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vkenrlag -en 26. März 1912
69. Zahrgmrg.
* Tuldaer
Leitung *
2. Blatt.
drnck Heb Verlag der fixlbaer Xetteebrnckerei in Selbe.
Vorlage der Regierung
Abg. Marx (Ztr.): Wie in früheren Jahren, so muß ich auch heute wieder die Klage Vorbringen, daß den Wünschen der katholischen Minderhei- t e n selbst da, wo ein gesetzlicher Anspruch auf Errichtung einer katholischen Schule besteht, nicht entsprochen wird, während umgekehrt der evangelischen Minderheit seitens der katholischen Gemeindeverwal.
Kultusminister v. Trott zu Solz: Bei allen ihren Maßnahmen, die die Lehrerbildungsfragen betreffen, ist die Unterrichtsberwaltung immer vom Interesse der Schule ausgegangen. Unter diesem Gesichtspunkt wird man auch die Frage des UniverfitLtsbesucheS der Lehrer beurteilen müssen. Den preußischen Lehrern ist die Möglichkeit gegeben, sogenannte kleine Matrikel zu nehmen und 4 Semester zu studieren. Die meisten Lehrer aber, die das tun, machen daS Abiturienten, examen und bemühen sich, in die höheren Schulen h,neinzukommen und gehen so der Volksschule ber-
Jugendfürsorge in die Hand zu nehmen. Namens meiner Fraktion erhebe ich Einspruch dagegen, daß man den konfessionellen Jugendvereinen die Rechte der körperlichen Ausbildung streitig machen will. Gegen die Bestrebungen des Feldmarschall v. d. Goltz, durch seinen Bund „Jung-Deutschland" patriotischen Geist zu pflegen, haben wir nichts, solange der Bund nicht in Kollision mit andern, gleichberechtigten Vereinen gerät. Die Anträge, die von liberaler, konservativer und sozialdemokratischer Seite gestellt sind, lehnen wir en deshalb ab, weil sie nicht genügend präzisiert
i. (Beifall.)
Dienstag: Fortsetzung.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 23. März 1912.
Ein Antrag Schiffer (natl.) betr. eine amtliche Deklaration über die Amtszulagen der Schulleiter wird ohne Debatte der Unterrichtskommission über- wiesen. — Es folgt die Fortsetzung der Beratung des Kultusetats.
Es liegt vor ein Antrag Campe (natl.) auf Beseitigung der überfüllten Klassen. Ein Antrag Hof ' XFortschr. Vp.) will den Antrag Campe dahin ergän- zen, daß auch die Halbtagsschulen beseitigt werden. Ein Antrag Heß (Ztr.) will die Bestimmung, wonach Bolksschullehrer zur Ausübung der Jagd der Genehmigung der vorgesetzten Dienstbehörde einzuholen haben, aufheben.
Abg. Goebel (Ztr.) gibt den Klagen der Lehrer über die unzureichenden und ungleichmäßigen Ortszulagen Ausdruck.
Abg. Dr. v. Campe (natl.) begründet den von ihm eingebrachten Antrag.
Ein Regierungskommissar erklärt, eine allgemeine Bestimmung, wonach das Recht zur Ausübung der Jagd verhindert wird, bestehe nicht. Es würde nur bei den Gesuchen von Lehrern zur Ausübung der Jagd geprüft, ob die persönlichen Verhältnisse zur Gewährung des Gesuchs geeignet erscheinen.
Abg. Graf Clairon d'Haussonville (kons.) erklärt, daß seine Freude dem Antrag v. Campe zustimmen werden, für den Antrag Heß jedoch keine Notwendigkeit erkennen können.
Abg. Busch (Ztr.): Nach der Erklärung des Herrn Regierungsvertreters besteht also eine generelle Verfügung, welche für die Jagdausübung der Lehrer eine besondere Genehmigung notwendig macht, nicht. Immerhin wird doch von den Lehrern verlangt, daß sie, wenn sie die Jagd ausüben wollen, sich vorher bei der vorgesetzten Behörde erkundigen, ob dagegen keine Bedenken vorliegen. Das ist ein Ausnahmezustand; bei keiner anderen Beamtenkategorie besteht eine solche Praxis. In der Erklärung des Regierungsber- treters sehe ich ein gewisses Entgegenkommen, und da andererseits große Parteien dieses Hauses unserem Anträge ablehnend gegenüberstehen, so ziehe ich ihn namens des Antragstellers zurück.
