jvi 58.
16. Sebrsar (4(2
39. Zatzrganz.
• Ttildaer M Leitung
2. Blatt.
tat «,» vertag le* Xtileet HdUnbni»mt ia Setla.
* Bom Budget und Bndgetrecht.
Eine de* ersten und wichtigsten Aufgaben, an die der neugewählte Reichstag h-rcmgeht, ist die Beratung und Erledigung des ReichshauShaltS- v l a n s. Das Recht, an der Ausstellnng und Kontrolle, d«s Staatshaushalts in entscheidender Weise tint, >?en, ist neben der verfassungsmäßigen Mitarbeit an der Gesetzgebung das wichtigste konstitutionelle Recht des Reichstags.
Der Reichshaushaltsplan, auch Etat oder Budget genannt, besteht aus dem Voranschlag der Reichs einnahmen und -auSgaben Wie in jedem geordneten Haushalte, so muß man auch in dem Haushalte des Reiches mit den ihm zur Ber- fugnng stehenden Einnahmen auszukommen suchen. Wie daher der Vorsteher eines Haushalts am Anfänge des Jahres überlegt, ob er mit seine» Ein- nahrnen die zu erwartenden Ausgaben bestreiten kann, so Hal auch die Leitung des Reichshaushalts "eine ähnliche Erwägung vorzunehmen. Sie muß jedes Jahr einen Voranschlag aufstellen über die ^Ausgaben, die im kommenden Jahre nötig oder nützlich sein werden, und über die Einnahmen, die voraussichtlich zur Verfügung stehen. Gehen die Ausgaben über die Einnahmen hinmrs, dann müssen entweder erstere gekürzt, oder wenn man das Nicht will, letztere zu erhöhen versucht werden.
Im Reiche hat der Bundesrat die Pflicht, jedes Jahr einen solchen Etat aufzustellen. Es geschieht in der Weife, daß der Reichskanzler durch seine Behörden diese Aufftellung vornehmen läßt und sie der» Bundesrat dorlegt. Es kann nun der Bundesrat die Ausgaben je nach dem Maße, in welchem er me Aufgaben des Reiches ausaeführt haben will, hoher oder niedriger anscklagen? So kann er z. B. me bisherigen Ausgaben für die Flotte für zu gering erachten, um eine zur Verteidigung des Reiches genügende Seemacht zur Verfirnung jit haben; er rann die Bewilligung einer größer» Summe als bisher^ für das laufende Jahr oder aber für mehrere Jahre für unumgänalich halten. Da nun aber das deutsche Volk dastlr nötm-n Gelder schließlich ausbriugen muß, so ist es nicht mehr als recht, daß das deutsche Volk über diese Ausaaben mitredet, ^as geschieht denn gemäß der Reichsverfasiung durch den Deutschen Reichstag. Ihm hat der Bundesrat jedes Jabr das Budget, also ein Ber- zeichms nicht nur der Ausgaben, sondern auch der ju _ erwartenden Einnahmen, vorrulegen Der «'EichSwg, als gesetzgebende Körverlckast im Reiche, beschließt darüber, nimmt Veränderungen vor, wacht Abstriche. Dieser Beschluß geschieht in der Jonn einer qesesgeberüchen Handlung. Man nennt daher auch den Voranschlag, den der Bundesrat ^or- legt, Entwurf eines Gesetzes betreflend die Feststellung des Reichshanshaltsetats. Hat der Reichstag den Etat qenebmiot, dann tritt dieser für das betreffende Jahr in Kraft. Der Reichskanzler bevollmächtigt die einzelnen Behörden, die betreffenden Ausgabe» vormneibmen. Am Ende des Jahres werden vom Reichskanzler dem Bundesrat und dem Reichstag die gemachten Ausgaben und eingezogenen Einnabm-n unterbreitet. Der Bundesrat und der Reichstag entscheiden darüber, ob die Ausgaben u>'d Einnahme» auch wirklich int Rahmen der erteilten Genehmigung, also gesetzmäßig erfolgt find. Die rechnerische Prüfung ist vorher von einer besonder» Behörde ausgeknbrt, dem Rechnungshof, einer mit der vreußischen Oberrechnungskammer verbundenen Behörde.
