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39. Jaijts«»»-

* Tuldaer S Leitung«

2. Blatt

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Deutscher Reichstag.

Sitzung bon 5. März 1912.

Tie zweite Beratung über den Etat deS SKilüfte« liumj des Inneri» wird fortgesetzt.

Nbg. Ceritt (f).: Ein Auge höriger der sozialdemo- krattnveu Partei aus Südwestveittschland hat jungst den Rekcht-iag ein Lnasse!Haus genannt. Wen» der Herr das in diesem Sause gesagt hätte, so würde ihn nicht nur der Prästdenk. sondern auch mancher seiner Paricigeiwssen zur Ordnung gerufen haben. Es will scheiuen, als na beim Etat des Ministeriums des In» neru tatsächlich zu viel geredet würde. Leider muß ich mich dieser Sünde deute auch schuldig mache«. (Große Heiterkeit.) Der Ada. Sachse hat mir gestern eine 'Anzeige der „Deutschen Tageszeitung" twcgehal­ten, in der empfohlen wurde. Bauten nur von solchen Unternehmern ansführerr zu lassen, die keine sozial- deuwkeatischen Maurer. Zimmerleute usw. beschäftigen. Ter btj. Sachse sitzt aber im Glashause: die Genossen gehen soweit, daß sie sich nur noch von fozialdemo- kratisi.organisierten Friseuren den Bart kratzen las­sen. (Große Heiterkeit.) Wir verlangen reichsgesetz­liche Regelung der Zigeunerfrage. Der Frau- enbeir.gung stehen wir sympathisch gegenüber; man sollte der Frau den Broterwerb nicht erschweren. Aber für eine politisch« Betätigung der Fran können wir uns nicht begeistern. (Beifall rechts.) Mit unserer Sie* soluliou auf erhlihtr» Schutz der Arbeitswil­ligen. wollen wir lediglich die Frage anregen, ob es nicht zweckmäßig sei. einen Gesetzentwurf vorzulegen, daß Arbeiter, die arbeiten wollen, nicht durch Drohun­gen und Gewalttätigkeiten an der Arbeit gehindert werden. (Beifall rechts.). Der Staatsselretär hat sich mit seiner Erklärung, daß. eine Aenderung der bestehen­den Gesetzgetmng nicht nötig fei, in Gegensatz gestellt zum Reichskanzler, der früher einmal die Frage offen ließ, ob nicht eine Aenderung nötig sei. Wenn es so weitergeht, wie bisher, wird nicht uur Las Vertrauen der Arbeitgeber erschüttert werden, sondern auch das der irichtsozialdeinokratischen Arbeiter, die keine ge­nügende Hilfe bei den Behörden finden, und die daher zum letzten Mittel greifen und sich der Sozialdemo­kratie anschließeu. Zur Frage der Wirtschaftspolitik hat der Staatssekretär erklärt, daß die Regierung an unserem bewährten Schutzzollsystem festhalten wolle. Auf das Wort „zurzeit", das er einmal in die­sem Zusammenhang gebraucht hat, will ich vorläufig keinen besonderen Wert legen. Ich will auch nicht so weit gehen, wie der Abg. Hestermann, der erklärt hat. die Schutzzölle müßten „für alle EwWeit" auf- rechtcrhalten lverden. Man kann ja nicht wissen, wie es nach tausend Jahren bei uns auSsehen wird. Mein freisinniger Gegenkandidat im Wahlkampfe sagte ein» vier!, bis dahin würde die ganze Schuhzollfrage gegen­standslos geworden sein, weil die ausländischen Waren in L u f t s ch i f f e n e i n g e f ü h r t würden. (Große Heiterkeit.) Ja, das hat er im Ernste gesagt u. er mußte erst darauf hingewiesen werden, daß es noch lange dau­ern wird, bis vierbeinige Lchsen und andere Ware« zu Luft nach Deutschland eingeführt werden. (Große Heiterkeit rechts.) Es ist zu prüfen, ob unser zollpo- litisches Rüstzeug solch rücksichtslosen Gegnern, wie den Amerikanern gegenüber, gewachsen ist. (Zu­stimmung rechts.) Zustimmen kann ich dem Staatssekretär in dem Urteil, das er über den Vottavag gefällt hak, eine inlernakioiiate Kommission nlsammenzuderusen zur Prüfung der Wirkung der Zölle. Er war allerd.ngs im Irrtum, wenn er meinte, dieser Von' tag stamme von einem Mitglied des Hauses. Er stammt von einem früheren Kollegen der Herren (zum Bundesratstisch) da oben, vom Herrn Dernturg. Es tut mir wirkstch lerd, daß Herr Derndurg n cht in diesen Reichstag gewählk worden ist, es würde wirtlich ein ästhelifches Vergnügen bereitet haben, wenn wir einer Diskussion zwiichen dem Herrn Staatssekretär Delbrück und dem früheren Staatsselretär Derndurg hätten bei­wohnen können. (Kroße Heiterkeit.) Wir wünschen, daß die Segnungen der Sozialpolitik endlich auch dem kleinen selbständigen Betriebsunternehmer zugänglich gemacht iverden. Was die Maßnahmen im Interesse des Handwerks angeht, so gewinnt die Aushebung des § .OOq mtnrr mehr Anssi. t. Jedenfalls hat die natiou rlliberateFraktion in dieser Frage eine Wrndknng durchgernacht, die mit Freude« zu begrüßen ist. Ich wünsche nur, sie würde recht viele solcher Wandlungen durchwachen. (Heiterkeit) Königtum und Monarchie wurzeln in unserem bänerlichen und g-rverdlichen Mittelhand. Den Untergang des Mittelstandes zu ver­hüten, muß fich die Regiermrg mit allen Mitteln an­gelegen sein lassen. (Beilall rechts.)

