Aldaer M
A.parzrllrr w Mda. w-chE-se- ,M«Merte SomltagrMiug«
FulÄa, Montag den 19. Februar 1912.
finjthtn: ver Raus tlxer tim»dolonel» BUe, 47 nnn breit, etispfg. Rtflamtn:
Per Hanm einer Gele« ndjeiie, 74 mm breit, kostet 4S Pf» Sei wie. öerhelmiges Rabatt Kür SKert- u Xaslunft» aw$tigee 22 Psg. extra.
vetalion sdrnck
ILgNch mit Hwatafime »er »o m- «,O Stiertest *Htefr (äK’ifietiW* »ds »tytt Srixaerio?^ «sd vefteLgelorrrKskdaso- rvle £1115X^^^50 iHl.
yermitw. Rebahättr: «qrtz ZchAttr;
Zeitung u. Datei der Kllldaer üloitatsbeUage: „Kuldütt SefchichKHM«" M
muog in der französischen Presse mau drüben sich, dasi auch bei unS eine patriotische ©ttrnmung vorhanden war. Und da habe ichzu ^aß auf keine Anfrage gesagt, waS er in der Alldeutschen Der. fammlun^ in der er sprechen wollte, sagen sollte. (Aha! bei den ©oz.) Wären Sie zu mir gekommen and hätten mich gefragt, ich hätte c« Jhwen auch gesagt. Der Staatssekretär äußert zum Schluß sein Bedauern, daß er und die anderen beteittgten Herren in der Gerichtsverhandlung rächt vernommen worden ^Abg. Gröber (Zentr.) spricht über das jährliche Verzeichnis, in dem die Entschlüsse des Bun» desratS zu de» Jniativantragen des Reichstages zusammengestellt werden. Das hätte längst geschehen müssen. Der Redner fragt an, ob die Angelegenheit dadurch, daß der Bundesrat von ihnen Kenntnis nimmt, formell erledigt sein sollen, cfoet ob sie werter den Bundesrat beschäftigen. Zur Frage der R e i ch S k a n z- lerverantwortlichkeit erklärt der Redner. Ich frage den Herrn Reichskanzler, was soll denn die staatsrechtliche Verantwortlichkeit des ReichsmnzlerS, die doch rechtlich besteht, bedeuten, wenn es nicht möglich ist, einen Vorstoß gegen die Wohlfahrt Les Reiches, also ein politisches Vorgehen, zu definieren. Dem Kollegen Mumm gebe ich darin recht, daß cs für alle Parteien, nicht nur für die Nationalliberalen, sehr unangenehm ist, wenn die Stichwahlen nicht an entern Tage stattfinden. In der Zwischenzeit werden dann allerlei Intrigen genial, die bei einheitlichen Stich. Wahlen unmöglich find. Die Stichwahlen sollten an einem Tage stattfinden. Dem Wunsch, die Wahl. Prüfungen einem besonderen Gerichtshöfe zu uber- lassen, können wir nicht beitreten. In Elsaß-Loth- ringen haben wir zwar bieS; aber wir können da noch nicht von Erfahrungen sprechen, die eS rechtfertigen würden, ein so wichtiges Recht des Reichskanzlers abzugeben. Gegeben ist ein solches Recht rasch, wiedergewonnen nicht leicht. Warten wir längere Erfahrungen in Elsaß-Lothringer! ab. Auch die W a h I« kreiseinteilung hat in den bisherigen Verhandlungen eine grcfte Rolle gespielt, besonders Herr v. Payer war der Meinung, daß die Wahlkreiseintei- lung abgeäudert werden müsse. Gewiß, Mängel find zuzugebcn, aber ob die Mängel so groß find, daß mau nun aus ihnen eine neue Wahlkreiseinteilung