Bei der Beratung des Budgets nehmen die Verhandlungen über die Bewilligung der Geböster des Reichskanzlers und der Staatssekretäre den breitesten Raum ein, nicht etwa, weil man di-len .Herrn sbr Ge^rlt nicht gönnte, nein, diele Posten' des Etats bieten G-keg-'nheit, den Reichskanzler und seine Stellvertreter über ihre ganze Amtsverwaltunq zur Verantwortung zu ziehen und vor allem die Richtung anziiaeben, in welcher h;e Volksvertretung fortan die , Gesetzaebungsrnaschine voranbewegen will. Bei diesen Beratungen werden die Anregungen für neue fortschrittliche Gesetze, vor allem für $C1! Fortschritt der Sozialreform gegeben.
Ohne die Bewilligimg des Reichstages wird kein Gro.chen Eteriern von den Bürgern erhoben, kein
Groschen ausgegeben. Daraus ersieht man: das Budgetrecht des Reichstags ist keine Formsache, sondern eine Wichtige materielle Aufgabe, Bei der das Mitbestimmungsrecht des Volkes durch die von ihm gewählten Abgeordneten voll zur Geltung kommt. Gleichwohl nehmen noch Taufende auch auf unserer Seite am politischen Leben keinen Anteil, was sie aber nicht hindert, zurzeit über den Staat herzuziehen. Ein derartiges Verhalten zeugt von geringen! politischem Verständnis.
Deutsches Reich.
* Die Erledigung des Schöppenstedter Mischehenfalles. Im Oktober vorigen Jahres berichteten wir aus Schöppenstedt in Braunschweig, daß die katholische Ehefrau LukaS, die eit Jcckren von ihrem lutherischen Manne verlassen mar, vom Stadtmagistrat ht Schöppenstedt an getöteten war, die in Australien geborenen und daselbst katholisch getauften Kinder am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen zu laffen, und daß ferner ein Gnadengesuch der Ehefrau Lukas an den Regenten, ihr die katholische Erziehung zu gestatten, abschlägig beschieden war. Dieser Mifckehe'ifall hat nunmehr seine befriedigende Erledigung gefunden, indem der katholischen Ehefrau jetzt auf ein erneutes Gesuch an den Regenten die katholisch- Erziehung der Kinder gestattet ist. So erfreulich dieser DispenS ist, so sehr muß gegen den Zustand Protest eingelegt tverden, daß der Ehefrau Lvfos erst auf diesem Wege das Recht zugestanden werden konnte, ihre im Einverständnis mit dem lutherischen Ehemanns katholisch getauften ititb bisher katholisch erzogenen Kinder auch fernerhin katholisch zu erziehen.
** Die Welfen schließen sich nicht dem Zentrum an, sondern wollen eine unabhängige Gruppe bleiben. Die welfifche Deutsche Volkszeitung in Haimover erklärt nämlich: Die Deutsch-Hannoverschen Abgeordneten im Reichstage fonftttuieren sich als eine von zeder Verbindung mit irgend einer anderen Partei freie und unabhängige Gruppe unter dem Vorsitz de? Frhrn. v. Sckele-Ickelenonrq.
•I« Ti« „Frankfurter Zeitung" über moderne Freigeisterei. Es ist ein köstlich Urteil, da? die „Franks. Ztg.", da? Organ des radikal-liberal-deulo- kratisch-antireligiösen Blochs, über den H-erhaufen moderner Freidenkerei fällt. In einem Artikel über Friedrich den Großen (Rr. 23, Abendblatt) liest man das große Mort:
.Jeder grüne Junge, der ans die Pfaffen schimpft, hält sich für aufgeklärt nnv für einen Aufklärer. So einfach ikt die Sacke doch nickt. Ein Gegner der Krrcke ist nicht schon deshalb, (veil er ein ©ernte« ist, em freier Geist; er kann toqar dennoch sehr beschränkt fei".'
