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M 44-

Freitag 2S. Sebnar 59. Jahrgang.

Fuldaer W Zeitung *

2. Blatt.

•«< «H Verlag ler 8*U«tr Äctitit>rw<t«l i« 8*1»«.

* „Die katholische Kirche imponiert".

Ein Lob für die katholische Kirche und das Zen- Irum finden wir in Rr. 76 der „Kreuzztg". Dort untersucht ein Herr Pfeiffer aus Quitzöbel die Frage uom konservativen Standpunkte auS: „Welche Konsequenzen haben wir aus der Reichstagswahl zu ziehen? Er kommt zu dem Schluß, daß der Wahl- aussatt eine Anklage gegen die staatserhaltenden, königstreuen Parteien sei. Unter letzteren versteht er, iöie aus dem Artikel klar hervorgeht, die konser­vativen und verwandten Parteien. Ganz richtig sagt er, es sei an der Zeit, das Bolk konservativ zu bearbeiten Daß er das evangelische Bolk meint, geht aus folgender tstegenuberstellung her­vor, die die katholischen Zentrnmswähler nur mit Genugtuung erfüllen kann.

„Eine der bittersten Erscheinungen der Wahl ist di- politische Bedeutungslosigkeit der evangelische, Kirche, während das Zentrum unerschüttert ist und die katholische Kirche säst wie ein Hort v aterländt scher <xktnnung dasteht. Die ein­zigen zuverlässigen Fr^iide der evangelischen Kirche sind die Konservativen, die Sozialdemokratie ihr offener, der Fortschritt ihr heimlicher Todfeind, die National- liberalrn meistens nur sehr schwache Fremide. Man sagt, die Katholiken werden in der Dummheit erhalten, der Beichtstuhl erkläre die Erfolge de» Zentrums. Man täuscht sich mit solchem Trost. Die Schulen unter­stehen nicht der Kir.s e, sondern dem Staat, er erhält sie nicht in der Dummheit. Wir leben in der größten Oeffentlichkeit, der römische Priester kann nicht hindern, daß die freiheitlichen Ideen in die Kreise seiner Paro- chianen dringen. Zum Beichtstuhl schleppt kein Zwing wie ehedem.

Aber die katholische Kirche imponiert. Sie ist eine Organisation im Volke, welche sich selbst regiert und "auch wirklich regiert, eine Organi­sation, welche unier Umstänoen der Obrigkeit scharf opponiert. Die evangelische Kirche gilt im Volke nur als "Appendix des Staates, als eine Veranstaltung des Staates, das Volk im Gehorsam zu hallen. Die evangelische Kirchs macht dem Volke den Eindruck der größten Anarchie. I. folge ihrer Staatsgebundenheit darf sie nicht bloß ihre Glieder nicht in wirkliche Zucht nehmen, sondern muß es tragen, daß ihr Bekennt­nis von ihren Lehrern geleugnet werden darf, und steht so als eine Kirche da, welche auf sich selbst nichts gibt, nicht hochhält, ivas sie lehrt. Eine Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche muß kommen, nicht, daß ein evangelisches Zenltum gebildet werden könne oder die evangelische Kirchs herrsche, sondern daß sie mit den Ewigkeits- mächien das Volk richtig beeinflusse, und zwar auch in seinem Vaterland-gefühl. Die konservative Parlet muß in dieser Angelegenheit sühreno werden, damit Staat und Kirche hierbei möglichst wenig leiden.«

Tor Schluß des Artikels fordert nochmals die Anspannung aller Kräfte und die Geltendmachung der autoritativen Weltanschauung. Die Hilfe solle die konservative Partei nicht vom Staate erwarten, sie solle vielmehr dem Staate helfen.

Deutsches Keich.

