenen überschritten haben, ist das nach dem Bericht des Herrn Oberbürgermeisters nicht mehr der Fall, cs gingen erfreulicherweise mehr Postanweisungen in der Zahl und im Betrage ein als aus, was darauf schließen läßt, daß die Produktion und Ausfuhr gegenüber dem Konsum (Einfuhr) erheblich gestiegen ist.
Ferner ist noch zu berücksichtigen, daß mit dem hiesigen Postamte seit 1895 eine Fernsprcchlei- tung verbunden ist, die sich anfänglich nur sehr langsam entwickelte. Ganze 20 Teilnehmer fanden sich in 1895 zusammen, von denen später einige sogar wieder absprangen. Doch nicht lange dauerte cs und das Fernsprechnetz breitete sich in ungeahnter Weise aus. Heute zählen wir über 400 Teilnehmer. (Leider stammen noch zahlreiche hier in Benutzung stehende Telephonapparate aus „vorsintflutlicher" Zeit, was zuweilen die Ausführung von Ferngesprächen mit solchen Apparaten zur Unmöglichkeit macht. D. Red.)
Mit diesem riesigen Postverkchr ist auch naturgemäß das Po st personal gewachsen. Während in den 1850er und 60er Jahren ein Briefträger die gesamte Brief- und Paketbestcllung bequem erledigen konnte und ein Beamter der Thurn und Taxis'schen Post das Uebrige besorgte, ist heute der Personalbestand des hiesigen Postamtes auf weit über 100 Beamte aller
leichterung schaffen. Ob diese gründliche Arbeit an der alten Stelle möglich ist, muß den maßgebenden Behörden zu beurteilen überlassen bleiben. Wir unsererseits sind der Meinung, daß das schon möglich ist, zumal die Postbehörde sich nach der einen Seite bereits vorgesehen hat. Eine Verbreiterung nach der anderen Seite (Cafe „Reick-post") wäre gewiß noa, zu erreichen. Damit würde aber inmitten der Stadt ein Baukomplex gewonnen, auf dem unter Berücksichtigung der gegebenen Verbältnisse ein den heutigen und zukünftigen Vcrkehrsanforderungen dienendes Postamt gcsckaffen tocrdeu könirte.
Eine bessere Berücksichtigung der hygienischen und sanitären Verhältnisse wäre dabci nicht außer acht zu lassen. Es mag in 1879 beispielsweise nicht beanstandet worden sein, daß man die Closeträume außerhalb über den Hof anlegte, heute ist das anders geworden. Die vielen Zeitverluste und Unannehmlichkeiten, die mit dem Aufsuchcn der Lokalitäten verbunden sind, könnten, wie so manche andere von den Beamten und dem Publikum gleichmäßig als lästig empfundene Einrichtungen (Tür-Eingang, Windfang, Zug- und Schalterhalle u. s. w.) zweckentsprechend verbessert bezw. vergrößert werden. Doch das ist Sache der berufenen Instanzen, denen wir nicht vorgreifen wollen. Nur das eine möge man sich vor Augen halten, daß der Umbau des Postamtes eine dringende Notwendigkeit ist. Es ist gewiß nickt nötig, daß ein Luxusbau aufgeführt wird, er muß und soll aber auch nach Außen der anwachsenden Stadt tvürdig und dem stets steigenden Verkehr entsprechend fein, das sind Anforderungen, die das Postgcbäude in seiner jetzigen Verfassung heute nicht mehr erfüllt.
Hoffen wir, daß auch in Zukunft der Wunsch in Erfüllung geht, der in der „Denkschrift beim Einzug des Postamts in Fulda in das Rcickseigcnc Gebäude" (März 1880) ausgesprochen ist: „Möge die „Sonne", welche dem 'alten Gasthause auf diesem Platze den Hamen lieh und cs zu gutem Rufe brachte, auch über dem neuen Gebäude des deutschen Reiches hell leuchten, und die Arbeit darin unter Gottes Schutz und Segen dem Orte und seinem Verkehre ftef-’ zur Wohlfahrt gereichen."
ausnutzung itub dadurch erhebliche Ersparnisse an kia st!ichem Si*t aber cir * solche
Sommerzeit sich praktnch tmnr" '*—> SchwwAq- keiten durchführen läßt, ist eine andere Frage. Man darf daher gespannt sein, wie sich der deutsche Hau-
Zur Entwickelung des Postverkehrs in FMdn.