Abg. Borchardt (Soz.): Wir haben eine ungeheure Belastung der Gemeinden durch die Volksschulen. Es mutz eine anbere Verteilung der Schullasten eintreten. Der Redner geht dann auf die neulichen Ausführungen der Abgg. Hackenberg und Hetz tzin.
Präsident Freiherr v. Erffa: Auf alle diese Dinge können Sie hier nicht mehr eingehen, denn wir sind beim Titel „Staatsbeiträge".
Abg. Borchardt (Soz.): Ich muß ganz entschieden bestreiken, daß meine Ausführungen nicht zur Sache Jehören. Ich lasse mir das Recht nicht nehmen, sie u machen. .
Präsident Freiherr v. Erffa: Ich bitte, meinen Anordnungen zu folgen.
Abg. Borchardt (Soz.): Ich bin bei der Sache und werde fortfahren.
Präsident Freiherr v. Erffa ruft den Redner zur Ordnung. (Beifall rechts.)
, Abg. Borchardt (Soz.): Nur mit Gewalt werde ich ttnr das Wort entziehen lassen. (Unruhe und Rufe rechts: Unerhört!)
Da der Redner in seinen Ausführungen fortfährt, ch 1^n President Freiherr v. Erffa zweimal zur Abg. Borchardt (Soz.): Ich bin bei der Sache und lasse mir nur mit Gewalt das Wort nehmen. (Unruhe und Entrüstungsrufe rechts und im Zentrum. Da der Redner wieder in seinen Ausführungen fortfährt, ruft ihn
Präsident Dr. Freiherr v. Erffa zum dritten Male zur Sache und befragt das Haus, ob dem Redner das Wort entzogen werden soll. (Mit Ausnahme eines Freisinnigen und der Sozialdemokratie stimmt das Haus zu.)
Abg. Borchadt (Sry.) tritt ab mit den Worten: Sie werden die Wahrheit doch noch hären müssen.
Der Antrag v. Campe wird angenommen, der freisinnige Zusatzantrag abgelehnt. Beim Titel „Ergän- HUngszuschüsse" führt
Abg. Dr. Schmitt (Ztr.) Klage darüber, daß durch die Neuordnung des Mittel schulwesens der Religionsunterricht zu kurz gekommen ser. Durch die Neuordnung des Mittelschulwesens ist für die Gemeinschaftserziehung der breiteste Boden geschaffen worden, was wir sehr beklagen. Die Entwicklung der Mittelschulen schreitet nicht so fort, wie zu wünschen wäre. Zweifellos liegt das an den un- günstigen Gehaltsverhältnissen der Mittelschullehrer, deren Diensteinkommen heute noch keine einheitliche ; Regelung gefunden hat. Eine einheitliche und zwar . gesetzliche Regelung der Besoldung wäre dringend not- 1 wendig. (Beifall im Ztr.) '
tungen das größte Entgegenkommen gezeigt wird. Wenn die hier vorgesehene Summe nicht auSreicht, um den berechtigten Ansprüchen der, katholischen Minderheiten zu genügen, so mutz sie eben erhöht werden. Ueber eine derartige ungerechte Behandlung der katholischen Minderheiten können wir nicht schweigen. Die Fälle, die wir'da erleben, sind vielfach kaum glaublich. Sollte das so weiter gehen, dann müssen wir uns Vorbehalten, Anträge auf Abänderung des Volksschul- unterhaltungsgesetzeS zu stellen. In Bütow z. B. müssen 200 katholische Kinder noch immer einer katholischen Schule entbehren, obschon ein gesetzlich begründeter Anspruch darauf besteht. Zurzeit ist die Schule in Bütow abgebrannt, die Stadt will einen Zuschuß von 125 Tausend Mark vom Minister erbitten. Ich richte die Bitte an den Herrn Minister, der Stadt Bütow energisch ihre Pflicht gegenüber der katholischen Bevölkerung klar zu machen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in Lauenburg, in Meve und noch viel krasser in Reinickendorf, wo man nicht einmal für 352 katholische Kinder eine katholische Schule errichtet. Redner führt noch eine ganze Reihe gleicher Fälle an, weist andererseits auf eine Anzahl katholischer Gemeinden hin, die ganz kleine evangelische Minderheiten in der zuvorkommendsten Weise behandeln. Während auf evangelischer Seite nur 19 797 Kinder katholische Schulen besuchen, sind es auf katholischer Seite 79 503, die keine eigene Schule haben. Wir werden unsere Klagen solange Vorbringen, bis die Rechte der katholischen Minderheiten geachtet werden. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)
Ministerialdirektor V. Bremen erwidert, daß die Unterrichtsberwaltung es gegen die katholischen Minderheiten an Wohlwollen nicht fehlen lasse. Sie tue alles, was geschehen könne.
