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unerquicklichen, kaum noch „korrekten" Verhältnis zu einem angenehmen und herzlichen gelangen kann, tote es den früheren Ueberlieferungen und dem beiderseitigen Vorteil entspräche.

Frankreich rüstet jetzt sotoohl zur See, wie in der Lust. Die Deputiertenkammer hat das Flot» tengesetz, das einen Kredit von 1400 Millionen Mark verlangt, angenommen. Auch an den systematischen Ausbau der Luftflotte geht Frankreich jetzt heran. In diesem Jahre sollen 22 Mrllwnen Mark, in Zu- lunft 25 Millionen Mark jährlich dafür verwandt werden. Seitdem der „Exelsior" die geradezu blöd- sinnige Entdeckung gemacht hat, Deutschland könne eines Tages mft 250 Fliegern nach Frankreich kom­men und Paris bombardieren,.herrscht in Frank­reich gt radezu ein Luftschiffieber. In Wirtlichkeit steht tno Sache so, daß die Fabriken, die sich mit der Herstellung von Flugzeugen beschäftigen, gegenwär­tig in Frankreich eine schlechte Geschäftszeit durch­machen und teilweise vor dem Bankerott stehen. Da aber viele große Pariser Zeitungen an der Flugzeug­fabrikation finanziell interesfiert sind, so ist der „Schrei nach einer Luftflotte", der jetzt aus jeder Zeitungsspalte ertönt, nur zu erklärlich. Wenn die Millionen der Pariser Zeitungsbefitzer gerettet sind, so ist auch das Vaterland gerettet! Uebrigens ist der französische Kriegsmiuister, der ehemalige Sozialdemokrat Millerand, ganz der Mann, den Sozialdemokraten den Antimilitarismus auszutrei­ben. Er hat jetzt den großen Zapfenstreich in der Armee wieder eingesührt und alltäglich zieht die Wache mit klingendem Spiel auf. Das antimilita- risttsche Publikum aber schreit Hurra und trabt im Gleichschritt nach dem Takte der Musik nebenher. Millerand kennt seine Pariser und weiß, wie er sie anzufassen hat. Mt Musik kaffen sich noch viel schlimmere Seute zähmen, als die Antimilitaristen.

In China sind endlich amtlich die Dokumente veröffentlicht worden, die die Abdankung des Thro­nes und die Einführung der Repttblik aussprechen.

Seitdem in Mexiko die eiserne Hand des alten Diaz die Zügel der Slaatsregiertmg nicht mehr führt, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Im nördlichen Teil des Staates wurde eine Meute­rei tmterdrückt, doch beabsichtigt ein General dort eine unabhängige Republik zu errichten. Im Sü­den von Mexiko ist gleichzeitig unter unterer Füh­rung ein Aufstand ausgebrochen. Die Rebellen wüten erbarmungslos im Lande.

4« Der Kampf «ms Dasein und die „Entstehung" des Menschen

nach Darwinistischer Vorstellung erweist sich als Sei­fenblase, sobald man sich vergegetlwärtigt, zu wel­chen Ergebnissen dieser Kampf ums Dasein bei der Tierwelt geführt hat.

Dem Hirsche gab er seinen schnellen Lauf, der Antilope ihren grazilen Bau, dem Maulwurf seine Grabpfote, dem Fisch seine Floffen, dem Bären seine Kraft, dem Stier seine Hörner usw., kurz, jedes Le­bewesen gewann in diesem Kampfe diejenigen kör­perlichen Eigenschaften, welche es haben mußte, um nach seinen Lebensbedingungen existieren zu können. Wer von diesem darwinisttschen Standpunkt aus die Singe betrachtet, muß es sofort befremdend finden, daß der Mensch davon eine Ausnahme macht. Wie wir das meinen, mag uns eine köstliche Schilderung zeigen:

„Als Gott" — so lesen wir in dem köstlichen, an Gedankenperlen außerordentlich reichen Büchlein des Konvertiten Baron Lüttwitz „Wo ist das Glück?" (Frei­burg, Herders — „den Menschen nackt und waffen­los erschaffen hatte, da sprachen die Tiere verächtlich zu einander: WaS will der hier? Er kann weder schwimmen wie der Fisch, noch stiegen tote die unbe­deutendste Motte; er kann weder laufen wie der Hase, noch klettern wie das Eichhorn; auch ist er schwacher wie der Löwe, und seine Haut ist nicht einmal vor Kälte und Wärme geschützt; seine nackten Füße werden von den Steinen und Dornen zerrissen werden; er ist unfähig einen Feind zu wittern; er hört schlechter als die Giraffe, und sieht schlechter als der Sperling; er kann nicht einmal die Sonne sehen wie der Adler und im Dunkeln sieht er gar nicht; wenn ihn einer von uns angreift, wohin will er fliehen? Wo wirb er schlafen? in den Höhlen? in den Baumkronen? Der Bär und der Adler werden ihn zerreißen, die Schlange wird ihn zermalmen. Der wird uns nicht lange unbequem sein" (S. 115 f).

wschen-mmdschau.

sif Fulda, 16. Februar 1912.

(Sine ganze Woche war der Reichstag ohne Präsidium! Die Schwierigkeiten häuften sich türm- bock Diese achttägige Arbeitsunfähigkeit ist ent bö- sxz pichen für die Arbeitsfähigkeit des Reichstages. Endlich am Mittwoch gelang cs dem Reichstage, ein vorläufiges Präsidium zu bilden, und zwar ein Prä­sidium, das aus der äußersten Linken zusammenge- setzl ist. Zum Präsidenten wurde der Abg. K a e m p f (Bp.>, zum ersten Vizepräsidenten Scheidemann (Soz.) und zum zweiten Vizepräsidenten Dove (Vp.) gewählt. Dieses Präsidium hat allerdings nur ein Drittel der Abgeordneten des Reichstages hinter sich. Ob es unter diesen Umständen gelingen wird, ein derartig zusammengesetztes Präsidium länger gls vier Wochen zu halten, lvird sich zu zeigen haben. "Innerhalb der nationalltberalen Partei fit durch die Präsidentenwahl eine schwere innere Krisis ausgebrochcn, die noch für die Partei unlieb­same Folgen Haden kann. Der größte Teil der An- hängec im Lande protesttert dagegen, daß die natto- nalitberale Reichstagsfiaktion ihre Stimmen für so­zialistische Präsinentschastskandidaten abgegeben hat sind spricht sich gegen ein Großblockpräsidium aus. Ein anderer Teil, besonders die Parteianhänger in .Baden und die Jungliberalen, sind gegen die Wen­dung nach Rechts, die in dem Parteibeschluß, sich an einem reinen Li-nkspräsidium nicht zu beteiligen, liegt. Nach welcher Seite sich die nationalliberale Rcichstagsfraktion entscheiden wird, steht dahin. Je- JhenfaflS sind es ernste Zeiten, die diese Partei ge- 'ßentoäitig durchzumachen hat.

• In Preußen arbeitet der Landtag inzwischen in ruhiger Verhandlung seinen Etat herunter. Beim '(Etat des Staatssekretärs für auswärtige Angelegen­heiten kam eS zu einer Motuproprio-Debatte. Die Nationalliberalen verlangten von der Regierung authentische Auskunft, ob das Motuproprio für Deutschland Gültigkeit habe oder nicht. Zum wie­vielten Male schon? Herr Kiderlen-Waechter konnte 'Den kiilturpampfSlüfternen preußischen Rationallibe- jalen nichts anderes antworten, als was vorher schon seine Kollegen in Sachsen und Baden den dor- jigen Nationalliberalen gesagt hatten: Das Motu- proyrio gilt für Deutschland nicht. Wir geben nnS kaum der Hoffnung hin, daß die Rationalliberalen das nun endlich glauben.

In Bayern ist das Ministerium nun vollstän­dig. ES ist kein Zentrumsministerium, aber es trägt in seiner Zusammensetzung den christlichen und kon­servativen Sinn des bayerischen Volkes Rechnung, ftmd wird es an Taten nicht fehlen lassen. Im neuen Ministerium sind Protestanten vertreten tote Katholiken.

