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Zeitung

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Erstes Blatt

Jv2 67.

Fulda, Donnerstag den 21. März 1912.

Jahrgang

rnonakbellage: „Mdaer SeschichtsSlätter"

»nzt^ütn: Der 8a«» einer einig. 60 Ion eh jeile, 47 mm breit, kostet ISPfz. Retlamen: Der Bantn einer 6o!n nelzeue, 74 mm breit kostet 49 pfg. Bei Wie« derho ungen Uabait SürGflert-u Aurinnst- anzeigen 29 pjg. ezlra.

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s Die Wahlpröfungskommission des Reichstages ’ kam Mittwoch zu dem Beschluß, die Wahl des Abg. ■ Kölsch (natlib., Kehl-Offenburg, gewählt gegen bisherigen Zentrumsabg. Schüler) zu beanstanden, : nachdem die Prüfung der Einsprüche die Notwen- : digkeit einer Beweiserhebung ergab. Auch die an­gefochtene Wahl des Abg. Haupt (Soz., Jerichow) wurde beanstandet und Beweiserhebung beschlossen.

* Eine Herabsetzung der Altersgrenze für die Altersrente war bekanntlich vom Reichstag gefordert worden. Zur Prüfung der Frage, ob eine Herab­setzung in nächster Zeit möglich erscheint, wird die Regierung demnächst einen Sachverständig genausschuß einbernfen. Die Sachverständigen werden sehr umfangreiche Erhebungen veranlassen, um festzustellen, ob die Herabsetzung der Alters­grenze bereits vor dem Jahre 1915 erfolgen kann.

== Der Wechsel im Neichsschatzamt. Der Reichs- anzeiger meldet die Ernennung pes Vortragenden Rates im Reichsschatzamt Geh. Oberregierungsrats Jahn zum Unterstaatssekretär des Reichsschatzamtes- Mit dieser amtlichen Kundgabe wird eine entgegen, stehende Nachricht richtiggestellt, die durch die Presse begangen war. Danach sollte der Mmistcrialdirektor Herz in diese Stelle eingerückt fein. Herr Jahn gehört zu den jüngern Vortragenden Räten im Reichsschatzamt. Er überspringt durch seine Er­nennung fünf bis sechs dienstältere Kollegen. Zu seinem Ressort gehörten insbesondere auch all die Arbeiten, die mit dem Servistarif zusammenhängen. In den Kommissionen des Reichstags >st er vielfach tätig gewesen.

4- Annäherung der Resormpartei «nd der deutsch, sozialen Partei. Im Reichstage fand am Sonntag eine Vorstands- und Vertrauensmönnersitzung der deutschen Re form pari ei statt. Unter dem Vor­sitze des Reichstagsabg. Werner wurde vor allem die Frage der Parteitaktik behandelt. Es wurde ein Antrag angenommen, in dem die Resormpartei nach wie vor parteipolitisch ihre Unabhängigkeit er­klärt, aber taktisch sich zu allen nationalen Parteien so stellt, daß Meinungsverschiedenheiten von unter­geordneter Bedeutung unmö lich werden. In erster Linie soll ein gemeinsames Arbeiten aller anti­semitischen Richtungen angestrebt werden. Zu dieser Frage der Tagung wurde ein Antrag angenommen, in bem_ der deutsch.sozialen Partei Annäherungs- vorschläqe unterbreitet werden.

4-Lügen haben kurze Beines Die liberale Presse ist unermüdlich an der Arbeit, dem Zentrum alles dem Liberalismus Unangenehme an die Rockschösse zu hängen. U. a. tut sich besonders die .Rational- zeitung', das Organ des Hansabundes hervor. Das Blatt behauptete am Dienstag (Nr. 63) mit einer von keinerlei Sachkenntnis getrübten Sicherheit, daß der Rücktritt Wermuths eine zwischen dem Reichskanzler und dem Zentrum abgekartete Sache gewesen sei. Wermuth hade vor 8 Tagen noch n cht gewußt, daß längst alles abgemacht ge­wesen^ sei. In dec Redaktion der »Germania^ sei man über sein nahes Schicksal besser informiert ge­wesen, als er selbst es war. Diese Behauptungen sind so lächerlich, daß sie einer Widerlegung gar nicht wert sind. Es ist aber trotzdem ganz gut, ba6 die ,Roidd. Allg. Ztg/ das 3)iät fett l er ,Natioualztg." zerstört und alles was die /National* ztg/ behauptet, als „eine dreiste Erfindung" bezeichnet.