Abg. Frhr. v. Wolff-Metternich (Ztr.) bittet, den Erlaß, wonach die Rektoratsschulen auf Wunsch der Kommunen der Aufsicht eines benachbarten Gymnasialdirektors unterstellt werden können, nicht zurückzuziehen: ferner den durch Schullasten ohnehin schon stark belasteten kleineren Landstätten mit Rektoratsschulen Staatszuschüsse auch weiterhin zu gewähren.
Abg. Tourneau (Ztr.) beklagt sich über mangelhaftes Entgegenkommen der evangelischen Gemeinden gegenüber den katholischen Privatschulen und bittet, aus dem Dispositionsfonds auch den katholischen Privatschulen und Privatlehrern reichlichere Mittel zuzuweisen.
Beim Titel „Entschädigungen für die Teilnahme der Lehrpersonen an den Kreisschulkonferenzen" liegt ein Antrag Dr. Hetz, Kesternich, Marx (Ztr.) vor, der eine wesentliche Erhöhung der für diesen Titel bereitgestellt Mittel fordert. Der Antrag wird der Budgetkommission überwiesen.
Bei den Titeln,, welche die Ostmarkenzu- lagen behandeln, beklagt
Abg. Stanke (Ztrü die Wirkung der Polenpolitik. Die vollständige Nichtberücksichtigung der Muttersprache in der Schule treibe daS Volk zum Nationalpolentum oder gar zur Sozialdemokratie hin. .
loren. Das liegt nicht im Interesse der Volksschulen. Fortbildungskurse haben wir bis jetzt in Berlm und Posen und werden sie nunmehr auch in Münster einrichten.
Abg. Dittrich (Ztr.) hat große Bedenken gegen den Antrag Campe. Wir müssen auch die Einwendungen der Universitätsprofessoren und der Lehrer der höheren Schulen berücksichtigen, die sich alle gegen den Uni- verfitätsbesuch der Lehrer aussprechen. Unserer An- sicht nach mutz die Frage von dem Gesichtspunkt aus beurteilt werden: Liegen die Forderungen der Lehrer im Interesse der Schule? Hoffentlich werden wir in der Kommission zu einem Resultat kommen, das auch die Lehrerschaft befriedigt. (Beifall im Zentrum.)
Die Abgg. Dr. v. Schenckendorff (natl.) und Schmedding (Ztr.) konstatieren einen erfreulichen Fortschritt der Handfertigkeitsschulen und bitten den Minister, den Handfertigkeitsschulen nach dem Vorbild der Fortbildungsschulen einen Zuschuß zu gewähren.
Die Anträge b. Campe und Aronsohn werden an die Unterrichtskommission verwiesen.
Beim Titel „Förderung der Pflege der männlichen schulentlassenen Jugend" wird eine Denkschrift über Jugendpflege in Preußen im Etatsjahr 1911 zur Beratung gestellt und in Verbindung damit vier Anträge, die von Konservativen, den National- liberalen, den Freisinnigen und Sozialdemokraten gestellt sind.
Abg. v. Goßler (kons.) fordert gemäß dem konservativen Antrag die Bereitstellung von Mitteln im nächstjährigen Etat zur Förderung der Pflege der schulentlassenen weiblichen Jugend. Wir verlangen für Lehrer und Geistliche vollste Parität bei der Förderung der Jugendpflege. Wir bitten aber auch, religiösen Vereinen bei gemeinsamen Ausflügen die gleichen Vergünstigungen zu gewähren, wie anderen Vereinen. (Beifall.)
