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Tuldaer Ä Zeitung
2. Blatt.
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der Bezirk der betreffenden Versicherungsanstalt sich nicht über das Gebiet eine- Bundesstaates hinaus erftreckt. Ausgeschlossen ist die Revision in allen Fallen, in denen es ssich um die Höhe, den Beginn und da- Ende der Rente, sowie irm Kapitalabsin- düng, da- Witwengeld, die Waisenaussteuer und die Kosten deS Verfahrens handelt.
die Sozialdemokraten ein solches nicht aufgestellt hätten, wenn die Steuerreformpläne der Regie- rung bekannt gewesen wären. '— Man sieht, die Sozialdemokraten können auch anders. Die Aussicht auf eine Trennung von Staat und Kirche hat die wilden Männer gleich zahm gemacht und sie alle ihre Forderungen zurückstellen lassen. Worauf kommt es also den Sozialdemokraten zuerst an?
Deutsches Reich.
Ein Reichspetroleummonopol? Unter
volkswirtschaftliches und Sozialer.
** Es gehl wieder aufwärts im Wirtschaftsleben, das zeigt sich gegenwärtig überall, das zeigt vor allem auch der amtliche Bericht von der letzten Essener Montanbörse, die den wichtigsten Wirt- scyaftsmarkt Deutschlands beherrscht. Es herrscht flotte Beschäftigung in Kohlen usw. für alle Industrie- und Verkehrszweige. Infolgedessen ist auch eine durch die gelinde Witterung bedingte Abschwächung des Absatzes in Hausbrandsorten minder fühlbar. Hoffentlich werden wir nun nicht auch durch dei' Kohlenarbeiterausstand in England in Mitleidenschaft gezogen.
Ausland.
*♦ lieber dm Volksschulunterricht in Holland verösfentücht der holländische Unterrichtsminister eine sehr interessante Statistik. Im Jahre 1890 hat der Staat begonnen, die ersten Unterstützungen an die fteien Schulen zu zahlen, während die öfsentlichcn Schulen ton den Gemeinden unterhalten werden. Es gab damals 920 freie Schulen, Bibelschulen für die orthodoxen Protestanten und katholische Schulen, die von Ordensleuten geleitet wurden. In diesen Schulen befanden sich 159145 Kinder. Seitdem ist die Zahl der freien Schulen auf 1889 gestiegen, die sich ziemlich gleichmäßig auf Katholiken und Protestanten verteilen. Die Zahl der Schulkinder in diesen Schulen beziffert sich jetzt auf 820 488. Die Zahl der Schulen stieg also um 103, die d-r Schüler um 101 Prozent. Vom Staate erhalten dies» Schulen jetzt 6 300000 Gulden. Es ist klar, daß der Staat dadurch den Gemeinden große Lasten obnimmt. Die öffentlichen „neutralen" Schulen haben ihre Schülerzahl von 454 926 im Jahre 1890 aus 563 438 im Jahre 1910 gesteigert, das ist also im Verhältnis weit weniger, als die freien Schulen, d'e ihnen an Schülerzahl beträck ilich nahegerückt sind und sie sicher noch einholen werden. Woher kommt es nun, daß die Eltern die konfessionelle Schule der „neutralen" Schule verziehen, obschon die erstere von ihnen stnanzielle Opfer verlangt, da die staatliche Unterstützung nicht ausreicht, während die öffentliche Gemeindefchule unentgeltlich ist? Tie „neutrale" Schule gefällt den Ellern nicht: sie sehen, daß in den kon- feffionellel- Schulen der beiden Bekenntnisse eine christliche Erziehung gegeben wird, die den konfessionellen Frieden der Niederlande nicht stört, wie die Geschichte der letzten Jahrzehnte so deutlich gezeigt hat.
* Unbrauchbare Maschinenge.rehre. Aus Brüssel wird berichtet: »Es bestätigt sich, daß bei einem Schießversuche bei Beverloo 20 von 40 Maschinengewehren unbrauchbar wurden. Die Blätter erheben eine lebhafte Kritik gegen diese Tatsache und weisen darauf hin, welche Gefahr durch solche Vorkomm- nisie für die belgische Nationalverteidigung im Notfälle entsteht."
