Maer W Zeitung
Ä<?Ä>. w-chE-r«! Illustriert« Sountagrzeitung"
Fulda, Freitag den 26. Januar 1912.
Jahrgang.
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Erscheint täglich mH A„-nahme der So.ta= WldLelertage. viertel. MriicherVeM»eprdr ahne Srinarrtcyu nut vrfteSgel»»FtüöaK« Wie aurwürtr l SSKk.
monatrdeUage: „Zuldaer Geschichtrblätter"
Lnzelzen: S<k Saum einer tiafo. So Ionel« teile, 47 mm breit, kostet lSpfz. Reklamen: Der Saum einer Lolo- nelzei e, 74 mm breit toitei 49 pfg. Bei Wie« derholNngen Rabatt. $flr(fl|crt-u auslunjt» »ureigen 20 psg. ejtro.
Rotatianrdrnck u. vertag der Znldaer SctteieörnSerel t$nl6t Lernsprecher Nr. 9.
W RkiGchslvahlell.
△ Die „Mehrheit" der Linke».
Tie Mehrheit der Linken ist da. Vielleicht auch nicht.
Nach den Ziffern, die der offiziöse Telegraph als Mandatezahl der einzelnen Parteien angegeben Hal, sind von den 397 Abgeordneten des Reichstags für den „schwarz-blauen $-31od* 195 Abgeordnete zu «Assien, für die Linke 202. Rach einer inzwischen erfolgten Korrektur (verg!. unten: Salzwedel) ändern sich die Zahlen auf 196 und 201. Gewiß, 201 Mandate sind wehr als 196 nach Adam Riefe. Aber trotz Adam Riese roh» ein Mehr von 5 Stirn« men niemals eine feste parlamentarische Mehrheit sein können, die beanspruchen könnte, daß nun die Politik umgekrempelt und daß nach ihren Rezepten regiert würde. Wir betonten auch schon, nicht alle zur Linken Gewählte sind dem Block der Linken sicher, und feine Mehrheit ist so knapp, daß nur ein Vrerteldutzend abzuspringen braucht, um sie in die Minderheit zu verkehren. Jedenfalls ist es ausgeschlossen, daß die armselige Mehrheit der Linken dem Reichstage chren Willen diktieren könnte. Eine Mehrheit zur Verhinderung ersprießlicher Arbeit, nicht zum positiven Schaffen wird sie werden. Wie könnte die Regierrrng die Geschäfte sühren mit einer Mehrhett, die als festen Kern die 110 Sozialdemokraten und eine geschwächte bürgerliche Linke nur als Anhängfet aufzuweisen hat? Die Arbeitsmehrhert des neuen Reichstags wird sich gegen de» Linksblock bilden muffen und in diesem Arbeitsmehrbei: ist das Z e n t r u m die stärkste Partei, der feste Turm in der Schlacht. Es ist unentbehrlicher als fe zuvor.
Tie bürgerliche Linke geht aus der Wahl g e s ch w ä ch t hervor. Gewonnen hat lediglich die Sozialdemokratie, die gestern noch 11 Mandate cingeheimst hat und damit 110 Abgeordnete stark, die größte Fraktion des Reichstags geworden ift, Eben untersucht in der „Neuen Zeit" der „Genosse" Kautsky, welches die Ursachen für das Anschwellen der Sozialdemokratie sind. • Er stellt fest, daß einmal die Teuerung die Haupttriebkraft der „so überwältigenden oppositionellen Stimmung der Maffen" bildete. Weiter nennt er den Stillstand im Aufstieg der Löhne. „Der Kampf gegen Die Teuerung ,bte Agrarzölle und das Koalitious- recht, gegen neue Steuern, die Weltpolitik, das Wettrüsten, um den Weltfrieden — das ist die Wurzel, der unser Wahlsieg diesmal entsproß."