Es Wäre recht lehrreich zu erfahren, wo die Frankfurterin ihre Beobachmngen gemacht bat, daß sie zu einem so richtigen Urteil gekommen ist: senn zutreffend ist das Urteil, und jeder unterschreibt es gerne, der einmal zu tun hatte mit jener gedankenlosen köhleraläub'a-n Sivve, die sich beute Freidenker nennt. „Sebr beschränk, gewiß, und als Gegenseite dieser Beschränktheit der törichst« Köhlerglaube, der zwar über den religio'en Glauben schimpft, wie nur einer in den robesten Tönen schimpsen kann, aber selbst einen Glauben frräMert, der zwar in Sachen des religiösen Glaubens Mncken seiht, aber selbst Kamelkarawanen verschluckt. Man Werse nur einmal einen Blick in das nicht wert von der „Franks. Zeitg." erscheinende „Freie Wort", dieses Organ des widerlichsten Pkaf- fengeschimvfes nnd zugleich der allerä^sten Be- fchränkibeit, und man wird gerne bestätigen, daß nur blindester Köhlerglaube die Di"oe schlucken kann, die dort feikgebalten werden; jeder denkende und gebildete und wirkliche Wissen besitzende Leser muß auffchreien ob der sebr großen Beschränktheit, die hier ihr Gemüse zu Markt bringt. Hat die Frankftirterin vielleicht hier ihre Beobachtungen gemacht, die sie zu ihrem zwar vernichtenden, aber durchaus den Tatsachen entsprechenden Urteile gebracht hat?
# Karlsruhe, 15. Febr. 1912. In der Ange kegenheit Wittum hat eine Versammlung libe
raler Vertrauensmänner aller Richtungen in Pforzheim ihrem dem Großblock jo unbequemen Abgeordneten das Vertrauen ausgesprochen. Der junglrberale und der natwnalliberale 53 er ei-* in Pforzheim erklären ebenfalls einen Anlaß zur Mandatniederlegung für nicht gegeben und machen da? den anderen Großblockbrüder» durch einiges Schnupfen auf das Zentrum fchmackhafter. Ste sozialdemokratische Presse hat das Feuer auch eingest-llt. In der sozialdemokratischen Partei rumort es freilich noch mächtig. Im sozialdemokratischen Verein zu Karlsruhe erhob sich in einer Bersauunlung, die mit dem Ergebnis der Reichstagswahlen, besonders in Karlsruhe und Pforzheim sich befaßte, lebhafter Widerspruch gegen die ganze Großblockpolitfl, in oen auch Adolf Geck, der gewesene Reichstagsaogeordnete emstimmte. Indessen darf man annehmen, daß der Bruderzwist im Großblocklager nunmehr beigelegt ist. — Tie Budgctkomnnsfion der badischen Kammer hat die badische Gesandtschaft in München gestrichen. lieber den Wert dieser Gesandtschaft kann man ja schließlich streiten. Die Ratwnaitiberaken batten bisher aber den Posten tote das Zentrum genehmigt, toeil man ein gewisses Einvernehmen her süddeutschen Regierungen in manchen Fragen dadurch glaubte erleichtern zu können. Großherzog und Regierung hatten darauf großes Gewicht gelegt. Sozialdemokraten und Demokraten waren schön früher gegen alle Gesandtschaften. Jetzt hat oie nationalliberalc Partei sich ihnen angefchlofseu. Ob damit ein Protest gegen das neue „schwarze" Mmi- fterium in Bayern oder ein kleiner Stich gegen deu Staatsminister v. Tusch tvegen seiner ablehnenden Haltung gegen den Notblock mit beabsichtigt ist, mag dahingestellt bleiben. Bor allem war eben wieder einmal eine Notblockaktion nötig. Unt der Ci*= zialdemokratte gefällig zu sein, darf man auch einmal oben anstoßen.
d München, 15. Febr. 1912. In einem Aufruf, den die bayerische Fortschrittl. Volkspartei losgelassen hat, liest man u. ?.:
Jktzt gilt's, die brennende Sckam, im neuen DeuIschen Reich zum erstenmal ein offizielles !) ultra» montanes Regiment zu besitzen, in fruchlbringende ft am »f arbeit tu tiberfetten. Auf zum Kampf für Staatshoheit und Gewissensfreiheit — geaeu das System der Intolerant, der Konleüions-rennuna und mittel» atterlicker Knebelung des kulturellen florisckritis!
