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Erstes Blatt

Fulda, Mittwoch den 14. Februar 1912.

M 36.

31. Jahrgang.

Die

verlautet, nicht gewillt, falls in der Haltung der natio- nalliberalen Parteien eine Rechtsschwenkung zu er- blicken wäre, diese mitzumachen. Ter Vorstand der Reichstagsfraltion wurde telegraphisch ersucht, am Zu- scunmcnhang mitderLinken festzuhalten.

Breslau, 13. Febr. 1912. Der Provinzialverband Schlesiens der nationalliberalen Partei hat an den Abg. Wassermann folgendes Telegramm gerichtet: Bitt bedauern aufrichtig, daß die Mitglieder bet nationalliberalen Reichstagsfraktion ihre Stimmen für Bebel als Präsidenten des Reichstags abgeben konnten, und begrühen mit Genugtuung den Fraktion?, beschlug, wonach nunmehr unsere Partei eine Beteili gung am Präsidium ablehnt.

Abg. Dr. Heß (Ztr.) bemängelt den Verteilungs- modus der vonl Staat für Fortbildungsschulen bereit­gestellten Unterstühungsgelder. Der Osten würde deni Westen gegenüber bevorzugt.

Abg. Nandohr (freikons.) pflichtet bent Vorredner bei.

Beim Titel „Beihilfen für Wander-Haushaltungs- schulcn" beantragt

Abg. Ernst (Vp.), neben den Wanderschulen auch die ständigen Haushaliungsscbnlen zu unterstützen.

Landwirtschaftsminister Dr. v. Schorlemer: Die Anträge auf staatliche Unterstützung an Fortbildungs­schulen kommen aus dein Osten häufiger als aus dem Westen. Deshalb werden die Fortbildungsschulen im Osten mehr berücksichtigt als im Westen. Dem Antrag Ernst kann ich nicht beipflichten. Die Wander-Haus- haltungsschulen haben sich ausgezeichnet bewährt und entsprechen ain besten den ländlichen Bedürfnissen.

Abg. Ernst zieht seinen Antrag zurück.

Abg. Dr. Boenisch (Ztr.) dankt für die Errichtung eines landwirtschaftlichen Seminars in Schweidnitz, eine Neuerung, mit der man einem dringenden Bedürfnis entgegenkomme. Der Redner wünscht Regelung der Frage der Pensionierung der Landwirtschaftslehrer.

Landwirtschaftsminister v. Schorlemer: Seitens der landwirtschaftlichen Bertvaltung wird alles geschehen, itnt die Frage der Pensionierung der Landwirtschafts- lehrer zu regeln. Das Seminar hat sich gut- bewährt. Ich bin nicht abgeneigt, solche Seminare auch in andern

Provinzen zu unterstützen.

Abg. Dr. Dahlem (Ztr.) bemängelt die hohen Ge­bühren der Kreistierärzte, die durch die Verordnung vom 11. Juli reguliert seien.

Abg. HSveler (Ztr.) begrüßt, daß im Etat für 1912 für veterinärpolizeiliche Zwecke mehr eingestellt sei. Mit der Impfung der jungen Schweine habe man gute Erfahrungen gemacht.

Abg. v. Maltzhahn (kons.) bittet die Seequaran-

macht sich in den nationalliberalen Kreisen Nord» deutschlands ein starker Widerspruch gegen jede Kooporalion mit der Sozialdemokratie bei der Bildung des Präsidiums geltend, obwohl der Abg. Bass er­mann selbst den Anspruch der sozialdemokratischen Reichstagstraktion auf Vertretung im Präsidium an­erkannt und zu unterstützen versprochen bat.“

Dazu ist zu bemerken, daß es leider auch in Norddeutschland Elemente gibt, die „voll und ganz" sich der Großblock- oder Rotblockpolitik hingeben und doch zur national- liberalen Partei sich zählen (vgl. z. B. Düsseldorf und Köln). Mit dem geo- graphischen Kreidestrich ist es nicht abgetan. Es handelt sich um den nicht mehr neuen Gegensatz zwischen dem rechten Flügel der Partei und den nach links neigenden Elementen, die man gewöhn­lich als j u n g l i b e r a l bezeichnet