Abg. v. Rarborff (freikons.): Ob die Geistlichen im allgemeinen zur Jugendpflege herangezogen werden sollen, ist eine schwer zu lösende Frage. ES ist be- oauerlich, daß bereits vielfach Reibungen mit den Geistlichen auf dem Gebiete der Jugendfürsorge stattgefunden haben. Sie haben zu sehr das Bestreben, sich in den Vordergrund zu drängen. Bei der Jugend, pflege das konfessionelle Moment zu scharf zu betonen, birgt eine große Gefahr in sich. Dadurch gehen Element«, die der Kirche entfremdet sind, auch der Jugendfürsorge verloren.
Abg. Kesternich (Ztr.): Dem Wg. v. Kardorff werde ich auf das konfessionelle Gebiet nicht folgen. Die Mitteilung der Denkschrift, daß die für die Jugendfürsorge zur Verfügung gestellten Geldmittel in paritätischem Sinne verwendet werden sollen, hat uns gefreut. Wir können aber nicht verhehlen, daß manche Städte, die konfessionellen Jugendvereine mit recht großer Engherzigkeit bebanbeln. Einen Rekord hierin hat Berlin geschlagen. Wir bedauern, daß in der Budgetkommission von nationalliberaler Seite die Forderung aufgestellt wurde, die konfessionellen Jugendvereine von der staatlichen Unterstützung auszuschalten. Die konfessionellen Jugend- vereine haben sich bereits der Jugendfürsorge anae- itotnmen, ehe der Staat überhaupt daran dachte, die
hat diesmal nicht irgend einer Nachhilfe bedurft, sondern sie war von selbst gegeben infolge der Ereignisse vom vorigen Sommer und Herbst. Die Presse der bürgerlichen Parteien bespricht die Vorlage zwar mit einer gewissen Zurückhaltung, aber doch keineswegs ablehnend, wie das bei früheren Vorlagen der Fall war.
Die Vervollkommnung der deutschen Rüstung leuchtet jedem ohne weiteres ein als Logik der Tatsachen. Zum Ueberfluß hat nun gerade in den letzten Tagen der englische Marineminister Churchill durch seine selbstbewußte Flottenrede allen Deutschen klar gemacht, daß die vielgepriesenen Haldane'schen Verhandlungen nichts geändert haben an der Eifersucht und dem Argwohn der bri-
Abg. Baltin (Ztr.) beklagt ebenfalls die Wirkungen, die die Ausschaltung der polnischen Sprache aus dem Schulunterricht, namentlich auS dem Religionsunterricht, zur Folge haben. Die oberschlesische Bevölkerung habe verschiedentlich Petitionen an die Rgierung gerichtet, damit Abhilfe geschaffen werde, aber die Regierung hat auf diese Petitionen überhaupt nicht einmal geantwortet. Da ist eS kein Wunder, daß mit der Zeit im Volke daS Vertrauen zur Regierung schwindet. Daß diese Art der Regierung, gegen die polnischen Aspirationen vorzu- aehen, nicht richtig ist, haben früher auch die Abg.
Freidberg, Hackenberg und b. Hehdebrand anerkannt. V* Diö StlMMUNtt tüt! ÄiS Wsüf
Beim Titel „Dispositionsfonds für daS Elementar- -r — ***’
unterrrchtswesen" liegt ein Antrag Dr. b. Campe (nat.) vor, der Einrichtungen verlangt,, durch welche VolkS- chullehrer eine bessere Möglichkeit zu einer wissen- chaftlichen Fortbildung an preußischen Universitäten gewährt wird. — Antrag Aronsohn (Vp.) ordert die Zulassung der Bolksschullehrer zum aka- wmischen Studium.
tischen Vettern und der Möglichkeit eines Angriffs auf Deutschland.