Aus dem Rachbaraebiete.
* Offenbach, 1. März 1912. Bon der St r atz e n b a h n überfahren wurde der 68jährige Maschinenführer Karl Scharf, als er gestern abend die Kaiserstraße in der Nähe der großen Marktstraße überqueren wollte. Der Motorwagen erfaßte den alten Mann und schleuderte ihn dermaßen zu Boden, daß ein Bruch der Schädeldecke eintrat. Nachts v e r st a r b er an den Folgen des Unfalls.
lvochen-Run-schau.
s:j Fulda, 1. März 1912.
Wir leben jetzt in der parlamentarischen Hoch- aison. Der Reichstag hat schon mehrere Gelben twürfe durchgearbeitet und nahm die zweue >suug des Etats in Angriff. Auch das preu- ' t f tb e Parlament hat seine Arbeiten sehr beschleu- iiat und sich schon ein gutes Stück durch die Ein- wlberalung des Etats hindurchgearbeitet. In B a v e r n ist der Landtag mit einer Thronrede, tue kbcr keine Ucberraschungen brachte, eröffnet Wor- ^Jm Reiche nimmt jetzt die Erörterung über die fie'hrvorlagen und ihre Deckung die öffent- iche Meinung in Anspruch. Die Regierung hat sich .loch nicht herbcigelassen, etwas über den Inhalt ',er Militärvorlagen an die Oeffentlichkeit zu brrn- <en. Dieses Zandern wird angesichts der Spannung, Mit der man den Mitteilungen über die Vorlagen kntaeocusieht, bedenklich. Besonders wenn einige »usläudische Zeitungen das Zaudern mit der Ruck- icht auf das Ausland, insbesondere auf unsere lre- ven Vettern in England in Zusammenhang brm- en. Die Regierung hätte allen Anlaß, die Spannung durch Äitteilungen über die Wehrvorlagen $u lösen. Die zweite Frage, die die politische Welt in Atem hält und die in Hunderten von Leitartikeln gesprochen wird, ist die Frage der Präsidentenwahl m Reichstage. Die endgültige Wahl steht m nächster Zeit bevor. Rach den Aussprachen tnt Reichstage arf man es als sicher annehmen, daß ein Sozral- oemokrat nicht wieder in das Präsidium gewählt »erben wird
In dem kleinen Nachbarlande Luxemburg, ds mit Deutschland durch die Post- und Zollunion md durch die von Elsaß-Lothringen geführte Verwaltung seiner Eisenbahnen eng verbunden ist, ist per Herrscher gestorben. Großherzog Wilhelm war Kn schon seit Jahren dem Tode geweihter Mann. Für ihn war wirklich der Tod eine Erlösung. Sein Nachfolger in der Negierung wird seine 18jährige Tochter, die Großherzogin Marie Adelheid. Bis zu ihrer Volljährigkeit führt die Großherzogin-Mutter, die Gattin des Verstorbenen, die Regentschaft, Großherzogin Marie Adelheid ist die erste Großherzogin, die auf europäischem Throne sitzt.
England steht noch immer unter der Furcht vor der sozialen Revolution, die der Millionenaus- stand der Grubenarbeiter mit seinen für das Wirtschaftsleben unübersehbar nachteiligen Folgen bringen würde. Zur Stunde ist eine Einigung trotz der verzweifeltsten Vermittlungsversuche der Regierung noch nicht erzielt worden. Rund eine Million Bergarbeiter haben schon die Arbeit niedergelegt. Die nächsten Tage werden die Entscheidung bringen, ob wirklich England vor einen längeren Wirt- schastskampf gestellt werden soll.
Im T r i p o l i s k r i e g haben die Italiener im Hasen der kleinasiatischen Stadt Beirut zwei türkische Kriegsschiffe in den Grund gebohrt und dabei einen Teil der Stadt beschädigt. Diese „Aktion" der Italiener brachte die Gefahr großer weltpolitischer Verwicklungen mit sich. Daß diese überraschende Aktion der Italiener irgend welchen Einfluß auf das Tempo des Kriegs ansüben wird, ist nicht anzunehmen. Das Ende des Kriegs rückt durch diesen Angriff ebensowenig näher wie durch die Annahme der Annektionsvorlage von Tripolis in der italienischen Kammer. Im Gegenteil, die Türken zeigen e zurzeit zu Friedensverhandlungen abgeneigter
n je.
