Fulda, Mittwoch den 31. Januar 1912.
39. Jahrgang.
25.
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5ul-aerW Zeitung
A.parzester i» §«kda. wochmlxilarei ^flttftrierte Somrtag^eitnttg“ moiLkbeiiage: „zuidaer GeschlchtrbMer" ’S??
Preußischer Lanvtag.
Sitzung vom 30. Jai lrar 1912.
Das Haust eijit dost Andcnlen des verstorbenen Abg. Riesch (frf.J in der übiichen Weise.
Nach Erledigung einiger Rechnnngstsachen beginnt die
1. @totSberaiuHg.
Abg. v. Pappen beim (kons.): Die Thronrede kündigt unZ ein reiches Beratung-material an. Mt dem Eisenbahueial hängt bte Frage der Ersenbahn, gemein sch ast zusammen deziv. ihrer weiteren AuS- dehnuug auf Württemberg und Bayern. Wir stehen einer wichen Eifeubahngemeinschast nicht freundlich gegenüber, wen» ste mit der Gefahr verbunden ist, daß dadurch die Selbständigkeit Preußens oder eines anderen Bundesstaates beeinträchtigt wird. Meine Freunde Haden im Vorjahre ihre Zustimmung zu der Beteil q>mg der Bergverivaltung am Kohlen- fyndi'lat ausgesprochen. Das will nun nicht heißen, daß der Staat sich ganz und gar den Bestrebungen bei Kohlewyndikats anschließen und damit die ein!eiligen Wünsche des Kohlenlyndikats fördern solle. Wrr haben es für nölig gehalten, daß d'.r staatlichen Bergverwai- tung bei den staatlichen Maßnahmen der Kohlen- syndilate ein Einfluß eingeräumt iverdeu müsse, der geeignet ist, die Interessen von Koblenpioduzenwn und Kohlenkonfumen!en bei Festsetzung der Preise auszugleichen. Im Etat der Finanzverwaltung machten sich besonders segen-reich die Folgen der Rei oS- finanzresorm bemerkbar. (Lachen links.) Einer besonderen sorgfältigen Prüfung wird die geforderte Vermehrung der Kreisfchulinspeklionen im Hauptamt bedürfen. (Betfall rechts.) Wir Haden eine Finan.wirtschaft wie kein anderer Grobstaat. Wir persönlich brauchen uns darauf nichts zugute tun. Jahttuuderte hat es bedurft, um solche geordneten Zustände zu schaffen. Die Verwaltung hat eben mit sicheren fester Hand, mit Zieibeivnßtwm die wichtigste Aufgabe tut Auge behalten: die Autorität des Staate? zu stützen. (8ebb. Bestall rechts.) Die Früchte dieser Tätiglcit haben wir dis in die letzte Zeit, Gott sei eS gedankt, gespürt. Und wenn jetzt ernste Gesah (Lachen der Soz.) gerade für diese Errungenschaft vergangener Jahrhunderte unS bedroht, so soll im8 das eine Lehre für die Zukunft fein. (L vH. Bestall rechts.) Wir müssen es als unsere ernste Aufgabe betrachten, die Autorität des Staates, des monarchisch en Staates (lebh. Beifall rechts) anfrechtznerhalten. Die Ausrechterhallrmg der Autorität der monarchifchon Gewalt ist der Fels, ans dem das Deut'che Reich allein berühmt kann. Wtr werden das Erbe, das unsere Väter hmter asseu Haden, erworben, um es zu besitzen. (Stürm. Bestall rechts, Abg. Hirsch fSozst macht mit dem Rotizcnmaterial für seine Rede höhnische Gesten, ivoraus die Rechte mit andauerndem Gelächter antwortet.)
