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Rotation sbrud h. Verlag der guibser actieeb: aderet Lgulba gerasprecher Ur. 9.

Fulda, Mittwoch den 7. Februar 1912.

Erstes Blatt.

39.

3). Jahrgang,

Er-

zusam

ässet und Welfen. Hinzu kommt nvch die unbe-

timmte Parteisteklung mancber neuer ?lbgeordneter und das Abrücken der Reichspartei von den Konser-

® Der weite Reichstag

Heute tritt der neugewahlie Reichstag men, um feine Arbeiten auszunehmen.

Preußischer Landtag.

AbgeordnetealmuS.

Sitzung vom 6. Februar 1912.

Die 1. Beratung fiber die Einkommen, nutz

vativcn, das die Ungewißheit noch steigert. In vie­len Fragen, jo in wirtschaftlichen und soziakpoliti- schen. vielleicht auch in nationalen Fragen wird allerdings Wohl eine Mehrheit da fein. " Aber es darf nicht außer Acht gelaffen werden, daß im­merhin eine starke Minderheit vorhanden sein wird, die bei nicht vollbesetztem Hause leicht zu einer Zu- fallsmehrheit werden kann.

Bei diesen Berhältnissen muß die Wahl des Präsidiums ein besonderes Interesse beanspru­chen. Es finden fortgesetzt Verhandlungen statt, die indessen zu einem Abschluß noch nicht geführt haben. In der liberalen Presse gilt es natürlich als ausge­macht, daß der Großblock das Präsidium stellen wird und jnmt die Natioualliberalen den Präsidenten, die Sozialdemokraten den 1. Vizepräsidenten und .tjtrcifinmgrit den 2. Vizepräsidenten. Den So­zialdemokraten soll der Eintritt ins Präsidium da­durch erleichtert werden, daß man sie von der Heber« nobnie der herkömmlichen höfischen Verpilichtunqen entbiudet. Vorderhand ist diese Zusammensetzung deS Präsidiums freilich noch ein frommer Wunsch der Großblockpresle. Wie die natioualliberale Frak­tion sich $u der Angelegenheit stellen wird, ist noch ungewiß. Tas Zentrum nimmt heute in einer Fraktionssitzung zu der Frage Stellung. Schon ha- bett die Fraktionsführer aller Parteien sich darüber die Köpfe zerbrochen, und fast in jedem Zimmer des Reichstages saßen Beratende in Beinen Gruppen. Auch zwischen einzelnen Fraktionen haben Bespre­chungen stattgefunden. Man hat verhandelt über einen nationalliberalen Präsidenten und Bizeprä- sidenten aus der Sozialdemokratie und dem Zen­trum. Diese Zusammenstellung ist, wie verlautet, an» Widerspruch deS Zentrums gescheitert. Die Entscheidung durfte, wie in Abgeordnetenkreisen verlautet, erst am Donnerstag fallen. Die Wahl selbst^ wird voraussichtlich am Freitag erfolgen.

** Aaksi des Präsidiums dakf gewifiermaßen Ern Symptom für die künftige Arbeitsfähigkeit w angesehen werden. Kommt ein

zustande, dann dürste die Ar- beitsfahlgkE des Reichstags aufs schwerste gefähr- det sein Denn em solches Präsidium würde bedeu- ten, daß die Ratwnalliberalen bereit sind, daß das Präsidium keine feste Arbeitsmehrheit hinter sich hätte, da die Sozialdemokratie — natürlich in sehr dielen Fragen vollständig versagen wird. Ohne eine positive Arbeitsmehrheit ist aber ein Präsidium dauernd nicht möglich.

gtlnzungSsteuerreform wird fortgesetzt. .

Abg. Gaffel tVviksp.): Wenn das Extraordinanum der Eisenbahn beschränkt würbe, bann tönnten wrr eventuell die erforderlichen 60 Millionen obne neue SteuerzuschiSge erhalten. Wir sind nicht «ew.llt, b.e provisorischen Steuerzuschläge bauernd zu machen. Mr stnb^eher batür, daß der Volksvertretung das Recht der Quottsierung eingeräumt werde. ivvnach sie Kben Betrag der notwendigen ©teuer

t festsetzen kann. Der Landrat toll mcht mehr •Ta Borntzende- der Steuerveranlngungsümmisnou kunaieren sondern durch einen besonderen Kommtyat ersetzt werben. Die Konservativen wollen selbstver- ständ'.ich den Landrat als Vorsitzenden der Slei'.erver. anlagungskommission deibehalten wissen, weil der Landrat für die Konservativen ein politischer Macht­faktor ist.

