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N 31*

Vsnnerstag 8. Februar (9(2

39. 5«tzrgg»g.

* Tuldaer M Leitung«

.. Statt

Vruck und Verl«- der Xuldaer r«tle»dru<kerel ti <i°lda.

Amt Geita und Umaobuna.

** Geisa, 7 Febr. 1912. In thüringischen Zei­tungen wird abermals energisch zum Ausbau der Feldabahn aufgesordert. Die interessierten Ge­meinden des Feldatals müßten sich zusammenschlie- ßen und gemernsam vorgehen, um den Ausbau der schmalspurigen Feldabahn in eine Vollbahn zu be­schleunigen. Kaltennordheim bür^e nicht Köpf­st ation der Bahn bleiben. Die Volsbabn müsste einerseits über Kaltensundheim, Reichenbansen- Erbenhausen nach Fladungen (Ostheimi und andrer­seits nach Meiningen weitergeführt werden. Von Dermbach aus muß eine Verbindung m i t O e ch s en und damit zugleich mit Geisa geschaf­fen werden. Feld-, Ulster-, Streu- und Herpstal müßten durch Eisenbahnlinien verbunden werden. An der Rentabilität sei nicht zu zweifeln.

* Vacha, 6. Fedr. 1912. Nachdem der AuS. bruch der M a u l» u n d Klauenseuche in der Gemeinde Vacha amtlich festgestellt worden ist, werden vom Bezirksdirektor die üblichen Vorsichts­maßregeln bekamitgegebe . Der Gemeindebezirk Vacha bildet einen Sperrbezirk. Das Beobachlnngs« gpbiet umiaßt die Gemeindebezirke Oberzella, Sünna und Unterbreirbach. Die Abhaltung der S ch w e i n e- märkte in Vacha ist bis auf Weiteres verboten.

♦ Dermbach, 7. Febr. 1912. Das Britische Ha >s an der Marktstraße kaufte Restaurateur Markert Hierselbst

Schlagader am Halse mit einem Rasierutesser durch­schnitten. Ohne daS Bewußtsein wiedererlangt zu haben, erlag er der schweren Verletzung.

* Bom Untermain, 6. Febr. 1912. Was für geizige Menschen es noch gibt! Fand da an irgend einem Orte ein Schüler einen Tausendmart­schein. Der Schüler war ein ehrlicher Bub und brachte den Schein seinem Lehrer. Der Lehrer wieder machte den Verlierer oder vielmehr die Ver­liererin aussindig. Das war eine wohlhabende Privatiere. Was gab die nun dem Jungen? Reine ganze fünf Pfennig. Nun tut aber der Leh­rer gerichtliche Schritte, damit der Schulbub zu sei­nem Rechte kommt. Er muß seinen ihm gebiihren- den Finderlohn erhalten.

* Limburg, 6. Febr. 1912. Im Steinbruch in Steeden verunglückten zwei junge' Arbeiter dadurch, daß sie beim Bohren eines Sprengloches auf einen alten, nicht losgegangenen Schuß stießen, der ex­plodierte. Ter eine, ein 19 Jahre alter Mann aus Runkel, erlitt so schwere Verletzungen, daß er nach einiger Zeit starb.

♦ Aschaffenburg, 7. Febr. 1912. Ein Bauersmann von Breunsberg ging früh in den Wald, um sich für sein Fuhrwerk ein Stück Holz zu holen. Bei dem glatt gefrorenen Boden rutschte er aus und fiel so unglücklich, daß er das Genick brach. Einige Stunden später wurde er von einem Manne, der in der Nähe arbeitete, tot aufgesunden.

Aus Gberhessen u. -en heff. Aemtern.

