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Botation s»rntf n. Verlag der Kulba« Actteudruckerei Lgulbe Lerusprecher llr. »

M 59. Erstes Blatt.

Fulda, Dienstag den 12. März 1912.

39. Jahrgang.

- M Streit im WrrM.

Der gestrige erste Streiktag, der freilich noch kei­nen endgiltigen Schluß zuläßt, beweist, daß der so­genannte Dreibund der Bergarbeiterverbände, der den sozialdemokratischen (alten) Verband, den Hirsch- Dunckerschen und den polnischen Verband umfaßt, mit feiner Agitation für den Streik den von ihm er­warteten Erstlg nicht gehabt hat.

Nach den Mitteilungen des Bergbaulichen Ver­eins haben gestern vormittag nur ein Drittel der Arbeiter gestreikt. Am Nachmittage hat dann allerdings der Ausstand an Ausdehnung zugenorn- men. Es stellte sich das Verhältnis etwa so, daß man sagen kann, die Hälfte der Bergleute hat sich dem Ausstand angeschloffen. Anscheinend ist es den Ausständischen gelungen, in der Zwischen­zeit Schwankende auf ihre Seite zu ziehen.

Ein Streik, in dem nur etwa die Hälfte der Be­legschaft der Streikparole Folge leistet, hat noch kerne große Aussicht aus Erfolg. Man wird schon froh sein müssen, wenn der verfehlte Vorstoß die Stellung der Arbeiterschaft gegenüber bett Zechen­herren nicht verschlechtert und die Bestrebungen der besonnenen Arbeitervertreter auf Lohnaufbesserung und sonstige Fortschritte nicht erschwert.

Der sozialdemokratffche Verband wird mit seiner frivolen Streiktretberei nur schlimme Schäden für seine Gefolgschaft herbei'übten. Nm so schlimmer, je länger die versührle Minderheit das ansstchtslofe Ringen fortsetzt. Auch die eigene Kaffe des Ver­bandes geht dabei zu gründe. Für jeden anderen Verband würde ein io frevelhaft heraufbeschworene Niederlage tödlich wirken. Ab r gerade dersozial« niakratische Verband hat in dieser Beziehung i.:e sonderbare Vorzugsstellung. Er riskiert es, |ei»e eigenen Mitglieder in Not und Verderben zu stürzen; denn er lebt von der Unzufriedenheit. Darum haben ja auch früher schon die roten Führer die verlorenen Streiks als einen Vorteil für ihre „Sache" gepriesen. Je ärger der Schaden, je empfindlicher die Niederlage, desto größer wird die Unzufriedenheit, und die verzweifelten Leute werden, so rechnet man, für den Umsturzgedanken reif fein, sich zu der toten Fahne schlagen. Hoffentlich wird der gesunde Menschenverstand, der sich bei der Mehrheit der Arbeiterschaft zu Anfang des Streiks geltend gemacht hat, auch in dem weiteren Verlaufe und bei dem ernüchternden Ende verhalten, so daß auch von den Veriührten ein be­trächtlicher Teil erkennt, wo ihre wahren Freunde und richtigen Führer sitzen. Man sollte doch meinen, daß auch der einfache Arbeiter, wenn er nicht ichon ganz verblendet ist, endlich die Machenschaften durchschauen muß, die ihn zum Kanonenfutter für die sozialdemokratische Partei und deren englische Freundschalt machen wollen.

Am Montag, nach dem Ausbruch des sozial­demokratischen Streiks, war die Berliner Börse „fest". Sie ließ sich durch den Kriegslärm von Sachse und Genoffen durchaus nicht beunruhigen. Man hielt dort eine längere Dauer oder gar einen Erfolg des Streits für ausgeschloffen. Man wies besonders darauf hin, daß die großen Eilenwerke zumeist für drei Wochen reichlich mit Kohlen und Koks versorgt seien. Die kühne Behauptung des Streikaufrufs, daß jetzt der Augenblick für einen Lohnkampf g ftn ft i g sei, wird von den Sachkundigen als das gerade Gegenteil der Wahrheit betrachtet. In führenden Kreisen der rheinisch-westsälischen Kohlenindustrie ist man, wie die,Boff. Zig.' meldet, der Ansicht, daß der ganze Streik im Sande verlausen wird, wenn nur die Regierung ge­nügenden Schrch für die Arbeitswilligen stelle.

