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Samrtaz 24. Sedruar M2
39. Jahrgang.
" Tuldaer W Zeitung
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2. blatt.
druck und vrrlaz der Znldser llctlrndruckerci in $«166.
Wo bleibt die Schulsrganisation?
(Oberlandesgerichtsrat Marx- Düsseldorf.)
So hat Wohl mancher in den letzten Monaten gefragt. und doch Kar es eigentlich ganz natürlich, daß in all dem Getümmel und Hin und Her des Wahlkampfes die ruhige, zielbewußte Organisationsarbeit in den Hintergrund treten mußte: ausgesetzt hat sie dennoch nicht. Im Gegenteil, sie hat recht erfreuliche Erfolge zu verzeichnen: In Bayern ist der Landesausschuß konstituiert; in den Diözesen Köln, Münster und Paderborn find Bezirksausschüsse eingerichtet; in Aachen, Eschweiler, Bochum, Duisburg sind Ortsaus-
veutsches Reich.
X Gegen den Bauschwindel bewährt sich das neue Gesetz über die Sichenmg der Bauforderungen doch ganz erheblich besser als die Handwerker es erwartet haben. Freilich ist die günstige Wirkung mehr- vorbeugenden Charakters gewesen. Seitens der Berliner Handwerkskammer sind auf amtlichem Wege den zuständigen Stellen allein 880 Bauunternehmer im Sinne des Gesetzes namhaft gemacht worden, und in kurzer Zeit ist jetzt bereits 14 von ihnen durch rechtskräftige Entscheidung des Bezirksausschufles gemäß § 55 der Betrieb untersagt worden. Wie
Feindseligkeit und Unglück zu verbreiten. Sie empfinden angesichts der Verwirrung, die sie anrichten, ein ähnliches Behagen, wie der krankhafte Brandstifter, der grinsend auf das Wüten -er Flammen nnd auf di: vergeblichen Mühen der Feuerwehr schaut. Andere Inhaber von spitzen Zungen handeln freilich nicht mit solcher bewußten Bosheit, sondern kaffen sich mehr von Eitelkeit leiten. Sie glauben sich sehr „interessant" zn machen, wenn sie fortwährend etwas Neues, Auffälliges zu erzählen wissen. Sie prahlen und protzen mit den Enthüllungen, die sie weiter tragen, und halten es für eine glänzende Heldentat, wenn sie dem einen ins Ohr blasen können, was sie aus dem Munde eines anderen aufgeschnappt haben. Eine sehr törichte Eitelkeit; denn diese Waschweiber beiderlei Geschlechts, diese lebendigen Lokalanzeiger, finden bei feinem anständigen Menschen Hochachwm \ auch nicht einmal bei denen, die das Getratsch geduldig anhören. Es geht ihnen wie den Spionen, die auch dort verachtet werden, wo man sie gebraucht nnd bezahlt —
Nun wird vielleicht ein Leser sagen: Ach, das ist ja schrecklich, wenn ich jedes Wort erst dreimal int Munde umdrehen soll, ehe ich es ausspreche. Man will doch auch mal frisch und frei von der Leber weg ein flottes Wort reden, ohne sich erst die Gold- wage herbeizuholen! Nun, du kannst gelegentlich deinen Zungenschlag sich in Trab oder Galopp entfalten laffen, wenn du nur einen kleinen Änterschied festhältst. Wenn du von deinem Nächsten etwas Liebes und Angenehmes sagen willst, dann schieße los und ziehe alle Negister auf. Aber wenn du Häßliches und Verletzendes im Munde hast, dann kneife die Zähne und die Lippen fest zusammen und überlege die Geschichte wenigstens ein Vaterunser lang. In der Regel wirst du dann dre scharfe Bemerkung wieder herunterschlucken und denken: ->as ich selbst nicht gern mir sagen lasten mochte, das werde ich auch einem andern nicht sagen.
Wer so bedächtig im Reden ist, werd nicht tn die unangenehme Lage kommen, daß er nachher an sei- nen eigenen Worten herumdeuteln und sich hinter „Mißverständnissen" verkriechen muß.
Zuvor gesaat, hernach bedacht, hat manchen in Not und viele ins Unglück gebracht.
Nun aber ist der Kanonendonner des Wahlkampfes vorüber, bei Pulverdampf hat sich verzogen; nun kann die so dringend notwendige Förderung der Organisation mit aller Kraft cinsetzen. Bis zur Katholiken-Ver- sammlung in Aachen muß ein ganz gewaltiger Schritt vorwärts getan feint Wärmster Dank gebührt dem Zentral-Komitee der Katholiken-Versammlungen und dem Lokal-Komitee zu Aachen dafür, daß man für den Montag der Kaiholiken-Versammlung, den 12. August, eine große Volksversammlung in der Festhalle zur Behandlung der Schulfrage vorgesehen hat. Vielleicht ist es möglich, diese Einrichtung zu einer ständigen auf den Katholikentagungen zu machen. Wie der Dienstag für eine Massenkundgebung in sozialer Hinsicht durch die glänzend verlaufenden Versammlungen des Volksvereins für das katholische Deutschland bestimmt ist, so könnte am Montag künftig alljährlich eine große Schulversammlung stattfinden. Die eigentlichen Vortragsabende würden dann insofern erleichtert werden; es würde andererseits Raum gegeben sein, mehr einzelne, besonders akute Fragen aus dem Schulgebiete zu behandeln und dabei namentlich die Verhältnisse des bestimmten Landesteils, in dem die Versammlung tagt, zu berücksichtigen. Jedenfalls könnte dieser Gedanke einmal einer näheren Erörterung unterzogen werden.
Die hinter uns liegende Zeit des Wahlkampfes war insofern sehr wertvoll für den Gedanken einer Schulorganisation, als sie uns erneut und mit erschreckender Entschiedenheit den Beweis der dringenden Notwendigkeit einer solchen Organisation erbracht hat. Zwar erstreckt sich die Zuständigkeit des Reichstages gar nicht auf das eigentliche Schulgebiet, das der Gesetzgebung der Einzelstaaten unteäiegt: und dennoch wimmelten die Flugblätter der freisinnigen, der demokratischen und vor allem der sozialdemokratischen Partei von Ausfällen gegen die christliche, konfessionelle Schule! Gerade diese Parteien waren es, die durch Reden ihrer Agitawren und durch ihre Presse die Schulfrage mit zur Wahlparole machten, —- in einem Atem die Trennung der Schule von der Kirche, wie die Trennung der Kirche vom Staate verlangten, — sich entschieden gegen die Erteilung des Religionsunterrichts in der Schule wandten, dabei aber in ihrer bewährten Taktik mit täuschend nachgeahmter Entrüstung den Gegnern, wenn sie sich wehrten, borwarfen: sie verguickten Religion mit Politik! Diese Unschuldsengel! Denen zuweilen die Religion, „die sich nicht in das Kampfgetümmel der Wahlagitation heruntergezogen wissen wollen", so hoch steht, daß man — wie einmal ein Redner zutreffend bemerkte — „auch mit dem schärfsten Fernrohr nichts mehr davon wahrnehmen kann!"
Wer nicht einsieht, daß die erste Forderung, die eine starke Linke mit hauptsächlich sozialdemokratischem Einschlag an die Reichsregierung stellt, sein wird: die Vernichtung des kirchlichen Einflusses auf die Schule, die Einrichtung der Schule nach liberalen Rezepten, dem ist nicht zu helfen!
Das starke Anwachsen der roten Flut muß alle christlich Gesinnten erst recht zusammenführen zur mutvollen Verteidigung unserer christlichen konfessionellen Schule, — einer religiösen Jugenderziehung! Die Notwendigkeit einer Schulorganisation ist also erneut und schlagend durch den Gang der politischen Entwickelung dargetan!
Bald nach der Gründung der Schulorganisation auf dem Katholikentag in Mainz wurden die verschiedensten Angriffe und Einwände gegen sie erhoben. Darauf wollen wir in folgenden Artikeln eingehen.
Für jetzt sei nur noch folgendes mitgeteilt: Der Bezirksausschuß für Köln hat Statuten sowohl für den Bezirksausschuß wie für die in den einzelnen Gemeinden einzurichtenden Ortsausschüsse entworfen, die am derwärts als Muster zur Errichtung der Organisation dienen können. Es wird dringend gebeten, solche von der Zentralstelle in Düsseldorf 16, zu beziehen und nun ungesäumt an die Gründung von Bezirksausschüssen in den Diözesen und von Ortsausschüssen in den einzelnen Gemeinden heranzugehen.