In Persien hat Rußland jetzt seine Drahtpuppen etwas zurückgezogen. Den Exschah hat man in Rußland endailtig fallen lassen; er dürfte jetzt ohne russische Unterstützung endgiltig abgetan sein. Auch ein Teil der russischen Truppen hat Persien wieder verlassen. An Stelle des Amerikaners Morjan Sbuster soll jetzt der Belgier Mor- narb die Ordnung der persischen Finanzen versuchen.
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© Die neue Hrrrterblieberrenver ücherung.
In den beteiligten Kreisen herrscht über die Einzelheiten der neuen Hinterbliebenenversicherung noch
Steuer« und Abgabepläneu, die im Jahr« 1909 gelegentlich der Reichsfinanzreform ausgearbeitet wurden, befand sich auch der Plan eines Reichspetroleummonopols. Man hat diesen Plan von neuem geprüft und wiederholt aus wirtschaftspolitischen Rücksichten wieder fallen laffen. Nun aber ist, wie die ,Neue preußische Korrespondenz^ schreibt, der Plan abermals ausgenommen worden, und diesmal soll man augenscheinlich in Regierungskreüen entschloffen fein, den gesetzgeberischen Versuch zu machen, diesen Plan zu verwirklickeu. Wir müssen der genannten Korrespondenz selbstverständlich die Verantwortung für die Richtigkeit ihrer Meldung überlasten. Wir vermögen einstweilen jedenfalls nicht zu glauben, daß die Regierung sich mit einer solchen Absicht trägt, denn ein Reichspelroleum- monopol würde am letzten Ende eine Verteuerung des Petroleums und damit eine neue Belastung der breiten Masten herbeiführen.
□ Neber die Ablehnung des Gnadenpensions- önds des Kaisers in der Budgetkommisswn der el- aß-lothrinaischen Kammer äußert sich der „Elsäs- er", das Zentrumsblatt in Straßburg, in dernsel- >en Sinne, wie das gestern hier geschehen ist. Auf einen weiteren Beweggrund für die Haltung der §entrumsfrakt:on sei noch nachträglich hingewiesen, owohl während der Agitation für die Wahlen zum Landtag wie für die zum Reichstag gingen die sozialdemokratischen Redner im Lande mit der Anklage hausieren, daß füt Elsaß-Lothringen trotz der herrschenden Teuerung ein Dispositionsfonds von 200 000 Mark bestehe, und daß das Zentrum schuld daran sei, wenn öffentliche Gelder in dieser Weise der Regierung zur Verfügung gestellt wären. Und bei dieser nichtswürdigen Agitation gegen das Zentrum wurden die Sozialdemokraten noch obendrein von kaiserlichen Beamten und anderen amtlichen Organen unterstützt. Wenn das Zentrum aus dieser Ursache bei Regierung durch die Streichung des Gnadenfonds eine Lektion hätte geben wollen, so hätte es hierzu Anlaß genug gehabt. Es hat aber ausdrücklich erklärt, daß es eine kleinliche Politik der Represtalien nicht treiben wolle und daß es toeber aus Feindschaft gegen die Regierung, noch aus Gegnerschaft gegen einzelne Personen derselben handle. Es vertritt aber mehr als dies im früheren Landesausschuß möglich war, einen festen Programmstandpunkt, und die Regierung und ihre Organe werden gut tun, sich danach zu richten, anstatt ihren Kurs nach dem Willen der Soziallremokrate« und ihrer Gesinnungsverwandten zu nehmen.