Man schreibt uns:
Nachdem die „Fuld. Ztg." in Nr. 67 vom 21. März dieses Jahres über die Entwickelung des Postverkehrs im Oberpostdirektionsbezirk Kassel, zu dem auch das Postamt Fulda zählt, berichtet hat, dürften noch viel höheres Interesse diejenigen Zahlen beanspruchen, die den ganz bedeutenden Aufschwung des Postverkehrs in unserer Stadt dartun. Ein erschöpfendes Material steht leider nicht zur Verfügung. Wir mußten uns auf die Verwaltungsberichte der Stadt Fnlda über die Geschäftsjahre 1895-96, 1901=05 und 1910 beschränken und greifen nur die Jahre 1895, 1905 und 1910 heraus. Diese wenigen Ziffern dürften aber hinreichend erscheinen, den aufsteigendcn Postverkehr in Fulda darzutun.
Im Jahre 1895 wurden auf dem Postamt in Fulda 1 056 614 Briefe aufgegeben, während 1132118 Stück eingingen. Dazu kommen noch 5125 bezw. 4508 Wertbriefe. Paketsendungen wurden aufgeliefert 109 803 Stück ohne und 1389 Stück mit Wertangabe. Es gingen ein 80 306 Pakete ohne und 1073 mit Wertangabe. Weiter gingen ein Nachnahmesendungen 11304, Postaufträge 4098 und 471711 Zeitungsnummern. Der Postanwcisungsverkehr war nicht minder lebhaft. Es wurden eingezahlt 4 507 860 Mk. und ausbezahlt 3 664125 Mk. Die Zahl der aufgegebenen Telegramme belief sich in 1895 auf 15 066, während 13 875 Stück eingingen. Die Porto- und Tclc- grammgebühren-Einnahmen bezifferten sich in 1895 auf 166 520 Mk.
Zehn Jahre später, im Jahre 1905, wurden 2 189 252 Briefe aufgegeben und fast ebensoviel, nämlich 2154 568 gingen ein, also-schon in diesen 10 Jahren war der Briefverkehr um mehr als 100 Prozent gestiegen. Eine nahezu 50prozentige Zunahme erfuhren die Paketsendungcn, deren in 1905 153 232 aufgegeben und 138 224 abgetragen wurden, dazu kommen noch 1299 bezw. 1971 Stück mit Wertangabe. Ganz ungewöhnlich hoch ist die Zahl der Nachnahmesendungen in 1905, die von 11 304 auf 30 189, also um mehr als 150 Prozent anwucksen. Der Postanweisungs- Verkehr ist um mehr als 80 Prozent oder um 6 662 334 Mark gestiegen: eingezahlt wurden in 1905 7 612 995 und ausbezahlt 7 221 824 Mk. Die Zahl der einge-
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Rangstufen angewachsen. Dieses fortschreitende Anwachsen des PostverkehrS läßt einen interessanten Rückschluß zu, einerseits auf das Wachsen der Bevölkerungs- öisser (seit 1880, Einzug des Postamts in das jetzige Gebäude, von 11744 auf 22440), andererseits aber, und das ist das wichtigste Moment, auf die rastlos steigende Erwerbstätigkeit in Fulda.
Diese wenigen Zahlen lassen aber auch weiter erkennen, daß der Postverkehr keinen Stillstand zeigt und von Jahr zu Jahr nahezu gleichmäßig gewachsen ist. Nicht mitgewachsen ist das Po'stgebände und cs ist angesichts dieser Ziffern kaum zu begreifen, wie cs möglich ist, den Verkehr noch in den engen Räumen zu bewältigen. Seit 1879 bis 1905 sind die Einnahmen allein aus Porto- und Tclegrammge- bühren von 81665 auf 318000 Mk. geftiegen — rund 290 Prozent! Wie berechtigt die Klagen des Publikums und vor allem der hiesigen Handelskreise, über die Un-wßinglichkeit des Postbetriebes, die so oft schon erhoben wurden, sind, bedarf bei Betrachtung solcher Zahlen keines weiteren Beweises. Alles, was seitens der Postbchörde zur Verbesserung und Entlastung des Betriebes unternommen wurde, ist unzulängliches Flickwerk.