Aus der Sprache der „Nationalztg." und anderer Parteiblätter klingt noch keineswegs der reine *on einerauf richtigen Bekehrung sondern man hört viel­fach den A e r g e r durch über die Störung der zwei­deutigen Taktik, welche Herr Baffermann mit so viel Selbstgefälligkeit durchhalten zu können glaubte. So will die „Nationalztg." in diesem Augenblicke, dessen kritische Bedeutung sie selbst anerkannt hat, in den Miitelpunkt der Aufmerksamkeit die neben» sä Gliche Einzelfrage schieben, wer denn eigentlich das Wolff'sche Bureau zu der bekannten Mitteilung über die Bersammlung der Vertrauensmänner ver­anlaßt habe. Dabei gesteht sie selbst zu, daß diese Kundgebung „die Lage nicht unrichtig gezeich­net" habe. Trotzdem soll sie als eine Art Hochver­rat gegen die Parteileitung hmgestellt und diszipli­narisch geahndet werden. Im Denuuziantenstil heißt es weiter:

„Bis -ur Stunde ist das Geheimnis immer noch nicht gelöst. Es heißt, daß die „Vertrauensmänner“ aus Schleswig-Holstein und aus Westialen stammten und daß die Landlagsabaeordnelen Dr. Schifferer und Dr. Haarmann der Angelegenheit nicht fetnfleben. Jedenfalls wird sich bie nationalliberale Landlags- iraktiou ossistell mit der Sache beschäftigen und den­jenigen ihrer Mitglieder, die an dem Zustandekommen der Erklärung milgewirkt haben, klar machen, daß es nickt angängig ist, in schwieriger Lage in den Rücken zu fallen."

Man sieht, daß noch lebhaft Anstrengungen im Gange sind, um den vernünftigen Beschluß der Reichstagsfraktion ganz oder teilweise wieder zu ent­kräften. Dahin gehört auch der Vorschlag des „Grenzboten", den das Berliner Parteiorgan sofort artfareift: die Sozialdemokratie möge an Stelle des Herrn Scheidemann einen wenrger kompro­mittierten Genossen in's Präsidium entsenden, dann könne die nationalliberale Fraktion der Lin­ken erhalten bleiben". Als ob es sich bloß um den bekannten Kraftaiisdruck des Herrn Scheidemanu handelte und nicht um die g r u u d s ä tz l i ch e Stel- lunst der Sozialdemokratie zur monarchischen und gesellschaftlichen Ordnung!

Sollten aber die Nationalliberalen in einer aber­maligen Schwenkung sich auf diesen „Ausweg" ver­locken lassen, so würden wir uns darüber nicht auf- regen, sondern ihn nur als eine weitere Verzö­gerung des Heilungsprozesses betrachten und als eine Verschärfung der häuslichen Krisis des Nationalliberalismus.

+ Die Fortschrittliche Boikspaitei läßt durch das Wolff'sche Telegraphenbüro eine Mitteilung ver­breiten, worin sie zum Ansoruck bringt, daß sie, obwohl es gegen ihr Parteiiniereffe sei, das Opfer bringen und ven Präsidenten des Reichstags stellen wolle. Sie hofft iveiter, daß der Abg. Paasche das Amt des 2. Vizepräsidenten nicht niederlegen werde. Sollte dies doch der Fall sein, dann ist die Fortschrittliche Volkspariel weiter bereit, auch den 2. Vizepräfideiiten zu stellen, immer ansgehend von dem Gedanken, den Reichstag für vier Worben arbeitsfähig zu erhalten. — Die Fortschrittliche Volkspartei täte jedenfalls bester, wenn sie nicht soviel von „Opfern“ spräche. Sie hat ja die geaen- wärtige Situation durch ihr Verhalten selbst schaffen helfen, und es ist daher nicht mehr als recht und billig, daß sie nun auch den roten Blockbruder in der peinlichen Situation nicht allein läßt. Ein Ver­such dazu w itdr den Fortschrittlern wahrscheinlich auch sehr schlecht bekommen.