♦ Kirchhain, 6. Febr. 1912. Im letzten Som­mer wurden durch Arbeiter, welche Quarzitsteine am Teufelskopf, Gemarkung Rüdigheim im hiesigen Kreis, brechen, drei ineinander stehende Urnen mit Erde und kleinen Knochenresten ge­füllt, gefunden. Die Arbeiter, welche den Wert des Fundes nicht kannten, gaben die Urnen an einen sich für die Funde interessierenden Herrn hier ab, durch welchen dem Geschichtsverein in Marburg und dem Altertumsverein in Kassel Kenntnis von dem Fund gegeben wurde. Der betreffende Herr erwarb auch noch ein an gleicher Stelle gefundenes Kupferberl. Es wurde festgestellt, daß die ge­fundenen Gegenstände aus Prähistorischer Zeit stammten. Da die Urnen und das Kupferbeil von keinem der Vereine erworben wurden, hat der Be­sitzer diese an einen Altertumssammler verkauft. Schon seit Jahren haben die Arbeiter mehrfach sol­che Funde am Teufelskopf gemacht, die Kupferbeile haben sie als altes Kupfer verkauft und die Urnen

Aus dem Rachbargebiele.

--- Petersberg, 7. Febr. 1912. Am Sonntag abend fand hier bei vvlloeletztem Hause der zweite muiikaltsch» theatralische Unterhaltungsabend des Jünglings« vereins stall. Bei der Auswahl der Stücke hatte man einen überaus guten Griff getan. Das reich­haltige Programm fand allgemeinsten Beifall. „Die drei lustigen Musikanten" wurden überaus beisalltg aus­genommen. Jnsolge der Ausstattung mit prächtigen Kostümen konnte sich ein sarbenreicheS Bühnenbild ent- wickeln, in dem das junge Zigeunervolk besonders an­genehm aussiel. Ergreisend wirkte die würdige Dar­stellung des gehaltvollen Stückes „Der Untergang von Saint Pierre oder das 4. Gebot". Dankenswerterweise hatte Herr Volk wiederum die muülalische Begleitung übernommen. Dnrch diese Veranstaltung hat sich der kleine Verein viele Freunde erworben, sodaß daS in nächster Zeit zu teiernde Fahnenweih-Fest einen weiteren schönen Erfolg ner'vrickt.

[:] Hilders sRhmsi, 6. Febr. 1912. Seit der An- Wesenheit unseres allverehrten Landsmannes, bei hochw. Trappistenpaters Ivo Hohmann, stehen die Be­wohner von Hilders unter dem Zeichen „afrikanischen Missionslebens". Mehr als je sind die Blicke unserer Pfarrangehörigen auf die Naturvölker gerichtet. Slite gern möchte so mancher einmal persönlich das Tuen und Treiben jener Völker kennen lernen, für deren Zi- vilitsatiou die besten und edelsten Söhne und Töchter ihre Heimat verlassen und einem Leben bon Mühen unb Entsagungen entgegcngehen! Diesem Wunsche ist Pater Ivo dadurch näher getreten, daß er sich der mühevollen Aufgabe unterzog, em zugkräftiges Missionsstück, reich an packenden Szenen, die uns an einen Küstenstrich von Afrika versetzen und daS der berühmte Missionsbischof von Alinda, Msgr. Le Roy, aU ehemaliger Missionar in Zangucbar geschrieben hat, zur Aufführung zu bringen. Das Th-üerstück führt den Titel: „A n d a l o u m a". Weil die Theater­borstellungen deS kath. Bürgervereins sich schon seit Jahren großer Beliebtheit erfreuen, so sei zur Orien­tierung hier kurz der Inhalt „dieses Dramas mit gro­ßer Bühnenwirkung" angcgben. Zeit der Handlung 1870. Die ganze Aufmerksamkeit deS Zuschauers wird schon gleich am Anfang festgehalten, wenn der Neger- kiiabe Andalouma, Sohn deS Häuptlings Goma bom Stamme der Wajaos, mit Pfeil und Bogen im Walde erscheint und den Gott der Weißen um bal Licht deS wahren Glaubens für sich und seinen Vater bittet. Man glaubt sich auf afrikanischen Boden berscht, wenn plötzlich bei fahlem Mondenschein die Zauberer auf­treten und um den Hexenkessel ihre wilden Tänze auf» führen, um Andalouma den bösen Geistern auszulie­fern und zu verderben. Mganga, „der große Zaube­rer", überführt mit Arglist den armen Knaben beim Gericht des Abfall« vom Glauben der Ahnen und deS Verrates an feinem Stamme. Andalouma wird zum Fezrertode verurteilt, und schon liegt das unschuldige Opfer auf dem Scheiterhaufen, als Sklavcnjäger die Schwarzen überfallen, wodurch Andalouma den Flam­men entrissen, aber in die Sklaverei geführt wird. Der Transport der Sklaven führt uns in die Oase einer Wüste (3. Akt) und schließlich auf dem Sklavenmarkt in Sansibar (4. Akt). Aber schließlich kommt die Erlö­sung. Mganga stirbt und seine schwarze Seele wird dem Teufel, dem sie verschrieben war, zurückgegeben. Vater und Sohn finden sich nach langen Irrfahrten durch die Vorsehung Gottes wieder. Alle Heiden er­kennen ihre Rettung durch den Gott der Weißen an unb stimmen ein in den Ruf Gomas: „Ruhm und Ehre dem Gott der Weißen 1" Ein wirkungsvoller Schlußchor, von Mitgliedern des hiesigen Kirchenchors gesungen, krönt das einzigartige Stück Der Leitung des Spiels, sowie allen Milwirkenden gebührt volles Lob und Anerkennung. Den schönsten Strauß ver­dient der kleine Andolouina, der so schön, so herzig gesungen unb torgetragen hat. Zur effektvollen Wir­kung deS ganzen Dramas trugen besonders auch die farbenprächtigen Szenerien bei, eigens entworfen und künstlerisch ausgeführt bom Vetter unseres Herrn Pfarrers, dem als „trefflichen Schilderet der hessischen Landschaft, des Nhöngcbirges und des Harzes" wohlbekannten Landschaftsmaler Barth aus Kassel. Das Stück, welches bereits viermal über die Bretter gegangen ist, hatte seine Zugkraft auch auf Fremde ausgeübt; es wird deshalb für diese am nächsten Sonntag den 11. d. M., abends 7 Uhr zum letztemuate gegeben werden. Wer kann, berfäume diese letzte Gelegenheit nicht!