Abg. v. Satz.Jaworsli (Bote): Mr vertrete» die Ansicht, daß die Steuer,reiheit an» Einkommen bis zu 1200 Mark auszudehnen ist. Die Reform der Steuer­gesetzgebung scheint bis jetzt noch mcht spruchreif. _

Abg. v. Dewitz-Olbenburg (srlons.': Die Vorwürfe K die Tätigkeit der Landräte in den Beranlagungs- ifsionen sind nicht gerechtfertigt. Es wäre zu wünschen, daß SKuetkommifiare die Landräte und Bürgermeister entlaßen, wo sie überlastet sind. Für die Steuerveranlagung müßte eine Provinzialbehörde eingerichtet werden.

Abg. Dr. Friedberg (nall.k Wir sehen kein Be- dürfnis, die Zuschläge dauernd zu machen. Es wäre interessant, wenn in den Kommissionen die Ergebnisse der durch die Landräte rollzogenen Revisionen, bte der Herr Finanjturmster angeordnet Hal, bekanntgegeben würden.

Finanzmini st er Dr. Lerche: Kein einziger der Herren hat uns bis jetzt gesagt, woher wir jährlich Die 60 Millionen, die bisher die Zutchläge eüigebracht haben, nehmen sollen, wenn sie mcht durch Antethe aufgenom» men werden sollen. Die Verschärfung der Veranlagungs- Vorschriften würde bet weitem nicht eine solche Summe ergeben.

Abg. Waldstein (Bp.) schließt sich den Aussührun- ßen deS Abg. Sahel an. Die Zufchläge tönnten schon jetzt beseitigt werden und es wäre brjüt zu erwägen, ob nicht die wirtschaftlichen Beiriede der Klöster und sonstige religiöse Einrichtungen ebenso be­steuert werden tönnten, wie andere Unternehmungen. $U Vorlage enilpricht nicht unseren Wünschen. War­ten wir eine bessere ab.

Abg. v. Bockeiberg (konf.) tritt mit grober Ent­schiedenheit der Auflassung entgegen, al8 ob die Land­räte tn der Steuerveranlagungskommisstoii nicht völlig objektiv gegenüber allen -beichsangefeffenert wirkten.

Darauf wird etn Schlußantrag angenommen.

Rach einigen perfönlicken Bemerkungen der Abgg. Gras Spee (Ztr.> und Hirsch (Soz.> wird sie Vorlage auf Antrag des Grasen Spee an eine Kommission von 28 Mitgliedern verminen.

Mittwoch: Jnuialivan träge.

Sein Schicksal ruht im dunklen Schoße der Zu­kunft. Memand weiß zu sagen, wie und aus wel­chen Teilen eine Aroeitsmehrhcit sich bilden wird. Der Trotzblock hat eine absolute Mehrheit nicht erreicht, auf der anderen Seite ist auch eine dbsolnt sichere Mehrheit der Parteien der Rechten und des Zentrums nicht vorhanden. Ausschlag­gebend sind die kleineren Parteien, die Polen, El-

Ueber die Aufgaben des neuen Reichstags teilt die „Nordd. Allg. Ztg." offiziös das Folgende

.Abgesehen von der Hauptaufgabe des neuen Reickstages in bet bevorstehenden Session, der Ver­stärkung unserer Wehrfähigkeit nebst Deckung der Kosten, befinden sich mehrere Entwürfe in Vorbereitung, lieber den vom Bundesrat beschlossenen Entwurf des neuen Reichs- und Staatsangehö- rigkeitSgeseheS haben wir kürzlich nähere An. gaben gemacht, lieber weitere Vorarbeiten erfahren wir gegenüber anderen irrigen Mitteilungen daS Folgende:

vorbereitet find Gesetzentwürfe über die Sonn- tagSruhe im Handelsgewerbe und über die Ver­sorgung von Personen, die in gemeinnütziger Tätig- leit beim Retten oder Bergen von durch Feuers, ober Masse rsgefaht bedrohten Menschen ober bei Ausübung eines öffentlichen Dienstes von Un­fällen betroffen worden sind; ein Nachtrags- etat für daS Direktorium der zur Ausführung deS BerficherungSgesetzeS für Angestellte erforderlichen Reichsanstalt; eine Vorlage wegen Schaffung her für die ko l o ni a l e Recktsprech ung notwendigen dritten Instanz und ein SchutztrUp­pen § e s eh; ein Postscheckgesetz. Unsere Rechts- beziehungen zu Bulgarien sind durch drei Ver­trage, nämlich einen Konsularvertrag, einen Vertrag Wer Rechtsschutz und Rechtshilfe in bürgerlichen An- gelegenbeiten und einen Ausliefernngsvertrag neu ge­regelt worden; diese Verträge sowie ein gleichzeitig abgeschlossenes Abkommen mit Bulgarien werden dem Bundesrat und dem Reichstag zur Genehmigung zu.

gehen."

Endlich also erklärt die Regierung klar und deut­lich, daß eine Heer- und Mariuefordcruug kommen werde. Bisher wußte man das nur aus unbe­stätigten Pressenachrichten.

Eine entscheidende Niederlage des GroMocks,

das ist daS Ergebnis der bayerischen Landtagswahl. Wenn die liberale» Blätter ihre Leier zu trösten Uten mit Judelgesängen über die »großen Verluste' der »Schwarzblousn", so bat rs ebenfoiceuia prak­tischen Wert, als wenn etwa Bazcrine am 19. Au­gust triumphierend seinen Truppen vorgerechnet haben würde, die Dentichen hätten in den drei- täaigen Kämpfen mehr Dole und Verwundete ge- lassen, als das sranzöst che Heer. Wenn am Abend der Schlacht die Niederlage des Gegners besiegelt ist, dann weiß die Armee, die das Schlachtfeld be­hauptet, daß ihre Opfer nicht umsonst gefallen sind.

Ebenso haltlos ist der liberale Troft'pruch, dem Zentrum sei nur für bte nächsten fünf Jahre die Mehrheit gesichert. O nein, die Enlscheidnna, die jetzt gefallen ist, gilt nach menschlicher Berechnung für die ganze absehbare Zukunft. Aus dem einfachen Grunde, weil nach allen Regeln der Ä crhrfchemlichleit die Gegner des Zentrums nie­mals wieder so günstige Berhältnifse vor« finden werden, wie sie ihnen jetzt geboten waren.

Em IlafsifcheS Zeugnis hierfür hat noch recht­zeitig der bekannte links liberale Professor Dr. Quidde uns geliefert. Er führte aus» das Ziel dieses Wahlkampfes, wie keines andere», fei die Zertrümmerung der Zentrumsmehrh eit, und dazu fei auch die Möglichkeit gegeben, wie niemals sonst. Er kommt z» dem Schluffe:

»Darum kann man auch mit vollem Rechte sagen: Wenn es jetzt nicht gelingt, so wird es für absehbare Zeitüberhauvt nicht gelingen."

