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RotaiionedruS n. Verlag der gnlbaet. Actiendruckerei i Zuldst Sernfprecher Br. ft
Erstes Blatt.
Fulda, Dienstag den 27. Februar 1912.
39. Jahrgang.
Preußischer Landtag
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 26. Februar 1912.
Der Gesetzentwurf betr. die Beteiligung deS Staates an der Dampf schifsahrt und bet^ den Ausbau der Doppelschachtanlagen in Westfalen wird in dritter Beratung ohne Debatte ange-
Hommen.
Es folgt die Beratung des HaadelsetatS.
Ju der allgemeinen Besprechung bittet
Abg. Hammer (kons.) mit Rücksicht auf die Driarl- listen den Sonntagdienst nicht fo sehr emzuschran» len und nimmt die Detaillisten gegen den Borwurf in Schutz, daß sie an der Preisfte.gerurig die Schuld trügen. Der zweite Teil des Besetzes betr Sicherung der Bauforderungen muffe endlich m «rast gesetzt werden, und wenn das nicht gehe, so müßten Bau- schöffenämker eingesührt werden. Im weiteren wendet Redner sich gegen einzelne Auswüchse de- Koalttwns- wesens, besonders gegen das Streikpostenstehen und den damit verbundenerl Terrorismus.
Abg. Dr. Grunenberg (Zkr.Z: Die wirtschaftliche Entwiellung des letzten Jahres war glänzend. Der Aufschwung unseres Handels und die zunehmende Wohlhabenheit ist nicht zuletzt der Reichsfmauzresorm zu danken. Die Teuerung hat alle Beteiligten überrascht. Es träte zu wünschen, daß in einem ähnlichen Falle die Regierung sofort Erhebungen über die Ut» fachen an stellen würde. Auch die Entwicklung unserer Landwirtschaft und unserer Handetsbeziehungen ist zu- sriedtnsteüend. Der Handel hat an einer besseren technischen Ausbildung der Zollbeamten ein lebhaftes Interesse. Der Handelstag hat dieS auch betont. Wünschenswert wäre darum, daß die technische Ausbildung der Zollbeamten mit den an sie gestellten Anforderungen gleichen Schritt halten würde. Die Regierung scheint die Notwendigkeit einer besseren Ausbildung nicht anzuerkennen, rote aus einem kürzlicken Erlaß des Handel-Ministers ersichtlich ist. Auf das Kohiensynbikat werden wir beim Bergetat zurückkommen. Bei der Durchführung des WerkzuwachssteuergefetzeS mässen Härten vermieden werden. Das Handwerk hat in den letzten Jahren keine Besserung erfahren. Es ist zwar mcht zurückgegangen, aber Stillstand ist schon Rückschritt. Daß das Handwerk nicht vorwärts kommt, liegt an seiner geringen finarrziellen Leistungs- sähigkeik. Es geschieht viel zu wenig für das Haudwerk, besonders von den Behörden. Alle Nntcrnehmungen werden an Generalunternehmer ver- !leben und dadurch das Handwerk auSgefchattet. Wir ordern daher zur Stärkung des Handwerks, daß alle öffentliche» Arbeiten, roemi möglich, direkt an die Handwerker oder deren Organisation«« vergeben werden. (Beifall.) Die Behörden sollten auch mehr mit den Innungen Fühlung nehmen uzb ihren sachverständigen Rat bei Vergebungen von Arbeiten einholen. Das Handwerk muß sich aber vor allem zu- sa mm en sch ließen. Dringend notwendig ist die sofortige Inkraftsetzung des zweiten Teiles des Gesetzes zur Sicherung der Banforderungen; nnr so kann man Bauschwindel entgrgentreten. Eine der brennendsten Frage» des Handwerks ist die Stellungnahme zur Frage der Mindestpreise, § l(X)q 6er Gewerbeordnung. Entgegen dem Beschluß bei Gewerbekammertages 1910 zu Stuttgart hat im vorigen Frühjahre di« Handiverkerronsorenz, die unter dem Vorsitz des Staats- ftlreuirs Dr. Delbrück hn Reichstage stattfand, sich gegen di» Aushebung d«S § lOOq ausgesprochen, also dir Lage ist nnr noch verwickelter geworden. Der Redner drfüi wortet die von der Handw-rkerkonserenz vor kurzem ausgestellten fünf Forderungen zur Neuregelung des Sudmissionswesens. Die Borsch'.äge des Han abundeS hat diese Konferenz zum großen Teil rundweg abgelehnt. Tas war eint Abfuhr deS Har sabnndes. (Zusttm. rechts und im Ztr.) Und was der Hansabund an berechtigten Forderungen aufgestellt hak, das haben wir und die Parteien der Rechten schon längst getan. (Zuruf rechts: Noch bester! — Lebh. Beifall rechts und im Ztr.) Zum Schluß fordert der Redner em Borgehen gegen die Waren- hmiser, Wanberlager usw. und nimmt Bezug auf bie Miuelstandsauträge seiner Partei im Reichstage. (Bei lall.)
Adg. Ros««»« (sortschr. Bp.): Wir hoffen, daß bei dem Abschluß neuer Handelsverträge den In- tereficH beS Handels und deS Gewerbes Rechnung ne, trogen wird. Handel und Gewerbe find eine b« festesten Säulen des Staates, denn wir sind ein industrieller Staat geworden. Die Geschichte des .made in Genuany" ist symptomatisch. Das Wort war gipiägt, um die Minderwertigkeit bet deutschen Ware zu kennzeichne», und jetzt ist fie eine befonbeit Auezetchmrng für die Güte der Ware. Für den Hand- werkerstand trete« auch wir ein. Auch sind wir selbst- verständlich Segnet des Bauschwmdeis, aber mit der Au-fuhrung deS zweiten Teiles des Gesetzes muß man sehr vmsichtig fein.
... Etzdow: In Sachen des Laden-
^u'ieshabe «h eure mittlere Linie gezögert zwischen den Wünsch«« bet Delaillisten und der Lrandlunas-
,^e Beseitigung des § 100 q verlangt eure JA starke Strömung im Handwerk, ich kann mich «bet ba§ dem Handwerk von Segen allen fadeckmäßig hergellellten Lltikeln würde eS vertagen, weil die Qualität nicht sestoesetzt werden kann; es wurde bann eine Unterbietung unter den Handwerkern in bezug aus die Qualität stalifinden. Die Arbeiter zur Baukontrölle heranzuziehen, können wir nicht gutherßerr. In Bayern, wo es geschehen ist, sind die ünsälli nut noch vermehrt worden. (Hört! hört! rechts.) Außerdem ist zu befürchten, daß beider unglücklichen Verquickung von GewerstchaftS- und politische« Fragen die politische Agitation noch mehr aus die Bauten getragen wird als jetzt. Dem Installation?. und Matetialienmonopol in bet elektrischen Industrie soll mir allen Kräften entgegengewirkt werden.
Abg. Schr-ber-Kassel (natl.) befürwortete den Wunsch bet Gärtner nach eigenen GärttiereiberufS- ßenosienschaften; den gleichen Wunsch haben die Stein« ständter. Die Baukontrolle ist Sache bet BaubekufS- -enossknschaft und nicht der Arbeiter. Die Hoffnun» fc’1' /*** wan auf die Handwerkerkonferenzen im picht''71_1KntbtS^n,^tn Sehegel hat, haben sich noch Mrd vv>n)^, Swe der Abgrenzung von Fabrik fdtiebIi*JM "un bald ontschiedeu werden:
breÄ Ä-..r Handelskammern sollten ent- B das ÄLV »ut Lehrlingsausbildung geben
:ürüfunn bereit finden, an bet Lehr-
H-lie B,ttfen- § könnt- ruhig der. »öligen, keinen NfSn ^anb,tosed
nnrotiaen SReh.>rm1lZk 8« tun. Weg mit bet
Un8' Das Bauschutzgesetz wird
m,-lt Bedauern konstatiere ich ^ir!1,n allen Handwerkerfragen leinen Schritt w e i t ergekowm en sind. @o 1
ist eine gewisse Stagnation vorhanden. Woran da» liegt, kann ich nicht sagen. ES ist aber die höchste Zeit, daß man von den dielen Worten zu praktischer Arbeit kommt. Wir werden daS unfrige dazu bei« tragen. (Lebh. Beifall.)
Abg. Asharbt (frett): Wenn das Handwerk in seiner finanziellen Leistungsfähigkeit beschränkt ist, so beruht daS zum Teil auf dem Mißstand, daß solche Handtvetker, bie sich in die Höhe gearbeitet habe« und den Titel Hoflieferant" bekommen, nicht mehr zu den Handwerkern, sondern zu den Fabrikanten gezählt werden. So scheiben gerade die guten Elemente auS dem Handwerk auS. Die Reichsversicherungs- ordnmrg hat für die Handwerker nur neue Lasten ge» bracht. Der Redner verweist auf die erheblichen Verluste, die bie Baichandwerker immer noch erleiben. DaS Handwerk wird in unerhörter Weife von den Bau- fchiebern und Ba ufchwi «dietu gerupft. In Groß-Berlin gibt eS nicht weniger als 862 uuziwer, lässige Bauunternehmer. (Hört, hörtk) Das Baugeschäft muß in solidere Bahnen gelenkt werden. Ich gebe hier namraS des gesamten Bau Handwerks die offizielle Erklärung ab, daß wir die Einführung des gWeiten Teiles des Gesetzes über die Sicherung bet Forderungen bet Bauhandwerker auch bann wünschen, wenn dadurch für die liebergarigszeit eine Erschwerung des Bauens erstteten sollte.
Minister Dr. S^ow: An unserem guten Willen, dem Handwerk zn helfen, wird man nicht zweifeln. Die Abgrenzung zwischen Fabrik und Hand« werk ist außerordentlich schwierig. In der Mitte zwischen Fabrik nud Handwerk steht eben der Begriff des handwerksmäßigen Großbetriebes. Der Minister äußert sich sodann zur Frage des Bauschwindels. Die Banpolizeibehörden sind angewiesen worden, gegen unzuverlässige Bauunternehmer einzuschreiren. Ganz ohne Erfolg ist ba8 auch nicht gewesen. Es wurde tu Berlin eine Untersuchung angestellt, 17 Personen wurde das Bauen untersagt, gegen 90 wurden Straf« verfahren ringele riet, 75 werden als verdächtig überwacht, gegen 15S kann nicht» mehr geschehen, weil fie nicht mehr selbständig arbeiten. In allen anderen Fällen toar kein weiteres Material vorhanden. Run ist nochmals eine Verfügung ergangen, energisch gegen die unzuverlässigen Bauunternehmer einzugreifen. Es sollen fortlaufende Autzeichnungen gemacht werden, die Vergangenheit der Bammiernehmer soll erkundigt werden. Der zweite Teil des Gesetzes über die Siche« runfl der Bauforderungen kann erst eingeführt werden, wenn feststeht, ob in größerem Maßstäbe grassierender Bauschwindel in einem Bezirke vorliegt. DaS ist chte ernste Frage, bet der zweite Teil tief in die ganzen Berhältnifse einschneidet. Soweit kann die Gesetzgebung nicht gehen, daß sie den Handwerkern jede Ber- antwortung für bie Prüfung der Zahlungsfähigkeit der Bauunternehmer abnimmt. Eine Statistik über den Bauschwindel ist hn Gange, wir warten ab. Man darf auch nicht vergessen, daß die Einführung des zweiten Teiles zur Folge haben würde, daß das Ban- ha n d we rl zn grinsten der Baubaicken z u r uckgebt ä n g t würde. Die Hausbesitzer wünschen die Ein- fürhrung, nm das Banen einzuschränken und die Woh- nungsmieten zn steigern. Einstweilen aber sollen sich die Handwerker untereinander zusammentim, um sich gegen unzuverlässige Bauherren zu schützen. Die Handwerker dürfen sich nicht altem auf das Gesetz verlassen, sie müssen sich ans ihre eigene Kraft stützen, um diesem schauderhaften Schwindel entgegenzuwirken. (Beifall.)
Dienstag: Weiterberatimg.
deutsches Keich.
" Berlin. 26. Febr. 19!2. Der Kaiser be- suchte am Atoutag den R.ichSkan ter. Mittags empfing der Kaiser den Staatssekretär des Aeußern, o. Kiderlen-Waechter, mit dem er eine längere Un- terrebung hatte. — Das preußische StaatSmi» nisterium trat em Montag zu einer Sitzung zusammen. — Wegen des Ablebens des Großherzogs voti Luxemburg hat der Berliner Hof eine 10'ägige Hoftrauer angelegt. — Aus Deuksch-Ost» afrika wird gemeldet, daß di« erste Lokomotive gestern in Tabora, de« Hauplplatz im Innern Deutsch-Ostafrikas, ringefahren ist. Die von Dar<s- Salam an-gedende Zentralbahn hat damit eine Läng« von 350 Kilometern erreicht. — Die Freund- schastsvetmitttlmg zwischen Deutschland und England wird jetzt mit allen erdenklichen Mitteln betrieben. Em Buch b«S englischen Kriegsministers soll an deutsch« Schulen verteilt werden. Em englischer Bewunderer des Buches „Universitäten und das nationale Leben', verfaßt vom Kriegs, minister Lord Hal da ne, hat fich erboten, 5000 Exemplare an deutsche Schulen zu verteilen und diese Id« dem Kaiser mitgeteilt. Admiral von Mueller hat ihm im Auftrage des Kaisers gedankt und gebeten, die Bücher an das Kultusministerium zu senden, das Auftrag hat, die Verteilung vorzu- nehmen.
* Die Dreibund - Besucht Kaiser Wilhelms. Die ,Tägl. Rundschau' ersäht: „Wenn die getroffenen Anordnungen nicht noch geändert werden, fo verläßt der Kaiser am 19. März Berlin, trifft am 20. März in Wien ein und verweilt als Gast des Kaisers Franz Joseph in der österreichischen Hauptstadt. Am Abend des 20. März reift der Kaiser nach dem österreichischen Kriegshafen Pola, wo er mit dem Erzherzog Franz Ferdinand zusammcntrifft. In
6-ht der Kaiser an Bord der „Hohenzollernck und trifft am 22. März in Venedig ein; hier findet eine Zusammenkunft mit dem König ViktorEma- nuel ftatt, b« eigens von Rom nach der Lagunenstadt kommt. An demselben Tage geht die „Hohen- zollnn' nachkorf« «See, wo die Kaiser!. Familie 3-4 Wochen verweilen dürste. Di« Kaiserin wird ihren Gemahl nicht begleiten, sondern die Reis: etwas später antreten.-
, + Eine FrEwnAiste M AbgeocdnetenhanfeS ist soeben herauSgegeben worden. Danach zählt gegen- wärtig das Abgeordnetenhaus 150 Konservative, 61 Freikonservative, 65 Rationalliberake, 36 Mitglieder der Fortschrittlichen Doikkpartei, 103 An- Hänger des Zentrums, 15 Polen, 6 Sozialdemokraten und 3 Wild«. Erledigt find 4 Mandate. Inhaber von Doppelmandaten für Reichstag und Abgeord- neienhans find 58 Landtagsabgeordnete, nämlich 20 Konservative, 16 Zentrnmsadgeordnete, 7 Mitglieder der Fortschrittlichen Bolkspartri, je 5 National- liberale und Polen, 4 Freikonservative und «in Sozialdemokrat (Liebkncchtl.
* Die Dttftkug der Wehrvorlagen. Die Regie- rung hat, wie die .Post' aus „wohlunierrichteter i
Quelle* erfahren Haden will, bie Erbanfall« steuer keineswegs aufgegeben, sondern erwägt augenblicklich, sie mit einer Besteuerung des mobilen Kapitals zu verbinden. Auf diese Meise hoffe man, einen Teil der sachlichen Einwände, die gegen die Erbansallsteuer von konservativer Seite erhoben werden, zu beseitigen und im Einvernehmen mit den Konservativen und dem Zentrum die Deckungssrage lösen zu können. — Ab warten!
** Zur Servirklasseutinlciluu- bereiten, Blättermeldungen zufolg:, sowohl die Rationalliberalen wie die Freisinnigen im preußischen Landtage wie im Reichstage Anträge vor, in denen die Regierung ersucht wird, wegen der im Wohmmgsgeld« zuschuß dellafsierleu Orte schleunigst erneut Erwägungen anzustellen.
