J.S«’Ä woch-nb-ilas-: „illustrierte Sonntagrzeitung"
Fulda, Donnerstag den 15. Februar 1912.
39. Jahrgang.
Erstes Blatt
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Lirmch»« Ni $äj» Wb Sehrt««. «Btrteb Mriicher»«^-'P»etr »hn« Briitaatol}» ««* Ve-eLge»»,«S«itzah- wtc <TU$Wärt51.W M.
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uldaer W Zeitung
M. Derlag der futbaet moitdsbcnag«: „Zuldaer @efd)i$$blätter“ ’JXÄ'W
Preunischrr Landtag.
Dbnrorbt«tenft6tt8.
Lltzung dorn 14. Februar 1812.
ftrtifi''' y94'*6 ®er<r*un® ^eB Landwirtschaftsetats wird
Abg. v. dem Ha«e» tritt lebhaft für den Meppen. Hoogeven-Kanal ein. Der Kanal würde ein große« Moor, und Heidegebiet durch,chneipen und dadurch wesentlich mit zur Erschießung beitragen.
Abg. Gyhling (Vp.) bedauert datz im Etat tot Kultivierung der Moore mcht noch mehr Mittel ein. gestellt sind.
«bg. Glatze, (natl.) hält auch die Rultttnerung ^r Hochmoore für landwirtschaftliche Zwecke möglich.
Die Abgo. v.Gcscher (kons.), Tr. Schifferer (natL) und Klocke (Ztr.) unterziehen den Plan eener Reu. organisation der W a sse rb a uv erwalt u ng im LandwirtschaftSministerium einer eingehenden Kretik.
Landwirtschaftsminister Dr. Frhr. v. Schoriemer erwidert, der Plan sei noch ganz unverbindlich.
Abg. Richt« rSky (Ztr.) tritt für die Schutzbauten an der Oppa ein.
. $£3: ö' ®°6let (kons.) vermißt im LandwirtschaftS- «tat Mettel zur Ausbildung von Landpflegertn- R«n.
' Die Bbgg. b. Jlloben (kons.). Dietrich (Vp.) und Engelsmann (natl.) treten für den Wein, und Obstbau em, letzterer beantragt. 100 000 Wk. zur Unterstützung der Winzer an der Nahe.
Abg. Beltin (Ztr.): Unsere weinbautreibende Be» Mkerung produziert teuerer al« die Weine im Preis« stehen. Unsere Weinzölle müssen unbedingt verdoppelt werden, denn auch dem Winzer gegenüber gilt die Parole: Schutz der nationalen Arbeit.
Dentscher Reichstag.
Sitzung vom 14. Februar 1912.
Erster Vizepräsident Scheide mann eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Minuten mit der Mitteilung, datz vom zweisirn Vizepräsidenten Dr. Paasche folgendes Schreiben eingkgangen ist:
„Dem Präsidium des Reichstags teile ich hrer- durch mit, das; ich mein Amt alö zweiter Vizepraft- deut hiermit niederlege. Dr. Paasche.
tBeiioll rechts und im Zentrum., Heiterkeit lircks.)
Erster Vizepräsident Schekdemann: Ich schlage dem Hause vor, die nunmehr notwendig gewordene Wahl des zweiten Vizepräsidenten heute sofort nach der Wahl bcS Präsidenten vorzunehmen. Das ist nur zu" lässig, wenn kein Mitglied des HauseS widerspricht. Ich frage deshalb das Hans, ob es mit meinem Vorschläge einverstanden ist. (Widerspruch wird nicht erhoben.) Es erfolgt fein Widerspruch, wir werden also nach der Wahl des Präsidenten sogleich die Wahl deS zweiten Vizepräsidenten vornehmen.
Die Wahl des Präsidenten.
Zuui Präsidenten des Reichstages wurde der Abg. taempf (Vp.) mit 193 Stimmen gewählt. Die Reckte und das Zentrum hatten 173 weiße Zettel ab- gegeben. 5 Stimmen waren zersplittert.
Ans die Frage de« ersten Vizepräsidenten Scheide- utnnn, ob er die Wahl annehme, erklärt
Abg. Ka-mpf (Vp.): Ich fühle mich verpflichtet, die Wühl anzunehmen. (Lebh. Beifall links.)
