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B. Verlag der gnlöaet Lrtiendrnckerei LJuIb« Sernsprecher Ur. ft,

Erstes Blatt

j\» 34.

Fulda, Montag den 12. Februar 1912.

39. Jahrgang.

)(M AWentknlrW im MMe.

2Vie am Samstag noch kurz mitgeteilt werden konnte, bat Abg. Dr. Spahn, der am Freitag zum Präsidenten des Reichstages erwählt wurde, sich entschlossen, im Einverständnis mit seiner Fraktion das Präsidium niederzulegen Dr. Spahn wird seinen Entschluß dem Reichstage schrift­lich zur Kenntnis geben. Das Schreiben wird ohne Angabe von Gründen sein und am heutigen Mon­tag in die Hände des Reichstagsbureaus gelangen. In der Sitzung am Dienstag wird bann jedenfalls dein Hause offiziell Mitteilung gemacht werden, da­mit dann die beiden Vizepräsidenten das weitere veranlasien können. Die neue Präsidentenwahl dürste also voraussichtlich am Mittwoch statt- sindcn.

Ter Rücktritt des Herrn Spahn bietet nichts Ueberraschendes. Wenn Herr Dr. Spahn diesen Entschluß nicht bereits unmittelbar nach der auf ihn gefallenen Wahl ausgesührt hat, so hat daS lediglich seine Ursache darin, daß er einmal die Ge­schäftsführung des Hauses sichern wollte; auf der anderen Seite war es selbstverständlich, daß Dr. Spahn in einer so wichtigen Angelegenheit nicht allein entscheiden wollte, sondern sich erst der Zu­stimmung seiner politischen Freunde versicherte.

Tas Zentrum war von Anfang an darauf bedacht, seinerseits die Schwierigkeiten, die der Wahl des Präsidiums im Wege standen, beiseite zu räumen. Nicniand wird es ihm aber verargen können, wenn es nicht an einem Präsidium teilhaben will, in welchem ein ausgesprochener Feind von Thron und Altar sitzt, und der sich weigert, Verpflichtungen aus sich zu nehmen, die man als geringstes Maß von Forderungen rhm auferlegen mußte. Die Sozialdemokraten haben das bisher stets ver­weigert, und wegen dieser Weigerung sind sie auch bisher stets vom Präsidium ausgeschlossen worden. Insbesondere hat die ZentrumSsraltion stets diesen Standpunkt vertreten. Die Zentrumsfraktion folgt also lediglich der Tradition des Reichstags und den eigenen Grundsätzen, wenn der Abg. Dr. Spahn das Präsidium niederlcgt, nachdem ein Sozialdemo­krat zum ersten Vizepräsidenten gewählt worden ist, der die Uebrrnahme des höfischen Repräsentalions- pflichten verweigert hat. Der Abgeordnete Dr. Spahn konnte bei der Annahme des Reichstags. Präsidiums nicht wissen, daß der erste Vizepräsident ein Sozialdemokrat sein werde; der nationalliberale Abg. Dr. Pa a sche aber wußte es, und er ließ sich trotzsem zum zweiten Vizepräsidenten wählen!

Ein Teil der liberalen Presse mißt Herrn Spahn die Schuld an der neugeschaffenen Lage bei. Trotzkopfpolitik nennt die „Bosfische Zeitung" den Entschluß des Dr. Spahn und das „Berliner Tage, blatt" meint hervorheben zu sollen, es müßten doch besondere Dinge dorgekommen sein, daß Herrn Dr. Spahn die Erleuchtung erst über Nacht gekommen fei. Man versteht eS, daß sich diese Presse an Herrn Spahn unb dem Zentrum gern reibt, weil durch das Verhalten des Herrn Spahn ihnen Ungelegenheiten bereitet wor­den sind. Herr Spahn hat durchaus korrekt gehandelt, er nahm die Wahl als Präsident zunächst an, weil der Ausgang über die Vizepräsidentenwahl ja noch nicht bekannt toar. Wenn Herr Spahn sofort nach seiner Wahl oder nach der Wahl des Herrn Scheidemann sein Präsidium niedergelegt haben würde, so würde man ein Geschrei erhoben haben, daß das Zentrum hiermit । Obstruktion treibe und die Geschäftstätigkeit des Hau­ses von vornherein unterbinden wolle.