(■? Ta? neue RüchstazspräsiSiitm ivird also ge­mäß der vorstehenden Mitteilung für die nächsten vier Wochen aus zwei Fortschrittlern und einem Sozialdemokraten oder, wenn Herr Paasche dem Beschluß seiner Fraktion nicht Folge leistet, sondern den 2 Vizepräsidenlenposten behält, aus einem Sozialdemokraten und dem Nakional- lidera'en mit einem Freisinnigen an der Spitze ja» iammensetzt. Dem Vernehmen nach roheb Stadtrat Karmps (Berlin) als Präsident vorgeschlagen werden.

ser ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht ist Genoffe Scheibemann. Wenn ihn "auch alle schneiden — Herr Scheide mann will nicht scheiden.

täneftation in Saßnitz sorgfältig überwachen zu lassen, damit sie nicht ein Einsallslor für Viehseuchen werde.

Landwirtschaftsminister Dr. v. Schorlemer kann die Befürchtung einer Vermehrung der Seuchengefahr durch die Ouarantänestation in Saßnitz nicht teilen. Wir hätten aber die Einfuhr aus Schweden nicht konzediert, wenn wir nicht durch Verträge dazu genötigt wären.

Abg. v. Strombeck (Ztr.) schildert bie Notlage der landwirtschaftlichen Bevölkerung deS EichsfeldeS.

Landwirffchaftsminister Dr. Frhr. v. Schorlemer: Zwecks Bildung eines RotstandsfondS für das Eichs- feld schweben Verhandlungen zwischen Staat und Pro­vinz. Der Staat will 300 000 Mk. beisteuern.

Abg. Dr. Barenhorst gibt Anregungen zur Bienen- zuckt.

Die Abg. Schwabach (natL), Dr. Gaigalat (kons.), v. Klöden (kons.) und ». Maltzhah« (kons.) treten für die Fischereibevölkerung ein.

Abg. Kesternich (Ztr.) fordert in einem Antrag, Mittel bereit zu stellen zur Wiederbevöllerung der Ge­wässer, deren Fischbestände infolge der Dürre des ver­gangenen Jahres erheblich gelitten haben oder zugrunde gegangen sind.

Die Abg. Dr. Dahlem (Ztr.), Wracke (Vp.) und Gbßling (Vp.) treten gleichfalls für die Binnenfischerei ein.

Landwirtschaftsminister Dr. Frhr. v. Schorlemer: Ich hoffe, noch in dieser Session das Fischereigesetz dem Hause vorlegen zu können. Wir wissen wohl» tote hilfs­bedürftig die Binnenfischer find. Der Antrag Kester­nich wird selbstverständlich eine wohlwollende Berücksich­tigung unsererseits finden.

Die Abg. Heine (natl.), Hirsch (soz.), Randohr (frei­kons.) und Waldstei« (Vp.) befürworten ebenfalls den Antrag Kesternich.

Abg. Tourneau (Ztr.) schildert nochmals die Not­lage der Fischer.

Der Antrag Kesternich wird der Agrarkommission überwiesen.

Abg. Dr. Jderhoff (freikons.) begrüßt, daß für Han­nover ein besonderes Moorkulturamt geschaffen wer­den soll.

Landwirtschaftsminister Dr. Frhr. v. Schorlemer weist die Vorwürfe zurück, daß die Regierung nicht ge- nug für Urbarmachung unserer Moore tue. Seit 1856 hat die preußische Regierung für die Moorkultur 440 Millionen Mark verwendet.

Abg. Klocke (Zentrum! dankt für die Forderung der Moorlullur. Auch das Abgeordnetenhaus hat sich früher schon zur Förderung der Moorkultur bereit er­klärt, indem es einen dahingehenden Zentrumsantrag annahm. Es sei zu empfehlen, daß dort, wo große Moorflächen vorhanden seien, der Staat den Privaten beispringe und einerseits die nötigen Gelder vorschieße, andererseits aber auch dort, wo die Lage der Grund- stücke eine rationelle Moorkultur verhindere, eine Zu»

*♦ Herr Paafche klcbt.