Staatssekretär Dr. Delbrück: Es ist nicht richtig, daß «reine neuliche« Ausführungen über die Notwen­digkeit und ZroeckmäßiBeit eines Arbeitswilligengesetzes in Widersprach ständen mit der Haltung der verbünde­ten Regierungen. Auerkarmt werde« muß, daß wir mitunter Exzessen des Organrsationsgedankens gegen­überstehen, die die Aufmerksamkeit herausfordern und bei denen zu erwägcrr ist. ob nicht eine Nmgestal- tung Les gem eisen Rechts mit Rücksicht auf die

Heiden der pflicht.

Rowan aus dem Lande drr Mitternachtssonne von G] Erich Friesen.

Einige Minute« vergehen; Erik dünken sie eben so viele Stunden . . .

Wie einem geheimen Zwange folgend, bückt er wieder nach der Ottomane

Seine Augen haben sich inzwischen an das däm­merige Halbduukek gewöhnt. Ganz deutlich urtter- schetdct er eine schlanke Mädchengchalt in matt­blauem Kleide.

Er halt den Stiem an und lauscht

Alles still.

Ihm wird unbehaglich. Er hustet, um sich be­merkbar zu machen. Vergebens.

„Ein eigentümlicher Schlaf!" denkt er. Wenn nur Fräulein Arnoldsen erst käme!"

Aufs neue versucht er. seine Aufmerksamkeit dem Feuer zuzuwenden. Es will ihm nicht gelingen.

„Unsinn!" schilt er sich unmutig. „Ich benehme mich wie ein Schuljunge. Tas schlafende Kind dort ist natürlich meine zukünftige Schülerin. Wie mag die Kleine cmsfehen?"

Er nähert sich behutsam dem einen Fenster und lüftet den Vorhang ein wenig.

Dämmeriges Tageslicht fällt auf ein geisterblei­ches, in seiner Starre völlig lebloses Mädchenantlitz.

„Großer Gott, sie ist tot!" entringt es sich seinen Ltppen, indem er entsetzt znrückweicht.

