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2. Blatt.

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Prentzischer Landtag.

AbaeordnetenbanS.

Sitzung vom 14. März 1912.

Hz Haus berät das Ausführungsgesetz zur Matz- und^('iewichts»rdnung vom 30. Mai 1908.

Tie Abgg. Baereke (Ions.), Dr. KSnig (Ztr.) und Schrock (freitj machen gegen einzelne Bestimmungen der Vorlage Bedenken geltend; insbesondere müsse da­für gesorgt werden, daß den Gemeinden nicht zu große neue Lasten durch die Neuregelung erwüchsen.

Minister Sydow: Die Kosten für die Gemeinden stellen sich doch nickst so hoch, wie die Herren anzu- nehmen scheinen. Alles übrige möchte ich in der Kom­mission aufklären.

Die Abgg. GeiSler (Ztr.) und Busch (Ztr.) bitten um wohlwollend« Behandlung der Eichmeister bei ihrer Uebernahme in den Staatsdienst.

Darauf wird die Vorlage an die Gemeindekommis­sion verwiesen.

Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfes betr. die Llbänderung und Ergänzung der Ausführungs- Btfeke zum Reichsgesetz über den Unterstützungswohn­sitz. Der Gesetzentwurf bezweckt die landesgesetzliche Regelung über die Ausübung der Armenpflege bei Ar­beitsscheuen und säumigen Nährpflichtigen.

Abg. d. Kardorff (freik.): Es handelt sich hier um eine überaus schwierige Materie, die einer genauen Prüfung bedarf. Wir bitten, den Entwurf an die Gemeindekommission zu überweisen.

Unterstaatssekretär Holtz: Die Zahl derer, die in ungerechtfertiger Weise der Armenpflege zur Last fal­len, wächst immer mehr. Es ist längst als eine Not- wendigkeit anerkannt, daß diese zur Arbeit herange- E werden müssen. Gegen eine landesgesetzliche

ung liegen keine Bedenken mehr vor.

Abg. Schmedding (Ztr.): Den Arbeitszwang halten wir in gewissen Grenzen nicht nur für ein zulässiges, sondern auch notwendiges und nützliche» Mittel, um per ungevechtfertigten Ueberbürdung der öffentlichen Armenverwaltung vorzubeugen. Es bedeutet dies zlvar in gewissem Simie eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, die aber auch schon in der preußischen Ver­fassung als zulässig anerkannt wird. Ein Teil meiner Freunde möchte in dem Entwurf nähere Beftimmmigen über die Einrichtung der Arbeitsanstalten enthalten sehen. Es Iväre ferner wohl angebracht, eine beson­dere Bestimmung für die Stromer und Vagabunden in den Entwurf zu bringen. (Beifall.)

Anschluß qn eine Anregung des Abg. Borchardt (Eoz.), veit Ke-üM^wgen der Geschäftsordnung ent­sprechend die Rednerliste so' auszüstrsf^ ssted- nee für und ein gegen die Vorlage spricht, entspinnt sich eine kleine Gefchästsordnungsdebatte. Abg. Borchardt zieht schließlich seinen Vorschlag zurück.

Abg. Boisli (natl.) hat gegen die Vorlage reichs­gesetzliche Bedenken.

Abg. Braeiner (kons.) kann das Bedenken nicht tei­len. Auch andere Bundesstaaten hätten Bestimmungen, Wie sie in der Vorlage enthalten sind.

Die Abgg. Flesch (Vp.), Styczinski (Pole) und Borchardt (Soz.) teilen die Bedenken des Abg. Boisli.

Die Vorlage wird an eine Kommission von 21 Mit­gliedern verwiesen.

Es folgt die zweite Beratung des Etats der Preu­ßische« Zentralgenossenschaftskafse.

Abg. (?nieder (Vp.) bemängelt die Genossenschafts- solitit der Preußenkasse, insbesondere die Forderung, daß alle Genossenschaften, die mit ihr arbeiten tvollen, eine Ausschließlichkeitserklärung abgeben müssen, nur mit der Preußenkasse und nicht mit einem andern Bankinstitut in Verbindung zu treten.

tlnterstaatssekretär Michaelis verteidigt die Politik der Preußenkasse.