Nun gut: es ist jetzt nicht gelungen, und also mird's auch künftig nicht gelingen. Tie ent­täuschten Liberalen suchen nach »Sündendöcken". Einige sagen, die Blockgensssen vom Bayerischen Bauernbund hätten hier und dort versagt. Aber wenn einige von „parltkularistiscken Ueberagiatieru" das Unnatürliche ihres Bündnisfes gejpiirt haben sollten, so fällt doch deren Zahl auf keinen Fall entscheidend m's Gewicht. Andere Liberale sagen, der Rücktritt deS Ministeriums Podewils unmittelbar vor dem Wahlgang habe verwirrend und entmutigend gewirkt. War denn der Großblock wirklich schon so ministeriell geworden, daß ihn die Formalität deS Entlaffungsgeiuches des Kabinetts auS dem Geleise werfen konnte? Soweit wir beo- dachten konnten, Haden im Gegeuteil die Großblock- Agitatoren die Vorgänge in München noch weidlich ausgenutzt, um ihre Gefolgschait noch mehr gegen die „Zentrumstyrannei" aufzuhetzen und ihnen ein« zureden, das beste Adwehrmutel gegen Krisis und innere Unruhe sei die Wahl von Zentrums­gegnern. Was insbesondere die Mitwirkung der Beamten bei der Wahl von Sozialdemokra­ten anlangt, so glauben wir nicht, daß der letzte schwächliche und zweideutige »Erlaß" des schwanken­den Ministeriums die (leider sehr zahlreichen) libe­ralen Beamten kopsfcheu gemacht hat. Jedenfalls ist nach menschUcher Berechnung ausgeschlossen, daß bei einem künftigen Wahlkampf die Siaatkre» gierung abermals so geduldig oder gar schmunzelnd zusieht, wie ihre Beamten sür die Großdlockpolittk und damit für die Förderung der Sozialdemokraten Angefangen werden. Gegen diese Versuchung des Beamtenstandes setzt jetzt, wie sich in verschiedenen Mnusterreden gezeigt hat, eine Reaktion im ganzen Reiche ein, nachdem die trüben Erfahrungen im Reichstagswahlkampfe und in verschiedenen Einzel« finalen den berufenen Hütern der Autorität und Ordnung die Augen etwas geöffnet Haden.

Also wie man auch die Sache betrachten mag, die rosaroten Streber in Bayern haben sür die Zu­kunft noch weniger Ausficht, als wie sie am 5. Februar halten. Die verlorene Schlacht hat den ganzen Feldzug entschieden. Die bayerische Zentrumspartei steht gesichert da, — na­türlich unter der Voraussetzung, daß sie ihre Ein« tracht und ihren Eifer bewahrt. Die Gefahr einet liberalen Aeta in Bayern ist beseitigt.

♦

Von den zuletzt innegehabten Mandaten hat ba8 Zentrum 13 verloren und zwar: München (Land), Traunstein, Eggenfelden, Vilshofen, Speyer, Hom­burg, Bamberg 1 (Dr. Echadler), Würzburg 1, Augsburg 2, Lindau, Kempten kzwei Mandate) und Memmingen. Bon den sehr gefährdeten Wahl­

kreisen wurden u. a. behauptet: Miesbach in Oberbayern, Annweiler in der Pfalz, Sonthofen in Schwaben, Deggendorf in Niederbayern und die beiden zweimännigen Wahlkreise Regen und Paffau, in welch letzterem der fanatische Kampf vor allem Dr. Pichler galt. Gewonnen hat das Zentrum Günzburg und Wasserburg.

Der V e rl u st gegenüber dem Ansturm des Um- sturzblockes beträgt 11 Mandate. Unter den Ver­lusten befindet sich kaum einer, der in Anbetracht der Lage nicht mit ziemlicherSichcrheit zu erwarten war Gleichwohl berühren sie alle schmerzlich, so tztsbe- sondere Bamberg 1, wo ein Mann wie Dr. Schädler dem Block erliegen mußte, Augsburg 2, Memmin- gen, Traunstein, Lindau, Kempten und Speyer. In­dessen die Mehrheiten des Block sind fast nirgends so bedeutend, dag bei nächster Gelegenheit nicht eine Wiedereroberung möglich und wahrscheinlich wäre.

In Unterfranken hat das Zentrum sich großartig gehalteu. Es hat seine Landwahlkreise behauptet, sogar das schwer bedrobte Hofheim-Kä- nigshofen-Ebern. Im doppelmännigen Wahlkreise Marktheidenfeld-MittenbeAf setzte Quertreiberei für einen Sondrrkundidaten, auf den 1100 Stimmen fielen, das eine Mandat bet Gefahr aus, an den Liberalismus verloren zu gehe»; doch wurde es ge­halten. Leider konnte der Landwirtbündler Prie- acr sein Mandat in Kitzingen gegen den vom Lib. Bauernbund und Liberalismus ausgestellten Fort­schrittler Hartmann nicht retten. Das Zentrum hat ihn, wie der Wahlausfall der einzelnen Gemeinden beweist, treulich unterstützt. Er selbst aber wurde von seinen eigenen Glaubensgenossen im Stiche ge­lassen. Verloren ist nur Würzburg I an die Sozialdemokraten. Das war im voraus nicht anders zu erwarten. Das Zentrum hat sehr gut ge­wählt. Aber „viele Hunde sind des Hasen Tod." Es war von vornherein klar, daß bei einem Zusam­mengehen aller übrigen Parteien das Zentrum nn» terliegen müßte.