+ Die Neuregelung der SormtagSruhr im Handels- gkwrrbk. Der bekanntlich vom Reichsamt des Innern ausgearbeüete Gesetzentwurf, der die Sonntagsruhe im Handelsgewerd« einer Neuregelung unterzieht, liegt zurzeit den Bundesregierungen zur Begutachtung vor. In der Begründung der Vorlage wird hervor- gehoben, daß es zweckmäßig erscheint, die Vorschriften für die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe aus der Gewerbeordnung herauszunehmen und in einem besonderen Reichsgesetz neu zu regeln. Hierdurch werd« insbesondere ermöglicht, Gewerbezweige, auf welche die Gewerbeordnung keine Anwendung findet, die sich aber zu gleicher Regelung eignen, den Vorschriften für die Sonntagsruhe zu unterwerfen. Heber den Inhalt der Vorlage erfährt das,Berl. Taaeblatt'.
Im ganzen fteüi U; Lckkmirs eine Zusammenfassung der §§ 41a, 105b, 105c, 105e, 105h, 106i, 14tia und Nr. 154 Nr. 1 G.--O. behandelnden Fragen dar und regelt diese Materie in 15 Paragraphen. Eine grundsätzlicher Unterschied ivird gemacht zwischen offenen Verkaufsstellen und Betrieben ohne solche, für welch letztere zum Teil abweichende Bestimmungen vorgesehen sind. Der Entwurf folgt in dieser Beziehung den Gutachien deS Beirats für Arbeiterstatistik, daß die Durchführung der vollen Sonntagsruhe in den meisten Betrieben durchführbar ist. Demzufolge ist in 8 2 des Entwurfs bestimmt, daß in derartigen Betrieben deS Handelsgewerbes in einzelnen Fällen die Berwaltnngsbehörde, sowie durch statutarische Bestimmungen die Gemeinde ober ein Kommunalverband eine Beschäftigung bis zur Dauer von 2 Stunden zulassen dürfen. Als Höchstmaß der Beschäftigungszeit in offenen Berhaufsstäten setzt dec Entwurf in § 2 drei Stunden fest. Doch kann die höhere Verwaltungsbehörde für Orte, in denen die Bevölkerung aus der weiteren Umgegend an Sonn- und Festtagen die offenen Verkaufsstellen aufzusuchen genötigt ist, eine Befchästigung bis zur Dauer von vier Stunden Anlassen. Die Gemeinde oder ent weiterer Kommunalverband kann durch statutarische Bestimmung die dreistündige Beschäftigung für alle oder einzelne ®e« werbözweige auf kürzere Zeit einschränken oder ganz unt e-rsagen. Endlich sicht der Entwurf in § 2 vor. daß die Polizeibehörde für jährlich höchstens 6 Sonn - und F e ft t a g e, an denen örtliche Verhältnisse einen weiteren Geschäftsverkehr erforderlich niachen, in offenen Verkaufsstellen eine Beschäftigung bis zu zehn Stunden zulassen kann. Sowohl für Kontore usw. als auch für offene Verkaufsstellen bestimmt der Entwurf in § 3, die Stunden, während deren eine Beschäftigung an Sonn- und Festtagen stattfinden darf, werden, soweit statutarische Bestimmungen erlassen werden, durch diese, im übrigen von der Polizeibehörde unter Berücksichtigung der für den öffentlichen Gottes- dienst bestimmten Zeit so festgesetzt, daß die Beschäftigten am Besuche des Gottesdienstes nicht gehindert werden. Die Stunden können für verschiedene Gewerbszweige verschieden festgesetzt werden. Hingewiesen fei ferner auf die Bestimmung deS § 4 deS Entwurfs, wonach in Betrieben des Handesgewerbes, bie am Sabbat und an jüdischen Feiertagen gänzlich ruhen. Angestellte jüdischen Glaubens an Sonn- und Festtagen bis zur Dauer von 5 Stunden wit der Maßgabe beschäftigt werden dürfen, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben. Die übrigen Bestimmungen, insbesondere die Vorschriften über ausnahmsweise Sonderbeschäs- tigung, bringen nichts Neues.