Im englischen Parlament ist am Mitt­woch eine Sprache geführt worden, Deutschland gegenüber, tote man sie zu hören feit geraumer Zeit hierzulande nicht mehr gewöhnt war. Man wird die Reden mit Genugtuung als Zeichen einer Bes­serung der Beziehungen zwischen London und Berlin begrüßen dürfen. Gern vernimmt man, wie die politische Mtsfion Lord Haldanes jetzt offen zuge- 'geben lvird, was nicht geschehen wäre, wenn sie mit einem Mißerfolge geendet hätte. Im Gegenteil, ^wirklich Gutes ist erreicht worden , erklärte der Wortführer der Regierung im Oberhause. Lord «ansdowne stimmte in dieses Urteil willig ein. Und 5tne Unterschied der Parteien wurde der Gedanke, I-aß es zwischen den beiden stammverwandten Na- Poneu zum Kriege kommen könne, als Wahnwitz abgewiesen. Wie sollten solche Kundgebungen in Deutschland wirkungslos verhallen? Freilich, han­delte es sich nur um Worte, nichts als Worte, sie 'würden nicht mehr verfangen. Aber man darf hoffen, daß ihnen Taten folgen werden. Hat doch Asquith davon gesprochen, daß die „praktischen Möglichkeiten" des Ausgleichs gegentoärtig der Prü­fung unterliegen. Hat doch Lord Crewe hinzuge- sügi, daß ein Einvernehmen über die „Plätze in der Welt" für die Gegeitwart und die Zukunft zwischen beiden Mächten nicht unmöglich sei. Auch daß der Eifersucht wegen der Flottenpolitik fortan der Boden ent.ogen werde, kann nicht mehr als ausgeschlossen gelten. Ohne der Entwicklung vorgreifen zu wollen, wird man daher der Meinung zuneigen, daß der Weg frei zu werden beginnt, auf dem man aus dem

Und wie ganz anders ist es gekommen! Dieses — körperlich betrachtet — aller schwächste Lebewesen, dessen Untergang eine ausgemachte Sache schien, ist der Herrscher der Tierwelt, der ganzen NaMr und ihrer Kräfte geworden. Wieder wollen wir uns in der Schilderung von Lüttwitz sagen laffeu:

„Gar bald flohen vor ihm die allergrößten und allerfürchterlichsten Ungeheuer. Der Fisch und der Vogel gaben ihm Federn und Gräten, mit denen er die schnellsten Tiere erlegte; der ergebene, ihm bis in den Tod getreue Freund, der Hund, war sein steter Be­gleiter, er-toar die aufmerksame Schildwache, die ihm den nahenden Feind meldete und ihn mit seinem Leben verteidigte; es waren die Tiere selbst, die untereinan­der Wetteiferten, ihm ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen und mit ihren Leibern seine Blößen zu decken. Das Rhinozeros lieferte ihm die Sandalen, der Tiger bekleidete ihn mit seinem bunten Felle; der Bär gab ihm seinen warmen Winterpelz; das Lama ernährte ihn mit seiner Milch ttnb seinem Fleische; der Stier, der Esel, das Kamel, sie traten als Arbeitssklaven in seine Dienste; der Elefant schleppte die schwersten Lasten herbei; das Pferd trug ihn, wohin et wollte. Und schon hatte der Feuerstein ihm den Funken ge­geben, mit dem er über die Winterkälte und über die Dunkelheit der Nächte triumphierte, mit dem er die unzugänglichen Wälder in fruchtbare Felder verwan­delte, mit dem er sich Werkzeuge zum Landbau und zur Bearbeitung des Holzes konstruierte. Auf seinen Ruf stiegen die Tannen von den Bergen herab und vereinigten sich auf den Wassern zu Flößen, die als bewegliche Brücken von Ufer zu Ufer führten."

Damit ist in der Tat die gewaltige Ausnahme­stellung des Menschen vor der Tierwelt gezeichnet, itnb wenn nach darwinisttscher Vorstellung bei den Tieren der Kampf unt§ Dasein seine umbildende Kraft am Körper ausgeübt hat ,so ist das bei Men­schen in keiner Weise der Fall Richt seinen Körper- krästen verdankt er feine Herrschaft über die Natur, sondern seinem — Geift. Und diese seine geistige Ausstattung, die ihn himmelhoch über die Tierwett beraushebt, hat der Mensch vom ersten Augenblicke seines Daseins an betätigt. Wo in der Tierwett soll denn der Anknüpfungspunkt liegen für die „Ent­wicklung" derselben? Noch keiner hat das gezeigt, sc viele immer ihre Märchen über die tierische Her­kunft des Menschen erzählt haben. Das müßte ja aerade jenes Tier sein, bet dem der Kampf ums Da- sein nick-t zur körperlichen Kräfteausstattrrng geführt hatte, sondern zur Bekiindung seiner geistigen Aus- statttlng, und ein solck-es hat es nie gegeben, wie es bis zur Sttinde keines gibt.