** Der Landtag von Schwarzburg-Rudolstadt, in dem bekanntlich die sozialdemokratische Mehrheit die Arbeit hindern will, wenn nicht vorher ihre Forderungen bewilligt werden, hielt wie die „Leipziger Neuesten Nachrichten" melden, eine etwa dreistündige geheime Sitzung ab, zu der alle Abgeordneten, der Staatsminister und verschiedene Regierungsrätr erschienen waren. Es wurde während dieser Berhandlungen eine Klärung zur Sachlage in folgender Form erzielt: die Regierung stellte für die nächste Tagung die Ausarbeitung einer Vorlage über Trennung von Kirche und Staat in Aussicht. Die sozialdemokratische Fraktion erklärte daraufhin auf die baldige Erledigung der weiteren von ihr eingebrachten Anträge nicht bringen zu wollen. Insbesondere erklärte sie, ihre frühere Forderung, die die Herabsetzung der Dotation für den Fürsten um 32000 Mark betrifft, nicht aufrecht erhalten zu wollen. Hinsichtlich ihres Steuerprogramms bemerkte der Wortführer de- sozialdemokratischen Fraktion, daß
vielfach großen Unklarheit. DaS ist nicht verwunder- I lich, da eS sich um ein recht umfangreiches gesetzgeberisches Werk handelt, in besten Bestimmungen einzubringen bem Einzelnen vielfach nicht möglich ist. Wir glauben daher über die Bestimmungen hn folgenden näheres mitteilen zu dürfen.
Die Versicherung kommt den Hinterbliebenen aller derjenigen zu Gute, die auf Grund der Versicherungspflicht der Selbswerficheruna und der Weüer- versicherung der Invalidenversicherung unterstellt sind. Indessen haben diejenigen Hinterbliebenen von Versicherten, dievordem 1. Januarl912 gestorben sind, keinen Anspruch auf die Hinterbliebenenrente. Ebenso haben auch die Hinterbliebenen keinen Anspruch auf die Rente, deren Versorger vor dem 1. Januar 1912 im Sinne deS Jn- validenversicherungsgesetzeS dauernd erwerbsunfähig waren und gestorben sind, ohne die Erwerbsfähigkeit wieder erlangt zu haben.
Voraussetzung für der Bezug der Hinterbliebenenrente ist selbstverständlich, daß der Versicherte zur Zeit seines Todesfalls die gesetzlichen Bedingungen erfüllt hat.
Gewährt werden die Hinterbliebenenbezüge teils in Form von Renten, teils in Form von e i n- maligen Leistungen. Zu ersteren gehören die Witwen-, die Witwer- und die Waisenrente, zu letzteren das Witwengeld und die Waisenaussteuer.
Die Witwenr en te wird nur solchen Witwen gewährt, die auch ihrerseits erwerbsunfähig sind, sind sie aber imstande, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erwerben, dann haben sie keinen Anspruch aus die Rente. Die Witwenrente wird berechnet nach der Invalidenrente des verstorbenen Mannes. Bei der Bemessung der Witwenrente ist im Gesetz vorgesehen, daß Frauen, die für ihre Person gegen Erwerbsunfähigkeit versichert sind, em Interesse daran haben, durch Weiterversicherung während der Ehe und auch im Witwenstand einen Anspruch auf die Invalidenrente zu erwerben. Diese Rente ist in allen Füllen höher als die einfache Witwenrente.
Bezieht dir Frau eine eigene Invalidenrente, so hat sie nach dem Tode ihres Mannes einen Anspruch auf die Witwenrente nicht, da sie ja durch den Bezug der Invalidenrente für den Fall der Erwerbsunfähigkeit gesichert ist. Für diesen Wegfall bietet aber das Witwengeld einen Ausgleich. Es wird gewährt, wenn der verswrbrne Mann zur Zeit seines Todes die Voraussetzungen für den Bezug der Invalidenrente erfüllt hat und außerdem die Witwe zur Zeit der Fälligkeit deS Witwengeldes die Wartezeit für die Invalidenrente erfüllt und ihre Anwartschaft aufrecht erhalten hat. DaS Witwengeld beträgt das zwölffache der monatlichen Witwenrente. Es ist ober zu beachten, daß der Anspruch auf das Witwengeld erlischt, wenn es nicht innerhalb eines Jahres nach dem Tode deS Mannes geltend gemacht wird. Im Fall der WiederverheiraMng erlischt der Anspruch sowohl auf die Witwen-, wie auf die Witwerrente.