Allerdings hat Herr Churchill in seiner Flottenrede einen besonderen Absatz dem „Nachweise" gewidmet, daß England an emen Angriff gar nicht denken könne. Aber wenn die ganze Rede echt englisch war, so ist dieser Absatz die höchste Blüte der Eigenart der dortigen Bereotsamkeit. Herr Churchill führte aus, daß England nicht die Macht habe, in das Deutsche Reich einzudringen und es niederzuzwingen; daraus folgt nach seiner Logik, daß England an einen Angriff überhaupt nicht denken könne. Unser Menschenverstand macht dagegen die einfachen, aber durchschlagenden Bemerkungen: Erstens steht die Tatsache fest, daß England im vorigen Sommer nicht bloß einmal, sondern zu 3 Zeitpunkten auf dem Sprunge stand, gegen Deutschland vorzustoßen. Zweitens liegt es auf der Hand, daß die Hauptsache für die Engländer die Vernichtung der deutschen Flotte ist, und dieses Ziel läßt sich durch einen gelungenen Ueberfall vielleicht schon erreichen, auch wenn Deutschland zu Lande Sieger bleiben sollte. Drittens aber weiß jedes politische Kind, daß England mittels seiner Einkreisungs- und Ententepolitik seit Jahren bemüht ist, Helfer in dem Kriege gegen Deutschland zu gewinnen, und zwar gerade solche Bundesgenossen, die den Bezwingungskampf zu Lande durchführen könnten, während England die deutsche Seemacht breche» würde. Unter König Eduard steigerten sich diese Vorbereitungen für den Krieg gegen Deutschland sogar zu dem ernstlich betriebenen Versuch, Oester- reich von der Freundschaft mit dem deutschen Reiche abzubringen. Dieses vermessene Unternehmen ist fehlgeschlagen. Seitdem pflegt England um so eifriger die Entente mit Frankreich und mit Rußland. Diese beiden Festlandsmächte sollen mit ihren Laudtruppen die englischen Kastanien aus dem deutschen Feuer holen. Es war ein Glück für den europäischen Frieden, daß Rußland sowohl während der bosnischen Krisis als auch während der gefährlichen Spannung von 1911 infolge des hinterasiatischen Krieges noch kampfunfähig war und daß die französische Regierung vernünftig genug war, sich für das furchtbare Snsiko eines Waffen- ganaes mit Deutschland zu bedanken.
England hat bisher auf einen Vorstoß gegen Deutschland verzichtet, weil es nicht die nötige Unterstützung zu Lande fand. Ob es künftig, wenn abermals sich ein Borwand zum Losschlagen bietet. w i e d er verzichten wird, hängt von den U m- standen ab. Daß England keineswegs e n d g i l- tig auf die gewaltsame Auseinandersetzung verzichtet hat, ersieht man schon aus dem zähen Eifer, mit dem es sich der Befestigung der holländischen Küste widersetzt. Es will sich durchaus die Möglichkeit wahren, einen Teil seines Landheeres nach Holland und Belgien hinüberzuwersen, um die mit ihm verbündete Festlandsmacht im Kampfe gegen Deutschland zu unterstützen.
Das sind die Gefahren, gegen die Deutschland auf der Hut sein muß, und daraus ergibt sich handgreiflich die Notwendigkeit, unsere Rüstung in jeder Hinsicht auf der Höhe zu halten. Von diesem Gesichtspunkte aus tritt die öffentliche Meinung den gegenwärtigen Wehrvorlagen mit größerer Shm- pathre entgegen, als sie sonst gegenüber neuen Belastungen üblich war.
Auch diese Einmütigkeit und Opferwil- ligkeit der deutschen Bürgerschaft bedeutet eine moralische Verstärkung des Ansehens Deutschlands und der Friedenssicherheit. Darum sollte man alles vermeiden, was die glatte und einträchsige Erledigung der Wehrvorlagen verhindern oder stören konnte. Einerseits sollten die Liberalen darauf verzichten, in die Deckungsfrage parteipolitische Zänkereien und Ränke hineinzubringen, also von der Wiederbelebung der streitigen Erbanfall- teuer von vornherein absehen. Andererseits sollten ne militärischen Eiferer nnd insbesondere die Flottenenthusiasten sich hüten, durch ihre übliche Uebertrumpfung der Regierungsforderungen den häuslichen Frieden zu stören. Wenn sie das, was die verantwortlichen Sachverständigen der Regierung als notwendig und zweckmäßig bezeichnen, schnell und glatt durchbringen helfen, so werden sie sich in dieser Beschränkung als Meister der nationale» Politik zeigen.