Herr Paasche scheint vorderhand »och wenig Lust zu haben, auf den Ehrenposten eines 2. Vize­präsidenten zu verzichten. Er hat einem Vertreter der /Berliner Morgenpost' mügeteilt:

„Ich habe an der Sitzung der nationalliberalen Fraklion nicht leilgenommen. Ich wurde telephonisch eingeladen, mußte aber, da ich geschäftlich verhindert war, ablehnen. Mir ist der Beschluß der Fraktion ebensowenig wie die Absicht, ihn zu fasten, mitgeteilt worden. Ich muß mir daher meine Stellung zu dem Beschlüsse noch dmckaus Vorbehalten. Es wird sich ja bei der Präsidentenwahl zeigen, ob für mich die Veranlassung vorliegl, von meinem Posten zurückzulreten. Die Möglichkeit ist ja noch vorhanden, daß ein Präsidium aus dem Zentrum oder der Rechten gewählt wird, so daß mein Rücktritt nicht erso.derlich ist. Verhanslungen zwischen den Parteien sind in dieser Rrchiung geführt roorben.“

Die von einigen Blättern gebrachte Meldung, daß Dr. Paasche sich inzwischen bereit erklärt habe, sein Amt niederzulegen, ist nach einer Meldung des Wolff'sche» Telegraphen-Bureaus verfrüht. Die Entscheidung darüber wild erst heule nach der Neuwahl des Präsidenten fallen. Wie Herr Paafche schließlich seine Entscheidung trifft, kann uns gleichgiltig sein. Die Freisinnigen scheinen großen Wert darauf zu legen, Herrn Paafche im Präsidium zu drhallen. Tritt He r Paafche aber zurück, daun soll, wie das 2V mitteiil, ent» Hiebet bet Abg. Dove oder Dr. Pachnicke für den 2. Vizepräsibenten in Vorschlag gebracht werden. Für den Präsisenicnposten rvird, dem ,B. T/ zu­folge, der Abg. Kaempf a.s Kandidat aufgestellt werde».

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wschenbeirase: .Illustrierte Ssimtagszeitmg"

Bremischer Landtag»

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 13. Februar 1912.

Abermals vertagt.

Sitzung des Reichstages vom 13. Februar 1912.

Am BnndkSratstisch Wermuth, Delbrück, Lisco, Krätke.

Vizepräsident Scheidemaun eröffnet die Sitzung 2 Uhr 16 Min. und gibt zunächst das Ergebnis der Schriftsührerwahlen bekannt. Sodann teilte der Vizepräsident mit, daß der Abg. v. Hertling infolge seiner Ernennung zum bayerischen Minister­präsidenten fein Mandat niebergelegt bade.

Hieraus verlas er ein Schreiben des Abg. Spahn, das folgenden Wortlaut hat: Dem Reichs- iagspräsidium teile ich ergebenft mit, daß ich das Amt des Reichslagkvräsidenten hiermit niebedege. (Bravo im -jentrum Lachen links.)

Vizepräsident Scheidemann: Es ist mir im An­schluß an diese MitteUung ein Antrag Basserman» (natl.) und Gröber (Ze-Ur.) zngegangen, die Sitzung nunmehr zu vertagen.

Der Anirag wird darauf einstimmig ange­nommen. (Heilerkeil und Bewegung.)

Schluß: 2.25 Uhr.

Nächste Sitzung Mittwoch 2 llhr: Wahl des Präfidenten, Interpellationen und Etat.

Die Zehn-Mittttte» Sitzirug.

Berlin, 13. Febr. 1912.

Die Not ist groß! Allmählich verfällt dieser Reichstag mit der gepriesenen angeblichen Mehrheit des Linksblocks dem Fluch der Lächerlichkeit. Seit acht Tagen ist die Vertretung des Volkes bereits int Reichstag versammelt und noch nicht einmal das Präsidium hat sie zustande bringen können. Zum giDeitcn Male mußte heute die Sitzung wegen der Präsidentenwahl vertagt werden.

