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. Was sagt der Brmdesrat zu de« ** Reichstagsbeschlüsien?

Iah«la»ß erteilet bet Reichstag; hat er et« d-m Bundesrat genehmes Gesetz erledigt, so stimmt dieser oft noch a« demselben Tage zu, spätestens tn cincv Är?chk.

Der Reichstag aber knüpft an solche Gesetze oft Resolutionen, iw denen er weitergehende Wünsche -um Ausdruck bringt; er hat auch eigene Initiativ-. anträge. Wie pellt sich hierzu der Bundesrat? Da sieht man nun gar nichts von der sonstigen Eilfer­tigkeit. Die Antwort bleibt nicht nur ein Jahr ait8, sondern 2 bis ü Jahre. Und iynn sie dann kommt, enthält sie viekfcwh nur eine:* Kanzleitrost der gar nicht» sagt. Eine solche Behandlung ist des Reichs­tages unwürdig.

DaS Zentrum hat schon vor Jahren gefordert, da« der Bundesrat doch alljährlich zu den Reichs- tagsbeschlüssen Stellung nehmen möge, da­mit der Reichstag toifle, woran er fei; damit et die alten Wünsche weiter verfolgen könne. Leider ver­gebens. So erschien auch jetzt wiederum eine Zusammenstellung der Entschließungen des Reichs­tages, ans bet nur das alte Lied des Unannehmbar oder des KaiHlettrostes heraustönt. Immerhin ist es wichtig, daß man die Antworten de? Bun­desrates einigermaßen kennen lernt. Wir heben darum einige hervor.

Die Jragen der engeren Umgrenzung von F a b- r i k und Handwerk (Antrag des Zentrums) sind int Reichsamt des Innern unter Zuziehung von Vertretern bet Jnteressentengruppen besprochen worden, doch find die Erwägungen noch nicht be­schlossen. lieber die Frage, den Innungen das Recht zu verleihen, für gleichbleibende Leistungen Minde st Preise festzusetzen (Antrag des Zen­trums), find ebenfalls Erwägungen eingeleitet, die noch nicht abgeschlossen sind. Ein Entwurf, bett, die Erhöhung der Zeugen- und Sachverständigen­gebühren (Antrag des Zentrums), ist ausgearbeitet, atls finanziellen Gründen aber einstweilen zurückge- stellt wbrden. ES sind Ermittlungen angestellt wor­den, welche Mängel dem öffentlichen Armen- und Fürsorgewesen, insbesondere den Arbeitshäu­sern, den Asylen für Obdachlose und Berpslequngs- stationen anhasten. Uetzer tue Arbeitsverhältnisse der Angestellten her Rechtsanwälte haben sta­tistische Erhebungen stattqefunden, deren Bearbei- tung aber noch nickt abgeschlosien ist. Der Reichs­tag hatte die Vorlegung eines Gesetzentwurfes ver­langt, durch welchen aus den Haltern von Kraft­fahrzeugen eine Zwangsgenossenschast gebildet und diese Zwangsgenoffenschast zum Träger der Haftpflicht für die bei dem Betrieb entstehenden Schäden dem Geschädigten gegenüber bestimmt Wird. Zur Feststellung der Notwendigkeit einet solchen Zwangsverficherung sind statistische Erhebungen ein­geleitet worden, die sich über den Zeitraum von einigen Jahren werden erstrecken müffen. Das Wettsahren und die Veranstaltung von Wett­fahrten auf öffentlichen Wegen (Antrag des Zen­trums) ist gemäß einem Wunscke des Reichstages burd) Bundesratsverordnung verboten worden. Die Aufhebung der Gouvernements- und Kommandan­turgerichte ist aus dienstlichen und dieszipliiiarischen Gründen vom Bundesrat abgelehnt worden. Die Milttärverwaltung ist jedoch seit längerer Zeit bet Frage näher gekommen, inwieweit der Geschäftsum­fang dieser Gerichte eine Verringerung der Be- amtenzabl zuläßt, ohne die Interessen einer schnel­len M i l i t ä r f u st i z zu gefährden. Es ist in­folgedessen bei mehreren Gerichten eine Verringe­rung des Richterpersonals eingetreten, während bei anderen die nebenamtliche Wahrung der Dienstge­schäfte den Justtzbeamien am Orte befindlicher Divisionsgerickte übertragen worden ist. Der Frage der Einführung von Geldstrafen statt der Haststrafen bei geringen militärischen Vergehen der Personen des Beurlaubtenstandes wird bei einer Reform des Militärstrafgesetzbnches näher getreten werden. Die Verhandlungen über die Frage einer gesetzlichen Regelung der Haftpflicht der Eisenbahnen einschließlich der Klein- und Straßenbahnen für Sachschäden sind im Gange. Die gesetzliche Rege- lung des Erfinderrechtes der Privatangestellten unterliegt einer Prüfung. Die Frage des gesetz­lichen Einschreitens gegen Schwindelban- k i e r s ist erneut erörtert worden, die Erwägungen