Das ist durchaus nicht richtig. Zuzugeben ist nur, daß die verlogene liberal-sozialdemokratische Steuer- und Teuerungshetze dem Umsturz eine Million neuer MäMcr zuführte. Aber weiter nichts. Das Airwachsen der sozialdemokratischen Stimmen ist gewiß bedauerlich, aber die riesige Zunahme der sozialdemokratischen Mandate im neuen Reichstag hat int Grunde genommen mit dem Steigen der Stimmenzahl nkbt§ zu tun. Die Umstnrzpartei hatte die Million Wähler schon tu der Hcmprwahl und doch brachte sie es nur aus 64 Mandate. Und auch diese würde sie zum Teil nicht errungen haben, hatte das Bürgertum gesrblofsen gegen sie Front ge- inacht. Die wahre Ursache des sozialdemokratischen Wahlsieges ist die Uneinigkeit des Bürgertums, ist der Verrat des L i b er a l i s m u s an der bürgerlichen Sache.
Die in der Stichwahl errungenen 46 Mandate sind sämtlich dem Umsturz teils durch direkte, teils durch indirekte Unterstützung durch den Liberalismus zugesallen. Ihre Zahl wäre noch größer geworden und zwar auf Kosten des Libera- iZmus, wenn die rechtsstehenden Parteien sich nicht n vielen Wahlkreisen schließlich doch noch trotz der verräterischen Haltung des Ltberalismus für ihn und gegen den Umsturz eingesetzt hätten.
Daß ein übermäßiges Anschwellen der sozialde- mokratrschen Mandate sehr aut zu vermeiden gewesen wäre, beweist der Ausfall des ersten Sttch- wahltages. An diesem waren bekanntlich die Sozialdemokraten an 44 Stichwahlen beteiligt und doch tonnten sie nut 8 Mandate erringen, weil das liberale Bürgertum in mehreren Wahlkreisen der Sttch- wahlparole der fortschrittlichen Parteileitung keine Folge gegeben Hettle, sondern dem bürgerlichen Kandidaten seine Stimme zugewendet hatte. Der zwette Stichwahltag, an dem der Umsturz an 54 Stichwahlen beteiligt war, brachte dem Umsturz einen Gewinn von 27 Mandaten, also die Halste der zur Wahl stehenden Reichstagssitze. Gestern holte es sich noch von 33 Mandaten das volle Drittel. So konnten die Stichwahlen nicht anders als mit einem großen Siege des Umsturzes enden, und so ist die wahre Ursache des sozialdemokratischen Sieges nicht die Werbekrast des Umsturzes, nicht seine Forderungen und Anschauungen, sondern einzig und allein die durch den Liberalismus verschuldete Uneinigkeit des Bürgertums.
Die Führer des Liberalismus haben sich damit eine Schuld aufgeladen, die sie niemals werden verantworten können. Die Triebfeder dieses Handelns der liberalen Parteiführer ist nichts anderes als persönlicher Ehrgeiz und der Hunger nach Mach t. Tie Früchte ihres Berrats werden aber nicht sie ernten, sondern ausschließlich der U m st u r z, der sich bereits jetzt vollständig als Herrn des Liberalismus auffuhrt. Im „Vorwärts" werden sowohl die nationalliberalen wie die freisinnigen Wähler, die sich nicht entschließen konnten, dem Umsturz ihre Stimme zu geben, in der schimpflichsten Weise abgekanzelt. Der L i b e r a l is m u s ift heute nochloserdennje. Durch feine Führer ist er zum S kl av e n d e r U m st u r z p a r t ei herabgewürdigt. Die linksliberale Presse sucht zwar ihren Lesern emznreden, welche Erfolge dem Liberalismus fein Zusammengehen mit der Umsttirz- partei gebracht habe. Aber wenn die Leserwelt der liberalen Presse einmal selbst gründlich nachprüsen wollte, welches die Rolle fein wird, die dem Liberalismus im neuen Reichstag beschützen sein wird, dann ivird sie gar bald zu der Erkenntnis kommen, daß der Liberalismus weder positiv noch negativ den geringsten Einfluß auf die Führung der Reichsgeschäfte gewonnen bat.
Die Enttäuschung de? liberalen Bürgertums toirb sich, jedenfalls bald genug einstellen; und darauf kann man schließlich immer noch die Hoffnung gründen, daß es auch zur besseren Einsicht kommen Wirtz. Ist da? erst geschehen hat das liberale Bürgertum erst erkannt, daß fein Vorteil nicht auf Seiten des Umsturzes liegt, bann ist begründete Aussicht oarhanden, daß, wenn wieder einmal das deutsche Volk über seine parlamentarische Verlretiiiig zu entscheiden hat, die rote Flut zurückgestaut wird.
Stichwahlergebniffe.
ßnr Ergänzung itrb Berichtigung der in der Morgenausgabe bereits veröffentlichten Stichwalfl- ergebnifse seien noch die folgenden Angab ii nachnc- tragen. Die Zchlen der Hauvtivahl sind, wo ein besonderes Jntereffe vodiegi, bereits in der Morgenausgabe beigeskgt worden. Wir verweilen darauf.
Esst«. (Bisher Ztr.) Glesberls (Zir.) 57 835, Gewehr (Sogs 52979 Stimimn. Gewählt: Giesberts (Ztr.)
Mülheim-Duisburg. (Bisher Sm.l Tr. Böttgcr (natl.) 63 633, Hengsbach (Soz) 43893 Stimmen. Gewähst: Dr. Böttcher (natl.)
Lennep - Mcttmamt. (Bisher Fortsch. Vpt.) Gewählt Dittmann (Soz.) mit 28500 Stimmen gegen Eickhoff (Fortsch. Vpt.) 25 983 Stimmen.
Märs-Rees. (Bish r Ztr.) Dr. Bell (Ztr.) mit 19957 Stimmen gewählt gegen Dr. Roftnfelv (natl.) mit 17959 Stimmen.
Bochum-Gelsenkirchen. (Bisher Soz.) Heckmann (natl.) 78833, Huö (Soz.) 64833 Stimmen. Gewühlt: Heckmann (natl.)
Toitmtnid-Hoerde. (Bisher Soz.) Dr. Erdmann (Soz.) 55 795, Btckhoff (Ztr.) 45054 Stimmen. Gewählt: Dr. Erdmann (Soz.)
Altena-Iserlohn. (Bisher Fortsch. Vpt.) Müller (Fortfch. Vpt.) 18 213, Spiegel (Soz.) 20305 Stim. Gewählt: Spiegel (So;.)
Schwctz. (Bisher Pole). Gewählt: v. Halem (Reichsp.) nicht v. Saß-Jaworski (Pole).
Salzwedel-Gardelegen. Die Meldung, daß der liberale Bauernbündler Dr. Böhme gewählt worden fei, beruht auf einem Irrtum, v. Kröcher (tons.) konnte sein Mandat behaupten.
)( Ein neues Mandat für Triniborn. Um Sprint« born dem Reichstag zu erhalten, sind, den Blättern zufolge, in rheinischen Zentrnmskreisen Bestrebungen im Gange, eines der neuen Reichstagsmitglieder, Astor-^ernkaffel oder Hartrath-Trier, zu veranlassen, zugunsten Trimborns au* ihr Mandat zu verzichten. Tatsache ift, daß Hartrath bereits vor der Kölner Wahl erklärte, er werde, wenn Trimborn unterliege, zu belfen Gunsten verzichten. Fraglich ist es, ob Trimborn zustimmt.
* Frhr. tzkyl zu Herrnshkim in Worms hat an den Vorsitzenden der Zentrumssrakiion des Deutschen Reichslaaes, Exzell. Frhr. v. Hertling in München, das nachstehende Telearamm gerichtet:
Worms 23. Ian. 1912. Mit d m Gefühle großer Dankbarkeit für die patriotische Milhisie des Zentrums gegen den Slnikirrm der Sozialdemokratie im Wahl- trette Worms melde ich glänzenden Sieg mit 18 200 gegen 90 0. Fr r. H yl zu Herrnsheim.
1 ** Tie elfte Ersatzwahl. Die Neuwahl im Wahlkreise Plep-Rybnik, wo der in zwei Wahlkreisen gewählte Graf v. Mielczynsli (Pole) sein Mandat niedergelegt hat, ist auf den 29. Januar angefetzl worden.
* Ein Wahllmiofum. Auf der Insel Borkum hat am Stichwahltage nicht gewählt werden können. Durch die Eisverhältnisse war der Verkehr mit der Insel abgeschnitten und so konnten die amtlichen Papiere (Wahlkuverts usw.) nicht besorgt werden. Auf das Wahlergebnis im Krelle Emden hat der Ausfall der Borkumer Stimmen indeffen keinen Einfluß oebabt.
* Frankfurt a. M., 24. Jan. 1912. Die Links- liberalen, an der Spitze die Franks. Ztg. und Kleine Prelle, suchen in ihrem Aerger um den Verlust des Mandats hier dem Zentrum den Vorwurf zu machen, daß es in größerem Umfang für den Sozialdemokraten cingetretcn sei. Diese Verdächtigung ist durch nichts bewiesen; wohl hat das Zentrum durch Wahlenthaltung nicht zum Siege des Fortschrittlers beiaetrageu, daß es aber in größerem Umfang für Quarck gestimmt habe, ist eine beweislose Verdächtigung. Bei Bekanntgabe des Frankfurter Resultats in der n a t i o u a l I i berat e n Parteiversammlung hier hielt der Führer Dr. Mettenheimer eine Ansprache, die sich zu einer Anklage gegen Zentrum. Konservative und Ehrist- lichsoziale gestaltete. „Die Schlacht ist geschlagen", so begann der Redner, „die bürgerlichen Parteien haben sie verloren. Wenn wir uns fragen, wie das Resultat zustande gekommen ist, so lautet die Antwort: Zentrum, Konservative und Christlichsoziale haben die Stadt Frauksurt der Sozialdemokratie ausgeliefert. Diese Parteien haben sich nicht auf eine höhere politische Warte stellen können. Die „königstreuen und deutschnationalcn" Männer sind hingeganqen und haben durch Abgabe weißer Zettel die Wahl des Sozialdemokraten gesichert. Dr. Quarck kann sich bei seinen Wahlhelfern bedanken, namentlich aber beim Zentrum, das die Sozialdemokratie sonst am entschiedensten bekäuipst. Es ist schon ein Zeichen von politischem Tiefstand, wenn m an Oefer und Quarck für dasselbe hält." Wie muß den Nationallibe- talen in Köln die Schamröte ins Gesicht steigen,
wenn man Köln statt Frankfurt und Trimborn-Hof- richter statt Qeser-Quarck setzt, zumal in Köln, dessen Fall bei den hiesigen Liberalen noch größere Freude als bei den Sozialdemokraten hervorrief, die Nationalliberalen überwiegend rot gewählt haben.
Wahlkreis Eisenach-Dermbach.
? Geisa, 24. Jan. 1912. Wir erhalten folgende Zuschrift, die uns ein interessantes Bild von der Stimmung in Zeutrumskreisen zu geben scheint: .Da habt ihr Zentrumswähler den Dank der Liberalen in Köln |ür eure Urrterslützung des liberalen Marquart!" So sagte ein »Roter" am Tage nach ver Stichwahl in Köln und Eifenach. Und jo ist's. Der nationalliberale Bartling wird in Wiesbaden von der Zentrumsminorität herauStzehauen aegeii den Sozialisten; Bartling selbst schrieb an Trun- boin, daß er — nur dem Zentrum seine Wahl verdanke. Hier im Wahlkreise Eperiach-Termbach zogen vor der Stichwahl die Liberalen von einem lath. Ort zum andern unö bettelten um die Zentrums- stimmen, weil sie dieselben notwendig brauchten, wie sie selbst gestanden. Am Stichwahltage ordnet die Zentrumslkitung in Ge>sa an, den letzien Zentrumswähler an die Wahlurne für Marquart zu bringen, und der Dank? Zwei Liberale werden durch das Zeiitrum taikräftig unterstützt und sie siegen über den Sozialisten, und was ernlet untere Parier m Köln? Die Nalionalllberalen, so ichried die ,Fuld. Ztg/, sind dirfes Mal saft geschloffen in dasLager der Sozialdemokraten übergegangen. Die Zentrumsleute in Wiesbaden und Eisenach-Termbach holten also in zwei Wahlkreisen die tote Fahne herunter zu Gunsten der Liberalen, und die Liberalen pflanzten die rote Fahne im alter Zentrumssitze Köln auf! Ta fchwiut einem die Zornesader, zumal wenn man bedenkt, wie hier im Wahllreise Eisenach-Dermbach für die Liberalen vom Zentrum gewählt routbe. Unsere Zentrumslertte waten nämlich ganz und gar gegen den Liberalen, sie kennen die Liberalen. Aber was sollten schließlich die Z n- ttnmswähler tun, als am Wahltage Liberale im Auio von Dors zu Tors jagten und ein Telegramm von Trimborn und einer bekannten geistlichen Persönlichkeit unterschrieben vorze gteu? Sie wählien l'iarquatt, aber wider Willen, wett, was Die. mal entscheidend wat, nichts von einer bestimmten Gegenleistung für Ttimdotu von der Eisenacher liberalen Zentrale bekannt war. Trimbvin wünschte es; aber rvas Halls genützt? Die Liberalen stellen in Köln einen Mann wie Trimborn kaltblütig in die Ecke und heben eine Null auf den Schild, und hier in unserem Wahlkreise ereifert man sich für Marquart! Solche Gutmütigkeit ist nicht am Patze! Für nichts »ntz wieset nichts wurden untere Zenlrumsstimmen hingcopsett, unb darüber ist man nun gerecht empört. Unsere Zentrumsstimnien waren ein starker Trumpf; üc waren, wie die Zeituugen beweisen, ausschlaggebend. Rede man doch ru-ist von Klugheit--Rücksichten, die der katholische Bolksteil üben muffe. Im Parlrikampfe gilt nicht die Konfession, sondern die Partei, und daher mußte auch hier von Pattri zu Partei verhandelt werden, rote Berlin vorschricb. Was nützt denn dem tathol. Volke jeme bepändige Rücksichtnahme? Es erreicht ja doch nur, was es bitter erkämpft. Und zudem: Wir haben stets unsere Pflicht gegen das Vaterland getan unö haben daher gar nicht nötig, durch beftudere Leistungen untere Existenz- und Gleichberechtigung zu verdienen. Den entläufchten Zenirumswählern kann man nur noch für die Zukunft zurufen: „Etwas mehr «je sundes Mißtrauen unb Arp paff en!"
Wahlkreis Matlmrg-Kirchhain-Frankcnberg.
"Der neugkwählteReichstagsabgrordnete, Schucider- meister Heinrich Rupp, bittet uns um Aufnahme folgender Zeilen:
Meinen treuen Wählern! Am gestrigen Abenb von der Agitation aus Waldeck jurückgetehit, drängt
M TWer lies Sertanlen.
54] Rowan von Adele Böttcher.
„Sieh —" fahrt Graziella mit einem schüchternen Lächeln fort, indem sie einen dicken Dokumenten biief mls by- Manteltasche zieht — „dies schickt euch Papa — als verspätetes Hochzeitsgeschenk. Du weißt doch, die Eltern Heben Orlando wie ihren eigenen Sohn! . . . Dn brauchst jetzt nicht zu lesen. Später, wenn ich wieder fort bin! Wir dummen Mä- de!s verstehen doch nichts von dem, was drin steht. Lauter juristisches Zeug. Der Smn ist der: Papa hat ^ rlantzo sein Hänschen abgelairft und schickt ihm hiernitt bte Kanffunimo. Dir aber als verspätetes Hochzeitsgefchenk eine Schenkungsurkunde, wonach das Häuschen nebst allem, was drum und dran hängt, tzir gehört — bis zum Tode."
Wortlos blickt Sonia von dem dicken Dokumen- tenbries aus Graziella und wieder auf den Brief.
Wäre es möglich, daß jene glückdurchfluteten Tage noch einmal zurückkehrteu? — Daß das Herz ihres (Satten sich ihr wieder in Liebe und Vertrauen ßüwendetc? —
In Ueberschwang der Gefühle bricht sie in Tränen ans.
„Ruhig, Licbste! Ruhig!" wehrst Graziella kaust i»b. ,^)ch habe dir noch etwas mitzuteilen. Ab« «ft gib mir eine Taste Tee!"
Der kleine Vorwurf verfehlt «nicht die beabsichtigte Wirkung. Sonjas übermäßige feelische Er- te8Mps< erhält eine Ablenkung.
. _''®° beginnt Graziella aufs neue, nachdem Gemerufchaft am Teetifch sitzen
7" " l e Papa meint, wir könnten euch eben« tz. «ut Elefanten schenken, wie ein
Hans ohne ble Mittol anständig bann zu leben. Warna und uh, tou wuZwn Nicht, wie bas anfaugen, »dl wir Orlandos Empfindlichkeit in derlei Sache« lernten. Aber der gute Bapa hat eine großartige
Sie zögert unb blickt bie Freundin lächelnd an. „Run?" fragt Sonja, aufs tiefste bewegt durch so viel Großmut und Güte.
„Er will den unglückseligen schwarzen Diamanten verkaufen und mit dem Geld ein großes illustriertes Journal gründen. Tn weißt doch, aus welche mystische Weise wir wieder zu unserm verloren gegangenen Diamanten gekommen sind? — Gut also! Papa behauptet, eine illustrierte Wochenschrift, bie Neues auf allen Gebieten bringt — kein Sensationsblatt, weißt du, sonbern eine Zeitung, bi? ernst zu nehmen ist — fehlte in Rom gerade noch. Und da Papa Orlando so sehr hoch schätzt, möchte er ihn sich als Chefredakteur unb Mitbesitzer fiebern — wenn er nicht bereits etwas Besseres in Aussicht hat. Papa hat in diesem Augenblick eine Zusammenkunft mit Orlando, um alles Nähere zu besprechen Papa hofft, daß auch du dem Blatt deine Kräfte widmen wirst —"
„Ja, ja!" ruft Sonja begeistert, während zwei rote Flecken auf ihren schmalen Wangen zu brennen beginnen.
„Und habet könnten wir alle im Sommer draußen in Frascati wohnen; nur bie Expedition müßte m Nom sein — sagt Papa. O, er ist so klug in solchen Dingen ----!"
So schwatzt die liebe Kleine fort und fort, um die Freundin auf andere Gedanken zu bringen. Sie inerft nicht, daß Sonja gar nicht mehr zuhört.
Im Geiste sieht baS junge Weib sich bereits wieder neben dem geliebten Gatten auf der glycunen- uutranften Keinen Veranda sitzen — ihre Hand richt in der seinen — feine Augen tauchen in die ihren--•
Versunken ht selige Zukunftsträume, ist sie noch einmal glücklich.
O, schauriges Erwachen!
Graziella ist wieder gegangen. _ .
Noch immer fitzt Sonja am Fenster und läßt ihre Gedanken in die Zukunft schweifen. Sie ge- währt ihnen den weitesten Spielraum, so daß fie gleich Schmetterlinge« im Sonnenschein von Blume
Kleine Pause.
„Du hättest es annehmen sollen, Orlando. Wir muffen eine Beschäftigung haben. —"
„Aber nicht auf Kosten unserer Freunde!" Abermalige Pause . . .
Plötzlich wendet er Sonja mit einer raschen Bewegung sein Gesicht zu.
„War Graziella hier?"
„Ja, Orlando.".
„Hast du ihr gesagt, wer du bist?"
„Wer ich bin? — Ich verstehe dich nicht —”
„Hast du ihr gesagt, daß du mithalsst, ihren Baier zu bestehlen? Daß du eine — Abenteuerin bist?"
„Orlando!"
„Hast du es ihr gesagt?"
„Nein."
„Wovon spracht ihr?"
„Sie erzählte mir von dem Zeitungsprojekt ihres Vaters — und daß du Mitbesitzer und Chesredaktcur werden solltest —"
„— was bu natürlich sofort zurückwiesest —"
„Im Gegenteil. Ich —"
Einige Augenblicke sieht er sie starr an. Dann springt er auf.
„Welches Recht hast bu, Wohltaten cmzru cbu'?n, bevor bu weißt, ob deine Beleidigungen dir vcv-.een werden? Welches Recht hast du $u glauben, daß ich aus der Unwiffenheit und Harmlos xkeit meiner Freunde Vorteil ziehen werde? Bin ich bereits durch dich so tief gefunden, daß jemand denken kann, ick» würde wissentlich bei anderen dasselbe beirüge- nsche Spiel versuchen, das du bei mir mit so viel Erfolg anwandtcsi?"
Immer lauter, immer drohender wird seine Stimme. Wie ein Rächer steht er vor der in sich zusammengesunkenen Frauengestalt.
(Fortfetzung felgt)
liches Wesen, ihre Güte und Selbstlosigkeft haben auf das bedrückte Gemüt der nnglüÄichen Fran gewirkt wie ein erfrischender Regen auf eine halb- ütrborrte Pflanze Ein unbezwingliches Verlangen nach Herzensqlück überfällt sie noch einmal mit elementarer Gewalt. Sie ftihlt sich plötzlich wieder stark unb mutig und will um ihr Glück ringen wie eine Löwin. Mit stillem Lächeln in den bleichen Zügen stellt sie bas Körbchen mit Graziellas Blumen in Orlandos Zimmer auf den Tisch; daneben legt sie die Schenkungsiirkunde. Dann zündet sie die bläulich verhangene Ampel an und schiebt einen Lehnsessel an den Tisch.
„So, jetzt kann er kommen!"
Boller Erwartung zieht sie sich ins Wohnzimmer turück. Dort im Dunkeln, in die Kiffen des kleinen Sofas geschmiegt, harrt sie — unb harrt. — Kaum vermag sie mehr, ihre Empfindungen zu kontrollieren. Hoffming, Angst, Sehnsucht, Scham kämpfen in ihr um die Herrschaft. Sie harrt und harrt — stundenlang.
Endlich wird der Schlüffel draußen im Schloß herumgedreht.
Er kommt! Er kommt! Zitternd vor Erregung geht sie ihm entgegen.
Mit einer höflich kühlen Verbeugung will er an ihr vorbei. Doch Plötzlich besinnt er sich eines anderen. Hut und Handschuhe auf den Tisch schleu- bernb, wirft er sich in einen Sessel. Die Türe nach seinem Zimmer steht offen. DaS von borther er» schimmernbe bläuliche Licht läßt sein Gesicht noch kälter unb unbeweglicher erscheinen. Wie ein eisiger Reif fällt es auf Sonjas glühenden Enchusias- mus.
Beide schweigen. Jedes fühü, wie schwer der Anfang ift.
,^aft du das Anerbieten des Oberste» angenommen?" fragt sie endlich zaghaft.
»Rein."
zu Blume flattern. — Eine goldene Perspektive | _ „Du äußertest doch öfters den Wunsch, an der tut sich vor ihr auf. — tz Spitze einer Zei'ung zu stehen . . ."
Graziellas sonnige Heiterkeit, ihr frisches natur» f ,^08 war früher." --- ~_ 7 ■ ~ ......... ' Seine Stimme hat etwas Müdes, Gleichgültiges