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IdetieitUif M. Sedef »er fwibee» Ikittvbei «Teeei i-jnM jerafprrcher Uu *
jti'bl. Erstes Blatt.
Fulda, Samstag den 9. März 1912.
39. Jahrgang.
Preußischer Landtage
SlbgeorbnetenhaitS.
Sitzung v»m 8. März 1912.
Dir Etatsbrratumg mnb beim Sauetat fort- »setzt
Aba. Heine (nett) fch»gt Bor, die Waste rkraftan- lagen der Eder und Diemel mit denen bei Munde« zu Vereinigen und durch eine Starkstromleitung gn verbinden. In dies« Zeitungen könnten Ka s fei unb vielleicht auch Göttingen «ufgerwmmen werden. Der Redner fragt an, Wie eS mit »em Sau der Staustufe in der Weser bei Münden stehe. __
Minister v. Breitenbach erwidert, die Plane der Kraftanlagen seien fertiggestellt. ES schwebten noch Verhandlungen mit einigen grohen Verbanden. Sobald diese zu einem Ergebnis geführt hätten, wurde dem Haufe eine DenPchrift zngehen.
«bg. Goebel «Z.) und Abg. Frhr. v. Zedlttz (M klagen über Konkurrenz, die der schlesischen Schifffahrt durch die Fertigstellung »es großen SchiffahrtS. Weges Berlin-Stettin verursacht würde.
Abg. Freiherr v. Maltzahi» sk.) weist auf die Notwendigkeit hin, Stettin wegen seiner starken Kontur, renz mit Hamburg in jeder Beziehung entgegenzu» kommen. Stettin hab« unter sehr hohen Abgaben z« leiden.
Abg. ». Pavvenhtirn ff.) schlieft sich dem Wunsche em, daß die Stettiner Verhüt,nsse verbessert werde«.
Abg. Lippmonn fBp.) hält die Klagen der Ober, schlesier nicht für berechtigt.
Verkehrsminister v. Breitenbach: Man kann über die Auffassung streiten, ob »er Staat in allen Kon» kurrenzfäLen verpflichtet ist, einen Ausgleich herbeizuführen. Unsere Verkehrswege, besonders unsere Kanäle. schaffen für viel Industriezweige differenzierende Verhältnisse. Wir würden es ablehnen müssen, alle solche Differenzierungen durch Kompensationen auszii- gleichen.
Abg. Dr. Krause (ft.): Es ist unmöglich, ruhig zu- eusehen, wie wir in Schlesien von einem Absatzgebiete, da» mir seit einem Menschenalter gehabt haben, verdrängt werden.
Beim Titel „Ministergehalt" empfiehlt
Abg. Leinert sSoz.) einen von seinen Freunden eingebrachten Initiativantrag, in welchem zunächst Baukontrokkeure aus Ärbeiterkreisen gefordert werden, ferner eine Uebertragung der städtischen Baubestimmungen auf das Land.
Minister i». Breitenbach tritt dem Antrag entgegen. Die Regierung gebe sich die größte Mühe, auf die Sicherheit der Arbeiter in Bauuwternehinungcn hinzu- toirlcn. Arbeiterkontrolleure würden nur zur Verstärkung der Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern beitragen. Unser Bauarbeiterschuh ist nicht schlecht, viel zuverlässiger — das läßt sich statistisch Nachweisen — wie der bayerische zum Beispiel.
Abg. Frhr. ». Maitzahn ft.): Ein genügender Sau» arbeiterschutz sei natürlich notwendig. Aber deshalb dürfen die Interessen her Bauunternehmer nicht übersehen iverben. Der soz. Antrag wolle nur unter dem Deckmantel des Gesetzes die sozialdemokratische Agitation aufs platte Land hinaustragen. Dagegen heiß« eS bereiten Front machen. sBeifall rechts.)
Abg. Dr. fiinie (Str.) spricht über das alte Projekt einer Wasserstraße vom Rhein über die Schelde und Antwerpen nach der Nordsee. Krefeld» großer Rheinhafen sei ja lediglich der Anfang deS künf. tigen Kanal» Krefeld-Antwerpen.