haben aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis geführt. Uebet eine stärkere Vertretung des Klein- handelsindet Handelskammer sind Erwägungen angestM Wochen, desgleichen über einen Gesetzent­wurf betreffend Kartelle, Trusts und ähnliche Bereinigungen. . ES ist nicht beabsichtigt, B a u - kontrolleure auS dem Arbeiterstaude zur Ein­führung zu bringen. Heber den weiteren Ausbau des Koalitionsrechtes der Arbeiter schweben noch Er­wägungen. Die Frage der Errichtung einer Ver­suchsanstalt für Luftschif fahrt (Antrag des Zentrums) und Flugtechnik dürfte im günstigsten Sinne gelöst werden, sie unterliegt zurzeit der Prü­fung in finanzieller Hinsicht Die Ermittelung dar­über, ob es ohne Schädigung militärischer Inter­essen, namentlich Mobilmachungsinteressen, angän­gig ist, alljährlich nut eine Kontrollver­sammlung (Antrag des Zentrums) abzuhalten, haben zu dem Ergebnisse geführt, daß einer solchen Maßnahme gewichtige mMärische Gründe entgegen» sichen. Es sind jedoch Anordnungen getroffen wor­den, um den Mannschaften die Teilnahme an den Kontrollversammlungen möglichst zu erleichtern. Der Anregung des Reichstages, in Südwestasrika zur Entlastung des Reichsfiskus eine Kriegs­steuer einzusühren (Antrag des Zentrums), konnte nicht ftattgegeben werden, weil dadurch die wirt- Stliche Entwickelung des Landes aufs schwerste äbigt würde. Die feit Jahren angestellten Ver­suche, Militäranwärter anzusiedeln, sind bis­her ergebnislos verlaufen, die Angelegenheit soll aber weiter verfolgt werden. Eine Denkschrift über das gesamte Zulagewesen ist in Vorbereitung.

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)( Die fortschrittliche Bolkspartei hat im Preußi­schen Abgeordnetenhause mehrere neue Anträge ein» gebracht: darunter auch den Antrag, für den Fall der Ablehnung des Reichstagswahlrechtes für den Preußischen Landtag sich auf Einführung der direk­ten und geheimen Wahl zu beschränken. Ferner ver­langen die Freisinnigen die Aufhebung der geistlichen Ortssckulinspektion sowie daß „mit tun­lichster Beschleunigung die nebenamtliche Kreisschul­inspektion durch die hauptamtliche ersetzt und hier­für in erster Linie im Dienste der Volksschule er­fahrene sJ)tänner berufen werden.

4- Sozialdemokratischer Terrorismus. Der Abg. B eck er hat in der Herbsttagung des Reichstags den in der Reichsdruckerei herrschenden Terrorismus der sozialdenlokralischer Gewerkschaftler gebührend ge­kennzeichnet Gegenüber den schweren Anklagen des Abg. Hecker, die vor allem darin gipfelten, daß von den 16 in der Reichsdruckerei beschäftigten Mitglie­dern des Gutenbergbundes 13 zum Austritt gezwungen worden seien, wurde von sozialdemokra­tischer Seite behauptet, daß die Uebertritte freiwillig und aus Ueberzeugung erfolgt feien. Was es mit dieser „Freiwilligkeit" auf sich hat, geht aus einigen Schreiben dieser ehemaligen Angehörigen des Guten­bergbundes hervor Einer von ihnen schreibt an den Vereinsvorsitzenden, daß er ans dem Gutenbergbund austreten muffe, weil er sonst in der Reichsdruckerei nicht bleiben könne, da dort nur „alles Berbändler" seien. Ein anderer schrieb, es fei ihm weiter kein Ausweg geblieben, entweder aus seiner Stellung oder zum sozialdemokratischen Verband überzutreten.