In der Wandelhalle dasselbe Bild, wie in der bongen Woche: Zahlreiche Gruppen lebhaft bis» kuficender Abgeordneter, denen sich die Vertreter der Parteitzresick aller Schattierungen beimischten. Auf der ganzen Linie völlige Unklarheit über das, was werden wird. Draußen vor dem Reichstage Hanl indessen wieder die jetzt üblich gewordene Ehrengarde der „Genossen" und feiert den denkwür­digen Tag mit, an dem zum ersle-t Male ein So­zialdemokrat durch liberale Schuld aus den Präsi- oentenfitz im Reichstage gekommen ist.

Vor der Sitzung war das Gerücht gegangen, daß die Regierung sich heute an den Beratungen nicht beteilige« würde, weil das Präsidium des Reichs- iages »och nicht konstituiert sei. Auf Anordnung des Reichskanzlers aber mußten die Staatssekretäre mit großem Gefolge anrücken und so den feierlichen Rahmen für die Etöfsnungsfzene des Reichstages durch einen sozialdemokratischen Vizepräsidenten Hilden. Manches harte Worte ist über dieses Ver­halte;! der Regierung und des Reichskanzlers heute gefallen.

Uebrigeus scheinen die Herren Minister sehr luftig und ausgeräumt Sie stehen zusammen und lochen, und hinter ihnen setzt sich das Lächeln in der Reihe ihrer Räte fort. Die Situation ist ja etwas paradox. Das hätte sich der Freiherr v. Hertlmg wohl niemals träumen lasten, daß ein Genosse dem Reichstem einmal feine Amtsniederlegung infolge ferner Ernennung zum bayerischen Min'istcrsträn- bentfii verkünden würde.

Erndtebrück, 11. Febr. 1912. Auf dem Parteitage der Nalionalliberalen Partei beS Wahlkreises Siegen- Wittgenstein-Biedenkopf wurde der Vorstand einstim­mig beauftragt, der nationaHiberalen Fraktion des Reichstages dar Befremden der Versamm­lung darüber auszusprecken, daß nationalliberale Ab­geordnete bei der Stichwahl zwischen Spahn und Bebel Stimmzettel für letzteren abgegeben haben, und daß sich die Fraktion einen Scheibemann habe aufdrängen lassen.

Dortmund, 13. Febr. 1912. Ter Vorstand des Libe- ralen Bürgervereins hat der nationalliberalen Reichs­tagsfraltion telegraphisch eine Entschließung zngesteltt, tvorin das Verhallen eines Teils der nationalliberalen Abgeordmten bei der Wahl eines Sozialdemokraten in das Reickstagspräsidium als ein folgenschwerer Bruch mit den Bennigsenschen Ikeberlieferungen der Partei erklärt und die Erwartung ausgesprochen wird, daß die Partei bei der Präsidentenwahl sich zu den alten Tradi­tionen zurücksinde.

Dresden, 12. Febr. 1912. Der Gesamtvorstand des na t i o n a l li b e ra len deutschen Reichsber- e i n 8 trat in Dresden zu einer Aussprache über die Vorgänge bei der Bildung des Reichstagspräsidiums zusammen. Einstimmig und entschieden wurde die Tat­sache mißbilligt, daß nationalliberale Stimmen bei der Wahl des ersten Präsidenten auf den Führer der Sozialdemokraten den Abg. Bebel, gefallen feien. Man sprach die Erwartung aus, daß bei der Wahl am nächsten Mittwoch keine nationalliberalen Stimmen auf einen Sozialdemokraten als ersten Präsidenten fallen und daß kein Großblockpräsidium geschaffen werde. Dieser Erwartung gab man durch ein Tele­gramm an die Reichsiggsfrafiion Ausdruck

Dragbeburg, 13. Fcbr. 1912. Der große Vorstand des hiesigen Nnalionalliberalen Vereins nahm einstim­mig eine Resolution an, worin das Bedauern darüber ausgesprocken wird, daß ein Teil der nationalliberalen Reichstagsfraktion bei der ersten Präsidentenwahl für den Abg. Bebel eingetreten ist.

