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Monakdellag« „Fuldaer Geschichtsblätter"

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Rotation,druck u. Verlag der Fuldaer Sktieudruckerei i Zulda Fernsprecher Ur. 9.

ji 19.

Erstes Blatt.

Fulda, Mittwoch bett 24. Januar 1912.

3.). Jahrgang.

nerstag noch aU Süchwähler tätig sind, werden ge­wiß das ihrige titn, um noch möglichst viel zu retten. Dann treten wir alle zusammen wohlgemut in die praktische Arbeit, da der diesmalige Wahlsturm, der wildeste und gefährlichste seit Bestehen des Reiches, die Grundlagen einer positiven und fried­lichen Entwicklung nicht hat zerstören können.

— trotz allen liberal« 15! Unsere freunde, die am Don-

Auch dieses Gleichgewicht könnte nur so lange bestehen, alSdiegesamtenalionalliberaie Fraktion sich zu der Grohblock-Oppofition hal­ten würde Sobald man aber von den Wahlreden , iur parlamentarischen Betätigung übergehen ' Mutz, wird die nationalliberale Fraktion entweder «(«5 ihren alten Grundsätzen und Ueberlieferun- y# ,mr Positiven Mitarbeit sich entschließen oder ,« Spaltung riskieren müssen. Bon der Ge- ! w emer solchen Spaltung hat schon der Worrfüh. I?? Rationalliberalen in Köln gesprochen, als 'M»»'« zweideutige und feige Parole der «bstirn- „begründetes

bi«. Wollen die National- chr rechter Flügel wieder fo ^n wir zu den Verhält- n 1907 im Reichstag herrschten.

die Regierung, um die

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-■ Der Liberalismus jubelt.

Worüber? Wenn man sein Triumphgeschrei et, sollte man meinen, er hätte von den 80 Stich- .cchleu am Montag die große Mehrzahl gewonnen. Gewiß hat der Liberalismus am Montag Mandate erhalten, aber man darf dabei nicht über« sehen, daß er auch schwere Verluste erlüten hat. In Frankfurt fiel der freisinnige Führer Oeser, in Görlitz fiel der bekannte Freisinnige Dr. Mugdun. Ferner verloren die Freisinnigen dre Mandate in vagen, Nagold, Heilbronn, Dessau, Mauen, diese sämtlich an die Sozialdemokraten. Waldeck-Pyrmont verloren die Freisinnigen an die Wirtschaftlich« Bereinigung, vielleicht auch, wie die amtliche Zusammenstellung erst noch ergeben muß, Bingcn-Alzetz. Daß die freisinnigen Sitze sehr wack­lig find, zeigt das Ergebnis von Berlin 1, wo der freisinnige Führer Kampf nur noch mit 10 (!) Stimmen Mehrheit gewählt wurde. Nicht bester er­ging es den Vationalliberglen. Friedberg-Büdingen und München konnten sie zwar mit Zentrumshilfe behaupten, dafür verloren sie Bayreuth, Erbach, Tarm'tadt, Bern bürg und Halberstadt an die „Ge­nossen". Ein „Erntefest" haben nur die Sozial- demokrateu gefeiert, denen dre Dankerfüllten" Nationalliberalen daö Kölner Zentrumsmandat auÄreferten,

Die Herren von der sogen, bürgerlichen Linken jubeln hnnptfichfich über die sozialdemokra­tischen Ersolg e; mit den eigenen Erfolgen sicht cs immer noch recht bescheiden aus. 27 So- zialdriuokraten sind am Montag gewählt worden, aber nur 18 Fortschrittler und nur 13 Nationallibe- rale, obschon doch die beiden letzteren Parteien die Auffüllung ihrer Reihen noch so sehr notwendig hat­ten. Auch bei den Erfolgen vom Montag haben die beiden liberalen Parteien, die früher 100 Mandate hattet!, deren er ft 74 für sich gerettet. Aber die Großblockpolitiker haben es „glücklich" verstan­den. der Sozialdemokratie jetzt soviel Man­date zuzuschlagen, daß die Umsturzpartei mit 99 Sitzen als stärklte Fraktion dasteht.

T arvber jubeln diese sonderbaren „Bürger". Sic freuen sich besonders heftig über den „Erfolg" in Köln, lind ist eS nicht eine wirkliche „Großtat", wenn man als den Bertreter der rheinischen Metro­pole nicht mehr den bewährten und von den Sach­verständigen aller Parteien hochgeschätzten Abg. Trimborn nach Berlin schickt, sondern ein neues Mitglied der llmstnrzpartei, das nur zum Verneinen zu gebrauchen ist!