„Jawohl. Wie lange hält der Qua May 9u frrfV* " °rt roieb" aB- S &e« B-..
Ein eigentümlicher Blick trifft Erik, halb scheu, halb mitleidig. Dann entfernt sich der Schaffner, ohne ein Wort zu sagen.
Noch einmal umfaßt Erik mit einem raschen Blick den ganzen Perron. Nein, Gerda ist nicht da.
Soll er allein weiter fahren? , . , Vielleicht waltet ein kleines Mißverständnis ob, und Gerda trifft erst mst dem nächsten Zuge ein! Auf alle Fälle will er ihn hier abwarten.
Er ergreift seine Handtasche und will über die hölzerne Treppe nach dem anderen Bahnsteig gehen.
Da fesselt eine kleine Menschengruppe seine Aufmerksamkeit.
, Zwei Damen, ein alter Herr, ein halbwüchsiges einfaches Mädchen und ein Knabe — alle fünf auf« tallenb bleich und erregt — überschreiten soeben bte $abn6eamtonr^*ni3Un9§tT^e' bon einem Mit ausgesuchter Zuvorkommenheit geleitet sie der Beamte nach einem Kupee 1. Klasse — auch das ärmlich gekleidete Mädchen.
Alle steigen ein, und Erik bemerkt, wie der Knabe so heftig zittert, daß sein Fuß beinahe ausglitscht auf deut feuchten Trittbrett. 1
Der Schaffner schließt die Kupeetür und wechselt mrt dem Bahnbeamten emen raschen Blick — stumm, aber bedeutungsvoll. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. °
Langsam, kopfschüttelnd, entfernt sich der Bahn- beamte.
Eine seltsame Angst bemächttgt sich Eriks. Er will den Beamten anrufen — die Kehle fft ihm wie zugeschnürt. Eine Weile verharrt er noch auf dem- selben Fleck und ftarrt dem davonjagenden Zuge nach. Dann eilt er über die hölzerne Treppe nach dem Wartesaal.
Schon von weitem vernimmt er erregtes Ge- murmel.
Helden der Pflicht.
Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von B2] Erich Friesen.
12.
<r ^5 BcchA"! in Ha mar, den Gerda Jespersen als Treffpunkt für sich und ihren Bräutigam bestimmt Kat, ist ein dusterer, wenig einladender.
Soeben läuft der von Drontheim kommende Kbendzug nut etwas Verspätung ein, nachdem er ptwa eine Biertelmeile vor Hamar plötzlich auf freiem Felde angehalten hatte. Wie stets bei solchen Gelegenheiten, steckten die Paffagiere die Köpfe aus den Wagensenstern. Mechanisch tat es auch Erik, dhne irgend etwas besonderes gewahr zu werden.
Ball» ertönte auch das Signal des Schaffners. Zug sauste weiter.
Leise aufseufzend lehnte Erik sich wieder auf der Bank zurück. Er empfindet eine gewisse Scheu vor dem ersten Wiedersehen mit Gerda; seine offene Natur sttäubt sich gegen die aufgedrungene Verstellung.
- ^&?n bevor der Zug in Hamar hält, läßt er sei- K- rrB^cr. ^ri Bahnsteig schweifen. Er weiß, dertbalf, ^i^tiania kommende Zug trifft etwa anmutz ihn au1 t dor dem Drorttheimer ein; Gerda Doch sL bereits erwarten.
. Nervös ®erba W 3U sehen.
Umschau zu halten au§ bem Kupee, um weiter «mf^einem aSren’t«£tt1?^inimer eiIen' ba§ [’$ Nhaffner hält ihn a»^nfteT9 befindet; doch der tett/'mtin^en?" na$ Dhristiania weiterfah-
Um den Bahnhofsinspektor, der, die rote Mütze in den Nacken geschoben, in höchster Aufregung sich der auf chn eindringenden Fragen zu enttvehren versucht, hat sich ein ganzer Knäuel von Menschen ge- | bildet. Die Kleider einiger find beschmutzt und zer-
rissen; andere tragen die Hand in der Binde oder haben ein Tuch um die Stirn geschlungen. Ein Schaffner, umringt von einer Schar atemlos Lauschender, gibt, felbft kreidebleich und heftig erregt, mehreren Polizisten eine Erklärung ab.