Die ante Sache in Bayern ist gerettet. Die nächste Wahl wird die Scharten int siegreichen Schwert schon auswetzen!

Wenn di» Redensarten gewisser Leute nicht Schwindel wären, müßte also jetzt ein gewaltiger „Zentrumsdruck" anheben. Die Herrschaften selbst würden das wohl so aemacht haben. Das Zentrum selbst denkt an solche schlechte Manieren eines plötzlich reich gewordenen Hungerleiders uicht. Na­türlich hat es die Mehrheit und wird sie a u s- nütze» mit kluger Energie und treuer Einigkeit, abu nicht zur Bedrückung irgend jemandes, nicht zum Kampf gegen Personen, wohl aber zur Be­kämpfung feindlicher Grundsätze. Nicht zur Aus­übung eines „Druckes" wird das Zentrum seine Mehrheit gebrauchen, sondern zur Vertretung seines Standpunktes in wirtschaftlichen, patriotischen und kulturellen Fragen.

Eine besondere Anerkennung verdienen die Kon- s e r v a t i v e n und die Angehörigen des Bundes der Landwirte, die gntndfatz- und pflichttreu sich dem rosaroten Block ferngehalten haben, obschon man ihren bisherigen Besitzstand garantieren wollte. Wenn sie vorläufig eine numerische Einbuße er­litten Hatzen, so Hatzen sie viel mehr an morali­schem Einfluß und Anfehcn gewonnen. Ihre 9 ver­lorenen Mandate werden sie künftig leicht wieder gewinnen.

*

Der Ingrimm der gefcklagenen Vlockleuie kam in München in bet Nackt nack der Wahl in Straß en» f g e ii e n zum Ausdruck. Nach Mitternacht zog eine zirka 150 Köpfe zäblenbe Menge vor das HauS des früheren Kammerpräsidenten Dr. v. Orierer und ver- suchteen dort eine Katzenmusik zu veranstalten. Die in der Nähe deS Haufe» postier- ten Kriminal-Beamten und Schutzleute griffen sofort ein und zerstreuten bte Demonstranten. Auch vor dem Katholischen GeseffichastShause, dem Standquartier des Zentrums nahm eine Menge eine bedrohliche Haltung ein. E» wurde ein großes Schutzmannaufgebot herbeigerufen. Eine grö« ßere Menge, die auS einer ZentrumSverfamm- lung kam, zog vor bte Residenz und daS Wittels- bacher Palais und stimmte dort die Königshymne an.

Die Ministerkrisis.

Der Regent hat hinsichtlich der Ministerkrise noch keine Entscheidung gefällt, wohl aber beauftragte et das Ministerium, einstweilen die Geschäfte wciterzu- führen Man hält an der Annahme fest, daß Graf PodewilS wieder den Auftrag zur Neubildung des Ministeriums erhält, während die Minister von Frauendorfer und von Pfaff, die beiden ärgsten Zenlrumsgeqner, jedenfalls nichtwieder als Minister vor" der Kammer erscheinen werden. Trotz der Solidarischerklärung des gesamten Mini­steriums mit dem Koufliktsminister v. Frauendorf- fer ist die Tatsache nicht zu verhüllen gewesen, daß das Ministerium in sich selbst nicht einig war. Offen­bar hat sich die Mehrheit der Minister, an ihrer Spitze Graf Podewils, von den geheimen Räten des unterirdisch geschäftigen Liberalismus nur sehr wi­derwillig in den Konflikt hineintreiben lasien. So darf es auch nicht Wundern, wenn er die Neubildung des Kabinetts übernehmen kann.

Deutfd)es Neich.