Man sieht, der Jubel der Linksliberalen hat einen schönen Zug von Uneigennützigkeit. Man triumphiert über die Erfolge der Sozialdemo­kratie, obschon diese znm großen Teil auf Kosten des Liberalismus erfolgt sind. Die beson­ders froh gestimmte Fortschrittspartei hat bisher allem 16 von ihren 49 Sitzen, also ein Drittel, an die Sozialdemokratie abgeben muffen. Das Man­dat im 1. Berliner Wahlkreis hat sie freilich mit 10 Stimmen Mehrheit gerettet, aber nur dank der Wahi Hilfe der vielgeschmähten Minister und Staats­sekretäre!

Soll sich etwa der liberale Jubel aus der „Ver­nichtung des schwarzblauen Blocks" erklä­ren? Es ist kein Heldenstück, ein Gespenst zu besiegen, das nur in der eigenen Einbildung exi­stiert Einen schwarchlauen Block hat es niemals gegeben. Allerdings war im Reichstage während der letzten 214 Jahre eine Mehrheitsbil­dung möglich' ohne und gegen die liberalen Parteien und die Sozialdemokratie. Diese viel an- gefcindete Mehrheit ist nun freilich geschw 5 cht worden, aber vernichtet ist sie bis heute noch n i ch l Die Grotzblockhelden sollten lieber mit chren Trstlmphgesängen warten, bis sie felbft die er­sehnte Linksmehrheit erreicht hätten. Vor- lmlfig haben die Sozialdemokraten, die Fortschrittler und die Rationalliberalen -.»säumten 173 Mandate; oabet haben wir zu dem Linksblock auch noch die­jenigen Rationallibcralen hinzugerechnet, die von bem Znlammcrigehen mit der Umsturzpartei gar vichtä wissen wollen, wie der Abg. Wittun von Pforzheim, der als Großblockgegner vom Zentrum durÜMbracht worden ist, und den bekannten posi- hbe« Äbg. Frhr. v. Hep l. Zu einer Linksmehr- beti sind also noch wenig st ens26Siegeder ®r r> ß blockparteien nötig; es stehen aber vcn DonnerStsq mir noch 33 Stichwahlen an. jWena nun auch der Wablwind am Donnerstag ^.nta9Jürr?ie Linke günstig wehen fontc, fo totrb doch nach allen Regeln der Wahr- schemlichkertsrechnung keine durchschlagende Li n ksmehrheit sich ergeben, sondern entweder der sogen, schwarzblaue Block ein kleines Ueberge- wickn behalten, oder sich ein Gleichgewicht der beiden Seiten des Reichstages einstellen.

0 Die Stärke bet Parteien gestaltet sich nach ; dem Ausfall der Hauptwahl und der bisherigen Stichwahlen wie folgt: Konservative 42, Reichspar­tei 12, Wirtschaftliche Bereinigung 14, die Welfen 5, Polen 16, Wilde 3, Zentrum 91, elsäßisches Zentrum 5, Lothringer 2, die Sozialdemokraten 99, Nationalliberale 38, Fortschrittler 36.

X Die noch ausstehenden Stichwahlen. Von den 397 Stichwahlen sind nunmehr 364 entschieden: 206 im ersten Wahlgang und in Stichwahlen am Samstag 78 und am Montag 80. 33 Stichwahlen stehen noch ans. Sie werden — alle 33 in Reußen — am Donnerstag auSgefochten, u. a.: Quersurt-Merfeburg, Nordhausen, Osnabrück,Altena- Iserlohn, Bochum-Gelsenkirchen, Dortmund, Lennep. Remscheid, Elberfeld - Barmen, Düsseldorf, Essen, Mülheim (Ruhr), Duisburg. Mörs-Rees. Zur Be­urteilung des voraussichtlichen endgiltigen Wahlergeb­nisses ist eine liebersicht dieser Stichwahlen von Wert. ES stehen in Stichwahl die Konservativen in 11 Wahlkreisen, die Freikonservativen in 5 Wahlkreisen, das Zentrum in 6 Wahlkreisen und zwar gegen die Polen in Oppeln, gegen die Nationalliberalen in Osnabrück und Mörs-Rees, gegen dir Sozialdemokraten in Dortmund, Düssel­dorf und Essen, die Polen in 4 Wahlkreisen, die Nationalliberalen in 10 Wahlkreisen, die Fortschrittliche VolkSparter in 10 Wahl- kreisen, die Sozialdemokraten in 21 Wahl­kreisen. Von den 33 Stichwahlen am Donnerstag ist nur eine (Elbing) zwischen den Parteien der Reckten auszusechten. In 12 Stichwahlkreisen stehen sich Liberale und Sozialdemokraten gegen­über. Diese letzteren sind der Linken also auf alle Fälle sicher.

