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Zamrlag dea 9. März {9(2
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* Tuldaer W Zeitung«
2. Blatt.
VkAck mb Verlag ttr x'uibatr ActiendrnSrkei tH Silbe.
nicht der
stehende Sold susgezahlt wurde, tft noch ettooS anderes dahinter.
Die europäische! Mach« haben sofort alle Bot« sichtsmaßtegel» getroffen. Gegenwärtig herrscht wieder Ruhe.
Die Berhältnifl« in Mexiko nehmen eine immer drohendere Gestaltung an. Der Präsident Tlo- dero mutz erfahren, datz ei leichter ist, einen Mann wie Porfirio Diaz zu stützen, als ihn zu ersetze». Wahrscheinlich wird er sich nur noch kurze Zeit behaupten können und dann ist den Bereinigten ©tasten die willkommene Gelegenheit geboten, in Mexiko einzu^rrit«.
unbezähmbaren Araber in ihren Reihen, die Venu- ruhigung der Italiener ununterbrvche, sortseien. Rach dem ganzen Berlauf de« Kriege« zu urteilen, werden die Italiener diesen Kletutrieg eher leid werden al« btt Türken.
Im Norden Lhina» hat die Revolution zum ersten Wale pt sremdensetndlichen Ausschreitungen geführt. In Tientsin wurde der deutschösterreichische Arzt Dr. Schreyer ermordet, al- et einen seiner Freunde retten wollte. Die Tätet waren meuternde Soldaten. Die Meuterei ging von Peking, der Hauptstadt de« Lande«, au«, wo sie unter den aüertreuesten Trupp« Iuanschikai«, de« Präsiden- tat der Republik, begann. Auch in Peking kam e4 ebenso, tote m Tientsin, zu wüsten Ausschreitungen. Masiemnorde wurde» begangen und die Häuser der Eingeborenen xiebergebrennt Angeblich soll die Meuterei nur entstanden sein, weil den Soldaten
find die lonfeffioneBen Arbeitervereine in bet Hoovt- sache an^ufeben — eine Abgrenzung ihre« Aufgaben- gebiete« vornehmen und in einer Anzahl von Fragen mit diese» Organisationen zusammenarbeiten. Den Arbeiter» eine Organisationsform zuzumuten, die den Forderungen de« nationalen Wirtschaftsleben« nicht entspricht und die sie deshalb nicht befähigen würde, an dem berechtigten materiellen Aufstieg bei Arbeiterstand«« mitzuwirken, kann unmöglich in den Jntentio- neu irgend einer Kirchengemeinschaft liegen, s Lebhafter Beifall.) Trogern seien die christlichen Gewerk, schiften verdächtigt worden, al« ob sie vom religionS- kirchlichen Standpunkt nicht einwandfrei seien. Demgegenüber erklärte Generalsekretär Stegerwald im Name» de« Vorstände« de« GesamtverbaudeS der christlichen Gewerkschaften folgende«:
»Die christlichen Gewerkschaften sind gegründet worden zu dem Zwecke, um den gläubigen katholischen und evangelischen Arbeitern eine Organisation zur Verfolgung ihrer gewerkschaftlichen Interessen zu bieten, in der den einzelnen Mitgliedern keinerlei Anschauungen oder Handlungen im privaten oder öffentlichen Leben, insbesondere auch in Angelegenheiten de« wirtschaftliche» Gebiete« zugemutet werden, die unvereinbar sind mit den Glaubens» und Sittenlehren der katholischen bezw. der evangelischen Kirche, so wie sie in diesen von der zuständige» Autorität gelehrt werden. Auf diesem Boden haben die christlichen Gewerkschaften stet« gestanden und werden sie in Zukunft stehen, fStürmischer Beifall.) Die christlichen Gewerkschaften be- schränken ftatutgemätz ihr Arbeitsgebiet auf die Behandlung praktischer Fragen Wirtschaft- Natur: Die Interessenvertretung der Arbeiter im Arbeitsverhältnis und was damit zusammenhängt. Die Pflege be# religiösen und sittlichen Leben« weisen sie deshalb der Kirche, der Familie und den konfessionellen Vereinen. inSbefondere den StandeSvereinen zu. die Erörterung und Behandlung politischer Fragen den politische» Parteiorganisationen. Die Vertreter der christlichen Gewerkschaften haben niemals verkannt, datz im Wirtschaftsleben, wie auch sonst im Leben, Fragen auftauchen können, die da« religio«, sittliche Gebiet berühren. Warum hätten sich sonst die christlichen Gewerkschaftler gesondert organisiert, wenn sie nicht dieser Ueberzeugung wären? (Sehr richtig.) E» ist stet« und ständig betont worden, datz der spezifisch sozialdemokrafische Klassenkampf, wie er von der Sozialdemokratie in da« GewerkschastSleben bineingetragen wird, von den Mitgliedern der christliche» Gewerkschaften nicht blo« au« nationalen, sondern auch au« religiösen Gründen abgelehnt wurde. Darüber hinan« sind sich die christlichen Gewerkschaften stets bewutzt geblieben, datz die Sozialdemokratie nicht blo« eine wirtschaftliche Organisafion darstellt, sondern auch au« der materialistilchen Weltanschauung heraus operiert und auch diese Weltanschauung offen vertritt. Mit Rücksicht darauf haben die christlichen Gewettschaf- ten stets dem zweiten Glied der christlichen Arbeiterbewegung, den konfessionellen Arbeiter», Gesellen« n. Jugendvereinen, die grötzte Bedeutung zugem essen. DaS haben sie insbesondere dadurch bewiesen, datz sie immer wieder ihre Mitglieder zum Eintritt in die konfessionellen EtardeSverein« aufforderten, in der selbstverständlichen Erwartung, datz auch die konfessionellen Vereine ihre Mitglieder den christlichen Gewerkschaften ebenso eifrig zuführen. (Lebhafte Zustimmung.)
Der Redner widerlegte dann noch die Kritik, di« an den christlichen Gewerkschaften bezüglich ihrer Selbständigkeit und ihrer Stellung zum ©tret? geübt wurde. Die christliche Gewerkschaftsbewegung beanspruche für sich nur daS, waS die Organisationen der übrigen Erwerb«, und Jntereffenschichten (die Hunderte von Trust« und Syndikaten, die mächtigen Arbeitgeberverbände, die Tausende gewerblicher und bäuerlicher Genossenschaften, die Bauernvereine, di« Innungen, die Detaillistenverbände, die Bereinigun. gen der Berate, Juristen, Beamte usw.) für sich als Selbstverständlichkeit betra^t->n und WaS diesen, bisher noch von niemanden verwehrt wurde. Der Redner zeigte an einigen drasttschen Beispielen, in welche Ungelegen- beiten Geistliche kommen können, wenn sie al» Arbeiter« Vereinspräsides an Stelle der Gewerkschaften sich der Rechte der Arbeiter annehmen. Zum Schluffe diese» Teil« seiner Rede erwätotte Herr Stegerwald die Ausführungen de» Bischof« von Paderborn über de» Ge- werkscbastSstreit, die babin lauten, datz e« jetzt an der Zeit sei, ,bc# bedauerlichen Hader« zu vergessen und leidenschaffSIo« auf eine Verständigung hinzuarbeiten". Den christlichen Gewerkschaften, fügte Herr Stegerwald hinzu, ist eine Verständigung sehr erwünscht; sie können allerdings einer solchen nur zustimmen auf dem Boden bet Grundsätze, die Bier entwickelt wurden, wa» ton der Versammlung mit stürmischem Beffall aufgenommen wunde.
Dentfd)e$ Reich.
