Einzelbild herunterladen
 

t

uldaer W

t

Erstes Blatt

Fulda, Dienstag den 26. März 1912.

39. Jahrgang

It

n

0 Rechts und links im National-

lib

i

Ausland

wartend,» Mehreinnahmen werden für das erst« Nanking berichtet wird, spielten sich Freitag Halbjahr aus 14 Millionen Mark veranschlagt. Für während der Ätzung der Nationalversammlung

I?

L

i L

Monatrbeilager „8uldaer GeschichtrbMer"

liberalismns.

entralvorstand der national­

en Partei ist am Sonntag in Berlin zu einer Tagung zusammengetreten, in der es sehr kritisch zugegangen ist. Der linke und der rechte Flügel der Partei stießen heftig aufeinander; die Mehrheit hatten die gemäßigten Elemente, lieber den Verlauf der Sitzung berichten Berliner Blätter:

da? zweite volle Jahr wird mit einer Mehreinnahme von rund 85 Millionen Mark gerechnet.

Erscheint tllgllch mrt Xxrnahn» »er So-m‘ »nd Feiertag«, viertel- pbrlich«rV<;«^reir ,hne «rinaerlohn und vrstrLgelo m Fulda so» wieau»wSrtsl-50Mk. verantw. Redakteurr rarlZchütie?

für die Anzeigen;

Z.parzeller kn Fulda. Wochenbeilage: „Muftrierte Lonntaggzeitung"

* Chinesische Suffragetten. China macht in über- raschend schneller Weise mit gewissen Kultur-Aus» wüchsen d«S Westens Bekanntschaft. W»e aus

Vevtscher Reich.

+ SU DrcknngSvorlage im Bundesrat.

im vierten Stock zwölf Personen Hausen mußten, denen nur zwei Bett«» pa Verfügung standen.

Damit schließt di« Diskussion. Sämtliche, zur WohmmgSfraa« gestrllten Resolutionen werden an ein« Kommission von il Mitgliedern verwiesen.

Bei der folgende» Beratung deS Postetats bespricht

Abg. gubrU (Soz.) eingehend dir Berliner Pofl- verhältnifle, wirst dabet dem Staatssekretär des Reichs» vostamteS Kraedtke vor, seine Tätigkeit bestehe nur darin, nach oben p» blicken und Dank für seine Spar­samkeit entgegrnzunehmen. Als er sich nach mehr- stündiger Rede zu der Behauptung versteigt, angesichts dieser Tatsache seien die Beamten auch nicht verpflichtet, nach jeder Richtung hin chre» Diensteid zu halten, er­teilt ihm

Präsident Kämpf wegen Beleidigung der gesamten Beamtenschaft einen Ordnungsruf.

Dienstag r Wahlprüfunge», Postetat.

la$elg«n: ver Kaum «in« einsp. Lolonel» 1«il«, 47 mm breit, wfletlSpsg. Reklame«: ver Saum einer Colo» «elzeilr, 74 mm breit, kostet 40 Pfg. Sei wie. derholungen Rabatt. FvrSffert.u. Aurkunft» «zeige« 20 pfg. extra.

