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Deutfehes Reich.

# Bom Zukunstsstaat. Um „prinzipielle Aus' Hütung" vor den Wahlen zu liefern, brachte die so­zialdemokratische Presse vor mehreren Monaten eilte .Artikelserie, in der den Massen dummdreist vorqe- logen wurde, der Z u k n n s t s st a a t werde in niäit pllzuferner Zeit kommen, in seiner ganzen Große und mit all seinen Herrlichkeiten. Da ging ba o nachher wie ein Hagelwetter über die Phantasiege­bilde der „roten" Parteiblätter ein Artikel des „Ge­nossen" Dr. L Quessel in den „Sozialistischen Monatsheften" Cilx 1b 19) nieder, der folgendes über die Zustande int sozialdemokratischen Glücks- staat feststellte.

„Also jahrzehntelang wird sich die soziale Revo­lution hinziehen, und hernach wird zunächst alles beim allen bleiben. Mit einem Federstrich will man die Kapitalisten internen — eine lächerliche An­nahme — aber arbeiten müssen wir natürlich nach zvie vor. Auch unangenehme Beschäftigungen blciben. Und wer nicht arbeiten will, der wird nichts zu essen Haden. Dabei kann der Arbeitslohn m der kozialistischen ZukunftsgeseUschast kaum erhöht werden. Was man den Kapitalisten abgenommen, das reicht Nicht einmal zu einer Reform des Schulwesens und der Sozialversicherung, geschweige denn zu mehr. t o q n • Herabsetzungen sind sogar in Aussicht g 1 ■ nommrn. Es wird nicht gehen, die Produktion zu steigern, wie es sich die Phantasie sozialdemokratischer Kindsköpfe vorstellt. Schluß: Die soziale Revolution, die das arbeitende Volk von aller Not und aller Ent­behrung befreien soll, ist weiter nichts wie ,ein gleißendes Trugbild'."

■ So schreibt ein sozialistischer Schriftsteller. Wer demgegenüber geglaubt hat, am Wahltage durch einen „roten" Stimmzettel den Eingang zu einer bessern Wirtschaftsordnung (Zukunftsstaat) sich eröff­nen zu können, der gehörte — man verzeihe uns — zu den ganz Dummen!

-r Schärferes Vorgehen der Behörde» gegen den Bauschwindel. Die Regierung, die, rote bereits mehr­fach mitgeteilt, vorläufig der Einführung des zwei en Teiles des Gesetzes üver die Sicherung der Bau­forderungen ablehnend gegeoübersteht, hat an die Regierungspräsidenten bezro. Polizeipräsidenten An­weisungen ergehen lassen, nach denen auf dem 93er» wallungswege in scharfer Weise gegen unzuver­lässige Bauunternehmer vorzugehen ist. Dem entsprechend sind jetzt amtliche Erhebungen darüber ein geleitet worden, ob als unzuverlässig bezeichnete Bauunternehmer auf Grund des § 35 Abs. 5 der Gewerbeordnung vom Betriebe auszu- schlicßen sind. Der erwähnte Paragraph bestimmt, daß technisch oder mor lisch unzuverlässigen Bau­unternehmern der Betrieb untersagt werden kann. Diese Maßnahme wird gewiß nicht nur von den Interessenten, sondern auch allgemein im Interesse der Berke rssicherheit begrüßt werden. Auf der anderen ©eite muß cs auffallen, daß die Regierung, obwohl fie die Notwendigkeit eines Emgreisens an­erkennt, sich nicht zur Zustimmung zum zweiien Teil des Gesetzes übet die Sicherung der Bauforderungen entschließen kann.

Aus dem Nachbargebiele.

~ Gersfeld, 7. Febr 1912. Die hiesige evange­lische Kirche Hai eine Lnfiheizungsanlage durch die Firma Heller u. Co. in Jlvergehofe» er­halten. Die Anlage ist vor Kurzem in Betrieb ge­nommen worden und arbeitet vorzüglich.