Verkehrsminister U. Breitenbach: Nicht allein Krefeld beanfprucht den Ausgangspunkt für diefen Kanal zu Biiben. Darum haben sich schon fünf Städte ge» stritten. Die Negierung verfolgt zwar den Plan mit größtem Interesse aber zu dem.Projekte des Abg. König kann ich setzt keine Stellung nehmen. Jedenfalls verdient aber ein anderes rechtsrheinisches Projekt ebensoviel Beachtung, nämlich das zwischen W e s el Und Emde». Gegen die Mosel- und Saarkanali- fterung hat die Regierung feit Jahren schwerwiegende wirtschaftliche wie auch staatlich finanzielle Bedenken erhoben. Trotzdem hat die Bewegung, welche die Ko- nalffierung fordern, nicht nachgelassen. Ich kann nur erklären, daß sich die Regierung einer Kanalisierung gegenüber nach wie vor ablehnend verhält. Dagegen ffi erwogen worden, ob und wie weit eS angängig ist, eine Ermäßigung der Eisenbahntarife für Eisenerze zu gclvähren.
Abg. Dr. ». Wohna (k.) verlangt eine direkte Verbindung von der mittleren EmS nach Weser und Elbe. Was den sozialdemokratischen Antrag anbelangt, so werden meine freunde gegen ihn stimmen.
Somstag: Fortsetzung.
Herrenhaus.
Sitzung vom 8. März 1912. <
Das Hous erledigte eine Aenderung de? Sera« gisetzes, die durch die neue Reichsverstcherungsoro- «ung notwendig geworden ist. Ebenso debattelos wurden die Vorlagen über den Bau der neuen sts- kalischen Schächte in Westfalen und die Beteili» gung der Regierung an der Rheinschiffahrt an* genommen.
Bet der Vorlage, die die preußische Oberrech. y«n gskammer entlasten soll, machte Finanzminister Dr. Lentze die erfreuliche Mitteilung, daß der Post, schrckvrrkehr im Frühjahr auf da? ganze Deutsch« Reich ausgedehnt fein werde.
Man erledigte dann noch den Lotterievertrag zwischen Preußen, Bayern, Württemberg und Badea und verschiedene kleinere Vorlagen.
Dann vertagte man sich auf den 12. März, roe man u. a. über einen Antrag betr. Schutz der Arbeit-» willigen verhandeln will.
Die Präsidentenwahl im Reichstag.
Endlich habe» wir den feil Wochen mit Spannung trwarteten Tag, bei die Entscheidung über di» enb» Sltige Besetzung des ReichstagsptäfibiumS bring« »e, erlebt. Die Wall vollzog sich genau unter ötnfcibm Umständen wie die provisorische Wahl, «chcn äußerlich bot der Reichstag daS gleiche Bild. Draußen vor dem ReichshauS dränote sich dw tausendköpfige Menge schon lange v°? Beginn der Sitzung. In der Wandelhalle herrscht« ein lebhaftes Treiben. Nebcrall standen Gruppen von Paria- MNlariern und Journalisten zusammen. Genau wie bei der ersten Wahl herrschte auch jetzt völlig« Ungewißheit über den Ausgang b« Wahl. ®ne Verständigung zwischen den bürgerlich« Pm- trlen war nicht zu Stande gekommen. Noch an- mittelbar vor der Sitzung hielten Zentrum, Kons«, vative, Reichspar! eilet, Nationalliberal« und Pol«
Fraktions^ungrn «b. Ader eine Verständigung wurde nicht erpeit. I« näher der Zeiger der Uhr aus l1/« rückte, desto mehr stieg begreiflicherweise die allgemeine Spannung. Endlich ertönt« die Glocke, di» dre Reichsdotru in den Sitzungssaal ruft. Der Saal war, «ne zu erwarten, gut besetzt, doch sah man auch einig« Lücke«. Die Tribünen waren dicht gedrängt mit Neugierigen.