♦♦ Berlin, 6. Fedr. 1912. Der Kaiser stattete Dienstag vormittag Profeffor Ludwig Menzel in deffen Atelier einen Besuch ab, der den Dionarchen wohl eine Stunde in den Räumen des Meisters sesthielt. — Prinz Waldemar von Preußen trat soeben seine Ostasienreise über Genua an. Das Primenpaar Heinrich begleitete ihn bis Hamburg. — Der Präsident deS Kaiserlichen Stattstischen Amte-, Dr. van der Borght, scheidet aus dem Reichsdienst, nm an bie Spitze eines neuen in Bil­dung begriffenen, ganz Deutschland umfaffenven Schnhverbanves für Grundstücksintereffenten zu treten. Als fein voraussichtlicher Nachfolger wird der Geheime CbetregimingSrat Koch aus dem Reichs­amt deS Innern bezeichnet.

s Die Budgelkommission bc8 preußischen Abge- yrdnetenhaufes setzte am Dienstag die Beratung des

Landwirtschaftsetats bei der Frage der Mo orkul- t u r fort. Wie der Minister erklärte, soll die Kultur und Besiedlung nicht Privaten überlasten, sondern von Provinz, Staat und Gemeinde vorgenommen werden. Die Regierung sei bereit, Domänen für Zwecke der inneren Kolonisation zur Verfügung zu stellen. Bei Behandlung der Denkschrift über die innere Kolonisation wurde festgestellt, baß bie Nach­frage nach bäuerlichen Ansiedlungeu eine sehr viel regere ist, als nach ben Arbeiteransied­lungen. Der Minister erklärte, daß die Regierung bereit fei, D o m ä n e n für Zwecke der inneren Ky- lonisatwn zur Verfügung zu stellen.

----- Zenfi umsanträge. Die Zeutrumsfraltion deS preußischen Avgeordnctenhauses hat drei fcho» in früheren Sessionen gestellte Anträge betreffend die Einsührnng der geheim en Wahl für Stabt» und Gemeindeverordnetenwahlen; der brüte Antrag verlangt eine anderweitige Eiüschä- digung der Lehrer für die Teilnahme an den Leh« rer«KreiSkonferemen.

4- Tie neuen Handelsverträge. Bekanntlich müssen die Handelsbeziehungen des deutschen Rei­ches bis Ende 1917 mit nicht weniger als zehn Staaten, darunter Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland, Belgien, Schweben, erneuert fein. Die vorbereitenden Arbeiten zu ben neuen Verträ­gen haben im Reichsanü bes Innern bereits ihren Anfang genommen. Es hat vor einige» Monaten Produktionsstattstische Erhebungen veranlaßt, die sich ans wichtige Zweige der inländischen Großindustrie erstrecken. Es handelt sich darum, festzustellen, welche Bedeutung den einzelnen Erwerbsgruppen im Wirtschaftsleben zukommt. Es wird jedenfalls noch lange bauer«, ehe diese Erhebungeu abgeschlos­sen sind. — Ein neuer autonomer Zolltarif, wie im Jahre 1903, kommt nicht in Frage, sondern nur eine Novelle zum Zollgesetz, die gewiste Positionen und Zollsätze in dem Maße ändert, als sich ein Be­dürfnis hierzu ergeben hat. Die am 31. Dezember 1917 ablaufenden Handelsverträge werden also auf Grund des bestehenden, durch die erwähnte Novelle teilweise veränderten Zollgesetzes abgeschlossen wer­den.

X Wann tritt die Privatbeamtenversicheiuug in Kraft 7 lieber den Termin des Inkrasitretens des VersicheningsgesetzeS für Angesiellte sind in letzter Zeit Zweifel laut geworben. Wie eine parlamen­tarische Konesvonbenz schreibt, besteht nach wie vor die Absicht, ba8 Gesetz am 1. Januar 1913 in Kraft treten zu lasten, sofern es sich ermöglichen läßt, bie umfangreichen Aussührungsbeftim- mungen zu bi'esem Gesche im Lause bes JahreS fertig zu stellen.

♦* Heber daS jüngste Mrluproprio verlangen bie Nationalliberalen von bet preußischen Regierung Auskunft. Sie Haden folgenden Antrag im preußischen Abgeordnetenhaus eingrbracht:

Dir Königlich, Staatsregierung wird aufgefordert, dem Hause dir Abgeordneten tunlichst bald authentische Mitteilung über bie mit der Kurie übet das neueste Motuproprio bett, das Gerichtsverfahren gegen Kleriker gepflogenen Verhandlungen zu machen, insbesondere dm darauf bezüglichen ämtlichen Schriftwechsel vorzu» legen.