Die Waisenrente erhalten nach dem Tode des versicherten Vaters feine ehelichen Kinder und nach dem Tode einer versicherten Frau ihre vaterlosen Kinder; als solche gelten auch uneheliche Kinder.
Was nun die G el te n d m a ch u n g der Ansprüche auf die Hinterbliebenenversorgun g anlangt, so ist der Witwe gesetzlich das Recht zugeftanden, ihre Anspruchsberechtigung und die Höhe der Rente durch die Versicherungsanstalt fesfftellen zu lasten und zwar schon beim Tode des Mannes. Tritt dann in einem späteren Zeitpunkt die Erwerbsunfähigkeit der Witwe ein, so bedarf es zum Bezüge der Rente nur noch der Feststellung ihrer Invalidität.
Die A n me l d u n g der Ansprüche auf den Bezug der Hinterbliebeneuversorgunq hat beim Ber- sicherungSamt zn geschehen. Der Vorstand der Ber- sicherunganstalt entscheidet nach mündlicher Berhand- lung mit je einem Vertreter der Arbeitgeber und der Versicherungsnehmer. Gegen die Entscheidung deS Versicherungsamts ist die B e r uf u n g an das Oberversicherungsamt alS Rechtsmittel gegeben. Gegen die Entscheidung dieser Instanz sst das Rechtsmittel der Revision vorgesehen und zwar entschei- 1 bet barüber das Reichsversicherungsamt. An dessen i Stelle tritt jedoch daS Landesversicherungsamt, wenn
llnpolitüchr Seitläufe.
N. Berlin, 29. Februar 1912.
(Nachdruck verboten.)
-Die Frau in Haus unb Beruf." Unter diesem Titel ist hier eine glänzende und lehrreiche Ausstellung eröffnet worden. Lehrreich auch für un» Männer. Wir sehen da. wie weit das sogen, schwache Geschlecht er schon gebracht hat. Die Frauenwelt marschiert; sie arbeitet zäh und zielbewutzt; sie erobert. Eie der- steht sich auf die friedlichen Eroberungen weit besser, als die Italiener auf die kriegerischen in Tripolis. DaS Männliche Geschlecht wird an allen Ecken und isnben in die Defensive gedrängt. Es verteidigt sich so matt Unb mühselig, daß es oft ausfieht, als ob wir Männer bald das schwache Geschlecht heißen werden.
Tröstlich wirkt es auf mich, datz die Frauentätigkeit >m Hause nicht übergangen wird, sondern im Titel sogar v o r a n g e st e l l t ist. Ich bleibe bei der alt- .bäuerlichen Anschauung, datz der eigentliche Beruf d«S Weibes ist, als Hausfrau und Mutter zu schalten und zu walten. Bon den Borträzen, die sich an die Aus-
stellung schlietzen, war mir deshalb besonder? intet- »ffant die Ausführung über das weiblicheDienst. fahr. Der Gedanke ist ja gar nicht neu. Schon vor Dreißig Jahren hat ein Sozialpolitiker, der inzwischen .weltberühmt geworden ist, bei unseren Abendgesprä- chen über die Weltverbefferung uns seinen Herzens- Wunsch entwickelt, datz die weibliche Jugend wenigsten? Rn Jahr lang in der Hauswirtschaft ausgebildet wer- ^en müsse, und datz dieser einjährige Dienst für da» Wohl der Ration ebenso notwendig sei, wie der Mili» ^sdienst de» männlichen Nachwuchses für die Sicher- Sv, d" Ration. Inzwischen ist der einjährige ,?mchen. und Kammerdienst immer noch nicht durchge- Oft grotze Fortschritte gemacht
m^^'^Ä'EU'chen Lehrkurse, die an Volks- T^hterschulen, in Vereinshäusern usw.
