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• Tuldaer W Zeitung

2. Blatt.

Druck und Verlag 6tr Suilatr Stlitni ru<ftt:i in $Hl6e.

wochen-Kun-jchau.

[:] Fuld a, 9. Februar 1912.

Dat Reichsparlament ist wieder zusam- niengetreten. Die Thronrede, mit der der Kotter den Mitgliedern des neuen Reichstages feinen Gnutz entboten hat, bringt keine Neberraschung, sie hebt Mit Recht hervor, daß der soziale Keift, aus dem die Bersicherungsgesetze hervorgegangen seren, auch fernerhin walten müsie und betont den verhältnis­mäßig günstigen Stand der Finanzen. An der Grundlage unserer Zollpolitik soll auch künftig bet der Vorbereitung und dem Abschluß neuer Handels­verträge nicht gerüttelt werden. Was über die Wahrung der nationalen Ehre, über Notwendigkeit der Stärkung der Wehrkraft zu Wasser und zu Lande gesagt ist, ist in ruhigeut und angemessenem Tone gehalten Wohl nicht ohne Absicht steht an der Spitze der Thronrede das Wort, daß es das Ziel des kaiserlichen Handelns sei, das feste Gefüge des Reichs und staatlicher Ordnung unversehrt zu er­halten. Das ist eine deutliche Anspielung aus das An schwellen der roten Flut, die gewiffe liberale Po­litiker immer noch als eine erfreuliche Tatsache h>n- stellen. Der Preußische L a n d t a g hat auch tn der 'vergangenen Woche noch von seiner alten Gewohn­heit, ein wenig Reichstag zu spielen, nicht lassen kön­nen Wie bei der ersten Etatsberatung, so sprach Man auch bei der ersten Lesung der Steuernovelle von der Reichssinanzresorm, von den neuen Wehr- Vorlagen uftv Im ganzen zeigten die ersten Steuer­debatten ein nlbigeres Bild, wie die ersten Etats­reden, die von Parteileidenschaft Überflüssen. Für die Steuernovelle der Regierung konnte sich kein Redner rückhaltlos erwärmen, und der Minister Dr. Lentze wird sich wohl mit dem Gedanken abfiuden müssen, daß ihm seine Vorlage znrückqegebeu wird. Vorläufig befindet sie sich in der Kommission, die die Totengräberarbeit an der Vorlage zu beMrgen hat. Wahrscheinlich werden die provisorischen Steuervor- schläge, deretwegeu die Vorlage gemacht ist, der Re­gierung durch ein neues Provisorium auf drei Jahre weiter bewilligt werden, wofür die Regierung dann die Verpflichtung einbaudelt, sich zu diesem Zeit- punkte mit der Abschaffung der Steuerzuschläge ab- znfinden.

In Bayer n bat das Zentrilnr in der L a n d- t a g s w a h l die Entscheidungsschlacht siegreich be­standen. Es behauptete die absolute Mehrheit in der Zweiten Kammer, wenn auch diese Mehrheit um 11 Stimmen geringer ist, als bisher. Die 11 Stim­men waren entbehrlich. Das Zentrum besitzt noch 5 Mandate über die absolute Mehrheit. Es hat für sich allein 11 Stimmen mehr, als alle anderen Parteien zusammen, und wenn die Konservativen nebst den Vertretern des Bundes der Landwirte hin- zukommen, so hat die gesamte Rechte 25 Stimmen mehr, als die rosarote Linke mit Einschluß der Bau- ernbündler. Bei diesen» Auscmnq der Wahl war es selbstverständlich, daß das Ministertum, das an das Volk appelliert hakte, nicht im Amte bleiben konnte. Der Ministerpräsident hat denn and' schon am Tage der Wahl dem Brinzregenken die Demission des Ka- bineits eingereicht.

In E n gl a n d ist nron wieder sehr friedlich oe- finnt Selbst Lloyd George, der Finanzminister, hat eine Abrüftungsrede gehalten, in der er freund­schaftliche Beziehungen mit Deittschland augebabnt wünschte. In den letzten Tagen ist auch das Ge­rücht aufgetaucht, daß eine diplomatische Aktion zwi­schen Deutschland und England im Werke fei, die freundschaftliche Beziehungen vermitteln soll. Trotz­dem geheimnisvoll hinmqesüat wird, daß die Welt von dem Resultat dieser Aktion überrascht sein werde, derivrechen wir uns nicht sehr oiel davon. — Das englische Königsorar ist inzwischen von seiner Jndienreise zu rückgekehrt.