Stuttgart, 13. Febr. 1912. Das nationalliberale Organ Württembergs, der .Sckwäb. Merkur", schreibt: In einer so heillosen Bedrängnis wie jetzck, sagt er, ist die nationalliberale Partei noch nie ge­wesen. und zwar lediglich durch die so jubelnd ge- rühmte Rolle deS Züngleins an der Wage. Nicht mit Unrecht schiebe das Zentrum die Schuld an dem über den Reichstag hereingebroLenen Fiasko den Nationalli­beralen zu. Mit dem Zentrum und den Konservativen zusammen das Präsidium zu bilden, wäre für die Na. tionallibsra'en das allein Richtige gewesen, das Wahl, taktische Zusammengehen mit den andern hätte mit der Wahl ein Ende finden müssen. Aber die Parleileiden- fchaft habe über die ebenso vernünftige als patriotische Erwägung den Sieg davongetragen. Noch einmal stehe die nationalliberale Fraktion vor der Wabl, umzukehren, oder die letzten Konseoucnzen ihrer Fehler zu ziehen. Zwinge man sie zur Umkehr, bann breche sie mitten auseinander, übernehme fie die Führung des mit republikanischem Stempel versehenen Großblocks, so werde die Wirkung wohl keine andere sein.

Karlsruhe, 13. Febr. 1912. In den Kreisen der ba­dischen Nalionalliberalen denkt man anders, als sonst -n den Parteikreisen des Reiches. Man ist, wie hier

liberalen ob dieser Kritik aus dem Volke nicht be- sonders erbaut waren, braucht nicht erst hervorge- hoben zu werde».

Kurz nach Schluß der Reichstagssitzurig erschien der bayerische Ministerpräsident, Frhr. b. Hert­ling, in der Wandelhalle und wurde von feinen früheren ^raftbnSfonegen herzlich begrüßt. Er ist nach Berlin gekommen, um sich von seinen Freun­den und seinen Verwandten zu verabschieden. Be­kanntlich ist sein Schwiegersohn Vortragender Rat im Kriegsministerium und ein Neffe Mitglied des Auswärtigen Amtes. Er wird bis Freitag in Ber­lin bleiben und dieser Aufenthalt wird von der Zen- truinsfraktion zu einer Abschiedsfeier benutzt wer­den.

)( Der gegenwärtige „Repräsentant" des Deut- scheu Reichstages Zur Kennzeichnung des sozial­demokratische» Vizepräsidenten Scheide.nann führen die „Dresdener Nachrichten" noch einige Aeußerungen aus seiner Etatsrede vom 9. Dezember 1910 an. Damals sagte der heuttge rote Vizepräsi­dent u. a.: Tie preußische Wahlrechtsvorlage sei eine widerliche Komödie. Man müsse lauge htdjeii nach einem Beispiele von so ausgesuchter Perfi­die und politischer Unfähigkeit, wie sie hi ihrer Art die Wahlrechtsvorlage gewesen sei. Die preußische „Junkerclique" bezeichnete der vornehme Herr als die Mensch gewordene H a b g i er, F r e ch. heit und Brutalität. Endlich unterstrich der Vizepräsident die Aeußerung seines Freundes Lede- bcur, daß die Sozialdemokraten tatsächlich die R e- publik herbeiführen wollten.

Ter historische Augenblick verlauft ohne Störung, und Genosse Scheidemann hat sich sogar einen schwarzen Gehrock angezogen, und sein weißes Hemd leuchtet unter der schwarzen Krawatte; er sieht ganz salonfähig aus. Als er das Rückkritlschreiben Spahns verliest, ruft die Rechte Bravo, die Natio- nalkiberalen schweigen, auf der äußersten Linken Ivird gelacht.

Rasch wirb dann das Erwartete Ereignis. Schei- dernaun erklärt, daß Anträge auf Vertagung von den Herren Baffermann und Gröber vorliegen. Als die Nnterstühungsftage für diese Anträge erledigt ist, will der Präsident die Sitzung schließen. Ein Die­ner, der zufällig neben ihm steht, macht daraus auf­merksam, daß er »och nicht habe abstimmen lasse». Scheidemaun läßt setzt aöstimmen, setzt für morgen bie Wahl des Präsidenten auf die Tagesordnung und der Reichstag kann wieder nach Hause gehen.