Aba. Herold (Ztr.): Im Allgemeinen wird man sagen Ilinnen, daß der Etat ein günstiges Bild bietet Wenn, er ein Defizit von 19 Millionen aufweist, so mutz man immer im Auge behalten, datz in Wirklich, leit ein Defizit nicht vorhanden ist, da ihm ja die 57 Millionen des Ausgleichsfouds gegenüberstehen, daß also in Wirklichkeit der Etat mit einem Ueberschuß von 38 Millionen abschließt. Meine Freunde sind der Ansicht, datz ernstilch zu prüfen ist, ob die durch die Z u. schlage vor 3 Jahren eingeführte Erhöhung der Einkommensteuer wirklich beibehalten werden mutz. Im Ersenbahnekak ist die Vermehrung der Beamtenftellen zu begrüßen. Auch der Altpenfionäre hat man int Etat gedacht, doch werden wir ernstlich erwägen müssen, ob es nicht möglich ist, den Altpensionären einen Rechtsanspruch auf erhöhte Pensionen zu sichern. Dankbar erkennen wir an, daß der Etat der Lcmo» wirtschaft eine Reihe von Positionen aufweist, die geeignet sind, die Lage unserer Landwirte bei Seuchen usw.'zu bessern. Ich komme nun zum Kultur- eint. In reu er er Zeit sind Bestrebungen im Gange, unsere Jugendpflege in einseitige Bahnen zu leiten. Wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, datz unsere Ingendbildnngsanstalten auf konfessioneller Grundlage aufgebaut sein müssen. Wer den letzten Wahlgang beobachtet hat, der wird feststellen müssen, "“6 cS wirklich der Aufbietung aller vorhandenen Mit- wl beoarf, um dem Umsturz wirksam entgegenzutreten. LaS Ltiie Schutzmittel aber gegen den Umsturz liegt einzig und allein in der positiven Religion, sei die nun katholisch oder protestantisch. Hier steht die Re» gieruiig tatsächlich am Scheideweg. Geht
die Regierung hier bar richtigen Weg, dann behält sie WiderstandOkrast gegen die Umsturzbestiebungen. (Beifall im Ztr.). Bei der Dürre de» vergangenen Sommer» hat sich die Bedeutung unserer Schutz. Zollpolitik gezeigt. (Lachen link».). Auf da» Ausland konnten vir nicht rechnen, aber unsere Land- wirtschaft war im wesentlichen der Situation gewachsen. Zum Schluß noch ein Wort über die eben voll, zogene
SkeichStagSwahl.
Die ©ogtalbemotraHe, da» erkennen wir ohne weiteres an, hat große Erfolge errungen. Aber auch baS Zentrum hat sich in dem schweren Wahlkampf gut behauptet. E» steht wiederum da als der unüber- windliche Turm. (Widerspruch links.) Wenn Sie — nach der Linken — meinen Worten nicht glau- ben wollen, so verweise ich Sie auf einen Leitartikel der „Rheinisch-Westfälisch. Zeitung" — meines Wis- sens doch fern Zentrumsblatt — der die Ueberschrist trägt: „Zusammenbruch der Handelspolitik, die Libe» taten zermalmt l" und in der .Zukunft" von Harden, der doch gang gewiß kein Zentrumsmann ist. Harden schreibt: .Die nationalliberale Partei hat 4 Mann durchgebracht, die Fortschrittliche Volkspartei nicht einen .... Schuld Eurer törichten Taktik, Eurer widrigen Unwahrhastigkeit. Statt Enttäuschung und Rieder- tage männlich zu bekämpfen, tun die liberalen Männer, als feien Siege erfochten, keiner glaubte." Ich glaube, es ist noch von Interesse auch die Aeußerungen diese» Mannes einmal der Öffentlichkeit zu übergeben. (Sehr gut recht» und Lachen links.) Schließlich sind ja auch von den Nationalliberalen und von der Fort- schrittlichen Volkspartei mehrere Mandate erobert worden, aber doch nur mit Unterstützung anderer Parteien. Die Ursache dieser Entwicklung ist in erster Linie der unglaublichen Verhetzung, die mit der Reichsfinanzreform getrieben wurde, zu suchen. Die künstlich erregte Bevölkerung ging nicht zum LiberaliS- mus, sondern zur Sozialdemokratie über. (Sehr richtig rechts und im Ztr.). Die liberale Presse stand, was die Hetze anbelangt, um nichts hinter der sozialdemokratffc^n zurück. Das Bürgertum mutz de», halb eine derartige Presse auf das Aeutzerste bekämpfen. (Sehr richt, rechts u. t. Ztr.). Als die Hauptwahl vollzogen war, als sich eine erhebliche