O Die Demokratische Bereinigung bleibt bestehen. Zentralvorstand und Ausschuß der Demokratischen Bereinigung haben in einer gemeinsamen Sitzung, nachdem sie von dem Ausscheiden Dr. BreidscheibS ans dem Vorstand Kenntnis genommen, eine Ent­schließung gefaßt, worin sie bas Bestehen einer rein demokratischen Organisation als eine politische Not­wendigkeit erklären und die Parteifrennde zu eifrig­ster organisatorischer und agüatorischer Mitarbeit auffordern. — An der Bedeutungslosig­keit deS Grüppchens um Gerlach und Gable wird durch diesen Beschluß nicht bas mindeste geändert.

** Ein überaus peinlicher Seriell ereignete sich in Köln, so erzählt bie Wochenschrift bes Windt« Horstbundes, »Das Zentrum', bet einer Kaisergedurts» lagSfeter in einet großen Gesellschaft, veranstaltet von Angehörigen bet vornehmen, hauptsächlich libe­ralen Kreiie:

Während des DinerS betritt ein allen Anwesenden völlia unbekannter Mann in der ungeniertesten Weife ä den Festsaal. Der Vorsitzende mackt ihn darauf auf» nierkiam, daß es sich um eine gesch ossene Gesellschaft bandele. Der Unbekannte erklärte darauf in brüskem Tone: »Für den Sei tretet Kölns im Reichstage gibt es keine geschlossene Versammlung in dielet Stadt. Mein Name ist Hosrichter." Groß« Bestürzung malt sich auf allen Gesichtern. Allmählich findet der Vorsitzende feine Fassung wieder und bittet den »Herrn Rerchstagkabgeor üneten", Platz zu nehmen. Tai aus v-rlasten einige Herren hastig den Saal. Es tritt eine sür alle Anwesende außerordenllich peinliche Schwüle ein. Der Vorsitzende begründet, sichtlich verwint, in kurzen abgeriffenett Sätzen einen Kaisertoast; beim Hoch bleibt Herr Hostickter ostentativ auf feinem Stuhl fitzen. Nun entsteht ein wirres, erreg:es Durcheinander. Verschiedene Herren oerl ingen stürmisch die Entfernung des ungebetenen Gastes. Geradezu zur Panik aber wird die Erregung, als Herr Hosrichter sich nun­mehr erhebt, offenbar um das Wort an die Beifawm- lung zu richten. Die entrüsteten Proteftrufe übertönt Herr Holrichlet mit det scharfen Stimme des sosial- deinokratiscken Ägitatois. Die Verfaminlung mub des­halb, um es nicht zum Handgemenge kommen zu lassen, folgende Rede über sich ergehen lassen: „Ich bin der Mann Ihres Vertrauens, das haben Stea m.22 Januar bewiesen. Es haben foeben einige Herren bet Nennung meines Namens den Saal Deilafien; ich rnuk darin einen un­erhörten Vrnsall sehen; eben diese Hei re» haben air Abend des Hauptwahltages hier in Köln i» der »Lese" die fosialdemokratstchen Siege wie ihre eigenen geleiert, wo bleibt da die Konjequenz7 Sie haben sich fast aus­nahmslos soeben daS «nfehen der Enlrüsttnig gegeben, alS ich beim Kaiferloaft mich nicht erhoben habe. Ich muß auch hierin eine beilpieBoie Heuchelet ervackc». Sie Wichten ganz genau, ehe Sie mich am 22 Januar wählten, daß ich der geschworene Feind der bestepeuden Staats« und Gesellschaftsordnung bin, daß ich mit allen Mitteln die Beseitigung der Monarck'.e m Deulschland erstrebe, auf demselben Wege, den uns unsere Genossen in Portugal gezeigt haben. Sie ivifien, daß wir stets in den fchärfnen Ausdrücken auch gegen das Hohen- zollernhaus aufgetreten sind; das wußten Sie alle» ganz genau, benot Sie mir am 22. Januar Ihre Stimme gaben. Weshalb benehmen Sie sich denn in bleiet empörenden Weise gegen mich, den Mann Ihrer Wahl i-