Amt Geisa und Umgebung.
* Vacha, 5. Febr. 1912. Nachdem seit zirka drei Wochen im vierten Verwaltungsbezirk die Maul- und Klauenseuche erloschen war, ist jetzt wieder durch den Tierarzt dec Ausbruch der Maul- und
Aus dem UachbargebieLe.
— KiiozrL, 5. Febr. 1912. Gelegentlich der gestrigen Kaisergrvuitstagsseier wurde dem hiesig«» Kr ieg er- n«reine, der in diesem Jahre aus ein 27jähriges Bestehen zurückbl'kken kann, butd) £> rrn Reg erung?- asseffor Paehler im Auftrage des Herrn Landrats die vom Kaiser gestiftete Fahne »schleife überreicht.
(!!> Dipperz, 8. Febr. 1912. Die theatralischen Vorstellungen des TheatertlubS „2ha It a* welche cui Lichtmeß bei gnibeietzlem Hause gegeben wurden, zeigten uns wieder einmal die große Leiftungssähigteit feiner Spieler, sowohl im Ernsten als im H?iteren. Das großartige Stück „Des Gottcslindes Sieg im Wodan-tzain" wurde zu einer Darstellung gebracht, die alle Erwartungen übertraf. Der Verfasser, der zur Aufführung selbst erschienen war, sagte deshalb auch de» Spielern herzlichen Dank und sprach ihnen volles Lob au3. Die .«nicenieiung selbst war prachtvoll, namentlich wirkte die heidnische Opfer ftäite mit dem von einem hiesigen Lkanstschnitzer kunstvoll gearbeiteten PferdefchSdel. Das sorgende Stück: „Die lustigen B.gabunden" hielten durch ihre Urkomik das Publikum fortwährend im Lachen. Auf allgemeinen Wun'ch findet Sonntag, den 1L Februar Wiederholung des ersten Stückes iiatt. Für die Lachmus'eln wird diesmal „Der geprellte Wirt" sorqcn.
„!" AuS der Rhön, 5. Febr. 1912. Gestern abend sand im Saale des Gaithaiücs zu Nied, Pfarrei Lütter, ein schöner und lehrreicher Familicnabend statt, den Herr Lehrer Schnippering veranstaltet hatte. In rem ersten Teil der llnterhaliung führte >r uns durch i ine Schulkinder das Schulkind vom „Morgen bis zum 'übend", Festspiel von FranziStus Nagler, in gelungenster Weite vor. Der zweile Teil der llnlerhallung bestand in einem Vortrag te3 Herrn Lehrer Schnippering über das Thema: „Schute und Elternhaus". In wirklich packender Weils verstand er es, die Eltern ans die Wichtigkeit der 3ufaincienaeijürtgfett beider Faktoren ammerkiam zu machen, Nach diesem lehrreichen Vorirag kam noch in Geiang, Deklamat'on und lebenden Bildern „Rotkäppchen" zur Aufführung. — Mittwoch, den 7. Februar findet die Anffuhrnng noch einmal für Kinder i3V, Uhr) und nächste« Sonntag, 6 Uhr, für Erwachsene statt.
* Turmstadt, 5. Febr. 1912. Sämtliche Kritiker Darmstadts faßten den Beschluß, infolge des fortgesetzten brüskierenden und kränkenden Brrhallens der Künstler des Hoslheaters die gesamte Kritik einzustellen, also das Hos.heatcr tatlächiich zu bvykotfleren.
Klauenseuche unter dem Rindviehbestand bei Herrn Molch dahier festgestellt worden.
* Dermbach, 5. Febr. 1912. Der Landwirt Friedr. Wilh. Marschall hat seine Grundbesttzungen — an Hofraite und Grundstücke — sowie totem und lebenden Inventar an den Landivirt Balentin Wilhelm Kirchner in Sechsen verkauft.
♦ Tiefenort, 4. Febr. 1912. Hier ist unter den Kindern Scharlach ausgetreten. Diese tückische Krankheit hat bereits Opfer gefordert. Auch die Krankenschwester liegt am Scharlach darnieder.
* Berka a. Werra, 5. Fedr. 1912. Ein von hier verschwundenes junges Mädchen ist in dem Dorfe Weisenbasel bei Sontra aufgegtiffen worden und wurde von ihren Angehörigen wieder zurückgeholt. Der Instand der Bedauernswerten, die vollständig erfroren war, gibt zu ernsten Bedenken Avlgkr,
* Gerstungen, 2. Febr. 1912. Auch beim hiesigen Kaiserlichen Postamt sind jetzt zwei Damen zwecks Ausbildung als Postgehilfinnen ein getreten.
* Aus Thiinngkn, 6.Febr. 1912. In Katzhütte wollte bet 16 Iabre alle Sohn Sizro des Waldhüters Eberhard Kr mmelsvögel schießen. Als er das Haus verließ, glitt er auf der Treppe aus, wodurch seine Waffe zur Entladung geb acht wurde. Die Ladung traf den drei Jahre alten Bruder, der sofort tot war. — Das Schwurgericht in Weimar verurteilte den Meldeamts-Exp-diente« Kunze ans Jena wegen Unterschlagung im Amt zu zwei Jahren fünf Monaten Gefängnis, wobei eine Gefängnis« strafe für andere Verbrechen eirb zogen wurde. — Thüringens ältester Badeort, das Bad Lieben« stein, steht in einer schweren finanziellen Krise. Bad Liebenstein, über das der Konkurs verhängt ivorben ist, kommt am 4. März zum geriditl chen Verkauf. Liebcnstein wird von Touristen und Kuraästen viel t csucli! und Kent auch den thüringischen Fürstenhösen viclsach als Somme.residenz.
Märkte.
' Frankfurter Getreibemar.il erichi vom 5. Febr. Am heutigen Wochenmarkt wurden sehr lghe Preise verlangt, die jedoch nicht zu erzielen waren Die Mühten wollten zu der erhöhte« Forderung von Landweizen nichts kaufen. Roggen lag. sehr fest. Gerste unverändert. Haler bei guter Nachfiage weiter steigend.
,en und Orchideen hauchen ihre berauschenden Düfte über die Ruhestätte. Orlando hegt und pflegt den Hügel als sein Teuerstes auf der Welt. Und Gra- ziella hilft ihm getreulich dabei. Die beide« verkehren miteinander wie haute Geschwister — offen, herzlich, wunschlos.
Und wieder hält der leuchtende Frühling mit klingendem Spiel Einzug in der „ewigen Stadt". Ostern ist es geworden am Tiberstrom. Weich und wonnig weht die Luft. Bor feinem Häufchen, neben dem Blumenhügel, fitzt Orlando und lausch: dem tiefsummenden Glockenton, der weit hinausklingt in die blauduffige Cantpagna
Leichte Schritte draußen vor der Gartentür wecken ihn aus seinem stillen Brüten.
Graziella? zierliche Figur huscht durch das Tor.
„Guten Tag, Orlando! Mama läßt bitten, daß du heute am Ostersonntag bei uns in der Billa Fortuna das Mittagessen —"
®ie stockt. Glühendes Rot steigt in ihr herziges Gesicht. Warum blickt Orlando sie so seltsam an! So ganz anders tote sonst? . . Befangen wendet sie sich ab.
Da faßt eine Hand die ihre mit festem Druck. Und eine liebe Stimme flüstert voll tiefer Jnniq- keit'
, „Graziella! Fühlst du nicht das Osterklingen in deinem Herzen? Soll die himmlische Musik ungehört Verhallen?"
Zwei Aitgenpaare begegnen einander in einem seltsamen Blick. Nicht voll Unruhe, Erwartung oder Verlangen — nein, in einem großen, offenen, klaren Blick, aus dem etwas Höheres, Erhabenerek wricht, als der Rausch der Leidenschaft: Vertrauen, Hoffnung.
„Rein, Orlando, sie soll nicht unaebört verhallen?"
Nicht entzieht sie ihm ihre leise bebenden Finger. Hand in Hand stehen die beiden vor dem duftenden Blumenbeet, und ihnen ist, als blicke der verklärte Geist her armen Sonja herab auf sie und egne ihren' Bund.