4« Sozialdcmokrateu gegen das Jesuitengcsetz? Jawohl, als es im Jahre 1872 im Reichstag zur Abstimmung über das Ausnahmegesetz gegen die ka­tholischen Ordensleute kam — da stimmte der sozial­demokratische Führer Bebel (er war damals der einzige Vertreter seiner Partei) dagegen. Sozial- denwkratische Flugblätter *ftnb Agitatoren wollen aus dieser Tatsache — besonders in kathok. Gegenden, den Nachweis ihres hesondern Wohlwollens gegen nufere religiöse Ueberzeugung ableiten. Wer aber die ganze Begründung lieft, welche Bebel selbst für feine Abstimmung gibt, findet von Religivnsfreund- lichkeit keine Spur, int Gegenteil ausdrückliche Er­klärung seiner Feindschaft:

„Ich habe damals gegen dieses Ausnahmegesetz gesprochen und selb'tberständlich gestimmt, ich habe die Maßregel als in jeder Beziehung verwerflich auf der einen Seite, als nicht zum Ziele führend auf der andern Seite bekämpft, und ich habe gerade meinen abweichenden Standpunkt damit begründet, daß ich sagte, ich bekämpfe dieses Gesetz, obgleich ich im

übrigen den Herren vom Zentrum und speziell dem. jenigen Teile der Geistlichkeit, um den es sich in dem Gesetze handelt, in der feindseligsten Weise gegenüberstehe."

Daß Bebel auch bereit war, feiner Feind­schaft gegen Kirche und Religion prakttschen Aus­druck zu geben, zeigte er eben in jener Rede zur Be- gründung feiner Abstimmung gegen dieses Jesuiten- gesetz. (Deutscher Reichstag. 45. Sitzung am 17. Juni 1872. S. 1081.) Sein Rezept lautet: „Wirk­samer als alle Jesuitengesetze ist die Ausspielung der Schttle gegen die Kirche". Er sagt wörtlich:

„Ich stimme vollständig der Kritik bei, welche der Herr Abgeordnete Dr. Gerftner in dieser Beziehung gegeben hat; auch ich bin der Meinung, daß Sie den JesuitismuS nicht unterdrücken werden, sondern im Gegenteil, Sie werden die Bestrebungen, die Sie zu bekämpfen vorgeben, nur noch unterstützen. Meine Herren, die große Masse der Menschen sind Gefühls­menschen, wirklicher Verstand ist bei den wenigsten vorhanden. (Große Heiterkeit.) Meine Herren, diese Masse ist gar zu geneigt, wenn Verfolgungen gegen irgend jemanden eintreten, für den Verfolgten Partei zu ergreifen....

(S. 1082): Wenn das, was heute für bad Militär ausgegeben wird, für die Schulen ausgegeben würde, wenn Sie in dieser Weise die Schulen dotierten, wenn Sie die Kirche vom Staate trennten, die Kirche auS der Schule hinauswürfen, dann würde der Erfolg sich zeigen. Der Staat muß es für feine Hauptaufgabe betrachten, für die Volksbildung im höchsten Maße Sorge zu tragen, dann würde es sehr bald dahin kom- men, daß alle ultramontanen und kirchlichen Wüh­lereien und Hetzereien nicht mehr den geringsten Ein­fluß übten. . . . Ehe zehn Jahren vergehen, würde es mit allen pfaffischen Wühlereien aus sein. Da: i, meine Herren, lassen Sie die Geistlichen in Gottes Namen predigen, eS würde kein Mensch in die Kirche gehen."

