JV» 61.
thrnrstag -en H- lNZr; 1912
5». Jahrgang.
Leitung
«fuldaer 1
2. Blatt.
•n« und Verlag der Sulbser Letie»r»,cker«t in Sulba.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 13. März 1912.
Zunächst beschliebt das Haus die Einstellung der schwedenden Strafverfabren gegen die Abgg. Nowilcki y?ole und Struve (jortfdjr. Bp.) für die Dauer der Sess'on.
Sodann erklärt auf eine Anfrage des Präsidenten Staattsekretär Delvrück, daß er die Interpellation des Zentrums bcti. den Bergarbeiterstreit morgen beantworten werde.
"Sodann wird der Nachtragsetat für die Reichsversicherungsanstalt in 1. und 2.Lesung angenommen, nachdem Abg. Molkenbutzr «Soz.) seinen Antrag auf Kommissionsberatung zurückgezogen hatte.
Hierauf wird die Beratung des Etats des Innern sorige:eht. Zu dem Kapitel Förderung des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Unterstützung wissen- fchaftllcher, technischer und ähnlicher Bestrebungen auf dem Gebiet der Landwirtschaft liegen.mehrere Resolutionen vor, die sich aus die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche beziehen. Es wird die Generaldebatte eröffnet, in die auch andere Titel des ReiÄsgesundheit.äamts hineinbezogen werden.
Abg. Matzinger (Ztr.) begründet eine Resolution, die die intensivere Ersorsckung der Maul- und Klauenseuche verlangt und eine weitere Resolution, welche die Uebcrmhme her Kosten der Seuchenbekämpfung auf den Staat verlangt. Der Redner schließt: Den Polizei- siock zurück, die Hygiene vor!
Abg. v. Bolko (t.) stimmt dem Antrag zu. Wir .vollen den Schutz unteres Viehbestandes. Die bei der Seuche erkrankten Tiere niüssen geschlachtet werden. Wenn man dre lichten Besitzer zwingt, während der Seuche ihr Vieh im Stall stehen zu taffen, so werden sie davon schwer betroffen.
Mg. Wamhoff tnatlib t: Wir verlangen energische Förderung der wissentchastlichen Erforschung der Seuche und Entschädigung der von der Seuche betroffenen Landwirte, sowie Uebernahme der lierärzilichen Kosten ans die Staatskasf'.
Abg. Blunck liorlschr. Vp.): Das Viehseuchengeseh muß ganz besonders scharf gehandhabt werden. Schles- zvig-Holstein allein hat durch die Seuche einen Schaden von zehn Millionen erlitt en.
Abg. Schcibemann (Sm.): Früher beklagte man sich über die Seuche, jetzt über sie Sperrmaßregeln. Die gegen die Regierung gerichteten Vorwürfe sind größienteils ungerechtfertigt. (Abg. Heckscher ruft: Echeidemann ist Regierungsvertreter! Große Heiterkeit.) Außer Erforschung und Bekämpfung der Seuche verlangen wir ausreichende En schädigung und obligatorische Viehversicherung.
Abg. Klose (Ztr.l: Die Maul- und Klauenseuche bringt der Landwirtschaft großen Schaden. Wir ersuchen die Regierung, das Viehleuchengesetz bald in sirast treten zu lassen und dte Landwirte weitgehend zu entschädigen.
Ministerialdirektor Jonquieres: Alle Wünsche der Jntcreffenten zu erfüllen, ist unmöglich. Das Verlange!,, die Kosten dem Reick ober dem Staat aufzu- erlegcn, dürfte kaum Berücksichtigung finden. Das neue Reichsviehseuchengesetz wird zwar nicht am ersten April in Kraft treten, aber jedenfalls beim Eintritt des wirklichen, wenn auch nicht kalendermäßigen Frühjahrs
Abg. Hepp snakl.): ES muh ein billiges Serum erfunden werden. DaS Löfflersche Serum ist zu teuer.