Sotationrdruck u. Verlag der Fulda« Actiendruckerei uFulb« Ferusprechrr vr. A

Herr Bassermann wurde zwar mit Herrn Tr. Friedberg und dem sächsischen Landtagspräfidenten Bogel wiederum zum Vorsitzenden gewählt, aber bei der Abstimmung über seine Wahl erhielt er nur 79 Stimmen, während nicht weniger als 30 unbeschriebene Zettel abgegeben wurden. Noch unerfreulicher für die Richtung Baflermann gingen die Wahlen zum Ge­schäftsführenden Ausschuß aus. Der Führer der Juugliberale«, Dr. Fischer, wurde überhaupt nicht wiedergewählt, ebenso unterlag Herr Dr. S t r e f e • mann. Von rechtsnationalliberaler Seite wurden Bedenken gegen die Unabhängigkeit des Herrn Dr. Slresemann laut, für den Fall, daß er den Geschäfts­führerposten des Hansabundes übernehme. Obwohl Herr Slresemann erklärte, daß er den Posten nicht an» nehmen wolle, sielen nur 39 von 112 abgegebenen Stimmen auf ihn. I» längeren Ausführungen über die gegenwärtige Lage schilderte Herr Bassermann eingehend die Vorgänge in der Fraktion und bemühte sich dann, von dem Zwist in der Partei abzulenken durch den Hinweis auf die bevor­stehenden wichtigen parlamentarischen Aufgaben. Trotz­dem wurden in der Diskussion die schwersten Bor­würfe gegen die Fraktion und ihr Verhalten bet der Präsidentenwahl laut, und viele scharf­macherische Stimmen sahen auch in dem Verhalten bei der zweiten Präsidentenwahl kein Gutmachen d.s ftüher begangenen Fehlers. Zum Schluß wurde ein Antrag auf Abänderung des Parteistatuts angenommen, dem­zufolge „nur solche Vereine in die Partei ausgenommen werden, die nicht einen eigenen Verband mit eigener Spitze bilden'. Ter Antrag läuft auf nichts mehr oder weniger als aus eine Hinausdrängung der Jungliberalen hinaus. Baflermann bekämpfte ihn daher aufS heftig e. Die Annahme des Antrages erfolgte jedoch mit 63 gegen 43 Stimmen. Das »Hauptverdienst' an dem Ausgange der Sitzung kommt Herrn Fuhrmann zu, der auf der ganzen Linie Sieger über Herrn Baflermann geblieben ist.

Der enttäuschte Herr Basiermann reiste nach der Sitzung sofort ab, auch die meisten Reichstagsabge- ordneten enthielten sich der Teilnahme an dem üb­lichen Liebesmahle.

.Nun heißt es in einigen Blättern, die ge­mäßigte Richtung habe einen entscheidenden Sieg über Bassermann und seine Linksrichtung davongetragen. Aber man darf sich nicht verhehlen, daß die Entscheidung noch a u s st e h t Es soll ein V e r t r e t e r t a g stattfinden, und zwar innerhalb sechs Wochen. Aus diesem Bertretertag können die Würfel fallen. Es ist freilich auch möglich, daß auf diesem Bertretertag die volle Klä­rung und Scheidung der Geister vermieden wird. Vorläufig rüsten sich die Jungen und die sonstigen Basiermänner zum Widerstande gegen die Mehrheit des Zentralvorstandes. Der Reichsverband der nationalliberalen Jugend will am nächsten Sonn­tag seinen Vorstand zusammentreten lasien. Die engeren Freunde Bassermanns planen den Gegen­schachzug, daß die nationalliberale Reichstags- fraktion, die mehr nach links gerichtet ist, eine stär­kere Vertretung im Zentralvorstande erhalten soll. Dabei geht man von der Ansicht aus, daß die ge­mäßigte Richtung ihre Hauptstütze in der preu­ßischen Landtagsstaktion finde. Tatsächlich fin­det Herr Basiermann mit seiner Linksblockpolitik seine Unterstützung vorwiegend in der Rheinpwvinz und in Süodeutschland, während die norddeut­schen Nationalliberalen mehr für Besonnenheit und positive Mstarbest sind.

Der Gährungs- und Klärungsprozeß in der vielgeprüften Partei ist am 24. März in kräftigeren Gang gebracht worden, aber er hat noch keinen Abschluß gefunden. Wer über eine Spaltung der Partei und über den Verbleib der beiden Telle orakeln will, sollte wenigstens erst den Vertretertag abwarten.

Nach den Wehrvorlagrn ist, wie wir hören, nunmehr auch di« Deckungsvorlage dem Bundes­rat zugegangen. Ei« schlägt bekanntlich die Be» femgung der sogenannten »Liebesgabe* vor. Nnsere ^Erwartung, daß die Jnteresien der süddeutschen Brenner in irgendeiner Weise wahr» genommen werden würden, bestätigt sich Die Vorlage behält nämlich für die süddeutschen Brenner eine Spannung von 10 Mark bei: außerdem ist für diejenige« Kleinbrenner, die auf ihr Kontingent Der- zicht leisten, eine angemeffene Abfindung vorgesehen. Mit diese« beiden Maßnahmen sind die von uns geäußerten Bedenken auSgeräumt. Die Vorlage soll bereits am 1. September d. I. in Kraft treten. Die durch die Befestigung der sogen. Liebesgabe zu er»

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 23. März 1912.