ns. Zahlreiche Haudwerkerfragen sind am Sonntag in Berlin auf der Generalversammlung des „Bundes der Handwerker" zur Spräche gekommen. Der Vorsitzende, Schneidermeister Boigt-Friedenan, gab einen Rückblick auf die Reichs- iagswahlen, die gezeigt hätten, eine wie starke Macht bereits der Bund der Handwerker bedeute. Er zähle jetzt mehr als 15 000 Mitglieder im ganzen Reiche und habe in verschiedenen Wahlkreisen bereits ausschlaggebend gewirkt. Nach Voigt sprach der konservative Reichstagsabg. Kreth im Sinne des Vorredners. Die AufgcHen des neuen Reichstages für das deutsche Handwerk beleuchtete Reichstagsabg. Werner-Hünfeld von der wirtschaftlichen Vereinigung, er stellte dabei die Forderung des großen Befähigungsnachweises auf. Reichstagsabg. von Oertzen (Reichspartei) behandelte das Thema .»Regierung und Handwerk", wobei er keineswegs die Regierung allein dafür verantwortlich machte, daß für die Förderung des Handwerks, für den handwerklichen Mittelstand nicht ausreichend gesorgt werde, sondern den Handwerkern selbst an der Ver- schleppnngspolrtik schuld gab, weil der Bund diel zu spät mit einer großen Agitation aufgetreten sei. Rach den Referaten und einer langen Diskussion toiirbc noch eine Reihe geschäftlicher Angelegenheiten erledigt.
— Nachwehen der Reichstagstzräfidentenwcchl. In der Versammlung des Kreiskriegerverbandes zu Soest kam es bei der Wahl des Vorsitzenden zu lebhaften Auseinandersetzungen. Bisher war der jetzige nationalliberale Reichstagsabg. Schulen- burg erster Vorsitzender. Gegen dessen Wiederwahl wurden aber Bedenken erhoben, weil er im Reichstage bei der Präsidentenwahl für einen Sozialdemokraten gestimmt habe. Nach einstnndiger, zum Teil sehr erregter Debatte wurde zur Wahl des Vorsitzenden geschrttten. Es entfielen auf Schulen- burg 63 Stimmen, auf den Baron v. Borckum-Tvcff 35 Stimmen. ~ ,
-- Weimar, 26. Febr. 1912. I'» Wennarrschen Landtage beantwortete heute vor Emtrttt m c.e Tagesordnung die StaatSrcgiernng dr« Interpellation
der Liberalen und die ©egenanfiagt der Konservativen betr. bte „Haltung der Weimarischen Zeitung'. Der Vertreter der Regierung erklärte, daß die Regierung die scharfe Stellungnahme des Blattes gegen die Liberale« bezw. den Hansabund nicht billigt, im allgemeinen aber keinen Einfluß auf den nichtamtlichen Teil der Zeitung ausüben könne und wolle. Emen breite» Raum der weiteren Ausführungen nahm die Debatte über das Aus- sührungsgefetz zum Viehseuchengesetz in Anspruch. Die einzelne» Paragraphen des Gesetzes wurden mit den formalen Abänderungsanträgen des Ausschuffes für Verwaltungsgesetzgebung angenommen. Gleichfalls angenommen wurden die vom Ausschuß vorgeschlagenen Resolutionen: 1. Die Staatskasse soll den vollen Betrag der Entschädigungen bei Maul- und Klauenseuche übernehmen. 2. Tie Slaatsregienmg soll in Erwägungen darüber eintreten, ob gelegentlich der Aufstellung des neu:» Etats die volld-soldele Anstellung der beamteten Tierärzte dnrchgesührt werden kann. Da schließlich zu Z 1 noch «in Antrag lieber Annahme fand, ging das ganze Gesetz zur nochmaligen Beratung an den Ausschuß zurück.
Ausland.