Daraus folgt die Notwendigkeit eines baldigen, aber gründlichen Umbaues, bei dem die Vergrößerung die wichtigste Nolle spielen muß. Wenn in der- letzten Zeit Stimmen laut geworden sind (bergt. "Fuld. Ztg." 1912 Nr. 2 vom 3. Januar), die dahin gingen, daß mit der Errichtung eines Bahnpostamtes allen fühlbaren Mängeln mit einem Schlage abgeholfen fei, dann dürfte das nicht gutreffen. Wohl erkennen auch wir die Notwendigkeit einer Bahnpostagentur im Sinne der hiesigen Verkehrs-Vereinigung an, aber der Hauptpost- verkehr wird sich n u r auf demjenigen Postamt abspielen, das im Zentrum des Verkehrs liegt. Und dieses Zentrum ist ohne Zweifel weit eher dort zu finden, wo das Postamt jetzt steht, als auf dem Bahnhof. Gewiß würde das Postamt am Fried- richsmarkt durch eine Bahnpostagentur entlastet werden. Diese Entlastung würde aber etwa denjenigen postalischen „Entlastungen" gleichkommen, die wir jetzt auf dem Postamt in Schließfächern, Markenautomaten u. s. w. als Notbehelf vorfinden, ßier kann nur um» assende Aendenmg für läraerc Zeit Abhilfe und Er-
’■ Ser kleinste Rekrut. Bei der diesjährigen i Musterung für den Stadtbezirk Nürnberg stellte ich auch eilt junger Mann mit nur 1,10 Meter Größe und 44'a- Pfund Gewicht. (Das militärische Mindestmaß beträgt 1,54 Meter.) Zu seiner für« weit wen Unten'i ckung mußte der 50 auf einen 2iuhl gestellt werden. Die Frage nach seiner Be- chästigung beantwortete er dal n. daß er zu .^a::se ür seine Verwandte: ? *’• Essen koche. Der kleine cerl wurde natürlich all rntotrlitf) au Ziert.
* Beim Rettungsversuch ertrunken. In Wol- e n st e i t (Prob. Sachsen) stürzte ein dreijähriges Kmd in die Zschopau. Der OilssWeichensteller Uhlig bemerkte den Vorgang, sprang ins Wasser und wollte da» Kind retten, fand aber dabei selbst den Tod. Das Kind wurde dagegen von Hinzueilenden noch' gerettet. Uhlig hinterläßt Fran und vier Kinder.
* Hinrichtung französischer Soldaten. In Lens find zwei Soldaten des 117. Infanterieregiments Tisseau und N"!ot durch den Scharfrichter Deibler hingerichtet worden. Die beiden hatten im Oktober vorigen Jahres die Besitzerin eines Bauernhofes, nachdem sie von der Frau eine Mahlzeit erhalten hatten und überaus freundlich behandelt worden waren, ermordet und beraubt. — Es ist die erste Anwendung des neuen Ges'tzes, daß wegen Raubmordes in Friedenszeiten zum Tode verurteilte Soldaten nicht mehr erschossen, sondern der Guillotine überliefert werden.
* Die nördlichste Zeitung 'der Welt. Seitdem die Telefunkenstation in Green Harbour auf Spitzbergen eröffnet ist, erhalten dort die Kolonisten täglich die wichtigsten Nachrichten drahtlos übermittelt. Jetzt ist man auch dazu übergegangen, eine dreimal wöchentlich erscheinende Zeitung Spitzbergens „Ti- dende" zu veröffentlichen. Sie bringt alle ihr täglich auf dem Telefunkenweg üb"'-™impften toidüiacit Nachrichten ans der ganzen Welt, die ein zu diesen Arbeiten besonders befähigter Beamter des Iieichs- telegraphenamts in Christiania zusammenstellt.
Die <-.:r f ung einer Sommerzeit, wie sie in Südafrika, Indien und Austranen schon vielfach beftebt. wird demnö^ jlt England gesetzlich geregelt werden. Nach dem diesbe-'"'»' :nt-
Wurf soll laut „Berl. N. N." im A"Nl die Normal- uhreuzeit um eine -"nze Stunde vir- - -1 (t und End? September um dieselbe Zeit zurückgestellt tr den, etwa um 12 Uhr nachts auf 1 • moraens
und umgekehrt, sodaß das gesamte öffentliche Leben eine Stunde früher als sonst beginnt und aufhört.
2lus dem Nachbargebiete.
* Frankfurt a. M., 29. März 1912. - Die von dem Münchener Ornithologen Dr. Karl Parrot hinterlassene Äogelsammlnng ist dem Sencken- be ischen Museum zugefalleu. Sie enthält außer Zahlreichen Nestern und Eiern gegen 2000 Vogel- dälge, besonders von europäischen und asiatischen Arten.