Abg. Ahlhorn (forlschr. Vp.): Die Maßnahmen der Regierung und der Behörden werden bom größten Teil des Volkes nicht verstanden.
Abg. Behrens (Wirtsch. Vg.): Wir stiinmen allen Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche zu, weil sie in Resolutionen gefordert werden. Die obligatorische Viehbcrsicherung wird der Kleinbauer ohne Staats- guschuß kaum ertragen können.
Abg. Werner (Rf.): Vielfach wird über die harten Strafen bei Uebertreluiig der Vorschriften Klage geführt. Die Aufhebung der Sperrmaßregeln muß un- verzüglich erfolgen, wenn der Kreistierarzt die Seuche für erloschen erklärt.
Abg. Graf Oppersdorfs (Wild) wünscht mehr Geld für die Erforschung der Maul- und Klauenseuche und empfiehlt die dahingehenden Anträge.
Abg. Wallenborn (Ztr.) spricht sich gegen eine obli- tzatorische Reichsvirhverficherung aus.
Abg. Bell (Ztr.): Auch am Niederrhein ist die Seu- chenbetumpfung in polizeilichen Maßnahmen ausgear- beitei, die uns unsympathisch find. Der Wunsch eines sozialdemokratischen Redners — ob er für die Fraktion oder nur deren agrarischen Flügel gesprochen hat, weiß sch nicht — auf obligatorische Viehversicherung wird diel Widerspruch in dem kleineren und mittleren .Grundbesitz erfahren. Hier trägt man jetzt schon zu diel Lasten.
In der weiteren Debatte begründet Abg. b. MorawSki (Pole) eine Resoliition, die sich in der gleichen Richtung bewegt wie die der anderen Parteien.
Die zur Debatte stehenden Titel werden genehmigt sind sämtliche Resolutionen angenommen.
Beim Titel Rgichrfchulkommifsron verlangt
Abg. Schul» (Soz.) reich-gesetzliche Regelung des Schulwesen» und unentgeltliche Erteilung veS Unter» richt-.
Donnerstag: Berga^beiterinterpellation und Wei- terberatung des Etat».
Deutsches Reich.
** Straßburg, 13. März 1912. Die elsaß- lothringische Zweite Kammer unterzog gestern die in den Reichslande« so unangenehm bekannte Politik der Nadel st ich e einer Kritik, die nicht zum besten der Regierung ausschlug. Einmal sind es die verpönte« blauweißroten Farben, ein andermal die sogenqnnte« französisch uniformierten elsässischen Vereine, und dann wieder französische Inschriften an Geschäften, hinter denen die Regierung gleich eine Gefahr für das Deutschtum erblickt. Unterstaatssekretar Mandel sagte unter lebhaftem Widerspruch des HauseS, daß gewisie Elemente mit diesen französischen Inschriften eine Demonstration beabsichtigten. Von Wetterls und anderen Rednern wurde entgegengehalten, daß zum Beispiel in Berlin französische Inschriften gestattet seien, während man sie in Elsaß, wo das Bedürfnis ein sicher viel größeres sei, verbiete. Der größere Teil der Debatte drehte sich um den Geheimfonds für polizeiliche Zwecke. Anschließend an Aeuherungen der Abgeordneten Wetterls und Will im Reichstage erklärte Unterstaatssekretär Mandel, die Regierung brauche das Geld vor allem zur Unterhaltung der Fremdenpolizei und zur Bekäntpfttng der Spionage. Sie verstehe es, daß die Sozialdemokratie, die eine revolutionäre Pattei sei, den Fonds ablehne, sie hoffe aber, daß bei den übrigen bürgerlichen Parteien, besonders dem ausschlaggebenden Zentrum, eine bessere Ansicht bestehe. Ein Antrag auf Absetzung des Triels von der Tagesordnung wurde wieder zurückgezogen und darnach der Titel a b gelehnt.