□ Quertreiber. Unsere Leser werden uns be­stätigen, daß wir sie nicht oft mit den Klagen und Angriffen, die von einigen Leuten gegen die sogen. Kölner Richtung im Zentrum erhoben wur­den, behelligt haben, weil wir keine besondere Köl­ner Richtung, sondern nur eine von der gesamten Zentrumspartei allgemein eingenommene Rich- iung haben. Was jene Leute wollen, sind theore­tisch- Spintisierereien, über welche die harte Praxis ?m Tagesordnung übergeht, Daher ist der Kamps gegen die „Kölner Richtung" ein Kamps gegen WmdmühlenMgek und höchst überflüssig. Aber er ist heute noch mehr: er ist ge m e i n g e s ä h r l i ch geworden. Jene Gruppe von Ueber-Katholiken treibt neuerdings ihre Quertreiberei bis zur Grün­dung einer „Katholischen Aktion für Deutschland", sie versendet von Breslau aus Flugblätter und „Weckruf gegen die Bewässerung des deutschen Ka­tholizismus". Das geschieht unter dem Namen des Grafen Oppersdorff. Man sieht, wie recht die Zentrumsfraktion tat, als sie dein Grafen Oppers­dorfs den Eintritt in ihre Reihen versagte. Die Li­beralen nehmen mit größtem Entzücken Kenntnis von der Oppersdorfterei. „Es brennt im Zentrums- turm", jubelt die „Köln. Zeitung". Als ob das katholische Volk um den mißvergnügte» schlesischen Grasen sich einen Deut kümmerte. Unsere Gegner mögen ihre Erwartungen nur nicht zu hoch schrau-

Das Amulett.

13! Seeroman von Jos. Baierlein,

Doktor Jephsou und sein Sohn hatten von dem .urchtbaren Drama, das sich auf Deck abgespielt hatte, keine Ahnung. Beide befanden sich im Salon, wo der Arzt dem Supereargo jenen Beistand ange­deih?» lie^ den ihm dessen Zustand zu fordern schien. Auf den ersten Blick hatte der Dokwr erkannt, daß Hartem in einer sehr schweren, ja geradezu gesähr- liche«- Lethargie, in einer Art Schlafsucht lag, die nach dem Genuß von narkotischen Giften, aber auch nach alkoholischen Exzessen and bei Gehirnkrankhei­ten eintritt und oft mit dem Tode endet.

Ta er nun der Meinung war, der Supercargo habe infolge der übermäßigen Hitze einen Schlag- slutz und dadurch eine Lähmung des Gehirns erlit­ten, wandte er alle Mittel an, die ihm für diesen Fall geboten schienen. Er lockerte dem Kranken die Halsbinde und die Kleider, kegte seinen Kopf höher, wusch ihm die Schläfen mit aromatischem Essig, den er im Medikamenten-Kästchen mitführte, hielt ihm einen mit Essigäther getränkte» Schwamm vor den Mund und flößte ihm belebende, herzstärkende Tro­pfen ein.

Alles vergeblich. Der Supercargo war absolut nicht aus deni Schlas zu erwecken; sein Röcheln wurde immer beängstigender, der Herzschlag immer unregelmäßiger und schwächer, der Puls war kaum Mehr zu fühlen. ,

„Wenn ich nicht genau wüßte, daß Herr Harton heute nur eine Kleinigkeit Branntwein, noch hazu mit Wasser vermischt, getrunken hat, so würde ich «uf die Folgen von Alkoholmitzbrauch diagnostizie­ren," sagte der Doktor zu seinem Sohn. „Denn der Kranke leidet nicht nur an hochgradiger Schlaf­sucht, sondern auch an einer solchen Abspannung der Herztätigkeit, wie sie gewöhnlich nach unter Orgie« durchwachte« Nächten, oder nach Genuß von narko­tischen Pflanzengiften sich einstellt. Aber wie ge­zagt: da- bischen Magenbitter konnte Harton nichts

ben —- die unausbleibliche Enttäuschung könnte zu arg weichen. Das katholische Boll pfeift ouf jene Gesellschaft, die nicht» zu tun weiß als durch Nörge­leien und Quertreibereien verdienten Männer« der katholischen Oeffentlichkeit die Arbeft zu verbittern. Wenn e» den Herrschaften in unserer Partei nickt gefallen hat — gut, so mögen sie draußen die Türe zumachen! Unfern Lesern geben wir, um der publizistischen Pflicht zu genügen, Kenntnis von der Katholischen Aktion", die so gar nicht katholisch ist. Sollte die „schlesische Richtung" sie mit ihren ebenso überflüssigen wie schädlichen Druckerzeugnissen be­helligen, so wissen sie, wa» sie damit zu tun habe».