In Portugal scheint die soziale Revolution lniedergekämvft zit fein. Die Nachrichten von dort treffen sehr spärlich ein, weil die republikanische Re- gieruna in begreiflicher Angst die Zensur sehr strenge handhabt. Es läßt sich daher vorläufig auch noch nicht entscheiden, welch m Einfluß auf die monar­chische Bewegung in Portugal die Einigung zwischen den beiden Thronanwärtern ausgeübt hat.

Der Tripoliskrieg kommt nicht vom Flecke. Der von den Italienern mit recht so gefürchtete

Unpolitische Zeitkäufe.

N. Berlin, 7. Februar 1912.

(Nachdruck verboten.)

Heute geht der neug-wähfte Reichstag an dis Arbeit. Im Schweiße ihres Angesichtes soll dis -Volksvertretung wirken und schaffen, während ge- rade zu dtezer Zeü das Volk zu einer Unmafle von de, U.n 9 , Ungeladen wird. Die Saison

taÄJV la9t ”an- hat fetzt ihren Höhe- man k-ch in'^eren Scktichten amüsiert man stch m jrad und Lack; doch auch die breiten Volksmasien wollen mit Sack und Pack in das Land der Feste hinemmarfchieren. Im Westen nenn» man das Karnevalstreiben; in Berlin heißt es ^ock biertrubel.

Ach, was die Welt sich utüht und quält, um zeit­weilig vergnügt zu fein. Oder wenigstens: vergnügt zu scheinen.

Welches ist der beste Alkohol? Der nicht ge­trunken wird. Welche Vergnügungen sind die schön­sten und bekömmlichsten? Die man nicht mit­macht.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben; bas gilt von dem gewöhnlichen Werk- und Wochen­tag. Den Derguügnngstag aber darf man pükst vor dem folgenden Morgen loben. O, die- fer kritische Morgen mit seinem bleichen Licht und setnem schwarzen Kaffee! Wie mancher hat da schon llewnszt: Wie würde ich jetzt vergnügt sein, wenn

Dom. Vergnügen fortgeblieben wäre!

der Kopf nicht fo schwer und der Geldbeutel mcht so letcht. — Man hat höllisch schwer zu tragen an tiefen vermeintlichen Freudentagen.

„Aber man muß doch etwas mitmachen'" Run stienn du glaubst, zu müssen, so ist dtr nicht zu Helfen. Ich memesteils mache auch einiges mit, ttämlich in Gedanken. In den Zeitungen lese ich behaglich dir Berichte über diese oder jene Festlich- leitcn oder Volksbelustigungen, lind wenn ich einen

Guerillakrieg ist im vollen Gange. Fast täglich fin­den kleine Gefechte und Scharmützel statt, und die Türken sind stets die Angreifer. Ob der schon lang geplante Vormarsch der Italiener in das Innere jetzt in Fluß kommt, nachdem der italienische Ober- kommandierende vor Tripolis in Rom eingetroffen ist, um sich neue Instruktionen zu holen, ist noch sehr fraglich.

In China deutet alles jetzt auf eine Wendung hin. Alle Versuche, dem kaiserlichen Kinde das Reich zu retten, sind vergeblich gewesen und die Einführung der Republik als Regierungssorm ist befchlossene Sache. Allerdings wird die Republik China ihr ganz besonderes chinesisches Gepräge ha­ben. Der Kaiser bleibt nämlich religiöser Herrscher. Manschikai, der jetzige Kanzler der Regierung, wird aller Voraussicht nach der erste Präsident der Repu­blik China werden.

59. Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands

in Aachen vom 11. bis 15. August.

Die alte Kaiserstadt an der Westgrenze steht schon heute in hohem Maße unter dem Zeichen des Katho­likentages, der in ihren Manern tagen soll.