• Verteuern,,g her Kartoffel» tr,tz Aufhebung bei Kartoffel;»lls. E.nen schlagenden Beweis, wie Zoll« anshebungen wirte», liefert die deS AgraiicrlumeS sicher unverdächtig« «Kölnisch« Zettmm', die in Nr. 208 schreibt:
Die Kartoffeln einführende» ausländische» Firme» glaube» au» dem Wegfall be« Zolle« ein Sonder» g e s ch i f t machen z» dürfen, indem sie den Preis für den Doppelzentner um den erlassenen Zoll erhöhen. Vor dem Beschlutz be# BundeSrate« waren z. 53. holländische Eigenhermer Kartoffel» zu 2.87'/, bis 2,90 Guide» für den Zenmer käuflich, beit der erwähnten ReickStagSfitzung erhöbe» die Holländer be« ständig die Preise. Am Donnerstag mutzte man ihnen 3,20 und am Freitag schon 8,40 Gulden bewilligen. Der Zollnachlatz soll also auSscklietzlich den ausländischen Einfuhrfirmen zugrne kommen; die deutschen Verbraucher sollen da« Rachsehen haben. DaS war nicht der Zweck der Hebung, und wir erwarten, datz unsere Händler SStttei finden, um diesen Mißbrauch zu verhüten.
Von einem Kattoffelhändler wirb der.Deutschen Tageszeitung^ da IN geschrieben:
Di« am Schluffe ausgesprochen« Erwartung wird sich wohl gar nicht erfüllen. Die Zeit ist zur Anknüpfung neuer Verbindungen zu kurz; und da, wo sie länger bst, werden sich wohl in der Regel in- und ausländische Grohhändle» in den Profit teilen. DaS Ergebnis der Aufhebung be» Zolles ist also: .Da« Reichverltertden Zoll, der Verbraucher und der Kleinhändler gewinnen nichts, die Hansabundpresse schimpft weiter auf die Agrarier, da» Ausland und der spekulierende Großhandel stecken daS Geld em." Die Preissteigerung, die die Händler infolge der Zollaufhebung haben eintreten lassen, begnügt sich nicht mit dem Betrage deS Zolles, 50 Pfg. für den Zentner, sondern sie geht darüber hinaus bi« 85 Pfennige für den Zentner. Rur die Hebung der eigene» Produktion sichert un» auf die Dauer gesunde Ernährung zu mätzigen Preisen. DaS ist überall so, beim Fleisch, beim Gemüse, bei« Obst, bei den Kartoffel». Deshalb liegt die Forderung eines lückenlosen Zolltarif« im allgemeinen Interesse.
Haven die ^ortichruuer gewußt oder nicht, datz es so kommen werde? Sie Haden es gewußt, als sie den Antrag auf Aushebung des Karte fseizolles stellten. Es wurde ihnen auch im Reichstag öffcnt« lid) gesagt, daß den Gewinn nicht die Bevölkerung, sondern der Großhandel im In- oder Ausland einstecken würde, ßu was führt al-o wieder einmal die angebliche volkstümliche Polilck der Fortschrittler — auch die Sozialdemokraten gehören hierher —? Dazu, daß heute ausländische Händler den aufgehobenen Kartossetzoll in ihre Tasche stecken. Tie Kartoffeln werden dadurch um keinen Pfennig billiger, dagegen ausländliche Händler werden um Tausende reicher, während der Reichs« taffe Hunderttausende entgehen! Das ist Volks« Politik!