Lächerlich ist die Behauptung der liberalen Presse, er sei einem Druck der Konservattven gewichen. Die Linke ist ja gar nicht berechtigt, zu behaupten, eS han­dele sich hier um eine Demonstration deS Zentrum» nach oben und ein Abrücken deS Zentrums von Demo» kratte und Sozialpolitik. Der „Vorwärts" sagt eS ja selbst in seiner SonntagSnummer, daß er erwartet habe, eS werde das Zenturm auf seinen ZufallSfieg verzichten aus dem einfachen Grunde, wie er hinzu­fügt, weil man Herrn Dr. Spahn bei der definitiven Wahl über 4 Wochen doch geworfen haben würde. Warum dann das Lamento? Dann haben die Herren es doch jetzt bequemer und können die Sache schon von vornherein so einrichten, wie es ihnen beliebt.

Aber damit scheint es doch einen Haken zu haben. Der „Vorwärts" schreibt zwar: „die Sozialdemokratie habe ihren Anspruch als stärkste Partei auf die Ratio- nalliberalen übertragen, und nachdem die Nattonal- nberalen für den Genossen Scheidemann als den ersten Vizepräsidenten gestimmt hätten, sei eS klar, daß bei der .ieutoaljt_ der nationalliberale Kandidat zum Prä­sidenten gewählt loerden würde." Eine äußerst p e i n. liche und kompromittierende Erklärung für die Natwnalliberalen. Eine Partei, die seit Jahr- W"1'“ 'h«n Stolz darin gesetzt hat. sich als den Siegelbewahrer des deutschen Rationallismus auszu- fuhren, eme Partei, die in ihrem Schilde di« Verfech­tung und Wahrung nationaler Interessen führt, — eine solche Partei wäre politisch völlig auf den Hund gekommen, wenn sie es fertig brächte, die Würde eines Reichstagspräfidenten aus der Hand von Man- nern entgegenzunehmen, die geschworene Feinde unsereSKaisertums, die geschworene Feind« unseres BurgertumS sind. Wir glauben nicht, daß es dahin kommen wird. Tie naiional- liberale Fraktwn ist mit einer Erklärung über die <*, Heimen Vorgänge in ihr an die Oeffentlichkeit getreten. Hierin heißt es, daß sie von vornherein auf dem Etandpuntt gestanden habe, es sei di« Bildung eines Präsidiums aus den links vom Zentrum stehenden Par­teien unmöglich, weil ein solches Präsidium, abgesehen von anderen Gründen, nur eine gering« LeheuMhig. Zeit haben würde, zumal bei der eigenen numerischen Schwäche der Nationalliberalen. Diese Erwägung muß, wenn anders die Erklärung keine Täuschung fein soll, auch jetzt noch für sie maßgebend fein. Die „Täg­liche Rundschau" unterstreicht diese Auffassung, indem sie betont, daß ein Linkspräsidium platter- dwgs eine Unmöglichkeit sei. Der Standpunkt

„Bedauerlich bleibt nach unserer Meinung, daß die nationalttberale Partei in die Lage gekommen ist, sich on ber Wahl eine» Sozialdemokraten zum ersten Vize­präsidenten zu beteiligen. Noch bedauerlicher ist, daß sogar bet der Wahl des ersten Vizepräsidenten national- liberale Stimmen für einen Sozialdemokraten ab­gegeben worden sind. Wir fürchten, daß das der Ent­wickelung der Partei, die stets stolz auf ihre nationale Geschichte gewesen ist, nicht nützlich sein kann. Und eS scheint uns, daß diese Dinge auf dasselbe Gebiet gehören, auf dem die Kölner Stichwahlvor- g ä n g e und manches andere der letzten Zeit liegen.