Freitag: Fortsetzung; Kultusetat.

Deutsches Reid).

X Berufsgliederung der Abgeordneten. Der in der vorigen Ausgabe von „Kürschners Deutscher Reichstag festgestellte Rückgang der sogenannten Er- tverbsstände gegenüber den sogenannten freien Beru- fen hat sich in verstärktem Maße fortgesetzt. Be­sonders find, wie wir der soeben erschienenen neuen Ausgabe von „Kürschners Deutscher Reichstag 1912- 17" (Hermann Hillger Verlag, Berlin W. 9, Preis 60 Pf.) entnehmen, Landwirtschaft und Industrie von 106 aus 88, bezw. 21 auf 5 zurückgegangen, während das übrige Gewerbe, Handel und Verkehr von 33 auf 38 zugenommen haben und rreben der ebenfalls stark vermehrten Zahl von ehemaligen Arbeitern und Angestellten (nicht weniger als 92) einige noch int Berufe tätige Arbeiter in den Reichs­tag gewählt sind. Von den freien Berufen (jetzt 250 statt 220 Abg.) haben sich besonders vermehrt Schriftsteller von 37 auf 58, Privatbeamte von 32

auf 50, und Rechtsanwälte von 32 auf 39, während die Zahl der Richter von 35 auf 24, aber auch an­dere in den bürgerlichen Parteien vertretenen Berufe zurückgegangen ist. Anders stellt sich das Verhält­nis zwischen Erwerbsständen aus freien Berufen dar, wenn man den ersteren die früher oder Nebenberuf- lich noch jetzt in ihnen Tätigen zuzählt. Die Tabelle enthält daher auch eine Zusammenstellung der Ne­benberufe. Danach gehörten einschließlich Neben- und früheren Berufen zur Landwirtschaft 106, zur Industrie 13, zum Gewerbe und zu Handel und Ver­kehr je 36, zur Arbeiterschaft und zu Angestellten 95. Innerhalb der einzelnen Fraktionen sind am stärk­sten bezw. zweitstärksten vertreten: Sozialdemokraten: 43 Schriftsteller und Redakteure, 39 Privatange­stellte; Zentrum: 21 Landwirte, 15 Richter; Natio­nalliberale: je 9 Landwirte und Rechtsanwälte; Kon­servative: 32 Landwirte, 3 Richter; Fortschrittliche Volkspartei: 12 Rechtsanwälte, 8 Lehrfach; Polen: 5 Geistliche, je 3 Landwirte und Rechtsanwälte; Reichspartei: 6 Landwirte, 3 Beamte; Wirtschaftliche Bereinigung und Reformpartei: 3 Landwirte, 2 Handeltreibende; Elsässer: 4 Aerzte und Apotheker, 3 Geistliche; Welfen: 4 Landwirte; Bauernbund: 4 Landwirte. Das instruktive Büchlein, im Westenta­schenformat, 512 Seiten stark und mit den Porträts aller 397 Abgeordneten enthält sehr interessantes, statistisches Material, einen Auszug aus der Ver- sasiung des Deutschen Reiches, das Wahlgesetz und die Geschäftsordnung des Deutschen Reichstages, es ist in allen Buchhandlungen zu haben.

'+ Eine neue Handwerkerkonferenz soll Blätter- meldungen zufolge noch in diesem Frühjahr vom Reichsamt des Innern abgehalten werden. Der ge­naue Zeitpunkt dafür steht noch nicht fest, lveil der Termin für die Konferenz noturgemäß von dem Stande der Arbeften im Reichstag abhängig ge­macht werden muß. Die Konferenz ist als Fortsetzung der ersten Handwerkerkonferenz anzusehen, die am 7. April vorigen Jahres im Reichstagsgebäude stattfand. Es werden daher voraussichtlich auch die Gegenstände der Tagesordnung der ersten Konferenz den Stoff der Beratungen bilden.