Zu seinem höchsten Erstaunen jedoch springt das Mädchen plötzlich leichtfüßig von?Sofa empor. Mit großen verwunderten Augen blickt sie auf den frem­de» Mann.

„Verzeihung stammelt Erik verwirrt.

Da lacht das Mädchen hellt auf — ein glocken­klares, seltsames Lachen. Die goldblonden Locken pach hintenüber schüttelnd, streckt sie Erik beide ,i|änbe entgegen, die dieser befangen in die seinen limmt.

- „Ich weiß, wer Sie sind!" lacht sie. „Sie sind

großen Veränderung« unseres öffentlich«, politisch« und wirtschaftlich« Lebend notwendig werden könnte. Bei der Frage de»

Mittelstandes

müssen die Berhältuisse de» bäuerlichen Mittelstandes gesondert werd« von den gewerblichen. Der länd­liche Mittelstand hat kein« Anlaß zu klag«. Bei dem gewerblich« Mittelstand gibt es außerdem ein« selbständig« und unselbständigen Mittelstand. Dieser sog. neue Mittelstand muß mit einem anderen Maß gemessen werden als der alte. Er ist ein Produkt unserer wirtschaftlichen Entwickelung und gehört zweifellos mit zu ihren Stiefkindern. Die Leistung« der Unternehmer für die Privatbeamten­de rsicherwng find nicht gering. Wenn eS nach den Wün­schen der Regierung gegangen teure, so wäre auch das große Heer der Techniker zu einem Rechtszustand gekommen wie die Handeksangestellten. Mik der Re­gelung der K o n k n r r e n z k l a u f e l ist das Rcüchs- justizamt erneut beschäftigt. Eine zweckentsprechend« Aenderung des Erfinderrechts ist nur möglich in Ver­bindung mit einer Reform des Patentrechts und diese ist in Vorbereitung. Während alle Berufsstände vorwärts gekommen sind, kann man dieses vom ge­werblichen Mittelstand nicht behaupten und zwar hat der Fabrikbetrieb die Hemm Betriebe unren­tabel gemacht. Was das Handwerk betrifft, so sind diejenigen Betriebe zurückgeMingen, die sich für den Großbetrieb eignen. Andere sind gurrt Stillstand ge­kommen und «blich wieder andere, die fich zum Klein­betrieb eignen, find vorwärts gekommen. Zur Hebung des Handwerks ist das Genossenschaftswesen gefördert, das JnnnngSwes« ««gestattet, das Prüfungswesen neugeregelt, der kleine Befähigungsnachweis eingeführt worden. Alles dies muß bead)tet werden, bevor man dauernd darüber klagt, daß die verbündeten Regierun­gen, speziell mein Ressort, taube Ohr« für die Wün­sche des Handwerks hätten. Eine reichsgesetzliche Re- gelung der Industrie, zu den Kosten der S e h r l i n g s- auSbildung beizutragen, dürfte erhebliche Schwie­rigkeiten mach«. Eine reichsgesetzliche Regelung des Submissionswesens ist nicht gut denkbar. Der preußische Arbeitsminister hat für die Handhabung des Submissionswesens eine allgemeine Verordnung erlassen und es dürfte angemessen fein, auf dem Ver­waltungswege dieser Verordnung von neuem Nach­druck zu geben. Die gesetzliche Festlegung der Mindest­preise würde zur Forderung der Mmdcstlöhne führen. Eine Handwerker konferenz, die noch in die­sem Frühjahr einberufen werd« soll, wird auch diese Frage prüfen. Weiter soll eine Kommission über die Frage des Kleingewerbes beraten. Der Staatssekretär schließt mit der Versicherung, daß er volles Verständ­nis für die schwierige Situation des Handwerks habe und redlich bemüht fei, mit allen verfügbaren Mitteln zu helfen. (Beifall.)