Nm diesen Schutz für die Willens« und Hand- lungsfrecheit scheint es nach den bisherigen Nach­richten gut zu stehen. Abgesehen von zwei vereinzelten Fällen, wo es sich um Konst he mit je einem nr .rj8n?i^i®en gehandelt haben soll, sind noch keine Ausschreitungen von selten Streikender gemeldet borden. Die Aussichten auf Erhaltung der Ruhe und Ordnung sind ja auch um so bester, je höher der Prozentsatz der Arbeitswilligen ist.

Wir haben schon vor Ausbruch des Streikes hervorgehoben, daß ein solcher Kampf nicht unter- nommen werden darf, wenn nicht erstens die Einigkeit der Arbeiterschaft und zweitens die Sympathie bei Publikums gesichert ist. Wie sehr es an der Einigkeit fehlt, zeigt die Tatsache, daß kaum ein Drittel der Streikparole am Montag gefolgt ist. lieber die V o l k s st i m m u n g wird ge­meldet, daß auch in sonst sehr arbeitetfteunblidjen Kreisen die Meinung dahingeht, man hätte mit der Kriegserklärung wenigstens bi» zum 1. April warten sollen. Es heißt sogar, daß Gruppen von Ge­schäftsleuten schon über die Verweigerung von wei­terem Krebst sich geeinigt hätten.

Wie man die Sache auch betrachten mag, es ist kein Sinn und Verstand in dem oan-en Unter­nehmen zu finden —, abgesehen von der frcv lhasten Spekulation der Umsturzpartei aul bu steigende Un­zufriedenheit infolge der unvermeidlichen Niederlage. Die verhetzten Masten begehen eine Torheit, und ihre hintätistigeu Verführer begehen ein Ver­brechen. Man kann nur hoffen, daß die Ver­führten recht bald zur Besinnung kommen, ehe der Schaden für sie selbst und die Gesamtheit gar zu groß geworden ist.

Glückauf, dem besonnenen und mutigen christlichen Verband, der die rettende Arche in dieser roten Sintflut bildet!

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* Die preußische Regierung wird am Dienstag bei der Beratung des Antrags Puttkanicr über den Schutz von Arbeitswilligen im Herrenhause, Blättermeldungen zufolge, eine Erklärung über die Borgeschichte des KohlenarbeiterstreikS im Nuhrrevier geben und auf die Verhandlungen, die seitens der preußischen und der ReichSrgierung mit den Führern der Bergarbeiter ein­geleitet worden waren, eingehen, um zu zeigen, daß die Regierung keine Mittel unversucht gelassen habe, den Streik zu verhindern.

W Esse«, 11. März 1919. In der heutigen Vor­standssitzung deS ZechenverbandeS wurde beschlossen, allen dem Verbände angeschlossenen Zechenverwaltungen zu empfehlen, die Arbeiterausschüsse baldigst einzuberufen.

W Bochum, 11. März 1912. Von den 171 268 Ar­beitern der Frühschicht im Ruhrgebiet find am Montag, am ersten Tage des Busstandes, 112 939 angefahren. Die Gesamtzahl der feiernden Frühschichtler betrug mithin 58 316. Zur Mittagsschicht sollten 109 884 Mann einfahren, davon find eingefahren 46 971, es streiken also 57,25 Prozent. Die Ursache des Stei­gens der Zahl der Streikenden liegt zum größten Teil an der Behinderung der Arbeitswilligen beim Schichtwechsel durch Ansammlung von Frauen und Kindern.

Dortmund, 11. März 1912. In der Nähe der Zeche Massen in Unna wurde heute ein Steiger von mehreren streikenden Bergleuten angegriffen. Es gelang ihm aber, sich der Angreifer zu erwehren. Mehrfach kamen Ansammlungen von Streikenden vor, doch wurde die Ruhe nicht weiter gestört. Gegen 3 Uhr wurde ein Ausständiger von mehreren Arbeitswilligen der Zeche Scharnhorst, die er belästigt hatte, verprügelt.