Die Osterglocken haben die Herzen der beiden Fugendgespielen, die das Au.ftauchen jener unglücklichen „Tochter des Verbannten" für Jahre trennte, einander wieder zugeführt.
Sonjas letztes Wort hat sich erfüllt: Sie ist wieder aufgegangen über dem kleinen, blumenumrank- ten Hause in Frascati — die Sonne des Glücks.
Langsam, gan; langsam streichen die dünnen, durchsichtige« Finger über sein Gesicht bis zu der kleinen Locke über dem Ohr.
„Wer — wer ist das?"
Wie ein Hauch, kaum vernehmbar, ist ihre Stimme. Und doch zittert etwas wie leise Hoffnung in ihr nach.
Gewaltsam bekämpft er den furchtbaren Schmerz, der ihn bei ihrem Anblick befallt.
„Ich — ich! Dein Orlando, mein Lieb!" „Orlando! Orlando!" jubelt sie auf.
Sie will den Oberkörper etwas erheben, sinkt jedoch sofort kraftlos wieder in die Kiffen zurück.
Voll tiefster Innigkeit schlingt er die Arme um die gebrechliche Gestalt und drückt sie an sich — fest, fest, als wolle er sie nie mehr von sich kaffen.
„Ja, meine Sonja — ich bin es. Ich komme, um dich mit mir zu nehmen — nach Hause! **,
Ein seliges Lächeln verklärt ihr abgezehrtes Gesicht.
„Nach Hanse — nach Hause!" ringt es sich in bebender Freude von ihren bleichen Lippen. „O, ich wußt' es ja, daß du — kommen würdest . . . Du mußtest mich finden, obgleich ich — meinen Weg verloren hatte. Lieber, lieber Orlando — ach, die oert ist nur — so lang geworden — ohne dich'" fio hwgebenden Bewegung birgt
fur beH die üppigen Haarmas-
5y lIwer erscheinen ,an seiner Prust. Co verweile« die beiden still, wortlos, bewegungslos — lange — lange — ”
Der Marchese Silvio hat sich an das Ende der Zell« zurückgezogen. Eine Träne glänzt in seinem 5lllge. 1
Mtzlich hebt Sonja den Kopf und blickt um sich.
„Wie H alles um mich her ist —" murmelt fte tote wr Traum „Tort hinten — sieh doch, sieh! — dte Nebel stetgen über der Campagna auf! . . «4 tote gut, daß ich wieder zu Hause bin — in meinem heben kleinen -Häuschen-zwischen all de« Blumen! . . - Sich mal, was für ein hübsches Blümchen^ ich eben fand — du weißt doch, eines von den Schneeglöckchen, die wir zusammen pflanzten -" lächelnd hebt sie die Hand an seine Augen „Die Blättchen sind noch geschlossen — aber sie werden — sich ball) öffnen — ja, ganz gewiß, denn du bist ja — bei mir! - » - Und jetzt — horch — jetzt singt auch die Nachtigall — sie hat so lange nicht gesungen ., , Hörst du sie nicht?"
vermiMez.
* Kassendeftandanten. Der vor einigen Wochen durch Selbstmord ans dem Leben geschiedene Oberstadtsekretär Müller aus Steele lRuhr) hat, wie sich jetzt herausstellt, als Rendant der dortigen Volksbank Untertolagimgen verübt, deren Höhe jedoch noch nicht festgestellt werden konnte. Ein Teil der Spareinlagen, die insbesondere kleine Leute geleistet haben, ist verloren. — Hinter dein flüchtigen Kaufmann Inst aus Loburg (Prov. Sachsen), der dort die Svar- und Darlehnskasse verwaltete, wurde ein Steckbrief erlassen. Er schädigte die Kasse durch Fälschung um iyA Millionen Mk. Geschädigt sind in erster Lime Landwirte. Man be- fürchtet eine Reihe von Bankerotten. — In Trainst ölke bei Dessau erwürgte der Kaufmann Krüger seine Frau und erhängte sich dann. Tas Mofiv der Tat ist darin zu suchen, daß Krüger aus seiner Stellung bei den Anhalter Betonwerken wegen Unterschlagungen ent,affen worden war.
— Bei der Schloßbestchtigaag. Kastellan rate ihm eine Dame etn Trinkgeld in die Hand drückt, gutmütig): „Die Annahme von Trinkgeldern ist unS zwar str-ng verboten. . . aber so einem hübschen Fräulein kann man halt nichts abschlagen!"
ermäßigen sich die Steuersätze, bis er bei der niedrigsten Stufe von 900 bis 1050 Mk. Einkommen für physische Personen 0,6 Prozent beträgt.
Ohne auf die Einzelheiten und Feinheiten des kürzlich von uns veröffentlichten Tarifs näher ein« gehen zu wollen, sei weiter bemerkt, daß vor allem die Unregelmäßigkeiten beseitigt worden sind, die der bisherige Steuertarif in den Einkom- menftufen von 10 500 bis 32000 Mk. aufzuweisen hatte. Bisher war hier zwischen den einzelnen Untergruppen fein Unterschied im Steuerfuß gemacht worden. Die sämtlichen Einkommenftufen innerhalb dieser Grenzen hatten 3 Prozent Staatssteuer zu zahlen. Künffighin beträgt die Belastung bei 10 000 Mk. Einkommen bereits 4 Prozent. Für die imtertte Einkommenssti-fe lzwischen 900 bis 1500 Mark) sind die alten Steuersätze beibehalte« worden. Von 1500 bis 2100 Mk. erhöhen sich die Sätze um je 1 Mk, von 2100 bis 2700 Mk. um 2 Mk., von 2700 bis 3000 Mk um 3 Mk. gegen früher.
Eine Ausdehnung des Existeuz m i n i- m u m 5, der man von vielen Seiten das Wort geredet hat, enthält der Entwurf nicht. Die Regierung zeigt sich vielmehr direkt abgeneigt, eine solche Erhöhung de§ EristenzminimumS vorzunehmen. Sie weist daraus hin, daß für solche Ausfälle zwar Ersatz geschafft werden könne, anderseits aber liege das Existenzminimum latsächlich für die Steuerzahler um ein Bedeutendes über 900 Mk. Die Erklärung dafür ist im sogenannten Kinderprivileg zu suchen Zufolge dieser Bestimmung wird derjenige, welcher bis zu 6500 Mk. Einkommen besitzt und für zwei Angehörige (Kinder oder andere Familienangehörige) zu sorgen bat, eine Stnfe, der für drei bis üier Angehörige zu sorgen hat, um zwei Stufen in bet ©teuer heruntergesetzt. Nicht weniger als KL "Millionen von nicht ganz sieben Millionen einkom- menfteuerpflichfigen Personen kommt das Kinder- hintleg äugute. Diese 2U Millionen Zenfiten brau- chen iiffolge des Kinderprivilegs 21U, Millionen Mark Staatssteuern weniger zu zahlen Nimmt man die kommunalen Steuern mit durchschnittlich
Aus Gberheffen n. den hefi. Remtern.
* Marburg, 2. Febr. 1912. Im Physikalischen Institut bet Universität in Verbindung mit der Sternwarte werden augenblicklich wissenschaftliche Versuche mit Radiotelegraphie ange- stellk, die schon bemekenswerte Res"ltate gezeitigt haben. Es ist bisher gelungen, Zeichen aus Norddeich, Nauerr, Paris, Swinemünde und Pola aufzunehmen.
!:] Neustadt, 4. Febr. 1912. Die in der vorigen Woche abgehaltene Sitzung der k i r ch l. Ge - mcinbebertretunq beschäftigte sich mit der ErgänznngS- bezw. Wiederwahl. Als Vorsitzender wurde Herr Anton Bomschloß und zu dessen Stell- perrreter Herr Gastwirt Ludwig Bauer, zum S^riit- führer Herr Stadtkämmerer Joh Keppler gewählt. Für die ausgeschiedenen Herren Benedikt Bomschloß und Fr. Lotz wurden die Herren Kaufmann Wilh. Henrich und Landwirt Jos. Schlitt gewählt. In derselben Sitzung wurde vom Herrn Borsitzenden des Kirchenvorstandes das Projekt einer Kirch- t n r m s e r h ö h u n g um 10 Meter, sowie Beschaffung einer neuen Glocke vorgeleat. Es wurde hiervon Kenntnis genommen, eine Beschlußfassung über diesen Punkt wurde jedoch vertagt.
* Jiemnhai», 4. Febr. 1912. In aer hiesigen Biiianniasitberwaren'abrik hatte ein Arbeiter von auswärts da? Unalück sich mit der heißen Masse dcn re 'ten Fast nt oerbrüb«-n
* Trehsa, 1. Febr. 1912. In nächsten Tagen wird hier eine Wanderer-EinaangS- Station errichtet, die den Zweck hat, die mittellosen Wanderer mit der Eisenbahn zur Wanderer- Arbeitsstätte Kaffel oder Marburg zu befördern. — Die Maschinen- und Pflug-Fabrik W. Helwig hier hat 20 eigenartig gebaute Pflügefür Marokko ertigaestellt, welche in den nächsten Tagen nach dort zum Versand kommen werden.
* Frankenau, 3. Febr. 1912. Der Landwirt Spohr von hier wollte in der Scheune Stroh ab»
„Ja, Liebste — ja!"
Wieder langes Schweigen. Still, ganz still liegt Sonja, von Orlandos Arm umschlungen, in den Kiffen.
„Es wird so dunkel--" haucht sie auf einmal
angstvoll. „Halt mich, Geliebter! Halt mich ganz fest — damit ich nicht wieder — den Weg verliere • Ich weiß gar nicht, ob ich laufe oder stehe — meine Füße — sind ganz gefühllos ... Ich glaube fast, ich fliege. . .. Ja, ja, so ist es — wir fliegen zusammen! . . . Ich sollte schlafen — sagte der Arzt — aber ich wollt- nicht Ich wartete — au dich . - - Was hast du? . . Dein Gesicht ist feucht! . . . W-inst du? Warum?"
„Ich —" er stockt. „Ich — ich bin so — glücklich!"
„Ich auch! Ich auch!! . . . Sieh, auch ich weine vor Glück! . . . Ach, ich wollt' schon latie weinen — aber es ging nicht ohne dich . . . Warum macht uns das Glück meinen, Liebster? . . . Ich bin so müde — meine Lider sind schwer wie Blei . . . Ich will schlafen — mit meinem Arm um deinen Hals — mit meiner Hand in deiner ... Ach, Orlando, Orlando! Darf ich jetzt immer in Frascati schlafen — in unserem kleinen Hanse —**
(fr antwortet nicht. Aufquellende Trauen ersticken die Worte in seiner Kehle. Er wendet sich ab, damit Sonja nicht die Verzweiflung in seinen An- oen lese. Und wieder öffnen sich ihre Lippen; doch die Worte kommen langsam, wie schläfrig"
„Gute Nacht, mein — Liebling! ... Es ist — jetzt — ganz dunkel--- aber — die Sonne —
wird wieder--aufgehen---"
Die letzten Worte verlieren sich in unverständlichem Gemurmel. Ihre Augen schließen sich. Ein Leuchten breitet sich über das ganze Gesicht.__
„Sonja!" schreit Orlando auf und preßt fernen Mund auf ihre Lippen. Sie sind starr und kalt.
Sonja Companelli hat aufgehört zu atmen Ihre 3nge fragen einen Ausdruck reinen Glücks und stillen Friedens — jenes hehren Friedens, den diese arme ruhelose Seele im Leben so brennend heiß gesucht und nie gefunden.
*
Jahre sind vergangen.
Sonja schlummert unter dem duftenden Blumenrausch neben der Terrasse ihres Häuschens in Frascati. Jedes Frühjahr öffnen die Krokus und Schneeglöckchen ihre klaren Aenglein, und Tuhero-
werfen, stürzte ober so unglücklich, daß er bald feinen Geist aushauchte. — Die hiesige Apotheke hat ihren Ztzer wiederum gewechselt. Der frühere Begtzer G. Dickel verkaufte sie einem Herrn Eisen - garten aus Kaffel, der sie bereits am 1. Febr. über- noinmen hat.
_ di";efahr, 1. Febr. 1912. Heute feierte unser Herr Lehrer Lotz das 25jährige Jubiläum als Lehrer rm hiesigen Orte. Bei einer Festtafel, bte zu Ehren des Jubilars stattfand, hob Herr Pfarrer Hülsmann in einer Ansprache die Verdienste hervor, die Herr Lehrer Lotz sich um Kirche und Schule erworben und sprach den Dank dafür aus. Im Anschluß an die Feier überbrachten die Schulkinder, Knaben und Mädchen, Geschenke und trugen mehrere paffende Gedichte und Gesänge vor. Auch die Gemeinde und der Gesangverein, dessen Dirigent der Jubilar ist. überreichten Ehrengaben. Abends brachten ihm die Kinder, der Krieger- und Gesangverein unter Begleitung einer Musikkapelle einen Fackelzug. Der Herr Bürgermeister würdigte die Verdienste, die der Jubilar sich in der Gemeinde erworben hat und sprach den Wunsch aus, daß er noch recht viele Jahre als Lehrer hier wirken möge. Auch der Vorstand des Kriegeroereins ergriff das Wort. Herr Lehrer Lotz danfte vielmals für die Ehrungen und versprach, in Pflichttreue das Amt znm Segen der hiesigen Gemeinde weiter zu sichren. Die Feier fand in der Kißlingscheu und Pfesfer- mannschen Wirtschaft ihre würdige Fortsetzung.
* Amöneburg, 2. Febr. 1912. In der „Oberh. Ztg." lesen wir: Das Denkmal auf dem Hofe des Brückerwirtshauses zur Erinnerung an die dort gelieferte Schlacht wird mancher Besichtigung unterzogen. Nicht weit davon am Waldesrande des Brückerwaldes liegen noch die aufgeworfenen Geschützstände. Den Einschnitten für die Geschützrobre nach zu urteilen müsse« an dieser Stelle 12 Geschütze gestanden haben. Jede der Lünetten muß mit 4 Geschützen besetzt gewesen sein. Mögen sich doch Männer finden, welche dieses historische Plätzchen einer Besichtigung unterziehen und daun dafür sorgen, daß es erneuert und der Nachwelt erhalten bleibe. Einsender dieses fand eine Kanonenkugel, welche von der dort weidenden Schweineherde her- ausgewühlt war.
150 Prozent an, so ergibt sich infolge der Kinder- paragrafche« ein Steuerausfall von vollen 53 Mill Mail. Mit Rücksicht auf die Tatsache glaubt die Regierung von einer weitern Heraufsetzung des Existenzminimums Abstand nehmen zu müssen.
Wie die Steigerung der Steuersätze die Leistungsfähige« erfaßt, geht aus folgendem Beispiel hervor. Angenommen, es würden in einer Gemeinde an Kommunal- und Kirchensteuern 200 Prozent Zuschläge erhoben, bann würden 100 Arbeiter, von denen jeder 1000 Mk. Einkommen bezieht, zusammen 1800 Mk. Steuer bezahlen müssen. Ein einzelner Privatmann, der für sichalleiu ebensoviel Einkommen hat wie die 100 Arbeiter zusammen, also 100 000 Mk., müßte nicht 1800, sondern 15000 Mk. Steuer bezahlen. Eine Aktien- aesellsthast mit dem gleichen Einkommen wäre mit 18 000 Mk. und eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit 19320 Mk. Steuer belastet. Dabei würde das Einkommen der 100 Arbeiter auf der einen Seite, der Aktiengesellschaft oder der Gesellschaft mit beschränkter Haftung auf der andern Seite gleich hoch sein.
So kann man sagen, daß die preußische Einkommensteuer «ach Möglichkeit den Anforderungen sozialer Steuergerechtigkeit nahe kommt.
6Lj Roma« von Adele Böttcher.
lEchlnß.)
„Ich fürckte fast. Sie kommen zu spät, MeffienrS tTv IX lü alte Kommandant höflich in französischer Sprache. „Vorgestern mußten wir die Mar- 13 zurücklaffen. S'e war st» schwach, daß tetr sie nicht weiter tranS- portieren konnten. Bielleicht treffen Sie die Dame n 9n; wie gesagt, ich fürchte —" Und bedauernd zuckt er mit den Schultern.