Abg. Marquardt (natl.) erregt große Heiterkeit, da er die Abgeordneten als „hochverehrte Anwesende" an­redet. Er spricht über die Verhältnisse des neuen Mit­telstandes und fordert u. a. für die Handlungsgehilfen erweiterte Sonntagsruhe und ein« fest« früh- zeitigen Ladenschluß, Regelung der Arbeitszeit in den Kantoren und der Frage der Konkurrenzklanfel sowie weitgehendes Kocttllionsrechk. Freiheit der Persönlich­keit muß die Losung fein.

Abg. Gothein (Bp.) wünscht zunächst ein Schuhgesetz gegen allzulange MinisterrÄ)« (Heiterkeit) und meint dann, unfere wirtschaftliche Sage sei doch gar nicht so rosig, Ivie sie in den letzten Tag« hingestellt worden sei. Man könne nicht behaupt«, daß der Schutzzoll ein gutes Instrument zur Erzielung günstiger Handels­tarife fei.

Mittwoch: Fortsetzung.

Preußischer Landtage

Abzeortzurtenbaus.

Sitzung vom 5. März 1912.

Die zweite Beratung de? BergetatS wrd fortgesetzt.

Auf die auch t»m Abg. Bell kZtr.) unterstützte» Anregung der Avgg. Buße (freit) nnb Cassel (Bolksp.), die durch die Bergschäden betroffen« Hohensakzaer staatlich zu entschädigen, «misert

Handelsmmister @D>e», daß er für staatliche Hilfs» aktione» nicht zuständig sei.

Bei den .dauernden Ausgabe»", Xitel „Besol­dungen" tragen die

Äbgg. Dr. Maurer (»all.) und Delius (Volksp.) eine Menge von Beamte «wünschen vor.

Abg. Jmbufch tZtt.) verlangt die Beseitigung der Skrafablegnng« ans den fiskalischen Gruben. Die Wunsche der Grubenarbeit^', auf solchen Gruben be­schäftigt zu werden, die knwer Nähe ihres Wohnortes liegen, müssen berückfichtigt werden.

Die Abgg. Spinzig (frk.) und Hirsch-Essen (ntlb.) erörtern die wirtschaltlrchen und BevSUeruugsverhäll- nisse des Oberbarzgebietes.

mein neuer Zeichenlehrer Herr Niels. Wir er­warteten Sie eigentlich erst morgen . . . Wie ge­fällt Ihnen übrigens meine Tante?"

„Ich hatte »och nicht die Ehre —"

„Nicht? . . . Wie lange sind Sie denn schon hier?"

„Seit ein paar Minuten. Ich wußte nicht, daß Sie hier int Zimmer —"

„auf dem Sofa schliefen," vollendet sie, immer noch lachend. ,^zch fühlte mich heute so matt, so fchkäfrig, daß ich beim Lesen einschlummerte. Kom- men Sie jetzt, Herr Niels! Ich will Sie zu meiner Tante führen."

Ganz ungeniert hängt sie sich an seinen Arm, und so — Hand in .Hand, wie ein paar gute Ka­meraden — schreiten beide langsam durchs Zimmer, der Halle zu.

Plötzlich bleibt das Mädchen stehen.

„Ich hörte Sie vorhin rufen- „Großer Gott, sie ist tot!"" flüstert sie ihm hastig ins Ohr. „Sagen Sie meiner Tanke nichts davon! Bestimmt nicht!"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, zieht sie Erik Wetter — bis zu einer Tür am Ende der Halle. Hier bückt sie sich und guckt durchs Schlüsselloch, durch welches ein matter Lichtschein bringt.

„Tante ist drin!" fföfiort sie bedeutungsvoll, in­dem sie leise in die Hände klatscht. „Also vor­wärts!"

Und ehe Erik in seiner Verwirrung ein Wort erwidern kann, öffnet das seltsame Kind eine Tür­spalte unb ruft hindurch:

„Tantchen!"

„Tritt nur ein, Ingebotg!" ertuiberi von drin- nen eine tiefe, wohltonenbe Stimme.

Jetzt öffnet das Mäbche« die Tür vollständig.