DaS Haus mußte erst eine langweilige Auszählung über sich ergehen laß«, während der die Spannung aufs Höchste stieg. Man machte sich auf lieber» raschungen, zum Wenigsten auf mehrere Wahlgänge gefaßt, aber eS kam ganz anders. Gleich der erste Wahlgang bracht« die Eutschridung. Der Forttschtitt- ler Kaemtzf wurde mit 192, gerade mit der absoluten Maforitöt der n^egedeneu Stimmen, zum ersten Präsidenten gewählt. Vom Zentrum fehlten drei Abgeordnete, von der Rechten und den Polen fünf Abgeordnete. Mit Recht lehnte das Zentrum als die stärkste Partei eS ad, jetzt nach dein SSertrete! der schwächsten Fraktion der Linken als Präsiden- ten nun ans feine» Reihen einen Vizepräsidenten zu (teilen. Es wählte den Abg. P a a f ch e, so schwer ihm die Wahl bei dem Verhalten BafsermannS und seiner Fraktion auch fallen mochte. Hätte das Zentrum sich der Stimme enthalten, dann wäre der Sozialdemokrat, nicht "der Natlonalliberale gewählt.
9hm gabS eine Üeberrajchung. Bevor das HauS zur Wahl des 2. Vizepräsidenten schreitet, erhebt sich der Abg. Gröber und beantragte die Aussetzung der Sitzung für eilte halbe Stund«. Das Hans stimmte dem Antrag mit BuSuahme der Sozialdemokraten zu, die augenscheinlich ganz überrascht waren. Ader ihre Brienen blieben doch zuversichtlich, obwohl verlautete, daß die Parteien der Rechten noch einen Versuch machen wollten, die Wahl eines Sozialdemokraten ins Präsidium zu verhindern. Die Sozialdemokraten waren js zuversichtlich, weil sie sich sagten, daß die Freisinnigen mft Rücksicht auf die Sozialdemokratie den zwenen Bizepräfidentenpoften nicht besetzen dürften, weil das eine Sünde gegen die Abhängigkeit von der Sozialdemokratie gewesen wäre. Liber wie jo ost, kommt es anders. Zwar stimmen die Freisinnigen tapfer mit den Sozialdemokraten für einen roten 2. Vizepräsidenten, aber die anderen Parteien wählten den Freisinnigen Dove Er erhält die Mehrheit. Und nun kommt die zweit« Ueberraschnng. Unter dem Beifall der Mehrheit des HaufeS, in die sich aber auch eine große Heiterkeit mischt, erklärt der Abg. Dove, daß er die Wahl a n n i m m t. Die Sozialdemokraten sitzen verdutzt da. Die unheilvollen Mienen, die man nachher in der Wandelhalle an zahlreichen sozialdemokratischen Abgeordneten toahrnehrnen konnte, verkünden dem neuen Präsidium vo» dieser Seite nichts Gutes.
V Rosa, aber nicht rat.
Da haben ton nun ein Reichstagspräsidium, das zwar wunderlich auSfieht, aber doch nicht mehr so anstößig, tote dar Scheidemarrn'sche Provisorium.
Tie beiden fortschrittlichen Präsidenten find wiedergewählt; an Stelle des roten Herrn Scheidemann ist aber der nationalliberale Abg. Dr. Paasche getreten.
Also ein ganz liberales Präsidium, — obschon doch die beiden liberalen Parteien zusammen kaum ent Fünftel des Reichstages ausmachen.
Der Liberalismus Hal bald die Hilfe von den Roten, bald die Hilfe von den Schwarzblauen bekommen und so dreimal Re Mehrheit erlangt Und bezeichnender Weise ist der zweite Mann aus der Fott- sthrittspartei rum 2. Vizepräsident« gewählt wor- den, obschon seine eigene Partei nicht für ihn stimmt«.
Der erste Präsident wurde gegen die Rechte und das Zentrum von der rosaroten Linken durchge- bradjt Die beiden Vizepräsidenten aber verdanken der Rechten und dem Zenttum ihren Poften. Denn als die Wahl des Fortschrittlers Käurpf mit einer halben Stimme über die absolute Mehrheit entschied« war, da jagten sich die „Schwarzblauen" mit Recht: Wir wollen unsererseits keinen Beisitzer »eben J5ernt Kämpf stellen, aber irrt wollen um jeden Preis die Mederwahl eines Sozialdemokraten verhindern?