* eine Verstärkung der deutschen Truppen in China dürfte, wie die „Tägl. Rundschau" hört, ge­genwärtig nicht in Frage kommen, da die letzten amtlichen Nachrichten aus China verhältnismäßig günstig lauie». 5» chSk sich Erg^Axfl?lltz daß die meuternden Soldaten Auanschikais nicht aus pöun- schen Gründen, sondern lediglich wegen des rück­ständigen Soldes gemeutert hatten, der ihnen nun ausbezahlt ist. Im übrigen dürften die 200 Mann Verstärkung, die dem Gouverneur von Kiautschou noch jetzt nach Abgabe von 150 Mann für die Pe­kinger Gesandtschaftswache zur Verfügung stehen, für eine Verwendung im Norden kaum in Frage kommen, da gegebenenfalls auch für das Hinterland der Kolonie und die Provinz Schantung Truppen notwendig werden könnten. Die Frage einer Ver­stärkung unserer Streitkräfte wird seit längerer Zeit dauernd im Auge behalten, und für etwa notwendig werdende Transportmaßmchmen usw. ist vorgeforgt.

<? Darmstadt, 13. März 1912. In der Zwei­ten Kammer wurde nach langer erregter Debatte die Verstaatlichung der Offenbacher Polizei mit allen Stimmen gegen die der Sozialdemokraten und des Freisinns genehmigt. In der Nachmittags­sitzung gelangte der Etat der Hochschulen und hö­heren Schulen zur Besprechung. Eine längere De­batte entfesselte die Anregung der freisinnigen Frak- twn, die landwirtschaftliche Professur in Gießen zu einem landwirtschaftlichen Institut auszustatten. Während diese Anregung von einem Teil der Bau- ernbündler unterstützt wurde, traten aus Gründen der Sparsamkeit die Abgg. Brauer und Molthan dem Vorschlag entgegen. Seitens der Regierung wurde erklärt, daß der Anregung vorerst keine Folge gegeben werden könne.

d1 München, 14. März 1912. Die bayerische Abgeordnetenkammer nahm gestern einen Zentrums- antrag an, welcher die Regierung ersucht, in tun­lichster Bälde dem Landtag einen Gesetzentwurf über die Regelung des Bolksschulwesens vor­zulegen. Gegen bett Antrag stimmte nur der kon­servative Slbg. Beckh. Die Parteien waren alle für den Antrag. Der liberale Antrag, noch in dieser Session einen Gesetzentwurf über die Rechtsverhält­nisse der Lehrer vorzulegen, wurde abgelehnt. Die Staatsregierung lehnt den liberalen Antrag eben­

falls ab, totll die Rücksicht auf die Geschäftslage des Landtag» es verbietet, noch in dieser Session einen Entwunf einzubringen. Der Entwurf über Ordnung des Lehrerrechts ist auch noch keineswegs fertigge- stellt im Kultusministerium. Allgemein ist aber in der Abgeordnetenkammer der im angenommenen Zentrumsantrag ausaedrückte dringende Wunsch auf Erlaß eines Gesamt-Schulgesetzes, der alle Schul- ftagen gesetzlich regelt und sie aus dem Verordnungs­weg heraushebt. Kultusminister Dr. v. Knil- ling widerstrebt dem Wunsche auss äußerste, weil er schwere politische Kollissionen befürchtet und nutz­lose Arbeit zu machen glaubt. Diese Befürchtung hegen wir nicht. Das vorhandene Schulrecht, das in zahllosen Verordnungen, die über ein Jahrhun­dert alt sind, veröffentlicht ist, muß doch endlich ein­mal kodifiziert werden. Der neue Kultusminister hat vrogrammatisch erklärt, daß an der geaeb-nen Grundlage unseres bayerischen Schulrechts nicht ge­rüttelt werden dürfe. Abg. Dr. Pichler drückte die Sympathie des Zentrums für diese Erklärung aus. Für ein Volksschulgesetz auf dieser Grundlage Kt eine starke Mehrheit vorhanden.

Aus Kirche und Schule.

er HoraS, 15. März 1912. Als vierter Lehrer an der hiesigen Volksschule wurde Herr Lehrer Hohmann, seither zu Nüst Kr. Hünfeld, vom Schulvorstand gewählt und von der Regierung be­stätigt. Mit dieser Ledrerstelle ist der Organisten­dienst in unterer Pfarrkirche verbunden.

* Würzburg, 14. März 1912. Zum D o m - dechanten von Würzburg wurde General- Vikar Domkapitular und geistlicher Rat Vol. Klem. Heßdörfer vom Prinzregenten ernannt.