Präsident Kaemps übernimmt darauf das Präfi« di um. ES folgt die
Wahl des zweiten Vizepräsidenten.
Zum zweiten Vizepräsidenten wurde Abg. Dove (Vp.) mit 194 Stimmen gewählt, 165 Zettel waren unbeschrieben.
Auf die Frage deS Präsidenten erklärt
Abg. Tove (Vp.): Ich nehme die Wahl an. (Beifall links.)
Das Präsidium ist also gewählt und der Reichstag konstituiert. ES wird in die Verhandlung etnge- trelen.
Ein schleuniger Antrag Albrecht und Genossen wegen Einstellung schwebender Strafverfahren gegen die Mitglieder deS Reichstags Ebert (Soz.), Fischer (Soz.) und Feuerstein (Soz.) wird debattelos angenommen.
Eine Reihe von Interpellationen: Basser- mann und Gen. betr. die Verhandlungen der Brüsseler Zuckerkonvention, Ablaß (Vp.) betr. die sofortige Auf» 6elning des Zolles auf Mais und Futtergerste und Suspendierung deS am 15. Kebr. d. Js. eintretenden Knrwfsetzolles bis ersten Mai d. I. und eine den gleichen Gegenstand betreffende Interpellation Albrecht (Soz.) und Gen. werden von der Tagesordnung abge» setzt, weil die Regierung heute noch nicht zur Beant. wortung bereit ist. Es folgt die
erste Lesung des Etats.
ReichsschatzsekretLr Wermuth gibt einen Ueberblick über die Eniwicklmig unseres Finanztoesens. Die Heu. tige Lage unserer Reichsfinanzen ist nicht schlecht, aber vor einer allzu rosigen Auffassung der Lage ist doch zu warnen. Leber die Matrikulaturberträge mag man denken wie man will, große Experimente lärmen wir auf diesem Gebiete nicht mehr anstellen. Einen wesentlichen Bestandteil der Reichseinnahmen sind die Matrikularbeiträge heute nicht mehr, weil die Leistungsfähigkeit der Bundesstaaten keineswegs eine un- begrenzte ist. Eine der ersten Aufgaben, die dem Reiche zufällt, ist der Schutz des Bundesgebietes. Die militari f dien Äusiprbes find für das Reick unzweifelhaft die leichtigsten, denn hier hat daS Reich seine Haupt- aufgcüe uub seine größte Verantwortung. Aber man genügt dieser Verantwortung nicht, wenn man Wehr- Vorlagen zwar billigt, aber vor der Deckung die Augen schließt in der Hoffnung, datz die Zukunft schon daS Versäumte nachholen wird. Das heißt nicht anderes, als die Fürsorge für die Existenz der Nation auf eine spätere Generation abschieben, denn auch für unsere Nachkommen wird vermutlich noch der Satz gelten, daß gesunde Finanzen auch die Grundlage unserer Wehrkraft bilden. Wir haben uns dieser Einsicht nicht cirtzogcn unt> zweimal kurz hintereinander in großem Maße ne ue Deckung Sm ittel geschafft, nicht ohne schwere politische Erschütte- r n u g. Aber wenn man einem durchgehenden Rotz die Zügel wieder anlegen will, so läßt sich daS nicht mit einem Ruck erledigen. Wir haben daher die Anleihen nicht ganz vermeiden köimen. Jedenfalls würden Ivir, wenn ein neuer zwingender Mehrbedarf entsteht, nicht den heilsamen Grundsatz „Keine Ausgabe ohne Deckung" über Bord werfen. Golddeckung muß es sein, keine Papier- oder Briefdeckung, wenn daS Wohl des Vaterlandes ein Opfer erheischt, dann mutz es gebracht werden. Die Finanzen sind auch ■em Teil der Wehrtücktigk-it des Reiches. Sie müssen untadelig dastehen, dann dienen sie dem Ansehen Deutschlands und damit zugleich einer gedeihlichen Entwicklung unseres gesamten StaatSwesenS.
Donnerstag: Weiterberatuug.