Vollständige Verultramoutaoisterung Baden?, ein erschröckliches Schicksal. Hat da die badische Regierung geglaubt das Land zu retten non dem Ungeheuer UltramontaniSmus, indem pe die Oberlehrer, welche den Antimodemisteneld geschworen haben, nur noch Unterricht geben läßt in Religion und Hebräisch! So eine Kurzsichtigkeit, welche die Gefährlichkeit des Feindes, der Badens weltgeschichtliche Größe zu jähem Sturze zu bringen gesonnen ist, gar nicht kennt! Zum guten Glück erscheint ein getreuer Eckardt, um zu retten, was noch zu retten ist, und der badischen Regierung den Star zu stechen. Im „Protestantenblatt" (Nr. 7) stößt der Mann in sein Wächterharn, um die Regierung des badischen Reiche- aus ihrer Verblendung aufzurüt- teln. Sie sei im Irrtum, ivenn sie glaube, mit ihrer Maßnahme die Schule vor der Gefahr der Stiert« kalisierung hinreichend behütet zu haben; aber, so ruft er dann pathetisch aus:
Aber Weitz man denn in matzgebenden Kreisen nicht« davon, daß au« der Lehranstalt deS Dekan» und ReichStagSabg. Sender (Zentrum) in Sasbach bet Achern (etwa 430 Schüler) imb au» den in Serbin» düng mit Gymnasien stehenden erzbischöflichen Kon- vitten seit Jahr und Tag waschechte ultramontane Schüler auch den höhern Lehrberuf ergreifen, datz katholische Theologiestudenten und auch
das Eisen rar »nd teuer würde, so träfe das auch den landwirtschaftliche» Betrieb. Eisen braucht nicht bloß der Wehrstand, sonder» mich der Nährstand.
Da leider dre größere Hälfte bet Menschheit heutzutage in Städte« wohnt, so kann man in der Tat sagen, daß wir Mave» der -kohle sind. Man hat die Kohlen „schwarze Diamanttn" genannt I» der Tat bilden sie zurzeit de» wichtigste» Ntelstein. Den wahren Wett erkennt «au freilich erst, wen» er uns entzogen werde» soll. Es wurde em großes Triumphgeschrei angeftimmt, als man in dem Sande von Südweftafrcka weiße Diamanten entdeckte. Biel vorteilhafter wäre «s gewesen, wenn unter dem Sande einige kräftige Adern von schwarzen Steinkohlen entdeckt worden waren.
Die Welt, so sagt mau nach einem bekannten Spruch ans hohem Munde, steht im Zeichen des Verkehrs. Schön, und was vermittelt den Verkehr? Die Kohle, welche auf den Tendern der Lokomotiven glänzt, ober ans ben dunklen Schiffsräumen von schweißtriefende» Trimmern fortwährend an die hungrige» Kesielseuer geschleppt wirb.
Man sagt auch wohl, die Welt stehe im Zeichen ber Elektrizität. Gewiß, diese wunderbare Kraft, ein Mädchen für alles, erlangt immer größere Wichtigkeit. Aber woher stammt sie? Aus der schwarzen Kohle.
Ueberhaupt ist das ganze, große, mannigfaltige System von Kraftberrieden, das unser sogen. M a- schinenzeitalter kennzeichnet, erst möglich ge- worden durch den reichen Borrat von Kohlen, den wir im Innern unserer Mutter Erbe entdeckt haben. Weder aus den Muskeln der Menschen und Tiere, noch aus dem vorhandenen Holz ist oie SnmoH« von Kraft zu gewinnen, die wir in dem verwickrüen Getriebe de» modernen, öffentlichen und Privatlebens gebrauchen. Wir müssen uns btt Straft holen aus der großen Sparbüchse der Jugendzeit der Erde. Damals hat die Vorsehung ungeheure Wälder m den Boden versinken lassen. In dieser Depositenbank ist das Sparkapital auch nicht zinslos geblieben. Die allmähliche Umwandlung des saftigen Holzes in steinharte Kohle hat den Nutzungswett erhebfich gesteigert. Wir holen auS der Tiefe heraus, was vor Jahrtausenden begraben wurde, und indem wir uns die Dienste der Kohle gern gefallen lassen, geht es uns wie manchen Herrschaften, die sich der Bequemlichkeit und des Lrxu» halber ein zahlreiche» ®e-
Gg. Die christlichen Gewerkschaften und die politische« Kämpfe der
Gegenwart.