Der sozialdemokratische Vizepräsident Scheidemann ist, woran die,Tägliche Rundschau' erinnert, der­selbe, der am 10. Dezember 1909 im Deutschen Reichstage die Worte gesprochen hat:

Ich kenne die preußische Geschichte gut genug, um zu wissen, daß der Wortbruch sozusagen zu den er­habensten Tradittouen des in Preußen regieren­den Hauses gehört.

Der Mann, der d a 8 gesprochen hat, kann aller­dings unmöglich vor dem Kaiser erscheinen oder vom Kaiser empfangen werden, wenn er auch von Liberalismus Gnaden erster Vizepräsident des Reichstages geworden ist. Und dieser Mann soll nach vier Wochen auch definitiv erster Vize­präsident deS Reichstags bleiben?!

X Das Ministerium Hertling.

Frhr. v. Hertling hat bereits sein Ministeriunt beisammen. Gestern mittag ist die Konstitui- rung in folgender Form erfolgt: Justizminister: Reichsrat v.Thelemann, Verkehrsminister: Eisen« bahnpräsident v. S e i d l e i n, Finanzen: Staatsrat Breunig, Kultusministerium: MinisterialratKnil« ling, Ministerium des Innern: Frhr. v. Sod en. Der Posten des KriegsministerS ist noch nicht defini­tiv besetzt, doch kommt hierfür der kommandierende General des butten Armeekorps, Freiherr Kreß v. Kresienstein in Frage.

Von den Mitgliedern des Kabinetts Podewils ist in das neue Kabinett niemand übernommen worden. Auch der Gründer der bayerischen Reichs­partei, Herr v. Pechmann, dessen Eintritt in das Ministerium man erwartet hatte, befindet sich nicht unter den neuen Ministern.

Die Zusammensetzung des Ministeriums hat im liberalen und sozialdemokratischen Lager überrascht. Die liberalen und sozialistischen Blätter ließen in den letzten Tagen das Schreckgespenst eines „ultra­montanen Kabinettes" aufsteigen, und einige Blätter gingen sogar soweit zu behaupten, das Zentrum hätte den Konflikt überhaupt nur berbeigesührt, um den ein en Protestanten, den Finauzminister o. Pfaff aus dem Ministerium zu entfernen. Statt dessen ziehen aber zwei Protestanten und zwar der Justizminister v. Thelemann und Finanzminister v. Breunig in das Kabinett ein. In eingeweihlen Kreisen hat das Ergebnis der Beratungen weniger überrascht. Man war darauf vorbereitet, daß größere Umwandlungen stattfinden werden.

Von den neuen Ministern hat sich dec Minister des Innern v. Sodon-Frauenhofer im öffentlichen •3eben sehr hervorgetan. Er ist ein bekannter Par- lamentarier und seit längerer Zeit Präsident der bayerischen Spar- und Darlehnsvereine. Er hat ich um die Landwirtschaft und den Bauernstand ehr verdient gemacht. Als unbeschriebene Blätter können die beiden Minister v. Knilling und Seidlein betrachtet werden, die noch wenig hervorgetreten ind. Große Hoffnungen setzt man in den Finanz­minister v. Breunig, der den bisherigen Finanz. Minister wiederholt im Landtag mit großem Erfolg vertreten hat.

DaS führende bayerische Zentrumsblatt, der .Bayer. Rutier', schreibt zur Ernenn» ig des Frhr». v. Hertling zum Ministerpräsidenten:

„In der Polilik bedemet der Name Hertling die Konzentration der staatserhaltenben Kräfte der christ­lichen Konfessionen und aller bürgerlichen Parteien zur Verwirklichung deS Staatszwecks gegenüber der Zer­reißung des Volkes durch bte destillierenden Kräfte des Umsturzes auf allen Gebieten. Autorität und Freiheit bilden die festen Grundlagen deS von ihm vertretenen Staatrideals. Freiherr von Hertling ist der illustre Vertreter konservativer Staatspolitik, und es ist von ihm zu erwarten, daß er alles daran setzen wird, um die bürgerlichen Parteien für die Verwirklichung der damit gegebenen Ziele zusammenzuführen. .. Hertlings Wort über auswärtige Fragen hat im In- und Ausland stets tiefen Eindruck gemacht und ist auch bei der Reichsleitung gewürdigt wor­den. Dem Freiherr» von Hertling folgt, daS darf man doch mit fester Zuversicht hoffen, daS volle Vertrauen der Reichsleitung bei der Uebernahme des bayerischen Ministerpräsidiums, das sichere Vertrauen, daß er im Bundesrat an seinem Teil nunmehr aktiv mstwirken werde, daß das Deutsche Reich in sicherer Bahn, mit Festigkeit und Stärke seine Stellung in der Wett behauptet. Damit ist auf die Eigenschaft des bayerischen Ministerpräsidenten al8 Vorsitzenden des BundesratsauSschusses für auswärtige Angelegenheiten hingewiejen Ministerpräsident Frhr. v. Hertling wird dem baye­rischen Gesamtminlsterinm großes Ansehen verleihen und die Erivartung sicherer Führung der Staats- geschäste rechtfertigen. In dem Augenblick, da das Mitglied einer Partei Minister wird, hat der Partei« Politiker aufgehört."

In der liberalen Presse wird natürlich Herrn v. Hertlings Ernennung in der allerübelsten Weise kritisiert. — Dagegen schreibt die rechtsstehende „Deutsche Tagesztg.":

Dem Staate Bayern ist zu diesem Ministerpräsi­denten aufrichtig Glück zu wünschen. Frechere v. Hertling ist ein Mann von vornehmer Gesinnung, von weitem Blicke, von staatsmännischem Geiste und von persönlicher Liebenswürdigkeit. Seine Stellung wird freilich nicht leicht fein, da die Mehrheit, auf die er sich in der Kammer der Abgeordneten stützen muß, zwar sicher und ausreichend, aber nicht allzu groß ist. Anderseits ist bas Ausscheiden des Freiherr» v. Hertling aus der Zentrumsfraktion deS Reichstages tief zu bedauern, urd zwar nicht nur im Interesse seiner Partei, sondern auch im Interesse des gesamten politischen LkbenS.

An den früheren Premierminister, den Grafen v. Podewils, hat der Prinzregent ein Hand«

Bei Freund und Feind herrscht Einstimmigkeit darüber, daß der Rücktritt des Abg. Dr. Spahn von dem wohlerworbenen Prafidentenposten wohlge- t a n war.

Mit Recht angenommen; mit Recht niederge­legt! Dr. Spahn war mit 196 gegen 175 Stimmen gewählt worden. Die Mehrheit von 21 Stimmen war nicht groß, aber ausreichend zu einem entschlos­senen Versuch. Denn in diesem Augenblick muhte man annehmen, daß die größere Hälfte des Reichs­tags sich um ein Arbeitspräsidium zu posi­tiver Tätigkeit zusammenscharen wolle. Der Ver­gleich zwischen dieser dritten Abstimmung und den beiden vorhergehenden ließ erkennen, daß wenigstens ein Dutzend nockonalliberaler Abgeordneter Herrn Bebel ihre Stimmen verweigert hatten und sich dem Zentrum und den Konservativen zugesellt hatten. Ungültige Zettel wurden bei der dritten Ab- simmmng 13 abgegegeben; vorher nur 3. Das läßt vermuten, daß eine kleine Anzahl von Nationallibe- ralen zwar nicht für Herrn Bebel, aber auch nicht für Herrn Spahn sttmmen wollte. Jedenfalls mußte Dr. Spahn dem Rufe der 196 Stimmen Folge lei- sten, damit der Sammlungsversuch nicht im Keime erstickt wurde

In der nächsten Stunde hatte sich das Bild ge- tvalttz geändert. Herr Bebel hatte bei der Entschei- bung über den ersten Präsidentenposten nur 175 Stimmen erhalten; auf den „Genossen" Scheide- m a n n sielen bei der Wahl zum 1. Vizepräsidenten sofort 188 Stimmen. Und nachdem Herr Spahn mit 196 Stimmen gewählt worden war, blieb der konservative Abg. Dietrich jetzt mit 174 Stimmen in der Mnderhcit. Die positive Mehrheit, die sich dem Anschein nach soeben gesammelt hatte, verlor also plötzlich wieder 22 Stimmen. Wo waren diese ge­blieben? 13 waren, wie schon gesagt, direft auf den sozialdemokratischen Kandidaten übergegangen. 8 aber hatten sich enthalten; denn die Zahl der un­gültigen Stimmzettel war von 13 auf 21 gestiegen. Zur Erklärung dieser Stimtnenverschiebungen kommen außer dem rechten Flügel der nationallibe- E.' Pattei auch die Polen in Betracht. Ten Jitttgliebern der polnischen Fraktion darf man nicht

