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Erstes Blatt

Fulda, Mittwoch den 13. März 1912.

X 60.

33. Jahrgang

genauen

von einer

Rnjtlgtn: vcr Raut» einer «i»i» Sslsart« teile, V mm breit, kostet iSpsz Reklamen: Ver Ream einer Soig* nekzeile, 74 mm b:ett, k»l«t 4» pfg. BiilSie. drrheiair-rn Rabatt, MrSstert » Asr!«ust. csteigen l’-i Pig. cjtra.

Rotation;Lru-k a. Verlag 6er $nI6<aet Aclienbrnckerei L$ulba Zernsprechrr Nr. »

* Die Zenirumssrattion des Reichstages hat zum Bergardefterstreik eine Interpellation einqebracht, deren Wortlaut in unserem Reichstagsbericht rnit- geteiit ist. Die Beantwortung der Interpellation, die der Abg. Schiffer (Ztr.) begründen wird, durch den Staatssekretär Dr. Delbrück wird vor­aussichtlich am Donnerstag oder Freitag erfolgen. Diskussionsredner des Zentrums wird der Abg. Giesberts sein.

rtfchelni tii-Nch wit XMtnanme bet S».m- «»-Zeiertase.Vlerter- jSbrlicherVeM'preir »hu« vrl-aeri»hu un» vestrstqelou'MdasH- Wteaiitaärtnt^Oint

Vetaniw. Redakteur:

bie Polizei unzureichend dazu, so ist das Militär nicht zu entbehren, und geht es nicht unter dem gemeinen Recht, so ist der Belagerungszustand eine lit ere Notwendigkeit. Es wäre in der Tat ein Bankerott der Staatsordnung, wenn sie diesen Terrorismus nicht brechen wollte oder könnte.

Aber Eile tut not! Hoffentlich wird im Reichstage am Mittwoch bereits das nöige ge- fa, t, um den Reichskanzler und die anderen Munster zu der Einsicht zu bringen, daß der Schutz der Ar­beitswilligen die alles beherrschende Forderung des Tages ist, die man nicht durch Nachgeordnete Be­amte behandeln laffen darf, sondern als Träger der Berantwortlichkeit selbst ansaffen muß.

W-chenb-irare:„JüufftietfeSonntagrzeitung"

deutscher k?elch.

** Berlin, 12 Mär, 1912. Der Kaiser bc- sichtigte Dienstag im Atelier Pro'. Cito Lessings, G unewald, das Luther-Denkmal, das für Hamburg bestirmnt ist. — Der bayerische Minister- Präsident trifft Mittwoch hier ein. — Titel­verleihung an mittlere Beamte. Tas rren- ß'.sche Staatsministcrium hat beschloffcu, daß die Verleihung des Titels als Rechnung^- oder Kanzlei- rat unter entsprechender Mnberückiichiigun; der Dienstfolge mir für solche mittlere Beamten der Provinzial- und Lokalbehördeu in Antrag gebracht werden dürfen, di« eine Gesamtdinrstzeil von rrrin- deftens 30 fahren zurückgelegt haben. Tie Ge'ciml- dieustzeit setzt sich au? dem Militär- und Z'vitüicnst zusammen.

a. Tie BudgetkEmisfio« brS Reichstages lehnte am Dienstag einen Antrag ans Lrtlich« Teue­rungszulagen für die nicht etertSmäsig ange­stellten mittleren Beamten und Unteibratr.ton ab. Die in Aussicht genommene Errichtung von Kranken- kaffen für Untcrdeamte unter Leistung tmeS echeb- lichen ReichszuschuffeS fand allgemeine Zustrnrrnnng unter der Voraussetzung eines a^rercheuden Ein- fiuffeS der Beamten auf die Berwaltuug dieser Sassen.

0 ReichefchntzsikrrtSr Wermuth und dir TecknLgS- fragen. Bet der Beratung des Zowachsstrurrgeteoes sollte nach einer Darstellung der -Sermawa' (Nr. K8) der Reichsschatzsekretär Wermuth maßgeben- den natwnalliberalen Abzeordmt« Ne Zusage ge- ma4t haben, daß sein erster Steuernvrichlag nach den Neuwahlen die Wiederembrimumqder KindeS-

' Str 6M Im Mmier.