„<,. , «rawmiraiwn, uuvciu eine
Ä durch die fein Kenner der obwalten- " und Stimmungen überrascht wurde.
tettn bÄa"fe°nftration'' reden will, so hat gtatiSEafc b^^>em»baten und bet Ausdruck „Demonstratiou- EN vetiwchtrgei, Arckiong an das neueste Tendenzmarche» der Großblockvreffe. Da wird mti großem ^ortlchwr^ und Entrüstungs- schwung den beneidenswerten Leser» eingerebet bai Zentrum und die Konservativen wollten mit rafft. Erter Bosheit den Reichstag arbetrs» »fähig
Abg. König» (Mr.) bringt den Wunsch der Garten, bauinteressenten auf Errichtung besonderer Gartenbaukammer» vor.
Abg. Lüder» (freikons.) äußert den gleichen Wunsch.
Abg. Eckert-Winsen (natl.) begründet einen An- trag, »eitere 100000 Mk. zu bewilligen, um durch planmäßigen Massenanbau von Obst und systematische Förderung deS garten- und feldmäßigen Gemüsebaus in hierfür durch Bodenbeschaffenheit und Lage zu großen Absatzmärkten besonders geeigneten Gegenden der ausländffchen Konkurrenz wirksamer als bisher entgegenzutreten.
Landwirtschaftsminister Dr. Frhr. v. Schoriemer weist darauf hin, datz die Frage der Garte nbau- Kammern bereits die Vertreter der Landwirtschaft beschäftigt habe. Diese seien zu dem Ergebnis gekommen, datz es besser sei, innerhalb der Landwirtschafts, kammerrt Gartenbauausschüsse zu errichten. Im übrigen erkennt der Minister die Notwendigkeit der Vermehrung der für den Gartenbau ausgesetzten Mittel an. (Bavo!)
Bei der Abstimmung geht der Antrag Ecker an die Agrarkommisst»», der Antrag EngelSmann an die Budgetkommission.
Abg. Tourneau (Ztr.) bedauert den Rückgang der Viehzucht auf dem EichSfeld. Hier müsse mit star- ker Hand eingegriffen werden. Nur wenn der West- fvnds erhöht würde, werbe daS Eichsfeld in absehbarer Zeit gesunden.
Abg. Huma» (Ztr.) wünscht gleichfalls eine Er- Höhung des Westfonds.
Die Abbg. v. d. Osten (kons.), Dr. Glatzel (natl.) und GyMing äußern noch einige Wünsche beim Titel „Förderung der inner» Kolonisation".
Mittwoch: Forffehnng der Etatsberatung.
Das Bierwochenpraftsmm.
Wir haben rin Präsidium. ES ist freilich nut ein Notbehelf. Niemand kann Voraussagen, wie das definitive Präsidium, daS erst in vier Wochen gewählt wird, aussehen wird.
DaS ,RenUum und die Konservativen haften erklärter Maßen kein Interesse aa der Auffüllung eines Präsidiums, in dem bereits ein roter Vizepräsident von Bsffermann's Gnaden Platz genommen hatte. Die Sozialdemokratie wollte lieber di« Vizepräsidentschaftstaube in der Hand behalten, statt iljre Kandidatur für den ersten Poften zu erneuern. Die Fortschrittspartei handelte also ganz im Sinne ihrer roten Gebieterin, als sie sich erbot, gkid) zwei Kandidaten in die Doppelbresche zu stellen. Und die nationalliberale Partei benutze die Gelegenheit, um auf ihren jüngsten scharfen Ruck nach rechts wieder eine sanfte Wendung nach links folgen zu lasten: sie stimn ie für die Herren Kämpf und Dove, wirkte also positiv mit zur Garnierung der sozialvemolratischen Dize- präfidentschast, obschon sie vor 2 Tagen noch förmlich und feierlich die reinliche Scheidung beschlossen hatte.