Aus dem Nachbaraeblele.

* Elm, Kr. Schlüchtern, 13. März 1912. Die Portland-Ze mentsabrik Elm hierselbst, welche erst seit zwei Jahren im vollen Betriebe ist, hat im Jahre 1911 einen recht günstigen Abschluß erzielt, sodaß der Aufsichtsrat in der Lage war, der Generalversammlung die Verteilung einer Divi­dende von 5 Prozent in den Vorschlag zu bringen. Es ist dies das erste Mal, denn voriges Jahr kant

Verteilung.

* Sterbfrih, 13. Morr 1912. Im nahen Wei­chersbach fiel abends der Bäckerist-mer- Konr. Gärt­ner infolge eines Fehltrittes auf der Wirtshaustreppe und starb noch in der Stacht an inneren Verletzungen. — Mit dem Bahnhofsum­bau soll demnächst begonnen werdett.

O Gelnhausen, 14. März 1912. Am 15. Okto­ber v. I., dem Tage des israelitischen Festes der Ge­setzesfreude, harte der Handelsmann Grüne- b a u m aus Hellstein die Andacht in der dortigen Synagoge durch Belästigungen eines Synagogenbe- suchers, den er mit Nußschalen bewarf und ihm einen Schlag nut der Faust auf den Kopf versetzte, gestört. Nach dem Gesetz kann bei Stö rung got­tesdienstlicher Verrichtungen auf eine Geldstrafe nicht erkannt werden. Die Strafkammer Hanau, vor der sich Grünebaum heute zu verant­worten hatte, zog bei Ausmessung des Ärafntaßes mildernd in Betracht, daß an dem erwähnten Feste, einem Feste der Freude, der Gottesdienst in Hellstein nicht mit dem Ernste durchgeführt wird, wie er durchgeführt werden sollte und erkannte unter Be­rücksichtigung dieses Umstandes auf die gesetzlich zu­lässige Strafe von 1 Tag Gefängnis. Der Vertreter der Anklage hatte 3 Tage Gefängnis beantragt.

* Hanau, 14. März 1912. Da der Stadt grö­ßere Aufgaben bevorstehen, wurde die Aufnahme einer Anleihe von 2 Millionen Mark beschlossen. — Der geplante Bahnbau H a n a u - V ü d t n - gen ivar bisher daran gescheitert, daß das Ministe­rium das erbetene Darlehen zu einem billigen Zins­füße nicht gewährt hat. Jetzt hat die Firma Ge­sellschaft für Bahnban und -betrieb zu Frankfurt a. M. die von dem preußischen Ministerium für die Gewährung des Darlehens geforderten Vorbe­dingungen erfüllt, woraus das Ministerium das Darlehen zttgesagt hat. Dadurch ist die Ausführung des Bahnbaues gesichert. Auch der Bezirksverband Kassel ist um ein Darlehen angegangen worden, das ebenfalls gewährt werden wird.

♦ Kassel, 14. März 1912. Ter Königliche Hof- und Hausmarschall Freiherr v. Lynker traf heute, von Berlin kommend, zur Revision der königlichen Schlösser hier ein. — Ter Kommandeur der 44. Infanterie-Brigade in Kassel, General­major v. der Lippe, wurde unter Verleihung des Charakters als Generalleutnant zur Disposition gestellt. An seiner Stelle wurde zrun Kommandeur der 44. Infanterie-Brigade der zum Generalmajor beförderte bisherige Kommandeur des 10. Rhein. Jnf.-Regts. 161 (Tr er), Oberst von Müdlensels, ernannt.

8 Eschwege, 14. März 1912. Tas Dienstmädchen Schlichte, das gestern nachmittag beim Wäschekocheu schwere Brandwunden erlitt, ist in der vergangenen Nacht an den Folgen der schiveren Verletzungen in dem hiesigen Landkrankenhaus gestorben.