Deutscher Reich.

** Zentrum und Beamtenschaft. Die Zen­tra m s f r a k t i on har bekanntlich einen Initia­tivantrag int Reichstag cingebracht, dahingehend, daß die Gehälter der unteren Postbeamten (Schaff- uerflaffe) und der tn i 111 e r en Postbeamten (Assi- sientenklasse) nach den Beschlüssen der ersten Lesung der Kommission zur Lcratnng des Besoldungsge­setzes vom Jahre 1909 erhöht werden sollen, d. h. sür die Schafsnerklasse 1200 bis 1800 Mk., für die Affistentenklasse 1800 bis 3000 Mk. als Gehalt ge­zahlt werden soll. Inbegriffen ist in diesem An­trag die Ausmerzung von Harten auch bei einzelnen anderen Beamtengruppen. Gleichzeitig ist vom Zen­trum der Antrag bezüglich der etats mäßig en Anstellung der Postboten nach lOiähriger Dienstzeit, der im vorigen Jahre vom Abg. G i e s b e r t s ein­gebracht war, erneuert und als Frakttonsa n- t r a q eingebracht. Bereits im vorigeii Jahre hat die Zentrumsfraktion einer Resolution, welche die ungewollten Härten beseitigen wollte, die für einzelne Beanttengruppen bei der Besoldungsreform entstan­den waren, z u g e ft i m m t. Dagegen lehnte sie die sozialdemokratische Resolution ab, welche die Er­höhung der Gehälter der unteren und mittleren Be­amten verlangte, weil sich noch nicht übersehen ließ, ob die Finanzreform die nötigen Mittel erbringen werde. Der sozialdernokrarifchen Resolution hat man damals in Beamtenkreisen eine ganz ungerecht­fertigte Bedeutung beigemessen. Eine Partei, die grundsätzlich dem Staate alle Mittel, die er zu seiner Existenz notwendig hat, verweigert, kann als Befürworter von Beamtenwünschen nicht ernst genommen werden. Die Zentrumsfrak­tion handelt mit ihrem Beamtenantrag konsequent. Bei der Beratung des Besoldungsgesetzes machte die Regierung gegen Ine höheren Gehälter hauptsäch­

lich geltend, daß die durch die Reichsfinanzreform geschaffenen Geldmittel nicht ausreichend seien, und bereits 17 Mill. Mk. mehr für die Be­amten bewilligt waren, als in der Regierungsvor­lage vorgesehen waren. Diesen Einwand kann dir Regierung hertte nicht mehr geltend machen. Die Reichsfinanzreform wird im laufenden Etatsjahr be­reits bedeutend höhere Erträge bringen, als dies vorausgesehen war. Deshalb ist der Anttag des Zentrums jetzt durchführbar, vorausgesetzt, daß die Einzelstaaten keine Schwierigkeiten machen, we­gen der Konsequenzen, die fiir die gleichartige» Be­amtenkategorien gezogen werden könnten. Die oben genannten Anträge der Zentrumsfraktion werden etwa 24—25 Mill. Mk. an Mehrausgaben veran­lassen.

4« Steigende Preist — fakttudr ProdnktionStosien Die sozialdemokratische Presse muß doch wirklich ihre Leserwelt tief einschätzen, wenn man sieht, was sie dieser an Unsinn alles bieten darf. So ver­zapfte sie vor kurzem z. B. in einer loltmif gegen unsere Wirtschaftspolitik die tiefe Weisheit, Vie Ge­treidepreis« seien hoch geblieben, während sich „die Erzeugungskosten des Getreides in allen Ländern beträchtlich verbilligt haben". Der weise Manu, der diesen Satz niederschrieb, scheint auf dem Monde zu leben. Umgekehrt ist die Sache nämlich richtig. Tie Erzeugungskosten sür Getreide sind in allen Ländern geniegen. Niemand anders als das sozialdemo'rati che Zentralorgan, der .Vorwärts' (Nr. 269, 1910), hat die Gründe sär diese steigende Tendenz der Preise bester entwickelt, wenn er seiner­zeit schrieb:

„Die Aufteilung des nutzbaren Boden?, seine all­mähliche Erschöpfung, der dadurch bedingte Uebergang vorn Raubbau zur Düngenvirtlchafi und von der exkeusiven zur imensiven Wirlichsftsmethode, schließlich auch die Steigerung der Transporkkosten des Gelreldes nach den Jnduftriegegenden und für den Export nach der Küste, das alles wirkt natürlich aus eine St ei- gerung der Preise hin."