$^enr' duh sie dem Sozialdemokraten ihre Stim- ^ben. Wohl aber ist möglich, daß die hakatistischen Richtung der Kon- Abg Dietrich ihre Stimme nicht ge- .dV^n das zutrifft, so würden ioir »h6t’ubmnh e8 jubelt sich bei dieser Abslim- " polnische Frage und nicht um

eine konservativen Partei, sondern ein­

fach um d e Abwehr emes Präsidenten aus der Um-

^hmmjeHetn nur 12 dn, wir- * gewesen. u

Wenn in der Tat die Polen durch ibre

tags aufgedeckt. Andererseits hat aber d?rÄks' block kein Recht, b« polnische Fraktion Anspruch zu nehmen.

■ Daher ist wohl zu beachten, dytz der Sozialdenro- krat Scheidemann nur 188 Stimmen erhalten hat. Das ist weder die absolute Mehrheit des Hau­ses (199), noch auch die Mehrheit der zur Zeit an- wesenden Abgeordneten; es waren außer den 1881

In der Presse wird die Niederlegung der Reichstagspräsidentschaft des Abg. Spahn natürlich lebhaft erörtert. Die konservative Presse hält mit ihrer Freude über den Entschluß Dr. Spahns nicht im mindesten zurück. Die Deutsche Tages- z t g. schreibt:

„Wir freuen uuS ob dieses mannhaften Entschlus- fes, bett wir nicht anders erwartet haben. Ob nun Prinz Schönaich-Carolath geneigt sein, wird, mit dem Genossen Scheidemann im Präsidium zu sitzen, bleibt abzuwarten. . . Vorläufig steht Genosse Scheidemann nach der Amtsniederlegung Spahns an der Spitze des deutschen Reichstags. Wahrhaftig ein prrühtiger Tri­umph deS bürgerlichen Liberalismus! Wir habens wirklich herrlich weit gebracht."

Die Kreuzzeitung sagt kurz und bündig:

„Das Zentrum hat sich heute geweigett, dem rosa­roten Trick zum Opfer zu werden. Herr Bebel hat also zu früh triumphiert, als er nach der Wahl Scheide- manus die Präfidentenempore erklomm und Herrn Spahn mit „diebischem" Gelächter wiederholt die Hand schüttelte."

Auch die freikonservative Post begrüßt den

Rücktritt des Abg. Spahn mit „großer Freude" und wendet sich dann der Haltung der Natwnallibcra- len zu:

daß es „jede Rücksicht auf die Arbeitsfähigkeit des Reichstags, der natürlich auf diese Weise aus den chaotischen Kreisen vorderhand nicht herauskommen kann", dem Zweck opfere, „vor allem die Nationallibe­ralen endgültig nach links zu stoßen und ein Brücken­schlägen von den Nationalliberalen über den schwarzen Sumpf hinüber zu den Konservativen immer schwerer zu machen."

Das ist eine lächerliche Verdächtigung des Zen­trums, an die das Blatt selbst nicht glaubt. Gerade das Zentrum war es, das darauf bedacht war, eine Einigung zwischen den bürgerlichen Parteien herbeiznführen. Das weih die Tägl. Rundschau ebensogut wie wir.

Tas Berl. Tageblatt sucht nach einer pas­senden Form, wie der Liberalismus sich aus der Affäre ziehen soll und mthrt, er werde gut tun, vor­erst das Ereignis geschäftsmäßig zur Kenntnis zu nehmen. Getreu seiner bisherigen Haltung rät das Tageblatt den liberalen Parteien dringend, sich mit den Sozialdemokraten zu einigen, da die Mißverständnisse beseitigt seien, könne die Verstän­digung nicht schwer werden.