Zur Beratung steht zunächst das Etatnotgesetz.

Staatssekretär Kühn: Ich habe zum ersten Mal in meiner gegenwärtigen Stellung die Ehre, das Etats­gesetz zu vertreten. Eins auszusprechen, ist mir Herzens­bedürfnis. Es bedauert niemand mehr a!S ich den Abgang des Mannes, der vor mir an dieser Stelle gestanden hat und die allgemeinen Richtlinien für die Finanzpolitik des Reiches für alle Zu­kunft sestgelegt hat. (Bravo!) Das Gesetz ist formaler Natur. Daß in diesem Jahre der Etat nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte, liegt zum Teil an dem jpäten Termin der Wahlen und vielleicht ist es auch ,ut, daß wir über den neuen Etat erst verhandeln, öenn wir die Ergebnisse von 1911 übersehen können.

Die Vorlage geht an die Budgeikommisston.

Es folgt die erste Lesung betr. Verlängerung der Brüsseler Zuckerkonvention.

Staatssekretär Kühn: Die Konvention von 1902 oar auch für uns ein Sprung ins Dunkle. Trotzdem hat der Konsum erheblich zugenommen. Nun haben wir Rußland weitere Vorteile einräumen müssen und es könnte die Zeit kommen, wo die Konvention durch derartige Vergünstigungen für Rußland für uns jeden Wert verliert. Jetzt ist aber die Zeit noch nicht ge­kommen. Wir wollten Rußland keine Schwierigkesten machen, sondern nur unsere berechtigten Interessen wahren. Wir haben schwere Opfer gebracht. Die Konvention ist diese Opfer wert. Jedenfalls ist der russische Wettbewerb an bestimmte Grenzen gefesselt. Wir haben unserer Zuckerindustrie die Exportmöglichkeit und den inländischen Konsum auf weitere fünf Jahre zu erhöhten Preisen gesichert.

Abg. Schwabach (natl.) verliest eine Protestreso­lution der braunschweigischen Zuckerindustrieüen.

Abg. Graf Schwerin-Löwitz: Es fragt sich, ob nicht ein verlragslofer Zustand den jetzigen Bedingungen lorzuziehen sei. Ein Teil meiner Freunde wird mit mir gegen die Konvention stimmen.

Abg. Bernstein (Soz.) tritt unbedingt für die Kon­vention ein.

Die Abgg. Sieg 'natl.) und Toormann (Bolksp.) stimmen für die Konvention als das Heinere Hebet

Abg. Dr. Arendt <Rp.) verlangt bei dieser Gelegen­heit größere Unabhängigkeit. unserer Zuckerindustrie durch Stärkung des Jnlandmärktes.

Abg. Spahn lZentr.): Wir sind überzeugt, daß wir zu einem besseren Vertrag nicht kommen werden. Deshalb stimmen wir dem Vertrag zu. Auch Som» rniflionsberatung halten wir nicht für notwendig, da st« praktische Erfolge nicht zeitigen würde.

Abg. Meding (Welse): Im Interesse der süd- hannooer'fchen Rübenbauern bedauere ich die Rußland zugeslandene Exporterhöhung, zumal dieses ein ver­stecktes Prämienlhstem schlimmster Sorte hat

Die Konvention wird in erster und zweiter Lesung gegen die Stimme eines Teiles der Konservativen an» genommen.

. folgt die Fortsetzung der zweiten Etatsberatung und zwar bet der Förderung des Klein» Wohnungswesens.

