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M 56.

Zrettag tat 8. Mär; (912

59. Jahrgang.

* Tuldaer W Zeitung

2. Blatt.

Vrnck und Verlag der huidaer Aetlendruckerei in Zalda.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 7. März 1912.

Die Beratung des Etats deS NeichSamrs deS Inner« wird fortgesetzt. m

Zum Titel .Staatssekretär" haben Brandys und Genossen (Pole) 29 Resolutionen eingebrachl, die sich »um großen Teile mit den schon von anderen Bartete» eingebratten Anträgen decken. Damit ist die Zahl der zu diesem Titel vorliegenden Resolutionen auf 76 an» gewachsen. . ..... , _ . . . ,,, .

Abg Peus (So,.) fordert Abschaffung deS einjährig» ireiwilligen Dienstes und für die Landarbeiter volle roalilionsfreibeit. Redner polemtuert gegen die ckrist» ichen Gewerk! chaften, gegen die er wegen ihrer Haltung im Bergarbeiteriireik die allen sozialdemokratischen Anklagen oorbrinat. .

Abg. Dr. Pfeiffer sZtr.) bringt Wunsch» zur Für- derung wissenscha!l!icher und lünstlerischer Unter­nehmungen vor Wir haben in emer besonderen Reso» lution unsere alle Forderung auf Vorlegung einer Reichslhratergesetzes wieder erhoben. Ich habe mich gefreut, daß auch von freisinniger und sozialdemokra» ttscher Seite in der Debatte diese Forderung unterstützt worden ist, obwohl man sich nicht gescheut hat, in der Wahlbewegung wegen meines Eintretens für ein Reichstheatergesetz die infamsten perionlichen Beleidt- gungen und Verdächtigungen gegen mich zu schleudern. WaS wir im Privatange'lelltengesetz, in der Reichsver- sicherungSordnung, tm Stellenvermittlergefetz für die BuKnenangehörigen tun lonnten, ist noch lange nicht genüg, und wir möchten dringend wünschen, daß die Vorarbeiten zu dem genannten Gesetze möglichst be­schleunigt werden. Tas Stellenvermittlungsgesetz hat ich bisweilen als ein zweischneidiges Schwert insofern erwiesen, als die Arbeitgeber die Kosten auf die Ar- beitnehmer möglichst abzuwälzen suchten. Es ist dies nach dem (Seift des Gesetzes nicht zulässig und umso- mehr muß man sich wundern, daß ein Berliner Gericht einen Stellenvermittler, der laut Aushang in seinem Lokale die Kosten der Vermittlung auf Vie Arbeitgeber abwälzte, in Strafe nahm. Hier­über fordere ich von der Regierung Aufklärung. Die gestrigen Ausführungen des Abg. Kölsch gliederten sich in zwei Teile. Der erste Teil war: Der H ansa- bund Hurra! Alles, was ich bin, danke ich ihm (Große Heiterkeit!; der zweite Teil war der Versuch einer Beweisführung, daß das Zentrum eine konfes­sionelle Partei ist, die sich mit der Wahl des protestantischen ?bg. Richter nur ein Feigenblatt auf­gelegt habe. ((Statute Heiterkeit > Es gibt viele Arten pon Feigenblättern, Toleranz' oder Paritätsfeigenblätter. Den Abg. Paasche bat man, als er ins Präsidium gewählt wurde das Feigenblatt für den schwarzblauen Block genannt. (Heiterkeit, Abg. Dr. Müller-Meiningen: D je, o je!) Ja, Herr Dr. Müller-Meiningen, mancher ietnl’S überhaupt nie! iHeiterkeit.i In vielen mittel» ständlerischen Fragen hat der Kollege Kölsch An- jchauungen entwickelt, die beweisen, daß er unsere An­träge mit großem Nutzen gelesen bat. Wir haben habet Beifall geklatscht, weil es uns schien, daß der Beifall der eigenen Fraktion nicht genug kräftig war. (Sehr gut im Zentrum.) Wenn er meinte, mit der Erbschafts­steuer dem Mittelstand einen Gefallen zu erweisen, so hat er daneben gehauen, lieber den Wert der Arbeits­schulen, die Herr Kerschensteier befürwortet hat. kann man geteilter Auffassung fein. Die Arbeitsschule hat ihre Gegner auch in der Lehrerschaft. Die Volkserziehung !lnd damit die Erziehung der Jugend muß von religiös» ittlicher Bildung getragen werden. (Beifall im Ztr.)