In der nationalliberalen Presse fehlt es nicht an vereinzelten Stimmen, die von der Entwickelung der Dinge nicht erbaut sind. Die Köln. Ztg. be­dauert, daß

ein Teil der nationalliberalcn Abgeordneten über die Kluft, die zwischen ihren monarchischen und den re­publikanischen Anschauungen der Sozialdemokratte flafft, sich hinweggesetzt hat, obschon bte Sozialdemo. Katen durch ihre hartnäckige Weigerung, sich den be­stehenden Bräuchen zu fügen, diesen grundsätzlichen Aviespalt noch besonders betont und vertieft hatten. Dos war ein Fehler, und wir bedauern, aufs deut- l^hste erklären zu müssen, daß wir jenen Abgeordrieten, die unter diesen Umständen dem sozialdemokratischen Abgeordneten Scheidemann zum Siege verholfen haben, auf diesem Wege nicht folgen können."

Die Bergisch-Märk. Ztg. in Elberfeld schreibt'

„Den Nationalliberalen ist jetzt von neuem die Mög­lichkeit gegeben, „doktrinär und konsequent" der stärk­sten Pattei des Reichstags den Präsidentenstuhl zu verschaffen. Was der Freitag Herrn Bassermann ver­sagte, kann der Dienstag ihm bescheeren: Bebel Prä­sident des Deutschen Reichstags durch die Stimmen Bas» sermanns und seiner Freunde. ... Es würde jeden­falls der Gipfel nationalen Verrats und Parteiver­bohrtheit sein, wen« man einen Mann wie Bebel zum Präsidenten deS Deuffchen Reichstags machen würde." । Die Tägl. Rundschau erkennt an einer I Stelle an, daß das Zentrum allerdings nicht mit dem Sozialdemokraten im Präsidium sitzen könne, an einer anderen Stelle aber wtttert es hinter dem Schritte des Zentrums allerhand Jntriguen. Zu welchen Purzelbäumen doch der fanatische Zen­trumshaß verleitet! Tas Blatt wirft dem Zentrum vor.

von Konservativen und Zentrum, nicht neben einem So­zialdemokraten im Präsidium sitzen zu wollen, sei be­rechtigt, bie nationalliberale Partei könne nichts an­ders tun, als dem Beispiele des ZenkumS zu folgen und sich von einem Präsidium mit deutlicher republi. kanischer Marke zurückzuziehen. Kämen die Nationalliberalen nicht zu dieser Einsicht, so würde damit nicht nur die Arbeitsfähigkeit, sondern auch der Bestand des Reichstages gefährdet wer­den, denn einerseits könne sich unsere Regierung die Mißachtung der Pflichten gegen den Kaiser nicht bieten lassen, und andererseits wären Lärmszenen unerhörter Art und Stockung beS Geschäftsganges die sichere Folge. Werde ein Scheidemann, der den Hohenzollern Wortbruch als traditionelle Gepflogenheit beimesse, je­mand im Reichstag, der sich der Majestätsbeleidigung schuldig mache, zur Ordnung rufen? Und solle die bürgerliche Mehrheit, wenn sie eine derartige Belei­digung ungeahndet sich ins Gesicht schleudern lasse solle, ruhig bleiben?