Ans dem Nachbargebiete.

♦ Alsfeld, 21. gebt. 1912. Der Stadtvorstand »eschloß in seiner gestrigen Sitzung die Herab- etzung des elektrischen Strompreises ür Lichtzwecke von 50 auf 40 Pfg. per Kilowatt- tunde. In nicht öffentlicher Sitzung wurde über Errichtung einerGarnison beraten.

* Brückenau, 21. gebt. 1912. In der Billa Heil zu Bad Brückenau wurde eingebrochen. Der Besitzet Bernhard Heil hat seinen Wohnsitz wähtend des Winters nach Schweinfurt verlegt, sodaß zurzeit im Hause niemand wohnt. Aus diesem Grunde kann auch vorerst nicht gesagt werden, wie hoch sich der Wert der gestohlenen Sachen beläuft.

* gtankfnrt, 22. gebt. 1912. Heute früh wurde auf dem Hauptbahnhofe eine ledige Frauensperson im Alter von etwa 20 Jahren und ein verheirateter Mann, der einige Jahre älter war, verhaftet. Beide kamen aus Basel und hatten ihre Kleider voll­ständig mit dem Süßstoff Saccharin, das be­kanntlich in Deutschland verboten ist, ansgestopst. Im ganzen hatten sie ettva 24 Kilogramm Saccha­rintabletten geschmuggelt. Das Paar ivurde von Basel ab von Zollbeamten verfolgt. Es handelt sich vernultlich um Ausländer.

* Witzenhause«, 22. Febr. 1912. Der Lohn- a u s st a n d der Arbeiter der hiesigen Papierfabrik von Staffel, welche auch Papier für die Reichs­druckerei in Berlin anfertigt, ist beigelegt worden, nachdem die Forderungen der Arbeiterschaft von der Firma erfüllt worden sind.

* Kassel, 22. Febr. 1912. Der Finalab- schluß der Stadt Kassel für 1910 schließt mit einem rechnungsmäßigen Ueberschuß im Ordiua- rium von 271 597 Mark ab, trotz des erstmaligen Ausfalls an indirekten Steuern von fast Yz Million. Die Finanzlage der Stadt wurde in der gestrigen Stadtverordnetensitzung als durchaus günstig bezeichnet. — Am Bahnhof Elgershausen wurde durch einen abfahrenden Zug der 18i/>jährige Ar­beiter Heinrich Barthel von hier tot gefahren.

* Aus Thüringen, 22. Febr. 1912. In Gefahr kam in Bad Blankenburg ein junges Mäd­chen dadurch, daß es in einem Schubfach einen Gegenstand suchte und dabei ahnungslos ein von einem jüngeren Bruder dort versteckt gehaltenes ge­ladenes Terzerol berührte und zur Entladung brachte. Der Schuß ging in den Oberarm, ohne glücklicherweise schwerere Schädigung zu verursachen. — In einem Caftz in Jena spielte ein Student mit einer geladenen Pistole, die Waffe entlud sich und eine Kugel fuhr über dem Kopf eines Gastes in die Wand. — In Neustadt a. Orla sind drei Wohnhäuser niedergebrannt.

Ami Geisa und Umgebung.

Vacha, 22. Febr. 1912. Gestern mittag wurde die Frau des hiesige« Sattlermeisters W. verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis des Landgerich­tes zu Eisenach ein geliefert. Es schweben gegen W. Anklagen wegen Kuppelei, Brandstiftung usw. — Den hiesigen Hausfrauen steht in Kürze eine unangenehme Ueberraschung insofern bevor, als vom 1. März ab die M i l ck p r e i f e nochmals erhöht werden sollen.