* Rotenburg, 7. Febr. 1912. In schwerverletztem Zustande wurde der Lehrer a. D. Martin B. aus Sterkelshausen nach dem Landkrankenhaus in Kassel überführt. B., der pensioniert worden war lind sich gerade beim Umzug befand, hatte sich offenbar in einem Anfall geistiger Umnachtung die

Akt großer Kühnheit nach dem Muster „berühmter" Verbrecher in den Nie Carter- und Sherlock Hol­mes-Romanen zu krönen. Er fährt nach Nürnberg, um den Fabrikanten auszusuchen, eilt ihm, da sich der Herr zu einer Kur in Untermais bei Meran befindet, dorthin nach und teilt ihm in Gegenwart seiner Katrin mit, daß er ihm gegen Zahlung der Belohnung eventuell zu seinem geraubten Gute zu­rückverhelfen könne. Herr 3E war aber nicht auf den .Kopf gefallen und verwickelt D. in ein Gespräch, während seine Frau die Polizei benachrichtigt, die den Verbrecher in sicheren Gewahrsam bringt. Ma« kand bei ihm zahlreiche Brillanten und sonstige Kost­barkeiten des Nürnberger Herrn. Der Behörde er» zählt er, er sei eines TageS in Groß-Lichterfelde an den Gleisen der Anhalter Balm vorübergekommen, als der Schnellzug Halle—Berlin vorüberbrauste. AuS dem Fenster eines Abteils schaute ein Mann mit einer schwarzen Maske heraus, der ein Paket ciuS dem Zuge warf, daS an einer Telegraphen» stange medersiel. Er öffnet das Paket und beschließt, da seine Kasse gerade ziemlich leer war, den kost­baren Inhalt zu Geld zu macken und feiner Familie eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Die Polizei ist aber nicht so leichtgläubig, telegraphiert fein Sig­nalement nach Berlin, die dortige Kriminalpolizei entdeckt die überraschende Uebereinstimmung dieses Signalements mit der Beschreibung deS Eisenbahn« räubers und nimmt kurz entschlossen eine Haus­suchung bei D. vor. DaS Resultat ist erstaunlich. Sie findet zahlreiche Pfandscheine aus Berlin, Steg­litz, Schöneberg, Magdeburg, Danzig, Dessau, Kott- bus, Königsberg usw. Sie findet weiter ein 516» zugsattest aus Homburg auf den Namen eines In­genieurs Emil Dagibert aus Königsberg, eine Post» ausweiskarte, lautend auf den Ingenieur Emil Jä­ger aus Hamburg, den Freifahrschein eines Eifen- bahnsekretärs und manches andere belastende Ma­terial, sodaß an der Schuld diese? Mannes, der das Doppelleben eine# Ehrenmannes und Verbrechers führt, kein Zweifel mehr bestehen kann. Seine An­gehörigen, die durch diesen Schlag gebrochen, ver­nichtet sind, können zu feiner Entschuldigung nur angeben, daß er Hochgradiger Morphinist und Klep­tomane sei. Die Familie wähnte ihn geheilt und ist nun furchtbar von diesen Entbüllnugen getroffen.

