Erscheint «»glich mN Anrnahm« der Sean» »irt^tiertofe. Viertel’ jährlich« VtN^preis ohne vrinaerlohn and vefirLgelomzuldaio- vie ««»wärt» 1.50 iRL veraatw. «edatrear, «grk Schütt«,
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Notationrdrack u. Verlag der gnlbaer Aetieadruckerei i.Zulda ßerasprecher Ur. 9.
Erstes Blatt
-4* 22.
Fuld a, Samstag den 27. Januar 1912.
3). Jahrgang.
W ReichstagDsilen.
X Warum es so kommen mußte.
Es iftja sehr bedauerlich, daß da!Zentrum 10, die konservative Partei 16 und die kleinen Recht?. Parteien sogar 19 Sitze eingebüßt haben. Tast ist aber nicht entmutigend; denn jetzt, nach Abschluß des Wahlkampfes, kann man ja rückhaltlos und vor aller Oeffentlichkeit eingestehcn, daß die Verhältnisse ganz ungeheuer ungünstig lagen- 9i cht ohne Grund haben wir schon 1909 sofort hervorgehoben, daß die Mehrheit, welche die Reichs- sinanrrcsorm schuf, außerordentlrch viel Wagemut und eine heldenhafte Tapferkeit bewiesen habe. Jeder Realpolitiker wußte von vornherein, daß im Reiche des allgemeinen und gleichen Stimmrechts aus die Bewilligung einer neuen Steuerlast von t/'e Milliarde ein Rückschlag zum Vorlril der Opposition erfolgen werde. Rian konnte auch damals schon voraussehen, daß be mit Recht abgelehnte „Wil wen- und Waisen steuer" den Vorwand zu einer weit und tiefgreifenden Verhetzung bieten würde. Nach und nach steUlen sich dann nocg zwei er. schwrrcnde Umstände ein: die schwächliche passive Haltung der Regierung gegenüber der zerrüttenden Hetzerei und die Teuerung. Jede Preis« steigkiung für Massenbedürsnisse steigert die Unzufriedenheit; man macht die Regierung und die jeweiligen „herrschenden Parteien" zu Sünden- böckcn, an denen die unangeuehme Ratur- erschcuiung „gerächt" werden |oU. Im vorliegenden Fall erst recht, da die Agitatoren dec Masse einredeten, daß nur die „agrarische" Regierung und Parlamcntsmehrheit die Schuld aa den steigenden Preisen trage. Dazu kam nun noch der psychologische Moment, daß der Liberalismus, der mittels der Bülow'ichen Blockpolitik für sich die Herrschaft zu erringen hoffte, durch den schnellen und gründlichen Zusammenbruch des Blockes furchtbar enttäuscht war und so reif wurde für den verzweifelten Versuch, mit Hilfe der tlmsturzpartei sitz an dem „schwarzblauen" Gegnern zu rächen. Von sehr großer Bedeutung war vai n noch der (übrigens nicht zufällige) Umstand, daß die Mehrheit für die Finauzresorm aus den christlichen Parteien bestand. In Folge dessen kam die ganze kirchen- und glaubensfeindliche Strömung, insbesondere auch der Gegensatz gegen den Katholizismus, der oppositionellen Agitation zu Hilfe.
So wurde dte Krisis sehr schwer, und alles in allem genommen dort man noch froh und stolz darauf sein, daß dte Rechte und das Zentrum in dem grimmen Kampf die Hälfte der Riandate behauptet haben. Rach a ter menschlicher Berechnung werden sie bei einem künstigen Wahlkampfe bessere Bedingungen haben und wieder zu einem durchschlagenden Uebergew.cht gelangen können.
Viel schlechter steht der Liberalismus am Ende der Wahlschlacht da. Er hatte feine Seele dem roten Teufel verschrieben, um Mandate zu gewinnen, und taljächlich hat er deren noch ein ganzes Dutzend eingebüßt. Es würden wenigstens zwei Dutzend sein, wenn nicht Zentrumsleute und Konseroat ve in zahlreichen Kreisen den Liberalen beigesprungen wären. Nachdem dieser Anlauf unter besonders günstigen Verhäll- nisseu ihm mißlungen ist, hat der Liberalismus gar keine Aussicht mehr, aus eigener Kraft sich wieder auszuschwingen auf einen höheren Anteil am Reichstage als 80— 90 Mandate, woht- aemcrkt sür den herrschjüchiigen Gesamtlibera- lismus.