Aus dem Nachbarsebiete.
X Gersfeld, 13. März 1912. Das diesjährige Musterungs- und Klassifikationsgeschäft im Kreise Gersfeld findet am Mittwoch, den 27. und Donnerstag, den 28. März d. I., jedesmal vormittags 814 Uhr im Gasthaus „Zum Stern" in Hildets für den dortigen Amtsgerichtsbezirk und am Freitag, den 29. und Samstag, den 30. März d. Js. jedesmal vormittags 8 Uhr anfangend in Gersfeld Gasthaus „Zum Stern" für den Amtsgerichtsbezirk Weyhers statt.
8 Birstrin, 13. März 1912. Bei der am 11. d. Mts. stattgehabten Gemeindevertreterwadl routbeu in drr 1. Klaffe Heine. Herchenrötder, Fürftl. Förster, und S. Rosen hol, in der 2. Klaffe Kaufmann B. Schmelzeisen neugewählt, in der 3. Klaffe Johannes Nagel und Wilhelm Huck wiedergewählt.
* Offenbach, 13. Mär; 1912. Der Gastwirt Jakob Reinhardt hat sich in feiner Wohnung ersch 0 s- s e n. Das Mottv dürste in zerrütteten Familien- verhältniffen zu suchen sein.
* Frankfurt, 12. März 1912. In der Nähe der Alten Brücke stürzte sich eine junge Frau mit ihrem Kinde in den Main, konnte aber gerettet werden. Sie hat die Tat wegen Nahrungssorgen begangen; ihr Mann fitzt fest einigen Wochen in Un- tersttchungshaft. Die Polizei überwies Frau und Kind der Armenfürsorge.
* Hann. Münden, 12. März 1912. Die Zigeunerbande, die vor Kassel angehalten und von Polizeibeamten bis zur Landstraße nach Veckerhagen gebracht worden lvar, fiel einen Stalsschweizer aus Hilwartshausen unterwegs an, nachdem man ihn erfolglos angebettelt hatte. Die Zigeuner verprügelten ihn derb. Der Mißhandelte entging weiteren Tätlichkeiten durch die Flucbt.
* Mainz, 12. März 1912. Hier ereignete sich eine merkwürdige Affäre. Ein Ingenieur Trauch behauptete, er habe gesehen, wie ein Schntz- mann einen jungen Herrn bei dessen Verhaftung mißhandelt, gestoßen und gewürgt habe. Er berichtete dies dem Redakteur der sozialdemokratischen „Mainzer Bolksztg." und dieser verwertete die Nachricht in seinem Blatte. Die Polizei verklagte
hierauf den Ingenieur wegen Beleidigung und dieser hat sich, nachdem er die Ladung zum heufigen Termin erhalten hatte, mit Leuchtgas vergiftet. Die Volkszeitung stellt fest, der einzige Grund zu diesem Selbstmord sei diese Klage ge- wesen. Der Mann habe nämlich schon früher einmal wegen seines Eintretens für das von der Polizei nach seiner Meinung unnötig belästigte Publikum seine Stelle verloren und habe eine solche Befürchtung auch für die vorliegende Sache gehegt. Vor dem Schöffengericht nahm der beklagte Redakteur die Anschuldigungen zurück.
* Wiesbaden, 12. März 1912. Hier wurde ein Verein „Deutscher Adler" gegründet mit dem Zweck der Förderung des deutschen Militär- Luftfahrzeugwesens. Der Zweck soll erreicht werden durch die Beschaffung von Mitteln in Form einer nationalen Sammlung zur Anschafstmg und Unterhaltung von Militärlustfahrzeugen und zur Ausbildung von Fliegern. Der Verein wird demnächst einen Austuf an das deutsche Volk erlassen. Die Negierung und eine Anzahl Großindustrieller haben weitgehendste Unterstützung zugesagt.