Das ist doch deutlich genug! Im übrigen ent­springt die Ablehnung des Jesuiten-Ausnahmege- sctzes durch die Sozialdemokratie einzig und allein der Erwägung ,daß sie sich dann nicht mehr beschweren kann, wenn auch Ausnahmegesetze gegen sie gemacht würden. Wer selbst das Damoklesschwert von Ausnahmegesetzen über sich schweben hat, kann selbst keine Ausnahmegesetze befürworten, so gerne er es auch in diesem Falle täte.

Aus dem Nackbawebiete.

* Vom Vogelsberge, 29. Febr. 1912. Die in der Nacht vom 6 auf 7. Nov. in Herbstein nieder- gcbrannteit 12 Hofraiten sollen in Kürze wieder auf­gebaut werden. Die Pläne werden in Darmstadt angefertigt. Die einzelnen Gebäude werden vor- culssichttich nicht alle auf dem alten Baugelände Platz finden, da dieses sehr, beschrankt ist und ein zusammenhängender Geoaudekomplex in der ur­sprünglichen Gestalt wegen der damit verbundenen FeuersMsahk möglichst vermieden werden soll.

* tzerrselv, 29. Febr. 1912. Aus dem Nach­hausewege von der Schule gerieten gestern zwei 9jährige Knaben in Streit. Hierbei brachte einer c m anderen eine erhebliche Stichwunde mit einem Taschenmesser im Gesicht bei, so daß der Junge in ärztliche Behandlung gebrach: werden mußte.

* Niederaula, 28. Febr. 1912. In nächster Zeit werden auf den Strecken Niederaula—Schlitz die S ch ü r s v e r s u ch e vorgcnommen, auf gründ de­ren die Kostenanschläge und Ban-Nnterlagen auf- gestellt werden. Es steht daher zu erwarten, daß die Ausschreibung der Arbeiten und die Inangriff­nahme des Banes in diesem Jahre nun endlich er­folgt.

* Eschwege, 29 Febr. 1912. In Kella treibt seit einigen Tagen ein K n h s ch w a n z s ch n e i d e r fein Unwesen. Es sind hier schon bei mehreren Be­sitzern Kühen iliid Ochsen die Schwänze abgeschnitten worden. Man ist Cent Täter bereits auf der Spur.

* Offenbach, 26. Febr. 1912. In der liberalen Presse wird die Meldung verbreitet, bei der kürzlich in dem benachbarten Obertshausen stattgefundenen Beigeordnetenwahl habe das Zentrum den so­zialdemokratischen Metzgermeister Becker gewählt. Tie Meldung wurde natürlich zuerst von der Frankfurter Zeitung gebracht. Zur Richtig­stellung sei bemerft: Becker ist bereits seit neun Jahren Beigeordneter der Gemeinde Obertshausen und bekam, als et ausdrücklich erklärte, kein So­zialdemokrat zu sein, einen großen Teil der

Zentrumsftimmen. Ferner wählte ihn damals br größte Teil der Genossen. Daß Becker auch heut» u i ch t Mitglied der sozialdemokratischen Partei ist beweist die Meldung der sozialdemokratischen Pav- teipresse über den Ausgang der Wahl. Das Offen- bacher Abendblatt meldete folgendes: „Bei der hier stattgefundenen Beigeordnetenwahl wurde der seit­herige Beigeordnete B. G. Becker, für den unsere Partei eingetreten ist, mit 296 Stimmen wiederge­wählt." Wäre Becker Genosse, so hätte dieser Be­richt gewiß anders gelautet. Becker ist einfach un­abhängiger Kandidat gewesen und hat sich tn den neun Jahren seiner Tätigkeit das Vertrauen des ganzen Ortes erworben, so daß schon deshalb das Zentrum auf eine ausgesprochene Parteikandidatur — die dazu aussichtslos gewesen wäre — verzichten konnte. Es handelt sich also lediglich um eine libe­rale Mache, die man deshalb in Szene setzt, tun die eigene tatkräftige Unterstützung der Soziakde- mokratte sagen wir einmal zu entschuldigen.