herleiten kann, scheint mir etwas zu weit zu gehen. Warum verlangen Eie (zu der Fortschrittlichen VolkS- partci) überhauvt eine Aenderimg der Wahlkreiseinteilung? Dock nnr deshalb, weil Sie für Ihre Partei mit dem Ergebnis der ReichStagSwahlen nicht zufrieden sind. Sie erhoffe« tarn einer Aenderung der Wahlkreise eine Verstärkung ihrer Partei. (Sehr richtig! links.) Sie wollen der städtischen Bevolke- rung ein Nebergewicht geben gegenüber der ländlichen. Sie wünschen sich eine Mehrheit herbei zur Bekämpfung unserer Schutzzollpolitik. Wir sind der Meinung, daß die Interessen der Landwirtschaft nur dann gefilchht bleiben, wenn bei den Wählkreisen nicht bloß mit der Zahl der Bevölkerung, sondern auch m i t der Bodenflüche gerechnet wird. Wir sind gewiß nickst gegen die Städte, aber wir bitten doch M bedenken, daß auch die Landwirtschaft ein Recht auf Vertretung hat. Denn die Landwirtschaft ist cs doch in erster Linie, der wir eine so große Geburtenzahl zu verdanken haben, und die Landwirtschaft ist es auch, die die meisten Rekruten in die Kasernen schiikt. (Sehr richtig! im Zentrum und rechts.) Und, wie gesagt, bei ernsthafter Prüfirng dieser Frage wird man nicht bloß an die Zahl der Wähler denken, sondern man man muß gerechterweise auch die Interessen deS Landes berücksichtige«. Bedenke« Sie auch, meine Herren, daß cs für die auf einem engen Raume zufammen- wohnendim Wähler der Stadt viel leichter ist, ihr Wahlrecht aitSguüben, wie für die Landbewohner, die zuweilen eine Tagesstunde durch Schnee und Regen müssen, um chr Wahlrecht auszuüben. Eine absolute Gleichheit wird sich niemals erreichen lassen. Wir sind aber der Meinung, daß eine allgemeine Revision der Geschäftsordnung dringend nötig ist. Der Wett- lauf mit den Anträgen zu Beginn der Session sollte man dadurch abfchwächen, daß man nach der ^Stärke der Parteien die Reihensvlge der Initiativanträge für die Beratung festsetzt. De« Abg. Junck möchte ich sagen, daß der Abg. Spahn nicht auf Beschluß der Fraktion sein Amt als Präsident niedergelegt hat, sondern aus fr ei er Entschließung. Allerdings in Ucberemstimmnng mit der ganzen Fraktion. (Sehr richtig im Zentr.) Der Abg. Funck war am wenigsten dazu berufen, diese Stellungnahme unseres Kollegen anzuzweifeln, denn wer im GlaShause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Sehr richtig! Herr Paasche — weiter will ich nichts sage«, meinem altverchrten Kollegen Paafchc zuliebe! (Heiterkeit.) Wie ist es denn bei der Präsidentenwahl 1607 zugehöriger»? Da- mals haben die Vlockbrüder die Sacke gut gemach, und Sie (nach rechts und links wesdend) find für de« da» maligen Beschluß gLichermaßen verantwortlich. Nu«, meine Herren im liberalen Lager, wenn Sie heute für die stärkste Fraktion den ersten Präsidentenstuhl verlangen, so betrachte ich das als ehre Erleuchtung, die Ihnen 1907 uns gegenüber gefehlt hat. (Sehr richtig! im Zentrum.) Damals sind wir durch Ihre« Beschluß von der Berechtigung, den erste« Präsidenten zu stellen, ausgeschlossen worden. Allerdings, «eine Herren im liberalen Lager, haben ©tt 1907 nur dasjenige gemacht, waS Sie in frühere« Jahrzehnten, in bett 70er und Mer Jahren aetas habe«,