a I« der Petitionskommission des Neichstagrs standen Mittwoch zwei Fragen von allgemeinem In- teresie zur Erörterung. Die eine betrifft die Be­legung der K l e i n st ä d t e mit Garnisonen. Tie Kommission stellte sich grundsätzlich auf den Standpunkt, die Eingabe des Verbandes der kleinen Städte zur Berücksichtigung zu empfehlen. Bei dem anderen Punkt handelt es sich um die Eingaben der Jmpfgegner. Die Kommission wird unter Zu­ziehung eines Regierungsvertreters zu der Frage Stellung nehmen.

mit bollem Gehalt pensioniert!) Abg. Borchardt for­dert Klassen von 10 Schülern. Der Ausgabeetat stei- gert sich also auf das Sechsfache, das gibt einen lau­fenden Etat von 3 Milliarden. (Heiterkeit.) Herr Schulz verlang: aber auch die unentgeltlicbe Verpfle­gung aller, also auch der höheren Schüler. Dies macht, auf den Kopf unb Tag nur 50 Pf. gerechnet, 1375 Millionen Mark. (Heiterkeit.) Hierzu soll noch kom­men Kleidung auf Staatskosten, macht ganz niedrig | berechnet 75 Millionen. Insgesamt 4760 Millionen Mark. (Heiterkeit.) Nun soll nach Schulz aber der Schulunterricht mit dem dritten Lebensjahr beginnen; e8 kommen also noch 1600 Millionen Mark hinzu. Das ergibt zusammen an laufenden Ausgaben 6300 Mill. M a rk. (Große Heiterkeit.) Herr Borchadrt hat uns nicht betraten, woher wir triefe Summe neh­men sollen. (Sehr richtig! rechts.) In offiziellen Kundgebungen der Sozialdemokratie wird der Reli­gionsunterricht eine Vergewaltigung des Kindes ge­nannt und Verweltlichung der Schulen gefordert. Weil es sich um den Kampf gegen das positive Christentum, das katholische wie da- evangelische, handelt. Dem­gegenüber müssen wir unbedingt daran festhalten, daß alle die, die _an der Erziehung praktisch beteiligt stvd. auch auf gläubigem Boden stehen; das religiöse Freidenkertum arbeitet der Sozialdemokratie direkt in die SSänbe. (5?ebb. Beifall.)

Morgen: Fortsetzung.

Zum Kapitel .Elementarunterrichts- wesen" liegen mehrere Anträge vor. Ein Antrag Dr. v. Campe (natl.) fordert für den nächsten Etat erhebliche Mittel zur Beseitigung der über­füllten Klaffen; ein Antrag Hoff (Vp.) fügt hinzu: Und der Halbtagsschulen. Ein Antrag v. Gotz- ler (k.) fordert besondere Mittel zur Förderung der I Pflege der schulentlassenen weiblichen Jugend. Ein Antrag Heß (Z.) fordert Aufhebung der Bestimmungen, wonach Volksschullehrer zur Aus- Übung der Jagd der ausdrücklichen Genehmigung I bedürfen. Ein weiterer Antrag Heß-Kesternich-Mar; (3-) fordert erhöhte Entschädigungen für die Teilnahme der Lehrer an Kreisschulkonferenzen. An­träge Aronsohn (Vp.) und Dr. v. Campe (natl.) for. dem Zulassung der Lehrer zum Universitäts- besuch. Zu dem Kapitel steht auch die Denkschrift Über die Jugendpflege unb der dieselbe Materie be- handelnde Antrag Dr. Friedberg (natl.) zur Debatte.

Dr. Jderhoff (k.) weist auf die Notwendigkeit der Beseitigung bet überfüllten Klassen bin.