Dortmund, 11. März 1912. Um die Zeit deS Schichtwechsels füllten sich heute nachmittag die Zu- gangsivege zu den Kaiserstuhlzechen mit einer fast u n- überfehbaren Menschenmenge. Den Hauptbestandteils dieser Menge bildeten Frauen und Kinder der Streikende«, die die Straßen besetzt hielten und die Arbeitswilligen Spießruten laufen ließen. Mit Schimpfworten wurde nicht gespart. Zu weiteren Ruhestörungen kam eS nicht. Das Aufgebot der Polizei ist ziemlich stark.

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Aachen, 11. März 1912. Zahlreiche Bergarbeiter- derfammlnngeil im Wurmredier nahmen gestern eine Resolution an, die der Leitung deS Gewerkvereins christlicher Arbeiter da» vollste Vertrauen arlsfpricht. Die unredliche Taktik der sozialdemokratischen Ber- bandsleitung beweise, daß e» der sozialdemokratischen «»bandsleitung nicht um eine wirkliche Besserung der Lohnverhältniffe, sondern um eine eine agitatorische Verhetzung der Arbeiter untereinander zu tun ist. Schließlich drückt die Resolution den Wunsch ouS, daß die Arbeiterausschüsse der Gruben bei den Verwaltun­gen vorstellig werden nnb erwarten, daß die Direktion des Eschweiler Bergwerkvereins den berechtigten Wün­schen der Belegschaften Rechnung tragen werde.

Paris, 11. März 1912. Der für heute festgesetzte vierundzwanzigstündige Streik der sranzösi.

schenBergleute, der die Aufmerksamkeit des Par­lamentes auf ihre Forderungen (Achtstundentag, Min- destwhn und Arbeiterversorgung) lenken soll, ist ohne ernsten Zwischenfall verlaufen.

veutscher Reich.

♦* Berlin, 11. März 1912. Die Konferenz be< Minister der Bundesstaaten mit dem Reichskanzler zur Besprechung über die Wehrvorlagen, die ut' sprüngUch am Samstag ftattfinden sollte, dann aber verschoben werden mußte, findet nunmehr, wie die Nordd. Allg. Ztg/ schreibt, am kommenden Don­nerstag statt. — Die Zertimg ,New-Iork Tribüne' bringt ein Telegramm aus Washington, wonach Deutschland Verhandlungen führe, um Häfen an der atlantischen Küste von Kolumbien zu erwerben. Diese Meldung ist, wie das Wolfffsche Telegramm-Bureau erfährt, gänzlich aus der Lust gegriffen. — Prinzessin Olga, die jüngste Tochter des Herzogs von Kumberland, wird sich in den nächsten Tagen mit dem Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz verloben.

* Zum Gedächtnis Windthorsts wird am Donners­tag, 14. Marz auf Veranlassung der be.den Zen­trumsfraktionen das älteste Fraktionsmitglied, Dekan Lender, in der Maria Viktoria-Kapelle in der Karl- straße cm Seelenamt zelebrieren. Die weltliche Ge­dächtnisfeier ist bis nach Ostern verschoben worden.

2s- Aus dem Zuhalt der Heeresvorlage werden der .Post' von einer, wie sie sagt, »dem Bundes- rate nahestehenden Seite* noch folgende Mitteilungen gewacht:

Die Wehrvorlage bringt für alle Infanterie-Regi­menter eine Maschinengewehr- Kompagnie, deren Bildung mit Oktober 1913 abgeschlossen sein soll. Die Aufstellung dieser Kompagnien erfolgt aber zunächst durch Abgabe aus dem bisherigen Etat der Truppe . . . Die Wehrvorkoge bringt auch die Aufstellung der drit­ten Bataillone bei allen sogenannten kleinen Regimentern. Sie ist aber erst Oktober 1914 abzn» schließen, vielleicht auch erst Oktober 1915... Die neuen Fliegerformationen (ein Batail­lon) sollen bis zum Oktober 1913 abgeschlossen sein. Bis zu demselben Zeitpunkt will man die beiden neuen Armeekorps (20. und 21.) durch Auf­stellung von je einem neuen Divisionsstab im Westen und im Osten und der für diese Division nötigen Feld­artillerie gebildet haben. Was geschieht, ist endlich weiter eine Steigerung des Pferdeetats der F e l d a r ti l l e r i e; im Osten unb Westen sollen einige Batterien n-ehr ans hohen Etat gebracht, und die Zahl der Batterien, die mittleren Etat haben, ver­mehrt worden, aber sehr langsam und stufenweise. Also auch hier verbleibt w'eder ein Zeitraum des Ueber- ganges, währenddessen wir unserem westlichen Nach­bar unterlegen sind. Das Cunctatorentum be­herrscht die neue Wehrvorlage, und diese wird auch in bezug auf die Gesamtsteigerung des Rekrutenkontin­gents enttäuschen. Das Verständnis für den gro­ßen Wurf ist unS abhanden gekommen.*

Wir muffen natürlich dem genannten Blatt die Verantwortung für di; Richtigkeit der Angaben überlaffen. Die Zuschrift mit ihrer Klage das die Vorlage vom Cunetalorentnm, dem Gegenteil vom Draufgängertum beherrscht werde, verfolgt so offen­kundig tendenziöse Zwecke, daß äußerste Vorsicht geboten erscheint. Jedenfalls stimmen die Angaben mit den bisher über den Inhalt der Militärvorlage gemachten und auch unw'.deriprochen gebliebenen Mtteilungen in keiner Weise überein.

* Zur konsesstonellr» Absonderung. .Gewisse akaiholische Kreise werden, so schreibt das Stutt­garter Deutsche Volksblatt, nicht müde, den Katho­liken den Vorwurf der konfesnonelien Absonderung zu machen. Schon oft ist der Vorwurf widerlegt worden. Aber er kehrt immer wieder. Wie lehr aber die Gegner sich von den Katholiken abschließen, davon schweigt des Sängers Höflichkeit, lind doch ist diese Absonderung ganz gewaltig. Uns spielte jüngst das Geschick ein Schrift ück in die Hand, das mit unwiderlegbarer Deutlichkeit die Absonde­rung der Protestanten beweist. Die Sache liegt zwar schon etwas über ein Jahr zurück, aber sie verdient doch der Vergeffenheit en'nffen zu werden. Der Tatbestand ist kurz folgender. Ein katholisches Fräulein aus einer württembergischen Obcramts-

stadt wollte sich als Krankenpflegerin aus- bilden. Sie wandte sich zu dem Zweck an Professor Dr. Zimmer in Berlin, um in feiner bekannten Anstalt sich für den Beruf ausbilden zu lassen. Darauf erhielt sie folgendes Schreiben von dem Herrn, das uns im Original vorliegt:

Berlin-Zehlendorf, Königstratzr 19, 8. Juni 1919 Gnädiges Fräulein! Ihr Fragebogen ist eingegangen, und ich erwarte noch die weiteren Zeugnisse. Als Krankenpflegeschnle für allgemeine Krankenpflege baden wir bisher nut daS evangelische Krankenhaus in Ober­hausen, und hier ist die Bedingung, daß die Schüler­innen evangelischen Bekenntnisses find. Die Anstalt fürchtet den Eingriff des katholischen Priesters durch den Beichtstuhl und dadurch die Störung unserer dortigen Schivesternschast. Grund­sätzlich ist unsere Schwesternschaft interlonse-sionell, so daß eine Ausnahme in diese möglich wäre, wie denn schon eine Katholikin ihr angehört. Ich hoffe aber, daß die Krankenhausverwallung, da wir eine andere Ausbildungsstätte für allgemeine Kranti «pflege zurzeit noch nicht zur Verfügung Haven, Ihnen eine Ausnahme gestattet, falls Sie versprechen, waS Sie etwa im Beichtstuhl Ihrem Seelsorger offenbaren, ebenso auch der vorstetzeusen Schwester oder mir (!) mitzuteilen, damit alle Schwierigkeiten dadurch von vornherein ausgeschlossen sind. Ich bitte, sich darüber freundlichst erklären zu wollen. Ganz cr> geben Dr. Zimmer.