* Aus Franken, 13. März 1912. Von einem Schnellzug überfahren und getötet wurde in der Station Gnötzheim bei Würzburg -eine Schreinermeisterfrau. Die Frau war eigenmächtig dem auf der Strecke haltenden Perfonenzug entstiegen. — Die neue Universitäts-Zahnklinik in Würzburg wird ant 28. März eröffnet werden. Zurzeit findet der Umzug aus der alten sehr primitiven Klinik am Paradeplatz in dir neue statt.
* Heiligenstadt, 13. März 1912. Ter Minister der öffentlichen Arbeiten hat den Zuschlag für Los 2 des Eisenbahnbaues H eiligen ft adt-Schweb- d a - E s ch w ege in Höhe von 329 009 Mark dem Unternehmer O Leppin in Iserlohn erteilt. Der Beginn der Arbeiten für den Eisenbahnbau steht unrnittelbar bevor.
Amt Geisa und Umgebung.
♦ Vacha, 13. März 1912. Die Gewerkschaft Heiligenmühle (Oldisleben) beabsichtigt eine zweite elektrischeHochspannungsleitung zwischen dem Kraftwerk der Aktiengesellschaft Kaliwerke Hattorf in Philippstal und den neuen Kalischächten bei Oechsen zu errichten, wobei die Fluren Vacha, Sünna, Deicheroda, Wölferbütt und Oechsen berührt werden.
* Motzlar, 11. März 1912. e Unter Mitwirkung des Herrn Pfarrers Gramm in Schleid wurde hier ein Ortsfrauenverein gegründet und zu dessen Vorsteherin Frau Anna Maria Kraus ge» wählt.
* Tiefenort, 13. März 1912. Die hiesige Gemeinde hat das K a m m e r g u t für den Preis von 250 000 Mark gekauft vorbehaltlich der Zustimmung des Landtags.
* Neidhartshausen, 13. März 1912. Die Verhandlung gegen den Gastwitt August Endter von hier wegen vorsätzlicher Brand st iftung wird in der gegenwättigcn Sitzungsperiode des Schwurgerichts in Eisenach stattfiudeu, und zwar am Donnerstag, den 28. und Freitag, den 29. März. Die Verhandlung ist sehr umfangreich. Es sind hierzu bereits über 40 Zeugen geladen.
• Kaiseroda, 13. März 1912. Als hier eine Frau nach einer Besorgung in ihre Wohnung zurückkehrte, fand sic auf dem Tische ein größeres Paket vor. Sie öffnete es und sand dann ein lebendes, neugeborenes Kind. Es wurde beobachtet, daß 2 Jungen das Paket in die Stube getragen hatten. Die Erntittelungen nach der Mutter des Kindes sind bis jetzt ergebnislos gewesen.
* Aus dem Eisenacher Oberland, 12. März 1912. Zu Ostern werden im 4. Bertvaltungsbezirk 13 Schul stellen, darunter 6 neugegründete, besetzt.
Au§ Gberhesien u. den hesi. Remtern.
* Kirchhain, 13. März 1912. In der gestrigen Statdverordnetensitzung wurde u. a. dem Erwerb einer Fläche Grundeigentum von Frau Amandrts Weber zugestimmt. — Bezüglich eines Gesuchs des Landwitts Werner Ermel um Bewilligung eines Zuschusses zur Haltung eines Vogelsberger Zuchtbullen wurde die Beschlußfassung atts-
gesetzt; es soll abgewattet werden, bis der Nachweis erbracht ist, daß sich hier eine Vogelsberger Zuchtviehgenossenschaft gebildet hat. Die Ausführung des ersten Teils der Bahnbaustrecke Kirchham-Gemünden wurde der Firma I. E. Müller-Wetzlar übertragen. Sie wird diesen Teil der Bahn für die Summe von 157 951,60 Mk. Herstellen.
