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letetlewsbta< M. Serie, der gilbe« ArLrndrickrrd t-LridO Aerafprech« llr. 9.

jtf 26. Erstes Blatt.

Fulda, Donnerstag den 1. • ebruc>r 1912.

39. Jahrgang.

M8?- Wegen des Feiertags Mariä Licht, meß wird die nächste Nummer der ,Fuldaer Zeitung" erst au» Samstag ausgegebea.

Preußischer Landtag.

Sitzung vom 31. Januar.

Die 1. Beratung über bett Etat wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Friedberg (ntl.) polemisiert gegen den Abo. Herold. Wenn Herr Herold es geleugnet hat, da» 1907 ein festes Abkommen des Zentrums mit ben So- »ialdemokraten bestanden hat, so gehört zu dieser Be­hauptung allerdings Mut. Aber es ift der Mut des Mamelucken. (Heiterkeit.) Herr Herold folgert daraus, das; das Zentrum und die Konservativen gleuh im ersten Wahlgang eine Anzahl von Mandaten errungen haben, eine besondere Kraft dieser Parteien. Er weiß aber genau die Gründe dafür. Er weiß, daß die Konservativen ihren Schwerpunft im „ Osten haben, der inbezug auf den Beruf seiner Bevölkerung ein einheitliches Ganzes darstellt. Er Weitz, datz die Zentrumspartei ihre Stärke in den konfessionell unge» mischten Bezirken hat. Herr Herold weih auch, datz die anderen Parteien sowohl beruflich als auch kon­fessionell gemischte Bezirke haben, wo sie sich um Man. pate bewerben müssen. Daher sind sie auf Stichwah. len angewiesen. ES war auch nicht gerade schön, datz er über die Vertragstreue der Nationalliberalen in Rheinland-Westfalen klagt. ES wird Herrn Herold nicht' unbekannt sein, datz wir Nationalliberalen mit seinen politischen Freunden 1907 genau dieselben Er­fahrungen gemacht haben. In diesem Wahlkampf ist die Religion von dem Zentrum herangezogen worden und das ist daS Allerwiderwärtigste, wenn man mit der Religion politische Geschäfte machen Willi (Lebhafte Zustimmung links.) Wenn man die Absicht deS ge- meinsamen ZusammenarbeitenS der bürgerlichen Par-- teien haft dann darf man keine Reden halten wie gestern Herr Herold. Nun zum Etat. Der Etat zeigt in Wirklichkeit kein Minus, sondern ein Plus und das spricht gegen die vorgesehene Einkommensteuerreform. Es ließe sich aber erwägen, ob nicht durch eine Reform des Veranlagungsverfahrens eine Erhöhung deS StenereinkommenS herbeigeführt werden könnte. Bein» Kultusetat kommt der Redner auf das Motuproprn» betr. die Gerichtsbarkeit der Geistlichen zu sprechen. Es heiße zwar jetzt, das Motuproprio gelte für Deutschland nicht, aber wer bürge dafür, daß nicht über kurz oder lang der „Osservatore Romano" das Gegenteil erkläre? Wir bedauern, datz in der Thronrede die WablrechtSvorlage nicht erwähnt ist. Bezüglich der Polenpolitik besteht die Auffassung, daß ein neuer Kurs eingeschlagen werden soll. Würix das der Fall sein, so würden wir das für ein Unglück für das Vaterland halten. Daß 13 Kreisschulinspektoren im Hmtptamte eingestellt' werden, begrüßen wir.