Erik steht auf der Schwelle eines mittelgroßen, bequem ausgestalteten Studierzimmers — einer Art Bibliothek.

Am länglichen Tisch, unter einer bronzenen Hängelampe, fitzt die Herrin von „Schloß Sands- gaarb" in ein Buch vertieft. Bei bem schwachen Geräusch wendet sie de« Kopf und blickt erstaunt von

Beim Tttrl »Prämien für obere unb mittlere Berg­beamte" führt der

Abg. Jmbnsch (Ztr.) an?, man befürchte, daß die Beamten infolge der Prämien fich versucht fühlen lönmen, ans die Bergarbeiter einen übermäßigen Druck auszuöben.

Abg. Dr. Slaarer (ntlb.): Der Bergetat bringt ein« sehr geringen lieber! chnß, wir hab« aber die Hoffnung, daß die Einnahmen allmählich höher werden und dann werden auch die Löhne steigen. Der Zweck der Urämien geht dahin, daß der Steiget ferne ganze Kraft einsetzt, den Beirreb wirtschaftlich und rationell zu gestalten. (Zustimmung bei de« 9latlb.)

Abg. Göbel lZtr.): Auch in Oberschiesten haben die Arbetter unter den geringen Löhnen bei den ge­stiegenen Lebensrnillelpreifen sehr zu leiben.

Abg. Dr. Röchling (Ml.) hofft, baß eine Lohnsteige­rung an den staatlichen Bergwerken besonders im 6aatrro:er baldigst einlntt

Abg. Jmbusch (Ztr.i: Wir müssen mit Nachdruck verlangen, daß die Löhne der fiskalische» Bergarbeiter oefgebelfert »erben. Die Etaaksdergwerke dürfen nicht anslchtteßlich von dem Gesichtspunkt aus geleitet werden, recht viel Geld zu verdienen. Die Wünsche der Arbeiter müssen dort so wett alS möglich berücksichtigt werde«. Dos Vorgehen von Anhalt, das dm staatlich« Berg­arbeitern eine Teuerungszulage gewährt, sollte für Preußen vorbildlich fein. (Beifall im Zentr.)

Handelsminifter Stzdow: Die diakaltsch« Löhne sind nucgendwo niedriger als die in den Privatbetrieben im gleichen Bezirk gezahlten Löhne. Mit steigender Konjunktur werden auch wir für unfere Arbeiter eine jährliche Lohvsteigerung eintieten lassen. Bus dem Standpunkt aber können wir uns nicht stellen, daß die staatlichen Betriebe lediglich Wohlfahrtseinrichtungen seien.

Abg. Sauermann (Z) wünscht eine Erhöhung der Löhne der Grubenhandwerker.

Abg. Dr. Glattfeller (Z.) spricht seine Freude darüber ans, daß von allen bürgerlichen Parteien dem Ernst der Lage im Inland und im Ausland entsprechend mit Besonnenheit und Wärme für die Erhöhung der Bergarbertertöhne eingetreten worden fei. Redner weist die Vorwürfe auf die Sairbergarbeiter zurück, als ob diese an Fleiß und Geschicklichkeit hinter ander« zurück- ständen.

Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Etat bewilligt.

Donnerstag: Finanzministerium.

Deutsches Reich.