Unterzeichnet ist das Dokument von Dr. Mülle r- Meiuiugen (Hof), von demselben Dr. Müller, der immer und immer wieder die Forderung vertreten hat, das Zentrum solle auch die Minister stellen, was es jetzt nur zum kleinsten Teil getan hat. Daraus hat er also nur gewartet, um die „brennende Scham" spazieren zu sühren zu Zwecken „frucht- bringender Kampfarbeit". Wir kennen die Frucht dieser Kampfarbcit schon lange. Es rst das gleiche Unkrat t „antiklerikaler" Verhetzung, von dem sogar die radikalisierten Arbeiter Frankreichs erklärt habe», daß sie sich damit rnchc allein absprijen lassen wollten. An die gleiche Art von Kauwfarbeii hat wohl auch Dr. Hirth gedacht, als er sich in fernem schon genügsam gekennzeichneten Artikel erlaubte, auf die Revoltition hinmwciscu. Und das schreiben Leute, die eine Parlamentarische Regie- Niugsform, wie in Frankreich, erstreben. Zentrum und Konservative in Bayern haben nun einmal in 94 von 163 Wahlkreisen die absolute Me h r h e i t. Ein der Mehrheit einigermaßen entsprechendes Ministerium ist — nach fortschrittlicher Forderung — das Natürliche. Macht nichts! Das gilt ja nur, wenn die Liberalen die Mehrheit haben, sonst ist es „eine brennende Scham" fürs neue Deutsche Reich! — Das laßt ahnen, was das Volk zu erwarten hätte, wenn ein solch nndirldsamer, herrschsüctiger und ungerecht denkender „Fortschritt" je zur Regierung käme. — Herr Dr. Georg Hirth kann sich noch immer rncht beruhigen. In feinen „Münch. Reuest. Rachr." (Nr. 76) schreibt er zum Minister- wcchfel:
Wer die bimm'ifchen Erwartungen nicht von den Angelegenheiten tiefer Zeitlichkeit trennen kann, der erscheint uns als politisch „fufpetl", als po'itisch „»er» und in Ansehung der Qualifikation zum Minister estie? paritätischen Staates geradezu als .unverwendbar'. Er mag ein guter und edler Menfch fein und al? solcher unsere Hochachtung, ja
sogar Bewunderung verdiene»; aber zum Minister taugt etfe roentg wieder Bock zum Gärtner.
Dieser sonderbare, aber echt liberale Freiheits- schwärmer erklärt dann weiter ausdrücklich leben Gläubigen jeder Konfession als „unverwendbar", weil er zu leicht versucht wäre, „Geschäfte" für seine Konfession zu machen! Bloß zum Stetterzahlen ist der gläubige Teil des Volkes berufen, alle anderen Kategorien des Staatslebens müssen ihm verschlossen sein. All diese Sttlübnngen beweisen, wie unrecht manchen Leute» thre Anhänger tun, wenn sie sie für Politiker halten. Politiker warten die Taten einer neuen Regierung ab, um dann gegebenenfalls zu kritisieren, zu taaeln und dagegen zu agitieren. Fanatiker aber bekunden aller Welt ihre Voreingenommenheit und laffen den Grundsatz erkennen: Ihr könnt tun, was ihr wollt, wir werden es fch l e ch t machen.
Aus dem Nachbargebiete.
:: Blankenau, 15. Febr. 1912. Gestern nachmittag fand hter und gestern abend in Kleinlüder eine out besuchte Volks Vereins Versammlung statt. P. Th eodofi u s vom Frauenberg sprach über das Thema: „Wie kann die katholische Landdevälkernng sich und die in die Industriezentren abwanderadeu Jünglinge uitb Männer schützen vor den religiösen und uttlichen Gefahren, welche Großstadt und reii- gtousfeindlicher Soziallsmus bereiten. Herr Volks« verein-fekrelär Frank behandelte den Schutzzoll und Schutzzollpolitik. Hier und in Kleinlüder ließen sich sehr viele in den Verein aufnehmen.