FraktionS « Erklärungen, die auf Stelzen und Schrauben gestellt sind, werden jetzt Mode. Das Wolfffiche Bureau bringt st« vom geduldigen Papier auf den geduldigen Draht. Die Fortschrittspartei veröffentlicht jetzt auch so eine wohl« stillsierte Kundgebung. S,e spricht darin von einer Notlage, der sie abhelfen, und von einer Bresche, in die sie treten wolle. Sie will ihre zwei Prä- fidemschasts - Kandidaten als die Winkeirtede der parlamentarischen Arbeitsiähigkest anpreisen. So ganz patriotisch und selbstlos ist aber daS .Opfer" nicht. Um den Reichstag wirklich und dauernd arbeitsfähig zu mach«', gab es ein viel befferes Mittel, als so rin Präsidium der Minderheit und Verlegenheit aus 4 Wochen. Nämlich die Herdei- ssthrung des Rücktrittes des toten Vizepräsidenten und b« Verständigung über ein Atbettsprästdium unter den bürgerlichen Parteien. Aber gerade das wollten die angeblichen Reichsretter in der Fortschrittspartei verhindern. (Sie fürchteten, daß die nationalliberale Partei (unter dem frischen Eindruck der Protestbewegung gegen die Großblockpolitik) gegenwärtig zu einer Verständigung mit dem Zentrum und den Konservativen schreiten könnte, wenn die Piästdialfrage noch weiter Schwierigkeiten mache. Daher die zudringliche Breschepolttik der Fortschrittler. 68 sind vier Wochen Zeit gewonnen, so daß von Bastermaim dis Bebel neue (Aroßdlock- künste vorbereitet werden können. Und einen kleinen Erfolg konnte man sofort einheimsen, indem die rechtsstehenden Rationalliberalen um des guten Scheir es der Geschlossenheit der Fraktion willen sich breit schlagen ließen zur Mitwirkung bei der Wahl der beiden Kollegen des sozialdemokratischen B:z - Präsidenten.
Die Erklärung der fortschrfttlichen Volkspartei spricht in ihrer Einleitung von einer „d emonstra- tiven Weigerung der zunächst berufene» Parteien, in das Reichstagspräsidium einzutreten." Dagegen mutz entschieden Widerspruch erhoben werden. Bon einer „Demonstration" seitens deS Zentrums oder der Konservativen kau» nicht im entferntesten die Rede fein. Sie harten unter sich ein Präsidium nach ihren Grundsätzen und ihrem Geschmack verein- bart. Als chr erster Kandidat Dr. Spahn gewählt war, nahm er natürlich am. Als dann nach einer überraschende» Schwenkung der Mehrheit an Stelle des konservativen Kandidaten der Sozialdemokrat Scheidernanu zum Vizepräsidenten gewählt wurde, da war es für die Mitglieder der beiden Parteien unmöglich geworden, an btefem Präsidium sich wei- « heiligen. Der Rücktritt Spahn'4 und der
machen, um Krach, Konflikt und Neuwahlen herber- zuführeu.
„Es ist nichts so dumm, es findet doch fein liberales Publikum." Die bewährten Arbeitsbienen des Reichstages als die hinterlistigen Störenfriede hin- zustellen und die verneinende Rotblocklinke als die j Retterin der Geschäftsfähigkeit des Parlaments glän- !zen zu lassen, — das bringt freilich nur diese Sorte von Presse fertig.
** Die Mittelstandsanträge der Zentrumspartei deS Reichstages lauten:
I. Der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regiernngen zu ersuchen, zur Erhaltung und Förderung des Haudwerkerftandes:
A. Alsbald Gesetze»!würfe vorzulelegen, durch welche 1. Bestimmungen zur Umgrenzung von Fabrik und Handwerk, insbesondere soweit die Zugehörigkeit zur Handwerk?- und Handelskammer in Betracht kommt, festgeletzt und unter Zuziehung der beteiligten Kiene Instanten zur Entscheidung der bezüglichen Stieitigketten geschaffen werden; 2. die Fabrikbetriebe mit handwerksmäßig aiugebilbeten Arbeitern zu denjenigen Kosten herangezogen werden, welche den Handwerkerorganisationen für die gewerbliche Ausbtidnng des Handwerkerstandes eiwachieu; 3. die Ausübung deS selbständigen Gewerbebetriebes minderjährigen Personen in der Regel versagt wird; 4. die Wanderlager und Wanderauktionen tn der Regel gänzlich verboten werden; 5. die Interessen des Gewerbesta'deS und des kaufenden Publikums gecenüder den Abzahlungsgeschäften mehr als bisher geschützt werden; 6. in der Konkurs- o r d n u n g dte Forderunoen der Handwerker wirksamer geschützt werden; 7. der § 100 q der Gewerbeordnung tunlichst gemäß den Wünschetr des Handtverks geändert wtrd; 8. weibliche Handwerter für die Ber- waltungsorganifaliouen des Handwerks als wählbar erklärt werden.