damals, wo das Zentrum ebenfalls schon einen w ä auf mindestens einen Vizepräsidenten hatte. Lucy damals haben Sie ihm die Gewährung dieses
6 " s »8 t. SBerm die Liberalen die M e h r, habe« s« «ttürlick Anspruch auf de« ersten Präsidenten; habe« sie nicht die Mehrheit, ^nn. «atüslich mehr wett als die andere». lHettcrkert.) . Da« ist «im einmal di« Bescheiden- 1* 1 x??tr2leTL Dw stelle« sich vor, sie feien
me Führenden, auch wenn sie noch so sehr von ihren Fretmden zur Linken geführt und geschoben werden. (Lebh. Zustimmung im Zentr. und rechts.) Verlangen Sre von der Regierung einen neuen Kurs, so kann es nur cm sozialdemokratischer Kurs sei», denn eine l i. °"ale Mehrheit gibt es nicht. Ist der Ueberfchuß von 1911 wirklich so enorm, wie der Sckatzsekretär sagt, ?-°Au *La”n di« neuen Steuern? (Hört, hort!) DaS werden wir uns überlegen. Unverstand, "ch ist uns ine Haltung des Reichskanzlers, der die bürgerlichen Parteien wieder zusammenbringen will und den Streitapfel der E rb an fa Ilst e ü e r bin- einbrmgt. Ich bin neugierig, ob Herr Iunck jetzt einen gangbaren Weg für die Erbschaftssteiwr weiß. ~n,e®u^6nnuS deS staatlichen Erbrechts wäre bedenklich, würde «fihtS einbringen und, wie ein Mitglied ■eines Bundesstaates uns erklärt hat. viel Schur «ni> toentg Wolle bringen. Die Matrikularbeiträge si»d notwendig als beweglicher Faktor. Die Ausdehnung der Einkommensteuer auf das Reich wäre das Ende
Deutscher Reichstag.
Sitzung vöm 17. Februar.
Die Generaldebatte zum Etat wird fort^setzt.
Abg. Lcdebsur 'Sog.): Drei Bußprediger träten gestern auf. Graf Posadowskh, der Reichskanzler und Licentiat Mumm. Herr Mumm hat wie arn Tage des jüngsten Gerichts dem armen Sünder die ewige Der- dammnis geblasen; wenn nur der ferner ®orte der Salbaderei entsprochen hätte! Der Redner wmdet sich gcqen die Ausführungen des Abg. Mumm uvc VormL im Wahlkreise B-elesc-Id und wM demi W Mumm Velenmdung des früheren Abg. Scverlng r«n Er spricht von „Mummerei", und dre Sozmldemokntt«! macken Zurufe wie: ^Rummpitz"., Der Reichsranzhr ist wieder nicht da. Er hat nicht die Kourage, die von ihm unerhört hcrausgeforderte Kritik anzuhoren. E, der Burcaukrat von höfffchen Gnaden, der al- strebsamer Beamter in fein Amt gekommen ist, p u tz t d e n Reichstag herunter, weil er irgend wen tn das Präsidium gewählt hat: das ist eine unerhörte Anmaßung. (Sehr richtig! links, Unruhe rechts und Rufe: zur Ordnung!).
Präsident Kämpf: Das überschreitet d-e Grenzen der parlamentarischen Ordnung.