Echo» neulich, als alles noch in der Schwebe war, hab« totr hervorgehoben, dir An sschal- lang des Herrn Scheidemann und die Verhütung weiterer aittimonarchtscher Aergernifie fei die Hauptsache. Diesen Hauptzweck haben die Rechte und ba3 Zentrum erreicht. Indem sie ihrerseits leine Kandidatur für die Posten der Vizepräsidenten anfßeHtea, verhüteten sie dir enger« Wahl. Ber einer solchen hätten nämlich aewiffe Rationalliberale gt die Versuchung kommen rönnen, an- Haß gegen die Konservative» doch wiederum für den S^iakdemeckirtteu zu stimmen. DaS sichert te Mittel gegen alle solche Aergernifie war offenbar das ®urfreten der „Schwarzblauen" für zwei liberale Vizepräsident«.
A bissel Lieb nnb « ttfiel Treu; a bifiel Falsch, hett war auch bebet Nachdem Rechte und Zen- tonn tat erst« Wahlgang überstimmt waren, üb«. Fetzen sie der Anken bie ganze „Ehre" unb damit auch btt ganze Last trab bte ganze Verant. Wörtlichkeit CE» tft keine beneibcit8toerte Ans» gäbe, bie Geschäfte des Hansel leit« z» sollen, ohne eine zuverlässig, Mehrheft hinter sich zu hab«. Tie Hetterkett, WÄche nach Fertigstellung diese» eta» fettig« Präpbtams bei ben „Schwarzblauen" herrschte, war kein Galgenhumor, sondern war eher mit einem Schatz Schadenfreude gewürzt Abgesehen von ba Sozialdemokraten, die ihren Scheibemann scheib« sah«, schnitt« am schlechtesten bie Bass er männer ab, trotz ber WaU Pacrsche'S. T«n Herr Vaffermamt enb Genoficn batten ja viele Wochen lang als ihr« maßgebenden Grundsatz hoch in» heilig ans bas feierlichste vet kündet: sie wollt« weder in eta schwarzblaues, noch ta eta reines AnkspEbtam emtrrtra! Rn» ist aber ihr Kandidat Paasch« doch in ein reines AnkSpräfibtam em getreten. Darüber sind wir ihm durchaus nicht
böse. Im Segen teil! beim sonst hätte am Enbe Rechte unb Zentrum noch ben brüten Fortschrittler in das Präsidium wählen müssen. Aber es läßt sich bie Tatsache nicht verschweigen, baß bie nationalliberale Fraktion ihren Grunbsatz hat aufgeben muffen.
+ 3» preußische» Abgeordmtrahause haben bie Freisinnigen ein« Reche Sättigt eingebracht. 11 a. fordern sie ta einem Antrag die Aufhebung der geistlichen OrtSschulinipektion und die schleunige Ersetzung der nebenamtlichen Kreisschulinspektion durch die hauptamtlich«.
Fest geblieben ist steilich die nationalliberal« Fraktion in der Verneinung, — in ber Ablehnung jeder Präsidialgemeinschaft mit ber Rechten. In Folge dieser Unversöhnlichkeit kam es von neuem zu der „Kraftprobe" zwischen rechts unb links. Die Linke hat dabei einen arithmetischen „Sieg" errangen. Sie brachte 192 Stimmen auf gegen 191. Wie ein freisinniges Blatt ausrechnet, fehlten auf ber Link« 2 Abgeordneten, bei ben schwarzblauen Parteien aber 9. Bei gleichmäßiger Besetzung beider Seiten würde also schließlich doch Herr Kämpf gegen Dr. Spahn unterlegen sein. Es bestätigt sich hier ausss neue das Gleichgewicht der beiden Seiten, so lange Rationalliberale und Sozialdemokraten zusammengchen. Es bestätigt sich ferner, daß die Parteizucht und die Einpeitschung bei der Linken bester funktionieren, als bei den zahlreicheren Gruppen auf der rechten Seite.