Abg. Dr. Jäger (Ztr.): Der Erlaß deS Reichsver- sicherungsamtes vom 11. Mai 1910 hat auf den Klein» Wohnungsbau schlimme Wirkungen ausgeübt. Die Gelder, die von den Berficherungsanstallen bezogen wurden, mußten 6 - 61/« Prozent aufbringen, nament­lich in Westfalen hat der Erlaß unangenehm gewirkt. Das zeigt die ganze Unhaltbarkeit unserer gesetzlichen Lage auf dem Gebiete des Wohnungswesens. Es ist die höchste Zeit, daß das Reich sich hier einmischt. Daß in Bezug auf das Kleinwohnungewesen alle Par­teien einig sind, daß ein energischer Schritt geschehen muß, beweisen die zahlreichen aus den verschiedenen Parte:en vorliegenden Wohnungsanträge. Sie alle wollen ein Reichswohuungsgeseh. Der Herr Staats­sekretär hat in feiner Rede vom 29. Februar 1912 auch die Möglichkeit betont, daß ein solches zustande kommen wird, wenn die einzelnen Bundesstaaten ver­sagen. Ich halte die Forderung einiger Parteien, die In allen Bundesstaaten die Wohnungsfrage einheitlich kegeln wollen, für einen großen Fehler. Der Zen- IrumSantrag will auch nur ein solches Rkichsgesetz, welches die Einzelstaaten veranlaßt, auf dem Gebiete des Wohnungswefens gesetzgeberisch vorzugehen. Die Bundesstaaten sind bisher sehr ungleich vorgegangen, am weitesten sind Heffen und Bayern voran, während andere Staaken, darunter auch Preußen, fast gar nichts getan haben. Es ist zu bedauern, daß man im Herren- Hause allem Anschein nach so wenig Verständnis für di« Wohnungsnot unseres Volkes hat. Höchste Zeit wird es, daß nun vom Reichstage etwas durchgreifen­des geschieht, denn der Reichstag hat nicht nur die Verantwortung, für die Beseitigung der unerhörten Rückstände im Wohnungswesen, sondern auch für die Erhaltung unserer Wehrfähigkeit. (Lebh. Beifall im Zentrum.)

, ®!.at>täfehetär Dr. Delbrück: Das Rundschreiben "E» Rerchsoe,sicherungsamtes, wonach die Versicherungs. anpallen Darlehen zu einem geringeren Zinsfuß alS aeben f«1 eemeinnü&ge Zwecke nicht mehr her- SS,Ä,Pnbft meine Billigung. Es ist aber, um eine Kündionn^n" v»meiden, Vorsorge getroffen, daß ausgeUehenfiLo" Darlehen, die zu weniger als 3W/. einem niedrigeren ginäfu^ i°UqenJe°r? “ä? 6*e

dem zur Auszahlung gelangen Darlehen trotz- «n der Lösung der Frage der bestrebt fein,

Kräften mit,„arbeiten. 8 «»hnungssürsorge nach

Abg. Götting (ntl.) empfiehlt zur ftörbentn„ s-, Wohnungsfrage die Ausgestaltung des Erbbaurechtes und die Heranziehung der in den Sparkassen aufoe. sitncherten Kapitalien. 18

Abg. Fischer-Hannover (Sozialist) meint, bei der heutigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung können die Wohnungsfragen überhaupt nicht gelöst werden.

Abg. Schirmer Zentr.): Wenn wir solange warten wollten, bis der sozialistische Zukunstsstaat errichtet wird, dann könnten wir lange ivarten. Seit einer Reihe von Jahren hat man nur w Millionen für die Förderung des Wohnungsweiens ausgeworfen. jP'r stehen auf dem Standpunkt, d^ß auch die fetzt ^willigten vier Millionen nicht entfernt ausreichen ^Zustimmung im Zentrum) Tatsache ist, daß nicht nur

Wohnungsnot besteht, fondern daß vor allem die «vhnungspreife fortgesetzt steigen. Besonders traurig U«n die Verhältnisse, wenn man sich die Belegung °",.u°'neu Wohnungen vergegenwärtigt. Für «ine flanie Rech« württembergrscher Städte ist festgestellt ^er bis zu 44 Prozent der gesamten Bevölkerung in Wohnungen mit weniger als zwei heizbaren Räumen untergebracht ist. Es liegt auf her Hand, daß unter solchen Verhältnissen Sitte Ww Ordnung nicht gedeihen kann. Ganz erschreckende VNhältnffs« zeitigt das sogenannte Echlafgängerwesen. vch habe persönlich Gelegenheit gehabt, in München Itzen Fall festzufiellen, wo m einem einzigen Zimmer

X Die ^aiserreise.