Abg. Ledebcur (Soz.): Herr Arendt, der selbstbe- ,talltc Verteidiger des Deutschtums, ist sogar über diese Handlung des Reichskanzlers zufrieden; aber ich warte ab, was die anderen Parteiredner sagen werden. Der Kanzler terrorisiert und bedroht die National- liberale«, droht ihnen bei den nächsten Wahlen mit Entziehung der Unterstützung. Das Volk hat gesprochen, Wir setzen seinen Unwillen in parlamentarische Taten um. Dem entsprechen unsere Anträge. Mit diesem bureaukratischeu Rcgierungssystem kommen wir nicht weiter. Sie phantastischen Illusionen von einer Mauserung der Sozialdcmokratie durch den Revi» s i o n i s m n s in eine bürgerliche Partei hinein soll man aufgeben. Wir können uns nicht ändern, wir sind eine proletarische Pattei. Die MeinungS- versckicdenheiten sind auch in dcn anderen Parteien. Es gibt jetzt nur noch eine geschlossene Partei, das ist die Partei Posadowsky. (Heiterkeit.) Und auch da können der ^ßofa" und der „Dowsky" einander grimmig in die Haare geraten. (Heiterkeit.) Der Reichs» karizlcr glaubt, über den Parteien zu stehen, tatsäch- lich haben wir alles andere als eine unparteiische Regierung. Das I n n k e r t n m, der Hof, die Ag r a r i er kommandieren. Wie jetzt in Bayern sollte man die "tegierung der Mehrheit dcs Parlaments entnehmen, das wäre der einzige würdige Zustand. Für die Regierung find die jetzt bestehenden Steuern ein Rührmichnichtan. Wir fordern zunächst Befeiti- g un g der schlimmsten Steuern und allmählich Ersetzung der indirekten durch direkte. Der Redner beginnt «ach zweistündiger Dauer seiner bisherigen Rede über bi« auswärtige Politik zu sprechen, verlangt Aufklärung über die Wibcrsprüchc zwischen bcn Erklärungen bcs Staatssekretärs v. Kibcrlen-Wächter und de§' Präsidenten des Allvcutfchcn Vereins, Elast, und fordert weiter unter Bezugnahme auf die Zeugenaussagen im Grenzbsten-Prozeß eine Erklärung, ob Deutschland Spitzel nach Agadir geschickt und ob die deutsche Regierung verbrecherische tiin triebe tn Marokko angcstellt habe. (Präsident Kämpf rügt den Ausdruck.) Ledebour spricht weiter über russische Jude «Verfolgungen, bezeichnet sie als zaristische Barbarei und wendet sich gegen die russische Regiernug in schärfste» Worten. Daun greift er den Gouverneur Sotf an wegen seines Verbotes von Mischlingschcn in Sau ea. Dir skandalöse Wahikrctseinteiktmg muß beseitigt loerden. Wer diesen Zustand aufrecht erhält, bricht die Verfassung. Und wenn der Reichskanzler zeigt —
Präsident K stupf ruft den Redner zurOrdnung.
Aüg. Xicbcfesur: Ich weiß nicht, ob es sich lohnt, noch lange über den Reichskanzler zu sprechen, vielleicht werben wir ihn gar nicht mehr lange haben; ich habe so eine Ahnung. (Zuruf: Ahnungsvoller Engel!) Ich weiß nicht, auf welche Partei der Herr Reichskanzler sich noch stützen will. Run will man von allen Seiten bie Sozialdemokraten vernichten. Herr Graf Posadowsky verfucht es auf ethische Wei;-. Ich Bin
gern bereit, mit dem Herrn Grafen einmal darüber eine Diskussion zu veranstalten. Ich koiizemcre ihm zwei Stunden und ich will nur eine @ tur.be sprechen. (Große Heiterkeit, die sich darauf vezic. i, daß der Abgeordnete Ledebour über 2% ©tun» bsn ipricht.) Aber in ihren Wahlversammlungen haben
5- k«ne freie Diskussion gewahrt, höch- stens 10 Minuten. (Graf Pos«vowsky ruft: Dafür ist wem Versammln« gsleiter verantwortlich. Wenn ich als Redner amtrate und cs würde mir mein Wahlleiter das bieten, dann wurde ich WiLcrivrnck daaca-n erhellt. . (P-sad-wsky ruft: Stimmti ^bin Ln
eben den Unter- Ickicd der politnchen Moral. Lachen im q-iitrum Praudent Kämpf bittet den Sledn«, kerne ^iegefS SU ^hren.) Die deutsche Sozialbcmokratieist e'n^oh wend aes Prvbutt unserer Entwicklung, u^cht etwa ^n Produkt emet Setzarbc t. Wir werden dnrch die Re" gterung zwar gefordert, aber die trerbenbe @rr,H w die kapitalistische wutwicklung, bei dw Massen vrnE tarifiert. Die Zukunft ist bei uns. < Befall bÄ bm Sozialdemokraten. Jrom;che Bravorufe im Zentrum und rechts.) _
Präsident Kemps: Der Abg. Ledebour hat, wie Has Stenogramm beweist, nicht mir in hypothetischer Weise, wie ich cs zunächst pcgelaubt habe, sondern direkt der Regierung in der Marokkofrage verbrecherische Umtriebe vorgeworfcn. Ich rufe ibn deshalb zur Ordnung.