* Frankfurt a. M., 28. Febr. 1912. In den Kreis der katholischen Kirchen Frankfurts soll in nicht aüzufemer Zeit in Bornheim anstelle der seitherigen St. Josephskirche eine neue, bedeu­tend größere Kirche nebst Pfarr- und Sckweüern- haus kommen und zwar an die Stelle des jetzigen Gotteshauses, das zum Teil abgebrochen wird. Für den Baulonds hat u. a. ein aegründeter Kirchen- bnuöcretn schon roeit über 10000 Mark gesammelt. Die Einweihung der neuen katholischen St. Joscphs- kirche in Eschersheim, die ursprünglich am Josephs- tag (19. März) erfolgen sollte, kann voranssichtlich nicht vor Ollern erfolgen. — Der Hochw. Herr Bifchos von Limburg trifft Samstag hier ein und wird das Sakrament der Firmung spenden.

♦ Wanfried, 28. Febr. 1912. Bei einem hieth r bestimmten Schweinetransport im Werte von über 2000 Mark stellte der beamtete Tierarzt Maul- und Klauenseuche fest. Der Trans­port ging deshalb na h Braunschweig zurück. Dort wurde aber die Rücknahme v rroeigert. Als er nun wieder hierher tarn, wurde zunächst der Antrag bei der Regierung gestellt, die Tiere abzn- schlachten. Das wäre aber zu teuer gekommen. Deshalb hat man den Ausweg gefunt 'n, daß man den ganzen Bestand nach dem seitab gelegenen Leistcrsberg schaffte, damit er hier senchenfrei, und bann, wie voraeieben verwertet werden kann.

* Kassel, 28. Frbr. 1912. Dec seitherige Be­sitzer des Apollotheaters, eines Varietes in der Marktgasse, ist seit einiger Frist für seine zahlreichen Gläubiger unauffindbar geworden. Bei einem seiner hiesigen Bekannten traf ein Schreiben ein, ans bem hervorgeht, daß der Gesuchte sich in Nord­amerika einer reisenden Menageriegesell- i s ch a f t angeschlossen hat.

** Aus Thüringen, 29. Februar 19 2. Auf bem Heimwege von einer Truppenübung auf bem Habs­heimer Exerzierplatz bei Mühlhausen stürzte ber Oberleutnant Hagewalb vom 112. Infanterie-Regi­ment so unglücklich vom Pferde, baß er einen Schädelbruch erlitt, der nach wenigen Minuten feinen Tob zur Folge halle. — Auf der Militär- Reitbahn in Erfurt stürzte ber Jäger zu Pferde Mehring beim Hindernisnehmcir und erlitt einen Schädelbruch, bem. et sofort erlag.

♦ Aus Ftanke», 28. Febr. 1912. Das Rathaus in Karlstabt soll erneuert roetbeu. Besonderes Gewicht wird auf die Erhaltung des altertümlichen Charakters bei dem Umbau des interessanten, manches Jahrhundert alten Rathauses gelegt. — Der für Donnerstag, den 7. März in Würzburg geplante Bullenmarkt bes Zuchtverbandes für gelbes Frankenvieh kamt aus seuchenpolizeilicheu Gründen nicht stattfinben. Dage en wirb voraussichtlich ber Bullen- unb Ebermarkt am 20. März in Schwein­furt abgehalten werben, wenn wettere Seuchen- sälle in ber Umgebung von Schweinfurt nicht mehr Vorkommen. — In Bamberg haben binnen kurzer Zeit brei Fabriken ihren Betrieb eingestellt, roo» bnrch viele 'liebe ter brotlos wurden.

* Sodetnheiw, 28. Febr. 1912. Dem Luftkur- Haus „Jungborn", bas an einem steilen Walb- abhauge erbaut ist, broht arges Unheil. Durch ben starken Regen ber letzten Tage ist ber ganze Ab­hang ins Rutschen gekommen unb hat bie vier Meter breite Terrasse sowie bie Brüstung mit­gerissen. Noch größere Gefahr broht aber von ber Höhe bes Berges her, roo sich riesige Felsblöcke

hel-m -er Pflicht.

Roman aus bem Lande der Mitternachtssonne von 8] Erich Friesen.