Der Ausstand im Ruhrgebiet hat eine, wenn auch nicht erhebliche Ausdehnung erfahren.

Zlm ersten Tage sind nach den jetzt vorliegenden

Steinwurfes unruhig, stürzte zu Boden, so daß der Beamte unter das Pferd zu liegen kam und erheblich verletzt wurde. Er mußte mittels Droschke fort- geschafft werden. Auch vor der Bedje Kaiserstuhl II mußte die Polizei die tneu-irfenbtipjige rüge mit blanker Waffe zurücktreiben. Ein Portier der Zeche, welcher die Arbeitswilligen durch eine Rebentüre ins Freie gelassen hatte, wurde von den Streikenden an­gegriffen und geschlagen. Die Menge setzte sich später auf dem in der Nähe liegenden Borsigplatz fest, wo die Polizei ebenfalls mit blanker Waffe vorgehen mutzte. Es kam zu Schlägereien, wobei einem Arbeitswilligen der Arm zerschlagen wurde. Sechs Personen wurden verhaftet, von denen einige Gummischlänche und Waf­fen in den Taschen hatten. Zwischen den Streikenden sah man auch viele Frauen, welche die Männer anfeuerten und sich im Schreien und Johlen geradezu überboten. Die Lage wird im Dortmunder Bezirk mit jedem Tage kritischer.

*Obermarxloh, 12. März 1912. Als heute. 100 bis 200 Bergleute der Zeche Deutscher Kaiser von Schacht I von der Arbeit zurückgeführt wurden, wurden sie voll Streikenden angegriffen. Die Polizei muhte mit blan­ker Waffe vorgehen und gab etwa 30 Nevolverfchüsse ab. Einige der Beamten wurden durch Eteknwnrfe ver­wundet. Ueberall herrscht Aufregung und man wünscht nun, daß Militär eintreffe, denn es sind eine Menge Arbeitswilliger vorhanden, die gern arbeiten vürden, wenn sie besseren Schutz genießen würden und )hne Belästigmlg zur Arbeitsstätte und zurück kommen körinten. Der Schutz der ArbeitsWiltigc.l ist hier durch­aus ungetüigeub.

' Langendreer, 12. März 1912. Abends kam na­mentlich eine große Anzahl Streikender mit Knüt­teln b e w a f f n e t, um den Arbeitswilligen aufzu­lauern. Die Streikenden wurden von der Polizei aus- cinandergetrieben. Mehrere heute morgen zur Arbeit gehende Bergleute wurden von den Streikenden erheb­lich mißhandelt. Es traf im Industriegebiet ein wei­teres Kommando von 58 Gendarmen ein.

* Essen, 12. Mürz 1912. Mit dem Mittwoch, dem dritten Streikia,r, sind die Zechen nach dem Statut be­rechtigt, die Kontraktbruchstrafen in Kraft treten zu lassen, wonach den Streikenden der Lohn für sechs Schichten abgehalten werden kann. Außer dem Bivetfcn Verlust wird so mancher Familie noch großer Schaden zugefügt. Ferner wird eine ganze Anzahl von Knappschaftsmitgliedern die Knappschaftsrcchte vcr- lieren, falls sie nicht fünf Jahre Mitglieder der Knapp- schaftspenfionskaffe sind, da sie bei einer neuen An­fahrt ein neues Knappenattest Beibringen müssen und i falls sie über 40 Jahr alt sind, überhaupt nicht mehr in die Peusiouskasse ausgenommen werden. Die bis dahin bezahlten Beiträge verfalle». Die Arbeiter, die länger als fünf Jahre der Kasse angehören, können durch Zahlung von Feierschichtengeld ihre Rechte auf- rechterhalten.

* Bochum, 12. Mörz 1912. Auf der Zeche „Karotin« Glückauf" bei Bochum wurden mehrere Arbeitswillige von Streikenden mißhandelt, einer schwer am Auge verletzt, ein anderer mit dem Revolver bedroht. Da­raufhin machten mehrere Arbeitswillige eine tele­graphische Eingabe an den Kaiser um Schutz der Arbeitswilligen.

* St. Avold, 12. März 1912. Im Saargebiet ist auf der Grube .Merlenbach" plötzlich der Streik ausgebrochen. Von den rund 700 Mann der Beleg­schaft sind nur 50 angefahren. Die Streikenden, die ohne Kürrdigung die Arbeit niedergelegt haben, stellen die gleichen Forderungen tote die Arbeiter des Nuhr- bzirks. Auf den sonstigen Gruben deS Bezirks fft alles augefahren.