Zeh» Minuten hat der deutsche Reichstag unter bem roten Präsidentenzepter verhandelt. Was nun? a-w Verwirrung wächst. Mehr als die Hälfte ver- . "S1 "ach der Sitzung noch reichlich eine Stunde

Wandelhalle in lebhafter Erörterung. Die lollftrn Gerüchte schwirren wieder durch die Lust; ^n, , aasche sich völlig mit seiner

-^tvor^-6af* «nd unabhängig von ihr Ä hX ^EehnOen werde. Bald heißt eS, Aösident werde, bald kann man Horen, daß mit der Wahl eines Soziaidemo- krate» zu rechnen ft». Letzteres war natürlich nicht ernst zu nehmen Allmählich verbreitet sich die Version, daß Patzer atzwlchnt ^be und äß Kaempf der erste Prafident werbe. Diese Vor­hersage scheint zuzutreffen. Selbstverständlich aber würde cs sich hierbei nur nm ein Vrovrforiuln han­dln. Auf tote kringe Zeit, das steht dahin. Selbst­verständlich bildet die na t i o n a l l i b e r a l e P a r- I e i den Gegenstand des lebhaftesten Interesses und einer geradezu vernichtenden Kritik bei allen übrigen Parteien. Baffermann hat feine Partei ordentlich in die Nesteln hincingefctzt, daß sie die Wunden noch sehr lange fpürcn werten. Das Verhalten der Nationalliberalen hat mich schon die Illustratoren Bcfdjäffigt Verschiedenen Abgeordneten ist auf einer r rlc, B'si) zugegangen, auf welchem ein zer­lumpter Kerl mit großer Ballonmütze auf dem Prä- stdentenstuhl des Reichstages sitzt. In seiner Rech­ten schwingt er eine Keule, in der Linken hat er die ©lode, nut seinen Füßen trampelt er auf dem am ©oben «egenden Reichsadler, oben rechts stehen die Worte des Abg Ccheidcmann ans dem Jahre 1909

Worlbmch der Hohenzollcrn, unter dem zu lesen: Zur Erinnerung an den 9. Feb- r°°r l912, den denkwürdigen Ehrentag der natio- .uallib Fraktion des Reichstages ,an dem sie den .roten Genoffen die Ehre der Wahl z,im ersten Vize» tzrasidenteu zuteil werden ließ. Daß die Nationa!»

2. Beratung des LandwirtschafrsetatS wird fortgesetzt beim Kapitel: Landwirtschaftliche Lehranstal­ten.

K Die Krisis der «aLionattibrralen Partei.

„Die nationalliberale Partei macht gegenwärtig eine Zkrisis durch, die ihre Anhänger mit schwerer Besorgnis für die Zukunft erfüllen muh."

So schreibt das Berliner Organ derselben Par­tei, die „Nationalzeitung" am Dienstag abend, ttnb sie fügt zu dem Geständnis hinzu: „Es wäre un­klug und zwecklos, in diesem entscheidenden Augen­blick dies leugnen zu wollen und eine Polittk des Versteckspiels zu treiben".

Die hier zugestandene Krisis, deren Keime schon langst in der nalionalliberalen Partei geschlummert haben, kam bekanntlich zum offenen Ausbruch durch ven W i d e rs p r u ch von Vertrauens män- natinnnn“/ b,cm Lande gegen die Haltung der tooM ^liberalen Abgeordneten bei der Präsidenten- fonnem r .b?ri9eit Woche. Dem Einspruch de- getraaen &lCt£enoÄen hat die Fraktion Rechnung ^schlnß vom Montag, der die

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gehen mit der Linken fcstzuhalten

Die „Nationalzeitung" möchte die Krisis auf den Gegensatz zwischen Nord- und Süd deut sch- land zurückfiihcen. Sie schreibt:

„Jin Gegewatz zu den füdbeutschen National- liberalen, die an eine parlamentarische Zufammenarveit mit der ©oüalb»motratie feit langem gewöhnt find,

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