Am Samstag ist Kaiser Wilhelm mit dem Prinzenpaar August Wilhelm und der Prinzessin Viktoria Luise znm Besuche seines Freundes und Bundesgenossen Kaiser Franz Joseph in Wien eingetroffen. Di« Ankunft vollzog sich programm­mäßig, aber unter strömendem, vom Wind ge» peilschlem Regen. Nach dem Einlaufen des Zuges entstieg der Kaiser elastisch, wie immer, unter den Klängen bvt deutschen Kaiserhymne und unter dem Präsentieren der Ehrenkompagnie dem Wagen unb begrüßte den an Stell, des Kaisers Franz Joseph empfangenden Erzherzog Leopold Salvator durch kräftiges Händeschütteln. Ihm folgten die Prinzessin August Wilhelm, die Prinzessin Viktoria Luise und der Prinz August Wilhelm. Nach der Begrüßung der kaiserlichen Gäste durch die Mit­glieder des Kaiserha.'st s, den üblichen Vorstellungen . und dem Abschresten der Ehrenkompagnie erfolgte die Abfahrt im geschlossenen Wagen zum Schloß Schönbrunn durch die sahnengeschmückten Straßen von Penzig, an betten sich trotz der Ungunst der Witterung dichte Spaliere von Menschen gebildet hatten, die den Kaiser unb sein« Begleitung durch Hochruf« unb Tücherschwenken begrüßten.

Di« beiden Monarchen hatten im Lause des des Nachmittags ein längeres Gespräch unter vier Augen. Auch mit dem neuen österreichischen Minister des Aeußeren Gras Berchtold hatte Kaiser Wilhelm eine Unterredung. Abends war große Gala täfel in Schönbrunn. Sodann setzt« der Kaiser seine Reise nach Venedig fort. Der Abschied beider Monarchen war außerordentlich herzlich. Erzherzog Leopold Salvator begleitet« Kaiser Wilhelm zum Bahnhof.

Me Ankunft in Venedig erfolgte Soun- tag mittag. Auf dem Bahnhofe waren der deutsche Botschafter, der deutsche Konsul, hervorragende uni deutsche Persönlichkeiten und Vertreter der Venezia- nischen Behörden erschienen. Eine große Menschen menge bereitete dem Kais», der sich sofort an Bord der Hohenzollern begab, begeisterte Kundgebungen

** Berlin, 25. März 1912. Die Kaiserin besuchte am Samstag zum zweiten Male die Aus­stellung „Die Frau in Haus ttttb Beruf". — Der Kronprinz ist Montag früh 7 Uhr in Danzig eingetroffen und hat sich nach Langfuhr begeben. — Prinz Oskar von Preußen ist in Lieser a. d. Mosel zum Besuch der Frhr. v. Schorlemerschen Familie eingetroffen. Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemcr wird ebenfalls in den nächsten Tagen zu mehrtägigem Aufenthalte eintreffen. —■ Die „Nordd. Allgemeine Zeitung" erklärt, eine von ver­schiedenen Blättern gebrachte Meldung, der Reichskanzler habe am 19. März fein Ab­schiedsgesuch eingereicht, gehöre ins Reich der Fabel. — Die Ernennung des Geh. Oberregierungs­rats und Vortragenden Rats im Reichsamt des Sinern Delbrück zum Präsidenten des Kaiser!.

atistischen Amtes ist im Reichsanzeiger publiziert worden. — Das preußische Staats mini st e- r i u m trat Montag zu einer Sitzung zusammen. — Ein Reichskartellgesetz soll nach verschiede­nen Meldungen in Vorbereitung sein. Das zu schaffende Kartellamt soll die Ausgabe haben, die Kartelle einer Beaufsichtigung zu unterwerfen. — Das Ostseegeschwader und die Auftlärungs- schiffe der Hochseeflotte sind Samstag abend in Wil­helmshaven eingetroffen.

c. Dir Steuerkommisfion des Abgeorduetenhauses beriet in ihrer letzten Sitzung die zum § 17 ge­stellten Anträge. Verschiedene Anträge zum Steuer­tarif und über die stärlere Besteuerung unver­heirateter Personen wurden abgelehnt. Zum Kinder­privileg liegen 4 Anträge vor, die einen weiteren Ausbau des Kinderprivilegs bezwecken. Nach der Berechnung der Staatsregierung würde der Antrag des Zentrums einen Steuerausfall von 22,5 Mill. Mark zur Folge haben, der Güter noch pro Jahr um 10 Prozent steigen werde. Der Vertreter des Ministeriums des Innern warnt vor weiterem Aus­bau des Kinderprivilegs. Hierdurch würden zu viele Zensiten steuerfrei. Die Weiterberatung findet Dienstag statt.