* Brückenau, 8. Febr. 1912. Die Jungviehweide Pilsterhof bei Brückenau wird anfangs Mai wie­der mit Frankenkalbinnen und Stutfohlen besetzt; Anmeldungen sind bis längstens 15. Mär; an den Kgl. Tterpichtinspektor in Schweinfurt erbeten

„# Flieden, 8. Febr. 1912. Gestern abend hielt die hiesige Darlehnskasse den zweiten und dritten Verkausstermin der von ihr käuflich erworbenen Schäserschen Grundstücke ab. Für Wiesen wurden 500— 730 Mk. pro Morgen (23,86 Ar) gebo­ten, für Ackerland durchschnittlich 450 Mk. Ein an das Dors grenzender Acker wurde, weil zu Bau­plätzen gut geeignet, nicht verkauft Er soll später parzellenweise zu Bauplätzen verkauft werden. Die Grundstücke wurden größtenteils von dem Arbeiter­stande angehörigen hiesigen Leuten gekauft und von solchen, die ihre Grundstücke zu dem Bahnneubau abgeben mußten. Da der Darlehnskassen-Verein ja

keine großen Gewinne bei dergleichen Angelegenhei­ten erzielen will, sondern nur bestrebt ist, den GÜ- terwnchrr zu verhindern, so wurde bei dem ganzen Geschäft nur ein geringer Ueberschutz erzielt.

♦ Hanau, 8. Febr. 1912. Als Berufungsinstanz hatte sich die Strafkammer mit einem Beleidi- gunaSprozeß zu befassen. Angeklagt war der technische Direktor der Aktiengesellschaft Deutsche Duulöp-Gummi-Contp. in Hanau, Ingenieur Mül- ler, wegen Beleidigung des früheren Direktors ge­nannter Gesellschaft. Die Beleidigungen waren in Briefen erblickt worden, die Ingenieur Müller ab> andte und in denen er sich abfällig über die Tätig­keit Tr. Böcklens in Hanau äußerte. Dr. Böcklen hatte Müller auf Pistolen gefordert, was Müller aber ablehnte. Das Schöffengericht hatte Müller zu IOC Mk. Geldstrafe verurteilt: die Straf­kammer erhöhte diese Strafe auf 600 Mk.

* AuS dem Sinngrund, 7. Febr. 1912. Die Ge­schieh : des Si/'ngrundes kann auf ein hohes A l- t e r zurückb icf - »; das beweisen die unweit davon bei Roßbach aufgegrabenen Hünengräber Ein sehr interessanter Fund wurde seinerzeit bei dem Ab­bruch der atte.t Pfcwrkircki' in Burgsinn gemacht A n Altar'wurden zwet kupferne, tafelförmige, an- kfrei-s-'j'b aus einer größeren Masse herausgehauene tcfeldien, je 15,8 Zrm lang. 3hj Ztm. breit und 7 Millimeter dick, gefunden. Beide Seiten der Plätt­chen sind mit Bildern und Buchstaben versehen in eine: Art Bvlkslatern. -Stu' der einen Platte ist drei­mal das astronomische Zeichen der Venus ange- brach Der Berem für bayerische Volkskunde, dem die Platten übergeben wurden, unterzog diese einer genau :« Forschung mit dem Resultat, daß die Ent stehungszeil der Platten in eine solche fiel, in der vielleicht schon ein Handel mit solchen „Opfer- oder Heilplatten" getiieben wurde.

* L'mbnra, 8. Febr 1912. Im hohen Alter von 87 Jahren ist hier der S ch i f f s b a u m e i ft e r DÜllker gestorben. Der Verblichene hat lange Jahre hier an der Lahn sein Gewerbe ausgeübt und viele Lahnkähne verschiedener auswärtiger indu­strieller Werke wurden von ihm erbaut. Seitdem Dünker infolge vorgeschrittenen Alters seine Tä­tigkeit vor mehreren Jahren aufgegeben hat. ist der Schiffsbau hier in Limburg nicht mehr be­trieben worden.