5^1 bem Zwang zum einjährigen ^.ch«. Dienst wird es auch in Zukunst wohl nicht Io schnell und glatt gehen. Ich habe auch Bedenken legen den vorgeschlagenen mittelbaren Zwang, Indem von dem kleinen hauswirtschaftlichen Befahl immgsnachweiS die Erlaubnis zum Heiraten ab. Gängig gemacht werden soll. Ein Heiratsverbot kann Doch leicht sehr mitzliche Folgen haben. Packen wir fieber die Sache von der P o s i t i v e n Seite an, indem
wir den jungen Mädchen, die sich als tüchtig in der Hauswirtschaft erweisen, ein sehr schönes Zeugnis über ihre Befähigung ausstelle«. Dazu könnten die Ge- meinden vielleicht auch noch gewisse Prämien hinzufügen, die als Brautgeschenk gespendet werden. Ich denke aber, auch das amtliche Zeugnis allein wird schon einen gewissen Wert auf dem sogen. Heiratsmarkt haben. Wenigstens wird der bessere, verständigere Teil der heiratsfähigen Männer und deren Eltern gewiß einem Mädchen, das sich auf die hauSstauliche Tätig- feit versteht, den Vorzug geben. Denn eine solche Mitgift ist ja in der Tat wertvoller, al» ein Beutel mit Geld, der bei schlechter Wirtschaft bald vertan ist.
ES fragt sich nun, ob diese Wertschätzung der weiblichen HauSkünste in weiteren Kreisen der Männer- weit sich durchsetzt. Und da stoßen wir auf einen wunden Punkt in unserer modernen Jünglings» Erziehung. Wir beklagen es mit Recht, datz so viele Mädchen und junge Frauen so wenig Sinn und Geschick für die Hauswirtschaft haben. Das ist sehr schlimm. Aber das Uebel wird dadurch noch grötzer, daß so btele junge Ehemänner von der Grundlage de» häuslichen Glücke» nicht die blasseste Ahnung haben. Sie verstehen die Wirksamkeit ihrer Frauen nicht. Und die Jünglinge, die Ehemänner und Hausväter werden sollen, haben vielfach nicht die geringste Steigung, sich über den Gang der Dinge in der Küche, der Wohnstube, dem Waschhaus, dem Kinderzimmer irgend welche Kenntnisse zu verschaffen. Sie denken, die Befähigung zum HauShaltnngSvor- stand und Familienvater erschöpfe sich darin, datz man wöchentlich oder monatlich eine gewisse Summe Geld für die Hau»wirtschast bereit stelle unb sich dafür auf- warten lasse.
An bat Museen steht manchmal ein lateinischer Spruch der Inhalts: Wer die Kunst nicht liebt, der kennt sie nicht! DaS,kann man auch auf die HauS- baltungskunst anwenden. Wenn der Mann gar kein Verständnis für sie hat, so fehlt e» ihm auch an Interesse unb an Achtung für die Tätigkeit seiner Frau. Er erschwert ihr unb bat Kinbern da? Leben, weil er bie Lust unb Liebe an der häuslichen Tätigkeit nicht fördert, sondern vielmehr lähmt, sei eS durch seine gleichgültige und verächtliche Haltung, fei eS durch unverständige Anforderungen.
Der Mann verlangt von seiner Frau, datz sie auch Anteil nehme an seinen beruflichen Arbeiten und Sor
gen; sie soll ihm mit liebevoller Hand die Falten von der Stirn streichen und mit einem Augen Wort ihn erfrischen und stärken. Nun gut, aber auf Gegenseitigkeit. Die Frau will auch für ihre rastlose Tätigkeit etwas Verständnis und Anerkennung finden. Ste bedarf auch in ihren mannigfachen Sorgen oft eine» ermunternden, ratenden, tröstenden Wortes. Sie fühlt sich verlassen und gedrückt, wenn der Mann gar keinen Sinn und keine Achtung für ihre Tätigkeit zeigt.
Ein Sachverständiger hat einmal den Frauen den ernsten Ratschlag gegeben, fie möchten ihrem Manne, wenn er mit müden Gliedmaßen und schwerem Kopfe au» seiner Berufsarbeit käme, den wohlverdienten Feierabend nicht durch Klagen über Dienstboten, Kinder, Nachbarinnen und Lieferanten usw. verderben. Da» ist richtig; die Frauen sollen den Männern in den Mußestunden lieber Angenehmes erzählen, als unerfreuliche Dinge. Die ander« Seite der Medaille ist nun aber die: der Mann mutz auch dann und wann Zeit und Lust haben, um bedeutfame Mitteilungen seiner Frau mit Geduld und Hilfsbereitschaft anzuhören. Er darf ihr nicht gleich das Wort abschneiden wollen, indem er sich den .häuslichen Traffch" verbittet, sondern muß erst hören, um was es sich handelt, damit er nach Bedarf raten und helfen kann. Die Vorbedingung ist wiederum, daß der Mann ein ge- wiffeS Verständnis für die Wirksamkeit der Frau und Mutter hat.