Die Nutzanwendung auf die bevorstehende Arbeit liegt auf der Hand. Sonst hat der Ausgang ber langwierigen Präsidentensrage keine praktische Bedeutung. Der Reichstag und das ganze Land werden froh sein, daß endlich diese Zerrerei wegen Formalien abgetan ist. Herr Kämpf, der mit Hilfe der Sozialdemokraten % Stimme über die absolute Mehrheit erlangt hat, mag sehen, wie er mit sein« roten Gönnern fertig wird. Rechte und Zentrum waschen ihre Hände in Unschuld und ziehen sich in die Ruhestellung zurück mir dem Bewußtsein, die Sozialdemokratie aus dem Präsidium beseitigt zu haben.
Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 8. März 1912. Der Kaiser ist Sreitag vormittag im Automobil von Cuxhaven nach reutet abgereift. Er traf dort um 12 Uhr am Verwaltungsgebäude des Rordd. Lloyd ein und besichtigte in der Borhalle das Modell des Kaiser Friedrich-Denkmals. Rach halbstündigem Verweilen im Lloydgebäude begab er sich im Automobil nach dem Ratskeller, am einer Einladung des Senats zum Frühstück zu folgen. Das Publikum bereitete dem Kaiser allenthalben lebhafte Kundgebung«. Die Abfahrt im Sonberzuge erfolgte 3 Uhr, die Ankunft in Berlin um 10 Uhr. — Eine Korrespondenz will wissen, baß nunmehr eine Aenderung des Reichs- mssitätgefetzes dahin geplant fei, daß die Auslosung beseitigt werden solle. Eine endgültige Bestätigung wird abzuwarten sein. — Der Erbauer des Panamakanals, Colone! Göthals cmS Washington, ist mit Familie in Berkin eingetroffm. Er ist für einen der nächsten Tage zur Frühstücks- täfel beim Kaiser geloben worden.
-V Tic Reistdispositumen des Kaisers sind nunmehr endgütig festgesetzt. Am 23. März wird der Kais« in Wien eintreffen, um dem Kaifer Franz Joseph «inen Besuch adzustatten. An demselben Tape abends erfolgt, wie bereits mügeteilt, die Weiterreise nach Venedig, wo der Monarch einige Tage zu verweilen and mit dem Könige Viktor Emanuel zufammenzutrefien gedenkt. Der Aufenthalt in Korfu dürfte aus drei bi» vier Wochen gerechnet sein. Bestimmt ist jetzt, daß die K a i s e r i n und bie Prmzeffin Viktoria Luise den Kars« nicht begleiten, sondern in Homburg v. b. Höhe während der Roifetteife Aufenthalt nehmen werden.
c- Tie Kudgetkommission des Reichstags setzte gestern die Beratung dos Postetats fort. Auf Anregung von Zentramsseite sagt ber Staatssekretär eine Untersuchung über bie Drenstdauer ber Gehilfen und Unterbeamten in den Industriegebieten zu. Tie Normaldienstzeit betrage für die Beamten 48 bis 54 Stunden in ber Woche, für bie Unter» beamten 60 bis 69 Stunden. Bei der Abstimmung über die aus ber letzten Sitzung zurückgestellten Resolution« wirb die Resolution des Zentrums zugunsten ber Postboten in den großen Stäbten und Jnbustriegegenden angenommen. Ebenso eine weitere Resolution des Zentrums: „Die Verbündeten Regierungen zu ersuchen, eine Revision des B e» soldungSgefetzeS in dem Sinne vorzuneh- men, baß bie in ber zweiten Lesung der Kesoldungs- orbnung vom Reichstag befchlofienen Gehaltssätze, insbesondere für Postschaffner unb Postassistenten burchgeftihrt werden". Endlich ein Antrag bet Nationalliberalen, die bie hinsichtlich der Servisklafien- einteihmg noch bestehenden Härten beseitigen will.