* Ludwigshafen, 7. Febr. 1912. Gestern abend gab eilt Magazinarbeiter vor der Walzmühle ans den dortigen Betriebsleiter zwei Revolver- schüffe ab. Er traf ihn auf der rechten Brust­felle. Der Täter wurde verhaftet. Er war mit noch anderil Arbeitern entlassen worden.

Amt GeNa und Umqebnnq.

* Geisa, 8. Febr. 1912. Das Großherzogliche Staatsministerium hat es für zulässig er­klärt, daß der Koch- und H au s h a lt u rr g s- unterricht in Anbetracht des praktischen und er­ziehlichen Wertes, den er bei geeigneter Leitung hat, in den Volksschulen für pflichtmäßig er­klärt wird. Dabei soll es nicht darauf ankommen, ob dieser Unterricht von dem Patriotischen Institut der Frauenvereine, von den Gemeinden, von den Bereinigungen oder von Privatpersonen eingerichtet morden ist. Die Genehmigung hat in jedem einzel­nen Falle der Bezirksschulinspektor zu erteilen. Er bat die Aussicht auszuüben und darüber zu wachen, daß der übrige lehrplanmäßige Unterricht durch den Koch- und Haushaltungsunterricht möglichst wenig Störung erleidet.

* Tiefenort, 7. Febr. 1912. In dem Hause des Anstreichers Lorenz Hermann herrscht Scharlach. Ein 7jähnges Mädchen ist der Krankheit bereits er­legen. Noch drei andere Kinder liegen darnieder.

Aur Gberheffen u- den heff. Remtern.

* Marburg, 8. Febr. 1912. Die hiesige Bäcker- innung gibt bekannt, daß 4 Pfund Schwarzbrot von morgen ab 50 Pfg. und 4 Pfund Weißbrot 54 Pfg. kosten werden. Es bedeutet dies einen Auf­schlag von 2 Pfg. pro Laib. — Erschossen hak sich hier aus unbekannten Gründen ein junger Student der Medizin, dessen Ellern in Hersfeld wohnen.

♦ Frankenberg, 7. Febr. 1912. In der Gene­ralversammlung • des hiesigen Gcslügelzuchtoereins

ivurde beschlossen, mit dem Verbandstage des Be­zirksvereins Kassel eine größere Geflügel- a n s st e l l u n g hier zu veranstalten, welche auf Anordnung des Hauptvereins und der Landwirt- chaftskammer auf den 12. und 13 Oktober festge- kgt ist.

* Homberg, 7. Febr. 1912. Durch Unvorsichtig­keit hat sich ein hiesiger Fuhrmann empfindlich ge­schädigt. Um dem Vieh im neuerbauten, kalten Stalle eine erträgliche Temperatur zu ermöglichen, teilte der Genannte einen Lötetopf mit angezun- deten Kohlen in den Stall. Jedenfalls hat das Feuer zu lange gebrannt, denn als die Leute mor­gens den Stall betraten, fanden sich eine Z i e g e. und zwei größere Läufe rfchweine er-' st i ck t vor, Während da? Pferd noch Lebenszeichen von sich gab Da sofort tierärztliche Verordnungen gegeben werdet; konnten hofft man wenigstens dos Pser> zu reiten.

* Wabern, 7. Febr. 1912. Beim Holzverladen im Falkenberger Walde fiel ein bereits aufgeladener großer Stamm zurück und traf den Landwirt unb. Fuhrmann Griesel ans Harle, zerschntetterte ihm ein Bein und fügte ihm innere Verletzungen zu. Der Berlehte wurde in das Landlrankenhaus in Kassel überführt

* Fritzlar, 7. Febr. 1912. Die M a u V und Klauenseuche ist in M etze ausgebrochen. Zur Verhütung der Weiterverbreitung sind alle Vieh­märkte unb vichmarktähnliche Veranstaltungen für Februar und März im Kreise Fritzlar ver­boten

vermischter.

* Opfer des Wintersports. Zwei seit Sonntag vermißte Grazer Schifahrer, Tr. Scholl und Dr. Haas, sind auf der Koralpe in Schlesien erfroren atifgefittiben worden.