Nach geheiligter Tradition wurde das schwere Werk mit Gottes Segen durch die Feier eines Pon­tifikalamtes im Münster Karls des Groszen begonnen. Das Lokalkomitee, dem nahezu 500 ka­tholische Männer aus allen Berickskreisen beigetrc- ten sind, hat sich konstruiert, die einzelnen Kommis­sionen sind gebildet und haben schon wertvolle Arbeit zur Vorbereitung der 59. Generalversammlung ge­leistet, die in besonderem Maße der Ehrung des un­vergeßlichen Windthorst dienen soll. Ist doch er, dessen Geburtstag sich zum hundertsten Male jährt auf der Aachener Katholikenversammlung im Jahre 1879 zum ersten Male bei dieser^Gelegenbeit, mnjubelt von dem treuen katholischen Volke, aufge­treten. Und vor 50 Jahren, im Jahre 1862, durfte Aachen die 14. Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands beherbergen. Ein gut Stuck Arbeit ist — davon konnte sich der zweite Präsident des Zentralkomitees, Fürst Alohs zu Löwenstein, bei feiner Anwesenheit in Aachen überzeugen — be­reits geleistet, und sind die Vorbereitungen bereits sehr weit gediehen. Der aus den besonders gelager­ten örtlichen Verhältnissen entsprungene Wunsch, die Katholikenverfammlunq in den Tagen vom 11. big 15. August abzuhalten, hat erfreulicherweise Berücksichtigung gefunden. Ein glänzender Festzug erscheint gesichert; für die Festhatte ist bereits ein geeigneter Platz gesunden.

Die auf den früheren Generalversammlungen ge­machten Erfahrungen find vielfach sehr lehrreich ge­wesen, und sie werden nach Möglichkeit bei den Vorbereitungsarbeiten berücksichtigt. Eine Hebe Erfahrung ist die, daß die stetig ioarbfenbe Zahl von Nebenversammlungen, die mehr oder weniger nur lose mit dem Hauptzwecke der General­versammlungen zusammenhängen, geeignet ist, den Besuch der offiziellen Veranstaltungen der Gencral- versamnrlunz und die aufmerksame Tellnabme an denselben zu schädigen. Deshalb geht das Streben dahin, nach Möglichkeit diese Nebenveranstaltungen auf ein Maß zurückufführen, welches den Haupt­zweck nicht beeinträchtigt. Das Lokalkomitee hat den lebhaften Wunsch, daß dis in Betracht kommen­den Vereine und Korporationen sich auch selbst die Frage ernstlich vorlrgen und sie sorgfältig prüfen, inwieweit und ob überhaupt es dem Hauptzweck der Generalversammlung dienlich ist, wenn durch Rebenveranstaltung ihrerseits die Zeit und die Kraft der Besucher der Generalversammlung in Anspruch genommen werden. Jedenfalls sollte keine Korpo­ration sich über irgend eine Sonderveranstaltunq schlüssig werden, ehe sie die Meinungsäußerung des Vorstandes des Lokalkomitees erbeten hat. Unter keinen Umständen darf geduldet werden, daß irgend eine Rebenveranstaltung während einer der offi­ziellen großen Veranstaltungen der Generalver­sammlung stattfindet.

Eine weitere Frage, welche eine planmäßige Be­handlung erfordert, ist die der Beanspruchung der Säle für die Veranstaltungen. Wenn jeder einzelne Verein in diesem Punkte selbständig vorgehen will, können Mißstände nicht ausbleibeu. Es kann bann

treffe, der irgendwo dabei gewesen ist, fo lasse ich mir gern erzählen von dem Leben und Treiben, dem Jubel und dem Trubel, dem Gepränge und dem Ge­dränge, dem Putz und dem Schmutz, dem Gcmrß und dem Verdruß, dem Pftopfenknall und bem Kräfte­verfall. Und wenn ich die ganze gemischte Herrlich­keit nachträglich durchgekostet habe, dann freue ich mich, daß ich nicht dabei gewesen bm. Das bißchen Lust war doch im Grunds die Strapazen und die Kosten nicht wert, und die Last, die schließlich allen Lustbarkeiten am Beine hängt, brauche ich nicht zu heben. Wer auf dem Festlands bleibt, bekommt keine Seekrankheit.

„Immer ’i i n ins Vergnügen", ruft die lebens­lustige Welt. Der Weife aber fragt: Wie kommt man 'raus aus dem sogenannten Vergnügen? Erst der Nachgeschmack ift entscheidend über den Wert der Schüssel. Heute genosien, — morgen ver­drossen: das ist ein schlechtes Geschäft. Aber bist du heutt gescheit, so hast du morgen reine Freud'.

Kopfhänger", ruft da vielleicht einer. Im Ge­genteil: ich will ja verhüten, daß man am mtberen ~a9e den Kopf hängen läßt. Der Kops soll immer hoch getragen toerben, frisch und flott und frei. Jm- n'er f° h"ch, wie es die Natur mit sich bringt. Wer aber auf den Stelzen der Bergnügungsfucht hernm- ftoijiert, stoßt leicht mit seinem Köpfchen an und purzelt bann darnieder, daß ihm der Schädel schme^t. — Wenn doch die Leute allezeit ihren Kopf oben behaften wollten, d. h. ihren gefunbes Men­schenverstand; dann würden sie sich nicht von dem dunklen Drange ihres gierigen Herzens aus ba3 Glatteis der vermeintlichen Lustbarkeiten locken lassen.

In dieser Flttterzeit ist nichts bester »m Platze, als ein Lobgesang auf die Arbeit. Wo steckt die reinste Freude? In dem tüchtigen Wirken und Schaffen. Wann empfindet man bas filßeste Be- Hagen? Wenn man abends zur Feierstunde sich sa­gen lann:, Na, da hab ich heute wieder mal redlich ba§ meinige getan, und die Fracht meines Fleißes

leicht Vorkommen, daß irgend ein kleiner Verein sich einen geräumigen Saal sichert, während größere Vereine sich später mit kleineren Räumen begnügen müssen. Es wird dann zum Ende nicht an Unan­nehmlichkeiten und an Kritik fehlen. Deshalb em­pfiehlt es sich dringend, daß die Versinsleiter, ehe sie irgend einen Saal belegen, sich mit dem Vor­stände des Lokalkomitees bezw. mit der Ordnungs­kommission in Verbindung setzen. Diese sind mit den örtlichen Verhältnissen und mft den Sonderver­hältnissen der einzelnen Säle vertraut, und es wirb dem Eigeninterefss der in Betracht kommenden Kor­porationen wie auch dem Gesamtintereffe der Gene­ralversammlung durchaus förderlich fein, wenn in dieser wichtigen Frage der Nebenveranstaltungen eine obere ordnende Hand und ein das Ganze über­schauender Blick den Ausschlag geben. Es ist des­halb der dringende Wunsch des Lokalkomitees, daß die einzelnen Korporationen es nicht versäumen, sich baldigst mit ihm in Verbindung zu setzen.

Besondere Bedeutung wird die 59. Generalver­sammlung der Katholiken Deutschlands durch einige wichtige Neuerungen erfahren. Einmal mitb,_ wie schon kurz gemeldet wurde, die Wahl des Präsi­diums bereits am Sonntag vollzogen. Tie ovferfreudiqen Scharen, die zum Fektucae nach Aachen eilen, können fo schon dem Präsidium der Katholikenversammlung ihre Huldigung barbringen. Sodann werden zwei große Veranstaltungen das Programm bereichern. Während bisher nur der Volksverein für das katholische Deutschland am Dienstag tagte, tvi'd in Amben am Montag Vor­mittag eine große Versammlung der auf der Main­zer Kacholilenversammlun" ueugegründeteu Marr- schen Schulorgan isaciou und am Mittwoch Vormittag eine öffentliche Misfionsver- s a m ml u n g stattfinden.

So sind denn alle Vorbeceitunaen in bestem Gange, um das freudig begonnene Werk zu autem Gelingen zu führen. Im Glanze der Aachener Kaiservracht wird fegenfvendend über das katholische Deutschland, ja. über den gesamten Katholizismus die 59. Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands erstehen.

veutscheg Neich.

* Gegen die Erbschaftssteuer bat der Führer der Göttinger Fortschrittler, Geheimrat v. B a x, in der Generalversammlung des Vereins der Forffchritt- licheu Volksvartei in Göttingen ausgeführt:

„Es würde ein großer Fehler fein, wenn sich die freisinnige Partei auf die Erbschaftssteuer fest- beißcn wollte. Ich halte die Erbschaftssteuer in man­cher Beziehung für bedenkIich, besonders in Deutsch­land. Das Bedenken besteht darin, daß der Deutsche Reichstag nur ein beschränktes Budgetrecht und nur einen minimalen Einfluß auf die Negierung hat. Dann möchte ich erwähnen, daß die Erbschaftssteuer die Familien sehr ungleich trifft, daß es lang- und kurz­lebige trifft. Anders ist es mit der Vermögens­steuer, wo eine jährliche Quote ausgebracbt werden könnte. Ich möchte also raten, in dieser Beziehung sehr vorsichtig zu sein."

4« Republik, Sozialismus, Atheismus. Hart­näckig bestreiten sozialdemokratische Agitatoren, be­sonders in gläubig und moralisch gesinnten Kreisen, daß jemals von einer maßgebenden Stelle der Par­tei Republik, Sozialismus und Atheis­mus als die drei im engsten Zusammenbang stehenden Hauptziele der Sozialdemokratie bezeichnet worden seien. Demgegenüber schlage man einmal die Reichstagsakten nach — 26. Sitzung vom 31 März 1881, Seite 657 — und man findet bar* die denkbar deutlichste Erklärung aus Be­bels eignem Munde, und zwar sozusagen doppelt durch seinen Hinweis auf seine frühere Darlegung vom Jahre 1872, die er in der 45. Sitmng vom 17. Juni (1872. Reichstagsakten S. 1081) gegeben hatte. Bleiben wir beim Jahre 1881, so hören wir Bebel, der die wirklichen grundsätzlichen Bestrebun­gen gegenüber dem bloßen Gerede über die Sozial­demokratie scharf heraushebt, folgendes sagen:

Ich will noch eins anführen. Daß die Sozialdemo­kratie, wie gestern hier nachzuweisen versucht tourbe, ihrem Wesen nach demokratisch, richtiger republikanisch, sozialistisch, atheistisch ist, warum den Beweis dafür so I'weit herholen? Der Herr Minister brauchte bloß die Akten des Reichstags herzunchmen und dort meine Rede vom Jahre 1872, wo ich der einzige Vertreter mei-

ift nicht schlecht geraten; heut wird der Feierabend gemütlich!

Freilich, die Arbeit wird oft eine Last, für man­chen eine fchwere Last. Es sind viele und scharfe Dornen an diesem Strauch, denn wir leben im Jammertale, über dem das.Urteil schwebt: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot ver­dienen! Und doch blühen zwischen diesen Dornen Rose n, schöne und duftige Rosen. Wie entsetzlich sähe es in der Welt ans, wenn die Arbeit nicht wäre? Vielleicht denkt der eine ober andere Leser, es wäre doch wunderschön, wenn et plötzlich durch das große Los zu einem Rentner würde, der morgens beim Ausstehen sogleich Feierabend machen kann. Ob dir wirkllch dieses „Glück" gut bekommen würde? Es haben schon manche Fälle plötzlicher Bereiche­rung einen unseligen Ausgang genommen. Der „Beglückte" verliert in den neuen Verhältnissen den Boden unter den Füßen. Er meint, er könne die „Last" der Arbeit von sich abschütteln. Da es ihm an befriebigenber Beschäftigung fehlt, so verfällt er cus gefährlichen Zeitvertreib. Er will das Leben „genießen", und dabei ruiniert er feine Kräfte, seine Laune, sein Vermögen. Wenn er nun schließlich wieder zu einem fotiben und arbeitsamen Leben sich gezwungen sieht, so hat er die Fähigkeit zum tüchti­gen Wirken und Sämffen verloren. Dann sticht er sich an den Dornen und genießt nickt mehr die Ro­sen am Arbeitsstrcmch. Sein Berufsgenofie, der durch keinen „Glücksfall" aus der Werkstatt vertrie­ben worden ift, geht abends mit erhobenem Hauvte und frohen Herzens in den Kreis seiner Familie; der vermeintliche „Glückspilz" aber schleicht verdros­sen umher und findet keine Ruhe unb kein Behagen.