Das Schreiben zeigt, welche Ansichten vom katho­lischen Priestertum und der Beicht in gewissen pro­testantischen Köpfen spuken. Und wie stark wird die konfessionelle Absonderung betrieben l „Grund­sätzlich ist unsere Schwesternschaft inter kon fessio- ne11", aber eine Kaiho! ikin wird darin nur ausgenommen, wenn sie den Inhalt ihrer Beicht auch dem evangelischen Anstaltsarzt oder der vor­stehenden evangelischen Schwester offenbart. Die Zumutung, ein katholisches Mädchen solle dem pro» tkstantischen Arzte das, was sie im Beichtstuhl dem Seelsorger offenbart, eben'o auch der Schwester ober dem Arzte mitteilen, ist geradezu ftech. Wer gibt dem Manne das Recht, sich in bit Gewissensange- legmheiten der Schwester aufdringlich einzumifchen? Glaubt man denn, den Katholiken alles bteten zu dürfen? Welches Geschrei ginge im ganzen Deut­schen Reiche las, wenn ein Katholik eine tolche Zu- mulung einem protestantischen Fräulein stellen würde! So aber wird die ganze liberale Preffe diesen Skandal einfach und tapfer totschweigenl

»• Weimar, 11. März 1912. Der Weima» rische Landtag nahm heute gegen di« Stimmen der Sozialdemokraten deit Entwurf eines Han­delsschulgesetzes an.

* Münster, 11. März 1912. An Stelle des Frhrn. v. Hertling will das Zentrum iWahl­kreise Münster-Coesfeld den Medizinalrai Ger lach in Münster als Reichstagskandrdaten auffteden.

** München, 11. März 1912. Prinzregent Luitpold begeht am Dienstag feinen 9t. Geburts­tag. Montag nachmittag empfing er den Minister­präsidenten v. Hertling, der im Namen des gesamten Staatsminifleriums Glückwünsche überbrachte. Ebenso gratulierte Kriegsminister Frhr. Kreß v. Kreffenstein i n Namen der Armee. Abends fand vor der Resi­denz große militärifche Serenade bet Garnison statt. Schon am Sonntag wurden dem Regenten zailreiche Glückwünsche dargebracht. Bei der städtischen Deputation befand sich auch bet fvzialdemolralische zweite Vorsteher des Gemeindekollegiums, Witti. Der Rezent zog ihn ebenso wie die anderen Herten in ein längeres Gespräch. Der Prinzregent verlieh eine Anzahl von Auszeichnungen und stiftete au§ dem Kapital der Luitpold - Jubiläumsipeude für Jugendfürsorge 60000 Mark zur Unterstützung be­stehender und zur Errichtung neuer Lehrlingsheime.

>? München, 11. März 1912. Graf.Moy fragte heute im bochenfchen Reichsrat die Regierung, ob sie nicht gewillt sei, den Plan des vielbesprochenen Walchenseekraftwerks fallen zu lassen we­gen der landschaftlichen und wirtschaftlichen Beein- trächttgung der Umgebung, weil die Kosten für die Pferdekraft höher sein würden als angenommen wird, weil in der Hauptsache nur der Staat für die Elektrisierung d-r Gebirgsbahnen Strom abnehme, und weil Oesterreich, wenn es die Achensee-Pläne

Kleines Feuilleton

. — «mundsens Erlebnisse. Amundsen, der Ent­decker des Sudpols, hat dem ,L)cüly Chrouicle" noch einen Bericht über feine Etlebniffe auf der Expe­dition gesandt. Amundsen gibt zu, daß vielleicht auch Kapitän Scott, der englische Forscher, den Pol erreicht Hilden mag, aber Amundsen hat leine Spur von ihm gesehen. Auf dec weiten Strecke im EiÄande wurden durchschnittlich 15 (englische) Mei­len in sechs Stunden zurückgelegt; dann wurde ge» geffen, die Hunde gefüttert und andere Arbeiten ver- richtetz was zusammen gewöhnlich zwei Stunden in Anspruch nahm. Sechs Stunden gehört dann dem Schlaf, woraus wieder ein sechsstündiger Marsch angetreten wurde. Große Schwierigkeiten bereiteten der Expedition die hohen Eisberge. Während des letzten Teiles der Reise nach dem Südpol haben wir uns, erzählt Amundsen, in einer durchschnittlichen H°h-' von 5000 Meter befunden. Der Pol selbst no<9 Einen Beobachtungen 3201 Meter hoch.