* Die Wehrvorlagen. Wie in parkameittarischen Kreisen verlautet, werben bis Forderungen der Flottenvorlage nicht so umfangreich sein tote vielfach angenommen wird. Wie die „Ger­mania" mitteilt, werden im Durchschnitt der näch­sten 6 Jahre nur etwa 30 Millionen Mark erforder­lich sein, selbst wenn die Schiffsbauten sämtlich auf den ordentlichen Etat genommen werden sollten. Sie Kosten der Militärvorlage sind aber e r- heblich größer. Sie bringen, wie mau der „Germania" zufolge annimmt, eine einmalige Mehrausgabe von etwa 100 Millionen, und eine jährliche Mehrausgabe von 50 bis 60 Millionen .Mark. Die gesamten dauernden Mehrkosten der beiden Wehrvorlagen würben sich banach also aus 180 bis 90 Millionen Markim Durchschnitt der nächsten 6 Jahre belaufen. Bezüglich der De- ckungsfrage glaubt bie „Germania", „ohne eines zu > wettgeheitoen Optimismus geziehen zu werben, bte Behauptung aufstellen zu können, baß bas Reich unter Verzicht auf neue Einnahmequellen mit b en vorhanbeneu Mitteln die Kosten der neuen Vorlage bestreiken kann." Als unrichtig be­zeichnet es die „Germania", die Steuerzahler trotz der glänzenden Finanzlage mit neuen Steuern be­lasten zu wollen, nur, um auch künftig solche enor­men Ueberfthüffe zu erzielen, die erfahrungsgemäß bann auch toieber einen verstärkten Anreiz zu neuen Ausgaben böten.

* Ein Reichsanstalt für Lnstschiffahri. Zettrmgs- Meldungen zufolge beabsichtigt bie Reichsregierung bie Gründung unb Unterhaltung einer Reichsanstalt für Luftschiffahrt unb Flugtrchuik, die ihren Sitz in Friebrichshafen haben soll. Die neue Reichsanstalt soll eine mit allen Hilfsmitteln bet modernen Tech­nik ausgestaltete Versuchsanstalt werden, mit beten Leitung voraussichtlich Graf Zeppelin betraut wer­ben wttd. Voraussichtlich wird schon der Etat für 1913 einen entsprechenden Kredit für die erste« Bau­kosten cmsorbetn.

ihrer Richte auf den fremden Eindringling, her noch immer in derselben Stellung verharrt.

„Das ist Herr Niels, Tantchen!" ruft Jugeborg ÜJ^it freundlichem Lächeln reicht Fräulein Ar- nolbsen bem jungen Manne die Hand.

„Willkommen in Schloß Sandsgaard, Herr Riels!"

Wie mechanisch ergreift Erik die gebotene Hand. Sie Ueberraschuugeu der letzten zehn Mimiten haben ihn derart verwirrt, daß er kaum eines klaren Ge­dankens fähig ist . . . Vorhin das seltsame, rätsel­hafte Benehmen jenes Kindes . . . unb nun — diese hinge schön- Herrin von Schloß Sandsgaard, die et sich stets als alte Dame vorgestellt!

Prüfend ruhen Fräulein Atnoldsens Augen auf bem Antlitz des neuen Hausgenoffen. Sie Prüfung muß zufriebenftellenb ausgefallen fern; beim sie nickt ein wenig mit dem Kopf und schlingt lächelnd den rechten Arm um bie Taille der Richte.

Wie die beiden so nebeneinander stehen, bieten sie das vollkommenste Bild weiblicher Ähönhett unb Anmut, das je ein Maletange begeistern tarnt. An die hohe, imposante, in ein grünes Samtgewand ge­kleidete Walkürengeftalt der älteren, deren stolzes Haupt eine Krone kastanienbrauner Flechten schmückt, während die dunklen Augen gebietend unb gütig zugleich baherblicken, schmiegt sich hingebenb die zarte, mäbchenhafte Lichterscheinunz bet jünge­ren, mit ben goldbkonben, langhetabwallenden Lo­cken unb ben träumerischen, halbverschleierten Augen.

Jngeborg hat bie freie Hand ber Tante an ihre Lippen gedrückt unb blickt mit bem Ausbruck schwär­merischer Begeisterung zu ihr empor.

„Wie geht es Konsul Daland?" fragt Sigr8> Atnoldsen freundlich, Eriks ersichtliche Befangenheit ignorierend.

„Danke, gut."

„Sind Sie ein Verwandter von ihm?

„Rein, gnädiges Fränlein. Ich besitze feine Verwandten — vielleicht ein kleiner Vorzug in den Ange« mancher Menschen."

totales.

Fulda, de» 6. RätF 1912.