* Dermbach, 22. Febr. 1912. In den Fluren Urnshausen-Roßdorf kommt cs häufig vor, daß die Schulkinder sich an den Drahtankern der Pfähle für die Starkstromleitung zu schaffen machen. Durch das Schütteln an diesen Ankern kann es vor- kommen, daß die Leitungsdrähte zusammenschlagen,

wodurch eine oft nicht unerhebliche Störung in der Stromznfnhrung eintritt; aber auch mit Lebensge- fahr ist ein derartiges Treiben der Kinder verbunden.

Aus Gberheffen u. den Hess. Remtern.

'+ Marburg, 20. Febr. 1912. Man schreibt uns: Das Gerlachblatt, die „Hessische Lan­deszeitung", gab auch diesmal wieder eine Fastnachtsnummer heraus. In früheren Jahren enthielt diese Nummer manch guten Witz und treffende Satire, ohne die durch Anstand und Sitte gezogenen Grenzen $u überschreiten. Bon der heurigen No. kann man das nicht sagen. Der redakttonelle Teil bietet mit wenigen Ausnahmen nur oberflächliches, geistloses Zeug, unter dem die „Berhohnebibelei" be8 AbgeoUmeten Rupp einen breiten Platz einnimmt. In Punkto Reichstagswahl scheinen die Hühneraugen der ,Z>ess. Landesztg." noch am meisten zu schmerzen. Wer aber Witz in diesem Geschreibsel sucht, der sieht sich arg getäuscht. Etwas Dümmeres und Einfältigeres, wie der „Brief des Reichstagsabgeordneteik" ist wohl lange nicht geschrieben worden. Aber Beachtung verdient es doch, namenllich seitens der Landbewohner, (Bauern, Handwerker und Arbeiter) deren Schulbildung, Sprache und Lebenskenntnis hier so dumm-dreist verhöhnt werden, bo>; doch man­chem die Augen aufgehen können über dre wuhre Ge­sinnung, die auf der Redaktion der Hess .Landesztg. gegen das Landvolk herrscht. Kann mau über die­ses Armutszeugnis noch mit einem mitleidigen Lä­cheln hinweggehen, so müssen aber das Vermischte und der Inseratenteil die Entrüstung jedes anstän­digen Menschen herausfordern. Was hier stellen- tocts geboten wird, das überschreitet entschieden die immerhin weiter gezogenen Grenzen der Fastnachts- satire. Das Vermischte ist eine solch n i e d r ig e Sndelei, die so ungeniert den Kloakeudunst der Großstadt atmet, daß man sich nur mit einem kräf­tigen „Pfui Teufel'" abwenbeu kanu. Das Gleiche gilt von dem „Aufruf zur Gründung eines Mäd­chenheims", zwischen dessen Zeilen der haarlose Schädel lüsterner Lebemänner frech herausschaut. Ein Teil der Anzeigen steht auf demselben Niveau. Näher auf dieselben emzugehen verbietet der An­stand. — Wenig Witz urcb wenig Geist, aber umso­mehr moralischer Mist, das ist die üiote, die man unter diese Fastnachtsnummer setzen tarnt. Jeder Boden liefert eben die seiner natürlichen Beschaffen­heit entsprechenden Produkte. Guter, kräftiger, ge« haltr-icher Boden liefert gute Erzeuguisse; ftmtpfiges Laub - 'm. trägt wertlose, giftige Pflanzen itnb Stinkgräser.

* Bürgeln bei Marburg, 22. Febr. 1912. Hier stürzte bie Mauer eines Neubaues in sich zusammen. Verletzt würbe niemanb.

* Ziegerhain, 21. Febr 1912. Einen für bie Bewohner unserer Stabt und Umgebung wichtigen Beschluß haben bie städtischen Behörden gefaßt. Er betrifft die Angliederung einer Untersekunda an die höhere Schule. Es kann danit später die Ab- schlußvrüfung hier abgelegt werden.

* Niedergrenzebach b. Ziegenhain, 21. Febr. 1912. Unter dem Rindviehbestande des Wagners Knaufs dahier ist die M i l z b r a u d s e u ch e ausgebrochen.