Abg. Dr. Hetz (Z.): Abg. Borchardt hat am Sams­tag eine Rede gehalten, die wissenschaftlich ungewöhn. lich wertlos war. Er hatte wohl die Absicht, sich hier als parlamentarischer Anfänger zu zeigen. DaS hat er ja gar nicht nötig, denn das wis- | fen wir ja. (Heiterkeit.) Er sagte auf der einen । Seite, die Finanzfrage sei der Kernpunkt für das Volksschulwesen — darin hat er recht —, und auf der anderen Seite forderte er Klassen mit nur 8 bis 10 Schülern. Hier haben mir Gelegenheit, einmal nachzurechnen, was die sozialdemokratischen Forde- rungen kosten. Für gewöhnlich werden die sozialde­mokratischen Forderungen so vorsic^m formuliert, daß man sie nie nachrechnen kann. Die Forderung der Klassen mit 10 Schülern hat der Abg. Borchardt einem Buche des soz. Reichstagsabg. Schulz entnommen, der früher Lehrer war. Herr Schulz spricht es noch be- sonders aus, die Sozialdemokratie werde die skandalöse Klassenübe'rfüllung auf dem schnellsten Wege befeitigen. Geschwindigkeit ist ja keine Hexerei: Herr Hoffmann wird Kultusminister und die Sache ist gemacht. (Abg. Hoffmann: Dann werden Sie

Einfluß haben könnte, ist eine ganz haltlose Ver­

mutung.

Abg. Schwarz-Schweinfurt (Z.) tritt dem Abg. Dr. Blunck bei und klagt über ungenügendes Entgegen­kommen des ReichsgesvndbeitSamtes.

Abg. Nacken empfiehlt die Resolution feiner Frak. Hon, die insbesondere die volle ArbeitSrnhe an den Weihnachts-, Oster- und Pfingstfeiertagen in den Me­tall-, Hütten- und Walzwerken fordert.

Abg. KringS-Neuwied (Z.) führt Klage über die Staubplage, die besonders durch elektrische Bah- nen und AutoS verursacht würde.

_8®g. Tüssner (Z.j verlangt weitergehende Ent- toäbigung für die Verseuchung von Flüssen durch Abwässer.

Damit schließt die Aussprache über bat Reichsae- sundheitSamt.

Sämtliche Resolutionen werden ange­nommen. — Donnerstag: Weiterberatung.

Deutsches Nelch.

** Berlin, 20. März 1912. Nach den letzten Entscheidungen wird der Kaiser am Samstag in Wien weilen, um Kaiser Fra n z Ioseph zu besuchen, und am Sonntag in Venedig eintreffeu, um mit König Viktor Emanuel zusammenzutreffen. Von dort aus wird die Fahrt nach Pola anaetreten, wo der österreichische Thronfolger sich einfinden wird, und । ann wird die Fahrt nach ein- bis zweitägigem Ausenthatt nach Korfu fortgesetzt werden. — Das Kronprinzenpaar begab sich am Mittwoch abend mit dem fahrplanmäßigen Nachtschnellzug von Danzig auf einige Tage nach Berlin.

* Ter Kaiser bei Cambon. Ter Kai «besuch in der französischen Botschaft bildet selbst in dieser politi'ch bewegten Zeit einen der am meisten be­achteten Vorgänge. Und namentlich Paris ist na­türlich sehr interessiert. Selbstverständlich laufen schon die in solchen Fällen üblichen Berichte ein, wie der Kaiser seine französischen Festgenoffen be­zaubert habe. Er sprach, wie gemeldet wird, über die Schönheit des französischen Landes, über das französische Theater, über die Kunst, über Tante und zitierte aus Rostands Chantecler den ganzen Hymnus an die Sonne und sprach sein Bedauern aus, daß man diese Worte nicht ins Deutsche über­setzen könne. Der Botschafter war Berichterstattern gegenü.er entzückt von dem Erfolge des Abends. Daß der Satter mit dem Botschafter auch „ein wenig* über Politik gesprochen habe, sei nicht zu leugnen.

K Neber allen Wipfeln

ist wieder Rnh*.

Die Krrsengerüchte waren Eintagsfliegen. Be» ruhtgend werkten vor allem zwei Tatsachen: einer­seits die Wtederausnahme der Kaiserreise zu dem alten Termin vom Freitag abend, andererseits der glatte Abbruch des RuhrstreikS.

Es zeigt sich jetzt deutlich, daß all' die .Nach.