* Albert Eichler, der ,König" der deutschen Schundliteratur, ist vor einigen Tagen in Dresden g e st o r b e tt. Der Mann, der durch seine Schriften so unendlich viel zur Vergiftung der Volksseele, na­mentlich der Jugend, beiaetragen, endete durch Selbstmord. Er war der Verleger der mit Recht verschrieene» Nie Carter- und Buffalo Bill- Heftchen, die er zu Millionen fast über die ganze lesefähige Erde ausgcsandt hat. Seine buch- händlerische Tätigkeit hatte Eichler tu dem Verlag H. G. Münchnieyer (Dresden-Niedersedlitz) begon­nen, darauf sich für das Fach der Kolportage- Schundllleratur-Fabrikation in Nordamerika, au der Quelle, gründlich vervollkommnet. Drüben schaffte er sich rasch itt die Höhe und kehrte 1903, als In­haber des Verlags- und Uebersetztmgsrechtes für Nie Carter, Buffalo Bill und einige Seitenstücke von Er- zählunqeii, nach Sachsens Hauptstadt zurück, ioo er ein eigenes Geschäft eröffnete. Dies nahm schnell einen unerwartet großen Aufschwung. 1904 trat er zuerst auf den Plan und zwar mit den Buffalo Bill- Geschichten, nach einem halbe »Jahr gesellten sich die Nie Carter- und die Wild West-Er;öhlungen hinzu, von denen die ersteren den Hauptschlagcr ausmach­ten Erst als vor wenigen Jahren eine zielbcwnßte tatkräftige Propaganda gegen, diese Schundliteratur cinsetzte, erfolgte ein Stur; derselben in den verdien­ten Abgrund. Ter anfänglich andauernde Riesen­erfolg verführte aber Eichler dazu, jene Sensatwns- erzählungen seines Verlags ins Französische. Nieder­ländische, Dänische, Schwedische, Italienische, Spa­nische, Tschechische, Polnische, Magyarische übersetzen zu lassen und für den Vertrieb dieser fremdsprach­lichen Ausgaben Filialen in den betreffenden Län­dern zu gründen. Bald verlor er den Ueberblick über diese ausgedehnten Unternehmungen, für die er auch keine passenden Vertreter gefunden hatte. Die Ge­schäfte, nun über die reine Schundliteratur hinaus ausgedehnt, wuchsen ihm über den Kopf, und nach dem unausbleiblichen Zusammenbruch, den die sieg­haft vordringende Agitation der Auti-Schundlitera- tur-Bewegung beschleunigte, suchte Eichler jetzt frei­willig den Tod. Ter Selbstmörder hat in schnödem Mammons-Drange auf die niedrigsten Instinkte in« Menschen spekuliert und eine grauenvolle sittliche, nicht bloß literarsschc Verwüstung im deutschen Volke eingeleitet und nach Kräften genährt. Einige Zahlen belegen klar diesen traurigen Tatbestand. Tie englischen 9lic Carter- und Buffalo Bill-Hefte

reichen bis Nr. 580 bezw. 590, der deutsche Nie Carter bis 9lt. 312, Eichlers Buffalo Bill bis Nr. 366, von den Wild West-Erzählungen erschienen etwa 109 Hefte, der Rauhreiter-Geschichten 35, der Romanbibliothek „9Nein Ideal" 90 Lieferungen. Außer den Wild West-Heften, die 15 Pfg. kosteten, verlangten alle diese Erzählungen pro Heft „den Blutzoll" von 20 Pfg. Von den beiden gröbsten Schundschrifte» „Buffalo Bill" unb „Nie Carter", [logen in der Glanzzeit Eichlers wöchentlich bis zu 80 000 Hefte von Dresden in das deutsche unb inter­nationale Lesepublikum.

* Zehntausend ausständige Arbeiter der Maschr- ncnfabriken in Prag veranstalteten einen Mani- ^estationsumzug durch die Hauptstraßen Prags. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Die Handelskammer hat Friedensverhandlungen eingeleitet.