Unpolitische Zeitläuse.
N. Berlin, 22. Februar 1912.
tNachdruck verboten.)
„Ja, du hast es gesagt!" — „Nein, ich habe es nicht gesagt!" — „Tu hast es doch gesagt; der Hans und der Peter haben cs auch gehört." — „Ach, wie sollte ich denn so etwas sagen! Wir haben schlechte Witze geriffen über die Geschichte, und da habt ihr mich mißverstanden."
So eine nack;trägliche Zänkerei über Gesagtes oder nicht Gesagtes gibt es im gewöhnlichen Leben sthr oft. Gelegentlich wird auch im Reichstag vor aller Welt derartiges Stroh gedroschen. Die Steno- ^a^e,'lJ<vt‘e^en sich die Finger krumm, damit diese ir-^e Auseinandersetzung" wortgetreu in men amt ’$cn Bericht und in die Zeitungen kom- «. w'tr’r""..’?“',kie Sache betrachtet, so ist eS in dem Gebeae seiu-k ochtlültig, ob die streitigen Worte <m p, \ Zähne entflohen sind oder nicht. Wenn er sich nachher mit Händen oder Füßen gegen den fraglichen Ausspruch wehrt so fann nr, nehmen, daß er selbst ins blaue hin°w Bat, ohne sich der Bedeutung feiner WoA?rA bewußt zu sein, oder daß die andern aus seinem Erguß mehr herausgehört haben, als darin stecken
Schwamm drüber! — Das fft in solchen Füllen die richtige Taktik.
Ein junger Freund sagte mir freilich gestern, es sei doch schade, dag bei den umstrittenen Besprechungen hn Reichstage nicht auch Stenographen zugegen gewesen waren. Ich erwiderte ihm, vielleicht sei es noch zweckmäßiger, wenn bei vertraulichen Verhandlungen jeder ~eu einen Phonographen mit« brächte und so der ganze Wortwechsel in doppelter Ausfertigung auf zwei Sprachwalzen automatisch festqclegt würde. Bei schlechten Witzen würde dann tzuch gleich das Gelachter naturgetreu verewigt.
■ Tabei kam mir der Gedanke, auf den ich kein Patent beanspruche: Wie vortrefflich wäre es, wenn zwischen den Kaffeetafeln unserer redseligen Damen ünd auf den Stammtischen unserer ebenso redseligen
nötig das gesetzgeberische Eingreffen war, wie groß oie Verluste der Handwerker durch den Bauschwindel sind, beweist die Tatsache, daß in den letzten Jahren über sieben Millionen Mark allein im Bereich der Berliner Handwerkskammer durch den Bauschwindel den Handwerkern verloren gingen. In 305 Fällen wurden innerhalb dreier Jahre zweieinbalb Millionen Mark eingebüßt. Das sind aber nur die bekannt gewordenen Fälle; eine ganze Anzahl von Handwerkern lehnt' aus Gründen des Kreditbedürs- nisses es ab, den durch Bauschwindel entstandenen Schaden bekannt zu machen.