Was aus dieser Betrachtung sür die Regierung folgt, mag Herr v. Bethmann-Hollweg sagen oder denken. Für das Zentrum und die Rechte ergibt sich die Schlußsolgerung, daß sie in aller Ruhe die Entwickelung abwarten können.
Entweder entschließt sich die nationalliberale Fraktion im Ganzen oder doch ein genügender Teil derselben zur redlichen Mitarbeit, dann gehen b.e Geschäfte in der alten Weise weiter. Oder die Bassermann'sche Partei fährt fort, ihr Eigenschaftswort „national" zu verleugnen und im Reichstage die Politik des HafseS und der Verneinung im Verein mit der Sozialdemokratie fortzusetzen, dann muß es zu einem neuen Wahlkampfe kommen. Wir würden ihn aushalten können, aber der Liberalismus nicht. Darum sind wir der Ansicht, daß auch dort, wo das Gewissen der Liberalen noch nicht wachwerden will, doch die Vernunft, die Erkenntnis ihres eigenen Schick als den Ausschlag geben wird sür die Rücktehr ün den Arbeitstisch.
Wenn auch dem verlorenen Sohne fein Kalb geschlachtet wird, so steht ihm doch die Tür offen.
Wahlkreis Eisenach-Dermbach.
□ Geisa, 27. Jan. 1912. (Tel.) Das gestrige Stimmungsbild aus Geisa gibt ganz zutreffend die tiefe Entrüstung wieder, die sich hier wie in ganz Deutschland der Zentrumswähler bemächtigt hat über das schmachvolle Verhalten der Nationalliberalen in Köln. Anderseits muß aber festgehalten werden, daß die lokale Parteileitung ganz im Einklang mit der Führung des Zentrums und auf den wiederholten Rat Trimborns hin die Parole zur Unterstützung Marquarts ausgegeben hat unter der Devise: ÄaS Vaterland über die Partei. Tie restlose Befolgung dieser Parole durch die Zentrumswähler, die bei den konservativen Wählern nicht in demselben Maße zu verzeichnen ist, hat bewirkt, daß wir fein „rotes" Großherzogtum bekamen. Daß über der Kemenate der heiligen Elisabeth wieder die schwarz-we'ß-rote Fahne flattert, ist der vaterlandstreuen Gesinnung der k a- tholischen Wählerzu verdanken. Ohne die katholischen Wähler wäre der Wahlkreis der Sozialdemokratie ausgeliefert gewesen. Diese Tatsache möge sich auch die „Weimarische Zeitung" zu Ge- mitte sichren, die sich damit begnügt, der konservativen Wahlhilfe zu gedenken, wenn sie sagt: „Nur dem entschlossenen Eintreten der rechtsstehenden Wähler, und dem nationalen Verständnis der konservativen Kreise ist es zu verdanken, daß das Großherzogtum nicht völlig in die Hände derGenossen geriet." Das stimmt nicht. Wenn nur die Konservativen für Mar- quart eingetreten wären, würde der Sieg der nationalen Sache nicht errungen worden sei». Nur der Zentnimswählerfchaft ist der glückliche Ausgang zu verdanken. Auch die Weimarische Zeitung hätte allen Grund, dieser Wahrheit die Ehre zu geben.
♦ Büdingen, 25. Jan. 1912. In der Stichwahl vom 22. Januar siegte der nationalliberale Amtsgerichtsrat Strack (Gießen) über den bisheriaen sozialdemokratischen Abgeordneten Bnsold mit 1000 S immen Mehrheit dank 6er Unterstützung durch das Zentrum, welches mit 2000 Stimmen treu der ausgegebenen Parole sür den National- liberalen eintraf. Die Stimmen der Fortschrittlichen Volkspartei fielen in der Stichwahl fast sämtlich den Kozsotdemi,baten zn.
* Bon der Saar, 26. Jan. 1912. Die Ausschreitungen bei dem nationalliberalen Siegesfackel- zug am Abend des Stichwahltages in Völklingen sucht die liberale Presse dem Zentrum an die Rock- schöße zu hängen. Es ist nun folgendes festgestcllt: Vor dem katholischen Pfarrhaus und der Redaktion des Volksfreundes (Zentrumsblatt) skandalierten Teilnehmer des Fackelzuges, besonders eine Anzahl Frauen. Nach Schluß des Fackelzuges zog ein Teil der Teilnehmer vor das katholische Vereinshaus, wo sie zunächst johlten und dann, mit ihren Fackeln, »Hoch Bassermannl" in das Haus eindrangen, wo bis dahin alles friedlicb und rubig war. Den liberalen HauS- friedensbrechern geschah nichts, sie wurden einfach hin. ausgedrängt. Draußen entstand dann eine Schlägerei. Die Polizei drängte die Tumulanten wieder inS Lokal hinein. Zurückgebliebene Gäste waren erstaunt.
als sie die Polizisten mit dem blankgezogenen Säbel in der einen und dem Revolver in der anderen Hand eindringen sahen. Auch auf diese Gäste schlugen die Polizisten ein, sodaß dieselben flohen. Die Polizisten drangen auch in ein rückwärts gelegenes Vereinszimmer ein, in dem mehrere katholische Lehrer mit ihren Fa- milien saßen. Auch diese mußten vor der Polizei durch die Fenster flüchten, wobei eine Lehrersfrau sich schwer verletzt hat. Einen Teil der Schuld daran, daß die durch das herausfordernde Auftreten national- liberaler Zugteilnehmer verursachten bedauerlichen Vorgänge einen solchen Umfang aunehmen konnten, trägt wohl die Polizei. Gegen diese ist denn auch ein gerichtliches Verfahren eingeleitet worden.
" Dte Wahl in Bmgen-Mzey. Die amtliche Zählung, die gestern in Bingen von. 3 Uhr nach- mittags bis 8 Uhr abends vor sich ging, erbrachte für die Reichstagsstichwahl folgendes Ergebnis: Dr. Becker (i att.) 12012, Pfarrer Korell (Fortschr Vp.) 12010 Stimmen. Abgegeben wurden insgesamt 24077 Stimmen, von denen die Ortswahl- kommissioncn 57 für ungültig erklärten. Becker ist ' o m i t gewählt.
* Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet haben, so schreibt die ,^öln. Vztg.", die letzten Stichwahlen nicht das Ergebnis gehabt, das durch das Abkommen zwischen Zentrum und Nationalliberalen angestrebt wurde. Düsseldorf fiel wieder der Sozialdemokratie zur Beute, u. zwar mit 350 Stimmen Mehrheit. Der nationalliberale Verein redete in einem Aufruf seinen Mitglieder zwar zu, für beit Kanidaten des Zentrums zu stimmen, ließ aber keinen Zweifel darüber, daß er das Abkommen mit dem Zentrum als ein schweres Opfer empfand. Er hob in seinem Aufruf eigens die tiefe Kluft hervor, die ihn vom Zentrum trenne, und betonte nachdrücklich seine „starke und nur zu berechtigte Abneigung gegen das Zentrum". Das war Wohl kein Bruch des Abkommens, aber eine Begeisterung für die Einhaltung des Bündnisies konnte ein solches Verhalten bei den so lange und so heftig gegen das Zentrum aufgehehten nationalliberalen Wählern nicht erwecken. Tie Fortschrittler traten Mann für Manu für den Sozialdemokraten ein. Der Ausgang der Wahl kann nicht überraschen. In D o r t- mund stand die Vartie für das Zentrum nicht günstig; hier hatte oer Sozialdemokrat einen Vorsprung von 23 000 Stimmen. Das Zentrum hätte nur gewinnen können, wenn die nationalliberalen goq üojvqiquvU u,q juo gojilai uautuitj® 000 95 Zentrums Bickhoff übergegangen wären. Das war nicht leicht, zumal noch vor kurzem Zentrum und Nationalliberale sich bei den Stadtverordnetenwahlen gegenüberstanden. Ter Zentrumskandidat erhielt einen Zuwachs von 20 000 Stimmen, während der Sozialdemokrat noch ein Mehr von 7000 Stimmen anfbrachte und damit den Sieg errang. Einen Erfolg hatte das Zentrum in Essen, indem der hochverdiente Arbeiterführer Giesberts mit 5000 Stimmen siegte.. Zwar hat auch hier der Fortschritt alles getan, um das Zentrum zu werfen. Ohne Zweideutigkeit trat aber die nationalliberale Partei und ihre Presse für die Vertragstreue ein. Zudem fuhr das Zentrum in seiner vorbildlichen Agitation fort und Giesberts gewann an Popularität auch in den Kreisen seiner Gegner. Nicht minder kritisch wie in Dortmund war die Lage in Duisburg- Mülheim. Mit 34 000 Stimmen stand der Sozialdemokrat an erster Stelle. Aber hier war es das Zentrum, dem die Aufgabe zufiel, den Verbündeten herauszuhauen. Restlos führte es den Nationalliberalen seine Truppen zu und mit 19 000 Stimmen Mehrheit wurde der nationalliberale Kandidat Dr. Böttger gegen den bisherigen sozialdemokratischen Mandatsinhaber Hengsbach gewählt. Die rote Fahne wurde heruntergeholt, selbstlos u. Opfer mittig durch das Zentrum! Fühlt der Kölner Nationalliberalismus das Brandmal der Schmach, das ihm durch ein solches Verhalten des von ihm so verlästerten Zentrum ausgedrückt worden ist? Wie in Duisburg so geschah es in Bochum. Hier waren für den Nationalliberalen 43000, für das Zentrum
38 000 und für den Sozialdemokraten 53 00Q Stimmen abgegeben worden. Das Zentrum focht für den nationalliberalen Bergmann Heckmann, der sich toegen eines erlittenen Unfalles kaum an der Agitation beteiligen konnte, wie für sich selbst. Und der Erfolg: Mit 15 000 Stimmen Mehrheit wurde der Sozialdemokratie der Riesenwahlkreis eutrifjen! So rächt sich das Zentrum an der von den Kölner Nationalliberalen ausgesührten Auslieferung eines Zentrumsmandates an die Sozialdemokratie. So hatte das Stichwahlabkommen für die N a i i o n al- liberalen einen vollen Erfolg. Zwei der wichtigsten Wahlkreise wurden ihnen nach harter Arbeit durch das Zentrum gewonnen, durch das Zentrum, das keinen Gewinn erzielte, Düsseldorf und Dortmund infolge liberaler Gegenarbeit der Sozialdemokratie belassen und sich mit der Behauptung Essens zufrieden geben mußte.
* Die Fraktion der Statisten. In einer liberalen Wählerversammlung in München führte der Sozialdemokrat Hausenstein als Diskussionsredner ans: „Wir brauchen keine Persönlichkeit in den Reichstag zu schicken, sondern nur Statisten, die sich dem Parteiintcresie unterorbnen." Es ist bekannt, daß die sozialdemokrattsche Reichstagsfrak- iion eine übermäßig große Zahl Nullen umfaßt. In der Partei selbst ist die Klage verbreitet, daß es an parlamentarisch befähigtem Nachwuchse fehle. Die Rechtsanwälte Frank und Heine sind die einzige», die für die alten, jetzt zum größten Teil verstorbenen Führer einigermaßen Ersatz leisten. Aber was die einen beklagen, das erheben die andern zum Prinzip: Sie sagen: Es f drohet nichts, wenn 0 u in m e Kerle in unserer Fraktion sitzen; es genügt, daß sie parieren', „und gemäß der Parole stimmen. Hausenstein hat etwas drasttsch das geäußert, was ein sehr großer Teil der Parteigenossen denkt.
* Ter Abg. Basiermann, der Füorer der Nttional- liberalen, hat nach der .Köln. Zig/ in Saarbrücken nach seinem Stichwahlsiege zwei An- fprarben gehalten, aus denen folgende Aeußermigeu von Interesse fein dürften:
Mit hoher Genugtuung erfüllt es mich, daß auch Männer anderer Parteien mir ihre Stimme gaben, ohne mir vorder irgendwelche Forderungen vorzutegen. Das eine aber versichere ich hier auss neue: daß ich stets und unentwegt tämpseu werde gegen Reaktion und Rückschritt und m.t aller Kraft eirtreten werde für Fortschritt und gefunbe Freiheit und vor allem für eine gute Staatsschnle. Ich war mir stets bewußt, daß es notwendig und unerläßlich ist, dem deutschen Volle Vertrauen entgegenrubringen, daß man <s nicht beeinträchtigen darf durch Ausnahmegesetze, sondern durch freiheitliche Gesetz- gebung ihm Gelegenheit geben soll, ferne reiche Kraft in vollstem Maße zu entfallen.
In der zweiten Ansprache erllärie Herr Bastermann.
Wenn es nunmehr feststehe, daß die sozial: euro- kratifche Partei in diesem Wahlgange über 4 MUI. Stimmen zählte, dann möchte man doch aufs dringlichste wünschen, daß aus den Köosen mancher Minister alle vielleicht hvchphrlosophifchen aber wenig fruchtbaren politischen Neigungen hwweggefeat u d an ihre Stelle volkstümliche Be Hebungen treten möchten.
Dazu bemerkt der Vorwärts:
Das Hangen und Bangen vor der Stichwahl f । eint auf die politische Erkenmnissähigkeit des Herrn Basseimann sehr günstig eingewutt zu haben. Mr haben ihn brsher nicht für so .eicht erziehbar gehalten. Hoffentlich Lmmt Herr Basse,mann bei jeder zutünsligen Reichstagtwaht immer wieder in eine solche verzwickte Lage, daß et von der Wahlunter, ilütjung der Sozialdemokratie abhängt — vielleicht wird er bann im Lause der Zeit doch noch ein Halbwegs einsichtiger Politller.
Es muß für Herrn Bastermann ein auserlesener Genuß fein, vom Vorwärts zugesichert zu erhalten, daß der rote Erzieher ihn als hoffnungsvollen Zöaling behandelt!
* Ein Aufruhr in Schwetz. Nach dem Bekannt, werden des Wahlsieges des Kandidaten der NeichS- partei entstand gegen Mitternacht ein Aufruhr, an
i Zn Aram Trabert's eittnndneunzrgsicm Geburtstage.
Adam Trabert vollendet heute in Wien fein neunzigstes Lebensjahr. Ta grüßen auch aus seiner Va erstadt viel treue, hcrzenrwarme Glückwünsche den ehrwürdigen Jub!ar.
Wenn aber die »Fuldaer Zig." schon vor zwei Jahrzehnten fein pottgefexneies, reiches Leben an ihren Lesern vorüberziehen ließ, so gereicht ihr dies am heutigen Ehrenseste unseres gefeierten, hochverdienten Landsmannes zu noch weit größerer Freude.
Am 27. Januar 1822 wurde dem Fuldaer Messerschmied Fran, Trabert, der im »Grauen Wolf" 'N der Judenoasse wohnte, ein Söhnlein geschenkt, der auf Die Namen Johannes Adam getauft wurde. Der Keine besuchte zunächst die städtische Knabenschule und wä>e dann sehr gern ein Handwerker geworden, aber da er sehr große Begabung zeigle, so wurde er Herbst 1834 in’S hiesige Gymnasium geschickt, zu desten besten Schulern er bald zählte. Ostern 1943 bestand er das Maturitätscxamen und trat sodann, dem Wunsche seiner unbemittelten Eltern folgend, in das Blschöfl. Priesterseminar ein. Alle Abiturienten dieses Jahrganges, bi< aus den als Landesbibliothekar zu Fulda verstorbeuen Amand von Keitz, hatten fick die Theologie erwählt. (Es wgren dies: Joh. Auch, gestorben als Seminar Oberlehrer zu Fulda, Karl stkst. als Kaplan zu Kämmerzell, Damian P„rt üest. als Kuralus zu Eschwege, Johann Kal- r/ ®,el "q?18 Caplan zu Rasdorf, Klemens Sippel, Ä' ab, »n» f1 ?u dlnz- fallr und Rilvlaus Weß, opltn zu Fulda.) Auch Trabert's o»Xsinnige, poetisch begabte $ : ” ist als Dechant
von Neuhof gestorben. J(ad) zweijährigem Studium der Theologie erkannte aber Adam Trabert immer mehr, daß er Nicht )um geistlichen S ande berufen fei, und er bezog nun die Landesuniversität Mar- »urg, um Rechtewistenschast zu studieren. Durch tlmerrichtgrden mußt* sich ®et von Haus aus so
arme Student erst einen Erwerb schassen, aber auch ein Stipendium hals ihm glücklich weiter. Die politische Bewegung der voimärzlichen Zeit erfaßte ihn hier bald fo mächtig, daß aus dem ersten Sprecher der burfchenicha tlichen Verbindung »Alemannia", die er mit gleichgesinnten Studi ngenossen gegründet hatte, in den Sturmjahren 1818 und 1849 ein begeisterter Sprecher des Marburger Volksrates und bald der beliebteste Volksredner winde. WaS ihn zuerst auf die Rednerbühne geführt, waren ungerechte Angriffe gegen einen feiner Freunde gewesen. Trabert bestand rühmlich seine Fakultätsprüfungen und in Kastel das Staatsexamen; wie er aber nun als Referendar in den Vorbereitungsdienst tre:en wollte, verweigerte ihm der SOtinifter Hassenpflug die Zulassung. Not- gedrungen wollte sich nun der junge Jurist der Advokatur widme», doch Haffenpflug wies ihn bald von Frankenberg, wo et sich niederlassen wollte, aus. Er kehrte nun nach Fulda zurück und v rband sich mit seinem Freunde Friedrich Hornseck, dem späteren Versaster des »Schenkenduch", zur Herausgabe des »Wacht aus!", einer demokratischen Wochenschrift, Die vom 13. Juli 1849 dis zum 6. November 1850 erschien, mit dem Entrücken der Strafdayein aber unterdrückt wurde. Die geharnischten Artikel dieses Blättchens, di« all« Mißstände derb geißelten, und besonders gegen Haffenpstug's Verfastungsbruch scharf und zündend protestierten, halten gewaltiges Aufsehen erregt. Das End« vom Lied aber war, daß die beiden freimütigen Redakteure, nachdem ihr« verjährte« Artikel nach dem in Hesten gütigen Recht bereits straflos geworden waren, doch noch dafür mit schwerer Festungsstrafe und zwar Trabert mit 3V1, Hornfeck mit 2 Jahren und zwar wegen MajestälSverbrechen büßen mußten. In den „Ptauoereien aus meiner sogenannten FefiungSzett", welche di« „Fukd. Ztg." vor noch nicht langer Zett ihren Lesern dargeboten bat, hat Trabert selber mit prächtigem Humor di« für die hessische Justiz to unrühmliche Geschichte feiner Verurteilung erzählt. Wie uns «inst Ferd. Zwenger, der Freund und GestnnungS- genoffe Trabert's mtttctUe, ist letzterer in einem
nunmehr abgerissenen Hause ‘) am Oemüfcmarlt, wohin der Messerschmied Trabert übergesiedelt war, Hornfeck aber im Gisthaus üur „Krone" bei seinem Oheim vorn kurheflischen Gendarmerie-Rittmeister von Reinhard'- verhaftet worden. Beide wurden in das Kastell nach Kastel verbracht, wo ihnen am 27. Dezember 1851 vor dem Kriegsgericht der Prozeß gemacht wurde, der sie auf di- kurhestische Bergfeste Spaugenbcrg verwies; eine Verurteilung, welche 1862 nachträglich einstimmig von den Ständen lür rechtswidrig und nichtig erklärt wurde. Trabert's bürgerliche Existenz mar nun zerstört. Nach Verbüßung feiner Strafe aber wandle er sich ganz der literarischen Tätigkeit zu. Er hielt si ch teils in Fulda, teils in Frankenberg auf, wo fein Onkel, der ©teuer» infpeltor Leo Hohmann lebte.8) Ein volkswirtschaftlicher Aufsatz in dem Fachblatt .Arbeitgeber' hatte zur Folge, daß einer der bedeutendsten Industriellen Nürnbergs, Cramer-Klett, ibm die sehr gute Stelle eines Privatsekretärs und Rechtskonsulenten an bot. 1860 verließ er diesen Posten, um Chefredakteur des »Rheinischen Kourier' in Wiesbaden zu werden. Nach der im Jahre 1362 endlich erfolgten Wiederherstellung der kurhestischen Verfaffu g, für die er so mannhaft gekämpft und fo schwer gelitten hatte, wurde er von der Stadt Hanau in den Landtag gewählt. Die Regierung focht die Wahl an wegen seiner Verurteilung, ober die Stände annullierten dies« standrechtlich« Verurteilung als einen verfastungsbrecherischen Akt, obwohl er als der einzige Grobdeutsche den anderen als Gegner gegenüberstand. Bald galt er für den besten Redner in der Kammer. 1865 wurde «r in Darmstadt Mitbegründer der »Deutschen Bolksparter". In Hanau hatte et feinen Wohnsitz aujgeschlagen, und dort war es auch, reo
----------------- An.' {(. 1 *
>) Diese» Haus bat dem Neubau "es Herrn Metz- aennelfterS Mich. Kock, weichen müssen.
•) Der Gendarmerie - Rittmeister von Remhard wohnte tm „Roten Löwen".
•) Auch der Domoechant Hohmann war Trabert's Oheim.
nach der Annexion Kurhestens der entthronte Kurfürst Friedrich Wühelm nach seiner Stettiner Gefangenschaft dem ehemaligen Gegner und jetzigen treuen An jünger gerührt die Hand reichte.
Trabert hatte 1868 in Kastel die ,Hess. Volks- zig.' gegründet, in der er voll Zorn die „Totengräber im Lande" bekämpfte, wie er die Liberalen nannte, die jetzt um die Vernichtung der tarhefftidjen Verfassung m Berlin förmlich bettelten. Aber auch den Preußen wat der Großdentsehe sehr unbequem, und was im Land zum Mißfallen Preußens geschah, wurde ihm zur Last gelegt. Auf Grund einer Denunziation wurde er vom preußischen Polizeirat ©lieber verhaftet und 6 Monate lang in schlimmer Untersuchungshaft gehalten; die Verfolgungen nahmen kein Ende. Auch seine Gattin Elise geb. Haumann, Tochter eines Packhof-Verwalters in Kassel, die ihm schon als Braut in den vielen stürmischen Epochen seines Lebens eine tatkräftige, aufopfernde, ja heldenmütige Stütze gewesen, und die seit dem 15. September 1859 seine treue Lebensgefährtin geworden, auch sie mußte schwer darunter leiben. Da fehlte cr tm Sommer 1868 feinem Vater lande den Rücken und wurde Oefterreicher. Ja Wien gab tr mit feinem Freunde Jul. Freese das »Oesterrcichische Journal' heraus. Im Herbst« 1871 wurde er als Beamter bei der General-Direktion Der österreichischen ©taatsdahnen angestellt, und in Dieter Stellung verblieb er bis zum 1. Dezember 1839, wo er in Ruhe tand trat. Aber fein feuriger Geist, der lebenslang so entschieden sür Wahrheit, Freiheit und Recht gekämpft, kannte noch keine Ruhe. Was er in Oesterreich in ver chrifttich-sozsalen Partei noch mit Wort und Schrift gewirkt und was er für innige, weihevolle Liedir der Welt geschenkt bat, das ist zu bekannt, als daß es hier weiter auf. , geführt zu werden brau i,.. Seine zweite Hei- wat aber hat es ihm gedankt. Am 19. Sept. 1N7 verlor er die geliebte Gattin; 1893 ging er fooaxn eine zweite Eh« rin mit einer Wiener Lehrerin und Schriftstellerin Arnati« Wirnitzer, di« der Acendstern seines Lebens geworden ist. Sein einziger hochbegabter Sohn, der Universträtsproseffor