In einer zahlreich besuchten Versammlung der christlichen Gewerkschaften KölnS, am 2. März, sprach Generalsekretär Stegerwald über das vorstehende Thema. Redner machte habet u. a. folgende beachtenswerte Ausführungen über bett Gewerk« schaftsstreit tm katdolffchen Lager nnd di« damit zusamrnendängenden Bretzerötternngen.
Seit eineinhalb Jahre» hätten sozialdemokratische Blätter de» Inland«» tote auch französische und italienische Zeitungen bei Auslandes immer wieder geschrieben: 9la<f) den RetchStagSwahien stände ein kirchliche» Verbot der christlicke» Gewerkschaften bevor. Letztere hätten darauf nicht reagiert da sie wichtigere» zu tu» hätten, all auf io übe Kgttatum8man6tor zu antworten. Nun find die Reichstaglwa bl en vorbei. Di« sehnsuchtsvolle Erwartung bet sozialdemokratischen Agitation ist inde« naht erfüllt worden und wird nicht erfüllt werden. (Lebhafter Beifall.)
Gegenwärtig sei ei nicht notwendig, näher auf diese ZeitungSichreibereie» einzugehen, da in den letzten Wochen zwei Kundgebungen von deutschen Bischöfe» bekannt geworden seien, d« zur Klärung der Sage beigetragen hätte», nämlich die Reden der Bischöfe ton HilbeShetm und Paderborn, (bi« sich bekanntlich toatm für btt christlichen Gewerkschaften ausgesprochen baden). Einige zusannnenfassende Bemerkungen über die christlichen Gewerkschaften seien jedoch angebracht Redner legt dar. datz die deutsche Gewerkschaftsbewegung im Ausland in der Regel ganz falf ch beurteilt würde. Eie sei ganz ander« in ihrer Zwecksetznng, ihrer praktischen Tätigkeit h. s. f. wie die Arbeiterbewegung tat den meisten anderen, besonder« i» de» romanische» Ländern. Infolge bet ganzen organisatorisch-gewerblichen und wirtschaftlichen Entwickelung sei di« OrgantfafionSform t» Deutschland eine ander«, müsse eine Zentralistische sein. Die latbo- li scheu Arbeitervereine find nach Diözesen organifiett und dann föderativ zufarnrnengesetzt. Eine berarttge Organisationsform wäre aber für die christlichen ®e- wettschaften völlig unbrauchbar. (Sehr richtig.) Deutschland stellt ein einheitlich«« Wirtschaftsgebiet bat, btt deutsche Arbeit ersehn tz- und Gewerbe-Gesetz- gebung ist ein« einheitlich«, die Arbeitgeberverbände stehen ntelften# unter einet einheitlichen Leitung, die sozialistischen Gewerkschaften haben eine straff zentra- ßfierte OrganisationSfornt angenommen.
Die christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschland« ist weiter gegangen al« jede andere Interessengruppe. Man nenne unS doch einmal die 8 rbettgeberöerbänbe, Detaillfftenvereine, Aerzteorganisatione», Bauernvereine, die mit kirchlichen Organisationen — al« solche
finde hatten: sie gewöhnen sich so viel« „Bedürfnisse^ a», daß sie ohne die vielen Dienstboten gar nicht mehr aus kommen können, und insolgedelsen werben sie abhängig von ihrem Gesinde. So steht denn btt Kultur bet Gegenwart tatsächlich im Zeichen der Kohle. Das neuzeitliche Leben ist ver- kohlt.
Wenn mm gegenwärtig die Kahle die Wett regiert, darf man daran» folgern, daß die Bergarbeiter allmächtig feien und bei jedem AuSftand siegreich bleiben müßten? O nein; jeder einsichtige BolkSfrennd muß vielmehr vor einem leichtfettigen Etteik warnen. Der beste Bogen bricht, wenn er gar zu stark gespannt wird. Gerade die Unentbehrlichkeit der Kohle wird im Ernstfälle die mensch- liche Gefeüfchast und den Staat zwingen, die äußersten Mittel zur Abwehr des Kohlenmangels anznwenden, und wenn es so zu einer verzweifelten Kraftprobe zwffchen bett Bergarbeitern unb bet Gesamtheit her Kohlenverbraucher kommen sollte, so muhten doch die ersteren den kürzeren ziehen. Also Vorsicht und ruhig Blut! Nur nicht in einen blinden Eifer und falschen Größenwahn sich hineiureden lassen!