Abg. Graf Kunitz itonf.): Nach dem Vorgang hnberer Länder muffen wir unsere zollpolitilche Rüstung oerslärken. Der Fehler, den wir gemacht haben, ist der, daß wir uns mit unserem Taris auf Jahre ge» d und en und für unteren Minunaltarif keine Gegen» seistung bekommen haben. Ich freue mich, daß Herr Gothein Nicht für einen allmählich n Abbau der Zölle, also ein stückweises Abhacken des Hundeschwanzes ist, sondern die Zölle aus einmal abschaffen will. (Abg. Gothein ruft: Stimmt aber gar nicht!) Eine Teue­rung der landwirtschaftlichen Produkte besteht nicht, soweit hohe Preise sind, ist der Z wischen handel Sfulb. (Widerspruch links.) An d m Anschwellen der odenpreise in den östlichen Provinzen (Hört! Hört! links) ist die Ansiedelungskommiffion schuld und das Jagdvergnügen der reichen Hanoels» und Industrie» Herren. (Zustimmung rechts, Lichen links.) Wenn irgendwo em roter Bock in einer Jagd gesehen wird, dann lstkder Morgen in diesem Gute gleich WO Mk. mehr wert. Die angeregte Enquete zur Feststellung der Wirkung des Schutzzolles lehnen wir ab; das wäre eine sehr unsachverständige Kommission, wenn da die Parteien nach ihrer Stärke vertreten wären. Der Freihandel hat die englische Landwirtschaft ruiniert; jetzt, wenn beim Kohlenarbeit erstreik die Transpor tmittek lahm- felegt werden, droht England die Hungersnot. (Bei- aU rechts.)

Abg. Weinhausen (Vp.) fordert rin EinigungSamt mit Berhaiidlungszwang zur Schlichtung von Streitig­keiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern.

Damtt endet di« Aussprache. Die Abstim­mung über die zum Gehakt des Staatssekretärs vor­liegenden 76 Resolutionen erfolgt in der dritten Lesung. Das Gehalt wird bewilligt.

Freitag: Präsidentenwahl, Weiterberatung deS Statt.

Deutscher Reich.

a. Die SeschästSordunngSkommissio« deS Reichstags hat gestern beschtosien, dem § 33 der Geschäftsord­nung folgende Fassung zu geben:

Bei der Besprechung einer Interpellation können Anträge gestellt werden, die dahingehen, daß der Reichstag daS Verhalten des Reichskanzlers in der den Gegenstand der Interpellation bildenden Angelegenheit billigen oder nicht billigen möge. Dieser Antrag muß mindestens von 30 anwesenden Mitgliedern unterstützt werden. Sonstige Anträge sind nicht zulässig.

a Die Wahlpriifunqskommission deS Reichstages erklärte Donnerstag die Wahl deS konservativen Abgeordneten Dietrich, der im Wahlkreise Rup- pin-Ternplin gegen einen Sozialdemokraten gewählt wurde, für gtltig. Diese Entscheidung ist insofern von Jnterefse, als der Abgeordnete Dietrich Freitag als Vizeprasidentschastskandidat in Frage kommt. Sodann verhandelte die Kommission über die Wahl des welfischen Abgeordneten C o l s h o r n, der den liberalen Bauernbundpräfidenten Wachhorst de Wente besiegt hat. Auch diese Wahl wurde für gil- tig erklärt. Auch mehrere andere Wahlen wurden für gtltig erklärt.

4- Tie Osterferien deS Preußischen Landtages. Die diesjährigen Osterferien für die Landlagsabgeord­neten werden am 28. März beginnen und bis zum 16. April dauern.

* Anträgen ans Abänderung der Besoldungsreform wird, rote die ,Postt hört, von den mastgebenden Instanzen im Reich und in Preußen nicht mehr stattgegeben werden. Die Regierung ist der Meinung, daß die Besoldungsreform vorläufig für viele Jahre abgeschlossen ist, und daß den zahlreichen an die Parlamente gerichteten Petitionen regierungs­seitig nickt stattqegeben werden kann.

= Darmstadt, 7. März 1912. In der hessischen Zweiten Kammer erklärte der Finanzminister gegenüber den Wünschen auf Erbauung neuer Ne­benbahnen, datz keine Aussicht auf Erfüllung bestehe, teils wegen der geringen Rente, die eine Aufnahme der Projekte in die preußische Eisenbahn­gemeinschaft ausschließt, teils wegen des nicht überall nachzuweisenden Nutzens für einzelne Landcsteile.