Steigerung der sozialdemokratischen Mandate herausstellte, d-a erst hat die Regierung vermittelnd zwischen den büt> geglichen Parteien einzugreifen verflicht. Diefe Ver. Handlungen sind leider gescheitert, in erster Linie war eS die Fortschrittliche Volkspartei, die bei bet Einigung nicht mitmachen wollte. Aber auch die Zentrale der nationalliberalen Partei nahm keine ent» scheidende Stellung. Erfreulicherweise hat die netto» nalkiberale Partei in manchen Wahlkreisen mehr Ein- sicht bewiesen, als die Zentralleitung hier in Berlin, (Sehr richtig im Ztr. und große Heiterkeit links.) Im Westen haben sich die Nationalliberalen mit dem Zentrum für gewisse Kreise geeinigt DaS Zentrum hat diese Einigung voll und ganz erfüllt und durch die Tätigkeit de» Zentrum» sind die na- iionalliberalen Kandidaten in den Reichstag eingezogeu. (Sehr richtig.) Die National- liberalen aber ljaben — den Führern will ich keinen Vorwurf machen — diese Einigung nicht voll und ganz e r f ü llt. Durch die Schuld der Nationalliberalen ist Düsseldorf auch in diesem Wahlgange wieder der Sozialdemokratie ausgeliefert worden. Bei bet Ersatzwahl in Düsseldorf im ersten Wahlgange und auch int zweiten Wahlgange, als es sich darum handelte, einen Zentrumsmann oder einen Sozialdemo- traten zu wählen, da hat der erste Beamte des Regierung» bezirk» nicht mitgewählt (Lebh. Hört! Hört! im Ztr., große Unruhe link».). Das tritt um so schroffer m die Erscheinung, al» hier in Berlin (Lärmen und Zurufe link»: ganz gemein!) als eS sich um einen Sozialdemokraten oder Fortschrittler handelte, da» gesamte Staatsminister i u m zur Wahl gegangen ist, um den Fortschritt», mann durchzubringen. Dieser Vergleich zwischen Zen. trum und Fortschrrtt drängt sich ganz unwillkürlich auf. Und nun komme ich auf Köln. Köln ist gefallen durch die Schuld bet nationalliberalen Partei. (Sehr richtig! int Zentrum.) ES war von vornherein nickt in den Kompromiß einbezogen, weil die nationalliberale Partei daS abgelehnt hat und wir haben daS Opfer gebracht, auch ohne Köln eine Abmachung mit der nationalliberalen Partei zu treffen — gewiß ein großes Entgegenkommen. Und nun hat man den verdienten Abg. Trnnborn, der feit fast zwei Dezennien seine ganze Arbeitskraft für da» Wohl de» Vaterlandes,
Ae Lochler te Verbmjsü.
58] Rowan von Adele Böttcher.
C^-ja steigt aus und folgt an bei Seite ihres Begleiters tn einiger Entfernung den zwei voran» schreitenden Mannern. Jetzt sicht sie die beiden vor e-nom der kleinen Häuser stehen bleiben und die Glocke ziehen itnd gleich darauf beide in der Haustüre verschwinden.
Ein paar Minuten wartet der Geheimpolizist noch — bann tritt auch er mit Sonja ein ins HauS.
Aus einem Stuhl in deut Halbdunkeln Hausflur sitzt Nina Lungo. blaß lor Wut, während Tostllt ihr gerade Handfesseln anlest und aus dem nächst, gelegenen Zimmer heftiger Wortwechsel herübergellt.
„Brauchen Sie Hilfe, Kollegs?" ruft der Geheimpolizist durch die Tür."
„Nein, danke. Werde schon allein mit ihm fertig."
„Was — was ist los?" ächzt bie gefesselte Frau, Inbent sie aufspringen und in das Zimmer eilen will.
„Wir verhaften Sie wegen gesetzwidriger Frei- heitsberaubung eines alten, bliM. n Mannes — be< Großvaters dieser Dame hier," erwidert Toselli ruhig. „Und wegen anderer schwerer Vergehen — Erpressung und so weiter — wegen welcher Sie sich bald Vor Gericht werden zu verantworten haben. Begeben Sie sich hinein ins Zimmer dort! Ich bin
höflicher Mensch uud möchte-Sie nicht eher von Ihrem Gatte» trennen, als es absolut nötig ist. Vorwärts!"
htni'^rvo-tA Werk, erbärmliche russische Die» Ana, indem sie die gefesselten Hande gegen So«,«, schwingt. „Aber Wat te nur!“
„€ml! gebietet Tolellt unsanft Ich mochte
IMt lauter Werdende rankende ©timm«
Bei ihrem Eintritt will Bernardo seiner Frau entgegeneilen. Doch der Geheimpolizist hält ihn davon zurück.
„Verhalten Eie sich ruhig! Sonst geht es Ihnen wie Ihrer Frau hier! öerftanben?"
Bernardo- Arme sinken herab.
Nina jedoch fährt, wild mit ben gefesselten Händen in der Lust herumfuchtelnd, auf ihren Mann los:
„Memme bu! Söfft behte Frau fesseln und tust nichts zu ihrer Sefretung?"
Eine kurze Beratung zwischen ben brei Polizisten. Dann werben auch Bernardo Hanbeisen angelegt — „der Vorsicht halber", man kann ja nie wissen —
„Nun zu dem Alten!" befiehlt der rusiische Geheimpolizist. „Sie kennen Wohl den Weg, Toselli? Führen Sie uns! — Und du, Petrowitsch —", er wendet sich zu seinem russischen Kollegen — „Du bewachst inzwischen die betben hier!"
Petrowitsch nickt und postiert sich neben den ^nngos, während die anderen die schmale Stein» treppe hinausklimmen und beim Schein einer Blendlaterne den dunklen Korridor entlang tappen.
Jetzt ein schwache- Geräusch, eine Art Stöhnen hmter einer niedrigen Tür.
„Da- mutz er sein!" flüstert der Geheimpolizist. „Rommen Sie, meine Herren! Sie, Madame, naben die Güte, vor der Tür zu warten, bi- wir Sie rufen!" Und schmt verschwinden die beiden Männer hinter der Tür.
Bewegung-lo- verharrt Sonja an derselben Stelle. Soviel Schreckliches hat sie bereit- erlebt, bafe das, Wal sie hier erwartet, kaum mehr Eindruck auf sie mad)t Rach wenigen Augenblicken schon öffnet sich wieder die kleine wurmstichige Tür. Der Geheimpolizist bedeutet Sonja, näher zu treten.
In einem halbdunkl«, muffig« Raum sitzt der alte Russe «rt einem Holzschemel. Bor ihn» kniet Toselli, im Begriff, die Strick« von sei»« Armen wä> stützen m - /
Mittag bte Steife na strengsten Inkognito bet Reichstags
gswahlen ans Grund der
im nis
nachmittag die Reise nach Celerina in der Schweiz an. — Das Gesamtergeb-
Die Konservativen stehen etwas besser da, aber auch sie haben unsere Stimm.n vielsack haben wollen, haben unsere Vertrauensleute zu bestechen vcrsncht (Unruhe rechts), z. B. in Elbing-Marienburg; hier war es freilich nicht Herr von Oldenburg, sondern der Kandidat der Reichspartei. (Große Unruhe rechts; Rufe: Beweise.) Nun, das wissen Cie ja selber, daß man über solche Dinge nicht- Schrijtkiches aus der Hand gibt. Die Aussagen tmserer Berlrauenslrttle über diesen Punkt müssen Ihnen vollfländig genügen. (Schallende Heiterkeit rechts.) Der Redner wendet flch schließlich zum ©tat, spricht gegen die vbligalorische Gestaltung der Eleuerzuschläge und fragt, was an der Nachricht wahr sei, daß man beim Wahlgesetz die Drittekung in den Urwatzlbewirken beseitigen wolle.
Das Haus vertagt sich.
Persönlich verwahrt
Abg. Freiherr v. Zedlitz (freit) die Reichrpariet dagegen, mit den Vorgängen in Elbing-Marienburg in Zusammenhang gebracht zu werden.
Abg. Granowski (Ztr.): Auch ich meinerseits bin in der Lage, die Behauptung des Abg. Hirsch über Versprechungen in bezug auf da- Wahlrecht als objektiv unwahr zurückznweiftn.
Mittwoch: Fortsetzung.
Deutsches Keich.
*♦ Berlin, 30. Jan. 1912. Der Kaiser stattete Dienstag vormittag dem Reichskanzler von Bethmann-Hollweg einen längeren Besuch ab. — Das Kronprinzenpaar tritt Mittwoch
amtlichen Feststellungen ist vom „Reichsanzeiger" in einer besonderen Beilage gestern veröffentlicht worben. — Die Wahl bes Reichstagspräsi» b i u m - wird voraussichtlich am 12. Februar statt- finben. — Entgegen anberSlautenben Meldungen besteht, wie bte „Post" hört, zurzeit nicht bte Absicht, eine Altersgrenze für Richter festzusetzen. — Der Staatssekretär bes Kolonialamtes Dr. S o l f beabsichtigt seine Lonboner Erfahrungen durch eine Reise nach Amsterdam und Antwerpen zu ergänzen. Auch wirb er bte Steinschleifereien in Hanau unb Jdai besuchen. Es b-stzcht bie Absicht, bte deutsche Schleif- industrie für die Bearbeitung der deutschen Roh- biamanten heranzuziehen.
♦ Der Dank des Kaisers. Der „Staatsanzeiger" veröfsentlicht einen kaiserlichen Dankerlatz für die dem Herrscher zum Geburtstag dargebrachten Wünsche. Der Erlaß nimmt Bezug auf die Erm- uerungsfeier für Friedrich den Großen und spricht die Erwartung aus, daß Friedrichs Geist immerdar im preußischen Volke fortleben möge. Wenn es jemals nötig sein sollte, das von ihm überkommene Erbe an ideellen unb materiellen Gütern vor Gefahren zu schützen, bann würben die deutschen Stämme S einmütig um ihren Fürsten scharen und über m Parteihader hinweg sich nur von dem einen friderizianischen Gedanken leiten lassen werden: Alles für das Vaterland."
Zm Abgtordnetcnhanst zeigte sich schon gestern, daß bie Vorgänge, die sich im Reiche abgespielt haben, eine Rückwirkung auf das preußische Parlament haben werden. Im Gegensatz zu den sonstigen Jahren, wo die Etatsredner sich in der Hauptsache mit der Finanzlage u d den aktuellen gesetzgeberischen Materien br'aßten, war gestern die Etat?« beratung ziemlich in den Hintergrund getreten.
Fulda und im Einvernehmen mit der Leitung der Kölner Zeutrum-partri ein Wahlabkommsn zwischen Zentrum und Eozialdemokratio abgeschlossen worden fei. (Eine Reih« von Mttgliescrn de- Zentrums in diesem Hause ist ja nur i ' ' ~ ' ""
gewählt worden, nachdem ste
ütgltescrn deS Zentrums in mit sozialdemokratischer Hilfe n ste sich verpflichtet hatten, für gereifte Forderungen der Sozialdemokratie, so z. B. in Sachen des Wahlrechts, einzutreten. Aber das ist ja eben der ganze Unterschied zwischen Ihnen (zum Zentrum) und un8: Wir gestehen unsere Sünden, wenn wir überhaupt welche begangen haben (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) ein, aber Ste leugnen alles.
nicht zum letzten auch der Stadt Köln eingesetzt hat, gegen einen Neuling, gegen einen Sozialdemokraten, unterliegen lassen. (Lebhafte Unruhe im Zentrum unb Zurufe links.). Und obwohl da» für einen Mann, der soviel für seine Vaterstadt gearbeitet hat, ganz gewiß außerordentlich kränkend war, erließ er einen Aufruf an die Wähler der Wahlkreise, wo Kompromisse abgeschlossen waren, und forderte alle Zentrumswähler auf, im Interesse der Vaterlandes geschlossen für den Nationalliberalen einzutreten. (Hört! hört! im Zentrum.) Der Abg. Xrtntbont ist unterlegen, aber er steht jetzt angesehener da als je zuvor. (Leb- haste Zustimmung im Zentrum.) Ich will e» unterlassen, Vergleiche zu ziehen, um keine persönliche Spitze in diese Verhandlung hineinzubringen. (Lachen und Unruhe bei den Nationalliberalen.) Da» Zentrum ist lonfequent gewesen tn der Bekämpfung der Sozialdemokratie, nicht nur im jetzigen Wahlkampf — (Zurufe links: Speieri) — ich glaube wirklich, e» ist überflüssig, nochmals zu sagen, wie das zusamrnen- hüngt. Ich sage nur daS eine: Das Zentrum ist konsequent geblieben in der Bekämpfung der Sozialdcuw- kratie (Widerspruch link»), nicht nur im jetzigen Wahlkampf, sondern auch 1907 (Lachen bei den National- liberalen). Mit derselben Energie wie heute haben wir auch damals den Kampf gegen die Sozialdemokratie geführt. (Lachen links.) Wettn unS damals Vorwürfe gemacht find, so bestanden sie darin, daß unS von bat Gegnern vorgehalten wurde, wir hätten Stimmenthaltung proklamiert und dadurch seien der Sozialdemokratie Mandate zugefallen. Jetzt zeigt sich aber, daß das, waS damals die Zentrums- Partei proklamiert hat, alle Parteien in diesem Wahlkampf ohne Ausnahme auch getan haben. Die- selbe Partei unterstützen, die ohne Gegenleistung auf anderen Gebieten mit aller Entschiedenheit einen bekämpft, das ist Selbstmord der eigenen Partei. Das haben jetzt auch die anderen Parteien eingesehen. Aber die liberalen Parteien haben auch positiv die Sozialdemokratie unter st ützt. Die Fortschrittspartei hat direkt ein Bündnis mit der Sozialdenwkratie geschlossen. Nach der Wahl 1907 wandten sich Wassermann und Dr. Wicmer scharf gegen die Sozialdemokratie, gegen deren Terrorismus und Zügellosigkeit; heute ist das anders. Wenn mir hier eben der Vorwurf gemacht ist, w i r hätten 1907 auch die Sozialdemokratie unterstützt, fo werden Sie (zu den Sozialdemokraten) doch jemanden als Zeugen für uns anerkennen, der zu Ihnen gehört; da- ist der Abg. Bebel. Er hat 1907 dem Abg. Bas- grmann gegenüber erklärt: diese Anklagen sind absurd.
o der Abg. Bebel. Der Wahlkampf ist nun zu Ende, und der Zwist unter den Parteien sollte fein Ende erreicht haben. Unsere Partei wird zu gemein« Jamer Arbeit mit den übrigen bürgerlichen Parteien im Interesse deS Staatswohls stets bereit sein, hoffentlich auch bie anbern Parteien. (Lebh. Beifall im Zentrum.)
Bizepräfldent Dr. Porsch ruft den Abg. Schepv wegen des Zurufs .Gemein" nachträglich zur Ordnung.
Abg. Hirsch lSoz.): Konsequenterweise hätte der Abg. Herold fordern follen, daß den preußifchrn Ministern die Ausübung des Wahlrechts überhaupt entzogen werde. Wenn wir in Preußen das deutsche Wahlrecht besäßen, so würden wir hier mindestens 97 Abgeordnete besitzen. lGelächter» Wir erachten es als untere Pflicht, nach wie vor gegen daS preußische Dreillaffenwahlrecht zu agitieren. Wenn wir die Riederringung des schwarzb.auen Blockes als unsere Hauptaufgabe betrachten und der Liberalismus sich zu der gleichen Erkenntui- durchgerungen hat, so war unser taktisches Zusammengehen mit demselben bet den Stichwahlen richtig. Wenn die Fortschrittler durch das Zusammengehen mit uns wirklich ein Verbrechen begangen haben, dann fitzen im Zentrum — natürlich nicht hier tot Hause «Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) — Bewohnhettsverbrecher, denn ne haben gewodnheits- unb gewerbsmäßig auf dreiem Gebiete gesünoigt. Der Abg. Herold bestreitet das. Hat aber das Zrntium nicht soeben bei den Reichstagswahlen in Oberschlesien mit unS den Polen gegenüber Geschäfte machen wollen? Und wie wars im Jahre 1907? Ist da nicht tatsächlich ein Wahlbündnis zwischen uns und dem Zentrum zustandegekommen, und zwar nicht auf Anregung von unserer Seite, sondern auf Anregung des Zentrums? (Widerspruch im Zentrum.) Redner verliest dm bekannten Briefwechsel zwischm dem Abg. Müller-Fulda und dem verstorbenen Adge« ordnelen Singer, um daraus fäljchlich zu folgern, daß tatfächlich und zwar auf Anregung deS Adg. D-Üller-
„Erst was zu effen und — zu trinken!" stöhnt der Greis. „Die Schufte wollten mich — auf alle Arten martern, um mir meine Unterschrift zu er» preflen. Aber — sie haben mich nicht besiegt! Der alte blinde Samueloff ist stärker als sie — haha- haha!"
Toselli tappt sich wieder hinunter in die Heine Küche und kehrt gleich darauf mit einem Laib Brot und einem Fiasco Chianti zurück. Erft al» der Alte, jauchzend und schmatzend vor Wonne, sich gestärkt hat, erklärt der Geheimpolizist den Grund thres Hierseins.
Ohne jedes Zeichen von Berwundernng oder Erregung hört der blinde Greis zu. Noch einen tiefen Zug tut er aus der Korbflasche, bevor er mit wiedergewonnener Behaglichkeit fragt:
„Auch meine Enkelin ist da? WaS will sie von mir?"
„Eie will Sie retten, Samueloff!"
„DaS heißt daS? Ich bin frei von meinen Reinigern, den LmgoS! Also bin ich schon gerettet."
„Sir irren. Ich bin der bekannte rusiische Geheimpolizist Kousky und von meiner Regierung mit Ihrer Verhaftung beauftragt Der italienische Detektiv Toselli hctt kein Recht zwischen Ihnen und mir zu intervenieren. Er handelt nur nach meinen Befehlen. Ich allein bin es, der Ihr Geschick bestimmt, Boris Samueloff. Und ich stelle meine Bedingungen."
„Ich versteht --- Welche- sind Ihre Sebingim» gen?'r
„Erstens werden Sie sich von mir zurück nach Rußland transportieren lassen —"
,Hm, hm — eigentlich ist «8 egal, ob ich hier oder in Sibirien sterbe!"
„Zweitens muffen Sie mir den Scheck cmShän- bigen, den der Marchese Orlando Campanew Ihnen kürzlich übersandte."
„Den hab' ich nicht Die Schufte nahm« ihn mir ab."
«Will« Sie. wo er versteckt ift?*
„Nein. Aber er muß im Hause sein. Ich kenne die Sente zur Genüge; sie geben ihn nicht aus den Händen. Warten Sie —“
Einige Augenblicke denkt der Alte nach. Dann verzieht jenes diabolische Grinsen, das Sonja von jeher mit Entsetzen erfüllte, feine gefurchten Züge.
,Letzt will ich Ihnen meine Bedingungen machen, mein werter Herr Kousky", fährt er etwas spöttisch fort. „Sie sollen den Scheck haben; ich will es schon hermcsbringen, wo er steckt. Nur muffen Sie mir erlauben, daß ich mit den LungoS Abrechnung auf meine Weife halte — gewiß eine geringe Gegenleistung für das hübsche Sümmchen von zweihunderttausend Frauken!"
Verwundert blickt der Geheimpolizist auf den Greis, der durch nichts aus feiner philosophischen Ruhe herauszubringen ist.
„Also abgemacht", erwidert er nach kurzem Zö* gern. „Was haben Sie vor?"
„DaS werden Sie schon noch erfahren. Führen Sie mich nur hin zu der flebwerten Donna Nino und ihrem tapferen Gatten!"
Mit Hilfe der beiden Polizisten schwankt der Alte die Treppe hinab, hier und da einen Schmer» zenSlaut ausstoßend, da seinen wunden Füßen ist, alS träten sie bei jedem Schritt auf glühendes Eisen.
Unten im Korridor hocken inzwischen Nina und Bernardo dicht nebeneinander. Noch einmal vor- fuchie die Frau zu schreien, doch ein von Petrowitsch auS der Tasche gezogener Knebel, den er ihr warnend vor die Augen hielt, lleß sie rasch den Muni wieder schließen.
Jetzt schweres Tappen die Treppe herab. Beim Anblick der mächtigen, trotz der körperlichen Schwä» che imposanten Gestalt des blinden Grerses fährt die gefesselte Fran auf» neue wmend auf. Nasch und keuchend geht ihr Atem.
Mit lauschend dorgebeugtem Oberkörper steht Samueloff einige Sekunden krag da. Dann nähert « sich Nina.
rs-rlschm, H*)