•* Ein neue? Geschoß für flieaenbe Soldaten. Die Hcereskommission der französischen Deputier« tenkauimer hat gegenwärtig eine neue Waffe zu prü­fen, die da? Kriegsministerium für die Flieger be# stimmte. Es handelt sich um ein stiftartiges Stahl- qeschoß von 12 Zentimeter Länge mit einem Schaft von kreuzförmigem Querschnitt, der e8 in feiner Richtung erhält, und einem konischen, unten luge« spitzten Kopf. Diese Stifte, die von den Aviatiker«' mit vollen Händen auf feindliche Truppen herabge- schleudert werden können, falle« immer auf be« Kops. Die Durchschlagskraft der Gefchosie soll sehr bedeutend fein.

— Zukunftsbild Grantlhuber: „Du, Alte, fchan, wie beut' der versluckte Ofen raucht I ... ES wird doch kein Aviatiker in den Kamin 'nring'fall'n kein!?"

zerbrochen, so fanden sie vor kurzem wieder eine Urne, welche leider auch zerbrach.

** Frankeuberg, 7. Febr. 1912. In der „Fran­kenberger Ztg" schlagen „viele Wähler des Wahl­kreises Frankenberg" den Kreisausschußsekretär Ueberschaer als Kandidat für ben Landtag vor.

[:] Neustadt, 7. Febr. 1912. Der Voran­schlag unseres Gemeindehaushaltes zeigt für das Etatsjahr 1912 die respektable Summe von bl 000 Mk. Wenn bei diesem Betrage für das neue Jahr nicht über 125 Prozent der staatliche« Einkommensteuer und 133% Prozent aller übrige« Steuern hinausgcgangen ist, trotzdem einige kapital­kräftige Personen unfern Mauern den Rücken ge­kehrt haben, so macht das der weisen Sparsamkeit unserer Stadtoäter alle Ehre. Das Steuersoll be­trägt unter anberm 15 125 Mk. gegen 14 790 Mk. im Vorjahre. An Einnahmen aus Grundvermögen weist ber Etat 26 626,14 Mk., aus Gemeinbeanftal- ten 13 590 Mk. auf. Außerdem bringt unsere blühende Sparkasse einen nicht zu verachtenden Zu­schuß von 3700 Mk., welcher zu Reupslanzungen, Forstkulturen, Obstbau, Vcrbesierung von Grund­stücken verwandt werden soll. Eine bedeutende Aus­gabe verursacht die Schule mit 15 720,63 Mk., wel­cher nur eine Einnahme von 4749,86 Mk. gegen» übersteht. Die städtischen Beamten erleichtern den Stadisäckel um 5811 Mk. und für Armenlasten find 2465 Mk. aufzubringen, gegenüber einer Einnahme von 583,30 Mk. Die schone Summe von 5570 Mk. muß leider als Kreisfteurr nach Kirchhain abgefiihrt werden. Da unser Städtchen vorwiegend ländliche Verhältnisse aufweist. sind die Ausgaben für das Zuchtvieh mit 2600 Mk. eingestellt.