□ Langenbieber, 15. Febr. 1912. Bei der in Frankfurt a. M. abgehattenen 15. internationale» Geslügelausstellung erhielt Herr Engelbert Reinhard hier auf ferne ausgestellten Faverollesbühner bei grober Konkurrenz einen zweiten, einen dritten und einen vierten Preis, auch verkaufte dort Herr Reinhard 1 Hahn und 1 Huhu für die schöne Summe von 60 Mark. Es ist hier« ans zu ersehen, auf welcher Höhe die hieft -e Geflügelzucht steht, besonders die des Herrn Reinhard. Ferner liefert dieser Erfolg den Beweis, daß toe Geflügelzucht bei sachgemäßer Handhabung und Auswahl nur nutcr Zuchttiere and) nmtz r»n(a* e! ist.
* Offenbach, 15. Febr. 1912. Die Feuerwehr ist hier seit einigen Taget: damit beschäftigt, in den Kellern der Schnakenbrut den Garaus zu machen. Heute wurde sie nach der Bettinastraße 31 gerufen. Sie arbeitete in einem Keller unter einer Scheune. Kaum hatte sie ihre Arberi beendet, da nahm man in der Bitt Heu und Stroh gefüllten Scheune eine lebhafte Rauchentwicklung wahr; bis die Feuerlvehr aber zum zweitenmal am Platz erschien, war die Scheune schon bis auf die Umfas- nngsmauern niedergebrannt. Jetzt find die Schnaken sicher tot!
* Frankfurt a. M., 15. Febr. 1912. Heute fr ul brannte die Bahnivärterbude Nr. 40 die zwischen hier und Niederrad liegt, vollständig ab. Infolgedessen schmolzen alle Telegraphen-, $e- lephon- und Blockleimngen von und nach Gold ftcin und Griesheim, sodaß zwischen diesen Statio nen und deut Frankfurter.Hauptbahnhofe keine Ver bmdnrtg mehr möglich war.
♦ Bom Taunns, 14. Febr. 1912. Zum Zwecke der Blutaufsrischuug des Wildbestandes in den Tau- nuStoäldcrn rst u n g a ri s ch e s Wild in die Forsten ausgesetzt worden. — In Scbloßborn wurde die I a g d. die bisher nur 380 Mk. Pacht einbrachte, für 1700 Mi. verpachtet. Bei fast allen in der letzten Zeit vorgenommenen Jagdverpachtungen wurde ein Vielfaches des btshcrigen Pachipretses erzielt.
* Melsnngcn, 14. Febr. 1912. Die trete Bäcker- intmng in Melsungen bat die Errichtung einer. ZwangSinnnng für alle diejeniaen beantragt, welche im Kreise Melsungen das Bäckerhandwerk als siebendes Gewerbe selbständia betreiben, gleichviel, ob dieselben der Regel nach Gesellen ober Lehrlinge halten ober nickt.
X Kassel, 15. Febr. 19’2. Kroße Freude herrscht 'n der Residenzstadt Kassel, daß es gelang, den Sozialdemokraten drei von ihren sieben Stadt- verordnetensihen abznnehmen. Der Erfolg ist
Das AmuLett.
8] Seetoman von Jos. Baierlein.
7 Kapitel.
An diesem Tage hatte der junge Robert die Seekrankheit soweit überwunden, daß er seine Koje wie- r" verlassen konnte. Bleich nnd mit tief in den •potilen steckenden Augen kam er aus das Verdeck, dort die frische Seeluft einzuatmen und hn eomienftMn Erquickung zu suchen.
ftx ^<helte ihm freundlich zu und sagte: den Deckel der großen Luke, *‘m Schäften des Unterbrem-
»ickt Sonnenlicht kann Deine
Augen ntcht blenden.
a bem Rat und ließ sich auf der
«ul- nieder. Es war um die Zeit, wo die schwarzen Matrosen die Wache hatten. Da das Wetter schon war und der Wind aus Westen blieb, gab es weder auf Deck noch tu den Segeln und Raaen viel -u tun. Dte Leute lungerten müßig auf dem Teck herum, oder lehnten an der Reeltng, to0 r„ kauend, über Bord spukten. Doftor Jevhson stand mit Goring an der Hütte, und betde fübrten mit- jrinanber im Plauderton eine leise Unterhaltung.