Unter diesem Borbehatt möchte ich als Wunsch meines Herzens aussprechen, daß die ganze Arbeit in den Kohlenbergwerken ein Ende nehmen und die vielgepttesenen Kohlenlager bald erschöpft sein möchten. Und zwar deshalb, weil die schwere, widernatürliche Arbett in den dunkeln, gefahrvollen Stollen im Grunde menschenunwürdig ist. Die bleichen Gesichter und die Kohlenlungen der Bergarbeiter bilden ein» Anklage gegen die moderne wittschaftlich- soziale Ordnung. Augenblicklich wird freilich noch die Notwendigkeit der Sftchlenfordetung mittels Men- schenkrast zur Erttschuldignng angeführt. Aber läßt sich dieser Zwang nicht beseitigen? Läßt sich wirklich k e i n Ersatz für die Kohle schaffen? Ich glaube, wenn durch irgend eine Katastrophe die Kraftspm^ laße im Inner» der Erde versiegen würde, so hätten in wenigen Jahren unsere Techniker Mittel und Wege ausfindig gemacht, um an Stelle der ausge- fpeichetten vvrfmtfkntlichen Sonnenstrahlen die g e- gentoättigen Sonnenstrahlen für unseren Kraft bedarf auszunutzen. Wir würden das fließende Wasser, daS die Sonne in Bewegung setzt, und stellenweise auch den Wind, der ebenfalls von der Sonne getrieben wird, als Kraftquelle benutzen, wie es hier
und da schon jetzt geschieht. Und könnte die vielbesprochene Ausnutzung der Gezeiten der Ebbe und Flut an den MeereSÄsten nicht Ersatz für Tausende von Bergwerken liefern? ES würden freilich höchst umfangreiche und kostspielige Einrichtungen erforderlich fein. Aber das Ware nicht schlimm. Die Leute, die jetzt in die dumpfen Schächte hinunter- sahren und in den finsteren Stollen mühselig sprengen und hauen, könnten dann im Hellen Sonnenschein und in frischer Luft an den Bassins mauern und die Turbinen errieten helfen, die für die neuen Wasserkünste zu schaffen wären. —
Rach dieser Zukunftsmusik, die wohl noch viel Geduld erfordern wirs, möchte ich noch einen Seitenblick auf ein s e e l i s ch e s Bergwerk werfen. Was sind die wettdollen Kohlen? Versunkene, aufge- spatte Sonnenstrahlen der Bergangenheit. Wer sie hervorholt, macht sich davon eine warme, angenehme Gegenwatt. In deinem Herzen liegen auch Kohlen, aus denen du Wärme, Frerede und Kraft holen kannst. Es sind die Erinnerungen an die schönen Tage der Jugend, an die erfreulichen Ereignisse, an die erbaulichen Erfolge deiner vergangenen Jahre. Je mehr du die Last deiner Jahre spürst, desto süßer ist die Lust der frohen Erinnerungen. In Gedanken erlebst du das Schöne und Gute noch einmal, und erfrischend durchdringt dich das Bewußtsein: Der alte Gott lebt noch, der mich durch so tuet Gefahren und Nöten bi» hierher gnädig hindurchgesüytt hat, und wenn ich das meinige tue nach bestem Können, dann wird er mir auch weiter helfen bi» zu einem guten Ende! Also unverzagt, — immer weiter gewagt! Es gab doch viel Sonnenschein in meinem Leven; ich will auch weiter zum Licht und zur Sonne hinaufstreben.