♦ Lohra, 6. Febr. 1912. Der Arbeiter Friede. Becker von hier wurde morgens in Gießen auf der Tenne in einer Scheune liegend bewußtlos cmfqr- ftinden. Es stellte sich heraus, daß er einen schwe­ren Schädelbruch erlitten Hatte; er starb, ohne dos Bewußtsein wieder erlangt zu Haben. Becker Halle anscheinend als Obdachloser auf dem Heuboden genäckfiot und war beim Weggehen bon der Leiter in die Tenne gestürzt.

* Fritzlar, 7. Fehr. 1912. In der Gemeinde Grifte im Kreise Fritzlar ist amtlicherseits die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden. Zum Sperrgebiet ist die Gemeinde Grifte jedoch ohne Hof Fehrenberg erklärt worden.

vermischtes.

* Das Doppelleben eines Verbrechers. In einem westliche» Vororte Berlins lebt der Zivilingenieur Emil D., ein etwa 40 r>abre alter Mann, mit Frau und Kindern. Seine Wohnung, die ein wohlhaben­des Gepräge trägt, besahft er mit 2000 Mark im Jahr, und der Unterhalt der Familie kostet weitere 10 000 Mk Tas harmonische Familienleben störe« nur die Häufigen Reisen des Gatten und Vater?, der nach seiner Airqabe für mehrere große Firmen Stei­fen unternimmt, große Aufträge Hennbringt und da­bei ein gutes Geschäft mackt. So stellt sich da? Leben der Faniilie dar vor aller Welt, vor den Au- a-n von Frau und Kindern und vor den Augen der Verwandten. In Wirklichkeit ist Herr D. ein ver­lorener Mensch, ein Eisenbalmränber. ber schlafende Reisende ihrer Barickaft, ihres Gepäcks beraubt, in Hotels bei icb« stck bietend?» Gelegenheit die Hand nach fremdem Besitz ausstreckt und daun beladen mit unrechtem Gut h-imkebrt an ben Herd ber akmungS- losen Familie. Alle? gebt aut. bis die dir eichen Diebstähle an Eifenbahnvaffaaieren bie Polizei zu verschärfter Anfmerkfamkeit ansvornen. ES gelingt, das Signalement des mcctmaßlichen Täters zu firie- ren, das fast in allen Fällen übereinstimmt. ?(b« auch jetzt noch fällt nicht der leiseste Verdacht auf D. Da begeht er eine große Dummheit. In einem D«Suge von Bitterfeld nach Halle waren einem Fa­brikanten aus Nürnberg für etwa 20 000 Mark Schmucksachen gestohlen worden. Ter Berauhte setzte eine Hobe Belohnung auf die Wirderbeschafinng der Kostbarkeiten aus, und die ganze Affäre wird durch die Presse weit und breit bekannt. Auch D. liest die Notiz und beschließt, sein Werk — denn fern anderer als ei hatte den Diebstahl begangen — durch einen

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Das Amulett.

1] Seeroman von Jos. Bai er teils.

1. Kapitel.

Im Oktober 1873 ging das Bostoner Schiff „Marie Celeste" vorn Bostoner Hafen aus nach Europa unter Segel. Die „Marie Celeste" war eine schmucke Brigantine von 170 Tonnen unb Eigentum ber Firma White Rüssel in Boston, bie europäische Söeme, namentlich süße Südweine, nach Amerika importierte Auch bie jetzige Reise hatte den Ein- kauf von Wern zum Zwech denn das Schiff hatte ?. ^"E'9-aIg unb amerikanische Uhren an Bord, die nach Lissabon bcfhmnt waren. Dort sollten für dieselben portugiesische unb spanische Weine als Cargo eingeladen unb nach Boston gebracht wer- den

Befehligt würbe bas Schiff von Kapitän Tibbs, einem Seemann von erprobtet Tüchtigkeit und un­bestechlicher Reblichkeit, ber bereits viele Jahre in Diensten der Finna White Rüssel stand und den atlanttschen Ozean wohl schon fünfzigmal gekreuzt hatte. Ihn begleiteten auf dieser Reise feine Frau und sein jüngstes, nicht ganz fünf Jahre altes Töch­terchen Helene. Als Bemannung waren für bie „Marie Celeste" fünf weiße unb zwei farbige Ma­trosen, bas heißt zwei Neger, ferner ei« Koch unb ein Schiffsjunge angeworben worben.