* Ans Thüringen, 14. März 1912. In einet Pension zu Eisenach erschoß der aus Sonders- hausm stammende Gutsbesitzer Gadolf erst »eine Braut und dann sich selbst. — In der Appara'e- Bauanstalt in Weimar erfolgte eineKesselcxrlosion, bei der der Sch.osser Schmidt schwer verletzt wurde. Kurz darauf starb er. — Die Karl Zeiß-Stistung hat sich bereit erklärt, für den Neubau des Stadl­theaters in Jena 100000 Mark zu stiften, wenn die bürgerlichen und akademischen Kreise freiwillige Beiträge m Höhe von 150000 Mark zeichnen. Weitere 150000 Mart soll die Stadt zur Verfügung stellen; die an einer halben Million noch fehlenden 100000 Mark glaubt man von anderen Tonotoren zu erhalten.

* Höchst a. M., 14. März 1912. Die Farh werke wollen wieder die Löhne ihrer Arbeiter und Handwerker erhöhen. Die Erhöhung soll den .Jah­resbetrag von 400 000 Mark übersteigen.

* Weilburg, 15 März 1912. Von den Fels­abhängen im Weilwege lösten sich gewaltige Fels mass en ab, die die Weilftraße aus einige Zeit unpassierbar machen, bis die Aufränmungs- arbeiten beendet sind. Auch die Telegrophenleitung wurde zerstört.

* Homburg v. d. Höhe, 14. März 1912. In der letzten Stadtverorduetensitzung wurde eingehend über den Fehlbetrag im diesjährigen Stadt­haushalt von 620 000 Mark gesprochen und eine Anziehung der Steuerschraube für unvermeidlich er­klärt.

* Ludwigshafen, 14. März 1912. Die Kaiser Wilhelmstraße war in der letzten Nacht der Schau­platz eines gräßlichen Ehedramas. Tie Ehefrau Philippine Kirsch, geb. Köh­ler, feuerte dort nachts ctüf ixu^Uiann.den 25jährigen Former Jakob Kirsch, drei Revolver-' schösse ab. Zwei gingen fehl, der dritte traf den jungen Mann untren ins Herz, sodaß er sofort tot- zu Boden stürzte. Die Frau stellte sich gleich rtach der Tat der nebenan stationierten Polizei. Das Motiv ist in Eifersucht zu suchen.

* Aus Waldeck, 14. März 1912. In Affoldern fand der 29jährige unverheiratete Sohn Christian des Gutsbesitzers Heinrich Wende einen beklagens­werten Tod. Durch eine kleine unscheinbare Riß­wunde int Gesicht entstand Blutvergiftung, woran der blühende junge Mann unter unsäglichen Qualen starb.

* Winkel, 13. März 1912. In Braubach wurde eine Leiche im Rhein geländet, welche als dir des seit letzten November verschwundenen Winzers Adam Rederer von hier erkannt wurde. Rederer war ein Junggeselle, geistig nicht mehr normal. Am letzten Montag nachts brannte das Haus Rederers ab, ohne daß man den Grund der Entstellung des Feuers konstatieren konnte. Man vermutet nun, daß Re­derer nachts heimlich nach Haufe schlich, das Haus 'n Brand setzte und sich an den Rhein begab, wo er den Tod in den Wellen suchte.

* Aus Franken, 15. März 1912. In einem EL- ziehungsnfftitut in Würzburg ist eine Anzahl Schüler unter Vergiftungserscheinungen leicht er­krankt. 6 Schüler wurden ins Juliushospital ver­bracht. — Der Bauer M. Ruck aus Obereßfeld bei R e u st a d t a. S., der bei einem Renkontre mit der zu seiner Verhaftung erschienenen Gendarmerie schwer verwundet wurde, ist gestorben. Er hinter­läßt eine Witwe mit 7 unmündigen Kindern, wovon das jüngste erst fünf Wochen alt ist. — InKitzin- gen wurde im Verlaufe eines Streites ein Betei­ligter durch Messerstiche schwer verletzt. Der Täter

Helden der Pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 14] Erich Friesen.

„Nochmals — ich danke Ihnen, Herr Konsul", sagt er höflich, aber bestimmt. „Ich ziehe vor, in meiner jetzigen Stellung zu bleiben."

Wieder trifft Erik jener mißtrauische, fast gehäs­sige Blick ans de» kalten grauen Augen.