^bei .tine Zuspitzung der hochpolitischen Berhältniffe mcht anderes waren als Vermutungen, welche daS Rätsel der Aufgabe oder Verschiebung der Kaiserreise lösen sollte. Erst die Kunde von der Einstellung der Reisevorbereitungen, die von Wien auS in die Welt flatterte, hat die Entenzucht in so großartigen Ausfchwung gebracht. Einige Blätter, die in Sensation milgemacht hatten, suchen jetzt aus den Leichen der Enten noch einige Knochen zu retten. Mögen sie daran nagen, soviel sie wollen. Ernster ist jedenfalls die Meldung von der Amtsmüdigkeit Herrn v. KiderlenS zu nehmen. In parlamentarischen Kreisen erhall sich, wie man uns versichert, das Gerücht von seinem bevor­stehenden Rücktrstt hartnäckig. Möglich sei aller» dmgs, daß die Entscheidung sich noch etwas hiuaus- zogere. Diese .Frage* wird demnach noch nicht akut fein, daß sie aber auf die Reise des Kaisers

wenn auch die sozialdemokratische nnd die geistesver­wandte liberale Presse in der alten Schwarzmalerei und Hetzerei fortfährt.

Ein erfreuliches Zeichen ist jedenfalls die schnelle Beendigung des verfehlten Ruhrstreiks. Aller­dings sind noch einige Nachwehen zu erwarten; na­mentlich in dem Zusammenleben der enttäuschten Streikgenoffen mit ihren vernünfttgeren Kameraden. Aber nachdem wir über den Hund gekommen sind, werden wir auch über diesen Schwanz kommen. Die Festigkeit des christlichen Gewerkvereins und das entschiedene Eintreten der Staatsgewalt zum Schutze der Arbeitswilligen haben einen gewaltigen E r f ol g gezeitigt, der den Respekt vor dem Gesetze und der Autorität, also auch dem inneren Frie­den dauernden Vorteil sichern wird.

Also sehen wir in Ruhe der weiteren Entwick­lung entgegen.

s Die Budgetkommission des Reichstags beschäf­tigte sich am Mittwoch in einer ausgedehnten Sitz­ung mit dem Eingeborenenrecht in den Kolonien. Dabei kam das bekannte Ehever­bot, das die Ehe zwischen Weißen und Eingeborenen in Südweftafrika und Samoa verbieten will, zur

I Kultusminister v. Trett 4» Sol» erwidert, daß die von den Rednern borgebrächten Wünsche vor die Pro­vinzial- unb General-Synode gehören. Der Abg. Kopsch habe hervorgehoben, bah die Kirchenbehörben selbständig seien unb die Staatsbehörden keinen Ein­fluß auf sie auSzuüden. Dennoch habe er von ihm eine moralische Beeinflussung beS Lbertirchenrate» verlangt. Er müsse eS ablehnen, auf den Oberkirchen- rat einen Druck auSzuüben.

Abg. Dr. Hockenberg (natl.) stellt sich gegenüber den freisinnigen Seußerungen auf den Standpunkt deS Ministers. Bezüglich der Lehrfteiheit befinde sich die ewvangelifche Kirche in einer sehr schwierigen Lage. In der evangelischen Kirche — da- müsse immer Grundsatz bleiben — sitze man Nicht zu Gericht über den persönlichen Glauben deS Einzelnen, aber für die Diener der Kirche gibt es auch auf evangelischem Boden keine schrankenlose Lehrfreiheit, denn dadurch würde ber ganze Organismus der Kirche zerstört werden. Ob ein Geistlicher eine Lehrabwei­chung sich habe zuschulden kommen lassen oder nicht, darüber habe das Spruchkollegium zu entscheiden unb dieser Entscheidung müsse sich der betreffende Herr fü- gen. Namens der gesamten evangelischen Kirche weist Redner die Kritik ber Herren Kopsch unb Runze auf das entschiedenste zurück. (Lebh. Beifall rechts unb bei den Natl.)

Nachdem sich noch die Abgg. Winkler (L), Hammer (!•)» TyonysinS (L). Nandohr (ff.) und Sielermann (L) zu dem Titel geäußert haben, wirb das Kapitel bewilligt.