Die Erinnerung ist gleich dem Bergmann, der in die Tiefe fährt. Wohl dem, der brauchbare Kohlen findet, sodaß er in dem Gedanken sich warmen und erbauen kann. Weh dem, der auf taubes Gestein und schlechte Wetter stößt, der in der Erinnerung an die vergangenen Tage nur Scham und Scheu finden kann! — Gestalte die Gegenwart )», daß sie als Vergangenheit einen erfreulichen und tröstlichen Rückblick gewähtt. Auch die Vergangenheit lebt und wirkt noch m deinem Denken und Fühlen. Wer rechtzeifig gute Kohlen sammelt, hat tm Alter ein behaglich warmes Erinnetungs- stübche«.
Wschen-Urmdschau.
s:s Fulda, 8. Mär, 1912.
Die Frage, die gegenwättig die Öffentlichkeit am "-eisten beschäftigt, ist bie: Stemmt es auch bet Kn« zu einem B e r g a r b e i t c rst r e r k? am komrueuden Sonntag wird in den Versammlungen hxz Bergarbeiterdreiverbandes, des Hirsch-Duncker- schcn Verbandes, der polnischen Berufsvereine, die im ganzen Ruhrrevier ftatlfinden, die Entscheidung darüber fallen. Nach der Stimmung, die gegenwar- tig int sozialdemokratischen Verbände herrscht, muß man damit rechnen, daß die Führer zu einem Streik sich entschließen werden. Die Masten sind bereit- ungeheuer streikluffig, wie die Teilausstande im Dortmunder Lefirk bewiesen haben. Auch der Kon- fliktSsall ist gegeben. Die drei genannten Organisationen sind an die Zechenbesitzer herangetreten und haben im Namen ihrer Mitglieder eine ISprozen- fige Lohnerhöhung verlangt. Die Antwort der Z-. chenbesitzer lautete dahin, daß die bret. Organisationen zu Verhandlungen nicht zuständig seien, daß man aber mit den Arbeiterausschüssen der einzelnen Zechen zu verhandeln bereit sei. In dieser Nnzn- ständigkeitserklärung werden die drei Bergarbeiter- verbinde jedenfalls bereits eine Ablehnung ihrer Forderung sehen. Es ist nicht das erste Mal. daß derartige Kompetenzschwierigkeiten einen Konflikt heran fdeschworen haben. Die Würfel sind also im Rollen. Sollten wir vor einer schweren sozialen Katastrophe bewahrt bleiben, die ein Ausstand der Bergleute in Deutschland mit sich bringen müßte, !o wäre das allein der Rithe und der Besonnenheit ie3 Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter zu verdanken, der es auch diesmal abgelehnt hat, das Spiel mtt dem Feuer, da» her sozialdemokratische Verband treibt, mitzumachen. Es ist nicht allein ein wirtschaftlicher Kampf, den der sozialdemokratische Berg- ärbeiterverband kämpfen will, er gedenkt nebenbei auch noch den christlichen Bergarbeiterverband zu erdrosseln. Dieses Ziel ist rechtzeifig erkannt worden, unb der christliche Verband hat die Bahn, btt ihn ins Verderben führen sollte, nicht beschritte». Hoffentlich bewahrt die Besonnenheit der christliche» Führer auch die Mitglieder der anderen Organi- jatioiten vor Not und Elend und vor dem grauen Schreckgespenst des Hunger?.
Die Parlamente arbeiten gegenwärtig mtt Hochdruck weiter. Der Reichstag hat eine ganze Woche hindurch den Etat des Staatssekretärs de» Innern beraten, und im Preußenparlament ist man bald mit bet zweiten Etatslesung durch.