* Vergiftungen durch Kohlengas. An Kohlen- aasen, die in der Nacht einem Ofen entströmten, er- ’ stickte in Harlow in England ein Ehepaar .ia- ’ mens Clahden. Tie fünf Kinder, die im Nebenzim- i mer schliefen, wurden bewußtlos aufgefunden, konn­ten aber gerettet werden. — In Göggingen bei Augsburg wurden einer weiteren Drahtmeldnug zufolge der Fabrikarbeiter Huber, seine Frau unf­ein Kind in seiner Wohnung durch Kohlengas ver­giftet, tot aufgefunden. Drei Kinder schwe­ben noch in Lebensgefahr.

* Im Tode vereint. In dem englischen Städtchen Charlton starb die 92jährige Frau King au Altersschwäche. Zwei Taae darauf erzählte der untröstliche Witwer, er hätte im Traum gesehen, rote an der Stelle des Friedhofes, die man für seine treue Lebensgefährtin bestimmt habe, zwei Gräber vorbereitet roütbcn. Das eine davon sei für

ibn selber, fügte der Greis glücklich lächelnd hinzu Und in der Tat schlief der 94 jährige kaum 36 Stunden später gleichfalls für immer ein. Die Be­stattung der Frau war auf flehendes Bitten des allen Mannes noch aufgeschoben tvorden, und so konnten nun beide zusammen nach 70 jähriger Ehe der Erde überarbeit werden.

— Im Siraßnbahnwaqc». „Welch ein Schaden durch dieses Unwetter angerichtet wird!" — „Da? tvill ich glauben! Mich allein kostet es bis jetzt schon neunzig Pfennig!" — „Wieso?" — „Ich fahre seit zwei Stunden hin und her und getraue mir gar nicht ausznsteigen!"

Haude! und Industrie.

* Berlin, 8. Febr. 1912. Die Bank von England hat ihren Diskont von 4 auf 3% Pro­zent ermäßigt. Dazu traten beruhigende politifche Auffassungen, die an der heutigen Börse wieder eine Befestigung herbeisührten. Bankaktien zogen meist um yz Prozent an. Auf dem Montanmarkte stie­gen nur einige Aktien; das übrige kaum verändert. Schiffahrtsaktien ruhig, Elektrizitätswerte etwa? höher.

t Reklamen- und Anzeigenteil.

braucht nicht

legier Stimme oder

auszufallen, meine Herren, wenn Sie sich an ge­wöhnen, Wybert-Tab letten bei sich zu führen und bei be­rauben! Hals

davon zu nehmen. «Es gibt kein besseres Mittel, um die Stimme sofort klar und frisch zu machen.> Dies ist

der Inhalt zahlloser Zeugnisse über die in ihrer Wir­kung unerreichten Wybert-Tabletten, die in allen Apotheken 1 Mark pro Schachtel kosten.

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Das Amulett.

2] Seeroman von Jos. Bai erlern.

2. Kapitel.

Nachdem Kapitän Tibbs seine Schifsspapiere er- balten hatte, verließ er das Kontor der Firma White Rüssel und begab sich auf fein Schiss. Tort erwar- tete ihn aber eine sehr unangenehme Ueberraschnng. Zwei der am Abend zuvor geheuerte» Weißen 991c» Irose», die schon am Morgen ihren Dienst hätte» äntreten sollen, waren nicht Q.t Bord eingelrossen Und ließen sich, auch als es Nachmittag geworden, nirgends blicken Mister Tibbs befand sich deshalb in schlechtester Laune. Er schalt und wetterte. Da aber das die zwei Ausreißer nicht herbei brachte, mußt? er sich Wohl oder übe! entschließen, in einen Sauren Apfel zu beißen. Er ging noch einmal ans !«nb und warb, weil die Zeit drängte und weil er in der fuyn Frist keinen anderen Ersatz finden konnte, noch zwei Neger als Matrosen an.