Nach und nach wurde e5 dem Knaben unbehaglich auf feinem Sitze. Es war so gar nichts borbrnt* den, was feine Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Stets dasselbe Bild des öden Meeres, stets die nämlichen schwarzen Gestalten auf Deck mit den trägen, läs- stgen Bewegr(ngen. Die Langeweile legte sich wie .Es" Bleigewicht auf seine Augenlider und wollte ihn ernschlafern. Er gähnte.
Da siel ihm plötzlich das Amulett eilt, das ihm ©öial» mttgegeben, und fein Vorsatz, es öffnen zu Wollen. Er be,chloß das zu tun, so hatte er wenigstens einen Zeitvertreib. ' '
Robert das Amulett hervor und suchte es ^E.^bm" tu^td'^ 1,0(6 geraumer Weile Glückte es thm, $u entdecken, wie den der
k»p,-l H fa» ÖH*
Ut .lufbein >»'<«-. s-h neunitrlg tu, W-- -er Knabe tneb J u 6 ’
Als die Kavfel endlich aussvrang, entrang sich den L'vpen Roberts ein Rus der Ueberraschung. Denn -statt eines Stückchens Holze? oder eines Tierchens, wie er zu finden gedeckt batte, erblickte er einen in Form einer menf*liehen H-md soe-üästtg bearbeiteten Stein. Allerdings war es nicht die Hand eines Erwachsenen, sondern höchstens die eines dreiiährige» Kindes. Hinter dem .Knöchel war der Stein nickt ntehr alatt bearbeitet, sondern Zeigte eine raube Fläche, als ob er von einer größeren Figur abgebrochen wäre. Das fast fchüvarze Material, aus dem die Hand hergeftellt war, war dem Knaben ganz fremd.
Kaum hakte der neugierige Matrose, der Robert zugesckaut, die schwane Hand erblickt, al? er wie elektrisiert missprana, sich hinter den Knaben schlich tnid mit bem_ Ausdruck grenzenlosesten Staunens über dessen Rücken hinweg aus den seltsamen Geaen- stand niederftarrte. Dann mackte er. heftig gestikulierend, seinen Kameraden Zeichen, sie möchten leise »aber kommen, und als die anderen Reger fich unhörbaren Schrittes herbeimachten und »eben ihm airfstellten. truaen auch ihre Gesichter da? Gevräge einer an Verblüffung streikenden Berwnndermrg.'
Bei einer Pause, die in Gorings Gefw äch mit dem Doktor eintrat, machte letzterer eine Wendung und erblickte seine» Sohn von sämtlichen schwarzen Matrosen umringt.
„Robert!" rief er ihm zu, ..was haft Tu dort? Warum ffeben die Leute um Dich herum?"
Erft jetzt bemerkte der Knabe die Mat rißen.
„Ah", rief er, „sckau Dir nur einmal en, was in Sarahs Amulett oestmden habe. Da? P ja unEch merttvürdig!"
Jevhson schritt, von Goring begleitet, Wwen Sohu zu «ud nahm den Stein aus ferner Vrnd entgegen. "
kacke?N begann er, „da? ist em ht drei-
hi« m.2e5Tt6un3 merklvürdiges Objekt. MerkwSr- dm wegen des seltenen Stoffs, denn es ist Meteor- wit^mit h^t,n ^gen der erstaunlichen Kunsrfertig-
schwer zu behandelndes Material ousgerneißelt wurde, zum drit- den Umstand, daß em so einz und d^halb gewiß auch höchst wertvoller
I Gegenstand in den Besitz unserer alten Sarah kom- | rinn konnte."
„Ach, Vater! Was das letztere anbelangt", sagte Robert, „so kann ich Dir schon Auskunft geben. Als mir Sarah das Ding um den Hals hängte, machte sie mich daraus ausm-rfiam, daß es einen Talisman eutbalke, den einer von ihren Vorvätern, der in die Sklaverei verkauft worden sei, aus Asrika mit nach Amerika brachte. Das Amulett habe sich dann in ihrer Familie in ununterbrochener Reihe fortgeerbt, bis sie/ als Letzte ihres Stammes, in dessen Besitz gelangte."