In England ist der große Bergarbeitergeneralstreik inzwischen ausgebrochen, lieber eine Million Bergarbeiter hat die Arbett niedergelegt unb in ganz kurzer Frist wirb die zwette Million Arbeiter feiern, nämlich die, die durch den Kohienmangel gezwungen ist, die Arbeit niederzulegen. Dazu kommen zahlreiche schon angekündigte Sympathiestreike, die die Zahl der Verdtenftlosen um wettete Hundett- tausende vermehren wird. Die Verkehrsadern in dem Industrieland beginnen bereits zu stocken unb in dunklen Ecken lauert die Hungersnot. Schon jetzt steigen die Preise für alle Bedürfnisse des Leoeus ganz rapide. Die Vermtttelungsverhanb- lungen der Regierung sind bis jetzt vollständig erfolglos gewesen, unb es ist bei der Starrköpfigkeit, mit der man auf beiden Seiten in England feine» Standpunkt vertritt, seht wahrscheinlich, daß btt Kraftprobe bis zum Ende ausgekämpft wirb. Hun- berltaiisende wittschastliche Leichen werden dann da? Kampffeld bedecken und Hunger und Revolten werden das Niederreißen, was jahrzehntelang nicht wieder aufgebaut werden kann. Wird der Streik auch nut einige Wochen dauern, so wird sich England jahrzehntelang von diesem Schlage nicht wie- der erholen können.
Im Ttipoliskriege haben einige kleine Schlachten bei Derna rind auch bei bet Oase Ain Zara ftattgefuuben. Nach ihren Berichten blieben di« Italiener stets siegreich. Für die Kriegslage waren die Schlachten in keiner Weise entscheidend; sie zeigen nur, tote die Türken, ober vielmehr bie
Unpolitische Zeitlause.
N. Berlin, 7. Marz 1912, (Nachdruck verboten.)
Wer ist der Herr der modernen Welt? Es ist kein Herr, sondern eine Herrin, und es ist keine Weiße, sondern eine Schwarze: die Kohle.
Der Riefenausstand der englischen Bergleute bringt uns wieder so recht zum Bewußtsein, daß da» tägliche Brot für unser Zeitalter jene schwarzen Brocken sind, welche die fleißigen Häuer und Schleppet Tag für Tag und Nacht für Nacht aus dem Schoße der Erde fordern. Wenn eine Million Berg, arbeitet einige Tage freiwillig feiern, so muffen bald Taufende und Abertausende von Fabrikarbeitern feiern, weil die Maschinen wegen Kohlenman- gels still stehen, und Tausende von Eisenbahn- unb Schiffsleuten müßen feiern, weil die Zahl der Züge beschräntt wird unb viele Schiffe mit leeren Kohlenbunkern im Hafen liegen bleiben. Wenn her Kohlenarbeiterstreik langer anbauert, so werden bte Gaswerke, die Elektrizitätswerke, die Wasserwerke ihren Betrieb einstellen muffen. Dann fehlt e» schließlich in allen Werkstätten und in den Hauswirtschaften au Kraft und Licht und Wärme, an Tnnkwafser und Reinlichkeit. Dann geht die ganze Skultur zum Henket; denn Wit leben in einet Ko h l e n - K u l t u t.
„Die kohlenlose, die schreckliche Zeit" könnte ein neuer Schiller besingen. Am besten würden noch die Leute auf dem platten Lande darüber hinweg- komrnen, weil sie noch halb im hölzernen Zeitalter k " ^nnen noch von den Sträuchern und ic.„ -fist Walde das nötige Brennmaterial holen, um pL. tinh -fstd ihre Stuben Warrn zu machen. k ; x ■f^L°^an3'9 von all den Zentralen, aus
Tn Gas, leisten elektrischen Strom, sein Wasser und die Pumpktaft nut Bef ei» ZT* bfst'h/ Menschennahrung und Btehmfier wachst auch ohne Kohle unter dem a e- gento artig en Sonnenschein. (Tie Koble ist nämlich früherer Sonnenschein in versteinertem Zustande.)
Allerdings hat die Landwirtschaft auch einen schwachen Punkt, wo der Kohienmangel sie fassen könnte. Das heißt, wenn längere Zett feine Kohlen gefördert würden. Denn nach den Kohlenzechen würden auch die Eisenhütten sfill liegen. Wenn aber