Die Schwarzen versicherten zwar hoch und teuer, geschulte Seeleute zu fein und jede Arbeit zu ver­stellen. Dennoch war der Aerger des Kapitäns leicht zu begreifen. Denn bei einer Schiffsbemannung von sieben Köpfen ist der Verlust zweier Matrosen, die nach Ausweis ihrer Heuerbücher schon alle Meere befahren hatten, eine ernsthafte Sache. Hier fiel er umsomehr ins Gewicht, als durch 8ie Annahme zweier weiterer Neger einesteils das numerische Verhältnis zu ungnnsten der weißen Matrosen ver­rückt War, cmdernteils, weil die Schwarzen bei Sturm leicht die Geistesgegenwart verlieren, wenn sie auch bei ruhiger See genügen. Allem Verdruß des Kapitäns zum Trotz ließ sich aber an der Sache nichts mehr ändern: die „Marie Celeste" hatte jetzt vier Neger und drei Weiße als Matrosen.

Am Nachmittag tarnen die Passagiere an Bord, zuerst Frau Tibbs mit ihrem Töchterlein, die in tziner Kabine neben der Kapitänskabine einquartiert wurden. Die Frau war eine stille Dame mit fünften Zügen und guten blauen Augen, das Mädchen ein

luftiger Kobold, dem lange blonde Locken um das rosige Gesicht flatterten, das bezaubernd lachen könnt». Und die kleine Helene lachte fast immer. Da sie mit ihren Eltern schon mehrere Seereisen geinacht hatte, besaß der Aufenthalt auf dem Schiffe nichts ungewohntes für sie, weshalb sie auch in allen Ecken und Winkeln des Fahrzeugs bekannt war. Schon nach wenigen Stunde» hatte die ganze Schiffs­mannschaft die hiibsche Kleine liebgetoomteu; sogar die Neger verzogen die wulstigen Lippen zu einem Grinsen und nickten ihr fteundlich zu.

Bald darauf traf der Plantagenbesitzer Mister Goring ein. Er kam allein und trug seinen großen Reisekoffer selbst. Obgleich derselbe ein ziemliches Gewicht haben mußte, schien er ihn doch ohne große Beschwerde bewältigen zu können. Er hob ihn von der Schulter und fragte:

„Wollen Sie die Güte haben, mir meine Koje anzuwerfen, Kapitän? — An der linke» Seite des Gangs, der vom Oberdeck nach dem Salon führt, tagen Sie?"

«Jv, Mistor Goring," antwortete der Kapitän, „die erste Koje links."

„Ich danke Ihnen verbindlich. Ist mein Logis daS einzige in der Reihe, oder bekomme ich Nach­barsleute?"

„In der Koje riebe« der Ihrigen wird Doktor Jephsou wohnen der 'Brooklyner Arzt, von dem Ihnen Herr White bereits gesprochen hat, und an diese Koje stößt die für dessen kranken Sohn be» stimmte. Gegenüber auf der rechte» Seite des Gan­ges befindet sich die.Kajüte des Herrn Supercargos. Sie weichen also genug Nachbarschaft und auch bei Regeuwetter keine Langeweile haben, da Sie sich, selbst unter Deck, mit den anderen Passagieren die Zeit vertreiben können "

„O, vor Langeweile ift mir überhaupt nicht bange," entgegnete Mister Goring, „meine Bücher und Studien bieten mir Unterhaltung in hinreichen­dem Maße." • • • ■

„Ah!" sagte Mister Tibbs überrascht, „Sie find also ein Freund der Studien, — ein Gelehrter?"

Bon einem Manne, der so viel Negerblut in den Adern hatte, wunderte ihn das Doch der Qnar- terone antwortete kurz:

„Ich beschäftige mich nur als Dilettant mit eini­gen Physikalische» Experimenten."

Dann hob er seinen Koffer wieder auf die Schul­ter und stieg durch die Oberverdeck-Luüo in den Gang hinab, wo sich seine Koje befand.

Gleich nach ihm erschien Herr Harion, der zum Supercargo ernannte Clerk der Firma, und nahm die für ihn bestimmt» Kabine ein, und schließlich ka­men Doktor Jephson und sein Sohn, begleitet von einer alten 9iegerin, die das Reisegepäck trug.