Die Gegenüberstellung: Steigende Preise — fallende Produktionskosten ist a.so eine aus den Fin.ern gesogene Agitationslüge, bestimmt sür drc- jenigen, denen die sozialdemokratische Presse glaubt, jeden Unsinn vorsitzen zu dürfen!

4» $em „Recker Staat". Nach sozialdemokra­tischer Darftellungstoege m der „roten" Presse und Agitation ist der Staat allerhöchste»? ein not­wendiges Uebel. Der unter dem Emfluffe sozial­demokratischer Gehtrnverkleisterungskünste stehende „Genosse" kann sich ihn nicht anders vorstellen als das Ungeheuer, das mit unbarmherziger Hand Steuern herauspreßt und diese dem „Rioloch 'Militarismus und Marinismus" opfert. Wie anders steht aber der Staat aus, wenn man ihm in der Schilderung wissenschaftlich gebildeter „Ge­nossen" begegn t.

„Die Tätigkeit de- Staates", so schreibt in den „Soziattstischen Monalsheften" (1912, 1) der sozial­demokratische Kommunalpolitiker Hugo Lindemann, „erschöpft sich uicht mehr in der Aufrechter Haltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, in der Aushebung von Soldaten und der Zwangseinkreibung von Stenern, obwohl er der Maffe der "Bevölkerung häufig auch heule noch säüchlich nur in vieler Weise erichemt, da die andern Tätigkeit«» ihr weniger klar in Die Augen lallen. Es genügt hier auf die großen Gebiete der öffenlllchen Gesundheitspflege, des Arbeilerfchutzes und bet Arbeiterverficherung, des Verkehrswesen?, der Gewerbe- und Landwülfchäftsjörderung usw. hinzu­weisen. MU diesem «nwachtku des fachlichen Staats und Gemein degebiets haben Staat und Gemeinde eine ganz andere Bedeutung für das Leben des einzelnen innerhalb der Geinemjch.ftt gewonuen: Sie sind un­entbehrlich für feine Exist enz geworden. Und je schwächer die wirtichafülche Persönlichkeit ist, je iveniger sie sich aus eignen Ställen gegen die tausend- tältig aus sie emstürmenden Schädlichleiten des gesell- schaftlichen Existenzkampss zu schützen vermag, in desto höher« Grad bedarf sie ihrer schützenden und fördernden Tätigkeit. Gerade die arbeitenden Klaffe» Haden al'o das größte Jnkerefse daran, daß der Staat sein TäiigkeUsgebiei nicht beschränkt oder daraus verzichtet, sondern es ausbaut."

Erscheint hier nicht der Staat in hervorragendem Maße als Träger und Förderer unserer Kultur? Dieser Staat paßt allerdings weniger in das System der soztaldemokratlfchen Ag'tations- verslein hmeln, die bester politische Geschäfte mit Dem „Racker Staat" machen. Wo bleibt da aber die Ehrlichkeit?

Unpolitisch« SeMSuse.

N. Berlin, 15. Februar 1912.

(Nachdruck verboten.)

Da habe ich nun vorige Woche ein Loblied auf die Arbeit gesungen, und zwar im Anschluß an die Eröffnung des Reichstags. Ich hoffte nämlich. Die neugewählte Volksvertretung werde sich alsbald an den Webstuhl fetzen und im Schweiße ihres Ange sich, s neues Zeug schaffe» für den Hausbedarf der großen deutschen Familie. Aber die Woche verging, ohne daß der gesetzgeberische Webstuhl ins Klappern kam. Eine kostbare Woche ging in dem Zickzack der Präsidenten- Wählerei verloren. Die eine Seite sagt: Wir wollen ein Arbeit» Präsidium bilden aus benjenigen Par- ' tuen, die redlich miteinander wirten und schaffen wol- tltH'! Aber auf der anderen Seite hieß e8: Nein, da» Bemonstrsieren ist die Hauptsache; bei der Prä- fidenienwahl muß aller Welt gezeigt werden, daß die Pinke von Baffermann bis Bebel die Usbermacht er« ^Hingen hat! Run ging der Zerttlkrieg los. Erst be­im?.; ein „schwarzer" ArbeitSpräsibent die Mehrheit. Aber eine Stunde später hatte ein knallroter Vize- Präfi-ent die Mehrheit der gültigen Stimmzettel auf feiner Seite. Da» reimt sich zusammen, wie Master .sind 8euer. Die arbeitswilligen Parteien sagten: Mit einem Pferd vor dem Wagen und einem Pferd fc_ nie t dem Wagen fei nicht vorwärts zu kommen.