, Am 12. Oktober lag bas Schiff zur Abfahrt be­reit vor Anker, und der Kapitän TibbS begab sich Nur noch an Sanb, um im Kontor der Firma bie ? »u ge?. Schissspapiere abzuholen und die letzten Be» fehle seiner Herren entgegenzunehmen.

„Kapita., Tibbs!" sagte da ber Chef der Finna I“ shm, „ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie auch pvet Passagiere nach Lissabon mit hinübernehmen J?1!«n- v&en doch Platz dafür auf der „Marie Celeste . Ich frage deshalb, weil wir uns ent­schlossen haben, einen unserer Clerks*), Herrn Har- t°n, die Reise als Supercargo**) mitmachen zu las»

*) Hanvlungsgehilfe, Kommis.

**) Bevollmächtigter, ber bie Schiffsladung nach o«m Absatzhajen begleitet, «m sie dort zu verkaufen.

fen, und weil ich unter diese» Verhältnissen nicht weiß, wie es mit den PassagierkaMen aussieht."

„DaS hat keine Not," antwortete ber Kapitän, „es sind vier solche Kajüten vorhanden, und da Sie nur von zwei Passagieren unb Ihrem Supercargo sprechen, bleibt sogar eine unbesetzt."

„Es freut mich, dies zu Horen, da es mir leid getan hätte, die Passagiere andernfalls zurückweisen zu müsse«."

„Darf ich fragen, wer bie Herren sind?"

„Der Brooklyner Arzt Doktor Jephson unb fein Sohn Robert. Der letztere ift nämlich für sein Al­ter von zwölf Jahren etwas zu schnell in bie Höhe geschossen, sieht deshalb leidend aus, und fein Vater behauptet, er hätte eine sehr schwache Brust. Da nun für Leute mit angegriffenen Lungen eine län­gere Seereise überaus empfehlenswert ift, hat der Doktor für seinen Robert eine Fahrt auf unserem Schiff i« Aussicht genommen und will sie mftma- chen, um de« Jungen stets unter Augen zu haben."

„Der Herr Doktor und fein Sohn sollen mir aus der „Marie Celeste" willkommen sein!"

„®ut, flapitän Tibbs! So lasse ich ihm sofort Bescheid sage», damit er rechtzeitig an Bord ein« trifft*

Da klopft es an der Äontortür.

„Herein!" rief der Handlungsherr.

Ein langer, auffallend magerer Herr trat in daS Zimmer, der nach amerikanischer Sitte ben Hut auf dem Kopf behielt unb sich dem Chef ber Firma nach- lässigen Schrittes näherte.

,Lch möchte einige Fragen Wege« der „Marie Celeste" an Sie ruhten/ sagte er mit leiser, aber klangvoller Stimme. „Eie sind doch Mister Whfte?"

„Ich bi« Habakuk Whfte, Chef ber Firma White Rüssel," antwortete der Kaufherr. „Mit wem habe ich die Ehre, zu sprech«, und womit kann ich bie­ne«?*

Er betrachtete ben Ankömmling genau. Obwohl sich derselbe wie ein weiß« Gentleman trug, floß doch zweifellos viel $egerblut in feine« Adern; er mußte ein Lümrterone sein. Vielleicht war er sogar

noch näher mit der schwarzen Rasse verwandt. Seine gebogene Adlernase und das lange, braune Hau Pi» haar deuteten aus seine weiße Abstammung, wah­rend fein dunkles, rastloses Auge, de: aufgeworfene Mund und die weißen, blinkenden Zähne für feine afrikanische Verwandtschaft sprachen. Seine Ge­sichtsfarbe erschien gelblich, und da fein Antlitz über­dies mit zahllosen Pockennarben bedeckt war, machte sein Aeußeres einen unschönen, beinahe abstoßenden Eindruck. Doch wurde dieser wieder verwischt, so­bald er sprach; denn seine Rede war fließend unb er­ging sich in gewählten Worten, auch besaß seine Stimme einen gewissen Wohlklang.