W Paris, 12. März 1912. Nach der Beendigung deS 24stündigen Demonstrationsstreiks ist heute überall bie Arbeit in den französischen Bergwerken ivicder ausgenommen worden.

* Brüssel, 12. März 1912. Infolge der Bergarbeiter, ausstände in Deutschland und England, begann unter den belgischen Grichenarbeitern eine Gärung. Die Bergleute des Bezirks von Charleroi haben bereits die Forderungen auf 15 Prozent Erhöhung normiert. Am nächsten Sonntag werden in allen Gemeinden der vier Kohleubezirke Bersammlungen abgehalten, um über die zu stellenden Forderungen zn beraten. Ein Streik ist jedoch wenig tvahrscheinlich.

* London, 12. März 1912. Der heutige Vormittag verlief mit mehrstündigen Besprechnngen unter den Zechenbesitzern über den Vorschlag, mit den Arbeitern zu konferieren. Nm 3 Uhr wurde im Auswärtigen Amt die Konferenz zwischen dem Vorstand der Un­ternehmer und den 36 Delegierten der Bergarbr 'er unter dem Vorsitz des Premierministers eröffnet. Mau beriet dreieinhalb Stunden und vertagt« sich dann bis morgen. Es dürfte nunmehr statt weiterer nutzloser Erörterungen über das Mindestlohnprinzip über die von den Arbeitern für die einzelnen Reviere aufge­stellte Lohnskala beraten werden. Im öffentlichen Le­ben mehren sich die durch den Streik hervorgerusenen Läb'mtrtgsersibeinungen.

Belegschaft von 170 868 Mann 58 759 oder 34,38 Prozent und bet der Nachmittagsschicht von einer Belegschaft von 109 884 Mann 62 971 "Mann oder 57,25 Prozent nicht zur Arbeit erschienen. Das macht für diese beiden Hauptschichten bei einer Belegschaft von 280 752 Mann für diese beiden Schichten 121672 Ausständige oder 43,26 Prozent. Soweit die Zahlen für den zweiten Tag vorliegen, dürften etwa 59ProzentderGefamtbelegfchaft aus ständisch fein.

Die Beteiligungsziffer tn den einzelnen Bezirken ist recht verschieden. Es gibt Zechen, in denen nur einzelne Arbeiter feiern, während in andern saft die ganze Belegschaft nicht erschienen ist. Ein Still­stand bezw. Rückgang dec Streikbewegung ist Wohl nur in den Revieren Effeu und dem benachbarten Werdcner Bezirk eingetreten. Dagegen ist in allen anderen Bezirken die Beteiligung am Ausstand stär­ker geworden. Auf den einzelnen Zechen fchwankten die Zahlen der Streikenden zwischen 18,56 und 79,97 Prozent. In den Bergrevieren Hamm, Dortmund, Witten, Herne, Gelsenkirchen, Barmen streikten von 77 000 Bergleuten rund 50 000.

Zu der Vermehrung der Ausständigen cm Dienstag mag der Umstand milgewirkt haben, daß am Montag noch aus besondern Gründen (Abholen von Sachen oder Lohn usw.) manche eingesahren waren, die bereits zum Streik sich angeschlossen hat­ten. Doch ist nicht zu bezweifeln, daß auch manche Arbeitswillige durch die Verspottung und Be­drohung, der sie sich auf dem Wege zur Zeche oder in den gememschaftlichen Behausungen ausge­setzt sahen und dir teilweise auch von Mißhandlun­gen begleitet waren, von der weiteren Arbeit abge­schreckt worden sind. Daher sind denn auch von mehrerea Stellen Gesuche an die Regierung er­gangen, um besseren Schutz für die Arbeits­willigen.

