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wochenbrimge: »Muftrierte 5onntagzzeitung" monatrbellage: „Zuldaer Geschichtrblätter"
aeylgei: vrr Sann tiw«eiwf».6elenel< »eilt, 47 mm breit, »stet ILPfg. Sri! amen: vrr Saarn einer Colo- »elzeile, 74 mm breit, kotzet 40 pfg. Sei wie. berholnngen Sabatt. KRrVßert. «. Auriunst- «Kjtitn 20 pfg. extra.
Notation »druck u. vertag der Lulbaer AetteNbruckerei L$nl6a Lernsprechrr llr. 9.
.1# 23.
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Fulda, Montag den 29. Januar 1912.
33. Jahrgang.
K Die Präsidentenwahl.
So ift's recht. Man mutz den Mut seiner Meinung haben. Ter Großblock-Herold „Berliner Tageblatt" schlägt allen Ernstes vor, einen S y z i a l d e- ,m otraten zum Präsidenten des Reichstags zu ioählen. Wohlgemerkt: zum ersten Präsidenten, der die Geschäfte des Hauses regelmäßig leiten, di« Hauspolizei auSüben und die Volksvertretung repräsentieren soll.
Also die rote Fahne soll über dem ReichZ- sagspalast gehißt werden! Tas ist doch ein Vorschlag, der Hand und Fuß hat und klare Verhältnisse schassen kann. Es wäre uns sehr lieh, wenn die sozialdemokratisch« Fraktion selbst oder deren „fort« schriftliche Schleppenträgern! eine solche Kandidatur aüfstkllen wollte. Dann würde sich sofort zeigen, ob wirklich eine Rotblockmehrheit im neuen Reichstag vorhanden ist, — was wir trotz aller liberalen Rechenkünste noch bezweifeln.
Nebenbei würde auch drastisch vor aller Welt klargc stellt, daß in der letzten Wahlschlacht nicht der Liberalismus, sondern vielmehr die Sozialdemokratie Sieger geblieben ist. In der Tat, fiic Liberalen haben es tob in gebracht, daß die Um« turzpartei die zahlenmäßig stärkste Frak- tion des ganzen Reichstags geworden ist, und daß sie, wenn man einen Linksblock konstruieren will, dos entschiedene vebergewicht über die beiden liberalen Parteien zusammen hat. Also wenn man die «Front gegen rechts" weiter fort* führen will, so bleibt nichts anderes übrig, als der Sozialdemokratie das Reichstagsszepter auszuliefern. Tie beiden liberalen Parteien konnten dann tciunl- Phierend die rote Schleppe des Herrn Stadthagen oder eines anderen „Genossen" tragen.
Natürlich find nicht alle Linksliberalen schon reif sür eine solche Selbstmsopferung vor dem Umsturz* altar. Die „Voss Zeitung" führt im Gegensatz zu dem erwähnten Großblockherold mit viel Worten äiis, daß der erste Bralidei-t den liberalen Parteien entnommen werden müsse, weil der Libcralis- jhms der Sieger hn Wahlkampfe sei und der zeitige Beherrscher der Lage.
Ja, es wi'd uns gewöhnlichen Menschenkindern schwer, der liberalen Logik und dem fortschrittlichen Adam Riese zu folgen. Wenn man auszieht, um mehrere Dutzend Mandate zu erobern, und dann mit einem V e r ku ft von 12 Mandaten Heinikehrt, so hat man „gesiegt" und darf auf Grund der ver- tziinderten Stärke die Herrschaft im Reichstage be- anspruchen!!
Sollten aber die Herren Bafserman» oder Kämpf durchaus ihre Kandidatur für den ersten Präsiden- kenposten aufstellen wollen, so sagen -vir: Schön, seht nur zu, daß ihr die Mehrheit der Stimmen bekommt und — behaltet! Eine oder zwei Stimnien über die Mehrheit aufzubringen, würde nur die Einleitung zu eurer schweren Kraftprobe sein Denn der Präsident hat nicht bloß den Beruf, auf einem erhöhten Sessel zu thronen, sondern er soll und muh erstens die Geschäfte de§ Reichstags fördern und zweitens die O rd- it u n g aufrecht erhalten. Das kann er aber nicht, wenn er von der Sozialdemokratie durchgebracht worden ist und also von dieser Partei der B e r- n e i n u n g und der Unordnung abhängig ist. Er muß andauernd eine Mehrheit aus den A r- vcits- und§)rdnungspar1eien hinter sich haben Im anderen Falle kracht die Herrlichkeit sehr bald zusammen.
Daraus folgt: ein brauchbares und dauerhaftes Präsidium ist nur möglich, wenn sich eine Mehrheit der positiven Arbeit bildet. Und diese positive Mehrheft ist alsbald in genügender Stärke vorhanden, wenn nur ein Teil der nationallibera- len Fraktion den Entschluß kundgibt: Wir wollen Mitarbeiten an der nationalen Aufgabe, statt hinter der internationalen Umsttrrzpartei als Schleppenträger einherzutrotten >
Ne Tschler te BerSmuten.
6] Rowan von Adele Böttcher.
Es ist ein schlichtes Wiegenlied, das ehedem in seiner ergreifenden Innigkeit Orlando oft bis zu Tränen pibrte Heute fehlt der Stimme jener Schmelz, dem Vortrag jede Empfindung. Wie eine gesprungene Glocke klingt ihr Gesang - scharf, schrill, seelenlos. ' "
Im Auditorium ist alles starr vor Verwunderung. Als die Sängerin das Podium verläßt rüb- ren sich nur wenige Hände. r
„Ein Mißerfolg!" „Es ist alle mit ihr!" „Trauriges Auftreten!"
„Ich habe genug von dieser Größe!" , Solche und ähnliche halblaut geflüsterte lieblose .Bemerkungen, begleitet von spöttischen Blicke« und Gesten, dringen an Orlandos Ohr.
Mcht duldet eS ihn »rehr zwischen all diesen gaffenden, schwatzenden, spottenden Menschen. Er springt auf und verläßt hastig den Saal.
Ach, wie mag ei in dem Herzen des unglücklichen g!eibes aussehen, das bis vor kurzem noch von der unst eines verwöhnten Publikums getragen, jetzt plötzlich brüsk und rücksichtslos zurückgewiesen und der Lächerlichkeft preisgegeben wird? . . . Ein unendliche« MitleS erfaßt Orlando. Jetzt steht sein Entschluß fest. Er darf sein Weib nicht von sich stoßen. Sind sie nicht verbunden fürs Leben, „bis dah der ftc scheidet"? Mit unumstößlicher Ge- £”5/ett kühlt er, daß in feinem Herzen unter der flsche noch ein Funken jener leidenschaftlichen Liebe ui fernem Weibe glimmt, um deretwillen er mit Semem Vater brach und Rot und Entbehrung an Sonia» Sette entern Leben voll LnxuS und Ueber- i Ein v°" «-danken und Pläne« Wirbelt kn seinem Kopf herum. Soll er in Rom bleiben und das großmutige Anerbieten de» Oberst Mor- Demo o«nehme«'? • • Oder soll er sich ga^ h«,
Bildet sich eine Arbeitsmehrheit aus Konservati- ven, Zentrumsleuten und Nattonalliberalen, so werden die beteiligten Fraktionen unter sich auS- z u m a ch e « haben, welche Persönlichkeiten auf den ersten, zweiten und dritten Posten berufen werden feilen. DaS Zentrum ist heute die weitaus stärkste unter den posftiven Parteien; aber daS war es schon fest Jahren. E» hat den ersten Präsidenten gestellt, wenn eS die Verhältnisse forderten, aber cs hat auch auf die erste Stelle verzichtet, wenn das aus irgend einem Grunde zweckmäßig erschien. „Grundsatz e" für die Verteilung der Präsidentenstellen gibt es nach der wechselvollen PrariS im Reichstage nicht mehr. ES ist eine Zwerfmäßigkeits- frage getoorben. Die arbeitswillige Mehrheit ordnet die Sache so, wie eS für die Würde und für die Fruchtbarkeit der Verhandlungen am Vorteilhaftesten erscheint. Mittlerweile ist ja auch aller Welt, abgesehen von gewisien Größenwahnsin- nigen auf der Linken, ganz klar geworden, daß die Reichstagspräsidentfchast weniger eine Lnst, als eine Last ist.
Mögen die neugewählten Arbeftsdienen zufehen, wie sie den Poften am besten besetzen. Wir setzen nur als selbstverständlich voraus, daß die positiven Parteien der Sozialdemokratte und den inksliberalen Bundesgenossen gar kein Zuge- tändniS machen. Sollte Herr Basiermann eine Verständigung mit den Nationalliberalen vereiteln, so kann man ja die Großblockpolitft im eigenen Fetts chmoren lassen. Dann mag die angeblich siegreiche Linke einmal zeigen, was sie leisten kann.
Wer nicht hören will, der muß durch herbe Erfahrung klug werden.
Sie ReWGmhlm.
♦ Das amtliche Wahlergebnis.
Auf Grund der endgültigen amtlichen Ermittlungen über die Hauptwahl und die erste Stichwahl sowie der vorläufigen amtlichen Ermittelungen über die letzten Stichwahlen wird nunmehr die nackstebende Elebetfift veröffentlicht:
Parteien
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Konservative . . . . Reichspariei . . . .
Deutsche iRtformpartei . Wtrlschaftl. Seteinigung unb zwar:
Deutfchsopal . . . Christlich-sozial. . . Bund der Landwirte lonftige.....
Bayerischer Bauernbund Zentrum.....
Polen.......
Nationalliberale . . . Deutscher Baueiribund . Fottschrittl. Bolksparlet Sozialdemokraten. . . Elsässer......
Lothringer ..... Welsen......
Dänen......
Unbestimmt (Wilde) . .
59
26
5
2
4
7
103 20
51
49
63
5
3
1
1
6
43
14
3
2 3
3
2
2 93 18
45
2 41
110
5
2
5
1
3
8
5
1
1
1
2
5
24
2
14
69
2
5
2
22
16
4
1
8
15
2
30
22
12
2
1
1
397 | 397
139 139
AIS Unbestimmt (Wilde) find in dieser Tabelle bezeichnet die Abgeordneten Graf von Posadorosky, Warmuth, Frhr. Heyl zu Herrnsheim. Von diesen steht der frühere SraatSsekretär deS Innern der Rechten nahe, Abg. Warmulh beabfichtigt, sich als Hospitant der Reichspartei anzuschließen, und Frhr. Heyl zu Herrnsheim gehört dem äußersten rechien Flügel der nationaltiberalen Partei an. Zweifelhaft
ist einstweilen die po itische Stellung der beiden bayerischen Bauernbündler. Die Welfen werden im allgemeinen von der Rechten in Anspruch genommen, wie viele von ihnen dem Zentrum beitreten, bleibt abzuwarten. Von den Elsaß-Lothringer« kann man vorerst auch noch nichts Sicheres sagen.
2* Die Mehrheit im Reichstag.
Die Großblockpreffe fährt fort auSzurechnen, wie groß bie .sichere Mehrh eit" im neuen Reichs- tage ist, aber in dem Endergebnis weichen die liberalen Blätter doch von einander ab. Nach der einen Berechnung soll die Gesamtlinke über 201, nach der anderen 204, nach einer dritten über 203 Mandate verfügen. Ob der Linksblock 1 oder 2 oder gar 3 ganze Stimme über die absolute Mehrheit hat, das kann uns im Grunde sehr kalt lasten. Will man den neuen Reichstag durchaus in 2 Blöcke aufteilen, so ergibt sich ein Gleichgewicht. Falsch ist nach wie vor die Behauptung, daß jetzt eine Blockmehrheit von irgend welcher Leistung?« sähigkeit vorhanden sei. In diesem Sinne schreibt auch der .Berl. Lok. Anz.':
Wenn man feststen?« will, ob die bisherigen Mehrheitsparteien, also Konservative, RerchSpartei, Reform- parlei, Wirtschaftliche Bereinigung, Zentrum, Welfen, Polen und Elsäster auch im neuen Reichstag für die absolute Majorität von 199 Stimmen verfügen ober nicht, so rotib ein unbebtngt zuverlässiges Resultat sich vorerst kaum gewinnen lasten. Da bie genauere politische Färbung verschiedener nengewählter Reichsbolen einstweilen noch nicht endgiltig bekannt ist, wirb ein eudgiltiges Urteil über bie Gestaltung der Mehrheits- verhällniste erst nach ber Konstituierung beS Reichstags möglich sein. Daß bie Wahlen, im ganzen genommen, eine Ber chrebung nach links herbei geführt "haben, tft unverkenndar. Aber ber Jubel der Linken kann doch die Tatsache nicht aus ber Welt schaffen, baß bie bisherigen Mehrhettsparte»en ihr in nahem gleicher Stärke gegenüber fleben werden. Unb rote bie liberalen Bar- teien sich ferner mit der ihnen zahlenmäßig weit überlegenen Sozialdemokratie zurechtfinden werden, zumal ihre Beziehungen zu den anderen bürgerlichen Bar- toten sich nach den Erfahrungen dieses Wahlkampfes noch mehr verschlechtert haben, das wird erst einmal abzuwarten fern. Wenn eist der Zwang zu praktischer Arbeit roieber an bie Parteien herantreten wirb, bürste sich boch roohl manches anbers ausnehmen, als es im Rausche des Sieges diesem ober jenem erscheinen mag.
Tas glauben wir auch. Vor allem wird sich die nationalliberale Partei zn überlegen haben, wo sie ihre Stellung im neuen Reichstage einnehmen will. Sollte Herr Basiermann versuchen, die alte Haß- und Hetztaktik im Verein mit der Umsturz» Partei auch im Reichslag fortzusetzen, so würde er auf dem rechten Flügel seiner Partei so viel Widerspruch und Widerstand erfahren, daß seine Partei auseinanderflöge unb die papierene Linksmehrheit alsbald sich in eine Minderheit v.rwandelte.
Wahlkreis Marburg-KirchhaimFrankenierg.
* Von einem Rücktritt deS Reichstags«^. Rupp fabelt die ,Hess. Landcszlg.'. Sie meldet, Herr Rupp gedenke, zugunsten von Herrn Laltmann, des bisherigen deutichsoziakcn Führers, von feinem Mandat zurückzmreten. Dazu erklärt der deutsch- soziale Wahlausschuß:
Gegenüber Gerüchten, bie von demokralischer Seile verbreitet werben, stellen wir fest, baß der Reichslags, abgeorbnete Herr Rupp nicht baran benkt, auf sein Manbat, bas er bem Vertrauen |einer Wähler verdankt, zu verzichten. Von keiner Seite ist ihm übrigens ein derartiges Ansinnen gestellt worben. Daß gewisse Kreise natürlich froh wären, von neuem ihre Agitation ju beginnen, ist begreiflich. Die Mehrheit ber Wähler wirb aber froh fein, daß endlich Ruhe eingetefjrt ist.
♦ Frankfurt, 26. Jan. 1912. Die Peitsche bet Sozialdemokratie hat der Frankfurter Liberalismus zu spüren. Um die unterlegenen Frankfurter Freisinnigen zu reizen, wurde in der
der Welt zutückzichen und sich mit Sonja irgendwo in einem kleinen Nest vergraben, um kümmerlich, im Schweiße seines Angesichts, sein tägliches Brot zu verdienen unb seine Ehrenschuld langsam abzuzahlen? . . . Ach, hätte er doch jemand, mit dem er über all dies sprechen, den er um Rat fragen könnte! . . .
Nicht an seinen Vater denkt er in dieser schweren Stunde. Baker und Sohn sind verschieden. Stets hat dec kalte, «ach fttenafte« Grundsätzen lebende Marchese Sllvio den weichherzigen, unentschlosienen Sohn wie ein JHnb behandelt und ihn überall seine Ueberlegenhett fühle« taffen, sodaß Orlandos kindliche Liebe allmählich erkaltete.
An wen soll er sich wenden? . . .
All die vielen Freunde und Bekannte«, die ihn und sein Weib in den Tagen des Glücks umschmei- cheften — werden sie sich nicht, wen« er als Bitten- der, als ein vom Schicksal Verfolgtet zu ihnen kommt, talt abwenden? ...
Nut einer bleibt, auf den Orlando fest bauen r£"frUe*t Unglück noch fester, als vorher: der Oberst Morgans.
'5 ai zu thm will et hin! Zu diesem einzigen Freunde in bet Not! Ihm will et alle« «ariden! Unb was bet gute Oberft in feiner schlichte« Offen- heft ihm rät — das wird et tun! —
Al« Orlando eine Viertelstunde später in der Wohnung ber MotganoS nach dem Oberst fragt, er» halt er zur Antwort, daß die Herrschaften für einen •tag bmau! bet Villa Fortuna gefahren feien.
Der nächst Zug bereits trägt ihn hinaus nach Frascati. Beta Entschluß soll unabänderlich fest- stehen, bevor et nach Hause zurückkehrt.
Atmet Ottando! Arme Sonja!
Diese Betgögenatg soll beiden verhängnisvoll Werden.
Während Ottando Pläne schmiedet, um aus den Trümmern feine« früheren Eheglücke« für sich und fein Weib em neues Glück aufzubauen — wandert Sonja in einem fast traumhaften Zustand in ihrer einsamen Wohnung von einem Zimmer zum an
dern. Nicht berührt sie ihr heutiger Mißerfolg als Sängerin. Was kümmert sie jetzt noch die Bieinung der Welt? 9hit ein mitleidiges Lächeln hat sie für all das, was ihr vordem so begehrenswert, so tackend erschien. Als sie heute früh nach aufgeregtem, von bösen Träumen durchsetztem Schlaf erwachte, fühlte sie eine seltsame Leere in ihrem Innern. Alles wie ausqestorben, wie tot. Kaum mehr eine leise Empfindung des furchtbaren Wehs, das noch gestern ihr armes Herz durchwühlte.
Wie mechanisch bestieg sie vorhin den Wagen, ber sie nach bet Konzerthalle führte; wie mechani ch betrat sie das Podium; wie mechanisch leierte sie ihre Nummern herunter; wie mechanisch fuhr sie wieder nach Hause. Ob vielleicht in ihrem Herzen sich noch em Hauch von Hoffnung regte, daß Orlando sie daheim erwarten werde? Sie weiß es selbst nicht. Sie weiß nur, daß sie allein ist — mutterseelenallein. Und daß ihr jetzt alles gleichgültig ist. Alles!!
Dem kleinen Dienstmädchen erlaubte sie, den heufigen Tag bei ihren Eltern draußen in der Campagna zuzubringen.
Allein will sie sein — ganz allein, um den letzten, den schwersten Schritt zu tun.
Still, fast wie ein Schatten, gleitet sie ins Schtaf- zimmer. Der Kleiderschrank steht offen. Ihr Ange fällt auf ein weißes Spitzenkleid, das Orlando besonders liebte. Rasch schließt sie den Schrank; sie mag es nicht mehr sehen.
Jetzt steht sie im Zimmer ihres Gatten. Der Schlüssel steckt im Schreibtisch. Vermutlich hat er sich gar nicht die Mühe nehmen wolle«, abzuschlie- ßcn. Sie zieht die Lade heraus. Obenan liegt die Schenkungsurkunde, die Graziella ihr gestern übergeben. Und dort hinten, ganz in der Ecke, eine kleine altere Photographie Graziellas.
Ein stechendes Gefühl von Efferfucht durchzuckt für eine« Moment Sonjas Herz. Doch nur einen Moment. Dann drückt sie das Bild, aus dem die große« schwarze« Äinberaugen so harmlos in die Welt hinemtachen, an ihre Lippen.
letzten Stadtverordnetensitzung auf bie Sitze ber brei ju Reichstagsabgeordneten gewählten sozialdcmokra- tischen Stadtverordneten Dr. Quarck (Frankfurt), Vruhne (Homburg), Hitttmann (Kassel) roteNel- kensträuße gelegt Die Fortschrittler waren dumm genug, ihren Aerger über diese Demonstration an den Tag treten zn lasten. Sie wollten nicht eher beraten, ehe die Sträuße entfernt würden, und ließen sich erst nach langen Verhandlungen darauf ein, die roten Nelke« nicht als „offizielle" Huldigungen anzusehen und zu ignorieren. Man sieht, daß die Sozialdemokratie gewillt ist, ihre freisinnigen Sklaven, die ihr im Reiche die aufopferungsvollste Wahlhilfe geleistet hat, durch Peitschenhiebe zu belohnen. Die Frankfurter „Volksstimme" läßt das auch deutlich erkennen, wenn sie zn deut von den Fortschrittlern überaus schmerzlich beklagten Fall des Führers Dr. Wiemer folgende Trostworte schreibt:
InNordhausen hat der Sozialdemokrat eine der aufgeblasenstenGroßen unterlagen Richters fei. Erben, den Dr. Wiemer aus ber bekannten Firma Fischbeck, Kopsch unb Wiemer, Waschla ppen en gros, aus bem Felde geschlagen, unb ähnlicher Art ist die Freube barüber," daß ein anderer dieser Heroen, Eickhoff, seinen Kreis Lennep- Mettmann gleichfalls brr Sozialdemokratie hat ablreteu müssen.
Eine sehr „blockbrüderliche" Beileidsbezeugung!
* Köln, 27. Ian. 1912. Die Mln. Voltszig." bestätigt, daß dem Abg. Justizrat Trimborn von mehreren Inhabern rheinischer Diandate ihre Sitze zu Verfügung gestellt worden sind. Auf dos Drängen der Zcntrumspartei h il sich Trimborn entschlossen, eines dieser Mandate a n z u n e h m e n. Die Wahlkreise Trier und Bernka el, die genannt wurden, kommen aber dabei nicht in Frage. Nach der Konstitutierung des Reichstags wird die Angelegenheit ihre Erledigung finden.
• Schwetz, 27. Jan. 1912. Seit Einrücken des Militärs find hier keine neuen Ruhestörungen vorgekommen. Die Erregung in der Stad hat sich gelegt.
* Rot in Dresden. Unter dieser Rubrik berichtet die ,Sächs. Volksztg/ das Organ der sächsischen Znttrumsparlei über die Versammlung des national« liberalen deutschen Reichsvereins, in der das Wahlergebnis verlnndet wurde.
Eins fühlten wir uns mit all den Männern, beiut roir kämpften doch gemeinsam sür dieselbe Sache, wir wollten auch die Freuve des Siege« ober ben Schmerz der Niederlage empfiuven. Welche Enttäuschung mußten wir Zentrum-leute erleben! Saum hatte Herr Dr. Kaiser verkündet: ,Dr. Gradnaurr ist mit einer Mehrheit von ungefähr 700 Stimmen gewählt*, als auch schon im Saale Beleidigungen gegen uns fielen. Herr Oberverwaltungsgerichtsrat Blüher sprach den Donk allen Parteien aus, bie für Heinze euitraten; er dankte besonders ber FortschrittUchen Volkspartei, ber fvniervativeu Partei, ber Reformpartei unb bem — Zentrum. Bei bem Worte Zentrum brach die Hölle los, ohrenbetäubender Lärm, schrille 9t-fe rote „verfluchte Psaffenknechte", „Psaffengefiudel", „katholische Hunde" usw. schwirrten durch den Saal. Wir sahen manchen Zenlrumsmann bestürzt. Ja, wo befanden wir uns denn? Sind dies untere deutschen Brüder, mit denen wir gemeinsam lämpsten? Auch hörten wir, wie der Redner versuchte, weiter zu sprechen; immer wieder wurde er unterbrochen von Schmähungen gegen die Zenlrumsanbänger. Gegen den Freisinn ober halte man" fein Wort; sie gelten vor wie nach als nationale Männer, auch wenn sie buubertmal die nationale Sache des Bürgertums verraten! Es Rempelt sie dazu die frei finnige Weltanschauung ohne Religion, unS Katholiken aber macht antmational bie glaubenstreue, christliche Weltanschauung, auch wenn wir nationale Taten verrichten. Dre Dummheit ist eben in Dresben noch modern.
venlsches Reich,
** Kaisers Geburtstag ta Berlin.
Dic Geburtstagfeier des Kaisers begann Sams tag morgen 8 Uhr mit dem große« Wecken, bciv,
„Auch du hast gelitten —“ murmelt sie trourif i — „um meinetwillen! Aber du bist schuldlos uni) edel — du wirst noch glücklich werden. Leb wohl!^
DaS Herz des unglücklichen Weibes krampft fick,; zusammen. Ihr ist, als wehe ein Hauch ihres frühe ren Glücks durch das Zimtner, als rufe jeder Gegen - stand ihr den Warnen des geliebten Gatten zu. Leb) Ivvhl! Lebt wohl für immer!! Der letzte Kampf — vorüber. Sie ist jetzt ruhig und gefaßt.
Was sie zu tun beabsichtigt, wohin sie sich tuen • den will — sie weiß es noch nicht.
Nur fort! Fort von hier! Damit Orlando Vor ihrer verhaßten Nähe befreit ist! . . . Vielleicht wir!' er milder über ihr Vergehen urteilen, wenn ihn «ich": immer wieder ihre Gegenwart daran erinnert! . . Unb vielleicht, daß dann der barmherzige Tod ball, kommt und seine schwarzen Fittiche um sie breilett damit Orlando ganz von ihr befreit werde und ein neues Glück findet--
Ein schriller Glockenton reißt sie aus ihrer stum tuen Resignation. Mit müden, schleppenden Schrii ten geht sie zur Tür und öffnet. Ein mittelgroßer ältlicher, elegant gekleideter Herr mit kurzgeschnitir nem Bollbart und scharfblickenden, hellgrauen Augei steht vor ihr.
„Darf ich um einige Minuten Gehör Bitten Frau Marchese Campanelli?"»
Sonja zögert. . . . Woher kennt der Mann sie! Sie entsinnt sich nicht, ihn je gesehen zu haben Und wie fremd sein Italienisch klingt!
„Mein Mann ist nicht zu Hause," erwidert si< nach kurzem Schweigen.
„Das weiß ick. Deshalb bin ich hier. Ich hab,' Ihnen etwas Wichtiges über Ihren Großvater mit zuteilen."
Und schon setzt er einen Fuß über die Schwelle Verwundert läßt Sonja ben Fremden eintreten „Danke, Madame' Wenn es Ihnen recht ist wollen wir unsere Konversation in der russische» Sprache weiter führen. Das Italienisch fällt mit schwer."
(Fortsetzung folgt.)