Während der Knabe sprach, hatte Goring keinen Blick von dem Stein, oder dem zur Hand umqear- bciketen Meteoreisen toeqgewandt, da? Doktor Jevhson noch immer betrachtete. Er schien sich in großer Aufiegung zu besinden, obschon er sich offenbar Mühe gab, dies zu verbk-raen. Seine Augen rollten, die Brust wogte mächtig, und auf seiner Stirn fiauden Schweißtropfen. Die innere Bewegung schien auch ihm die Sprache verschlagen zu haben- denn er deutete zuerst zwei, drei Mal mit dem Daumen seines Handstumvfs auf das Amulett, ehe er
; mit verschleierter Stimme sagte:
> „Es wundert mich nickt mehr, daß wir so Vie! Unglück an Bord batten. Solche Neacramulette, die von beidniscken Okü? (Name der Zauberer unter den asrikanischeu Regern.) mit Menschenblut und Zaubersvrüchen aeweibt werden, bringen stets Unheil und Verderben. Der Ort, wo man sie misbe- wabrt, steht unter dem Einfluß böser Geister, die dem menschlichen Geschlecht feindselig gesinnt üiid. Ich glaube fest, daß das Verschwinden der Frau Tibbs und ihres .Kindes, sowie der Tod des Kapitäns der Einwirkung diefes Zaubergegenstands zu- zuschreiben find, und e5 ist daher das beste, wenn Wir das Ding ins Meer werfen."
Der Ouarterone hatte auch im Sinne, seinen Worten sofort die Tat folgen zu laffen; denn er streckte schon die Hand ans, um dem Doktor das Amulett zu entreißen.
Doch dieser brachte den wertvollen Stein durch eine rasche Bewegung vor Gorings Zugriff in Sicherheit und sagte zürnend:
„Halt! Was fällt Ihnen ein?" Was maßen Sie sich an? Sie haben kein Recht, über diesen Gegenstand zu verfügen. Er ist ausschließliches Eigentum meines Sohnes. Wenn Sie die schwarze Hand wirklich mit abergläubischer Scheu betrachten sollten, was mir aber bet Ihrer vielseitigen Bildung ausgeschlossen und nur wie ein bloßer Vorwand erscheint, — dann schreibe ich dies Ihrem Neaerblut tu, das auch in der dritten ©enerafimt noch dew Samte des Aberglaubens unterliegt."
„Herr", brattffe Goring auf, „ich bin ein Gentleman! Es ist nicht anständig von Ihnen, mich au meine Abstammung zu erinnern. Doch drüben werde ich bei einer anderen Gelegenheit mit Ihnen t echten. Für jetzt verlange ich nur wiederholt, daß Sie diefes Zauber-Amt'lett über Bord Wersen."
Allein in diesem Moment nahmen mrch die Schwarze» gegen Goring Partei. Denn als er zum zweiten Male die Defeitiaung des Bildwerks begehrte, schrien sie emstimmiq:
„Rem, nein, Sir! Die schwarze Hand darf nicht ins Meer versenkt werden, — niemals'"
„Warum nicht?" knirschte der Ouarterone, vor 9otn kost fassungslos. „Was wißt Ihr von diesem Tina?"
Der oftefte von den Negermatrosen übernahm die Antwort.
„Das ist Euch, Sir. so gut bekannt, wie uns", sagte er, „weil auch Ihr mit uns schwarzen Menschen verwandt seid. Die Hand ist da? verloren gegangene Stück unseres Tawt, des obersten Heilig- tttms aller Reoerstämme. Vor Jabrbundertett fiel ein schwarzer Stein vmn Himmel auf die Erde, ttnd die Obis ttntersnckken ihn und fanden, daß darin ein mächtiger Geist tm*.ne, «gen den alle v/ ’.aev Fetische der Welt kraftlos seien; brujn ltcßen sic aus dem St-i" da? Bild de? Geistes formen und stellten das Heiligtum an einem verborgenen Ort in der Einsamkeit tut Verehrung auf. Als aber weiße Männer ins Land kamen, Neger raubten, sie in ihre Scküsfe bracklen und in Amerika als Sklaven verkauften, da überfielen sie cme8 Tages auch das Tapu und sckluzen dem Bild, weil e§ zu schwer toar, als daß |te c? oauz hätten fortbringen können, die rechte Hand ab ~ (Forts, folgt.)