cf München, 23. Febr. 1912. Wie schon kurz berichtet, wurde der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Auer in München wegen verleumderischer Beleidigung des Oberregicrungsrats Frank und der Bahnverwalter Rupprecht und Eadau, Mün- chen, zu einem Monat Gefängnis und zur Tragung der einige Tausend Mark betragenden Kosten verurteilt. Damit hat ein roter Vcrleuindnnqsfeldzug gegen Staatsbeamte, denen kein anderer Makel an- haftet, als daß sie zur Z e n t r u m s Partei gehören, ein unrühmilches Ende gefunden. Auer hatte in einer Versammlung des Süddeutschen Eisenbahnerverbandes sich in den heftigsten Angriffen gegen die Zentrumspartei ergangen. Er erhob gegen das „Dreigestirn Frank, Cadau und Rupprecht" den schweren Vorwurf, sie hätten ihre amtliche Stellung mißbraucht, um den Wohnun^sbauaenoffenschasten christlicher Eisenbahner unberechtigte Vorteile zu verschaffen und fozialistische Baugenossenschaften zu beeinträchtigen. Der Angeklagte hatte ein ungeheures Beweisangebot gestellt, auch die Staatsanwaltschaft, die die Anklage erhoben hatte, hatte nach jeder Seite hin Aufklärung geschafft. In sieben Sitzungstagen hat nunmehr das Gericht in dieser Angelegenheit Beweis gepflogen. Als Ergebnis kann festgestellt werden, daß von all den Anschuldigungen, Angriffen und Verdächtigungen, die gegen die drei genannten Herren geschleudert worden sind, absolut nichts bewiesen werden konnte. Im Gegenteil' es ist unzweifelhaft festgestellt worden, daß diese Herren ihren Amtspflichten in jeder Weise gerecht geworden sind, daß sie völlig objektiv und unbeeinflußt von politischen oder persönlichen Gesichtspunkten ihre Ge- schäfte gesührt haben. „Was ihm (Fran!) zur Unehre gereichen sollte, hat ihm zur Ehre gereift t, er hat bewiesen, daß man Parteimann sein kann und doch parteilos und unbestechlich seiner Beamtenpflicht nachkommen kann. Er verläßt glänzend gerechtfertigt den Saal." Mit diesen treffenden Worten hat der Staatsanwalt in seiner Anklagerede das Ergebnis der Beweiserhebung gekennzeichnet. In dem Prozeß sind auch einige Unregelniäßigkciten und Mißstande ausgedeckt worden in bezug auf die Verhältnisse in der Druckerei der Eisenbahndirektion. Allein mit ebensolcher Bestimmtheit kann, so bemerkt dazu der Bayer. Kurier, behauptet werden, daß keiner der drei Beamten an diesen Mißständen schuld ist oder überhaupt nur davon Kenntnis hatte. Die Leute, welchen diese Ungehörigkeiten zur Last fallen, sind zumteil gerade Kronzeugen des Angeklagten Auer, die, in die Enge getrieben, hilflos der Enthüllung gegenüberstehen mußten, daß sie es waren, welche, sogar unter offen falscher Sachdarstellung Cadau gegenüber, auf eigene Rechnung und Gefahr, aus Bequemlichkeit oder des Gelderwerbes halber, sich Ungehörigkeiten zuschulden komnien ließen. — Bezeichnend ist auch das Verhalten der zen- trumsfeindlichen Presse in diesem Prozeß. In den ersten Tagen, als sie glaubte, der Prozeß könne gegen das Zentrum ausgeschlachtei werden, brachte sie spaltenlange Berichte darüber; sobald sich aber zeigte, daß der angcklaqte Verleumder schlecht wegkommcn werde, stellten die meisten dieser Blätter die Berichterstattung ein. Da hatte der Prozeß kein Interesse mehr' für sie.
♦ Stuttgart, 22. Febr. 1912. Daß die Pro- t e st a n t c it den größten Vorteil aus den ge m i s ch- ten Ehen haben, zeigt wieder deutlich die Stati- tik der protestantischen „Landeskirche" Württembergs für das Jahr 1910. Darnach wurden aus gemischten Ehen 3526 Kinder geboren, und davon evangelisch getauft 2131 Kinder, katholisch dagegen nur 1164; ungetaust blieben 388 Kinder. Evange-
Wochen-Nundschau.
s:s Fulda, 23. Februar 1912.
Die große Generalabrechnung zum Etat im Reichstage ist am Dienstag zu Ende gegangen. Zweimal griff der Reichskanzler noch in die Debatte ein. Seine erste programmatische Rede über die innere Politik beschäftigte sich besonders mit dem Linksabmarsch des Liberalismus und mahnte zur Sammlung aller bürgerlichen Parteien. In der zweiten Rede verteidigte der Kanzler besonders seine Angriffe auf bei sozialdemokratischen Vizepräsidenten Scheidemann. Zu dem Präfidenten- t h e m a hat die Woche weitere intereffante Monlente gebracht. Ter Kaiser hat es abgelehnt, das unvollständige Reichstagspräsid'um — der erste Vizepräsident Scheidemann wollte nicht mit zu Hofe gehen — zu empfangen. Wenn es sich hier auch um keinen Politischen Akt handelt, so ist die Ablehnung des
Männerwelt immer ein Phonograph stände, der die ganzen Zungenergüffe in sich aufnähme! Am folgenden Tage, nach dem ersten Frühstück, müßte dann die Walze wiederum abgespielt werden. All' das Geschnatter nnd Gcträtsche, all' die faden Redensarten, die hohlen Gemeinplätze, die leichtfertigen Urteile, die boshaften Nachreden, die selbstgefälligen Aufschneidereien, die giftigen Ausfälle, die groben Späße — die ganze herrliche Unte-Haltung würde dann vor nüchternen und kritischen Ohren sich wiederholen, und zu ihrem eigenen Entsetzen würden die beteiligten Männlein und Weiblein erkennen, mit welch jämmerlichem Gewäsch sie sich die Zeit vertreiben.