Abg. Ledebour: Herr Präsident! Ich habe nur gesagt, entweder....
Präsident Kämpf, nrit der Glocke unterbrechend: Sie haben nicht das Recht, Einwendungen gegen die 83er. Hängung des Ordnungsrufes zu machen, es sei denn in Form eines schriftlichen Protestes, über den dann entschieden toerben wirb.
Staatssekretär bes Auswärtigen Amtes v. Kiderlen- Wlül'tcr: Die Angriffe, bie der Vorredner gegen die Regierung unseres großen Nachbarstaates (Rußland) mit bent wir in Frieden und Freundschaft leben, gerichtet hat, und die in diesem Hause wohl noch nicht 8ehört worden sind, Weise ich auf das entschiedenste aurücf. Daß er auch mir Verbrechen vorgeworfen hat, darüber gehe ich hinweg. Er hat mir aber die erwünschte Gelegenheit gegeben, mit dem Märchen auf. zuräumen, ich hätte gewisse Kreise aufgehetzt, indem -ch gesagt hätte, wir wollten Teile von Marokko Nehmen. Der Staatssekretär geht auf die Entwick. lungsgeschichte ein, gibt eine eingehende Darstellung seiner verschiedenen Ltüc -rachen, u. a. mit dem Prä. fidenten des Alldeutschen Vereins, Claß. 6S sind da Verwechselungen vorgekommen. Elaß hat selbst er- pärt am Schluffe der Unterredung, cs sei schade, caß dH von den Plänen nichts wissen wolle. Es war un« Erwünscht, daß gegenüber der chauvinistischen Stim»
der Selbständigkeit der Einzelstanten. Ich Weitz nicht, ob die Herren von der Linken dies wünschen, wir können uns dafür nicht aussprechen. Ohne Rück, ficht auf die Zahl der Sozialdemokraten müssen wir Sozialpolitik treiben. In besonderer Weife fordern wir aber Fürsorge für den selbständige« Mittelstand. Er ist der feste Träger von Staat und Gesellschaft. (Beifall.) DaS Ziel der staatlichen Föi> berungen kann nicht in der Züchtung von Millionen und Milliarden liegen, sondern in der Schaffung und Stütze eines Mittelstandes, der selbständig für sich sorgt. DaS sind die selbständigen Kampfnaturen, die wir brauchen. Graf Posadowskh erwartet eine Rückbildung der revisionistischen Sozialdemokratie zur Mr- gerlichen Gesellschaft. Mst diesem Glauben kann man Berge versetzen, aber keine praktische Polittk treiben. Neben der Belehrung und Auftlärung muß vor allem aber die Religion gepflegt werden. Leider besteht immer noch das alte, elende Jesuitenge« setz. In Berlin hat man sogar von einer Ordensniederlassung gesprochen, als zwei Jesuiten eine gemeinsame Wohnung hatten. (Abg. Müller-Meiningen: Sehr gut!) Ach, wenn zwei Leute zu einer Niederlassung gehörten, dann haben ja auch die Fortschrittler im Reichstagspräsidium eine Niederlassung, wenn auch eine v o r ü b e rg e h e n d e. (Heiterkeit.)
Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. Solf gibt Auskunft über seinen Erlaß hinsichtlich der M i s ch- lingSehen in Samoa. Danach sind Ehen zwischen Weißen und Schwarzen von jetzt an verboten. Die Regierung hat sich dabei von rein ethischen Ge- fichtspunkten leiten lassen. Die Eingeborenen werden diesen Erlaß mst Freuden begrüßen, weil in Samoa die Zahl der Frauen geringer ist als die der Männer.