In sehr vielen Familien wind eS in dem vergange. nen Monat Auseinandersetzungen über die Höhe des Wirtschaftsgeldes gegeben haben. Die Frau sagt, sie könne bei der Teuerung mit dem alten Satze nicht mehr auskommen; der Mann aber meint, sie müßte sich so einrichten, daß es doch gehe. Der Streit war um so schwerer und langwieriger, je weniger der Mann von der Hauswirtschaft verstand. Wenn er sich um die Markt- und Ladenpreise niemals kümmert und sich einfach an den wohlversorgten Tisch setzt, ohne zu fragen, woher die Sachen stammen und welche Kosten und Mühen jede Mahlzeit verursacht, so tut er leicht der Frau ein schwere» Unrecht, indem er ber Mgen- den Preisen die altgewohnte Verpflegung auf @nx«b desselben Wochengelde- verlangt. _ Werd dieser hauS- väterliche Eigensinn zähe durchgeführt, so kann es zu einem wahren Familienunglück führen, indem der
Friede und das gegenseitige Vertrauen dauernd un« tergraben wird, eine gefährliche Pumpwirtschaft ein« reißt, oder Frau und Kinder sich heimlich das Notwendige versagen, um nur den unverständigen HauS- Herrn zu befriedigen.
Wer einen Feldzug mitgemacht oder auch nur die Berichte darüber gelesen hat, der weiß, wie wertvoll es für den einzelnen Soldaten und in letzter Linie für die Gesundheit und Schlagfertigkeit der Truppe ist, wenn recht viel Geschick zum Kochen in der Kom- pagnie sich findet. Darum sollen nach meiner An- sicht die Soldaten in den Kasernen nicht bloß zum Kar. toffelschälen angehalten werden, sondern auch zu praktischen Uebungen am Kochherd. DaS würde ihnen spä« ter, wenn sie Haushaltungsvorstände und Familienväter werden, sehr zu statten kommen. Nicht daß sie Topfgucker und Küchenlritiker werden sollen, wohl aber verständige Beurteiler der weiblichen Kochleistungen sowie im Bedarfsfälle, wenn die Frau mal krank oder abwesend tft, auch Nothelfer für die zeitweilige Versorgung der Kinder und der sonstigen Angehörigen.
Wenn der weibliche Nachwuchs ein ganzes Jahr in der Hauswirtschaft sich üben soll, so möchte man dem männlichen Nachwuchs mindestens auch ein Viertel- jährchen einen. Einblick in die Küchen- und Kammerarbeiten wünschen. Doch bei gutem Willen läßt sich eine gewisse Kenntnis auch auS den gelegentlichen Beobachtungen schon gewinnen, wenn nur die männliche Jugend den albernen Stolz ablegen wollte, der ihr einflüstert, die Hausarbeit sei minderwertig und entspreche durchaus nicht der männlichen Würde. Nein, waS die Grundlage des häuslichen Glückes bildet und die Vorbedingung einer tüchtigen Nachkommeuschaf ist, daS darf wahrlich nicht als minderwertig betrach, tet werden. Ich glaube, in den Vereinen für die mann« lich« Jugend könnte man wohl etwas tun, um das Interesse unb bas Verständnis der künftigen HauS« Väter für die Hauswirffchaft zu heben. Soll der Mann der „Herr des Hauses" sein und bleiben, so muß er auch fähig sein, für da? Hauswesen sachverständig zu sorgen. Vater und Mutter sollen in Harmonie zusammenar« beiien; dazu gehört, daß sie gegenseitig ihre Tätigkeit verstehen, würdigen und sich einander in zweckmäßiger Weise ergänzen.