♦ Zum Thronwechsel in Luxemburg. Mit dem Sonntag abend verstorbenen Großherzog von Luxemburg ist der letzte männliche Sproß des Hauses Raffan, eines alten deutschen Fürstengeschlechtes, ins Grab gesunken und damit ist jetzt auch die ältere Walramische Linie des Hauses 'Nassau im Mannesstamm erloschen, nachdem schon 1890 mit dem Tode König Wilhelms HL der Niederlande der letzte MLNllfiche Nachkomme der jüngeren Oiioui- schen Linie gestorben üct Großherzog Wilhelm hat nur einen Bruder gehabt, der schon als Kind gestorben ist Der einzige Bruder seines Bäkcrs, Prinz Nikolaus, war morganatisch vermählt mit Natalie v. Puschkin, späteren Gräfin Merenberg, deren Sohn Graf Nikolaus v. Merenberg in jahrelangen Prozessen einen Erbanspruch auf den lujembHtgifdjeii Thron und die nafsauischell Familieufideikonnrusse vergeblich geltend zu nrachen versuchte. — Die älteste Tochter des Großherzogs, Prinzeflin Marie Adelheid, erreicht am 14. Juni ihr 18. Jahr und damit die Volljährigkeit, mit der sie als G r o tz h e r« zog in auf den Thron gelangt. Man erzählt von ihr, daß sie von grenzenloser Schüchternheit und über nichts so unglücklich ist, als daß sie die Reprä- ientationspflichten der Landesherrin übernehmen muß. Uebrigens ist fie eine sympathische liebenswürdige Erscheinung und erfreut sich bei der Bevölkerung Luxemburgs großer Beliebtheit. Sie ist wie ihre Schwestern katholisch erzogen, und so erlischt in dem achthundertjährigen Hause Raffau nicht nur der Mannesstamm, sondern auch das evangelische Glaubensbekenntnis. — Die Leiche des Großherzogs Wilhelm wird in den nächsten Tagen in der Hauptstadt öffentlich aufgebahrt und in der protestantischen Kirche vorläufig beigefetzt werden. Später erfolgt dann die eubgittige Beisetzung in der Nassauischen Familiengruft zu Weilburg a. d. Lahn. In dem Luxemburger Amtsblatt wird bereits die Erbgroßherzogin Marie Adelheid als Nachfolgerin proklamiert. Während ihrer Minderjährigkeit, die bis Juni d. I. dauert, wird die Großher- zogin-Witwe Marie Anna die Regentschaft führen.
** Ter Vatikan uuü Rußland. Nach einer Äiel- dung der Politischen Korrespondenz ans dem Vatikan hat dort besonder infolge der jüngst erfolgten Verurteilung deS Warschauer Bischofkoo.djutors Rusz- kiewitsch zu einer Hast von jechszehn Monaten und infolge der völligen Erfolglosigkeit der in Petersburg"wegen der Behandlung der Katholiken erhobenen Beschwerden die Spannung zwischen dem Vatikan und Petersburg einen derartigen Grad erreicht, daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen inS Auge gefaßt werden müsse.
r Mexiko. Bei Inarez ist ein heftiger Kampf zwischen den Regierungstruppen und den Insurgenten im Gange.
x Stieg zAM Mei unü dkl Mei
Zum Bombardement von Beirut.
Die Vorgänge im Roten Meer und an der syrischen ober kteinafiatischen Küste find militärisch betrachtet nur Episoden ohne nachhaltige Wirkung.
Die türkische Kriegsflotte, schwach wie sie ist, ist zur Untätigkeit verurteilt. Sie hat sich während der ganzen Kriegsdauer nicht au3 dem ruhigen Port hervorgewagt. Ob einige ihrer stilliegenden Schiffe in den Häfen von den Italienern vernichtet werden oder nicht, ist für die Kriegslage gleichgültig. Auch in Beirut war eS auf nichts anderes als auf die Zerstörung zwei« türkischer Kriegsfahrzeug« abgesehen. Insofern haben die Italien« recht, wenn sie beteuern, daß fie die Stadt Beirut nicht be» schoflen haben. Aber die Kriegsschiffe sind auf meilenweit« Entfernung verhältnismäßig kleine Zielpunkte, und die Kugeln schlugen, wie nicht anders zu erwarten war, rechts und links davon auf dem Kai und in der Stakt rin.
Tie Folge davon in der Türkei sind die Italiener- auSweifungkn, die zu verfügen die türkische Regierung bisher gezögert Halle. So wird Italien selbst önrch den Zwisckttnfall von Beirut materiell ge- schävigt. Politisch hat es sich ebensowenig ge- nützt. Allüberall macht man Italien wegen der Schießerei ein böses Gesicht. .
Besonders groß ist die Entrüstung m Frank» reich. Es ist überhaupt ein eigevlümliches V«hängnrs, daß die Italiener, wenn sie ihr« Kriegsaufgabe einmal energisch betreiben wollen, gerade mit den Fran« ao(en in Konflckt kommen. So wurden bei der Jagd auf Schiffe mit KriegSkontreband« französische Fahrzeuge abgefaßt und angehalten, roa8 natürlich bei der „romanischen Schwesternation* böses Blul machte und nut mit Ausbietung diplomatischer Künste zu einem beiderseits erträglichen