Schcchsekretär Wermuth: Die Gesundung unserer Finanzen muß schnell und nachdrücklich sein. Nun paßt eine der in Betracht kommenden Steuern, die Erbschaftsst euer, dem Zentrum nicht. Aber ohne diese werden wir niemals die Sanierungsarbeit ins Werk fetzen.
Montag: Weiterberatung.
+ Die Deckung der Wehrvorlaa en.
Wenn man die liberale Presse Nest, dann könnte man den Eindnick haben, als ob die Liberalen nichts lieber täten, als Steuern belvilligeu. Beinahe tagtäglich tauchen in der liberalen Presse allerhand Stcmwprojekte für die Deckung der Wehrvorlageu ans.
Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht ist die Erbschaftssteuer. Wohl selten zuvor ist mit einem Wort so grober Unfug getrieben wcn-den, als mit dem Worte Erbschaftssteuer. In lvÄten Krcijeu dcs Valles, auch in gebildeten Kreisen, weiß man bis auf den heutigen Tag vielfach noch nicht, was es denn eigentlich mit der von den Liberalen so sehnsüchtig herbeigewüuschten Erban- sallsteuer auf sich hat. Die Meinung, daß es eine Eichschaftssteuer int Reich noch gar nicht gäbe, ist viel verbreiteter, als man eigentlich glauben sollte. Das ist aber eine irrige Meinung, hervorgerufen durch falsche Darstellungen in der liberalen Presse. Wir haben im Reich längst eine Erbschaftssteuer. Was jetzt verlangt wird, ist, daß auch noch die Witwen und Waisen z« der Steuer herangezogen werden.
Me die Gründe, die gegen die Hinterbliebenen- stener sprechen, sind bereits so oft erörtert worden, daß wir es uns wohl ersparen können, auf sie jetzt näher einzugehcri. Ob die Regierung die Hinter- bliebcnensteuer als Deckung Vorschlägen wird, wird zunächst einmal abzuwarten fein. Jedenfalls würde die Diedereinbrmguug dieser Steuer, wie der erste Zentrumsrcdner, der Abg. Speck bei der Etatsberatung im Reichstag mit Recht betonte, eine Brüskierung der Parteien bedeuten, die die Finanz- reform geschaffen haben.
In der Presie, ganz besonders in der liberalen Presse, ist immer, so oft die Wehrvorlage erörtert wurde, nur von neuen Steuern gesprochen worden, die als ganz unvermeidlich hingestellt wurden. Da muß man es begrüßen, daß der Abg. Speck die Frage erörtert hat, ob denn überhaupt neue Steuern ««bedingt nötig fink Der Abg. Speck ist zn dem Ergebnis gekommen, daß neueSteuern nicht nötig seien, daß vielmehr die Mehrkosten der neuen Wehrdorlage aus den laufenden Einnahmen gedeckt werde« können. Der Abg. Speck hat über- •feugenb dargetan, daß in den beiden letzten Jahren bei der Einnahmeschätzung viel zu niedrig gegriffen worden ist. Die Folge dieser niedrigen Einschätzung der Einnahmen seien große Ueberschüsse, die für das laufende Rechnungsjahr auf mindestens 150 Millionen Mark zu schätzen seien.
Aufgabe der Budgetkommission wird eS sein, den Etat auf das sorgfältigste zu prüfen. Denn, wenn ein so guter Etatskenner, wie der Abg. Speck, z« dem Ergebnis gekommen ist, daß rund 150 Millionen Mavk mehr aus den Einnahmen des Reiches heransgeholt werden können, dann ist das doch ein Umstand, der reiflicher Heberlegimg und Prüfung wert ist. Herr Wermuth wird sich begreiflicherweise sehr dagegen sträuben, aber das darf den Reichstag nicht irre machen. Dem deutschen Volk sind der Steuerlasten gerade genug anf- crlegt.