* Fritzlar, 22. Febr. 1912. Ein interessan­ter Prozeß scheint zwischen einigen Gemeinden und dem waldeckischen Domanium zu entstehen, bei dcm es sich um die Frage handelt, ob die Eirtwohnec dieser Gemeinden daS Recht habe«, Wasser aus dem Sauerbrunnen „D o n a r q u e l k e" bei Geismar zu entnehmen. Dieser Brunnen gehörte früher dem kurhessischen Staat. Aus alten Schriftstücken ergibt sich, daß der Brunnen Ansang des vorigen Jahr­hunderts ein sehr gesuchter Badeaufenthalt war. Der Brunnen liegt etwa 20 Minuten von hier an der Straße Geismar-Züschen in geschützter, waldreicher Gegend. Die Quelle soll die dieselben Eigenschaften besitzen wie die Wildungcr Quellen. Das Brunnen­haus ist noch vorhanden, die Quelle ist gefaßt unb sprubelt noch heute. Die noch sichtbaren Anlagen deuten darauf hin, daß hier einmal viel Leben ge­wesen ist. Durch die besseren Einrichtungen von Wildlingen zog sich allmählich der Verkehr dorthin, der Sauerbrunnen wurde jedes Jahr weniger be­sucht und schließlich verkaufte der hessische Staat das ganze Anwesen an einen Privatmann. Vor länge­

ren Jahren hatte sich ein Konsortium gebildet, wel­ches sich zur Ausgabe macht, dem Sauerbrunnen wieder Gäste zuzuführen; die Sache scheiterte aber daran, daß das angrenzende, zu einem Par! geeig­nete Gelände nicht käuflich war, es wurde zu viel dastrr verlangt unb so schlief bie Sache wieber ein. Bei dem Verkauf an ben Privatmann toirrbe aus­drücklich zur Bedingung gemacht, daß bie Rechts der Einwohner von Züschen, Geismar, Habbamar unb Fritzlar auf kostenfreie Entnahme von Wasser bestehen blieben. Als bas Domanium von obigem Projekt erfuhr, erwirkte es sich ein Vor­kaufsrecht unb hat schließlich bie Quelle auch leitet gekauft, um sich die Konkurrenz fern zu halten. Jetzt macht man angeblich jenen Gemeinden das Recht auf Wasserbezug streitig und es soll die Au-» gelcgenheit im Prozeßweg entschieden werben.

vermischtes.

* Einen originellen Kamps gegen die Wanber- lager fuhren bie Schuhmacher tit Mellbergeu in Westfalen. Dort ist ein Schuhwareuwanberlagcr eröffnet worben. Die Schuhmacher waren aber nicht auf bett Kopf gefallen itnb einigten sich kurzerhand zu einem Gegenstreich Sie mieteten eineu M ö- belwagen, füllten ihn mit eigenen Schuhware» und beförderten dies rollende Wanderlager, in denen zwei Meister den Berkattf an das Publikum besorg­ten, unmittelbar vor das Haus, tn dem das fremde Wanderlager aufgeschlagen wordett. »Natürlich ist das Pnblikttm der lachende Drifte, da es jetzt die Schuhwaren billiger als vordem erhält. Wer den Kürzeren ziehen wird, bleibt abzuwartcit.

♦♦ Verurteilung eines sozialdemokratischen Ter­roristen. Die Strafkammer zu Stcudal verur­teilte den sozialdemokratischen Fabrikarbeiter Heink zu drei Monaten Gefängnis. Heink hatte einen Mitarbeiter, der bei der Wahl in Tangermünde einem bürgerlichen Kandidaten seine Stimme geben wollte, daran zu hindern versucht, indem et ihm zu- rief: „Wenn du den wählst, schlagen mir b i t bie Knochen entzwei!"

* Der Prozeß gegen eine dreifache Giftmörderin begann am Mittwoch vor der Strafkammer in G rauben z. Die schwere Anschuldiquna richtet sich gegen bie 50jährige Besitzerswitwe Karoline Kieper aus Klein Siepfau im Kreise Schwetz. Im einzel­nen geht bis Anklage bahin, baß Frau Kieper am 6. Januar 1901 ihre 73jährige Mutter, am 8. Ja­nuar 1901 ihren fast 80jährigen Stiefvater unb Tm Januar 1911 ihren Ehemann vergiftet hat. In fämtlichen Leichen würbe Arsenik gefunben.