♦ Frankenbera, 13. März 1912. An den beiden letzten Tagen fand die Aufnahmeprüfung in das hiesige Kgl. Lehrerseminar statt. In der Prüfung standen 38 Schüler, von denen 35 bestanden haben.
* Wabern, 12. März 1912. Von einem plötzlichen Tode wurde der Arbeiter Schmidt im benachbarten Harle ereilt. Er war zur Frühjahrsbestellung hitiaus aus seinen Acker gefahren. Plötzlich sank er neben seinem Wagen zusammen und verschied. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet.
* Ersurtshausen, 12. März 1912. Bei der Verpachtung der Gemeindejagd stieg der Pachtpreis von 72 auf 260 Mk.
vermischter.
* Zm Schlaft verbrannt. Ein Obdachloser legte sich nachts in der Nähe der Schlackenberge von Maizisres in Lothringen schlafen. Andern Tags fand man ihn tot und mit Brandwunden bedeckt auf.
* Ein frecher Diebstahl ist in der katholischen Kirche in Hamburg auszesähtt worden. Der Dieb ist vermutlich durch ein offenstehendes Fenster in das Gotteshaus eingedrungen. Soweit bis j tzt festgestellt ist, wurden zwei wertvolle ftiberne Leuchter gestohlen.
♦ Die Unterschlagungen des Fürst Hatzfeldschen Kammerdirzfktors. Das Landgericht Neuwied hat hinter dem flüchtigen Kammerdirektor des Fürsten Hatzfeld Kaspar v. Both und dessen Haushälterin Türsss einen Steckbrief erlassen, in dem die von Both veruntreute Summe auf mindestens 534 000 Mark angegeben wird. Die beiden sind, wie wir seinerzeit berichteten, am 17. Januar d. I. über Brüssel geflüchtet. Auf die Ergreifung der beiden ist eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt worden.
* Der ewige Kwilecki-Prozeß. Der Streit um den jungen Grafen Joseph Kwilecki will auch nach dem Tode des Grafen Hektor Ätoiledi, der an der Feststellung des Personenstandes des viel umstrittenen Majoratserben von Wrobletvo das meiste Interesse hatte, nicht zur Ruhe kommen. Die Bahn- wärtersfrau Cäcilie Meher hat ihre Klage jetzt gegen den jungen Grafen Joseph Kwilecki gerichtet und beantragt, festzustellen, daß er ihr uneheliches Kind fei. Der Prozeß stand am Dienstag in Berlin vor dem Landgericht zur Verhandlung. Noch vor Eintritt in die Verhandlung wurde gemäß dem Antrag ber beteiligten Rechtsanwälte Vertagung des Termins beschlossen.
Reklamen- und Au.;cigeuteil.
MarKe:
ttstu UältiUnM, wilscbmcltsits Prüf int. o Qä rt oz* Pi z» n
Helden der pflicht.
Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 13] Erich Friesen.
Damit hält et nonchalant dem jungen Mann das silberbefchlagene Zigarrenetui hin.
Mit leichter Verbeugung langt Erik zu.
Eine Weile paffen beide schweigend drauflos. Doch erscheint es dem jüngeren Manne, als beobachte der andere ihn heimlich und zwar mit nicht gerade wohlwollenden Blicken.
„Es scheint Ihnen hier gut zu gefallen, was?" läßt sich plötzlich die etwas knarrende Stimme des Schisssreeders vernehmen.
„Gewiß, Herr Konsul. Ich fühle mich sehr Wohl."
„So, so —! Ich habe übrigens mit Fräulein Arnoldfen über Sie gesprochen; sie scheint ja auch recht zufrieden mit Ihren Leistungen sein."
Erik erwidert nichts. Der spöttisch überlegene Ton des anderen ärgert ihn.
Plötzlich macht Konsul Daland eine kleine Wendung nach links. Durchdringend heften sich seine kalten Augen aus sein Gegenüber.
„Sie sind doch noch mit jener kleinen Person verlobt — wie heißt sie doch gleich —"
Die Röte des Unwillens steigt in Eriks Stirn.
»Ich bin mit keiner „kleinen Person" verlobt, Wie Sie sich auszudrücken belieben, Herr Konsul — sondern mit Fräulein Gerda Jespersen, einer jifngen Dame von tadellosem Rus und guter Erziehung!"
„Richtig, Fräulein Jesperserk," wiederholt der Schisssreeder gleichmütig, indem er langsam seinen Spitz batt streicht. „Apropos — es ist möglich, daß sch demnächst einen auch für Sie entscheidenden Schritt tun werde. Wenn Sie mich morgen nach Tromsö begleiten wollen, sollen Sie das Resultat er- fahren."
Schweigend verbeugt sich Erik. Er ist gar nicht Neugierig auf Konsul Dalands „entscheidende Schritte . Er begreift überhaupt nicht, weshalb der
sonst so zugeknöpfte Herr ihn auf einmal mit seinem Vertrauen beehren wU. Freilich schilt er sich selbst ob seiner plötzlich so wenig freundlichen Gesinnungen gegen seinen Wohltäter; ober die mißtrauischen Blicke, die ironisch überlegene Sprechweise Konsul Dalands beginnen ihn zu ärgern und zu verletzen — besonders in Fräulein Arnoldfens Gegenwatt.
7.
„Also — in einem Bietteljahr, teure Freundin!" Konsul Dalands flüstert es der Herrin von Schloß Saudsgaard bedeutungsvoll zu, als er ihr am nächsteri Vormittag zum Abschied die Hand reicht.
Lächelnd neigt sie das schöne Haupt. Doch suchen die forschenden Bficke des Mannes vergebens in ihren ruhigen Zügen nach einer Spur vor Erregung oder auch nur Befangenheit. Vielmehr gewahren sie voll Unmut, wie ihre Augen von ihm zu Erik Niel's bieder offenem Gesicht schweifen und dott ein wenig länger haften, als unbedingt nötig.
Vor einer Stunde hatte der Schiffsreeder Sigrid Arnoldfen um eine kurze Unterredung unter vier Augen gebeten. Und Erik wunderte sich nicht wenig, daß nach derselben das Gesicht der Konsuls erhöhte Farbe zeigte, während ihre Züge auffallend bleich erschienen.
Noch ein Händedruck für Sigrid, ein Hutziehen vor Madame Morse, em väterlicher Kuß auf Jnge- borgs Stirn — und stolzen Schrittes verläßt Kon- sul Sven Daland Schloß Sandsgaard, begleitet von Erik Niels.
Es ist ein klarer, heller Vormittag. Eine frische Brise weht vom Meer herauf. Kräftig zuschreitend, eilen die beiden Herren — der Diener mit der Handtasche in respekwoller Entfernung — den Felsenweg entlang gen Tromsö.
Keine rechte Unterhaltung will in Fluß lammen. Es ist, al» ob etwa» Unausgesprochenes zwischen ihnen liege, das jeder sich scheut zu berühren.
Konsul Taland bricht zuerst da» drückende Schweigen.
„Ich glaube. Ihnen zur Genüge bewiesen zu haben, daß ich stets Ihr Wohlergehen im Auge habe,
mein junger Freund", beginnt er jovial und ohne jene hochmütige Unnahbarkeit, die den jüngeren Mann in letzter Zeit so oft verletzte.
Erik verbeugt sich schweigend. Er weiß nicht, wo hinaus der andere will, und beschließt, abzu- watten.
„Wie mir scheint, beabsichtigen Sie, vernünftig zu werden und einem bestimmten Ziel zuzustreben", fährt der Schiffsreeder tn mehr geschäftsmäßigem Tone fort. „Aber Sie find noch jung; der garingste Windhauch kann Ihr Kartenhaus umblasen."
„Das möchte ich nicht fürchten, Herr Konsul."
„Ich auch nicht; doch ist dir Möglichkeit nicht ausgeschlossen. — Was tut man nun, wenn man verhindern möchte, daß ein Stück Papier davon fliegt?"
„Gewöhnlich stellt man einen Briefbeschwerer daraus", erwidett Erik mit leisem Lächeln.
„Ganz recht. Und deshalb möchte ich auch Ihnen raten: Befestigen Sie Ihr Lebensblatt sobald wir möglich durch einen Bcrefbefchwerer! Und die j er Briefbeschwerer ist —"
„Nun?"
„Ihre Vermählung mit Fräulein Roberts."
Jetzt lacht Erik herzlich auf.
,„Jch freue mich, daß meine Ansichten in diefem Punkte mit den Ihren vollständig übereinstimmen, Herr Konsul. Ich beabsichtige, sobald wie möglich zu heiraten."
„Sobald wie möglich! DaS ist eben der Wunde Punkt. Wann denken Sie, so weit zu sein?"
„Wenn alles nach Wunsch geht — in etwa einem Jahr."
„Hm — eine lange Zeit. Inzwischen kann noch viel passieren. Mein Rat ist der: Heiraten Sie sofort!"
„Das ist unmöglich. Herr Konsul!"
Ter Schisssreeder bleibt stehen und blickt fernen Begleiter forschend von der Seite an.
8ch verstehe. Aber — ich null Ihnen wohl, re wissen. Damit Sie nun sofort betraten können, gebe ich Ihnen eine bestimmte Summe — unterbrechen Sie mich nicht! Ich sttecke sie Ihnen
nur vor, wenn Sie das lieber hören. — Also — ich strecke Ihnen eine bestimmte Summe vor, mit welcher Sie sich ein behagliches Heim gründen und von dort gemütlich Umschau halten können nach einer passenden Stellung, die eine Familie ernährt."
„Sie sind sehr gütig, Herr Konsul —"
„Also — Sie akzeptieren meinen Vorschlag?" „Nein, Herr Konsul, ich kann Ihr großmütiges Anerbieten nicht annehmen. Für den Knaben haben Sie gesorgt; der Mann muß sich durch eigene Kraft emporarbeiten."
Eriks Blick ist in die Ferne gerichtet; sonst wäre ihm der mißtrauische, saft feindselige Ausdruck in den Augen feines Begleiters aufgefallen.
„Papperlapapp! Sie verscherzen Ihr Glück, junger Mann!"
„Trotzdem — ich kann nicht anders."
Konsul Daland beschleunigt feine Schritte. Er ist enttäuscht, daß seine List nicht gelingt und versteht es doch meisterhaft, seinen Aerger zu verbergen.
„Hm — wenn ich Ihnen nun einige Bilder abkaufte und Sie dadurch in den Stand setzte, rascher Ihrem Ziel näher zu kommen—", beginnt er von neuem, ohne den jungen Manu anzublicken.
„Wie Sie wissen, habe ich kein einziges Bild vollendet, Herr Konsul."
„Sie könnten Sie vollenden — in zwei bis drei
Monaten —
,Z>ier? — Auf Schloß Sandsgaard?"
„Nein. In Christtania."
„Und mein Engagement als Zeichenlehrer bei Fräulein Arnoldfen?"
„Müßten Sie natürlich aufgeben.
„Wie —?"
Aufs höchste befremdet, bleibt Erik stehen. Täuscht er sich oder färbt wirklich leichte Nöte Konsul Dalands Stirn? Ist es die Röte der Verlogenheit? Oder des Aergers? Oder beides zusammen? — Was hat das alles zu bedeuten? Vor kurzem noch schien dem Schisssreeder bantut ju tun zu sein, ihn nach Schloß Sandsgaard zu bringen;' und letzt? (Fovts. folgt.)