„Diese Starrköpfigkeit ist einfach lächerlich!" spöttelt er mit bei ihm fremder Heftigkeit. „Mir wäre es auf ein paar lumpige tausend Kronen nicht angekommeii. Doch — wie Sie wollen. Genug davon!"

Er ist wieder ganz er selbst — der stolze, hoch­mütige Patrizier, der einem Proletarier eilte Gunst erweisen wollte.

Ziemlich einsilbig setzen beide den Weg nach Tromso fort.

Als sie den Hafen erreichen, ertönt von der Kommandobrücke bereits das letzte Signal zur Ab- fahrt des Dampfers.

»Ich gebe Ihnen noch Zeit zum Ueberlegen, Niels! Bauen Sie nicht zu fest darauf, noch ein ganzes Jahr auf Schloß Sandsgaard bleiben zu können", wirft Konsul Daland, schon mit einem Fuhe auf der Schiffsbrücke, mit gut gespieltem Gleichmut hin. „Es können Verhältnisse eintreten

Sigrid — hm, ich meine, Fräulein Arnoldsen könnte heiraten —"

»Wirklich? — Angenehme Reise, Herr Konsul!" , Der Schiffsreeder nimmt von diesem Wunsche keine Notiz. Dem jungen Mann zum Abschied hoch- muüg zwei Finger seiner elegant behandschuhten Rechten reichend, fügt er mit kaltem, drohendem Blick hinzu:

„Noch in diesem Jahre wird Sigrid Arnoldsen Frau Konsul Daland. Adieu, Herr Niels!"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, begibt er sich an Bord.

Eine Weile blickt Erik der eleganten Gestalt ver- wnndert nach. Dann verläßt er langsam, nach­denklich den Hafen, um den Rückweg nach Schloß Sandsgaard anzutreten.

Das also war der Inhalt der heutigen Unter­redung zwischen dem Schiffsreeder und der jungen Schloßherrin!--Gewiß ist Konsul Daland eine

gute Partie. Auch gegen seinen Charakter und sein Aeußeres läßt sich nichts einwenden. Trotzdem kann Erik sich Sigrid Arnoldsen nicht als Gattin dieses kalten, selbstbewußten Geschäftsmannes vor- stellen. — Und was soll ans Jngeborg werden? Wird das Paar das arme unglückliche Mädchen zu sich nehmen? — Sicherlich; Fräulein Arnoldsen trennt sich nicht von der geliebten Nichte! —

Und weiter grübelt er--

Weshalb will Konsul Daland ihn so rasch wie möglich verheiraten? Ja, ihm sogar zur Beschleuni- gung aufs neue eine ansehnliche Summe zur Ber- ftlgung stellen? Sieht das nicht beinahe aus, als wolle er ihn sobald wie möglich ans Schloß Sands­gaard entfernen? — D

. ®®batt’e! Unmutig schüttelt Erik

denKoPf Was gehen ihn auch die Schrullen des reichen Schiffsreeders Sven Daland an? Wenn er tW auch viel zu verdanken hat — kommandieren laßt er sich deshalb doch nicht! Nein, noch lange nicht! ö

Rascher als sonst steigt er den schmalen Felsen­pfad dahin ^hm selbst unbewußt treibt es ihn zu­rück nach Schloß Sandsgaard.

Auf der Treppe kommt ihm bereits Sigrid ent­gegen. a

„Endlich! Ich erwartete Sie schon lange! Das Mittagessen steht bereit? Und —"

noch» gnädiges Fräulein?"

Lächelnd blickt sie ihn an.

»Ja, wo haben Sie. denn Ihre Gedanken? Ihr Freund —

„Ah! Lorenz Jespersen! Wie konnte ich den vergessen! Ist er schon da?"

„Er sitzt im Salon bei Madame Worse."

„Wie gefällt er Ihnen?"

„Wollen Sie meine offene Meinung hören?"

„Ich bitte darum."

„Er ist der Bruder Ihrer Braut, nicht wahr?" „Ja. Doch das macht nichts."

„Nun wohl. Er gefällt mir nicht. Ich halte ihn für keinen Gentleman. Er hat etwas Gewöhn­liches an sich, trotz seiner gesuchten Höflichkeit. Es war sehr liebenswürdig von ihm, daß er sich hierher in unsere Einsamkeit bemühte; aber ich werde ihm noch dankbarer sein, wenn er uns wieder verlassen hat. Er paßt nicht hierher. — Sie sind mir böse?"