e Di« Geschäftsordnnngskommission des Reichstags brach gestern ihre Beratungen wegen der durch die bevorstehend« Präsidentenwahl veranlaßt« Fraftionsfitzangen vorzeitig ab, mn sie erst am Plittwoch weiterzuftihrrn. Ten Betatnngsgegen- stand bilbeten Anträge über die sog. k u r z e n A n - fragen. An zwei Tag« jeher Woche sollen ba» nach Abgeordnete vor Eintritt in die Tagesordnung Anfragen an ben Reichskanzler stellen können. Di» Anftag« ftnb am Tage ,uvor schriftlich zn überreichen. Eine Debatte üb« die Antwort des Reichs- kauzlers ist uuzuläfiig. Von dem Anftagerecht. ba» jetzt auch im bratschen Reichstaa eingeführt w«b« soll, macht bekanntlich bas englische Parlament ausgiebigen Gebrauch.
e Tas Gesetz über die Reinigung ösfenÄchc» W«e ersaht ta der Gemeindekommifiion des preu» tzischen Abgeordnetenhauses einige Aenderung«. Ein nationalliberal« Antrag, Observanzen als bewiesen geltet zu lassen, wenn sie ta ben letzten fünf Iaht« vor dem L Januar 1911 tatsächlich geübt wurden, wurde abgelehnt; ein fortschrittlicher An- trag, wonach bie Genehmigung m OrtSftatuten bann zu versagen ist, wenn bte Anlieger dadurch überlastet touthen, *et wenn nach Sage bet Bet- HÄtnisse bie Reinigung besser durch bte (SentemNrt anSgeubt werden konnte, wurde angenomm«.
0 Da» »tne prmßifche Spsttaffmgefttz, daS gegenwärtig dem Herrenhanft vorliegt, ist bereits Gegenstand lebhaft« Erörterung, da die Bestimmung, daß zwischen 20 und 30 Prozent vorn Hundert der verzinslich angelegten Sparkafsenpapirae in mündelsicheren Schuldverschreibungen auf ben Inhaber angelegt werden müffen, bte Selbstverwaltung der Sparkassen in gewissen Grenzen eindämmt. Da damit auch das Bcrfügungsrecht üb« die Kapitalien geringer wird, «geben sich neue Schwierigkeiten in b« Frage brr Befriedigung des Hypo« thekarkrebstk. Weitere Schwierigkeiten dürften daraus erwachsen, baß bie Sparkassen in den anderen Bandesstaaten unter Umständen viel bester als bie preußischen gestellt und damit konkurrenzfähiger find.
• • Weimar, 8. März 1912. In ber gestrigen Sitzung des Landtags wurde über das Gesuch d« Eisenach« Bürg« um Aufhebung des gegen die Aufführung der Weiserschen ,Jesus"-Tetra- logie erlaffenen PolizewerbolS verhandclt. Nach läng«« Debatte ging der Landtag entsprechend dem Vorschläge des Ausjchusiss über die Pension zur Tagesordnung üb«. Dagegen stimmten die Sozialdemokraten und bet liberale Eisenacher Abg. Freitag. Auch die Liberalen sprachen sich gegen die Zulassung deS Stückes aus. Abg. Dr. Kiel-Geifa erklärte sich mit dem Votum der Aasschußmetztheit voll einverstanden, das sei im Sinne twr katholischen Bevölkerung des Landes. — Heute wurde im Landtage die Vorlage betr. Beteiligung des Staatsfiekus an bet Kaligewerkschaft Heuigemsda gegen wenige Stimmen angenommen. Auch bie Vortage bett'. Errichtung eines gemeinsamen Oderv«ficherungs- amteS wurde angenommen. Ebenso fand Annahme dir Vorlage betr. Anlegung von Mündelgeldern in Pfandbriefen d« Rorddeutfcheu Grundlreditbank.
Ansland.
** Belgien, dessen König nächster Tage in Paris einen Besuch abstatlet, legt auffallenden Rüstungs« eifer an den Tag. Der Generatstab und die General- luspektionen der Artillerie, der Festungen und des Geniekorps werden selbständige Instanzen. Außerdem w.rd ein Mmisterkriegsrat und ein ober ft« Rat ber Landesverteidigung geschaffen unter dem Vorsitz des Königs.