Ohne Debatte bewilligt wird daS Kapitel »Bis- tümer, katholische Geistliche unb Kirchen, altkatholische Geistliche und Kirchen", ferner das Ka­pitel „Provinzialschulkollegium" nach unwesentlicher Debatte.

fchen Schutzgebieten sicherstellt. Staatssekretär Dr. Sols verteidigte unter eingehender Darlegung der tatsächlichen Berhältniffe seinen Erlaß, betonte da­gegen, daß er nicht beabsichfige, in die kirchlich-reli­giöse Auffassung einzugreifen, aber die öffentlich- rechtlichen Berhältniffe müßten nach Raffegefühl ge­regelt werden. Bon Seite der Antragsteller wurde diese Auffaffung bekämpft. Im engeren Baterlande selbst stehe der Eheschließung zwischen Weißen und Schwarzen nichts entgegen, und im Südwest sei die Anerkennung einer Mischehe, die im benachbarten englischen Kolonialgebiet gültig geschloffen würde, nicht zu umgehen. Der Zustand, wie er heute be­stehe, wo ein Weißer eine Schwarze mißbrauche, dann aber keine Konsequenzen und Verpflichtungen anzuerkennen brauche, sei unhaltbar. Der Zentrums­antrag wurde angenommen gegen die Stimmen der Konservativen. Ebenso ein Amendement der Fort- chrittlichen Bolkspartei, den Gesetzentwurf auf die Regelung der Rechte derjenigen unehelichen Kinder auszudehnen, auf die das B.G.B. zurzeit noch nicht Anwendung findet.

Sprache. Das Zentrum beantragte durch solution: die Regierung um die Einbringi

Gesetzes zu ersuchen, welches die Gültigkeit der Ehen zwischen Eingeborenen und Weißen in allen beut»

Die Abgg. Kopsch (Vp.) unb Dr. Runze (Vp) freiheitlichere Gestaltung ber evangelischen Kirchenverfassung und klagen über die -Ketzergerichte' d«S Oberkirchenrates. Der Minister solle in biefet Hinsicht auf den Oberkirchenrat einen Druck ausüben.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus. *

Sitzung vom 20. März 1912.

jefefct 8lDeite beS «ultusetatS wirb

Beim Kapitel evangelischer Oberkirchenrat langen

RegierungSkommiffar Geheimrat v. Stein versichert, daß er alles tun werde, um Mängel ui der Weinkontrolle |u beseitigen.

Präsident des Reichsge^undheltSamteS Bummr Eine Einfuhr von Büchsenfleifch und Wurst au8 Dem AuStande, wie sie von fozialdemokraMcher Sette gefordert wurde, kann nicht gestaltet werden. Eine Reihe von Fällen haben bewieien, daß wir uns auf die vom Auslände mitgevrachlen Gefundheitszeugnisse Nicht verlassen können. 91teinanö kann behaupten, daß das ausländische Fleisch bet der Fleischbeschau strenger behandelt wird als das inländilche. (Sehr richtig! rechts.) Aber bei Büchfinfleifch und Wurst ist eine Kontrolle von vornherein ausgeschlossen. Bon einer Unterernährung des deutschen Volkes wegen Mangels an Fleisch zu sprechen, ist grober Unfug. (Unruhe bei den Soz.) Der meiste Verlaß ist auf di« .urländische Produktion. (Sehr richtig! rechts.) Deshalb ,barf man den inländischen Viehzüchter nicht kopfscheu machen in seiner Produklionsfteuoigkeit. DaS bette und gesündeste Fleisch wird man dem Volke liefern tönnen, wenn wir die Tiere lebend und geschlachtet untersuchen können.

Abg. Dr. Becker (wild) weist darauf hin, daß die sogenannten Kranken-, Kinder- und Stärkungsweine Wielfach nicht einwandfrei find. Der Redner bespricht jbie Verhältnisse der Medizinalpraktikanten. Es ginge nicht an, einen Zwangsparagraphen einzuführen, der |bie Krankenanstalten verpflichtet, jeden sich meldenden Praktikanten anzunehmen.

Abg. v. Schulze-Gävernitz fpricht sich ebenfalls für eine schärfere Kontrolle der ausländischen Weine aus.

Vizepräsident Tove teilt mit, daß zum ReichIge- sundheifsamt noch 18 Redner gemeldet sind.

Abg. Pauly-Cochem (Z.) spricht über die Auslän­derweine im Sinne der Vorredner.

Abg. Leube (Vp.) polemisiert gegen den Präsiden­ten des Reichsgesundheitsamtes.

Abg. Richter (Z.) wünscht ein Lbstweingesetz.

Geheimrat Freiherr vom Stein vertröstet den Red- ner auf die Revision des Nahrungsmittelgesetzes.