,„Jch bin der Plantagenbesitzer SePtiminS Go­ring aus New Orleans", erklärte der Fremde auf die Frage des Handlungsherrn, „und da ich im Ha­fen vernommen habe, daß Ihre Firma Eigentume­rin der Brigantine „Marie Celeste* ist, mochte ich mich bei Ihnen erkundigen, wann das Schiff unter Segel geht."

„Es wird schon heute abend die Anker lichten." „Nach welchem Bestimmungshafen?" „Nach Lissabon."

„Ah!" ries Mr. Goring erfreut, „das würde mir gerade passen! Führt das Schiff auch Passagiere mit?"

„Nur drei: einen unserer Clerks und einen Arzt aus Brooklyn, sowie dessen Sohn. Die Frau des Kapitäns, welche mit ihrem Töchterchen den Gatten beglehet, benutzt keine von ben Passagierkabinen."

„Ist noch Platz für einen Reisenden frei?"

„Soeben fagt mir Mister Tibbs, daß noch eine Kajüte unbesetzt ist. Nicht wahr, Kapitän?"

„Gewiß, Mister White," bestätigte ber Seemann.

„Dann würden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie mir die Kajüte einräume« wollten. Ich habe dringende Geschäfte in Portugal abzuwickeln, und es ist mir lieber, gleich direkt hinüberzukommen, als auf dem Umweg über England oder Frankreich."

,Ahrem Wunsche steht nickt» entgegen, Mister Goring," entgegnete ber Kaufherr freundlich. „Wol­len Sie nur diese« Fahrschein zuerst durchlesen unb hierauf unterzeichne».*

Der neue Passagier prüfte baS ihm überreichte Papi« genau, zählte bann ben barin bedungenen

Fahrpreis auf den Tisch und «griff bie Feder, um seinen Namen auf das Papier zu setzen. Als er un­terschrieb, gemerkten Her« White und der Kapitän, daß dem Fremden vier Finger der rechten Hand fehlten; et hielt die Feder zwischen dem Saunten imb ber Handfläche fest, unb obwohl Goring beim Unterzeichn?» ganz gewandt vorging, bot die große, verstümmelt- Hand doch einen grausigen Anblick.

Allein weder der Kcmsherr noch der Kapitän leg­ten der Sacke Bedeutung bei. ES waren feit Be­endigung des Bürgerkrieges erft acht Iahte verstri­cken, und man sab deshalb in den Bereinigten Staaten noch vielfach Leute, die in jenen blutigen Kämvfen schwere Verletzungen erhalten hatten.

Als Mister Goring sich empfahl, fragte er den Kapitän noch:

,Me Brigantine ist doch hinlänglich bemannt? Es wäre mir nämlich unangenehm, bei schwerem Wetter mft zu Sckisfsarbeiten heran gezogen zu wer­den, wie es mir voriges Jahr auf einer spanischen Bark ftn Golf von Mexiko erging. Ich bin kränk­lich -w —*

„fjaben Sie deswegen keine Sorge," beruhigte Kapitän Tibbs den Baffagtere, dessen Bedenklichkei­ten er auf Rechnung der verstümmelten Hand schrieb, „Wir haben sieben tüchtige Matrosen, einen Koch und einen Schiffsjungen an Bord, die hinrei­chen, die „Marie Celeste" auch im Sturm über Was­ser zu halten. Unsere Passagiere werden, so Gott will, keine Belästtgnng ersahren."

„Sir haben doch lauter weiße Matrosen geheu­ert?" fragte ber andere wieder. „Die Neger sind als Seeleute so unzuverlässig."

„Zwei Schwarze habe ich dock mit an Bord neh­men müssen," gab Mister Tibbs zu. „Die weißen Mattosen sind jetzt schwer aufzuri eiben; sie ziehen große Schifte mit langer Fahrt einem kleinen L>ea»er vor. Aber fürchten Sie nichts! Die zwei Bur- scheu haben schon einige Reisen mit mir gemacht, und ich habe sie sehr anstellig gesunden. Sie je­doch, Mister Goring, ersuche ich, heute nachmittag rechtzeitig an Bord zu kommen. Die „Marie Ce­leste" sticht um fünf Uhr in See."

(Fortsetzung folgt.)