** Flucht au» »er schweizerische« Sozialdemokratie. Vor kurzem erklärte ber Redakteur der wzraldcmo- kratischen,Arbeiter-Zeitung' in Winterthur, Pechota, ein« ber Führ« der Schweiz« Sozialdemokraten, seinen Austritt aus der Partei. Pechola betonte, daß er ben Glauben au daS sozialbemokratifche Programm verlor« habe und burch Erfahrung unb ruhige Ucbetlegung zur llcbcrzeugung gekamrueu sei, baß bie Sozialdemokratie dem Volke nicht Helse unb nicht zu verhelfen »«möge. Er halt« feine ganze Arbeit, die « im Dienste der roten Partei geleistet, für zwecklos und unnütz für das Volk. ftKchota ist nach vieljähriger Tätigkeit in bet soziald'mokrat ifchen Partei, die er durch unb durch kennen gelernt bat, ju dies« schmerzlichen Erkenntnis gekommen. Seit b« Austrittserklärang Pechotas ist kaum eine Woche verstrichen unb schon folgt ihm ein anderer sozial, demokratisch« Führ« nach. ES ist dies Genosse Girier, welch« jein Großratsmandat unb alle übrigen von ihm beflnbettn Remter der fozialbemo» kratifchen Partei deS Kantons Aargau gut Verfügung gestellt hat. Gisler war ÄfttVerleger des Ftei.n Aargauer^, des Organes ber aargauischen Sozialdemokratie, und ein äußerst rühriger Agitator GiSl« selbst schreibt zu seinem Austritte:
»Nicht momentane Mißstimmung ist es, die mich zu btefem Schritte veranlaßie. Wohl überlegt unb mit schwerem Herzen ist er et felgt 20 Jahr- stand ich in der gewerkjchastlichen und pol-lischen Bewegung der Sozialdemokratie. War die wiedethotlen schwarzen Liften der Arbeitged«, was ber Buchdtuckerftteik vom Iahte 1905 nicht zustande brachte, das Haden nunmehr Neid, Mißgunst und Unverstand einer Anzahl fogenaunt« Genossen zuftandegebracht. Diese drei Eigenfchasten, die schlechte B.raier der Arbeiterbewegung sind, sind es, die mich veranlassen, aus den Reihen der kämpfenden Ärdeiterküh'.er anSzufcherSen. Brutaler als Arbeitgeber anno 1905 mit uns verfuhren, verfährt eine trtegeUiteie Maste Proletarier mit den derzeitigen Verlegern des,Frrten Aargauer'."
ES ist ein eigenartiges Verhängnis mit bet schweizerischen Sozialbemokratie. Sie verliert einen Führ« nach bem anderen, weil diese von den eigenen Diikgraoffen brutal« behandelt werden als von ben Arbeitgebern unb sich aus diese Werse von ber lln- dutchfüdrbatkeil der sozialsemokratischen Programms überzeugen lassen wüffrn.
** Die Begeisterung für frestvillige Sprndrn zu- gussten ber Mllitärsiugjeüze ist m Frankreich lchon stark im Abneymen begriffen. Ist die Zahl ber Spenber auch noch ziemlich groß. Io schrnmp en die Gaben immer stärket zusammen. Es sind trotz mehrwöchiger anaefttengier Sammlungen bisher noch keine 900000 Mark zmammragekominen, während bekanntlich nach dem Echlradinger Unfälle die Zeppelmfpenb« des deutsche» Volkes mt Ru weit übet 6 Millio « erbrachte.
** Die amerikanifchen Schiedsgerichtsverträge mit Großbritannien unb Frankreich sind vom L-enat in Washington nach Ueberminbnag urancher Schwierigkeit« angenomm« Word«, aber ta einer Fassung, die sie ptaklisch wertlos macht. Der Senat, ber von einer Annäherung NordantetikaS an ba3 Ausland bekanntlich nichts Wifi« will, hat auch in Zukunft bie Macht, jeden Handels- oder Fteund- schaftSvetitag abzrilehnen. Von bet schiedsgerichtlichen Behandlung sollen fern« alle Fragen ausgeschlossen fein, bie die Monro^okttin, also daS Ge- fetz: Amerika ben Amerikaner», unb bte Einwan- berang beruhten. Die Enttäuschung Englands üb« diese Beschlüsse kann man sich votstellen.