J^ettete uns viel Beschwerden, in dieser Höhe IrriiJi11611 uni5 dabei noch zu gleicher Zeit schwere S " zu verrichten. Wir mußten uns häufig stundenlang, außer der gewöhnlichen Nachtruhe iwShW? p”* °fl 9arn$ erschöpft waren und £etuefen wären, uns weiter mrrchzuarbettcn. Mit der von uns mitgeführten Nahrung kamen ton sehr gut aus. Auch die Hund« bekamen meist so viel sie wollten. Sehr schmackhaft fand Amundsen das Hundefleisch. Nachdem der 85. Grad überschritten war, mußten 25 Hunde geschlach- iet werden. Sie waren fast alle fett, und ihr Fleisch toar eine wahre Delikatesse. Schon unter dem 82. Grad war eine Hündin geschlachtet worden, unb bmw hatte ihr Fleisch bei den dort aufaestapelten Borräten zurückgelassen. Unter dem 83. Grad befer-

tierten drei der besten Hunde, um die Hündin zu suchen. Auf dem Rüikwege vom Pol kam die Expe­dition beim 83. Grade auf frische Spuren dieser Hunde, die indessen das dortige Depot nicht ange­griffen hatten. Ihre Spuren wurden bis zum De­pot nutet dem 82. Krad verfolgt, wo sie die ge­frorene Leiche der getöteten Hündin auf einem Schneehügel gefunden aufgefressen hatten. Auch das , ^öot hatten sie angegriffen und ein Paket Pemmi- kanflersch und zwei andere geschlachtete Hunde wa- ren ibnen zum Opfer gefallen. Weihnachten wurde öwfc m der Röhe des Pols gefeiert. Es gab eine ejtraportion Haferschleim mit Zwieback. Von wirk- lichen Strapazen ümne et nichts erzählen, meinte Amundsen bescheiden, und Not hätte seine Expe­ditton nie gelitten. Alle Mitglieder waren wohl­genährt und gekund, als sie wieder in Ftamheim anlangten. Waschen wat ein Luxus, den sich nie­mand während der Fahrt nach dem Pol gestattete, ebensowenig dos Rafieren. Um aber die Gesichter eisfrei zu halten, wurde« die Bärte mit einer Ma­schine gefchnitte«. Sehr gut war es, daß man eine Zange zum Zäbneziehe« mitgenommen hatte. Ein Mitglied der Expedition konnte so von Schmerzes befreit werden.

— Das Radfahren der Kinder. Der Frühling will wieder einmal feine« Einzug halten, att und pmg sehnt sich hinaus ins Freie, die Fahrräder wer­den in Stand gefetzt. Und natürlich will oder möchte auch die Jugend sich auf dem Stahlroß htmrndn. Wer von diesen noch kei» Fahrrad hat, hegt sicher den Wunsch nach solchem Besitz, und wer weiß —- wie manche Zusage mag scho» gemacht worden fei« rair, daß — die Osterzensur gut aussalft. Radfahrende Kiicker! Man gönnt ihnen daS Ber- «'E9en! «ber war sagt ber Arzt dazu? So sehr das Radfahren einem Erwachsenen als außerordest- lich gesunde Äorberübung empfohlen werden kamt, fall» es nicht in UebertreLuug ausartet, fo schädlich

ist es den Kindern! Das wird jeder Atzt bestätigen! Der Rumps ist noch zu schlvach, die Knochen find noch zu weich, die Lunge noch zu unentwickelt, Kehl­kopf nnb Rachenorgane find gerade in bet Wachs­tumszeit ungemein empfindlich! Erst vom 15. Iahte an etwa gestatte man Knaben und Mädchen das Radfahren und auch dann nur zu gelegentlichen Spazierfahrten bei gutem Wettet, selbstverständlich auch nur bann, wenn bie Kinder völlig gesund find! Wer also seine Kinder lieb hat, der vertröste sie bis zu der gefahrlosen Zeit mit einem Fahrrad! Es ist doch wohl besser, bie Kinder bleiben gesund und verzichten auf ein Vergnügen, das ihnen nachteilig fein muß! ef.