Es ist ein wahres Gluck, wenn das gesprochene Wort so schnell oerweht. Denn aus die große Mehrzahl der Worte, welche die menschliche Zunge zutage fördert, trifft der alte Spruch zn: Am besten wäre es, wenn sie gar nicht geboren würden, ünd das zweitbeste ist die schnelle Vernichtung. Wir sehen ja alle Tage, welch ein Unheil daraus entstehen kann, wenn ein leichtfertig hingewoffenes Wort aufgefangen und weiter getragen wird. „Wißt ihr schon, was der Schmitz gestern abend über seinen Nachbar gesagt hat? . ... Ich habe es gehört, daß die Frau Amtsrichter gefragt hat, ob denn die Vleureusen auf dem Hute der Frau Oberlehrer schon bezahlt feien!" Und so weiter. Feindschaften und Streitigkeiten. Die Angegriffenen wehren sich, indem sie auch giftige Bemerkungen und kränkende Enthüllungen machen. Oder sie laufen zum Schiedsmann und zum Amtsgericht, und dann gibt es eine umständliche Verhandlung mit Eidschwüren über die hochwichtige Frage, wie denn nun eigentlich der genaue Wortlaut und der wirkliche Sinn des Gewäsches gewesen ist.
Schweigen ist G o l d; das stimmt. Aber wenn das Reden für Silber erklärt wird, fo kann man das sogar in dieser Zeit der niedrigen Silberpreise nicht allgemein gelten laffen. Reden ist Blech, —- das würde schon öfter zutceffen. Vielfach kann man Lsich sagen: Reden ist Quecksilber, giftiges Quecksilber.
„Ich habe es ja gar nicht so böse gemeint", sagt der Redselige, wenn er bei dem angerichteten Un- ertappt wird. Ja, die Kinder, die mit Streichhölzchen spielen und dabei die Scheunen anzünden.
auch tatsächlich erfolgt, und die Schuld an diesem Aergernis tragen die Nationalliberalen, die für Scheidemann gestimmt haben. Daran wird durch den Streft um di- Bebel'fche Redseligkeit nichts geändert.
Zu Beginn der Woche tagte in Berlin der B u n d der Landwirte. Aus den Reden klang heraus, daß der Bund mit den Freisinnigen als bürgerlicher Partei vollständig gebrochen hat; er ist mit der Sozialdemokratie „op ewig ungedeelt" verbunden, wie Herr v. Oldenburg sagte. Mit den Nationalliberalen toetbe man wieder zusammen gehen, wenn sie sich andere Führer anschafften. Die Tagung verlief im übrigen in der üblichen Weife.
In Oesterreich-Ungarn ist Graf A e h- r e n t h a l, einer der bedeutendsten Staatsmänner, den die Donaumonarchie je aufzuweisen hatte, aus dem Leben geschieden. Schon als Botschafter in Petersburg wirkte er segensvoll für fein Vaterland. Die Annexion der Herzegowina war von ihm geschickt vorbereftet und geschickt mitten im Frieden durchgeführt. Er war ein treuer Dreibundgenoffe. Der Kaiser sprach chm noch am Tage seines Todes in einem Handschreiben sein uneingeschränftes Vertrauen nicht nur zu seiner Person, sondern auch zu seiner Politik aus. Als Jein Nachfolger wurde Graf Beicht old zum Minister des Aeußern ernannt. In seiner Ernennung dürfte eine Weiterführung des Aehrenthalschen Programms liegen.
In Frankreich ist eine Wahlreform angenommen worden, die auch den Minderheitsparteien, den Katholiken, den Monarchisten und den konservativen Republikanern, eine Vertretung im Parlament sichert. Die Annahme , der Wahlreform bedeutet einen großen Erfolg des Ministeriums Poincars.