c. Die Handels- und Gcwcrbekommisfion des preußischen Abgeordnetenhauses setzte am Samstag die Beratung der Anträge betr. das Ver­dingungswesen fort. Nach einiger Debatte wurde einstimmig beschlossen, 1) die Regierung zu er­suchen, die Nachgeordneten Behörden anzuweisen, in allen geeigneten Fällen bei öffentlich auszuschreiben­den handwerksmäßigen Arbeiten von Bedeutung die Ausschreibungsbedingungen der betr. Handelslammer und falls sie in Betracht kommt, der Handelskammer in je einem Exemplar rechtzeitig zur Kenntnisnahme mitzuteilen. 2) Der betreffenden Kammer aus ihr Ersuchen in geeigneten Fällen den wesentlichen In» halt der Preisangebote ohne Namensangabe zur Kenntnis mitzuteilen.

-h Der Entwurf eine- EisenbahnanleihegesetzkS ist dem preußischen Abgeordnetenhaus zugcgangen. Ter Entwurf fordert 336 Millionen Mark; davon entfallen auf die Herstellung neuer Eisenbahnlinien 83 Millionen Mk., aus den Erwerb des Grund und Bodens 14,3 Millionen Mark. Zur Herstellung von zweiten und dritten Gleisen sind 23,4 Mill. Mark erforderlich.

* Neue Reichstags-Wahlnincn. Wie die »Tägl. Rundschau"' hört, schweben Erwägungen, die eine erhebliche Verbesserung des Schutzes des Wahl- geheimniffes für die Wahlen zum Reichstage be­zwecken. Mandentt daran, einheitliche Wahl­urnen zu beschaffen, bereit Konstruktion das Ge­heimnis der Wahl sichert und eine Beobachtung der Wähler durch irgendwelche Machenschaften mit dem Wahlzettelumschlage ausschließt. Die Wahlurnen sollen vom Reiche den einzelnen Wahlbezirken kosten­frei geliefert werden.

* Eine Erhöhung der Maunschastslöhue ist be> kanntlich in dem neuen Wehrgesetz vorgesehen. Wie verlautet, ist die Erhöhung auf 27 Pfg. für den Tag und den Mann geplant.

)( T»e deutsche Luftflotte soll jetzt anscheinend erheblich ausgebaut werden. Tie Heeresverwaltung hat, wie eine Berliner Korrespondenz mittelst, soeben bei der Zeppelin-Luftfchisfbau-Gffellschast in Fried­richshafen ein neues Zeppelin-Luftschiff bestellt, das tut Sommer d. I. bereits zur Abliefe­rung gelangen soll. Ferner ist bei der Luftfahrzeug- Gesellschaft in Bitterfeld zur Verwendung als Mili­tärluftschiff von der Milstärverwaltung ein neuer Parseval bestellt worden, der schon im Mai ab­geliefert werden fall. Falls sich das Luftschiff Schütte-Lanz bei seinen nach Ostern beginnen­den Probefahrten als geeignet für Kriegszwecke er­weist, ist es nicht ausgeschloffen, daß die Militär­verwaltung diesen Lustkreuzer erwirbt. Das Mili­tärlustschiff „M. 4", das zu einem kleinen Luftschiff vom Typ „M. 3" umgebaut wird, dürste im Laufe dieses Sommers fertiggcstellt sein, um dann seine Probefahrten zu unternehmen. An Luftschiffhallen für Luftkreuzer größter Abmessungen, also Zeppe­lin-Schiffe, sind gegenwärtig in Deutschland zehn Häfen vorhanden.