--Ich möchte irgendwo als Zeichenlehrer ange­stellt fein — entweder an einet Schule oder in einer parnhe, gleichviel. Dazu brauche ich ein Ernpfeh- Inngsickreiben." p| v

„Sm —!" ,

c,Gehalt als Zeichenlehrer, zusammen mit dein kleinen Einkommen, welches mir eine hiesiae illuftrierte Zeitung, für die ich schon seit längerer Zeit arbeite, znstchert, wurde mich in den Stand setzen, zu — heiraten."

Zum ersten Riale während der ganzen Unter­redung verraten die Mienen des Schiffsreeders ein gewisses Interesse.

„Sie wollen sich verheiraten?" wiederholt er verwundert. „Darf man fragen, mit wem? Na­türlich ist die Dame aus guter Familie? Und ver­mögend?"

, ,..Keinz von betbem, Herr Konsul. Sie ist ein tinsaches Ladenmädchen. Ihr Baler ist tot. Ihre Mutter vermietet Zimmer, und ihr Bruder ist bei inner Lebensversicherungsgesellschaft angestellt."

-,do so!" Konsul Daland räuspert sich.

Kleine Pause

t, "Iso auf Ihre Empfehlung rechnen?"

* 0<Le’Ä5ri* Niels lebhaft

«vlleat,^»E'der schweigt, während seine wohl- .$Qnb nachdenklich über den pirzgeichnittenen, spltzzulaufeuden Bollbarl streicht » ,,^N" Sie °uch meine Fähigkeiten al, Zei- Henlehrer tezwelseln — für meinen Charakter En- fen Sie doch bürgen!" ruft Erik Niels etwas hef.

ruht der Blick de, älteren Manne» «en jngendfrischen Zügen seines Gegen- er», uni Kch dann auf den Brief zu richten, de«

Vr soeben beantwortete und der noch immer auf km Schreibtisch liegt.

Dabei scheint ihm ein Gedanke zu kommen; denn noncholant nimmt er den Brief auf und lieft ihn noch einmal durch, wahrend die Finger feiner Rechten das Antwortschreiben beiseite schieben.

Mit Spannung verfolgt »Erik Niels jede Be­wegung des Schiffsreeders.

„Ick will Ihnen noch eine letzte Chance geben", sagt dieser endlich ruhig. „Unterbrechen Sie mich nicht, junger Mann! Sie wissen ja noch gar nicht, ob Ihr Dank angebracht ist. — Also — ich gebe Ihnen eine letzte Chance. Sie sollen eine Stel­lung als Zeichenlehrer erhalten und zwar in einem Hanse, dessen Bewohner niir sehr wert sind. Ihr Gehalt wäre ein ansehnliches: viertausend Kronen nn Jahr — außer Kost und Logis. Soll ich Sie dorthin empfehlen?

In. Erik Mel's Augen leuchtet cs auf.

--J't das Haus in Christiania?"

„Nein."

„©ans oben im Norden. Noch Hintes Tromfö."

Eriks Blick verdunkelt sich. Ein liebes rosiges Madchengesicht steigt vor feinem geistigen Auge auf. Und ein paar brauner klarer Augensterne, die sich im Winternebel nach dem Geliebten trüb weine« werden. . .

Kurze Zett zögert er noch. Dann fährt et sich unmutig über die Stirn.

»Ich danke Ihnen, Herr Konsul. Wenn Ihr Freund mich haben will — ich bin bereit."

Mit einer lässigen Bewegung ergreift der Schiffsreeter das auf dem Tisch liegende „Morgen- bladet", um scheinbar interessiert die Börsenberichte i« Überfliegen.

«Es ist kein Herr, der mir den Auftrag gab; e» ist eine Dame." Er legt die Zeitung wieder hi« und reicht Erik einen Briefbogen. „Hier, Mels. Schreiben Sie ein paar Worte, daß Ne die Stellung annehmen. Ich füge dann die Empfeh­lung hinzu."

«schon nach wenig Minuten ist der Bries kuver- ttert und von der Hand des Schiffsreeders mit der Adresse versehe«. Als Erik ihn i« Empfang

nimmt, hält er gleichzeitig eine Anzahl Banknoten in den Fingern.