♦ Den Friedhof geschändet, um Fastnachtsgelb zu erlangen. In Metz hat ein vorbestrafter Mensch nachts bie Mauer bes Friebhofs überstiegen, nm au Gräbern unb Grüften Messingketten loszureißen unb in einen Sack zu tun. SDlit feiner schweren Bente verließ er auf bem Weg, ben et gekommen, wieder den Friedhof. Auf dem Heimwege fiel der Dieb einem auf dem Patrouillengang befindlichen Schutz­mann auf. Dieser verhaftete den Burschen. Tie ge­stohlenen Messingketten wollte der Gräberschäuder verkaufen, um Fastnachtsgeld zu erlange».

* Selbststellimg eines Defraudanten. Der Post­assistent Kopriwa, der nach Unterschlagung von 17 000 Mark aus Wildmschwert in Vöhnien ge­flüchtet und auch in Berlin gesucht worden war, stellte sich selbst dem Bezirksgericht in khrubim und gab dort von seiner Beute 8500 Mark heraus.

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schaben, unb Pflanzengift, — wie hätte er auf die­sem Schiff zu einem solchen komnien können? Es bleibt mir also nach wie oor nur die Annahme übrig, daß er vom Schlag gerührt wurde."

Was immer aber auch der Grund von des Su­percargos gefährlichem Zustand sein mochte, das Auge des erfahrenen Arztes fand bald, daß das Leiden rasch einem tödlichen Ausgang zuneigte.

Plötzlich hörte das Röcheln auf — der Atem stockte und der .Körper streckte sich. Der Supercargo Harton, noch am Morgen frisch und munter, wär aus dieser Welt geschieden.

Der Doktor deckte ein weißes Tuch über das blasse, vorn ginget des Todes berührte Gesicht. Ro­bert lehnte an der Wand de? so schnell in eine Lei- chenkammer umgewandelten Salons nnd schluchzte bstterlich. Er hatte noch niemals einen Menschen sterben sehen; deshalb hatte ihn das Hinscheiden des Supercargo in tieffter Seele erschüttert.

„Die Hand Gottes liegt schwer auf diesem Schiff," sagte der Arft seufzend. „Frau Tibbs unb Helene, bann bet Kapitän selbst, und jetzt der Supercargo, alle sind plötzlich, ohne vorhergegangene Krankheit, aus bem volle» Leben heraus vom Dobe weggemäht worben. — Ich will auf bas Verdeck gehen, um Go­ring, der ja jetzt Befehlshaber ist, den neuen To­desfall zu melden."

„Laß mich mit, Vater!" bat der Knabe. „Ich fürchte mich, bei der Leiche allein zu bleiben."

„Komm, mein Sohn!" sagte der Doktor.

Als der Doktor da» Deck betrat, sah er ben Quarterone am Mast stehe«. Er ging auf ihn zu unb sagte:

„Ich habe Ihnen eine betrübend« Mitteilung zu machen, Mister Goring: Soeben ist unser Sitper- cargo am Schlagfluß gestorben."

Nicht tm geringste« überrascht, fragte Goring nur höhnisch lachend:

„Am Schlagfluß? Wiff«l Sie das gewiß?"

„Alle Anzeichen spreche« dafür."

„Sie find ein Stümper, Doktor!" erwiderte der andere srech. „Ich will es Ihnen besser sagen: Der Lasse ist gestorben, weil ich ihn vergiftet hab«.

Der Doktor trat entsetzt einen Schritt zurück; er glaubte, Goring sei jählings wahnsinnig geworden, denn so könne nur jemand reden, wenn er den Ver­stand verloren habe.

„Wie — wie — ist das möglich?" stotterte er.

„Ach, Sie möchten gerne wissen, wie ich mir das Gift verschafft habe!" antwortete Goring leichthin. „Auf die einfachste Weise von der Welt; ich habe es Ihrem Arzneikasten entnommen."

bereits befindet."