„Durchaus nicht. Ich bewundere nur Ihren Scharfblick."

In diesem Moment erschallt aus dem Empfaiigs- salon helles Lachen.

Rasch legt Erik Hut und Stock ab und tritt an Sigrids Seite ein.

Ein ungewohnter Anblick bietet sich ihnen. In der Mitte des Zimmers steht Lorenz Jespersen. Nach Art der Taschenspieler wirst er zwei Wachs­äpfel, die er vom Kaminsims genommen, abwech­selnd rasch hintereinander hoch in die Luft und fängt sie geschickt wieder auf.

Jngeborg und Madame Worse sitzen auf dem Sofa und begleiten seine clownartigen Bewegungen mit hellem Auflachen.

Beim Eintreten der beiden stellt er sofort sein Spiel ein. Nach einer tiefen Verbeugung vor der Schloßherrin begrüßt er Erik freundschaftlich kar­dial — etwas zu kardial, wie es Sigrid dünkt.

„Hallo, alter Junge, da bist du ja! Hab' dich schon in Tromsö von weitem gesehen. Wollt' mich zuerst bemerkbar machen. Aber du warst in ein mächtig ernstes Gespräch mit einem Herrn vertieft. Na, schadet nichts! Können das Versäumte nach­holen."

Da das Essen bereit steht, geht man sofort zu Tisch. Erik führt Fräulein Arnoldsen, Lorenz Ma­dame Worse und Jngeborg.

Mit wenig Worten erklärt Lorenz der würdigen Dame, was sie zu tun habe, um das Leben ihres Enkels zu versichern; es geschieht dies in solch kla­rer, populärer Weise, daß selbst Madame Worses

nicht allzu bedeutende Geisteskräfte die Sachlage vollkommen erfassen.

Dann geht man zur allgemeinen Unterhaltung über. Auch hier beherrscht Lorenz jedes Thema. Stets weiß er ein treffendes Wort, eine passende Auskunft.

Je mehr das Diner sich feinem Ende zuneigt, je mehr Wein er hinabstürzt, um fo lebhafter wird Lorenz. Schon ein Paarmal glaubte Erik zu be merken, wie Jngeborg das sich zusehends rötende Gesicht ihres Nachbars betroffen von der Seite an­blickte, um dann mit einem ängstlichen Ausdruck die Augen rasch zu schließen.

Erik erschrickt.

Was ihm bereits damals nebelhaft vorschwebte — jetzt überfällt es ihn mit Peinigender Gewißheit: die merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lorenz und jener scheußlichen Fratze, die Jngeborg in ihren ner­vösen Anfällen stets verfolgte.

Soeben wendet der junge Jespersen dem Mäd­chen sein volles Gesicht zu. Etwas Komisches muß ihm durch den Kopf gehen; ein zynisches Lachen verzerrt seine durch den reichlich genossenen Wein bereits rotaufgedunsenen Züge.

Erik sieht, wie Jngeborg mit ihrem Oberkörper zurückweicht; wie ihre weit aufgerissenen Augen angswoll auf das grinsende Faungesicht starren; wie sie sich mit zitternder Hand ein paarmal über die Stirn fährt, als wolle sie eine fürchterliche Vision wegwischen, und wie sie schließlich den Kopf senkt und krampfhaft auf ihren Teller niederblickr, während die Zähnchen fest aufeinander beißen.

Eiskalt überläuft es ihn. Diese fatale Aehnlich­keit! Wenn nur das Diner erst vorbei wäre!

Auch Sigrid scheint sich nicht recht behaglich zu fühlen. Sie kürzt die Unterhaltung möglichst ab und hebt die Tafel sofort nach dem Nachtisch auf, ohne den Kaffee abzuwarten; man könne ihn nach­her im Salon trinken — meint sie Ist auch ihr Jugeboras Unruhe aufgefallen? — —

Als die drei Damen den Speisesaal verlassen haben, gilt Eriks erste Frage seiner Braut.

(Fortsetzung folgt.)