Als btt Reichsfinanzreform geschaffen wurde, da Haden die Redner aller Parteien der Finanzreform- mehrheit zum Ausdruck gebracht, daß nun firr bie nächsten Jahre Schluß gemacht werden muffe mit der Steuerbewilliguna. Anch die Regierung hat damals der Ansicht Ansdrirck gegeben, daß man mit den durch die Reichsfinanzreform geschaffenen Einnahmen unter allen Umständen auskommen muffe. Wir dürfen wohl erwarten, daß der Reichstag fest bleiben und nur daun sich baz« verstehen wivb, neue Steuern zu bewilligen, wenn ihre Notwendigkeit als absolut unabweisbar nachgewiesen wird.
Der Reichstag wirb sich seiner Pflicht, die Wehrmacht des Reiches auf der gebotenen Hohe zn erhalten, sicherlich nicht entziehen, aber aus der anderen Seite hat er auch Pflichten gegen dasVolk, i besten Interessen wcchrznnchinen er berufen ist.
--- Graf Aehrentha! f.
• Wien, 17. F«br. 1912. Der Minister des Aeußeren, Graf v. Aehrenthal, ist heute abend 9 Uhr 45 Mtn. gestorben. An dem Sterbelager waren anwesend die beiden Brüder, mehrere Verwandte, ferner die EektionschesS des Mimsterimns des Aeußeren und anderer Herren deS Ministeriums.
Ein Staatsmann nicht gewöhnlichen Schlages ist m Aehrentyal dahiugegangen. Die habsburgische Monarchie, für deren Ruhm und G!anz er in patriotischem Eifer gelebt und gewirkt hat, darf aufrichtig um ihn trauern,
AIS Alois Seja Frhr. v. Aehrenthal am 24 Okt. 1906 von dem Petersburger Botschafter-Posten ab- brrusen wurde, um die Leitung des auswärtigen Amtes in Wien zu übernehmen als Nachfolger des Grafen Goluchowski, wußte man in weiteren Kreisen nicht viel von ihm. Man sagte ihm eine SJotlieb« für Rußland nach, unb erzählte sich, daß er eine wenig konziliante Natur habe. Tas gab zu mannigfachen Bedenken Anlaß. Mau befürchtete tu Deutschland von seinem starken persönlichen und österreichifch-patriotifchen Seldstbewußtsein zeittveilige Störungen des vertrauensvollen Verhältniffss zwischen beiden verbündeten Mächten. Allein der Lauf der Dinge gestaltete sich glücklicherweise anders. Goiuchowski lytUe die Zügel der auswärtigen Politik nach dem Balkan hm auf dem Boden schleifen lasten. Aehrenthal dagegen, nach Möglichkeiten ausspähend, das Schwergewicht Oesterreich-Ungarns zur Geltung zu bringen, suchte nach Südosten hi» selbständiger aufzutreten, als Goluchowski aus Rücksicht auf Rußland es getan hatte. Wenigstens in roiit« schaftl. Hinsicht strebte cr in südöstlicher Richtung vorwärts. Es entstand der Plan der Sandschakb ahn. Hettte nahezu schon vergesten, wurde er d imals zum Angelpunkt der hohen Politik. Sie führte den Bruch zwischen Oesterreich und Rußland herbei. Als Gegenzug gegen Aehrenthal führte Iswolski bie berühmt gewordene Revaler Begegnung zwischen dem Zaren und dem König Eduard herbei, die — dem König Eduard auch wegen seiner gegen Deutschland gerichteten Ein- kretsungspokitik hochwillkommen — eine ganze Reihe tiefgreisender Folgen zeitigte. Sie warf das öfter» reichisch-rnfffiche Abkommen, das bereits so stark erschüttert war, vollends über den Haufen. Ter offene Konflikt zwtf^en Oesterreich und Rußland war da.'