«Herr Konsul —" stottert er verlegen — „ich"— Noncholant wehrt der andere ab.

„Lassen Sie das! Sie werden selbst zugeben, daß Sie in diesem Rock nicht Ihre neue Stellung antreten können. Das Haus ist ein vornehmes, und ich möchte, daß Sie keine Zett verlieren, son­dern schon in den nächsten Tagen abreisen."

Mit Mühe unterdrückt Erik einen Seufzer.

„Sie sind nicht gezwungen, die Stellung anzu­nehmen", bemerkt Konsul Daland kalt. „Ich habe kein Interesse daran. Sie können den Brief ver­brennen."

Doch Erik Mels hat sich bereits wieder gefaßt. Mit warmen Worten dankt er dem Schiffsreeder und wendet sich dann zum Gehen.

An der Tür ruft ihn dieser nochmals zurück.

„Erik Niels!"

„Herr Konsul?"

„Ich hoffe, Sie werden sich diesmal meiner Empfehlung würdig zeigen. Guten Morgen!"

„Guten Morgen, Herr Konsul!"

Und festen Schrittes, wie er gekommen, verläßt Erik Niels das Privatbureau des Schiffsreeders Sven Daland, um, tote er sich vorgenommen hat, ein neues geben zu beginnen.

2.

Langsam, nachdenklich wandert Erik Mels die Straßen entlang. Der Bries in seiner Tasche macht ihn unruhig.

Soll er ihn wirklich absenden? Das hieße, sich für lange Zett von Christiania und seiner Braut verbannen. — Und doch — tote sagte gleich Konsul Daland? „Ich gebe Ihnen eine letzte Chance; ich hoffe, Sie werden sich diesmal meiner Empfehlung würdig zeigen!" Wenn er diese Gelegenheit vor­übergehen läßt, hat er sich die Gunst seines Wohl­täters für immer verscherzt. Und tote soll er ohne Empfehlung eine passende Stellung finden, um bald feine kleine Gerda heimführen zu können? — Auch kann er nicht leugnen, daß feilte Sehnsucht

ihn stets hinzog nach der weltvergessenen Schön­heit, der erhabenen Kirchensttlle der nordischen Ge­birgspracht. —

Immer langsamer werden seine Schritte, je mehr er sich dem Postamt nähert.

Zögernd greift et in die Rocktasche. ©ein? Augen überfliegen die Adresse:

„Fräulein Sigrid Arnoldsen. Schloß Sands- gaard bei Tromsö."

Schon will er den Bries in die schmale Oeff- mtng des Kastens schieben — da zieht er die Hand hastig wieder zurück.

„Unverzeihliche Schwäche!" murmelt er zwi­schen den zusammengepreßten Zähnen. „Wie darf ich einen solch wichttgen Schritt unternehmen ohne Gerdas Zustimmung' Und was macht es schließ­lich ans, ob ich die liebe Kleine ein Jahr früher oder später heirate! Wir sind ja beide jung und können warten!"

Er versenkt den Brief wieder in die Rocktasche und biegt eilig in eine der schmalen Nebenstraßen ein.

Plötzlich bleckt er stehen. Unwillkürlich macht er eine Bewegung, als wolle er umkehren, wäh­rend seine Blicke mit unverkennbarem Mißbehagen an einer vierschrötigen Männergestalt hängen, die Mächtig auf dem einsamen Fahrwege dccher- schwankt. . ,

Augenscheinlich hat der Mann etwas zu viel getrunken und hält instinktiv diesen Weg für den sichersten t

Jetzt will er, vor sich hinstarrend. an Erik vor­beitaumeln, ohne ihn zu bemerken.

Einen Augenblick überlegt Erik. —- Soll er ihn laufen lassen? Doch schon trägt feine bessere Natur den Sieg davon.

„Sallo, Lorenz!" ruft er laut „Wo steigst du hin?"

Der Betrunkene zuckt zusammen. Mit Auf- biedlng aller Kräfte gibt er feinem Körper einen Ruck und macht eine Schwenkung nach links, auf Erik zu. (Forts, folgt.)