* Bingen, 23. Jan. 1912. Das Binger Kreis- amt stellte heute sür Becker (natl.) 12012 Stimmen und für den Fortschrittler Korell 12010 Stimmen fest. Die Wahl wäre danach also für Becker ent­schieden, der vom Zentrum und Nationalliberalen gewählt wurde. Nach den ersten Meldungen sollte Korell mit 10 Stimmen Mehrheit gesiegt hoben. DoS rndgült ge Resultat w rd am Freitag festgesiellt.

* Saarbrücken, 22. Jan. 1912. Folgende nied­liche Szene ans der nationalliberalen Wahl­agitation in Saarbrücken schildert die.Saarpost':

Am 18. ds. tagte im „Zwoli" eine soziatdemo- kraüsche Versammlung, in der der Arbeiterführer die Parole ausgab: Kur Baffermann I Das war nach Lage der Dinge zu erwarten. Tie markanieste Periönlichkeit in der Twoli-Bertammlung war der evangelische Pfarrer Reichard, der sich sozialdemo­kratisch er gab als Leimpeters. Der sozialdemo- tralische Führer Leimpelers hat wohl noch nie soviel Schmeicheleien gehört, als gestern abend aus dem Munde einet evangelischen Geistlichen. Gin demonstrativer Beifall durch brauste bat Haus, alt man höre und staune — Herr Reichard tn di« Menge die Worte hm- einrtef: „Wir beide (Sozialismus und Liberalismus) gehören zusammen, roh betämpfe» beide die „Aus­wüchse" der Kirche!' Ein evangelischer Geistlicher erklärt, Hand tn Hand mit der Sosialdemokratie die Kirche zu bekämpfen, denn roaS Herr Reichard unter .Auswüchse' versteht, weiß man ja. Nicht minderer Beifall setzte ein, als Herr Reichard erklärte: „Ich gehe lieber zuJhnen, als zu den Schwarzen." Er nannte Herrn Leimpeters weiter seinen Freund. Den göttlichen Heiland nannte er ganz ,m Stile der sozial- demolraiischen Schlagworte den größten und hesttguen Sozialisten, der je gelebt. Also loroett ist es gekommen, daß em evangelischer Geistlicher, um die WahlvUs« bet Sozialdemokalte zu gerotnnen, sich nicht scheut, Aus­drücke sich zu eigen zu machen, die von Menschen, Die an die Gottheit Thrtsti glauben, atS eine Beleidigung des WelterlöferS empfunden werden müssen. Diejenigen, die anderer Meinung waren, alS die naltonalltberalen Redner, wurden nieoergebrSUt, und zwar, rote fest- gestellt wurde, nicht von den Sozialdemokraten, sondern von anwesenden (Selben.

In der Stichwahl siegte Bassermann allein durch die sozialdemokratische Hilfe. Di« Hütten Übten ans ihre Arbeiter wieder, wie bet der Hanpiwahl, einen schmachvollen Druck ans. Werkmeister und Beamte führten die Wähler truppen weise zur Urne, vor dem Abzug waren an die Arbeiter Stimmzettel verteilt worden mit der Weisung, vor dem Wahl­lokal lerne anderen Stimmzettel anzunehmen. Bassermann hat wahrhaftig keinen Grund, auf diese Wahl stolz zu fein.

♦ Köln, 23. Jan. 1912. Der bisherige Reichs- lagsabgeordnete sür Köln, Justizrat Trimborn, erläßt eine Aufforderung an die Zentrumspartei, wegen bet Verlustes de» Kölner Mandats an die Sozialdemokratie, die durch daS Verhalten der Liberalen herdeigeführt fei, bei den Stichwahlen in Bochum-Gelsenkirchen und Duisburg leine Ver­geltung an bea Nationalliberalen zu üben, sondern biS auf den letzten Mann sür ben nationalliberalen Kandidaten emzutreten, vor allem schon mit Rück­sicht auf die dir stlich-nationale Arbeiterbewegung. — Die ZenirumsbläUer im Industriegebiet be­sprechen den Ausgang der Kölner Stichwahl in seiner etwaigen Wirkung auf die Durchführung der zwischen Zentrum und Nationalliberalen für die Wahlkreise Düsseldorf, DuiSdnrg, Essen, Bochum und Dortmund getroffenen Ab­machungen. Sie mahnen die ZenlrumSwähler mit größter Entschiedenheit, daß sie leine Vergel­tung üben, sich rocht von Gefühlsregungen teilen und leine Verärgerungspolitik treiben, sondern am 25. Januar Manu für Mann für die national» liberalen Kandidaten eintreten. Die liberalen Blätter dagegen unterstützen die Stichwahlparole der nationalliberalen Parteileitung nicht. Der Wahl­ausschuß bet ZenirumSpattei bei Wahlkreises L«unep»Re«f^eib-Mettmanu. der tyi.ben

Wahlabmachungen nicht beteiligt ist, hielt gleich nach dem Bekanntwerden des Stichwahlergebniffes in Köln-Stadt eine Sitzung ab und beschloß einmütig, für die Stichwahl zwischen Eickhoff (Fvrlschr. 93p.) und Jltmaun (Soz.) Stimmenthaltung zu proklamieren, weil Trimborn mit liberaler Hilfe zu Fall gebracht worden sei.