B. Maßnahmen zu treffen, durch welche 1. eine grüukliche Reform de» Submissionsw eseuS, Ab schasfung des für das Handwerk ruinös wirkenden Minvestpreisoerfahrens und Bergebung bet Arbeiten zu einem unter Zuziehung von Sachverständigen festgesetzten angemefienen Preise erzielt wird; 2. bei Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieserungen sür dus Reich unter Berücksichtigung der für die betreffenden Gewerbe bestehenden Tarifverträge a) die Handwerkergenossenschaften und Bereintgungen, b) die Handwerker, welche den Meistertitel zu führen berechtigt sind, tunllchst bevorzugt iverden; 3. die handiver'Sm ißtgen Arbeiten in den staatlichen Betrieben lunltchit eingeschränkt werden; 4. dem leim« 1 chen Warenhandel wirksamer en'gegengetreten wird.
H Zur Erkaltung und Förderung des häuf» mä'rmischen Mittelstandes:
A. Alsbald Gesetzentwürfe vorzulegen, durch welche 1. die Wanderlager uns Wanderaultionen in der Regel gänzlich verboten werden; 2. die Interessen deS Gewerbeftaudes und des kaufenden Publikums gegenüber den Abzahlungsgeschäften mehr als brs- her geschützt rverdeu; 3. die Forderungen der Kaufleute m der KoukurSordnung wirksamer geschützt wer- en; 4. die für das Handwerk geltenden Borschristen auf die kaufmännische Lehrlingsausbildung entsprechend ausgedehnt werden.
B. Maßnahmen zu treffen, welche 1. dem heim- ktchen Warenhandel wirksamer emgegentreten. 2. dem Klein Hand et in den Handelslammer» eine stärkere Berlretung sichern; 3. den Beamte« und Oifi- zwren des Reiches, der Sinzeistaaten und Gememde« die Leitung von Konsumvereinen und Warenhäusern untersagen; Erhebungen über die Lage des kaufmännischen Mittelstandes auf bentÜanbe, in den kleinen, mittleren und größeren Städten unter öffentlicher und kontradiktorischer Anhörung der verschiedenen Jntereffengruppen in die Wege letten.
Diese Anträge, die von der gelernten Zentrums- Partei einmütig gestellt find, werden nicht verfehlen, die Zustimmung weiter Kreise des gewerblichen Mittelstandes za finden.
Der Umschwung in Bayern.
Das Ministerium Hertliug ist ein politisches Ereignis ersten Ranges. Zum ersten Male nach Gründung des ÄaifertumS wird ein ausgesprochener Zentrumsmann tu aller Form zur Regientng berufen. Wenn man sich erinnert, datz lange Zeit im Süden der Bsinister v. Lutz als ein kleiner Bismarck das Zentrunt mit seinem ganzen Hatz verfolgte, wird man den Mandel der Dinge, der sich jetzt vollzogen hat, verstehen. Der Wandel ist um so großer, je unerwarteter er gekommen ist.
Wenn man vor vier Wochen die Abdairkung des Ministeriums Podewlls und die Berufung des Freiherrn v. Hertling und des Herrn v. Soden prophezeit hätte, da würde man ten liberalen Redaktionen ohne weiteres für irrsinnig erklärt worden fein. So sehr glaubten sie ihrer Sache sicher zu fein. Um so schrecklicher ist die Wut, die jetzt in den liberalen Blättern zum Ausbruch kommt. Ein „ultramon- taneS" Ministerium — entsetzlich! Das „führende* fibernfe Blatt im Süden, die Münch. Neuesten Rachr. verfallen in hysterische Schreikrämpfe. Tas Blatt jammert ton einem tiefen Mißtrauen in den nicht ultramontanen Teil der bayerischen Bevölkerung, zetert übet Jntriguen, die nirgends als in chrem Kopfe bestehen, händeringend beschwört es Bersin, well ein Führer des Zentrums sltmmfüh- lenber Vertreter Bayerns im Bundesrat und Vorsitzender des BundesausschusseS für auswärtige Angelegenheiten würde. Run, wir glauben, datz dar- »bet in Bersin weniger Entsetzen herrschen wird, als zum Exempel über die Wohl eines Scheidemann zum Reühstagspräsidente» durch unsren ollen ehrlichen Libernltsmus. Tas erste Zentrumsministerium im deutschen Reich! das ist ent Todesschtecke», der dem Liberalismus in die Beine gefahren ist. Datz früher unter dem Segen derselben „Neuesten" in dem überwiegend katholischen Bayern ein liberales Kulturkampftninisterium Lutz, ein rein liberales Ministerium Crailsheim-Feilitzsch bestand, das bat die „Münch. N. Nachr." natürlich schon lang vergefien. .