Nicht in Rechnung aber hatte man in Reval die Türkei gezogen. Die englisch-rustifcheu Vorschriften für Makedonien, die weit über das Maß der bis dahin unternommenen Reformen hinausgingen, wurden Wasser auf die Mühle des Juugtürkentums; der Sturz des türkischen Absolutismus knüpfte unmittelbar au Reval an. So kam die große türkische Umwälzung zustande, bie weiterhin von Aehrenthal als Hanbhabe benutzt würbe, um bem Kaiser Franz Joseph zu seinem 60. Regierungsjn- bilaum zwei neue Provinzen, Bosnien unddi < Herzegowina, als Geschenk zu Füßen zu legen. Es ist noch in frischer Erinnerung, welcher lebhafte Widerspruch sich gegen die Angliederung dieser beiden seit dreißig Jahren von Oesterreich besetzten Provinzen erhob. Rußland verschrieb sich in maßloser Verbitterung den beiden anderen Ententemächten, von denen namentlich England aus dieser Angelegenheit eine Machtfrage zwischen Dreibund uni) Dreiverband machte und Oesterreich-Ungarn unter das Joch einer internationalen Konferenz beugen wollte. Italien zeigte nicht übel Lust, die Verlegenheiten des verbündeten Reiches zum eigenen Vorteil cmszunutzen. Die Türkei aber fand in dem Boykott der österreichischen Einfuhr und Schiffahrt eine furchtbare Waffe, die sie in den Stand fetzte, einen wirtschaftlichen Krieg gegen die Donaumonarchie zu führen. Nur das Deutsche Reich, das durch Aehrcn- thals Vorgehen selber gegenüber seinen türkrfchcn Freunden in eine schwierige Lage gekommen war, stand seinem Bundesgenossen treu zur Seite unb warf schließlich, als ein kriegerischer Ausbruch unver- meiblich schien, fein Schwert zu dessen Gunsten in die Wagfchale, wodurch der friedliche Ausgang gesichert wurde.
Die Beziehungen zu Rußland blieben seit damals getrübt. Erst in den letzten Lebenstagen Aehren- thals bahnte sich von Hof zu Hof eine Besserung an. In der Dreibundpolitik ging er mit Deutschland in derselben Richtung. Italien hielt er allen Hetzereien znm Trotz und ungeachtet mancher italien. Unfreundlichkeiten in schwerer Stunde die Treue. Ja, er war besorgt, Italien enger an Oesterreich-Ungarn zu fesseln, indem er versuchte, Bolksstimmungen, die in Oesterreich gegen Italien und in Italien gegen Oesterreich immer wieder entstanden und den Charakter des ofifziellen Bundesverhältniffes beeinträchtigten, möglichst zu besänftigen und ihnen von vorn» herein den Boden zu entziehen. Es ist bekannt, daß er darüber ganz neuerdings wieder zu den lei- tenben militärischen Persönlichkeiten in scharfen Gegensatz geriet, weil diese gerade durch eine starke militärische Besetzung der Grenze Italien in Schach und dadurch im Bündnis festkalten wollten, und daß infolgebeffen der Generalstabschef Frhr. Konrad v. Hötzeniwif zurücktreten mußte.
Graf Aehrenthal hatte noch drei Tage vor seinem Tode fein Entlassungsgesuch beim Kaiser erneuert und gleichzeitig einen Vorschlag für die Wahl seines Nachfolgers gemacht. Diesmal bewilligte der Kaiser die schon vor Wochen erbetene Entlassung und cntschiÄ» sich für den Grafen Berchto ld als den Nachfolger des Grasen Aehrenthal. Der Kaiser ent« schloß sich zur Bekanntgabe seiner Entscheidung noch vor Achrenthals Tode, damit ihm noch die Genugtuung werde, durch ein kaiserliches Handschreiben die schmeichelhafte Anerkennung seiner Dienste und die hohe Ordensauszeichnung zu erfahren. Aehrenthal etiradyte am Samstag nach zweistündiger Ohnmacht bei völlig klarem Betoußtfein und konnte den Inhalt des Handschreibens noch mit großer Freud« znr Kenntnis nehmen. In vollständiger Geistesklarheit und im Bewußtsein deS bevorstehenden Endes empfing er den päpstlichen Segen. Dann verabschie-