In England steht ein Bergarbeiterstreik von ungeheuren Dimensionen bevor. Am 29. d. M. soll die Arbeitseinstellung auf fämtlichen Gruben Englands erfolgen, wenn nicht noch im letzten Augenblick eine Einigung erzielt wird. In elfter Stunde hat jetzt auch die Regierung in den Konflikt eingegrifsen und hat eine Konferenz mit den Führern bet beiden Parteien veranstaltet. Die Aussichten dieser Konferenz sind fast hoffnungslos. Die Optimisten trösten sich jetzt damit, daß bei den zur Verfügung stehenden Mitteln der Streik nicht länger wie drei Wochen andauern könne. Diese Auffassung ist vielleicht zu optimistisch! England steht direkt vor einer nationalen Katastrophe. Es handelt sich nicht nur um die Million Bergarbeiter, sondern auch noch weftere Millionen anderer Arbeiter werden durch den Kohlenmangel gezwungen fein, die Arbeit einzustellen, teils werden sie auch aus Sympathie mit den Grubenarbeitern die Arbeit niederlegen.
Der Tripoliskrieg schleppt sich weiter langsam dahin. Das vollständige Fehlen von tatsächlichen Nachrichten züchtet die tollsten Enten. So soll die Türkei einen hervorragenden Bankbeamten nach Rom als Friedensvermittler geschickt haben. Das ist selbstverständlich Unsinn!
China, die „große Republik der Hätte der gesitteten Welt", ringt sich jetzt langsam wieder zu geordneten Zuständen durch. Die neue Staatsform scheint wirklich im Volke außerordentlich populär zu sein. Ein Gegensatz besteht nur noch über die Frage, wohin die Hauptstadt verlegt werden soll. Der Süden will Nanking zur Hauptstadt machen, wohingegen der neue Präsident Äuanschikai Peking beibehalten will.
haben es auch nicht so böse gemeint. Wir ausgewachsenen Leute können aber die kindliche Unersah- renheit nicht mehr vorschützen. Wir sind verantwortlich für die Folgen unseres Tuns. Wir wiffen doch, jedes ausgesprochene Wort ist eine vollendete Tat, die man nicht ungeschehen machen kann. Das gesprochene Wort wirkt weiter. Zunächst in dem Kopf und dem Herzen des Hörers. Wenn aber der Zuhörer, wie es in der Regel geschieht, das „interessante" Wort weiter trägt, dann dehnt sich die Wirkung in der Regel nicht schwächer, sondern nur noch schärfer, empfindlicher, folgenschwerer. Das Wort kommt zn den Obren derjenigen, die sich in ihrer Ehre getroffen fühlen, und fie laffen sich nicht auf eine milde Auslegung ein, sondern pressen alles Gift heraus, was nur darin stecken kann. Oft noch mehr, als der Urheber hineingelegt hatte. Bekanntlich wächst die üble Nachrede bei ihrer Weiterverbreitung von einem Klatschmunde zum andern. Es geht wie bei einer Lawine. Wer die erste Schneeflocke ins Rollen brachte, hat es vielleicht nicht böse gemeint. Aber er ist tatsächlich der Urheber eines verhängnisvollen Lawinensturzes, der Ehre und Frieden vernichtet, Unglück weithin verbreitet.
Die Sprache ist ein Vorzug des Menschen, die ihn vor der gesamten Tierwelt auszeichnet. Nun, das fehlte auch gerade noch, daß die Tiere ebenfalls sprechen könnten. Daun wäre es im irdischen Jam- mertate gar nicht mehr auszuhalten. Der Schöpfer hat sich gesagt: Nur ein vernünftiges Wesen darf die Fähigkeit haben, seine Gedanken und Gefühle in Worte ausdrückeu zu können. Der spre- chendc Mensch soll eben ein vernünftiges Wesen fein. Leider gestatten sich aber nur zu viele Menschen, eine Ausnahme von dieser Rege! zu bilden. Entweder ist es überhaupt mit ihrer Vernunft schwach bestellt, oder sie geberden sich zeitweilig unvernünftig. Nun will es das Verhängnis, daß sie gerade in diesen schwachen Stunden, wenn Vernunft und Gewissen eingenickt sind, sehr redselig werden, bann geht bie Zunge durch und gleich einem Füllen, das ab- gehalftert ist.