* Darmstadt, 29. März 1912. Kommerzienrat Heinrich Kieper in Frankfurt a. M. hat der Technischen Hochschule zu Darmstadt ein Kapital von 30 000 Mk. unter dem Namen „K l e y e r - S t i f- t u n g" zur Förderung des Automobisbaues und der Luftschiffahrt zur Verfügung gestellt. — Der Zigeuner Gustav Schneck aus' Neusteina, der an dem schweren Einbruch in den Freiherrn von Gemming- schen Schloßpark in Fränlisch-Crumbach beteiligt ist, fiel der hiesigen Kriminalpolizei in die Hände und wurde verhaftet.
* Wiesbaden, 29. März 1912. Der Bieb- richer Brauereidefraudant A. Wich- m a n n wurde von der Strafkammer zu 2 I a h r e n G e f ü n g n is verurteilt. Wichmann war bekanntlich verheiratet, unterhielt aber mit einer Klavierlehrerin ein Liebesverhältnis. Eines Morgens wurden die beiden, schwer verletzt aufgefuuben; fie hatten sich zu erschießen versucht, wurden aber wieder hergestellt. Dann ging Wichmann ins Ausland, wo er verhaftet wurde. Er hatte der Biebricher Taunusbrauerei 6375 Mark unterschlagen. Uebrigens batte W. auch in früheren Stellungen Geld unterschlagen, so in Frankfurt in der Hofwagenfabrik Roth.
* Limburg, 29. März 1912. Die hiesige Strafkammer verurteilte den 20 Jahre alten" Arbeiter Peter Ries von Niederhadamar wegen Gotteslästerung zu einer Gefängnisstrafe von 3 Tagen.
* Vom Eichsfeld, 29. März 1912. Um ‘ die wirtschaftliche Hebung des Eichsfel- d e s bemühen sich zurzeit Staat und Provinzbehörde. Es sind in den Haushaltsplan der Provinz Sachsen größere Mittel zur Fürder ng der Viehzucht auf dem Eichsfelde, insbesondere znr A n - l e g u n g von Viehweiden, eingestellt worden. Ferner bewilligte der Provinziallandtag zur Förderung von Flur separatio u e n auf dem Eichsfeld'e für die nächsten fünf Jahre einen Betrag von 10 000 Mk. pro Jahr, womit leistungsschwache eichs- eldische Gemeinden in der Tragung der Separa- tionsnebenkostcn unterstützt werden sollen. Der Provinziallandtag bewilligte weiter nicht unerhebliche Mittel zur Unterstützung von H a n s h a l - t n n g s w a n d e r k u r s e n auf dem Eichsselde und zur Ausbildung von Lehrern, die zu Leitern ländlicher Fortbildungsschulen in Aussicht genommen irid. Auch der Wasserleit nngsunter- lützungsfonds für das Eichsfeld wurde nm 40 000 Mk. erhöht. Voraussetzung für die Bewilligung ist, daß der Staat gleich hohe Beträge leistet, die in dem neuen Staatshaushaltsetat auch bereits vorgesehen sind. Außerdem wurde vom Provinnal- landtage ein Kredit von 300000 Mk. bewilligt, aus dcm private Erziehungsvereine unterstützt werden ollen bei Errichtung von Fürsorgeerziehungsanstalten. Damit ist auch die Errichtung der vom ka- t h o t ipl) e u Fürsorgeerziehungsverein für den östlichen Teil der Diözese Paderborn geplanten Für- cwgeerziehnngscmsrc-.lt in Heiligenstadt gesichert.
* Verhaftung eines Bankräubers durch eine Dame. Einer der beiden Räuber, die am 13. d. M. in Genna auf offener Straße den Bankier Pippo ermordeten und um 20 000 Mk. beraubten, ist jetzt in Genua von einer junaen Dame, die dem Bankier zn Hilfe geeilt war, auf der Straße erkannt und r::ter der tatfräftiaen Beihilfe des tapferen Mädchens verhaftet worden.
* Mit i’iitcm Dam"-- —'.......gestoßen r> auf
de • f~" int der Verein'-t-n Staa
ten ein Trajektschiff, auf dem ein Eisenbahnzug stand. Der Dampfer sank und 30 Personen fanden den T o d in den Wellen.