Wenn Herr Bassermann sich derartigen Erwägun­gen verschließt, so mutz seine politische Moral au: einen bedauerlichen Tiefstand gesunken sein. Wir geben zu, daß sich die Nationalliberalen in einer verteufelten Zwickm ühle befinden, aber au; der andern Seite können wir es auch ganz gut ver­stehen, wenn die „Tägliche Rundschau" ihren Artikel mit den Worten schließt: „Läßt ihr Parteisinn das (Kompromiß mit rechts) nicht zu, so wäre es der natio­nalliberalen Bürger würdiger, auf eine Vertretung im Präsidium vorerst zu verzichten, aber die Bildung des Präsidiums aus der alten Mehrheit auch nicht zu hindern." Ob in bet nationalliberalen Partei für einen derartigen Schritt noch genügend ^'Ibstbeherrschung besteht? Uebrigens würde die Wahl eines national- liberalen Präsidenten weitere Konsequenzen haben. Cs müßte dann oer liberale Vizepräsident durch einen freisinnigen Mann ersetzt werden und in der nationaliberalen Partei würde eine neue Palastrevo­lution ausbrechen, denn zwischen Prinz Schönaich- Carolath und Dr. Paasche soll eine derartige Rivalität bestehen, daß, wie die „Deutsche Tagesztg." mitteilt, Herr Dr. Paasche neulich wütend die Frak­tion verlassen habe, weil man sich in ihr für den Prinzen Schönaich enffchieden habe.

Kommen die Nationalliberalen nicht zur Einsicht, dann scheint uns die Auflösung des Reichs­tages in die Nähe gerückt.

Gönnern der Sozialdemokratie noch 198 andere Ab­geordnete zugegen.

Die Linkspresse sagt, daß Herr Bafsermann persönlich sich mit Eifer und Erfolg um die Wahl Scheidemann's bemüht habe. Es scheint ihm in der Tat gelungen zu sein, ein Dutzend seiner Par­teigenossen, die vorher Herrn Bebel üjre Stimme verweigert hatten, auf die Seite des Genossen Schei­demann zu ziehen. Gewiß ist das ein „Erfolg", na­mentlich nach der schlechten Behandlung, die einen Augenblick vorher die nationalliberale Partei von feiten der Sozialdemokratie erfahren hatte, indem letztere aus purem Hochmut die Nattonalliberalen um die heiß begehrte erste Präsidentschaft gebracht hatte. Wie konnten die Nationalliberalen diese frische Demütigung durch die Sozialdemokratie als­bald verzeihen und belohnen? Die Vermutung drängt sich auf, daß alsbaw Herrn Bassermann mit« geteilt und von ihm verwertet worden ist, was am folgenden Tag in der Blockpresse zu lesen war: Hat die Sozialdemokratie ihren Vizepräsidenten, so hilft sie bei der Neuwahl in vier Wochen einem Natio nalliberalen auf den Stuhl des ersten Prä­sidenten.

Dieses „Geschäft" kann nun sofort „realisiert" werden, da Herr Spahn und mit ihm das Zentrum und die Rechte es von vornherein ablehnen, mit einem sozialdemokratischen Kollegen, der keine Garantien gegeben, in dem Vorsitze ab­zuwechseln und die Verantwortlichkeit für die Ge­schäftsführung ohne den Rückhalt einer festen Mehr­heit zu übernehmen.

Man sagt, der nationalliberale Abg. Prinz Schönaich-Carolath werde nunmehr sicher und glatt gewählt werden, da auch die nationallibe­ralen vom rechten Flügel, die am Freitag gegen Be­bel stimmten, jetzt sofort für ihren Parteigenossen eintreten würden. Mag fein; aber die betreffenden Nationalliberälen dürfen sich nicht verhehlen, daß es sich jetzt doch um etwas mehr handelt, als um die Ehrung eines Parteigenossen oder der Fraktion. Der sozialdemokratische Vizepräsi- dentistdaundgehtnicht; irgendwelche Ga­rantien hat er nicht gegeben; er will ohne jede Bemäntelung als Mitglied der internationalen re­volutionären Sozialdemokratie auf dem Präsidenten- essel des deutschen Reichstags thronen. Die natio­nalliberale Partei soll sich also voll und ganz einem ausgesprochen en Großblockpräsidium eingliedern. Aus der W a h l v e r b r ü b e r u n g, die bisher geflissentlich nur als taktisch und vorüber­gehend bezeichnet wurde, soll jetzt eine Präsidial­gemeinschaft und eine Arbeitsgemein- schaft werden.

Ist die nationalliberale Pattei zu diesem G e- sellendienst unter dem roten Werk- meister bereit? Das ist die Frage, die bei der Ersatzwahl zu beantworten ist.

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Unser Berliner Miwrotti.r schreibt uttS u. A.: