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33. Jahrgang.
Fulda, Montag den 5. Februar 1912.
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# Für Sen Fürsten Bülow tritt fein NachfÄMt. bet gegenwärtige Reichs, tantlcr, eia. Gegenüber Angriffen, die von konfer- uatiuer Seite gegen bcn Mirften Bülow erhob en waren, lägt Herr v. Belhmann-Hollweg in der .Nmtzd. All-. Zig." schreiben:
An Angriffen auf die Regierung hat e$ in der Presse auch weiterhin nicht gefehlt. Aach tu den Stals« bebatten des Abgeordnete rhauf es sind ihr zahlreiche Vorwürfe gemacht worben. Die Verhandlungen ir» Reichslag werden der Regierung Gelegenheit geben, sich mit ih.en Sei Ufern auZeinanderzaietzen. Leider bat man auch den Borgänger des jetzigen Reichs« tanz'ns mit «eichuldigungen nicht verschont. Die .Knuzztg," M f» w-rt gegangen, dem Fürsten Bülow Irreführung der konservativen Parteiführer vor- «werfen und von »ertranlichen Besprechungen des fürsten an Ke» Liberalismus zu reden, mit denen der Bep zur Schattenmonarchie und zum Repu- ^ikaniSmus gepflastert zu sein pflege. @e beftimmt W Behauptungen aus treten, fe wenig fix 9 sie Ne« fmbet. Wir bedauern diese Angriffe auf den Lheren NeichLtanzler nm so lebhafter, ati er in der flbwehr nicht über die Freiheit des Partei- tolitikers ver'ügt.
DaZ Eintreten für den AmtSvorgLngve mag -ohl „ritterlich" fein. Bielleicht gehört das auch -fi. die bekannt« „Taktik" der Herrn v. Bethmanu, )ntt den Nationakliberalen möglichst in freundlicher Fühlung zu bleiben. Wir möchten aber, ohne uns in die Einzelheiten dieser jüngsten Streit- frage wegen der Bergangeicheit zn mischeu, den Lp» Pell an das Mitleid für verfehlt erachten. In den letzten Wochen feiner Amtsstellung, als et noch den Titel „Reichskanzler" führte und angeblich die Finanzreform zum Abschluß bringen sollte, aber dieses dornige Werk andern Händen überließ, hat Fürst BükcM» schon gezeigt, daß er sich die „Freiheit des ParttipolittkerL" wohl zu gestatten weiß. Sein Abschieds-Interview in dem „Hamburger Korrespondenten" wcr» ein ungehemmter Erguß Partei* Pol itischer und persönlicher Berbif* * e oh e i t. In den Ausfällen auf die Mebrheitspar* teien und in der bekannten Drohung mit dem „Wie* chertche« bei Philippi" (PH. ist der Ort einer denk* würdigen Niederlage im alten Römcrreichs war von Rücksichten auf Li« Amtswürde und die ministenelle Berantkvorl-krchkefi nichts zu spüren. Ebensowenig von der Borsarge für die .Zukunft des Reiches, die auch ein fchMender Kanzler nicht außer Acht lassen soll««.
bischen Demokraten für die treue positive Mitarbeit Sietooimen und die Sozialdemokratie erfolgreich ifo- icrt haben. II nb bei der ersten Probe auf dieses Exempel zeigte sich, daß er dem Liberalismus keine Arbcitstreue, sondern vielmehr eine maßlose Herrschsucht anerzogen hatte, und daß die gan- x^ng. und Linksliberalen alsbald sich an die s^erts der angeblich riskierten Sozialdemokratie fchln- ®en' 015 chan es wagte, ein Gesetz o h n e sie und wachen. Der Parole „Front gegen «M -luvft dülaw durch feine Phi!ippi-Ar- SmMÄI gebahnt, und durch die Ber- hat er der verhängniS- ®SbS^Inrun3 vorgearbeitet. Seine beleuchtet durch die Tatsache, ,daß alle freund, der Ordnung und der stetigen Ent* wtcklungkemen andern Ausweg ans den Schwierig leiten sehen, kils die Rückkehr zu den B er- hältuisfen, bte vor dem v e r f eh l te n Blockexperiment Bulows bestanden.
Run sagen, manche, di« Prophczeihung von „Philippi" habe Hre Bestätigung gefitndeii. Die logen. ProPheHshimgen find meistens etwas unbestimmt geholten. Wemr Fürst Bülow gemeint hat, die Rechte umd das Zentrum würden bei den nächsten WaWen eine „vernichtende Niederlage" erleben, b ist sei« Ankündigung nicht e i n g c t r o f f e n, pem» bte „Böker der Finanzreform" befinden sich trotz getorffer Wahlverlustc, die allerseits als unter* weibliche Fok^e der Eteuerbewilligung vorausge- sehe» waren, tm ganzen recht wohl, und namentlich steht das Zentrum, das vom Fürsten Bülow aus- qc schattet werden sollte, fetzt erst recht als unausschaltbar, unembehrlich da. Sollte Fürst Bülow getneitü haben, seine liberalen Freunde mürbett bek Philippi große Triumphe feiern, f» stand« er wiederum als schlechter Prophet da: denn sie hoben ihre fürchterliche Agitation und trotz der 'nen Gelder des HansabundeS noch über ein nd Mandate ei «gebüßt. Aber in dem A-ü. daß. Fürst Bülow große Erfolge der Sozialdemokratie hat proph^eien wollen, darf et sich einen bestätigten Propheten ____
ne». Freilich ist es fein besonderer Ruhm, sich als U ngkü ck spro ph e t zu bewähren. In diesem Falle umso weniger, als Fürst Bülow durch feine Hast- und Hetza-rttkek im „Hamb. Korrefp." selbst dar» hekgetrageu hat, Waffer auf die sozialdemokratischen Agitationsmühlen zu leiten.
Daß die Sozialdemokratie die Steuerbewilligung jur Schmrmtg der Unzufriedenheit aus- bentei» würde, toar als selbswerständlich vorauszu* sehen. Angesichts dicser Gefahr, die Fürst Bülow wohl erkennen, aber seinerseits nicht mehr abjtttoen* ben hätte ein gewisse«Hafter Staatsmann
Schweigen für Gold erachtet. Der scheidende Bülow ader kam in seinem Groll den sozialdemokratischen ^etzern zuHilfe. Nur, um fein Mütchen en den ßu kühlen! Caprivi, der schwei- ,^tnd ’IL'-t, icbwergend starb, war ein Gentleman u»v cm gewissenhafter Staatsmann
kchtte trotz alledem bei den h,\.a ra lQU2ft verdoppeln köu- ucn, wenn nicht die Großpokitik des Lib'- fj,1 *"tl§ 'hui zu Hilfe gekommen wäre. Ob Surft Bulow das verhängnisvolle Zusammen* gehen der bürgerlichen und fozialrevo* lutiouaren Linken prophezeit oder schadenfroh vortmsgesehen hat, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls bedeutet diese Entwicklung ein grausames Fiasko der ErziehungSkunft, die man seiner Blockära uachgerühmt hat. Er sollte angeblich die gesamten Liberulen, mich die Fortschrittler und die schwä-
c? Die bayerische« Larrdtagswahlerr.
Den ReichStagswahlen folgen heute in Bayern die Laudtagswahlen.
Die bayerische zweite Kammer zählt 163 Dkit* gkieder. Die absolute Mchrhett beträgt also 82. Das Zentrum verfügte bisher für sich über 98 Man* \ date. Dazu kamen noch 16 Konservative und Mit*1 glieder des Bundes der Landwirte sowie drei Mit* glieder des bayerischen Bauernbundes. Tie Linke milfaßte nur 24 Liberale und 22 Sozialdemokraten.
Zürn Zwecke der dfiederringung des ZentrumS haben die Liberalen mit den Sozialdemokraten für die Neuwahlen sich verbündet. Selbst der bayerrsche Bauernbuird schloß sich diesem Wahlabkommen an. Nur die Konservativen, der Bund der Landwirte und die neue bayerrsche Reichs- Partei stehen abseits.
Tie beiden liberalen Parteien mit den Sozial* demokrsten und bem Bayerischen Bauernbund haben für 101 Wahlkreise mit 117 Mandaten ein Abkommen ans gegenseinge vnterstützung abgeschlossen. Für 45 von diesen 117 Mandaten haben sich die drei Parteien die Aufrechterhaltung ihres gegenwärtigen Besitzstandes zugesichert: 3 für den bayerischen Bauernbund, 22 für die Liberalen und 20 für die Sozialdemokraten. Bon den 72 anderen Mandaten, die bisher dem Zentrum und den^ Konservativen gehörten, will die Linke 16 an die Sozialdemokratie, 33 an die Liberalen, 15 an den bayerischen und 8 an den deutschen Bauernbund verteilen. Natürlich, erst wenn man sie erobert .hat, denn mich in Bayern kann man das Fell des Bären nicht eher verteilen, als man ihn erlegt hat. Kommt also darauf an, was für ein Jagdglück die verbündeten Blockjäger auf der Zentrumsjagd haben werden. ,
Nun ist ja vorauszrkfehen, daß infolge des festen Zusammenschlusses der Linken den Zeutrumsqeg- nerit nicht nur ihre bisherigen Mandate, sondern auch verschiedene darüber hinaus zufallen werden. Andererseits find aber dem Zentrum und den Konservativen 72 Mandate absolut sicher. Fehlen also nur st an der absoluten Mehrheit. Den verbündeten Linksparteien dagegen fehlen an der Mehrheit 33 Mandate.
Cs ist kaum daran zu zweifeln, daß die Rechte sich die fehlenden neun Mandate und noch mehr dazu holen wird, während trotz des Blocks die Linke selbst schwerlich hoffen wird, 33 Mandate zu erobern. Allerdings ist die Lage für das Zentrum keineswegs leicht. Auch die bestorganifierte Partei befindet sich in einer wenig beneidenswerten Situation, wenn sie gleich zwei Stenerserien fbie Reichs* steuern und die bayerischenl vor einem fieberhaft erregten und verhetzten Volke vertreten muß. Aber wie auch die Würfel fallen, zweierlei ist sicher: ein« mal dies, daß e? in Bayern eine Politik gegen das Zeickrum nickt gibt Zum zweiten ober: die Wahlen werden bei völliger Zersetzung des Rechtsliberalismus eine starke Vermehrung der sozialistischen Stimmen bringen, wenn dies auch infolge der klugen Verschleierung des sozialistischen Anteils durch Ausstellung von Sammelkandidaturen nicht offen ersichtlich wird. Die „Erfolge", die der Libe- raliSnms erringen wird, find sozialistische Erfolge. Der SosialiSmus, der den Liberalen großmütig eine ziemliche Anzahl von Mandaten garantiert, die er das nächste Mal umso sicherer holen lvird, hat die Leitung der Großblockaktion; und mir e r bat den Nutzen. Die Gesckicklichkest, mit der die bayerische Sozialdemokratie die Soziakifierrmg des Liberalismus betreibt (er hält z. B. gemeinsame Wahl* verfammlnngen ob!) ist ebenso bewundernswert, wie die „Seelengröße", mit der der reichsdeutsche Sozialismus die Kraft sand, liberale Niederlagen zu ertragen.
Die Entscheidung wird schon heute fallen. Stich* nwhlen gibt es nicht: die relative Mehrheit entscheidet. Ter heutige Tag wird für Bayern auch nach anderer Richtung bin ein kritischer Tag erster Ord- nuirg fein. Der Prinzregeut hat in dm letzten Tagen eine Reche hervorragender Persönlichkeiten in längeren Audienzen empfangen, so den bayerischen Gesandten in SBerßn, Grafen Lerchenfeld, die Reichsräte v. H e r t l i n g und v. Auer und Frhr. v. T u ch e r, den Iustizminister v. Milt- n er und den sNncmzminister v. Pfaff. Tie Unterredungen lasten auf bevorstehende Veränderungen in der bayerischen Regierung schließen. Man erwartet den Rücktritt des Kabinetts, und zwar schon für heute.
Deutsche; Mich,
** BktlI», 4. Fedr. 1912. Der Kaiser sprach Sam-iag vormittag schon wieder beim U eichs - kanzler vor. — Bei der ersten Beratung der Ein* tem men feuern oo eile, de am Montag im preußischen Abgeordnetenhause beginnt, wird, wie wir erfahren, als Fraktrvnsredner der Z'Ntrums der Adg. ®taf Spee sprechen. — Der König von Montenegro ist in Begleitung seines Sohnes Sonntag vormittag in Berlin emgetroffen. Der König beabsichtigt zwei Tage m Berlin zu weiten und dann nach Rußland weiterznreisru.
X Tie Reichstag?« öffniiag, pie an» Mit!weck, den 7. Februar, stavfindet, nnrft ihre Schatten voraus. Ter Reichskanzler hat die Parleisührrr für die ersten Tage dieser Wocke zu Befprechnn- 9en über die kommenden Rüstungsvorlagen ein* geladen. Die Besprechungen werbe« einzeln mit den Führern jeder Partei abgehalten werden. Wie verlautet, fall in biefen Besprechungen vor alle« Tiugcn die Deckungsfrage für die neuen Heer* und Marinesorderun^n verhandelt »erden.
g Tie Bubgetkammistion des preußischen «bae- ordnetenhauscs begann am Samstag mit der Beratung des LandwirtschaftSetatS. Der Münster erklärte, es bestehe dre Absicht, die Einfuhr des schwedischen Biehs auf 15000 Stück zu be
schränken. Ferner erklärte der Minister auf eine Anfrage, daß die A uS n ahm et a r i se bis zum 30. Juni d. I. Geltung haben und daß nur für Düngemittel die Ausnabmetarife bis zum 1. 2lprd 1912 gelten. Eine eingehende Besprechung erfolgte über die Maul- und Klauenseuche und über die Mittel zu ihrer Bekämpfung. Ein Geheimer Veterinär rat aus dem Landwirtschaftsminifterium legte dar, daß das in der Preste so viel gerühmte Mittel des Professors Hoffmann-Stuttgart sich noch nickt bewährt habe, viele Versuche mit diesem Wittel hätten vielmehr ungünstige Ergebnisse geliefert. Das einzige zu einem großen Teil wirksame Mittel sei das Serum des Prosestors Löffler; nur sei es leider noch viel ju teuer, es müsse das Bestreben fein, dieses Mütcl zu verbilligen.
c. Die Zentlumsftakt onkn des RkichZiages und Landtages treffen sich am 6. Februar abends in den Räumen des Abgeordnetenhauses. — Die erste Srtzung der Zenlrumslraktwn des Reichstags findet am Mittwoch, 7. Februar, abends 8 Uhr, statt. Als Hauptaegenstand steht auf der Tagesordnung die Prüf identen wähl. Alle vor dieser Srtzung bekauutgegebenen Mrikerlungen über die Stellungnahme der Zentrumssraktwn beruhen daher aus müfsiger Kombination.
* Tas neue Reichs- und SlaatSangeljörigkeitSgesetz. Der Bundesrat hat am Samstag den seit hingem angekündigten Entwurf eines Reichs- und Stoats- angehörigkeitsgesetzcs angenommen. Offiziös wird angelündiat, daß die Vorlage dem Reichstag sehr bald zugehen roirb. Ter Emwurs will eine Aen- derung des gegenwärtigen Reck'szustandes namentlich nach zwei Richtungen herbeiiühren. Einmal oll der Verlust der Reichsangehörigkeit er* schwer t und zum andern soll ihre Wiedererwerbung erleichtert werden.
Stach dem gellenden Reckt verliert ein Deuticher seine Claatsangchörigkeit durch zchnjähiigen unumerbrochenen Auienlhalt im Auslande, salls et sich nicht tn eine Soninlarmntttlel hat eintragen lassen. Diese Bestimmung soll in Zukunft Wegfällen. Der Verlust der EtaatsangehSrigkett toll chnstig nur erfolgen, wen« Umstände emtreien, die den Witten des Beteiligten, seinem Vater ande nicht weiter anmgehören, deutlich erkennen lassen. Bis lolche Umstände ge le« der Enverb einer auslänbtfdten £taat8anfleb3rigteit und die Nichtetsüllung der Wehrpflicht. Indessen ist dir MSgitchkeü vorgesehen, daß in g»n, be-onderen Fällen
B. wenn die fiemde Staatsangehörigkeit aus brin« genden Erwerbsrücksichtkn erworben ist), die dentiche neben der ansländilcheu Staatsangehiirigle.t beidehallen wird. Ferner werden g!eich;e.!ig mit dem StacUs- angehsrigleitsgeietz« Aendernngcn des Retchsintlikär- getetzes vorgetchlagin, die den irtu?kanSs:euischen neue Erleichterungen in bezug auf Ableistung ihrer Wehrpflicht gewahren UeteJc.tidjen Deutschen soll die Mögtichkett einer vc Vigen Befreiung von der aktiven Dienstzeit geschaffen werden, falls ihnen aus Cer Ableistung ihrer Wehrpflicht „unverbältuiemästige Nach- teile" erwachien; ferner soll die lür die überseeischen Deutschen bereits emgefükrte Möglichkeit der Befreiung von allen m titäkischen Uebungen auch auf die etuo* päischen Auslandsdeutichen ausgedehnt werden.
* Tie tt nett Wehtvotlage« sollten bekanntlich der ,Frks. Zta." zuwlge einen jährlichen Bedarf von über llÄ) Millionen Aiark erfordern. 4 ieie Behauptung entbehrt »ach Mitteilungen, dir bem .Tag' von »zitiländiger Seite" geworden sind, jeder festen Umetlage. Tue Vorlagen befinden sich zurzeit noch tu der Bearbeitung des Reichsschatzamts und die Kostenberechnungen sind noch nicht ab* geschloffen. Alle bis er über die Mehrkosten ge- machleir Mitteilungen beruhen sonach auf leeren Vermutungen. Vermutungen sind es wohl auch, wenn die .Tägliche Rundschau" wiffen will, daß in der neuen Flottenvorlage außer der schon augekündigten Indienststellung des dritten Ge- fchwaders und einer etheblitben Forderung für Unterseeboote auch eine Vermehr» ig des Flotten- persouals um 15000 Mann verlangt werden soll.
O Zu dem Ausfall bet Reichstagswahlen fühlt sich endlich auch die „Nordd. Allg. Ztg." bemüßigt, ihre Meinung kundzugebeu. In ihren Rückblicken vmn 4. Februar schreibt sie-
Ein llteckenexempet mtt ziemlich einfachen Faktoren isi zu bewältigen. Wenigstens sollte man meinen, daß die Zahlen der jeweiligen Parteifitze im Hause unter Veranschlagung der Hauptvuntie des Programms, daß d,e einzelne Fraktion doch wohl feit» zu! alten genötigt fein w ro, zu jeder Hauptfrage die tim tigen Mehrheit Voten schon mit annähernder Sicherheit Voraussagen lieben. Ader die aus so einfachem Wege zu gewinnende Klarheit ist picht überall beliebt, und nomenttich die Organe der Sosta.demo« lratie, tetlroetfe auch die des LiNtSliberalismus, geben stch hebet den Anschein, als hielten sie ihre praktqch bereits abgetanen Stichwahlparolen auch für die große Leuchte der Zukunft. Die „geschloffene Mehrheif, um die zuletzt noch heiß gerungen wurde, möchte man sich nun auch gern zubilligen, allein es dmste nur eine Frage ter nächsten Zeit fein, wie bald der Radikalismus ü 'er «errat und ähnliche Schlechtigkeiten auf« brauien wird. Denn das Bergnügen, die liberalen Giund'ätze völlig nach den sozialdemolratifcheu Partei- tagsdefchlüffen resormieik zu finden, wird die vorderhand zahlreichste Gruppe res neuen Parlaments auch durch ihr wildestes Geschrei nicht herberführen können.
Im weiteren wendet sich das offiziöse Blatt gegen die Ausfafiung des Liberalismus, die auf Grund ihrer Hilfeleistung jetzt so etwas wie Dankbarkeit bei der Sozialdemokratie oder eine gewiffe erzieherische Einwirkung auf sie erwarteten. Damit hätten sie sich gründlich verrechnet. Tank erkläre die sozialdemokratische Preffe dem bürgerlichen Liberalismus absolut nicht schuldig zu sein. Tos Blatt sähtt bann fort:
„In den Wahkbetrachtungen der linksliberaken Blätter mürbe bte heute wichtigere Frage, wie man sich denn nun die positive Arbeit einer mit Hilfe der Sozial demokralie zu bdeenben Mehrheit denkt, nur flüchtig berührt. Mu gutem Grunde; denn die Sozialdemokratie läyt schon f tzt fernen Zweifel daran, daß sie im neuen Reichstage zu andauernd frucht bei n g en der Tätigkeit s o roenig$n haben fein wud wie in den früheren. Sie wird sich nicht ändern.'
Das ist so ziemlich alles, waS das offiziöse Blatt zu dem Ausfall der Wahlen zu sagen hat. Bon einer
Stellungnahme der jetzt geschaffenen Lage drückt man sich stillschweigend. Ebensowenig findet das offiziöfe Blatt auch nur ein Wott des Tadels für den Liberalismus wegen feines Verrates an der Sache deS Bürgertums. Es begnügt sich vielmehr zum Schluß feiner Auslaffung damit, die bürgerlichen Parteien zu ntahnen, einig zu fein und die Gründe aus der Welt zu fchaffen, „die jeden Mitläufer den roten Stimm- zettel haben wählen kaffen: die unnötige und ungerechtfertigte Verärgerung am Reich und die geaen- seitige Verhetzung und Verbitterung". Dieser Vorwurf kann weder das Zentrum noch die Konservativen treffen. Beide waren bereit, bei den Stichwahlen mit dem Liberalismus zusammenzugehen. Der Liberalismus lehnte aber kurzerhand ab. An ihn allein hätte die Mahming der Regierung gerichtet sein müffen. Im übrigen mag das offiziös« Blatt, bevor es anderen gute Ratschläge erteilt, einmal die Frage beantworten, waS denn die Regierung getan bat $ur Bekäm^-m des Umsturzes.
4- Der Kaiser nud die Wahl NaempfS. Die libe« ralrn Blätter gehen nut folgender, von der Breslauer sozialdemokratischen ,Volkswachti verbreiteten Meldung hausieren:
Auf den letzten Hofsestlichkeüen bat der Kaiser dem Oberbürgermeister Rirkbner mit warmen Woiten ,ur Wahl des Herrn Kaempf gratuliert und u. a. wörtlich getagt: »Herrn Kaempf haben Sie mir zu verdanken. Ich hab' gehörig für ihn agitiert, den ganzen Tag und bis zu meinen Kutschern her >b V
Rach einer anderen, von liberalen Zeitungen verbreiteten Lesart, soll der Kaiser am 200. Geburtstag Friedrichs de» Großen zu mehreren Berliner P-rsöniichkeilen oeäußert haben:
„Mein Schlobbezirk hat den Fortschrittler herauS- gehauen! Wenn Bismarck daS erlebt hätte, daß ich einem Fortschrittler zur Wahl verholten habe!'
Wenn der Kaiser vielleicht auch seine Freud« darüber ausgedrückt haben maa, daß bet Wahlkreis, in dem das Sckloß liegt, nicht in die Hände der Sozialdemokratie gesaücn ist, so vermögen wir doch nicht eimujelfen, was den Kaiser veranlaßt haben iönnie, sich so persönlich für die Wahl des frei- sinnigen Kaempf einruietzen.
* Tie erste Reichstags-Ersatzwahl. Bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreis- Pleß-Ryb- n i k erhielten am Samstaa v. Schleinitz (Kons.) 5995, Bodol (Ztr.) 5402, Pospisch (Pole) 17 473 und Ritzmann (Soz.) 1882 Stimmen. Gewählt ist Pospisch^ — Der im ersten Wahlgang gewählte Graf Mielzynski, war zweimal gewählt worden und hatte dieses Mandat niedergelegt.
» Liberale Intoleranz. Ein Musterbeispiel für die Mittel, mit denen sich der Liberalismus an der Macht zu halten sucht, bietet ein Rundschreiben de» VorstandeS des Liberalen Vereins in Düren (RhId.). Er überweist den Mitgliedern eine Lifte derjenigen Vereinsmitglieder, die in Handel und Gewerbe selbständig tätig sind. Der Vorstand bittet dringend, diese Parteifreunde in vorkommenden Fällen berücksichtigen zu wollen. Ter Türener Liberalismus tut damit einen bedenklichen Schritt. Er verlegt feine Werbetätigkett vom politifchen auf das wir t- f ch a f t l i ch e Gebiet und schädigt weite Kreise von Gewerbetreibenden, denen er den Wettbewerb erschwert. Das ist derselbe Liberalismus, der stet- von „ultramontaner Abschlietzund und Engherzigkeit" spricht, dem aber selbst bte größte I n t o * teranz eigen ist. Das Rundschreiben hat in der großen Rlehrheit der Bürgerschaft gerechte Entrüstung erregt. _
4- Tie Fraktion bet Fortschrittlichen Bolksparlei des AbgeorbnetenhauseS wählte zum Vorsitzenden den Abg. Dr. Wirmer, zum Stellvrrtteier Avg. Dr. Packmcke.
Ausland.
*♦ D» italienische Mimsterpriisidntt Givlilii ist! erkrankt. Man will sckon wiffen, daß er zurück* s treten werde und glaubt, das werde den inS Stocken t geratenen Friedens oermittlungsbestrebungen der Großmächte cmen neuen Anstoß geben. *
♦ Die eidgenössisch« Kranken* unb Nnfallversiche- tuiig durch Volksabstimmung wurde gestern in der. Schweiz das Versicherungsgesetz mit 285 000 gegen, 239000 Stimmen angenommen. Fünfzehn Stan« - tone haben sich für, sieben gegen das Gesetz erklärt..
** Hetmlihr M niglifchen Köniykpaaies. üue; Königsjacht .Medina", mtt dem König und bet Königin von England an Bord, ist von der ersten Division bet Heimatfiotte begleitet, in Spttheäd ein- getroffen. ,
«* PersiknZ Schicksal ist beste gelt. Das Peters- bürget Blatt „Rjetfch" beftättgt aus amtltchet Quell« das Gerücht von neuen Verhandlungen zwischen Rußland und England über Persien. Sie sollen Erweiterungen der Rechte beider Mächte in den ihnen durch das Abkommen von 1907 zugewiesenen Zonen betreffen. Der Rücktritt der Mitglieder des persischen Kabinetts scheint unmittelbar bevorzustehen. Wie geglaubt wird, wühlt man zu Rachfolgern Männer, die der Politik Englands und Rußlands freundlich gesinnt sind.
** Revolutionäre vor ftiantfthon Rach einet englischen iDlelbung find chinefifcke Republikaner in Tsimo, tn dem zur deut.chen yntcreifcn» jphäre gehörenden Territorium bei Kiautfchau erfchieneo. Auch tm Auswärltgen Amt in Berlin ist die Rachricht von dreiem Vorfall eingetroffen, von den zufländigen denlfcher Stellen ist lofort sowohl bei der „Regierung" des Herrn Tt. Sunhatsen wie bei der in Pekmg Protest erhoben worden.
*• Ta» Geheimnis von Abessntien, ob der alle Kaiser Menelik lebt ober nicht, fft noch tiiitner nicht gelöst. Der englische Lord Cranworth, soeben aus Adeffünen zurückgekehtt ist, erk atte einem Berichter Walter des Reuterfchens Bureaus: h)n der Hauptsiadl des Landes und in ihrer Umgebung herrfcht große Unruhe infolge des immer stärker werdenden Verdachts, daß Kaffer Menelik gestorben sei. Unter den Häuptlingen ist ein beflißet Kampf um dir Thronfolge entbrannt Die Europäer beginnen um ihre Sicherheit zu fürchten. Rieneltk soll, wie manche glauben, üt einem Palast