Gewiß, eS gibt auch Leute, die arbeiten, ohne daß sie durch einen äußeren Zwang zur Anstrengung ge­trieben werden. Ja, ich kenne brave ®ärmer, bic reich genug sind, um ent Wohlleben nach allen Ge­lüsten zu fuhren, dis aber trotzdem von morgens früh bis abends spät rastlos tätig sind in ihrem Beruf efcer in der Wirksamkeit für das allgemeine Wohl. Manche entwickeln dabei mehr Fleiß.und Ausdauer,

ner Partei in diesem Hause war, nachzuschlagen. Es handelte sich damals um den Erlaß des sogenannten HcsuilenausweisungSgefetzcs. Ich habe damals gegen dieses Ausnahmegesetz gesprochen und selbstverständlich gestimmt, ich habe die Maßregel als in jeder Beziehung verwerflich auf der einen Seite, als n i ch t zum Ziele führ en d auf der anderen Seite bekämpft, und ich habe gerade meinen abweichenden Standpunkt damit begründet, daß ich sagte, ich bekämpfe dieses Ge­setz, obgleich ich im übrigen den Herren vom Zentrum und speziell demjenigen Teile der Geistlichkeit, um den es sich in dem Gesetze handelt, in der feindseligsten Weise gegenüberstehe. Ich habe damals erklärt und damit meine Rede geschlossen: wir erstreben auf politischem Gebiete die Republik, auf dem ökono­mischen Gebiete den. Soz i a lis m uS, und auf dem, loas man heute das religiöse Gebiet nennt, den Atheismus. (Hört! aha! rechts.) Ja, meine Her­ren, ist Ihnen denn das neu? Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich die Verantwortung für das, was uns wirklich trifft, voll und ganz übernehme, und Sie sehen, ich lehne sie mcht ab. . . . ."

Angesichts dieser authentifchen Erklärungen weiß man jetzt, was man von den Versicherungen iozial- demokratischer Agitatoren zu halten hat.

kr Etwas zum Nachdenken. In der Dortmunder „Arbeiterzeitung" (Nr. 23) veröffentlicht der im Wahlkreis Dortmund-Hörde neu gewählte sozialde- lratifcke Abg. Dr. August Erdmann eine Dauk- fagnng, in der folgende Sätze vorkommen:

„Ich danke bei dieser Gelegenheit auch den Herren von der D e m o k r a t i s ch e n Vereinigung, ^die sich in der Stichwahl offen und entschieden ans die Seite mei­ner Partei gestellt haben. Ich danke ferner den Herren von der Fortschrittlichen Volkspartei, die der von ihrer Hauptleitung gegebenen Anweisung: Gegen Rechts! in'Dortmund wirksame Geltung verschafft haben. Ich danke endlich dem kleineren, aber dafür umso Ivertvolleren Teil der nationalliberalen Wähler, der in der Stichlvahl für mich eingetreten ist und damit bekundet hat, daß ihm der Liberalismus mehr ist als ein politisches Paradewort oder ein Mitte! zu politischen Handelsgeschäften."

Sollten diese für das Bürgertum recht beschä­menden Dankesworte eines sozialdemokratischen Re­dakteurs in denjenigen liberalen Wählern, die durch Abgabe eines roten Stimmzettels einem Sozialde­mokraten in ben Reichstag verhalfen haben, nicht endlich die Erkenntnis aitfbämmen lassen, daß sie durch ihren blinden Haß gegen die rechtsstehenden Parteien der Sozialdemokratre unverdiente Trium­phe verschaffen und dadurch das Bürgertum, dem sie doch selbst angeboren, und das Vaterland schä­digen?