Abg. Dr. Blunck (Vp.) befürwortet die Resolution keiner Fraktion, die eine reichsgesehliche Regelung ber Verhältnisse des Krankenpflegepersonals fotbert.

Ministerialdirektor Gt>f»ar: DaS Material ist na. hezu beisammen und wird im Reichsgesundheitsamt Bearbeitet Ein Gesetzentwurf über die Unfallsür- sorge für gemeinnützliche Tätigkeit ist nahezu fertig- gestellt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 20. März 1912.

Die Beratung des Etats des Reichsamte- bei Innern wird fortgesetzt beim Kapitel „Rerchsgesund- hettsamt". Eingegangen ist eine weitere Resolution Dr. Schädler und Gen. (Zlr.): Die Verordnung auf Grund des § 105 der Gewerbeordnung tunlichst bald einer Revision zu unterziehen, insbesondere dahin, daß die volle Arbeitsruhe an den Weihnachts«, Ostern» und Pfingstfeiertagen In den Metallhüten und Walzwerken gesichert wird.

Dr. Burckhardt (roirtfd). Bgg.): Die gestrige Debatte Über die Zurüctroeimng jüdischer Praktikanten seitens deS Krankenhauses In Britz hat wieder einmal gezeigt, daß das Wort wahr Ist: .Wenn Irgend wo m bet Wett einem ein einen Juden ein vermeintliches unb wirkliches Unrecht geschieht, dann macht die ganze Oudcnschaft mobil" Sehr richtig rechts!. Der Herr taatssekretär Hal mit vollem Recht em Eingreifen in die Haltung der Krankenhäuser abgelehnt. Es Ist be­zeichnend für den Freisinn, der sich sonst angeblich gegen jede Einschränkung der Selbstverwaltung zur Wehr setzt, daß er hier die Kranke,.haußdnektoren zwingen will, Praktikanten alffzunehnien, die thnen nicht ge­fallen. (Beifall rechts.) Redner fragt an, rote weit die Regelung des Apotheken wesenS gediehen sei.

Staatssekretär Delbrück etroiöert, die Regelung des Apothekenroesens solle durch die Einzelstaaten erfolgen.

Abg. Graf PosabswSky (roitb) schllverk die schwere Schädigung, die der VoUsgesundhelt, der Landroirtschafl und auch einzelnen Jndustr'en aus bet Verunreini­gung der öffentlichen Flüsse durch die Abwäffer der Chlorkalifabriten erwachsen, und fotbert reichs- gesehliches Einschreiten gegen diese Schäden.

Staatssekretär Delbrück ist der Ansicht, eS ließe sich vielleicht auf anderem Wege, etwa auf dem Wege einer Verständigung zwischen Den Beteiligten, dieser Schwierig­keiten Herr werden.

_ Abg. Bretz (Soz.) begründet eine sozialdemokratische Resolution, bei Erhebungen über die Gesundheusoer- Mltniffe der Arbeitet in Der chemischen Industrie auch Arbeiter hetanzuziehen.

Mimsterialdiletlor Dr. Caspar hält die Resolution für praktisch erfolglos, da den Arbeitern die chemischen Kenntnisse abgehen, die bei ber Vornahme von Er­hebungen über die Gefundheiisverhältnisfe tu bet chemischen Industrie notwendig sind.

Nach unweienilichen Ausführungen der Abgg. Heck (ntL) und Fischbeck (Vp.) begründet

1 Abg. Baumaun t-j.> die Forderung seiner Fraktion dach einer schäneren Kontrolle ber Einfuhr aus- ländischer Weine u.id einer strengeren gleichmäßigen Durchführung der KellerloniroUe. Die gegenwärtige Grenzkontrolle fei mangelhalt unb führe in ihren Kon» fequenzen dazu, baß die ausländischen Weine vor den jnlänbischen direkt bevorzugt werden.

Viel mehr Wahrscheinlichkeit hatte die Annahme, daß der Kaiser erst die Beendigung ber Wirren im Ruhrgebiet abwarten wollte, ehe er ins Aus­land ging. Tatsächlich ist ja, sobatt) der Abbruch des Streiks förmlich beschlossen und eingeleitet war, der Befehl gegeben worden, die Abreise wieder zu dem früheren Termin vorzubereiten. Im übrigen ist es ja selbstverständlich, daß auf ein so weit und hef greifendes Reiseprogramm nicht bloß die öffent­lich bekannten politischen Tagesereignisse, sonder» auch persönliche, häusliche, für die Oeffentlichkett un­kontrollierbare Verhältnisse zeitweilig einwirken kön- nen. Hier hat es sich offenbar nur darum gehandelt, für eine Verschiebung der Abfahrt um eine kurze Frist Spielraum zu bewahren. Wegen eines ber» artigen Zwischenfalls brauchten sich wirklich nicht alle Konjekturalpolitiker und die zugehörigen Sen- safionsblätter in fieberhafte Tätigkeit zu setzen.