_ d'ur «neu Blick wechseln Vater und Sohn. Dann werfen siechre Pferde henirn und sprengen -t. >^3, den fte gekommen.
J?®? ig -^^End, als sie das Baracken-La- zarett Rr. 13 erreichen
hm-f»«'teLStoCi9Lan' die Nacht hinter dem duster« Gebäude — die unbarmherzige Nacht, mit lauernben äugen tu «R bte Heinen Fenswrlächer htnemglotzend, einem Untier gleich, jede Sekunde bereit, hervorzustürzen, die Qualen und Marter der Armen dort britinen ins fast Unerträgliche zu steigern und auch den letzten Hoffnungsschimmer zu verschlingen.
Ei« Grauen überfällt Orlando bei dem Gedanken, daß fern Weib dort drinnen liegt. Wie wird er sie finden? . . Und findet er sie überhaupt noch lebend vor ? . . Nach Borzeigen ihrer Papiere weichen der Marchese Silvio und sein Sohn sofort von dem Oberarzt durch einen langen, von muffiger Lusi erfüllten Korridor geleitet, in den von beiden Seiten niedrige, wurmstichige Türen führen.
„Soeben hat der Priester die Sterbende bet« lassen," bemerkt der Arzt erklärend. „Sie hat kaum noch eine Stunde zu leben. Ihr Bewußtsein ist bereits getrübt, ihre Gedanken wandern. Sie glaubt, in Italien zu sein und spricht nur noch italienisch - •• Hwr sind wir. Bitte, treten Sie näher! Aber behutsam!^ .
Auf einem schmalen eisernen Bettgestell liegt eme rn dicke wollene Decken gewickelte weibliche Ge- Sie scheint das Eintreten der beiden Herren übergroßen, fieberhaft glanzenden Augen starren ins Leere.
„Sonja! Meine Sonja!" bebt es’über Orlandos Lippen.
Er sinkt neben dem Lager in die Knie und preßt feine Stirn an ihre abgezehrte Wan«
* Der soziale SteAergedanke, der in der Besteuerung des einzelnen «ach seiner Leistungsfähigkeit zum Aiisdruck kommt, hat in der Reform des preußischen Einkommensteuergesetzes, die -eben im Abgeordnetenhause zur Ber- handluug steht,, eine ivehere Ausgestaltung erführen.
Eigentlich kann man von einer richtigen Reform nicht sprechen^ es handelt sich vielmehr um eine organische Weiterentwicklung des bisherigen Zustandes. Borge baut worden ist dieser Weiterentwicklung bereits durch die 1909 eingeführten Zuschläge zur Einkommen- und Vermögenssteuer. Die damalige preußisck'e Besoldungsreform hatte eine starke Mehrbelastung des Staatshaushalts gebracht, sodaß man gezwungen trat, diese Mehraufwand« ettoa zur -Hälfte durch Steuerzuschläqe zu decken. Eine derartige Abhilfe des Defizits konnte selbstverständlich nur einen vorübergehenden Charakter tragen. In dem vorliegenden Entwürfe sind nun diefe Erhöhungen in den Steuertarif hineingearbeitet worden.
Die wichfigsten Aensernugen,. welche der neue Tarif bringt, find kurz folgende. Während bisher bei Einkommen von phvstschen Personen der Höchstsatz 4 Prozent des Einkommens betrug und von da ab sich ermäßigte, ist nunmehr der Höchstsatz bei solchem Einkommen auf 5 Prozent festgesetzt worden. Wer etwa 100 000 Mk. Einkommen hat, muß künftiqhni nicht mehr 4000, sondern 5000 Mk. än Staatssteuern zableii Aktiengesellschaften und ähnliche ErwerbSgesellschaften werden mit dem Höchstsätze von 6 Prozent besteuert, während die Gesellschaften mit beschrankter Haftung die größte Belastung auftoeifen; denn bei ihnen beträgt der Steuerfuß im Höch tfalle 6,44 Prvzent. Es zahlen also Aktiengesellschaften mit einem Einkommen von 100000 bis 104 000 Mk. künftighin 6000, Gesellschaften mit beschränkter Haftung bei gleichem Einkommen 6440 Mk an Staatssteuer Bon da ab
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