Ein Blick sagt Erik, daß Gerda nicht unter der Menge ist. Er eist auf einen der Polizisten zu.
„Was ist. los?"
„Ein Eisenbahnunglück, mein Herr. Falsche Weichenstellung."
„Großer Gott! Wo -^?"
„Etwa zehn Minuten von hier entfernt Sie sind jetzt am Freimachen der Strecke."
„Welcher —"
„Welcher Zug es war? Der vor "anderthalb Stunden hier fällig gewesene Schnellzug von Chri- sttania."
„Barmherzigkeit!"
Vor Eriks Augen wird es dunkel. Ihm ist, als müsse der Boden unter ihm versinken.
Mitleidig blickt chn der Polizist an.
„Erwatten Sie jemand mit dem Zuge, mein Herr?"
"welcher Klaffe?"
„Dritter."
Bedauernd schüttelt der Mann den Kopf.
„Ein Dritterklasse-Wagen ist völlig zertrümmert . . . Fassen Sie sich, mein Herr! Soll ich irgend welche Erkundigungen für Sie einziehen?^
„Bitte!"
„Nehmen Sie inzwischen einen Kognac! Sie sehen ganz verstört aus. Ich bin gleich wieder da." Enk nickt wie mechanisch. Am ganzen Körper zitternd, sucht er noch das Wartezimmer 2. Klaffe ab. Auch hier — keine Gerda.
Hastig stürzt er einen Kognak hinunter.
Dann wartet er — wartet — “
Jetzt kehrt der Polizist zurück.
Er meldet, daß alle Unverletzten und Leichtver- wundeten teils in einem rasch zusammengekoppelten Extrazuge bereits weitergesahren seien, teils mtt dem beben abgegangenen Zuge nach Christiania zurück
kehrten. Von den Verunglückten seien vier Personen tot, drei Herren und eine alte Dame. Etwa zehn Personen seien leichter verletzt, darunter eine junge unbekannte Frauensperson. Die drei Tödlich- Verletzten sind ein alter Herr, seine kleine Tochter und ein junges Mädchen, die sich im Bahnhofshotel in der Pflege mehrerer Aerzte befinden.
Nach wenig Minuten schon begehrt Erik Einlaß im Bahnhofshotel, das von einer leise flüsternden Menschenmenge umringt ist.
Auf seine dringende Bitte, die schwerverletzte junge Dame scheu zu dürfen, erhält er die höfliche, aber bestimmte Antwort, das sei augenblicklich un« möglich. Die Aerzte seien gerade bei ihr.
„Wiffen Sie ihren Namen?" stöhnt Erik. „Um des Himmels willen, antworten Sie!"
Der Hotelbesitzer schüttelt den Kopf.
„In ihren Taschen sand man keinen Anhalte- pnnst —- nichts. Als sie hereingetragen wurde, war ich selbst so erregt, daß mir alles vor den Augen tanzte. Ich entsinne mich nur, daß sie auffallend hellblonde Haare hatte."
„Hellblonde Haare! Die hat auch Gerda!"
„Welcher Att sind die Verletzungen?" preßt er atemlos hervor.
,^Jch weiß eS nicht, mein Herr. Die Aerzte nehmen gerade die erste gründliche Untersuchung vor. Ich habe ftrenge Weisung, bis nach der Beendigung derselben niemanden zu ihr zu laffen, auch nicht die nächsten Verwandten.
Verzweifelt preßt Erik die Hände zusammen. Was tun? O, Gewißheit! Gewißheit! Diese Ungewißheit macht ibn verrückt!
„Warten Sie hier im Hotel! Oder kommen Sie in einer Viertelstunde wieder!" fahrt der Hotelbesitzer mitleidig fort. „Ich werde versuchen, sobaü» wie möglich einen der Aerzte zu sprechen."
Dankbar drückt Erik dem freundlichen Mann die Hand. Dann entfernt er sich langsam. Es ist ihm unmöglich, auch nur eine Minute ruhig zu warten. Hinaus ins Freie treibt es ihn. Ihm ist, als muffe er hier rn der dumpfen Zimmenuft ersticken.
(Fortsetzung folgt.)