Schon auf da» Gerücht, datz ein „ultramon» taneö" Ministerium in Bayern kommen toürb^ batten die „Münch. N. Rachr." zu einem schmachvollen unglaublich verbissenen Hetzartikel au< der Feder der Verlegers der „N. Nachr." und de; „Jugend" Hirth wsgelaffen. Als wir s. Zt. tooa dem Artikel Notiz nahmen, lag uns nur ein knap, Per Auszug vor. Der Wortlaut enthüllt noch deut» sicher einen geradezu unglaublichen „antiklerikalen* Fanatismus.
.Es ift unglaublich!' — so hebt der Artikel an — »die Zeitungen melden von der Absicht, dem Königreich Bayern mit ferner — wenn wir alle Dissidenten Gemischten, Unkirchkichen ufro. mit einrechnen — fass zur Hälfte nicht römisch-katholitchen Bevölkerung sin Wirklrchkeit ift Bayern zu über 70 Prozent katholisch! em ultramontaneS Miaiftertum zu gebenI Oder doch ein Ministerium, das dem Zentrum sich gefügiger erweisen werde, als schon das Mmiüer-um Podewils es getan." Das geschehe nach dem «Wahl, erfolg“ der Zentrumsgegner, geschehe angesichts der hundertjährigen Zugehörigkeit kompakter prote« ftantischer Provinzen zu Bayern, „welche all--iy schon sür sich ein nicht konfessionell-katholisch gesärbtes Ministermm erwarte» und verlangen können", geschehe^ „trotz dem Uederwiegen der Intelligenz und Steuer« trafi auf felm der Zentrumsgegner?' Ein „ultramontanes Ministerium" würde von der großen Mehrheit der bayerischen Staatsbürger „als eine politt,cha Ohrfeige emvsunden werden". Ein „römifches Mimsterium" wäre „eine große Gefahr für den Staat Bayern und nicht mmder für das Königshaus". Dann kommt die Drohung:
„Dte notgedrungen« Umwandlung von Monarchien in Republiken bat fast immer mit Ueberfpannangen des konfessionellen Bogens an- gefangen. Di« Völker, auch as bayertfche, sind gar nicht revolutionär, der erste Anlaß zur Revolution geht immer von der Velstänvnislosigkeit der Machthaber für die EtaatSrmsmr aus, das übrige besorgt dann die konfessionelle Unersätilichkeit."
Diese Kundgebung ist ein Zeichen dafür, was die in Bayern bisher matzgebenden und gehätschelten liberalen Kreise sich glauben herausnehmen zu dürfe». Gerade die „M. N. R." waren es, die die Verbrüderung mit der Sozialdemokratie ohne jede Rücksicht betrieben, so datz berufene Berater der Krone schlietzlich sich sagen mufften, datz man auf diesem Wege zur sozialistischen Republik ti.r/uen müsse. Ein Berliner Mitarbeiter der K. Vztg., der eine deutliche Sprache liebt, nimmt sich den „Knaben Hirth" gründsich vor und sagt ihm «. a. folgendes:
Dieser Artikel tft, um es euphemistisch auSzudrücke», ein KabtnettSstück liberaler Frechheit und Anmaßung. Ich entsinne mich kaum, daß mir iu den 40 Jahren meiner publizistischen Tätigkeit eine gleich anspruchsvolle Lümmelei vor Augen gekommen tft.
Das ,Berllner Tageblatt' ist seit einiger Zeit in hohem Maße aniikatholisch und arttizenirfich gestimmt, aber im Vergleich zu den Münchener .Neuesten' ist der Tageblatt-Mann noch höfisch wie em Friseurgehttfe. Wovon kommt das? Weil sein Zorn uns Haß gegen «ns nicht ganz so echt ist, rote der kes Fanatikers Hnth. Wenn das .Berl. Tageblatt' gegen Rom Itim- znung machen will, so legt es sich gern eta Refor- rnationskosiüm an und fragt das Lied: .Eme feste Burg ift unser Gott". Aber man sühtt, daß die Pesten mit harter Anstrengung angequält und die Phrasen nicht echt sind. Und d-num taffen die Protestanten sich von de« konfessionellen Fantarenstöße» des.Berk. Tageblatts' nicht hinreißcn, während die .Römlinge'" schlecht genug sind, sich noch darüber zu amüsieren.