k ®e,(^“ft”8ang von einem Häuflein unsiche­rer Kantonisten abhänge, die wie Schilfrohr bald nach recht», baib noch links schwankten, so sei nichts Ge- scheite» zu erwarten, und überhaupt paffe ihnen die gemlsch-e Gesell;chaft nicht. So mußte denn die Wäh. Itrei von neuem loSgehen, und da» End« vom Liede ist ein rosarote» Präsidium, das nun die Minderheit hinter sich Hai, und zwar gerade jene Minderheit, die zum Wirken und Schaffen am wenigsten gewillt imb befähigt ist. Die vernünftigen Wähler schütteln den Kopf. Ihr einziger Trost ist. daß nach vier Wo- Aen bä* ganze Wahlhandlung wiederholt werden raufe. Flach einer Woche ist die Karnevalszeit vorüber; viel­

leicht ist dann das ausschlaggebende Dutzend von Ab­geordneten etwas ernster und pflich.bewutzter ge- worden.

Scharfe Zungen haben die ganze Geschichte eine Komödie genannt, ober gar geradezu von einer Fast, nachtspoffe gesprochen. So eine heillose Verwirrung und Verirrung sei noch niemals im Deutschen Reichs­tag erhört worden. Nun ja, es mag ja früher wohl nicht ganz so arg gewesen fein, tote jetzt; aber schlim. raen Wirrwarr und grobe Aergernisse hat eS früher auch gelegentlich gegeben. Sie sind mit Geduld und Klugheit überwunden worden, und warum sollte nicht dtesraal auch noch der wildgärende Most fick zn entern brauchbaren Weinchen entwickeln? Für diejenigen Wähler, die sich haben verführen laffen, ist e» recht heilsam, wenn die Folgen der blindwütigen Hatz» und Hetzpolitlk ihnen recht drastisch vor die Augen und un­ter die Nase geführt werden.

Zu Fastnacht haben die Spötter da» grofee Wort. Sie suchen sich und ihre Umgebung lustig zu machen, indem sie über die Schwächen und Fehler und Mife- geschnke anderer Leute scharfe Witze und höhnisch« Lauge auSgiefeen. Wenn darin die Karnevalslnst gi, Pf eit, so liegt ihr eigentlich biofee Schadenfreude zu. gründe. Man kommt sich grofe und überlegen vor, weil man gewissen Mitmenschen, und sogar hoch,"»ebenden Mitmenschen, Dummheiten oder gar Schlechtigkeiten aufzumutzen versucht. Ich kann solchen „Spatzen" fei­nen Geschmack abgetotnnen. Lieber sind mn noch die Faftnachtsgecken, die sich selbst in» Lächerlich« ziehen. DaS ist nicht bloß edler, sondern auch wahr­haftiger. Denn wer die Hand aufs Herz legt, der wird eingestehen muffen, daß er felbst an den Tor- beiten dieser Welt seinen gewichtigen Sn teil hat. Wir find allzumal Menschen voll Fehler un-d Schwächen, und wenn unsere Dummheiten nicht auf dem öffent. sichert Markt ausgerufen werden, so ist das nicht unser Verdienst, sondern unser Glück. Wenn wir zufällig auf den große» Leuchter int öffentlichen Lebe« gerie­ten, so würden wir eS schwerlich bester machen, als diejenigen Leute, die wir so gern kritisieren und ver. spotten. Wenn die Welt mit der närrischen Elle ge- messen und mit der Peitsche des Hohnes ausgeklopft

werden soll, so möchte ich bickcn, daß derjenige den Reigen führt, der selber nichts Närrtsches an sich hat uttb nichts Törichtes verbrochen hat. Ich fürchte, daun müßte der spöttische KarnevalSzug noch länger auf sei­nen Präsidenten toarUe. als der Reichstag von 1912.

Das Lachen, sagen geistreiche Leute, wirke be­freiend. Ich halte nicht viel von der Lachkitr. Wer über andere lacht, hat gewöhnlich Anlaß genug, über sich selber zu weinen.