Bei manchen Leuten ist die Ausrede, sie hätten es nicht so böse gemeint, wie grobe Leute. Es gibt wirklich Menschen, die eine teuflische Freude daran finden, durch ihre Zunge Aerger und Schmerzen und
Empfanges, die auf Anraten des Reichskanzlers erfolgte, doch als SfimmunIsnwment von großer Be- deuluiig. Sine weitere Klärung hat die Präsidenten- srage durch eine lebhafte Auseinandersetzung über die Frage erfahren, ob die Sozialdemokratie im Präsidium die höfischen Pflichten erfüllen will. Fn den vertraulichen Verhandlungen mit den bürgerlichen Parteien hat sich die Sozialdemo- kratie, bas ist in der Auseinandersetzung von Rednern aller beteiligten bürgerlichen Parteien übereinstimmend festgestellt worden, zur Heber« nähme dieser Verpflichtungen bereit erklärt, falls die anderen Mitglieder des Präsidiums verhindert seien. Der alte Bebel bestritt dies zwar und erklärte nach- drücklich, baß bie Sozialdemokratie gar nicht baran denke, ihre bisherige Stellungnahme aufzugeben; sie lehne nach wie vor die „Hofgängerei" ab. Die Widersprüche zwischen den Aussagen Bebels und denen der Redner der bürgerlichen Parteien lassen sich psychologisch dadurch erklären, daß der alte Bebel bei der andauernden Unterhaltung, die in einen lustigen Planberton überging, seine Zunge weiter schießen ließ, als er durfte und ernstlich wollte. Sehr beach- ten§:>>crt ist bie scherzhafte Bemerkung, bie gerade bei- Abg. Schiffer als Aeußerung Bebels bezeugt. Wenn der sozialdemokratische Vizepräsident auch im Notfälle, als Stellvertreter des verhinderten ersten Präsidenten, zum Hofgange oder zur Hochausbringung berufen wäre, fo würde doch niemand ihn hindern können, gerade an dem kritischen Tage eine Darmverschlingung zu bekommen. Es ist in der Tat für einen ersten Vizepräsidenten ganz leicht, in dem Augenblick, wo ihm die Vertretung des ersten Präsidenten unbequem wird, den Vorsitz auf den zweiten Vizepräsidenten abzuschieben. Die witzige Ankündigung einer rechtzeitigen Darmverschlingung hätte allein schon bie Nationalliberalen abhalten müssen, an ein Entgegenkommen der Sozialdemokraten im Punkte der höfischen Verpflichtungen zu glauben. Der Vertreter des Zentrums hat bie bezüglichen Worte Bebels wohl gehört und demgemäß bezeugt; aber er hat sie mich richtig eingeschätzt und ist mit feiner Partei auf dem Standpunkt verblieben, daß die Sozialdemokratie klipp und klar alle hergebrach- ten Verpflichtungen übernehmen müsse, ehe von der Wählbarkeit eines Genossen bie Rebe fein könne.
Darauf kommt es bei dieser nachträglichen Untersuchung an, ob bie etwaigen Rebewenimngen Bebel's bas Verhalten derjenigen Rational l i b e r a 1 e n, die für Bebel oder für Scheide- mann gestimmt haben, rechtfertigen kann. Jeder Unbefangene muß diese Frage verneinen. Vor allem hatte das, was Bebel übet das Verhalten eines roten Vizepräsidenten in einer Zwangs läge geplaudert haben könnte, nichts zu schaffen mit der Snläfiigleit eines Sozialdemokraten als ersten Präsidenten, b. h. als des regel mä feigen Repräsentanten und Geschäftsführers des Reichstags. Und doch haben zahlreiche Nationalliberale für Bebel als ersten Präsidenten gestimmt. Was bann bie Wahl des roten Vizepräsidenten angeht, so liefe sich trotz der angeblichen Worte Bebels ganz sicher vorans- seheu, daß Herr Scheibemann sich an bem Gesuch um die Antrittsaudienz nicht beteiligen würbe.
demonstrative Verweigerung der hergebrachten naqen, Richweiler, Bochum, Duisburg | Höflichkeit gegenüber bem Monarchen ist bann ja i schlisse eingerichtet oder nahezu vollendet.