Der reinste Typus des Katholikenfressers ift dagegen Hr. ®. Hirtb. Wenn er so angefdjutteii kommt mit seinem Nußknackerpestcht (was naiürltch nur bildlich zu nehmen ist, denn ich hatte nie tie Ehre, das Antlitz dieses Herrn zu schauen), dann erinnert man sich mancher Gestalten aus bem 30 jährigen Kriege und kommt ans den Gedanken, daß dieser Epigone ans Versehen 300 Jabre zu spät auf die Welt gekommen sei. Das ,Berl. lagt bl? hat noch vor einigen Tagen in beachtenswerter Weise ausge-ührt, die Bildung des Ministeriums v. Hertling sei em Gebot der Logik, denn nachdem die Zentrum-partei der heu Neuwahlen die Mehrheit errungen,falle ihr die Pf Uch t zu, die Regierung zu bilden, uno es iet besser, wenn ein reines Parteimimsterwm des Zentrums die Geschäfte tobte,"als ein Kabinett, da» nur indirekt die Geschäfte des Zentrums besorge. Der Knabe Hirth dagegen brüllt sörmltch vor Wut, denn nach feirer Meinung hätte ein liberaler Wahlsieg zwar Die Konsequenz habe» müssen, daß ein liberales Ministerium die Regierung übernehme, aber ein Zentrumrsieg toll nach Hirth anscheinend ebenfalls die Eiuenanng eiueS liberalen Kabinetts im Gefolge haben, denn .Ultramontaue" können und sollen Dator nicht in Betracht kommen. Das ist nach seiner Meinung schon deshalb unmöglich, weil „kontpakke prolc» stanlische Provinzen" zu Bayern gehören. Diese Protestanlen tonnen sich nach Hirths Ansicht doch kein in der Mehrheit seiner Mstgl>ed»r karholifche; Ministerium gefalle» laffen! Der Mau» macht dadei ein Gesicht, als ob etwas Ungeheuerliches geschehe, als ob vor unseren Bugen ein Naturgesetz verae>.valtigt würde. So würden sich Amerikaner mifteUen, wenn es Taft gefallen sollte, lauter Neger zu Kabinetts« Mitgliedern zu ernennen! Oder men kann sich denken, was die Deuttchen rn Südwest lagen würden, >ven» es Herrn Sols ewfiele, zum Gouverneur einen Herero zu macken und Bte Stellen der Bezirks- tuntleuie und Richter mit Hottentotten zu beiei.cn.
Bayern mit seiner zu zwei Dritteln kathotifchen Bevöikerunghat wiederholt pro test an tisch e Ministerpräsidenten gehabt. Das war allright, sagt der Knabe Hirch, denn nach seiner Ansicht find jeveufaUs die Äatboliten mit Sätteln auf dem Rücken, aber öle Protestanten mit Sporen an den Füßen geboten. Und deswegen tonnen die letzteren sich auch nicht em vorwiegend katholisches Ministerium gefallen laffen. Solches wagt ein Mann in einer Zeitung tu schreiben, die iu einem vorwiegend katholischen Lande erscheint und deren Abonnenten wohl zur größeren Hälfte dem katho- lffchen Stauben angeboren! Hier zeigt sich die vielgepriesene bayerische Gutmütigkeit i« einem wenig erfreulichen Lichl. Es wäre doch undenkbar, daß et» katholischer Verleger einer meist von Protestanten gelesenen großen norddeutsche» Zeitung es wagen könnte, ungestraft die Proteftanten zu beschimpfen. Täte er es, so könnte fein Blatt in drei Monaten den Konkurs anmelden. DieKatboliken in Sayern und besonders tn München aber laffen sich sagen, daß für ihr Land wohl ein liberales und protestantisches, aber kein katholttcheS Ministerium paffe. Wenn die Katholiken sich lo alS Menschen mmberet Güte hmstellen lassen, fo muffen