— Mißraten. ..... Tu hast also Deine Söhne alle gut versorg!— ,Ja, bis auf den jüngsten, der macht mir Sorge; ec ist erst 23 Jahre alt und kriegt schon nichts mehr gepumpt!"
mal sehen könne; als Versicherungsbeamter interessiere ihn begreiflicherweise jedes Konkurrenzunternehmen.
Sein Herz klopft heftig bei dieser in völlig gleichgültigem Tone gestellten Bitte. Bon ihrer Erfüllung hängt das ganze Gelingen seines wohldnrch- dachten Planes ab.
„Aber natürlich!" erwidert Madame Worse liebenswürdig. „Wenn Sie mich für ein paar Minuten entschuldigen wollen, suche ich Ihnen das Dokument heraus. Ich weiß zwar nicht genau, wo
Lorenz blickt auf seine Teetasse nieder, um das triumphierende Aufleuchten seiner Augen zn verbergen.
„'-Sitte, beeilen Sie sich nicht!" lacht er gemu-t- nch, obgleich er seine Stimme vor Erregung kaum rn der Gewalt hat. „Ich werde Fräulein Valetti tnzvoijchen ein paar lustige Späße erzählen."
Damit springt er auf und öffnet der alten Dame galant die Tür.
©rfjeu und ängstlich blickt Jngeborg Jespersen an, als er gleich darauf wieder ihr gegenüber Platz ninimt. Instinktiv ahnt sie, daß feine lachende Lustigkeit nur Maske war. Auch hat /sich der Aus- dnick seiner scharfen Züge merklich verändert; sie erscheinen momentan saft verzerrt und wecken un- heimtiche Erinnerungen tu ihr — Erinnerungen an ein fürchterliches Gesicht, das sie früher fo ost verfolgte und das Erik Niets' Einfluß verscheucht hatte.
„Fraulein Baletti —!"
Lorenz hat sich >veit vornüber gebeugt und blickt Jngeborg durchdringend an.
Sie will aufspringen. Doch sein Blick bannt sie sofort wieder an ihren Platz.
„Fräulern Baletti —" wiederholt er in leisem, bezwingendem Flüsterton, den Blick nicht "von ihr abwendend, da er weiß, daß nervöse Personen am leichtesten durch einen festen Blick zu beeinflussen sind, daß ihnen dadurch gewissermaßen ein fremder Wille suggeriert wird — „Fräulein Baletti, unsere Zeit ist kostbar. Sie werden bemerkt haben, daß ich Madame Worse mit Vorbedacht aus dem Zimmer
Helden der pflicht.
Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 26] Erich Friesen.
In Lorenzens kleinen, wasserblauen Augen leuchtet cs triumphierend auf. Das ist es ja gerade, was er wollte! Alles geht nach Wunsch.
Während beide langsam dem Frühstückszimmer zuschreiten, ersucht die alte Dame ihren Gast, in Jngeborgs Gegenwart toeder von dem Tode seiner Schwester, noch von Herrn Niel's schwerer Erkrankung zu sprechen, da sie von beiden noch nichts wisse. Fräulein Arnoldsen habe ihr gesagt, sie Müsse Geldgeschäfte halber nach Christiania.
„Sie ist so nervös, unsere liebe Kleine, und Muß aufs äußerste geschont werden", fügt die gute alte Dame mit feuchten •»lugen hinzu. „Es wäre ratsam, wenn Sie auch eine Ausrede für Ihr Hiersein fänden, Herr Jefpersen."
„Vielleicht bin ich noch einmal wegen der Versicherung Ihres Enkels gekomnten. Wie?"
„Sehr gut. Bitte, treten Sie ein!"
Jngeborg ist bei Lorenzens Anblick ersichtlich unangenehm überrascht, lind er sucht geschickt, dieses nervöse Unbehagen noch zu schüren, indem er die seltsamsten Schnurren und Anekdoten erzählt, mit bet geheimnisvoll abwesenden Miene eines Menschen, der an ganz ettvas anderes denkt.-
Madame Worse ist nicht sehr feinfühlig in Em- dfindungssachen; Jngeborgs Nervosität jedoch wird burch Lorenzens Machinationen unheimlich gesteigert.
Bald bringt er das Gespräch auf Lebensversicherungen, da er hofft, durch diese Manipulation Ma- bame Worse am leichtesten für einige Minuten aus bem Zimmer entfernen zu können.
Und richtig — schon nach wenig Sekunden erzählt die alte Dame in der ihr eigenen umständlichen Weise, sie habe bereits von seinem Rat profitiert und ihren kleinen Enkel versichert.