" J Karlsruhe, 8. Februar 1912. Bei der Be­endigung des Budgets der Hochschulen in der ba­dischen Kammer bildeten den Mittelpunkt der Debatte der M o d e r n i st e n e i d und die Berech­tigung der theologischen Fakultät en. So­zialdemokratie und fortschrittliche Volkspartei brach­ten einen Antrag ein, der die Aufhebung der rheo­logischer! Fakultäten verlangt, an deren Stelle ein interkonfessionelles theologisches Forschungsinstitut gesetzt werden soll. Die roten und rosaroten Redner begründeten ihn mit den üblichen Phrasen. Abg. Rebmann (ntl.) führte in einer längeren Rede aus, daß der Modernisteneid zu bedauern sei, daß diese neue Bewegung in der katholischen Kirche nur eine vorübergehende Zeitströmung sei. Den sozial­demokratischen Antrag lehnte er ab. Abg. Schofer lZtr.) erklärte, daß der Modernisteneib im wesentli- chen nichts neues bringe, fonb/rn nur eine Bekräfti­gung dessen fei, was jeder kath. Theologe schon vor­her anerkannt und gelehrt habe. Er wendet sich ge­gen die Rede des Freiburger Prorektors auf dem Hochschullehreriag in Dresden, die eine schwere Kränkung gegen den kath. Klerus und das kath. Volk enthalte, llnterrichtsminister Dr. Böhm verteidigte die Stellung der Regierung zum Antimoder nisteneid. Abg. Knebel (Ztr.) beleuchtet in seiner Form die Schlagworte der sozialdemokratischen und frei­sinnigen Redner. Wissen und Glauben stehen nicht im Gegensatz, sondern der Glaube baue sich auf auf dem Wissen. Auch die „voraussetznngslosen" Ge­lehrten gingen in ihrer Forschung von irgend einer Weltanschauung aus. Wer die Geschichte des Mo­dernismus kenne, erstaune nicht über die Anordnung des Eides. Abg. Kolb verteidigte nochmals sei­nen Antrag auf Abschaffung der theol. Fakultäten. Kultusminister Dr. Böhm betont, bas Neue am Ansimodernisteneid sei die methodologische und diszi­plinäre Seite. Nach dem Modernisteneid sei der

als ein armer Taglöhner; ja, sie reiben ihrs Gei­stes- und Leibeskräfte förmlich auf, sodaß sie früh­zeitig zufammenbrechen in ihrem freiwilligen Dienst, gemäß dem Spruche: Ein gutes Pferd stirbt in den Sielen. Das macht alles der innere Drang zum Wirken und Schaffen. Diese fteiwilligen Arbeits­bienen folgen ihrem hochentwickelten Pflichtgefühl, und das Opfer, das sie gewisienhaft bringen, wird ihnen erleichtert durch den Genuß, den sie immer von neuem in der fruchtbaren Arbeit finden. Sie siihlerr, daß sie mit Gottes Hilfe etwas Schönes und Nützliches leisten, und dieses Bewußtsein ist ihnen reicher Lohn für die mühevollen Werkstunden am Tag und die Sorgenstunden in schlaftosen Nächten. tSchlaslvse Nächte gehören zum Beispiel zu den Be­rufsannehmlichkeiten, der meisten hervorragenden Parlamentarier.)

Das find Leute, deren Tugenden über das Durch­schnittsmaß hinansreichett. Für uns gewöhnliche Bienschenkinder ist der äußere Zwang zur Arbeit sehr heilsam. Er bewahrt uns vor dem Verbum­meln; er gibt unserer ganzen Lebensführung einen sicheren Halt. Dafür sollen wir dankbar sein, und zwar nicht bloß im Hinblick auf das Jenseits, son­dern mich schon wegen der erfreulichen Wirkung für das biesseisige Leben. Gesegnet fei die Arbeit; sie erhält uns nicht bloß gesund, sondern sie macht uns auch froh. In der Werfftatt sprudelt die rechte Quelle des wahren Vergnügens; im trauten Fami­lienheim, mag es auch noch fo bescheiden fein, wird dieses erfrischende Quellwaffer mit Behagen ge­nossen.

Aber die Verblendeten laufen von dem reichen Born zu den Zisternsu, den sogenannten Vergnu- (rungen, um in deren trüben und giftigen Gewässern den 'Duckt zu röschen. IInb dieser Durst wird mcht gelöscht, fondern noch gesteigert.

Cs ist Freude genug in der Welt zu finden; die Menschen suchen sie leider nur zu gern an der fal­schen Stelle.