Dieselbe Aufforderung hat am Dienstag das Herrenhaus in einer einstimmig angenomme­nen Resolution cm die Staatsregierung gerichtet. Die Verhandlung war von außerordentlicher Be­deutung. Leider kann man das Auftreten der Re­gierung nicht für ganz befriedigend erklären, wenn auch der Vertreter des Ministeriums des In­nern es an äeruhigrnden Erklärungen über die er­folgte Vermehrung der Polizeikräfte und die beab­sichtigte Aufbietung aller notwendig werdenden wei­teren Kräfte abgab. Erstens war es auffällig, daß der erkrankte Minister des Annern ausschließlich durch seinen Uuterstaatssekretär vertreten wurde und weder dec Ministerpräsident noch sonst ein ak­tiver Staatsminffter sich zu dieser Verhandlung her­bemüht hatte. Zweitens macht es einen lehr schlech­ten Eindruck, daß dem Vertreter der Staatsregie- rimg in seiner zweiten Rede das mistversiändliche Wort entfuhr: Bei einem Massenstreik ist der Schutz jeder einzelnen Person kaum durchführbar. Der Berichterstatter Graf Z i e t h e n-S chw erin meinte, toenn die Regierung ausspreche, daß sie nicht imstande fei, den einzelnen Mann zu schützen, so sei das gewiffermaßen eine Bankerotterklärung der Regierung. In der Tat, dafür sind wir Staats­bürger, daß wir Schutz vom Staate verlangen kön­nen, — auch der geringste Arbeiter. Der Unter- stacrtssekretar erklärte darauf, er sei mißverstanden worden. Die Startsregierung stehe keinesfalls auf

Zeitung

Monakdeilage: „Wd(M Seschichkblätter"

dem Standpunkt, daß sie nicht auch zum Schutz jedes einzelnen verpflichtet fei; aber wenn es sich um eine Belegschaft von 300 000 Menschen handele, so könne es wirklich Vorkommen, daß einer auf dem Wege zur Arbeit Prügel bekomme; das sei vielleicht nicht ganz zu vermeiden.

Eine unglückselig« Erörterung: Man bat den Eindruck, als ob die Regierung die Strrikkra« walle mit bewfelbeit Maße messe, wie die Zänkereien oder Prügeleien, die gelegentlich ans einem Tanzboden oder während und nach einer Kneiperei vorkomme«. Man mag ja sagen, daß nicht jedem Wirtshau?desncher ein polizeilicher Schutzengel zur Seite gegeben werden könne; der Mann müffe sich selbst schützen und brauche ja nicht in die animierte Gesellschaft zu gehen. Hier aber handelt eg sich nickt um das persönliche Interesse dieses oder jenes Menschen, sondern um ein hoch­wichtiges Interesse von Hunderttausenden, um das LebenStutereffe von Staat und Gesell­schaft. Es gibt angenblicktich keine dringendere und wichtigere Aufgabe, als die Abwehr des TerroriSmuS, der einem so bedenkenden Teil der Bevölkerung die Willensfreiheit und die Er» werbsmöglichkeit abschneiden, die Ordnung und Rechtssicherheit erschüttern, den Wohlstand und den inneren Friede« vernichte« will. In einer so kritischen Lage darf b« Regierung nicht anders er­klären, al- daß sie alle erdenklichen Mittel auf­bieten und weder Mühe noch Kosten scheuen will, um jeden Arbeitswilligen vor Beschimpfung und Mißhandlung wirksam zu schützen. Höchstens könnt« sie hiuzufüge«: wenn trotz aller Vorkehrungen im geheimen eine Ausschreitung gegen einen Arbeits­willigen vorlaute, so würde sofort mit Verhaftung und Anklage gegen die Schuldigen auf- schärfst« ringeschritten werden.

Zurzeit b^«h« sich die erhobenen Klage» wentger auf Emzelangriffe in dunklen Ecken oder Hausfluren, als vielmehr auf die Beschimpfungen und Bedrohung«, di« ans offener Straße, auf dem Wege von und zur Arbeitsstätte, von den an- gesammelt« Streikend« und auch von deren weib­lichem Anhang zugefügt werden. Den Terroristen beiderlei Geschlechts muß da» »Recht auf die Straße", dar sie für ihr gememschädliche» Treib« in An- kvruck nehmen, unbedingt entioaen werden. Ist

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 12. März 1912.

Das Zentrum hat folgende Interpella­tion cingebracht:

Ist der Herr Reichskanzler bereit, über den Stand des Streiks im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier Auskunft zu geben? Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um unter Berück­sichtigung der berechtigten Wünsche der Bergarbei­ter ein rasches Ende dieses den deutschen Volks- wohlstand schwer schädigenden Ausstandes herbei- zisiühren?

Präsident Dr. Kaempf erklärt, datz er diese Inter­pellation auf die morgige Tagesordnung setzen wird.

Ter Etat des Reichsamt des Innern wird weiter- beraten bei den amtlichen Ausgaben.

Die Budgetkommission beantragt eine Resolu­tion, die den Reichskanzler um eine Novelle zur Beamten- und Offizierpensionsgesetz ersncht, durch welche Einkommen aus einer im Ruhestande erfolgten Privaianstellung unter bestimmten Voraussetzungen auf das Ruhegehalt an gerechnet werden kann.

Abg. Liesching (Vp.) hält namens seiner Fraktion die Resolution für notwendig, denn die Fälle, wo Be- amte aus der Reichskasse ein hohes Gehalt beziehen, um nachher eine noch besser dotierte Privatstellung an­zunehmen, nehmen von Tag zu Tag zu.

Abg. Erzbergrr (Ztr.): 200 Millionen beträgt unser Pensionsetat; 500 000 Mark gehen davon an Person- lichkeiicn, die eigentlich nach dem Wortlaut des Ge­setze? keinen Anspruch darauf haben. Der Unwille des deutschen Volkes richtet sich wegen dieses halben Pro­zents gegen die ganzen 200 Millionen Pensionsetat. Eine Gelegenhritsrefolulion ist es nur für den Staats­sekretär des Innern; die gleichen Erfahrungen aber machen tvir im ganzen Reichshaushalt. Kein Mensch wird otivas daran finden, wenn ein Briefträger mit 600 Mk. Pension eine Portierstelle in einer Fabrik annimmt; aber wenn die hohen Reichsbeainten 10 000 Mark Pension bekommen und dann noch 30 000 Mk. Gehalt bei eine Privatgesellschaft, das regt das Volk auf. Die Privatindustrie bezahlt nur die großen Nummern besser als das Reich oder Staat oder Ge­meinde; die große Masse ihrer Beamten bezahlt sie im Durchschnitt schlechter. § 34 des Reichsbemnten- gesetzeS, wonach nur geistige oder körperliche Unbrauch­barkeit die Pensionierung herbeiführt, brauchte eigent­lich nur streng gehandhabt zu werden.

Ab. Sübekum (Soz.) erklärt die Zustimmung seiner Freunde zu einer Revision drS Pensionsgesetzes und führt weitere Fälle an, in denen er die gleichen An­stände erhebt, z. B. Po bi-'ski, fr>o8mann. Das Wich­tigste ist die Anständigkeit der Gesinnungen bet Be­amten selber.

Die Resolution wirb angenommen.

Ebenso wirb die Resolution ber Bubgetkommission angenommen, bie eine baldige Reform des Kanz­le i g c s« tz « s fordert.

Zrir Förderung ber Seefischerei werben 375 000 Mk. gefordert.

Die Abg. v. Boehlcndorff (k.), Dr. Strutoe (Vp.) unb Erzberger lZentr.i i-.-«-."«-en die ^rböbung des Fonds, und bringen eine Reihe von Einzelwünschen vor. Die süddeutschen Eisenbahnverwaltungen werden ersucht, auf die Durchführung direkter Fischzüge nach hem Süden hin zu arbeiten. Die Fischercidampfct nützten mit drahtloser Tclegrapkne ansoestattet werden. Was vor allem nottue, sei bie Beschaffung geeigneter Häfen für Fischer.

Ministerialbikretor v. Jonquieres ertoibert, ber Frage ber brahtlosen Telegraphie habe bie Regierung volle Aufmerksamkeit gugetoenbet Jedenfalls müsse auf eine Vermehrung unserer Fischereiflotte Bedacht

Tie Anrschreiiuugkn im Streifet bitt.

** Essen (Ruhr), 12. März 1912. Die Sage im Slrcikgebiet hat sich gestern insofern geändert, als es vielfach bei der Einfahrt der gestrigen Mitlags­und der henligen Frühschicht zu Unruhen ge­kommen ist, wobei b'e Schutztnannschaft vom Säbel Gebrauch machte. Die Arbeits- willigen werben virsiach verhöhnt, auch tätlich angegriffen, worüber eine ganze Reihe von Meldungen vorliegt. Ang-sichts des emfttetenden Terrors wird in einer größeren Anzahl von den Arbeitern nahestehenden Zeitungen militärischer Schutz gefordert Die Zechenverwaltungen sind lei!- weife dazu nbergeganacn, die Früh- und Mitlazs- schicht ziuamuienzuleaen.

♦♦ Essen, 12. März 1912. Auf der Zeche Bon­dern wurden heute »acht 8—10 Arbeitern, die ein­gefahren waren, die Kleider und Stiefel zerschnitten. Die christlichen Gewerkschaften haben sich unter'diesen Umstanden an die Behörde» um besseren Schutz der Arbeitswilli- g e n getoanDt. — In der Kolonie Dellwig der Gute Hoffnungs-Hütte wurden gestern Arbeitswil­lige von Frauen der Streikenden mit Steinen beworfen. Auf der Zeche Braffert in Marl wurde ein Arbeitswilliger bei der Konferenz in der Kantine von Streikenden überfallen und so zuge­richtet, daß er dem Krankenhaus zugeführt werden mußte. Ein anderer Arbeitswilliger wurde in seiner Wohnung von den illfitbefnohneru über­fallen und gleichfalls so mißhandelt, daß er in das Krankenhaus gebracht werden mußte. Auf einer Reihe von Zechen, namentlich im Duisburger, Revier, ist ein wenn auch nicht zecade bedeutender Prozentsatz christlicher Bergarbeiter, die gestern noch ansuhren, heute ebenfalls der Arbeit fernge­blieben. Tiefe Erscheinung zeigt sich u. a. auf den Zechen Westende, Deutscher Kaiser und Neumühl. Sic ist darauf zurückzuführen, daß die Streikenden in Massen unter Zuhilfenahme ihrer Kinder und Frauen auf beit Zecheneingängen die Arbeits­willigen Spießruten laufen lassen. Tas muh einschüchternd auf die Arbeitswilligen, wirke.:, und so ist es dahingekvmmen, daß manche lieber zu Hanse bleiben, als sich Gefahren und Unbilden cu:s- setzen. Erwähnt sei hierbei die Beschwerde, die ein christlicher Vertrauensmann ans Oberhausen auf der Zentralstelle des Gewerkvercius vorbrachte. Er erzählte folgendes: Als ich heute früh zur Schicht erschien, wurde ich von der lärmenden Menge ergriffen, in die Höhe gehoben und gezeigt mit den Worten: Seht hier den christlichen Streit» brecher. Ich bin froh, daß ich mit heiler Haut da- Vvngekommcn bi» und kann es begreiflich sinden, wenn arbeitswillige Kollegen ans Furcht vor Streikkerror'tsnms zu Hause bleiben. Dagegen kann ich versichern, daß auf den Zechen in unserer Gegend kein christlicher Berqutann aus eigenem Antrieb sich dem Streik augeschloffen hat. Die Anhänger des Gewerkdereins sind der Parole ihrer Führer unbe­dingt treu geblieben. Dagegen liegen die Arbeits- verhaltmsie ans denjenigen Zechen, wo das Polizei­aufgebot ansceicht, wie beispielsweise auf den Ze­chen Osterfeld, Königsberg. Konkordia, Rolland und Vmidern günstig. Die Arbeitswilligen gehen dort unbehindert zur Schicht, und so zeigte der Schicht­wechsel, daß die Zahl der Angefahrenen incht abge- nomm.en hat. Auf Zeche Heinrich bei Ueberruhr ehlie auch bei der heutigen Frühschicht nicht ein einziger von der 400 Mann starken Belegschaft, die auch gestern vollzählig angefahren war. Auf den Zechen der Gesellschaft Dcchlbusch sind mehrere Arbeiter durch Steinwürfe verletzt worden. Der Werkleitung sagten verschiedene Leut«, sie könnte» nicht mehr kommen, weil sie aus dem Nachhause- wage mit Steinen beworfen würden. Aus diesem Grund hat das LVerk Schichten von morgens 8 bis nachmittags 4 Uhr verlegt, um die Leute am Helle»: Tag nach'Hanse bringen zu können.

* Dortmund, 12. März 1912. Zu skandalösen Stuft t f t e n kam es heute nachmittag währenb des Schichtwechsels ber Zeche Kaiserstuhl I. Um bie Ar­beitswilligen zu schützen, hatte bie Polizei einen Teil der Bornstratze, an welcher die Zeche Kaiserstuhl liegt, obsperren lassen. 5- bis 6000 Menschen waren bis an die nächste Querstraße zurückgedrängt und bildeten ge­radezu eine lebendige Mauer. Die Arbeitswilligen, welche in andern Stadteiken wohnen, wurden unter icherer Bedeckung in die Stratzenbahn gebracht, die edesmol von der nach Tausenden zählenden Menge mit ohrenbetäubendem Spektakel empfangen wurden. D« Polizei wurde verhöhnt unb mit Steinen be­warf en. Sie mutzte mit blanker W as f e bot» gehen. Ein Arbeitswilliger, der sich m «»ne ^keben- tratze gewagt, wurde niedergeschlagen unb durch Stock» er läge verletzt. Die Polizei mutzte md dem Sabel btt Angreifer von ihrem Opfer zurnckgeschlagen. Das Pferd eines BoliLeiwacbtmeijtrr» wurde insolae eine»

genommen werden. Es sei notwendig, denjenigen Fischereigesellschaften, die in finanzieller Beziehung schwer zu kämpfen haben, unter die Arme zu greifen.

Znm Titel „Herausgabe der Nachrichten für Handel Und Industrie" liegt eine Resolution Dr. Schädler und Genossen (Z.) vor, in der ber Reichskanlzer ersucht wird, eine mnfassenbe Probuktionsstatistik im Jnlanbe für bie einzelnen Erwcrbsgruppen zu ver­anlassen, wobei die mit ihrem Absatz auf Finanzwirt­schaft angewiesenen Gruppen des Kleinhandels und Handwerks besonders behandelt werden; ferner Erhe­bungen über die Produktionsverhältnisse insbesondere über Gewinnung von Rohstoffen, Bodenpreisen, Löh­nen usw. der mit dem deutschen Volke hauptsächlich im Wettbewerb stehenden fremden Staaten anzu- stellen und diese in einer Denkschrift dem Reichstage zugchen zu lassen; endlich bei den bevorstehenden Ver- harcklungen über bie neuen Handelsverträge auf eine größere Gleichmäßigkeit in ber sozialen Gesetzgebung der beteiligten Länder int Sinne eines möglichst gro- ßen Fortschritts bin^uwirken.

Abg. Graf Praschma (Z.) begründet die Resolu­tion. Die gewünschte Statistik müsse zu einer dauern­den Einrichtung gemacht werden. Auch müsse die bestimmte Garantie gegeben werden, daß von bett ein» Seinen Erwerbsgruppen geforderten Auskünfte zn kei» «eilet andern Zwecken, namentlich nicht zu Steuer­zwecken verwendet tverden.

Abg. Südekum (Soz.f: Die Tendenz ber Resolution ist uns durchaus sympathisch.

Un-erstaatssekretär Richter: Der Resolution wird zwar im wesentlichen durch bie vom Reichsamt be8 Innern seit langem veranstalteten Probultiousstatffti- ken entsprochen, aber wir werden diese Statistik gerne erweitern unb ergänzen. Selbstverständlich werden die gemachten Angaben streng geheim gehalten.

Abg. Dr. Qertel (k.) erklärt die Zustimmung seiner politischen Freunde. Damit schließt bie Diskussion.

Die Resolution wird einstimmig angenommen.

Beim Titel Maßnahmen zur Dekärnpsung ber Reb­laus fordert

Abg. Feuerstein (Soz.) von bei Regierung wirk­samere Maßnahmen.

, Abg. Po» lti=v erbeut (Z.): Ich glaube, auf bem Ge- btete der Bekämpfung ber Reblaus wirb schon mehr ms genug getan. SBetut irgenbwo eine Reblaus auch

®>4t kommt, stehen gleich 5 bis 6 Geheimräte ehttonr™ Heiterkeit). Eine viel brittgenbete

bie bem gn',- ben Schäden entgegengcwirkt wirb, WWr'Je'Slf |Ct für Soll«.

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U«d «lcht Suletzi mit der Bekämpfung der 'Schundlite. tatur. (Beifau.)

Mittwoch: Ruhrstreik-Jnterpellation und Fortseüuna N$ Etatsberatung. ' * 8