+ Tie nationalliberale Riichstagßftakiiou wählle den Abg. Prinz zu Schönaich.Carolath zum ersten, den Abg. Sieg zum zweften Stellvertreter des Vorsitzenden und den Abg. Schwabach zum Kassenwart und Stellvertreter des Geschäftsführers. Vorsitzender ist bekanntlich der Abg. Bassermann. Der Vorstand der nationalliberalen Reichstags- ftaktion setzt sich fomit ausschließlich aus Mitgliedern deS sogen, linke« Flügels der Fraltion zu­sammen.

erstaunliche Szenen ab. Eine Abteilung Mädchen, die mit der lauwarmen Aufnahme des allgemeinen Frauenstimmrechts in der Nationalversammlung nicht zufrieden waren, drangen in den Sitzungssaal, zerbrachen sämtliche Fensterscheiben, ver­prügelten die Saaloiener, und viel hätte nicht gefehlt, und sie hätten auch den armen Abgeordneten, die vor Schreck nicht wußten, was sie tun sollten, ihren Standpunkt in ähnlich handgreiflicher Weise klar gemacht. Schließlich wurde Militär zum Schutze der Nationalver­sammlung herbeigerufen. Dieser Sturmangriff der holden Weiblichkeit halte zur Folge, daß die Debatte über das Frauenstimmrecht wieder eröffnet wurde. Nach einer späteren Meldung ist die Gesetzesvorlage auch tatsächlich angenommen worden.

** Der Bürgerkrieg in Mexiko wird mit geradezu entsetzlicher Grausamkeit geführt. Aus Jiminez wird gemeldet: Nach einem dreitägigen Kampf, wobei es auf beiden Seiten viele Tote gab, nahmen schließlich die Rebellen den Sieg für sich in An­spruch. Die Rebellen ließen eine mit Dynamit­behältern gesüllteLoko Motive gegen einen Panzerzug der Bundestruppen fahren." Bei dem Zusammenstoß wurden 60 Mann getötet. Der Rebellengeneral rechtfertigte diefeS Verfahren damit, daß die Bundestruppen am SamStag das trockene Kraul angezündet hätten, sodaß die beiderseitigen Verwundeten verbrennen mußten.

** Ermordung des Fürsten von Samos.

Der Fürst von Samos Andreas Kopassis- Effen, ist am Freitag abend in der Nahe des Palais am Kai, als er von einem Spaziergang zurückkehrte, von einem Griechen erschossen Word en. Der Attentäter gab drei Nevolverschüsse ab, die sämtlich trafen. Ein Schuß verletzte den Fürsten in der Brust, eine zweite Kugel die Nieren, eine dritte den Unterleib. Der Fürst brach sofort zusammen und wurde von seinem Gefolge in das Palais getragen, wo er nach schwerem Todeskampf am Samstag nach­mittag verschied. Der Mörder, ein Grieche namens P a i n d e s, wurde durch die Ortspolizei ver- haft et.

Die Insel Samos nimmt eine eigentümliche staatsrechtliche Stellung ein. Sie ist nominell der Pforte unterworfen und zahlt dieser einen jährlichen Tribut. Der Fürst aber, den die Pforte ernennt, muß, laut dein von England, Rußland und Frank­reich verbrieften Garautievertrag, ein Grieche sein. Die Sanner, in der Mehrzahl Griechen, streben ebenso wie die Kretaer eine Vereinigung mit Grie­chenland an. Sie haben mit ihren Fürsten nie viel Federlesens gemacht, sobald sie ihnen zu türkcn- freundlich erschienen. Aber bis zum gemeine» Meuchelmord ist es bisher nie gekommen; man setzte öfters den Fürsten in unbluttger Revolution ab, zwang ihn, seine Koffer zu packen und erbat sich von der hohen Pforte einen andern. Die Pforte, froh, wenigstens den Tribut von der Insel weiter zu erhalten, gab stets nach. Erst die Jungtürken­herrschaft zeigte sich energischer. Als 1907 wieder mal eine dec landesüblichen Meuten losbrach, er­schien russisches Militär und stellte die Ruhe wieder her.

Die Erregung auf Samos fft groß. Der Mord zieht zweifellos ernste Wirren auf der Insel nach sich. Kopasiis wurde 1896 als Sprößling einer alten angesehenen Familie geboren und trat schon in jungen Jahren in den Dienst der krettschen Re­gierung, von der er schließlich zum ersten Sekretär der krettschen Generalversammlung ernannt wurde. Später wurde Andreas Kopasfis nach Beirut und dann als Staatsrat nach Konstantinopel berufen. Von dort ging er 1907 auf den Rus des Sultans als Fürst nach Samos.

Zum Nachfolger des Ermordeten wurde durch Beschluß des Ministerrates zum Fürsten von Samos Beglery, ein Grieche unb früherer Gehilfe des Walis von Trapeznnt, ernannt.