* De« Gründer des Bolksv-reins Ludwig Windt« horst ist das erste diesjährige Heft der Zeitschrift des Volksvereins gewidmet, bas in den nächsten Tagen zur Verteilung kommen wird. Es soll e!n (Sebentblatt zum i00.(SebnrtstageWindt- bot ft 8 fein nnb den großen Führer der deutschen Katholiken dem Volke nahebr ngen, es einführen in Zeit, Zusammenhänge nnb Bedeukuuz ber Windk- horst'schen Arbeit. Der Geburtstag Winbthorsts, bet 12. Januar, fiel diesmal mitten in da? leiden­schaftliche Getriebe der Wadldeivegung. Nachdem bte Wogen der politischen Tageskäwpfe sich nun­mehr geglättet, kann der Vokkeverein Jnkercffe nnb Aufmerksamkeit für die geschichtkichen Darlegungen bes Winblhorst-Hettes erwarten. Vielerorts werden im Laufe bes Frühjahrs Gebächinisfeiem zum 100. Geburtslage Windlhotfts veransta.iet werben. Da­zu bietet das erste Hest bes Bokksvereins eine will­kommene Beigabe, unb allen Lesern ohne Ausnahme wirb eS ein begeiftetnber Ansporn zur Nachfolge des unvergeßlichen Führers ber deutschen Kalholtken fein. Möge datum dieses Heft anteilige Würdigung finden, möge es auch dem Bollsvetem recht viel« neue Mitglieder für daS Jahr 1912 roe den.

(!) Bvit ben Mädchen-Bildungsanstalten. Vor kurzem würbe bereits in der „Fuldaer Zeitung" mtt- geteilt, baß auf Verordnung vom 1. Februar 1912 bie anerkannt Höheren Mäbchenfchulen, deren zwei in F u l b a bestehen, von nun an als „8 H z e n m" zu bezeichnen find. Angegliedetke wi^enschaftliche Fottbilbungsklaffen heißen künftig „Obetlyzeum". Die „gehobenen Mädchenschulen" führen nt Zukunft bte Bezeichnung „Höhere Mädchenschulen". Obwohl schon am 15. August 1908 das Gesetz über dir Neu­ordnung des Höheren Mädcheuschuktoesrns in Kraft trat, herrscht tatsächlich noch in wetteten Kreisen eine solche Unklarheit übet deren Bedeutung, daß eine Darlegung bet Ziele dieser Neuordnung und der Vorteile, die bet Besuch bet betreffenden Anstalten bietet, zumal jetzt kurz vor Ostern wünschenswert erscheinen bürste. Durch bie Umgestaltung bei sozia­len unb wirtschaftlichen Verhältnisse tu unserer Zeit finb viele Frauen in bie Notwendigkeit versetzt, ihren Lebensunterhalt selbständig zu gewinnen. Diesem Bedürfnis, bas srch besonders i« den mittleren uui> höheren Stäuben geltenb macht, will bte Neuordnung des höheren Mädchenschultoesens entgegenkommen. Das lOflafiige Lyzeum hat bie Aufgabe, eine im gewissen Sinne abgeschlossene?lnsbilbung zu gewäh­ren, bie ber weiblichen Eigenart entspricht. Sie Kenntniffe, bie es vermittelt, find berat!,, baß bie jungen Mädchen befähigt werden, sich mit Erfolg einem der zahlreichen Berufe zu widmen, bie sich heutzutage ber Wirksamkeit ber Frau eröffnet haben. Das Reifezeugnis des Lyzeums ist die Vorbedingung $nt Ausbildung als Kindergärtnerin, als Sprach-, Zeichen-, Handatbetts-, Haushalkungs-, Gewerbe­schuh-, Handels- und Turnlehrerin. Mit Rücksicht auf die Verwendung ber Frauen im Handels- und Vetlehtsleben macht sich ebensalls infolge der stets wachsenden Anforderungen au die Leistungsfähigkeit bet in diesem Berufe Witkenben immer nicht bie Notwendigkeit einer höheren als bet Volksschulbil- bung geltenb, und es werden deshalb d-ttchweg nur solche Mädchen als Buchhaltertti, Bankbeamtin, Geschäftsführetin, sowie als Bewerberin im Post-, Telegraphen- und Effeubahnbienst angenommen, bie im Besitze des genannten Reifezeugnisses find. Da nun aber die Ziele der einzelnen Klaffen des Lyzeums naturgemäß jene der entsprechenden Klassen der Volksschulen wett übertreffen, so ist es unbedingt notwendig, daß die Kinder spätestens mit dem 3. Schuljahr in das Lyzeum eintreten. Es ist sonst ansgeWossen, daß sie in der ihrem Alter entsprechen­den Klasse mitarbeiten können. Es sei nun nach kurz auf das „Odetkhzeum" hingewiesen. Es umsaßt 3 toiffenschaftl. Fottbilbungsklaffen zur Bot- betettung auf bie wissenschaftliche Prüfung und ein praktisches Jahr, nach bessen Absolvierung die Be­fähigung für bas Lehramt an mittleren, höheren Mäbchenfchulen unb Lyzeen durch eine praktische und methodische Prüfung erlangt wird. Wer das Reife­zeugnis des Lyzeums besitzt, wird ohne Aufnahme­prüfung angenommen; andere Bewerbetirrncn müs­sen erst durch eine Prüfung Nachweisen, daß sie bie zur erfolgreichen Mitarbeit im Oberlyzeum nötige