Das Beste vorn Karneval ist zweifellos der Ascher­mittwoch. Erstens deshalb, weil er dem Treiben und Toben ein festes Ende fetzt. Kürze ist des Witzes Würze, und von alle» sogen. Belustigungen gilt das Wort: Je länger, desto laffer! Zweitens weil der Aschermittwoch un» Den Spiegel vor das eigene Gesicht hält. Wer richtig htneinfchaut, der erblickt den größ­ten Narren der Jetztzeit, und bei einigem Nachden­ken tont rat er leicht zu der Erkenntnis: Ob ich zum Weltverbefferer berufen bin, das ist noch zweifelhaft; aber jedenfalls gibt es an mir selbst noch manches zu bester»?

Zu Fastnacht wird riesig viel Komödie gespielt. Bühne und Zufchauerranra laufen ineinander. Man schauspielert sich auf Gegenseitigkeit etwa» vor. Der Eine lacht übet den anderen, und jeder bildet sich et», daß er eine überlegene Rolle spiele in dieser wirren Komödie. Nun, der BerufSschauspieler bildet sich auch manches ein, während er auf der Bühne ein« zugkräftige Figur verkörpert. Aber wenn er ucrchher in seiner Garderobe sich umzieht und ab- schminkt, dann wird et sich bewußt, daß er nichts an­deres tst als ein gewöhnlicher Mensch namens Schulze oder Mehet ober Schmitz, der in saurer Strbett sein Brot verdienen und alle Sorgen und Nöte des prosai. schen Leben» durchmachen wtufe. Wenn du die sogen. Fastnachtsvergnügungen mitgemacht hast, so ziehe dich zum Schluffe der Komödie mich rocht gründlich um und putze die alte Schminke von den Backen und vom L-erzen, um dich deiner ganz gewöhulichen Menschlich­keit wieder voll bewußt zu worden. „Saure Wochen, frohe Feste", singt Goethe. Nach den frohen oder bet» pfuschten Festen kommen die sanren Wochen wieder an

die Reihe. Sie werden umso saurer, je weniger Lust zur Arbeit man sich gerettet hat.

Befreiend wirkt nicht das Lachen, das sehr schnell vergeht, sondern die Hoffnung. Mag die Welt noch so mangelhaft und da? Schicksal noch so dunkel sein — wer den Kopf oben behält und das Herz voll guten Willens, der kommt durch mit Gottes Hilfe bis zu einem gute» Ende. Der kairn mit gefaßter Seele dem letzt«» Aschermittn-och entgegenfeben, dem endgültigen Abschluß des ganzen irdischen Karnevalsgetriebes, jenem Tage, wo der Allmächtige selbst unsere Stirn berührt und dort das entscheidende Aschenkreuz macht mit den Worten: Jetzt mußt du erfahren, daß du Staub bist; jetzt muß dein Leib zurückkehren zu dein Staube, auS dem er gemacht war.

Bedenke das Ende, sagt schon ent weiser Mann im alten Griechenland. Bedenke das Ende, sollte überall geschrieben stehen, too Fastnachtsgecken ihr We­sen treiben. Und nicht bloß >n den Karnevalslagen selbst; denn die Narren und Gecken sind leider im gan­zen Jahr in Mafien zu sehen. Sie spielen ost unfrei­willig und unbewußt Komödie weiter, um von den einen ausgelachi und von bett anderen bemitleidet zu werden. Die Torheit schläft nicht und stirbt nicht ans in der Welt. Spreu und Weizen, Giftkraut und gute Früchte mischen sich durcheinander. Sehe jeder, tote er S treibe; sehe jeder, wo er bleibe — wenn am Ende die große Scheidung vor sich geht.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

— Vergilbte Wäsche kann man jetzt im Winter, da man sie nicht bleichen kann, mit Hilfe von ^utter» mild) wieder weiß bekommen. Mehrere Tage la^t man die Buttermilch stehen und völlig sauer werden, weicht die vergilbte Wäsche darin ein und läßt sie, die gröbere länger als die feine, eine Zeit lang darin liegen. Dann wäscht man sie gut in der Milch aus und darnach noch mitSeife in lauwarmem Was­ser. Nachdem spült man die Wäsche in kaltem Was- ser, windet sie aus und laßt sie trocknen. Ist die Wasche noch nicht vollständig weiß, so wiederholt man das Verfahren.