Erst jetzt bemerkte bei Arft, daß die Schwarzen wieder auf Deck waren, obwohl Hehsou erst vor kur­zem mit seinen weißen Matrosen die Wache bezogen

hatte. Mtt stockender Stimme fragte er daher: „Wo ist Hehsou? Wo sind die anderen?" „Ueber Bord!" antwortete Goring mit cyuischem

Lachen.

„Ueber Bord? Sie haben also alle Weißen ge« mordet?"

Ich mischte ihm heute Laudunum statt Magenbitter I schicken zu können, wo sich unsere weiße Mannschaft unter das Wasser." S i.prpita fipfinhpf"

„Grundgütiger Himmel!"

„Ja. Als ich nämlich neulich vorgab, ich hätte Zahnschmerzen, war das nur eine Ausrede. Ich befand mich pudelwohl; aber ich wollte erfahren, wo Sie Ihr Saubanum aufbewahrten, drum ließ ich mir ein paar Tropfen auf Zucker träufeln, ben iöy ins Meer warf. Ich brauchte ja bieses Mittel nicht. Doch hatte ich gesehen, baß bas Gift in einem mit Messing beschlagenen Reisekoffer war unb daß am Arzneimsten der Schlüssel im Schloß stecken blieb. Da Sie sich nun mit Ihrem Knaben oft und lange auf dem Verdeck aufhalten, paßte ich die gelegene Zeit ab, schlich mich in Ihre Kabine und holte mir von bem Opium so viel, als ich nötig hielt, um einen verhaßten Menschen ins Jenseits zu spebiere«. Es war gar keine Kunst babei, baS Gift zu er­wischen." *

„Abscheulich!"

„Abscheulich ober nicht, habe ich gleichwohl mei­nen Zweck erreicht. Ich mußte lange warte», bi» sich em Anlaß bot, ihm ben Schlummersast zu rei­chen. Aber heute schickte sich's gut. Der Super­cargo schluckte baS Gift in der Meinung, Magen­bitter zu trinken."

„Aber aus welchem Grunbe haben Sie ihn ver- Siftet? Warum war der Supercargo Ihnen ver- aßt?"

„Weil er ei» Weißer war unb weil ich alle Wei­ße» töbstch hass«. Auch Sie, Doktor —1 auch Sie und Ihren Jungen. Ich gestehe offen, daß es mich schwer ärgert, Euch beide nicht nachträglich dorthin

„Oder eigentlich morden lassen, was übrigens aufs nämliche herauskommt. Ich bedauere nur, daß ich Ihnen nicht das gleiche Schicksal bereiten darf. Aber Ihr Junge besitzt das Amulett mit der schwar­zen Hand, und da mußte ich meinen Leuten ver­sprechen, ihn unb Sie zu schonen. Sonst — wäret Ihr zwei auch schon über Borb geflogen."

Dem Doftor trieb bie Entrüstung bas Blut zu Kopfe.

„Schurke! Nieberträchtiaer Schurke!" rief er.

„Gemach, alter Mann!" gab Goring mit eisiger Ruh« zurück. „Sie können mich nicht beletbigen. Setzen Sie sich mal bort auf den Lukeubeckel! Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen unb Sie sol­len bieselbe, weil ich Sie boch meinem Haffe nicht opfern barf, als mein Bote weiter verbreiten, sobald Sie nach Amerika zurückaekehrt sind. Hören Sie also: Sie werde« der Raffe der Weißen, dieser gro­ßen Rasse von Unterdrückern, die ich verabscheue, verfluche und bis zum Tode verfolge, eine Nachricht überbringen! Verkünden Sie überall, daß ich fett zwanzig Jahren das Blut von Weißen vergossen habe; daß ich sie mordete, wo ich sie fand, b,S e» mir selbst langwellig wurde; daß ich ihn«« den Tod gab, ohne in Verdacht ftl geraten oder enLeckt zu werde«, weil alle Maßregeln, die ihr Scharfsinn nut entdecken konnte, an meiner Vorsicht und Schlauheit schetterten. Unb warum sollte ich Ihnen verschwei­gen, tote der Haß gegen bi« Weißen sich in Meinem Innern einwurzelte?" < te *

(Fortsetzung folglj