Diese Dienerin befand sich schon über zwanzig Jahre in des Doktors Hause, war mit dessen schwar­zem Kutscher verheiratet gewesen und in ihrem Dienst verblieben, auch als sie Witwe geworden. An ihrer Herrschaft hing sie mit unverbrüchlicher Treue; den jungen Robert aber, den Sohn des Doktors, hatte sie ganz und gar in ihr Herz geschloffen und liebte ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Hatte sie doch gewissermaßen Mutterstelle bei ihm vertre­ten schon von den ersten Tagen seines Lebens an.

So war der kleine Robert unter den Augen der alten Sarah herangewachsen; an ihrer Hand hatte er die ersten schüchternen Gehversuche gemacht, un­ter ihrer Obhut war er zwölf Jahre alt geworden. Und nun, da der stete Verkehr mit Robert ihr un­entbehrlich zu sein schien, wie die Luft zum Atmen, sollte sie sich von ihm trennen! Das Weltmeer sollte sich ausdehnen zwischen ihr und dem Liebling ihrer Seele, Wochen unb Monate würden vergehen, ehe sie ihn wiedersah! Und was konnte ihm unterdessen alles begegnen? Welchen Gefahren war er ausge­setzt auf der langen Seereise? Das Meer ist so falsch und trügerisch!

Die Gedanken schnitten der treuen Schwarzen gleich scharfen Messern durchs Herz und trieben ihr die Träne» in die Augen. Sie hatte sich'» nicht nehmen lassen, ihre Herrschaft auf» Schiff H» beglei­ten, und miste dort die ihr gewährte kurze Frist des Aufenthaltes auch bis zum letzten Anarnblick mis,

um den bittersüßen Kelch des Abschieds ganz auszu­kosten.

Als aber die Matrosen den Anker aufzuwinden begannen, da zog sie von ihrem Halse eine starke silberne Kette, an der eine ziemlich große Kapsel aus dem gleichen Metall befestigt war, und hängte da» Schmuckwcrk um den Hals des Knaben.

Dabei sagte sie unter Weinen und Schluchzen:

„Farewell, mh dcarling! Lebewohl, mein Lieb­ling! Ich habe die Ahnung, daß Euch diese Reise in große Gefahr bringen wird, und deshalb, Ro­bert, gehe ich Dir dies Amulett mit, damit es Dir und Deinem Vater in der Stunde der Not zum Schuh diene. Bewahre es Wohl und gib es nicht von Dir; denn es ist ein kräftiger Talisman, den einer meiner Vorfahren vor vielen, vielen Jahren, als die ersten schwarzen Menschen nach Amerika als Skla­ven verkauft wurden, aus dem heißen Afrika mit­gebracht hat. Das Aninlclt hat sich in meiner Fa­milie vom Vater auf den Sohn und auf die Kin­der und Kindeskinder vererbt, bis cs schließlich in meinen Besitz kam. Da ich nun die letzte meine» Stammes bin, so schenke ich Dir das Kleinod. Möge es seine geheimnisvolle Kraft auch an Dir und Dei­nem Vater bewähren!"

Obgleich Stöbert Jephson beit Glauben der alten Fran an tue Wunderkraft der Negeramulette, Zau- bergegenstände und Fetische, die noch heutigen ces auch unter den christlichen Schwarzen zahlreich verbreitet sind, nicht teilte, wollte er die gute Seele, die ihm das mhga5, Wa8 sie für ihren grotzü'u Schatz hielt, doch nicht kränken. Er versprach daher der Negerin, das Amulett in Ehren zu halten und e« während der ganzen Reise Tag und Nacht nicht vorn Halse zu tun.

Durch dieses Versprechen einigermaßen getrostes verließ Sarah da» Schiff, nachdem sie endlich von ihrem Herrn und von Robert mit tausend Farewel den letzten Abschied genommen hatte. - -

Entsetzung folgt)