Leises Lächeln huscht über Sigrid Arnolbsens cble Züge. Samt blickt sie nach der Uhr.

„Schon sechs!... Um halb flehen Uhr essen wir zu Abend. Darf ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen, Herr Mels?"

Er murmelt etwas von „Gepäck noch im Ho­tel". „Gehrock" usw., worauf die Same erwidert, das Gchäck werbe morgen früh geholt werden, und mtt derlei konventionellen Singen, wie Abendtoilette unb ähnlichem Unsinn beschäftige man sich in Schloß Sandsgaarb überhaupt nicht.

Jedes Wort, jede Bewegung der Schloßhertin Hot etwas Bestimmtes, Gobietenkws und dabei chitch- mis Originelles. Mau steht, sie ist gewohnt, zu herrschen.

Die nächste halbe Stunde vereint alle drei wieder im Speisesaal. Erik wird einer entfernten Ver­wandten, einer alten Dame von evva sechzig Iahte« mit veifchwommenen Gesichtszügen und stereotyp- sreundlichem Lächeln um die Lippe«, vorgestellt — einer Same, bie mtt ihrer anÄwuckslosen Phyfiog- nomie ihn lebhaft an Frau Jesperst«, Gerdas Mitt­ler, erinnert.

Das Abendessm ist ein gewähltes. Der kräftige Burgunder, verbunden mtt bem liebenswürdig offe­nen, allen kouventtonellen Formen abholben Wesen ber Hausherrin, üben auf Erik ben günstigsten Ein­fluß aus. Balb fibertoinbet er seine anfängliche Be­fangenheit; er findet die Elastizität und Frische bes Geistes toieber. Fröhliches Lachen erschallt, wie cs schon lange bie eichengeschnitzten Wänbe bes bnste- ren Speisesaals nicht vernommen.

Roch bevor bas Mahl beenbet ist, fühlt Erik Niels sich bereits vollkomniea zuhause. Et rebet frei unb offen, tote es ihm ums Hetz ist, obgleich er noch immer einer gewissen Scheu vor Sigtib Arnoldsen nicht ganz Herr werben kann. Et ahnt, baß sein ganzes Wesen balb wie ein offenes Buch vor ihrem scharfen, klugen Blick liegen wird.

Ob trgeitb ein Blatt dieses Buches sie verletzen, ihren Unwillen erregen wird — das erfüllt sein Herz mit geheimer Sorge. (Fortsetzung folgt.)