Ausland.

♦♦ Rücktritt des ungarischen Kabinetts. Der ungarische Ministerpräsident Graf K h u e n Heder- vary wurde Donnerstag mittag vom Kaiser Franz Joseph in Schönbrunn tn Audienz empfangen. Es verlautet bereits, daß der Finanzminister Lukacs einen Auftrag zur Kabinettsbildung angenommen habe auf der Grundlage eines einjährigen Proviso­riums mit normaler Relrutenziffer, Vorbereitung der zweijährigen Dienstpflicht, Abänderung des Wehrgesetzes und Wahlresorm.

** Die Katholiken Frankreichs nehmen wieder einmal einen Anlauf zur Sammlung. 'JDtit großer Begeisterung treten sie zwar an die Frage des Zu- sammenfchluffes heran, aber ob die Begeisterung auch standhält? Man möchte es herzlich wünschen. In Paris sand am 1. März unter dem Vorsitz des Kardinal-Erzbischofs A m e t t e die Schlußversamm­lung des Diözesan-Kongresses statt, dem an 8000 Personen beiwohnten. Einer der Redner, Abbö de Poncheville, führte aus, daß das Trennungsgesetz, von dem die Feinde der Kirche eine Zersplitterung und Schwächung der Katholiken erhofft hatten, im Gegenteil das Signal zum engeren Zusammenschluß aller Gläubigen gebildet habe. Kardinal Amette stellte folgende Beschlußanträge: 1. In jedem Kir­chensprengel eine aus 400—500 entschlossenen, gu­ten Katholiken bestehende Bereinigung zu bilden, die überall tatkräftig die Sache der Kirche verteidigen sollten; 2. die Neutralität der Laienschule zu sichern und die katholischen Privatschulen zu unterstützen; 3. für die vollständige Anwendung des Gesetzes über den wöchentlichen Ruhetag einzutreten und 4. die schlechte Presse zu bekämpfen. Diese vier Beschluß­

anträge wurden einstimmig unter begeisterten Zu­rufen angenommen.

•• Tie englischen Stimmrechtlerinnen haben gestern ihre Zerstörungsarbeit wieder aufgenommen und verschiedene Schaufenster im Westend-Stadtteil zertrümmert. Es wurden einige Verhaftungen vor­genommen.

Aus ttirche und Schule.

Ä Kloster Bornhofen 6. Camp a. Rh., 7. Mär; 1912. Am 24. Mai d. Js sind 50 Jahre verflossen, seitdem der hochw. p. Gregorius Schlitt 0- F- M., geboren am 4. Mai 1844 zu Momberg, im Kloster auf dem Frauenberge das Kiew des hl. Franziskus erhielt. P Gregor, Senior der thüringi­schen Franziskanerprovinz, kann also in diesem Jahre sein goldenes Ordensjubiläum feiern. Die Feier wird den erhebenden Zeremonien des neuen Ordensrituales entsprechend Wohl im Juni im Kloster Bornhofen veranstaltet werden. Es ist auch zu erwarten, daß der Hochwürdigste Herr Erzbischof p. Dionysius Schuler, Exgeneral des Franziskanerordens, der Jubiläumsfeier seines ehemaligen Novizienmeisters beiwohnen wird.

* Koblenz, 7. Märt 19 2. Nach der neuesten Statistik find in der Rheiuprovinz über 400 junge Bolksfchulletzrerinnen offne Stellung. Beinahe noch schlimmer sieht es bei den für höhere Schulen ge­prüften Lehrerinnen aus.

Lokales.

Fulda, den 8. Marz 1912.

* Brandsteuer. Die hessische Brandversicherungs- Anstalt zu Kassel beschloß, auch für das Jahr 1912/13 den bisherigen Steuersatz von 14 Pfg. für je 100 Mark Versicherungssumme beizubehalten.

V Reifeprüfung am königl. Gymnasium. Heute vormittag begann die mündliche Prüfung der Abi­turienten. An der schriftlichen Prüfung Ende Ja­nuar hatten 58 Oberprimaner teilgcuommen. Die mündliche Prüfung findet unter dem Vorsitz des Gymnasialdirektors Dr. Wahle statt. Auf Grund ihrer Leistungen wurden von der mündlichen Prü­fung folgende 23 Oberprimaner befreit: Aus Oberprima A: Jos. Fröhlich-Marbach, Otto Henke l-Futda, Jos. Hohmann-Roßbach, Ludwig Jhl-Orb, I. Kappen-Seligenstadt, Jos. K o ch - Fulda, Gottfr. Krämer-siiiederklem, Peter Kräuter- Schrock, Alfons Noll-Mardorf, Hugo Schmitt-Wirt- heim, Peter S e l i g-Fulda, Karl Wehner-Poppen­hausen; aus Oberprima 8: Rich. Bartig-Fulda, Franz Döppenschmidt-Fulda, Jos. Drisiel- Fritzlar, Georg Enget-Almendorf, Edmund Hage- mann-Oberndorf, Joseph Hannappel-Himmelberg, Karl Heide-Neustadt, Karl Stock-Oxb, Rob. Vogel- Steinbach, Friedr. Weber-Hünfeld, Konrad Zimmer- Stausebach.

(i) Für Bolkswohl, Kunst und Wissenschaft wird heutzutage der Privatmann so stark von 'entsprechen­den Vereinigungen materiell in Anspruch genom­men, daß es nicht Wunder nimmt, wenn die Liste solcher Vereine und Organisationen, die an den Säckel einer Stadt wie Fulda Anforderungen stellen, recht lange ist. Nach dem vor kurzem genehmigten Etat unterstützt die Stadt Fulda mit Beiträgen bis zu 100 Mark folgende Institute und Vereine für Volkswohlfahrt: Verein für Förderung des Arbeiter-Wohnungswesens, Deutscher Zentral-Ver- ein für Jugendfürsorge, Deutscher Verein für öffent­liche Gesundheitspflege zu Frankfurt a. M., Deut­sches Zentralkomitee zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke zu Berlin, Verein zur Bekämp­fung der Schwindsuchtsgefahr in der Provinz Hes- sen-Nassau und dem Fürstentum Waldeck zu Kassel, Verein für Wohnungsresorm, Deutsche Heilstätte zu Davos, Verein zur Förderung der Blindenbildung, Deutsche Bereinigung für Krüppel-Fürsorge e. B. Berlin, Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke, Verein für Volksbildung, Verein „Bolkslesehalle", Verein zur Fürsorge für entlassene Gefangene, Gar­tenbauverein. Zur Sanitätskolonne leistet die Stadt einen Beitrag von 200 Mark. Mehr wirtschaftliche Ziele verfolgen die nachstehen- den, gleichfalls unterstützten Organisationen: Freie Vereinigung der Weser-Schisfahrts-Juteresienten,

Mitteldeutscher Arbeitsnachweisverband Frankfurt a. M., Ziegenzucht-Verein. Von Organisationen mit künstlerischen Bestrebungen werden unter­stützt: Deutscher Patriotenbund für Errichtung eines Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig, Bund Heimat­schutz, Verein Naturschutzpark in Stuttgart. Tie Wissenschaft fördert die Stadt durch -Unter» stiitzuna des Germanischen Museums in Nürnberg, der Historischen Kommisiion für Heften und Wald­eck, des Vereins soziales Museum, des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde und des Ful­daer Geschichtsvereins. Durch Mitgliedschaft beim Heflischen Städtetag, beim Reichsverband deutscher Städte, im Verein gegen das Bestechungsimtoesen und im Allgemeinen Versicherungs-Schutz-Verband verfolgt die Stadt kommunale Interessen. Im ganzen iverden für die Beteiligung an den erwähn­ten Bestrebungen zirka 1500 Mk. ausgegeben.

♦ Herr Rektor Jacobi, unser Fullmer Lands­mann, bat einen neuen Bühnenerfolg zu verzeichnen. Der „Berliner Lokal-Anzeiger" schreibt: Im Luisen- tbeater gelangte ein Schauspiel „Alles durch die Liebe" (Ehrenwort) von Emil Jacobi zum erstenmal zur Aufführung. Der große Beifall, mit dem das Stück ausgenommen wurde, war ersichtlich kein künstlich gezüchteter. Das Publikum war hingeris­sen von der Handlung, die sich von Akt zu Akt dra­matischer gestaltete und der Verfaffer mußte sich nach jedem Aktschluß dankend verbeugen.

(i) Die Fleischpreise haben in Fulda in diesen Tagen eine wesentliche Steigerung .er­fahren. Ochsenfleisch kostet statt tote bisher 86 H nunmehr 90 das Pfund, Rindfleisch statt 80 86 -4. Auch der Preis für Schweinefleisch und Kalbfleisch ist um 6JJ das Pfund in die Höbe ge­gangen und beträgt statt tote bisher 80 jetzt 86 I. Die Preiserhöhung steht im ursächlichen Zusam­menhang mit dem Mangel an schlachtreifem Vieh, der sich regelmäßig im Frühjahr zeigt. Der Fleisch­konsum liegt bei diesen Preisen sehr darnieder, WaS in der geringen Zahl der Schlachtungen im hiesigen Schlachthof ntm Ausdruck kommt.

* Das Kriegsgericht der 22. Division bestrafte mit 14 Tagen strengen Arrest den Kanonier K. von der 3. Batterie des Feldattillerieregiments 47 in Fulda. Er hatte ein Portemonnaie mit 20 Mark Inhalt, welches in einer Tasche des Beinklei­des des Kanoniers Grcbing steckte, sich widerrechtlich angeeignet.

(♦) Tie Listen für die Feuerwebrpflichtigen liegen nur noch diese Woche auf dem Rathcmfe (Stadt- 'chloß Z'mmer Nr. 7) zur Emsicbt offen. Wir machen darauf aufmerksam, daß eine Herabsetzung des Loskaufgeldes nur auf Antrag bei nachgewiesener Bedürftigkeit stattfinden kann.

Ans dem Nachbar gebiete.

• Bad Brückenau, 7. März 1912. Da die Brü­der Ruck in Obereft reib sich weigerten, die ihnen zuerkannte 6monatliche Geiängnisstrafe freiwillig anzutreten, mußte ihre Verhaftung vorgenommen werden. Als die Gendarmerie erschien, leistete der eine Bruder derart Widerstand, daß die Gendar­merie von der Waffe Gebrauch machen mußte. Der Michael Ruck entriß dem Gendarmen Bötscff den Säbel und wollte ihm den Kopf spalten. Bötsch feuerte einen Scduß auf Ruck ab, der, in den Kops getroffen, l e b en sgef ä hr t ich verletzt wurde.

* HerSscld, 7. März 1912. Für das Elalssahr 1912/13 ist hier eine zwanzigprozentige Er­höhung des Steuerzujchtags auf Ein­kommen- und Realsteuern notwendig geworden ist. Diese Sleuerznichläge haben damit die Höffe von 160 bezw. 183 Prozent erreicht. — Ter Bau der Eisenbahn Hersseld—Heimboldshaulen crsotdert die Beseitigung der Sexauerschen Eisengießerei im Siechen. Es ist diejerhalb das Enteign iings» verfahren ein geleitet wocden. — Infolge Fest­stellung der Tollwut an einem hier verendeten Hunde ist für sämtliche Hunde hiesiger Stadt und näherer Umgebung die Hundesperre angeordnet worden.

* Bebra, 7. März 1912. Am 3 März feierte der Weichensteller a. D. Kannegießer mit feiner Frau die golbene Hochzeit.

O Hanau, 7. März 1912. Nach einem bestimmt austretenden Gerücht soll das I n s.-R e a t. H e s f e n« Homburg Nr. 166, das am 1. Oktober 1909

Helden der Pflicht.

Roman aus dem Lande der Mitternachtssonne von 8] Erich Friesen.

„Das Wohl. Fräulein Jngeborg scheint mir ein außergewöhnliches Mädchen zu sein — etwas, wie ein Wesen mit zwei Gesichtern, eine Art Rätsel."

Zustimmend neigt Sigrid das Haupt. Und doch Entgeht es dem aufmerksamen Blick ihres Beglei­ters nicht, daß hinter der scheinbaren Ruhe des schö- Een Frauenantlitzes etwas wie geheime Angst meit.

i Inzwischen hat sich der Felsenweg verengt. 'Schwarze Wolken schleichen um die Felsgipfel. Um- hüstert von kolossalen Steinmauern, umrauscht von herabstürzenden Wasserfällen, die, von eben aus der Molke niederschäumend, hier unten wieder in eine Wolke zerstäuben, schreiten die beiden einsamen Men­schen eine zeitlang stumm dahin, jedes mit seinen Gedanken beschäftigt.

„Lasten Sie mich Ihnen etwas aus der Vergan­genheit meiner Nichte erzählen; Sie werden dann wanches bester verstehen," beginnt Sigrid Arnoldsen endlich gepreßt, indem sie den blauen Schleier tiefer über das Gesicht zieht, um ihrem Begleiter das -schmerzliche Zucken ihrer Züge zu verbergen. „In- aÄorgs Mutter und ich, wir beide waren Schwe- ittern. Unsere Mutter starb, als meine Schwester |toölf, ich sieben Jahre alt war. Meinen Vater hielt wen allgemein für einen energischen tatkräftigen Mann; doch feine scheinbare Energie war Schwäche, seine Tatkraft Eigensinn, ja Starrköpfigkeit. Wenn fx sich einmal etwas vorgenommen hatte, und wäre es das Unübcrlegtefte, Absurdeste — kein vernünf- .ttger, Mensch konnte ihn davon abbringen . . . Fol- gen Sie meinen Worten, Herr Niels?" s „Ich solae." erwidert Erik gespannt.

„Meine Schwester Helga zeigte schon früh eine Zigentümsiche Reizbarkeit und dabei einen Eigen- tvtllttk, der uns oft erschreckte. Auch litt sie häufig 'an wkrvösen Anfällen, Ivie Weinkrämpfen und Glie­der Mern. Weil sie körperlich sehr zart und schwäch­

lich war, wurde ihr in den meisten Fällen ihr Wil­len gekästen. In ihrem siebzehnten Jahr verliebte sie sich in einen italienischen Sänger, der mit seiner Truppe nach Christiania gekommen war. Mein Va­ter war gegen die Verbindung. Zum erstenjnal trat den Wünschen meiner Schwester energischer Wider­stand entgegen. Heftige Auftritte folgten. Wein Vater vergaß, daß Helga ihre Halsstarrigkeit, ihren Eigenwillen von ihm geerbt hatte, daß er in ihr eine in diesen Schwächen ebenbürtige Gegnerin be­saß. Der stalienische Sänger reiste ab, nachdem mein Vater ein- für allemal seine Einwilligung zu einer Heirat zwischen ihm und seiner Tochter ver­weigert hatte. Die Aufregungen verschlimmerten Helga» Zustand; sie verfiel in epileptische Krämpfe. Eines TageS war sie verschwunden. Sie war aus dem Vaterhaus entflohen und zu dem Geliebten, mit dem sie im Briefwechsel geblieben war, nach Eng- land geflüchtet, wo sie sofort nach ihrer Ankunft ehe­lich verbunden wurden. Ob die Ehe zuerst eine glückliche war — ich weiß es nicht. Mein Vater wollte von dem „ungeratenen Kinde" — wie er Helga fortan nannte — nichts mehr wissen und ver- bot mir, je ihren Namen in seiner Gegenwart zu nennen ober irgendwie mit ihr in Verbindung zu treten."

Sigrid Arnoldsen macht eine kleine Pause. Ihre Stimme ist immer leiser geworden. Die Erinne­rung greift sie mächtig an.

Auch Erik schweigt. Gesentten Hauptes schreitet er neben (einer Begleiterin her; ein teilnehmendes Wort zu äußern, erscheint ihm banal.

„So verflossen vier Jahre —" fährt Sigrid mit leicht vibrierender Stimme fort. „Da erhalte ich eines Tages einen Brief aus einer kleinen italieni­schen Stadt. Eine dorttge Zimmervermieterin teilt mir mit, daß bei ihr feit einiger Zeit eine Signora Valetti mit ihrer kleinen Tochter in äußerster Dürf- tigkeit lebe. Tic Dame sei schwer erkrankt und habe, da sie ihr Ende nahen sichle, flehentlich ge­beten, an ihre Schwester nach Christiania zu schrei­ben, da es ihr einziger Wunsch sei, dieselbe noch

einmal vor ihrem Tode zu sehen. Ich zeigte den Brief meinem Vater; ich hoffte, der nahende Tod würde ihn versöhnlicher stimmen. Vergebens. Mit harten Worten verbot er mir, den letzten Wunsch meiner sterbenden Schwester zu erfüllen."

„Und Sie —?" fragt Erik voll tiefen Mitgefühls.

„Zum erstenmal verweigerte ich meinem Vater den Gehorsam. Obgleich kaum sechzehnjährig, begab ich mich allein auf die weite Reise, nachdem ich alles, was ich an werwollen Schmucksachen besaß, zu Geld gemacht hatte. Ich traf gerade noch zur Zeit in Modena ein. Kurz vor ihrem Tode gestand meine Schwester mir, daß ihr Gatte sie vor etwa einem halben Jahr verlassen habe und daß sie und ihre kleine Tochter seitdem in Not und Elend lebten. Ein Brief, den sie an unfern Vater geschrieben, sei uneröffnet zurückgekommen. Sie habe versucht, durch Nähen und Sticken sich und die kleine Jngeborg vor dem Verhungern zu retten; ihre Widerstandskraft fei jedoch dahin. Ruhig sehe sie dem Tod entgegen. Nur um das Kind sei ihr bange. Sie beschwor mich, die unschuldige Kleine, die sehr zart und dabei auffallend begabt fei, nicht der Not, vielleicht dem Verderben preiszugeben. Ich sei zwar selbst noch sehr jung, aber energisch genug, um ein gegebenes Versprechen zu halten und es unserm Vater gegenüber durchzu­setzen . . . Am nächsten Tage war meine Schwester tot. Ich versuchte, das Herz meines Vaters zu rüh­ren, es für die unschuldige Waise zu erwärmen. Un­nützes Bemühen! Niemals gab mein Vater nach — und koste es sein Leben ober die Ruhe seines Ge­wissens. Da ich selbst kein Geld besaß und abhän­gig von meinem Vater war, wandte ich mich an einen Jugendfreund meiner verstorbenen Mutter, der noch immer in unferm Hanse verkehrte. Er versprach, sich der armen Waise anzunehmen. J&r hat sein Versprechen gehalten, der brave Konsul Ta- land. Jährlich setzte er zweitausend Kronen für die Pflege und Erziehung der Kleinen aus, ohne daß mein Vater darum wußte. „Sie können mir ja später alles zurückzahlen, wenn Sie in den Besitz des Vermögens Ihres Vaters gekommen sind. Und wer weiß, ob ich wirklich so uneigennütztig bin, tote

Sie glauben!" — Damit schnitt er stets meine Dan- teSbeteuerungen ab."

Sigrid macht eine kleine Pause und richtet sin­nend den Blick auf die Unendlichkeit des Meeres . ..

Dort unten, zu ihren Füßen, spielende Wogen, die sich mehr und mehr vergrößern, schmeichelnd an die starren Felsgiganten herandrängen und bann träge und enttäuscht zurückplätfchern.

Sind sie nicht ein Abbild des menschlichen Her­zens? Gleichen sie nicht ben unerfüllten Wünschen, die tief im Innern eines jeden Menschen fchlum- mern? Die von Zeit zu Zeit erwachen und sich oufbäumen und nach Erfüllung lechzen, um dann in nichts zu zerrinnen — für immer? . . .

Auch Enk steht völlig im Bann der erhabenen Natur, deren her^faftende Größe noch mächtiger auf ihn wirkt durch die Tragödie, welche die ernste Frau an seiner Seite ihm enthüllt. Was wird er noch zu hören bekommen? Wird sie chm noch weiter ihr Vertrauen schenken? Wird er erfahren, was sie da­zu bewog, sich und ihre Nichte in der Felseneinsam- keit von Schloß Sandsgaard zu vergraben? . . .

Er hat sich etwas von seiner Begleiterin entfernt, um sie in ihren traurigen Erinnerungen nicht zu stören.

Doch schon hat Sigrid sich wieder gefaßt. Nur noch das leise Beben ihrer Stimme verrät ihre tiefe Erregung, als sie fcheinbar ruhig weiter erzählt:

„Drei Jahre darauf starb mein Vater am Ge» hirnschlag. Ich trauerte von ganzem Herzen um ihn, obgleich ich nicht blind war für feine großen Fehler und Schwächen. In seinem Testament hatte er mich, „sein einziges Kind", zu seiner Universal» erbin eingesetzt. Ich war reich, sehr reich. Ich er- bat mir von Konsul Daland die Adresse meiner klet» neu Nichte und holte sie von Florenz, wo sie in Pflege war, nach Christiania. Bald darauf kaufte ich von einem Teil meines Vermögens Schloß Sandsgaard, und hier wohnen wir beide, Fngeborg und ich, feit beinahe elf Jahren in aller Stille. Nur zwei Menschen besuchen uns von Zeit zu Zeit. Ma­dame Worse, eine entfernte Verwandte meiner Mut­ter, und Konsul Dalanb." (Forts, folgt.) •