— Um einen rechten Begriff davon zu bekom­men, welch getoaltige Fortschritte auch auf techni­schem Gebiete unsere Zett in den letzten dreißig bis vierzig Jahren zu verzeichnen hat, braucht man nur einmal die jetzige Gewinnung des Eisens mit der früher üblichen Methode in Vergleich zu bringe». Die Hüttenrevier» wurden damals durch lohend« Flammensäulen charakterisiert, die haushoch aus den Oefeu herausschlugen und besonders bei Nacht ein eigenartige» Bild gewährten. Diese Flammen rühr­ten von brennbaren Gasen her, unb es wird bee» stündlich feilt, wenn bie Ingenieure danach trachte- ten, die Gafe zu sammeln und zu irgend einer Kraft- etzeugung zu verwetten, anstatt sie zur Belustigung romantisch angehauchter Seelen nutzlos in die Lust entweichen zu lasten. Da» Ziel wurde alsbald auch erreicht; man gab de« Hochöfen Haube«, unter denen die Gafe gesammelt und in Röhren unter die Dampfkessel geleitet wurden. Auf dem Wege dahin entzog man ihnen so nebenbei noch allerhand andere Produkte. Erst unter den Kesseln wurden die Gafe entzündet. Die Ersparnis an Feuerungsmaterial war gewaltig. Mft der so billig erzeugten Dampf- kraft trieb man die Gebläsemaschinen, forderte man bie Koblen zutage, erzeugte man elektrisches Licht

ufw. Gafe waren hn Ueberfluß vorhanden. Wie­derum ging man einen Schritt vorwärts, verließ die vielen Umwege und trieb die Maschinen gleich mit mächtigen Gasmotoren, sodaß nun auch die Dampfkessel zum größten Teil überflüssig wurden. Jetzt nun ist man abermals mit einer völligen Um­wälzung der Eisen- und Stahlgewinnung beschäftigt: man schmilzt das Eisen direkt auf elektrischem Wege aus dem Eisenerz heraus, wie leit zehn Jahren schm* das Aluminium ans dem Ton, ferner das Kupfer, Tantal und viele andere Metalle. Lange Jahre hat man an diesem Problem gearbeitet, bis es vor eini­get Zeit gleich 3 Erfindern, einem Italiener, einem Franzosen und einem Schweden, gelang, dieses auf verschiedene, denkbar einfache Weise zu lösen. Eine Tonne Stahl kostete bisher ra. 300 Mk., nunmehr wird sie für ca. 75 Mk. herznstellen fein! vs-

— Amerikanische Ehen. Ein seltenes Zusam­mentreffen spielt in der Geschichte einer Ehe eine Rolle. Bor einigen Monaten lernte eine junge Amerikanerin in Chicago anläßlich einer Ballfest­lichkeit einen jungen englischen Kaufmann kennen und beide entbrannten in heißer Liebe zu einander. Die junge Dame war eine Waise und lebte bei einem reichen Onkel in der Nähe Chicagos. Der Oheim billigte das Berbältnis anfangs nicht, als ihm aber der junge M in als ein wohl flotter, aber im Grunde doch sehr tüchtiger Mensch gefd}i! bert wurde, gab er seine Zustimmung zu einem Verlöbnis. Eine Geschäftsreise nach England hielt den nunmehrigen Bräutigam mehrere Wochen von Chicago fern, inzwsschen erkrankte der Oheim der Braut unb starb nach einigen Tagen. Er sieß aber kurz vor seinem Tobe fein Testament dahin um- ändern, daß feine Richte Wohl als Uniberfaletbin etngefeW wurde, sie aber erst am Tage ihrer kirch­lichen Trauung mit ihrem derzeitigen Verlobten (der junge Kaufmann toar namhaft gemacht) das Erbe antreten könne. Die junge Dame fuhr, nach-