SWutrfixx beS OrrnhirtQ ist

diesmal nicht ftüher einberufen worden, weil wichtige Gesetzesvorlagen im Herbst noch nicht ausgearbeitet waren. Andererseits wurde auch der größte Teil der Mitglieder des Hauses durch die Reichstagswahlen in Anfvruch genommen. Das Gerücht über einen Wechsel im Kurs in der P o l e n fra g e ist durchaus unzu- treffend. Dauernd geordnete Zustände in der Ostmark werden erst dann eintreten, wenn die polnischen Son­derbestrebungen energisch zurückgewiesen werden und wenn der deutschnationale Gedanke sich zielbe­wußt durchsetzen wird. Der Abg. Friedberg hat sich darüber beklagt, daß die Regierung über eine Wahl- r e ch t s v o r I a g e sich nicht geäußert hat. Ich habe bereits im vorigen Jahr bei der Etatsberatung die Gründe dargelegt, die die Einbringung einer Wahl­rechtsvorlage untunlich erscheinen ließen, lveil ins­besondere auf eine Einigung der großen Parteien nicht zu rechnen war. Ich kann nicht einsehen, datz die Ver­hältnisse sich gebessert haben. ES ist vielmehr anzu- nehmen, datz die bestehenden Gegensätzeficheher verschärft als vermindert haben. Das ist durch die letzten Reichstagswahlen Betoiefen. Der Wahlerlaß an die Negierungspräsidenten bedeutet keine einseitige Parteinahme der Regierung im Parteikampf. Er sollte auch keineswegs, tote mehrfach behauptet worden ist, eine Anregung zum Bertrauensbruch und zur Korrup­tion sein. Ter Erlaß ist durch die zunehmende Ge­hässigkeit der soziatdemokrattschen Agitation veranlaßt worden. Dieser Agitation entgegenzutreten ist Pflicht der Regierung. (Sehr richtig! rechts.) Der Abg. Hirsch hat behauptet, daß die Beamten zu Heuchlern erzogen werden, wenn ihnen verboten wird, sozialdemokratische Wahlstimmen abzugeben. Ein Beamter, der seinem Landesherrn den Treueid ge» leistet hat, bricht diesen Eid in dem Augenblick, in dem er mittelbar oder unmittelbar Bestrebun­gen einer antimonarchischen Partei zu fördern unternimmt. (Sehr wahr und lebh. Zustimmung rechts, Widerspruch, Unruhe, große Be­wegung nn ganzen Hause.) Wenn ein Beamter noch em Gefühl für Ehre, Anstand, Gewissen hat, so wird dem wo er glaubt, der Sozialdemo.

fta.ie sich austhltegen zu müssen, daraus die Konse. »uenzen ziehen und aus seinem Amte ausschei- den (Widerspruch links) Tut er das nicht dann *ird er zum Eidbrecher und L ü gn e r.'(Lebh. Bravo recht», Unruhe und Zurufe links: Terrorismus)

Abg^ Liebknecht (foz.) ruft: Unglaubliches Zeug. Präsident Erfta ruft ihn hierfür zur Ordnung.

Finanzminijter Tr. Leutze verwahrt sich gegenüber kern Abg. Friedberg gegen den Vorwurf, er habe mit »iner gewissen Leichtherzigkeit die Beibehaltung der kteuerzuschläge vorgeschlagen. Von mehreren 1kr Herren Vorredner ist die unzureichende Pension der Altpensionäre in die Debatte geworfen wor» &Jch bin leider auch in diesem Jahre nicht im»

!» in dieser Frage eine befriedigende Antwort gu . Nicht nur der Staat, auch die Gemeinden wür» u stark belastet werden. Elloaige Unterstützungen tönnen gewährt werden, aber eine Erhöhung der Pen» der Bitpensionäre ist nicht möglich.

^Mtnister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbich: dte Eisenbahngemeinschaft werde ich mich dem» r»eT Kommission verbreiten.

BetÄ^Sm,niftct Sydorn: Bei dem Anschluß bei an« Inn J?aS Kohlensyndikat haben wir der anaem<"b^®<elton,en leitcn lassen, dem Interesse Em ESdi-nen. Der FiskuS hat sich mit Syndikat beteinot1” staatlichen Zechen an dem darks Der ^agltch des eigenen Kohlende» rX dem Syndikat wurde v«.

'"'"ö nur auf ein Jahr abgeschlossen

ilte.t.) ugt dar, daß bk mfrfh & <na"»e" H in einer günstigen Ent-

WkNung befinden. Dte Frag-, ob dir Sieuerin» sch15 9 « dauernd beibehallen werden sollen, scheint

mir im Augenblick noch nickst spruchreif. Es darf bei der Steuerreform licht oergeffen werden, daß auch daS Reich ren neuem Ansprüche stellen wird an Besitz und Vermögen, um bk Ausgaben für Heer und Flotte zu decken. Wir »äffen jetzt einmal wissen, wie hoch dte Erfordernisse des Reiche» sein werden und deshalb müssen wir vorlänfig da» Provisorium der Steuerzu- schläge bestehen lasten. Rach einem Wahlkampf, wie wir ihn jetzt dnrchgemacht haben, wo so viel gehetzt worden ist, ist nicht der Zeitpunkt gekommen, wo wir an eine Wahlrechtsreform herantreten können. Ich muß also die Regierung dringend vor einem solchen Versuch warnen. Ich muß mich auch dagegen wenden, al» wdre der Entwurf von 1910 nicht eine Erfüllung oer Versprechungen in der Thronrede. Die Durchführung der Zusage von 1908 ist gehindert wor­den von denen, bk dte Einführung des Reichswahl­rechts derlangte», was von der Regierung und dem Mmisterprüfidenten strikt abgelehnt worden ist. Die Thronrede euthüU nicht» über ein W ohnu ngsgesetz. Wir möchten «regen, zunächst einmal ein Wohnungs­gesetz für bk Großstädte zu schaffen, das besonders dringlich erscheint. Die letzten Wahlen haben der Sozialdemokratie nnstrestig einen großen Erfolg gebracht. Man hat versucht, der Regierung die Haupt­schuld diese» sozialdemokratischen Erfolges in die Schuhe in schieben, weil fie keine zugkräftige Wahl­parole ausgegeben habe. Ganz gewiß hätte die Regie­rung, wenn fie anläßlich der Marokkosrage die nationale Fahne entschieden hochgehalten hätte, eme Wahlparole schaffen können. Man wird ihr aber dafür, daß sie es nicht getan hat, mildernde Umstände zubilligen muffen. Die Regierung hat befürchtet, durch Entfachung der nationalen Bewegung eine Kriegsgefahr erneut herauf­zubeschwören. Bon dem Erlaß, durch den die Be­hörden angewiefen worden sind, tatsächlich unbe­gründeten Angriffen auf die Regierung entgegenzutreteu, bat man viel zu viel Aufhebens gemacht. Am aller­wenigsten haben die Rationalliberalen Veranlaffung, sich über diesen Erlaß zu beschweren. In Hannover haben z. B. die Landräte ausschließlich zugunsten der nationalliberalen Kandidaten gegenüber den Welfen in den Wahlkampf eingegriffen. Wir muffen so bald wie möglich dazu übergehen, den Landrat aus dem SitiS der politischen Beamten auszuschalten. Der Landrat ist immer ein selbständiger Beamter, er würde das noch in höherem Maße sein können. Sie (zu den Sozial­demokraten) freilich verwechseln Selbständigkeit mit Autokratie. (Abg. Hoffmann ruft: Absolutismusl) Absolutismus gibt es bei uns nicht, außer in der Sozialdemokratie. (Troße Heiterkeit.) Man wird aller­dings die Rechte der Beamten schützen müssen, vor allem ein vernünftiges Disziplinarverfahren einführen, aber man wirb auch die Pflicht deS Beamten entsprechend zur Geltung bringen müssen. Er ist an die Disziplin gebunden, ohne die der Staat nicht leben kann und vor allem an den Treueid ge­bunden. (Stürmischer Beijall rechts.) Wenn die Sozialdemokraten behaupten, man erzöge die Beamten zu Heuchlern, mit steht es da mit den Hundertlausen­den, die von der sozialdemokratischen Hungerpeitsche durch Entziehung ihrer Arbeitsgelegenheit, ihrer Kund- schast unter da» sozialdemokratische Joch ge­zwungen werden? (Stürmischer Beifall. Abg. Hoff­mann ruft: Glauben Eie eS selbst? Zuruf rechts: Das glauben ja auch Eie selbst.) Wir hoffen, daß die Worte des Mmisters de» Innern, daß von der bis­herigen Polenpolitik nicht abgegangen werden soll, sich auch in die Tat umsetzen. Hoffentlich kommt nun auch daS Enteiguungsgesetz von 1908 endlich zur An­wendung. Wir verlangen von der Regierung die Kraft und die Energk, mit der der alte Fritz so hervor­ragendes geleistet bat. (Beifall rechts)

Abg. Trampe,ienSky lPole) führt auf Grund ein­gehenden Atlenuiater als Klage über die Tätigkeit der Ansiedlungskommisfion und die Unterdrückung der polnischen Sprache. Ehiuesisch und japanisch dürfe im Osten gelehrt werden, nur nicht polnisch. Wir haben inbezug auf unser Verhältnis zum preußischen Staat ein durchaus remes Gewissen nnd das einzige Ver­brechen, da» man unS vorwirft, ist unsere Existenz. Trotzdem zweifeln wir nicht daran, daß auch wieder einmal Recht und Gerechtigkeit zum Siege kommen werden.

Hierauf vertagt sich da» Haus.

Persönlich erklärt

Abg. Hirsch-Berlin: Der Herr Minister des Innern hat sich über den Beamteneid in Worten geäußert, die nur den Sinn haben können, daß im deutschen Reich im allgemeinen noch mehr Treu und Glauben vorhan­den sei, al» e» bei dem Teil des Bolles der Fall zu fein scheine, der mir nahe steht. Wenn der Herr Minister das außerhalb de» Hauses getagt hätte, jo wurde ich daS als junkertiche Frechheit bezeichnen.

Präsident tzrhr. 1. Erst«: Wenn Sie den Vorwurf der Frechheit auch nur bedingungsweise gemacht haben, so rufe ich Sie dafür doch zur Ordnung. (Bravo! rechts.)

Donner»tag: Fortsetzung,

* Keine preußische Wahsreform.

Im Abgeordnetenbause gab gestern Minister

v. Dallwitz die Erklärung ab, datz die Regierung in diesem Jahre eine Wahlrechtsvorlage nicht einortagen werde.

Der Widerstreit der Meinungen der Parteien über Art und Umfang der Reform — so begründete ber Minister diese Stellungnahme — macht eS un» Afglich, hie vorhandenen Gegensätze zu überbrücken. , e •‘/j chStagswahlen, so fügte er bei, hät» c" bestätigt, daß sich die vorhandenen Gegensätze derschärft hätten.

„baueru die passive Haltung bet Mmi» ftmum« in Mer Frage. Aber wenn nun die Trotz» blockpreffe alsbav tzarm schlägt über die angebliche Jntoleranzder Bethmauu'scheu Regierung, die we­gen toter Abhängigkeit vom „schwarz, blauen Block' dem VolkSwtllea der Reübstagswäbler nicht zu fol- gen Wagen, s» müssen wir doch den Zusammen» Hang der Dtnge ht da» rechte Licht rücken.

Der erst« Schritt zur Wahlreform ist vor zwet Jahren nicht an den „fdjtoarj-blauen'' Pa» trlen «scheitert, sondern vielmehr an bet zärtlich« bk Regierung auf die Natio- nalltbetMlen nahm. Wenn e» nach ben Schwarz blau« gegangen wäre, so hätten wir jetzt in Preutz« neben ber geheimen Wahl auch eint erhebliche »erbessernan der «laffenbildung. T» kam jra Krach, weil btt Regierung nn Interesse der nattonalsiberalen Pftttokrafte im Herrenhause den Antrag Schorlemer durchdrückte, der den gn>- tzen Stene^ahlern wieder ein Stück liebergewicht yv rückgeben tooß*. Von eurer „Abhängigkeit Bmh.

mann'» vom schwarzblauen Block" kann also gar keine Rede sein. BiAmehr trat hier (ebenso wie in der Duldung der Lügen über die Finanzreform usw.) die moralische Abhängigkeit der Regierung vom heitzgeliebten Nattonalliberalismu» klar zu Tage.

Die neunmalweisen Politiker der Linken jubi­lierten damals über das Scheitern des „schwarz­blauen" Reformplanes. Sie wollten keine schritt­weise Verbesserung, sondern bildeten sich ein, sie könnten in kurzer Frist eine viel weiter greifende Reform oder gar mit einem Schlage die Einfüh­rung des Reichstagswahlrechtes in Preußen errei­chen. Das war, wie Figura zeigt, eine falsche Re ch n u n g. \

Nun setzt aber heute bereit» das „Berl. Tagebl." die verfehlte Spekulation in geradezu krankhafter Weise fort, indem es verkündet: Bei den nächsten Landtagswahlen treiben wir Grotzblocktakiik, wie so­eben bei den Reichstagswahlen, und wenn wir dann einen rosaroten Linksblock im Abgeordnetenhause ha­ben, so „wird die Linke die preußische Wahlresorm diktieren können."

Hat sich was zu diktieren! Der Mnister hat ja soeben erst verkündet, datz die Großblockpolitik bei den Reichstagswahlen die Regierung b e st ä r k t hat in dem Verzicht auf eine neue Reformvorlage. Vor zwei Jahren hat man ja mit Händen greifen können, wie stark die Widerstandskraft der Regie­rung auf diesem Gebiete ist. Sie hat daS Her­renhaus zu ihrer Unterstützung und kann sich damit gegen die unbequemen „Diktate" des Ab­geordnetenhauses leicht decken.

Die Erfolge der Linken bei den Reichstagswahlen fördern nicht die Reform in Preußen, sondern erschweren sie vielmehr.

Die Fortschrittspartei, die im allgemeinen blind- eifrig mft der Umsturzpartei zusammenging, hatte in denjenigen Wahlkreisen, wo sie mit der Sozial­demokratie ringen mutzte, manchmal einen sichten Augenblick. So hieß es z. B. in einem fortschritt­lichen Flugblatte für Berlin: der Sieg des Um­sturzkandidaten würde der Reaktion Vorschub leisten. Wenn wir auch keine Ausnahmegesetze befürchten, so liegt doch in diesem Ausspruch etwas wahres. Die Erweiterung der Bolksrechte und der Volksfreiheiten wird gehemmt, wenn die maßgebenden Kreise sehen, daß die Ümsturzpar« t e t auf 4 Millionen Stimmen und 110 Mandate angewachsen ist und daß auf die Liberalen in der Abwehr dieser Umsturzpartei keinBerlah mehr ist.

Je mehr man damit droht, daS liberal-sozialde­mokratische Bündnis auch bei den preußischen Land­tagswahlen zu betätigen, desto größer werden die Bedenken sein gegen die Erweiterung des Stimm­rechts der rosaroten Wählermassen.

Darum müssen die Großblock-Liberalen, wenn sie über die Verzögerung der Preußischen Wahlre­form sich entrüsten wollen, erst einmal an die eigene Brust schlagen. Dazu werden die vermeint­lichen „Sieger" auch sonst wohl noch Anlaß genug finden!

Deutsches Keich.

« Berlin, 31. Jan. 1912. Der Kaiser hatte Mittwoch vormiftag mit dem Reichsianzler eine Konferenz in dessrn Palais. — Das Reichsamt des Innern gibt bekannt, datz die Eröffnung des Reichstages am 7. Februar, mittags 12 Uhr, im Weißen Saale des Schlosses stattfindet, ßuüor wird ein Gottesdienst für die Mitglieder ber evan­gelischen Kirche in der Sch'oßkapelle, für die Mit- glieber ber katholischen Kirche in ber Hebwirskirche abgehalten. — Dem Gouverneur Dr. Gleim, ber von seinem Posten in Kamerun zurückgetreten ist, ist ber Kronenorden 2. Klasse verliehen worden. — Die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Landwirte wirb am 9. Februar in Berlin staitfinden.

** Der Seniorenkonvknt deS Abgeordnetenhauses bürste in abfebbarer Zeit nicht zusammentrelen. Der neue Präsident Freiherr v. Erffa hatte sich um den Wiederzusammentritt des Seniorenkonvents, ber in ber vorigen Session wegen Differenzen mit ben Sozialdemokraten nicht zusammengetreten war, be­müht. Wte verlautet, haben jedoch die Konser­vativen es abgelehnt, im Semorentonvent mit dem Vertreter der Sozialdemotrat' N zusammenzuarbeiten. Da auch ber Vorsitzende des Seni oren kon vents, Abg. Hobreckt, zur Zeit erkrankt ist, so wird der Senioren« konvent vorläufig nicht zusammentrcten.

♦ Ter Kronpzinz nnd die Kronprinzessin haben gestern nachmittag 3'/, Uhc die Reise nach der Schweiz angetreten.

*♦ Prinz Waldemar in Ostafieu. Die Reisen fürstlicher Periönlichkeiten in das überseeische Aus­land mehren sich. Nachdem soeben erst gemeldet worden war, daß der dritte Sodn de» deutschen Kaiserpaares, Prinz Adalbert, im Frühjahre eine Nmerikareise unternehmen werde, wird jetzt bekannt, daß Prinz Waldemar, der Sohn des Prinzen Heinrich von Preußen, bereits am 6. Februar eine längere Reise nach Japan und China antreten will.

£< Im Bbgeordnetrnhanse kam in der fortgesetzten Etatsdebatte gestern Prokeffor Dr. Friedberg für die nationalliberale Partei zu Worte, der seit Jahren mit öder Kulturpaukerei die Langeweile der finanziellen Auseinandersetzungen zum Etat zu bannen verstand. Auch dieses Mal setzte er lebhaft ein, wobei besonder» da» Zentrum Gegenstand seiner Anrempelungen war. Es wird ihm in der weiteren Debatte wohl die Antwort nicht schuldig bleiben. Klastisch war es geradezu, daß Herr Dr. Friedberg — ausgerechnet Tr. Friedberg — sich dem Abg. ^ld gegenüber al» Verteidiger der Religion auf«

e. Die Rationalliberalen, die bei jeder Gelegen­heit die Religion in bk politische Arena ziehen, fobalb eS in ihren Krsm paßt, haben wahrlich keine Veranlaffung, ben Zentrum einen Dorwurf daran» zu machen, wenn eS gegenüber ihrm kulturkämpfe-

rifchen Bestrebungen auf der Hat ist und da» kathw lischt Volk über bk Absichten ber Nationalliberalen aufklärt. Der Minister de» Innern Frechere von Dallwitz, ber all zweiter Redner zum Wort kam, legte seine Auffaffung vom Verhältnis ber Beamten zur Sozialdemokrat» in unzweideutiger Weise dar. Seine Worte machten den Eindruck, als ob das Verhallen einzelner Beamten bei den letzten Wahl« Dorg&ngen ihn int Innersten empört hatten. Mit erhobener Stimm« schleuderte tr den Vorwurf der Heuchele» und Lüge in den Saal hinein. Ein lauter, den Saal füllender und ben Wiberspruch ber Linken übertönender Beifall brach in ben Bänken ber Rechten und bes Zentrums aus. Die Abgg. Hirsch, Liebknecht unb Hoffmann von ber Sozial« bemottotie wußten sich vor Erregung kaum zu fassen niib machten ihrer Wut burch zahlreiche Zurufe Lust, bic aber in bem allgemeinen Lärm verloren gingen. Ein Zuruf des Abg. Liebknecht wurde bem Präsidenten hinterbracht. Der schwarzlockig« Jüngling erhielt dafür einen Ordnungsruf. Die Genugtuung über die Aeußerung des Minister, di« zwischen den Zellen auch denjenigen bürgerlichen Parteien zu lesen gab, die mit der Sozialdemokratie gemeinsame Sache gemacht haben, wurde beeinträchtigt durch da? Bedauern, daß man derartige mannhafte Worte nicht aus dem Aiunde des obersten verantwortungs­vollen Chefs zu hören bekommt. Nach dieser Episode kehrte dre Verhandlung in die sachlichen Bahnen zurück. Finanzmmister Leutze, der eS nun einmal daraus abgesehen hat, das steuerzahlend« Publ tum durch bi« Erhöhung ber Einkommenslcuer neu zu belasten, wollte nicht zugeben, baß bie heutigen Annahmen bei Staates bie Einkommensteuer al» überflüssig erscheinen ließen. Er sprach sehr nüchtern, fast im Tone eines Bücherrevisors, ber jede Ausgabe für em Verbrechen hält. Als „Mann mit zugeknöp ten Taschen" enttäuschte er vor allem die Alipensionäre, die nur „etwaige Unterstützung", aber (eine Pen­sionserhöhung zugebilligt bekamen. Die Aufmerk­samkeit des Hause» wurde wahrerib der Wkiier- oerhanblung noch einmal geskffelt durch die Aus­führungen des Freiherrn von Zedlitz ju den Wahlen. Bei aller Diplomatie, die dieser Herr bekundet, und bei aller Sympathie, die er für Regierung und Nationalliberale hegt, war au8 seinen Worten für beide wiederholt ein scharfer Tadel zu entnehmen, inbezug auf jene dahin, daß sie es an einer geeigneten Wahlparole gegen die Sozialdemokratie hab« fehlen lassen, indezng auf bie Naiionalliberalen, baß fie ben Sozialdemokraten Schlepperdienste geleistet unb damit die Kluft zwischm sich unb ben bürgerlichen Parteien erwei­tert haben. Mit biefer Rebe wat bas Interesse bes Hauses erschöpft und der nachfolgende Redner, Tramp cziensti von de« Polen, der über bie Ansiebelungspolitik rebele, fand nut no4 leere Bänke.

+ Diskontierung von Buchforderungen. Be- kanntsich rühmt sich der Hansabund, feine Hanbwer- kerfreundschaft dadurch bewiesen zu haben, baß er die Diskontierung von Buchsorderungen besürwor- tet und einführen will. Jetzt schreibt nun der frei­sinnige Abg. Prof. Dr. Crüger, daß das Schlagwort: Diskonsiernng Buchforderungen sich im praktsi schen Leben als untan gliche! Mittel erwei­sen dürste, ber Notlage ber kleinen Gewerbetreiben- ben abzuhelfen. — Herr Crüger wird dem Hansa- bund damit zwar nichts neues sagen, ihm ist ja doch nur alles Mittel zum Zweck, aber es ist doch bitter, daß ihm von so nahestehender Seite so brutal die Maske vom Gesicht gerissen wird.

• Schweö, 30. Jan. 1912. Dte Meldung über bie Unruhen ur.d Revolten am Tage der Stichwahl ent­puppt sich als eine unwahre hakaNWche Alarmnachricht. Es ist nicht wahr, daß her Pöbel in die Lokale ein» gedrungen fei unb boit Tische unb Stühle usw. zer- tiümmett habe. Zertrümmert wurde nur ein auf ben Marktplatz gestelller Tisch. Die Erbuteiung der Polen ist deswegen |o groß, da die Wakldetö den über 700 Wahlzettel jür migül'ig erklärt haben, die den Warnen des Abgeordneten von Eaff-Jaworski nur mit einem s, also Sas-Jaworski getragen haben. Gegen die Gült g- teit dieser Wahl ist Dun Seiten der Polen Protest ein« ge egt worben. Zählt man die für ungültig erkläri n Stimmen mit, bann wäre der Pole mit einer Mehrheit von 131 Etimmen gewählt. Sim Wahllage war den einzelnen Wahlvorstehern von feiten des Landrats von Halern die Weitung zugegangen. Stimm;et'.el mit der angeführten Schreibung für ungültig zu erfläien. Die Mehrheit der Wahlvorsteher Hal vernünftiger Werse von der Anordnung des Landrats (eine Notiz ge­nommen. In erner Anzahl von Ortschasien jedoch hat man diese Weisung befolgt, und to in denn das Unbe­greifliche geschehen. Es sind 8017 Siinrinzettel als gültig anertonnt, während 720 ganz bis auf bas Tivpelchrn gleiche Zettel für ungültig erklärt wo.den find.

* München, 31. Jan. 1912. Der König von Montenegro wirb, wie verlautet, morgen ljier eintreffen, zwei Tage verweilen und bann nach kur­zem Aufenthalt in Frankfutt a. M. nach Berlin reisen, wo er am 5. unb 6. Februar zu sein gedenkt. Die Reise erfolgt in strengstem Inkognito.

Gegen den Grstzblack.

# Karlsruhe, 31 Jan. 1912. Die gestrige Kund­gebung de» babifeben Ministerpräsidenten v. Dusch in der Kammer ist wie eine Bombe in das badische Großblockidyll gefahren. Die Sozialdemo­kraten saßen da mit offenem Munde und auch die Liberale» machten verdutzte Gesichter. Eine solch entschiedene Sprache hatte der Staatsminister bis­lang noch nie gefunden. Herr Kolb rief ihm fas­sungslos vor Wut ju, er könne Redakteur des Ba­dischen Beobachter», d. t des Karlsruher Zemrums- organ» werden, wa» für Herrn Kolb natürlich bas scheußlichste ist, wo» es gibt. Herr Geck aber lachte auf allen Stockzähnen. Man kennt seine Siebe zu Kolb unb bars in b-r Leipziger Volkszeitung wohl et­was erwarten. Der Aerger ber Liberalen war auch au» ber folgenben Rede des Fortschrittlers Muser zu erkennen. Diesen schmerzte es besonders, daß der Staatsminister nicht auch ein böses Wort für das Zentrum und seine Presie gehabt hatte; er produ- zierte.allerhand Vahlartikel. um ein nachträgliche»