Lorenz drückt keinen Beifall aus und fragt „so flanz nebenher", ob er die diesbezügliche Police ein-
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entfernte. — Ich bin hergekommen, um ein paar '-Sorte unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen. L'iud Sie imstande, mich ruhig anzuhören?"
Jngeborg mckt, während ein Schauer ihren Körper überfliegt
„Beantworten Sie mir vorher eine Frage!" jährt Lorenz ernst, fast feierlich fort. „Es handelt sich um Ihre Tante Sigrid und Herrn Niels. Wessen Glück liegt Ihnen mehr am Herzen, das Glück dieser beiden oder Ihr eigenes?"
„Ihr Glück ist mein Glück", erwidert das Mädchen voll rührender Einfachheit.
„Ich dachte es mir. Was würden Sie nun tun, wenn Sie einen Hemmschuh zum Glück der beiden bildeten?"
Ihre Pupillen erweitern sich. Es ist, als ob sie den Sinn der Worte nicht gleich verstehe. Dann murmelt sie leise vor sich hin:
„Ich würde den Hemmschuh — beseitigen."
„Ganz recht. Aber wie?"
Roch immer im Bann seiner Augen, steht sie langsam ans. Mit der Rechten stützt sie sich auf die Stuhllehne, wahrend die Linke nervös mit einer ihrer langen Locken spielt.
„Bitte, erklären Sic sich deutlicher! — Alles Geheimnisvolle beängstigt mich."
Er nickt. Ganz nahe bringt er feinen Mund ihrem Ohr.
„Fräulein Viletti — Ihre Jugend und Unerfahrenheit sind Schuld, daß Sie von all dem, waS sich in Ihrer unmittelbaren Nähe abspielte, nicht das Geringste merkten. Die beiden Menschen, die Sie ans der Welt am meisten lieben — Ihre Tante und Erik Niels — sind unglücklich, aus — Mitleid für Sie!«
Jedes dieser wohlberechneten Worte trifft das arme Mädchen wie ein Faustschlag. Mit Unflaten Blicken, die Hand fest auf das wildklopfende Herz gepreßt, wiederholt sie fast tonlos:
„Aus — Mitleid?"
„Ja. Ans Mitleid für Ihre unglückliche Neigung zu Herrn NielS?«
Bitt einem leisen Schmerzensruf schlägt sie beide Hände vors Gesicht.
„Tante! Tante! Ach, erwecke mich aus diesem fürchterlichen Traum!"
„Ehe ich Ihnen weiteres mitteile", fährt er flüsternd fort, ohne von ihrem Angstrnf Notiz zn nehmen, „müssen Sie mir versprechen, niemandem von dieser Unterredung ettvas zu sagen! Hören Sie — niemandem!"
Sie antwortet nicht, Ihr ganzer Körper ist wie erstarrt.
In dem diabolischen Drange, die Seele dieses armen, mit den Dämonen des Irrsinns ringenden Mädchens sich und seinen schurkischen Plänen gc= fügig zn machen, fühlt Lorenz einen Schauder über {einen Körper rinnen. Noch einmal regt sich etwas wie menschliches Empfinden in ihm. Rasch schüttelt er es wieder ab. Wieviel hat ihn das Ansbrüten seines Planes schon gekostet! An Geld und Zeit! Und jetzt, da alles aufs feinste eingefädelt ist Und schönster Erfolg in der Ferne winkt — jetzt soll diese erbärinliche Gefühlsduselei alles über den Haufen werfen? Pah, weg damit!
Trotzdem blickt er sich scheu um, als fürchte er in jedem Winkel des Zimmers spähende Augen, lauschende Ohren.
„Versprechen Sie es:!" wiederholt er eindringlich, ihre kalte Hand mit festem Druck umspannend.
„Ich — verspreche es."
Jngeborg ist wieder in ihren Stuhl gesunken. Mit trostlosem Ausdruck starren ihre großen blauen Augen ins Leere.
Dicht hinter sie stellt sich Lorenz. Und während er beide Hände ans die Lehne ihres Stuhles stützt, beugt er sich tief zu ihrem gesenkten Kopf herab, um ihr mit grausamer Deutlichkeit ins Ohr zu flüstern:
„Erik Niels ist nicht mehr verlobt, Fräulein Ba- lettt!"
„Nicht mehr — verlobt?"
„Nein. Meine Schwester ist tot."
„To — t?"
„Lesen Sie!« (gortf. folgt.)