Ein „alldeutsches" Blatt meint heute, der Kaiser sollte überhaupt lieber auf die Auslandsreise ver­zichten, und verweist den Monarchen auf das Bei­spiel des seßhaften Königs von England. Der Vor­gänger des gegenwärtigen Königs von England war bekanntlich nicht sehr seßhaft, und auch die Gegner der Politik Eduards VII müssen zugeben, daß seine Reisen nicht müßig und fruchtlos gewesen sind. Uebrigens ist das englische Vorbild für uns nicht maßgebend. Wir wollen nach unserer Fasson leben und auch unferm Kaiser seine Bewegungsfreiheit lassen. Wenn jetzt längst veröffentlichte Reisepläne ausgegeben würden, so würden die rührigen Gegner Deutschlands daraus sofort den „Beweis" herleiten, daß bei uns zu Lande alles drunter und drüber ginge und der Monarch nicht den Rücken wenden dürfe, wenn nicht die ganze Maschine in Verwirrung ge­raten sollte. So schlimm ist cs aber doch wirklich nicht um die Ordnung und die Autorität bestellt, —

* Die Ohnmacht der 110. Eine grobe Ent­täuschung bereitet in der neuesten Numuier (5) der „Sozialistischen Monatshefte" ,^Genosse" Edmund F i s ch e r allen denen, welche von den 110 „Ge­flossen", die den Reichstag zieren, erlösende Taten im Sinne des Sozialismus erwarten. „Genosse" Fischer bleibt bei diesen 110 nicht bestehen, sondern geht noch weiter. Er erklärt:

„selbst eine sozialistische Regierung könnte aber, auch wenn sie bie große Mehrheit des Volkes hinter sich hätte, augerchlicklich an ber kapitalistischen ProbuktionSweise gar nichts änbern. Die so- zialistische Produktionsweise kann nur das Resultat einer langen, viele Generationen dauernden Entroick- fimg sein. Eine sozialistische Regierung könnte diese Entwicklung zwar fördern, aber in der ganzen Zeit, solange die sozialistische bie kapitalistische Probuktion nicht abgelöst hat, bleibt die kapitalistische Gesellschaft, die bürgerliche Gesellschaft trotz sozialistischer Parla­mentsmehrheit und Regierung bestehen, wie es in Australien der Fall ist. Unb bie sozialistische Regie- rung müßte bürgerlich, kapitalistisch re­gieren, b. h. ben kapitalistischen Unternehmern alle die Sicherheiten unb Garantien bieten, bie notwenbig sind, um die Betriebe aufrecht zu erhalten. Andernfalls würde die Probukiton plötzlich sfille stehen, unb was ' bann käme, wäre alle- anbete, nur nicht eine f o- zialistische Gesellschaft. Aus bem Boden läßt sich keine neue Produktionsform stampfen, sondern nur in langer Arbeit allmählich zur Entfaltung bringen: durch Bildung von Genossenschaften, kommunalen und taatlichen Betriebe« usw. Eine andere Auffassung ist unwissenschaftlich unb widerspricht jeder evolutionisti- chen Auffassung."

Auf Wissenschaft nimmt die Sozialdemokratie, am wenigsten aber in den Wahlzeiten, keine Rück- ichten. Tann gilt's möglichst viele Stimmen und Mandate zu gewinnen. Nun habe» die Wähler bie Mandate, dem praktischen Sozialismus, dem So. zialismus ber Tat, sind sie bannt aber fei» n en Schritt näher gekommen.

]:[ Dresden, 20. März 1912. In der Zwei» ten Kammer des sächsischen Landtages fragte der nationalliberale Abg. Merkel an, welche Stellung die Vertreter der sächsischen Regierung in der Ber> liner Ministerkonferenz gegenüber derErbschaf tS-' steuer eingenommen hatten. Finanzmtnister v,s