*♦ Die früheren Stichwahlen in Köln. Die ,Köln. Vztgck stellt die Ergebnisse der früheren Wahlen in Köln seit 1884 zusammen, wo sich zum erstenmal die Notwendigkeit einer Stichwahl ergab. Man ersieht daraus aufs klarste, daß in den Reichstags­wahlen seit 1884 das Zentrum, abgesehen von einer Ersatzwahl 1895, in Köln nur siegen konnte, weil die große Mehrheit der Liberalen in der Stichwahl für de» Zentrumskandidaten ein trat. 1912 war's anders. Da ist die große Mehrheit der Liberalen, in manchen Bezirken fast die Gesamtheit der Libe­ralen, für den Sozialdemokra en in der Stichwahl cingetrelen. Daher, und nur daher das jetzige Ergebnis.

— Di« Stichwahlen in der Provinz Hannover. Der zweite Tag der Stichwahlen in der Provinz Hannover hat das überraschende Ergeb- n t s gebracht, daß die drei in der Stichwahl stehen­den Welfen, v. Schele, v. Meding und v. Wan- genheim, die Mandate erhielten. Damit haben sämtliche in fünf Wahlkreisen aufgestellten Welfen ihr Mandat errungen. In Nienburg-Stolzenau ver­lor der bekannte Kolonialpolitiker Dr. Arning seinen Sitz an den Welfen v. Sech le. Uelzen-Lüchow ging dem Nationalliberalen Dusche durch die Parole der konservativen Parteileitung der Provinz Hannover (keine Stimme für Dusche) das Mandat verloren. In Lüneburg-Winsen waren es dir Sozialdemokra­ten, denen der Welfe v. Wangenbeim seinen Sieg zu verdanken hat. In Osnabrück findet erst Don­nerstag Stichwahl statt. Dort nnterstütten die So­zialdemokraten den Liberalen gegen das Zentrum.

-ff- Di« Bilanz der Wahlen in Baden. Zu den erfreulichsten Ergebnissen im ganzen Deutschen Reiche gehört sicher die Zurückeroberung von K o n- stanz-Ueb« klingen. Knapp 2y2 Monate war der Wahlkreis im Besitz des Liberalismus, der ihn mit einer beispiellosen Hetze und Verlogenheit ge­wonnen hatte. In stiller unablässiger Arbeit berei­tere sich das Zentrum auf die allgemeinen Wahlen vor. Man hatte aus dein Wahlkampf im Oktober manches gelernt, auch die Fehler des Gegners blie­ben nicht unbenutzt. Nachdem die Oktoberwahlen gezeigt halten, wie sehr die Bevölkerung am See für wirtschaftliche Fragen empfänglich ist, führte das Zentrum den Wahlkampf vorzugsweise mit Wirt­schaftsfragen. Neben einer guten Aufklärung über die Reichsfinanzreform spielte die Zollfrage die Hauptrolle. War der Wahlkreis infolge der verlo­genen Hetze der Gegner über die Reichsfinanzre­form verloren gegangen, so kann man ruhig sagen, er wurde mit der Aufklärung über die Wichtigkeit des Schutzzolles und die Unzuverlässigkeit der Libe­ralen in dieser Frage zurückerobert. Im Oktober hatten liberale Blätter unsere Schutzzollpolitik noch als schlecht und schädlich verschrien. Diesmal konn­ten sie nicht zollfreundlich geling fein. Auch der li­berale Kandidat hatte auf einmal sein bauern- und zollfreundliches Herz entdeckt. Im liberalen Lager hoffte man noch mit der Reichsfinanzreformhetze Geschäfte zu machen. Tie denkenden Wähler halten aber die Lügenarbeit satt. Da eine Ueberrumpe- lung der Wähler nicht ausgeschlossen war, hatte das Zentrum die Kleinarbeit am Wahltag in geradezu mustergültiger Weise organisiert. Die Liberalen batten sich außer einer Anzahl von Autos 30 Korvs- studenten aus Freiburg verschrieben. Jetzt ist der „Volksmann" Schmid, den die Liberalen nach sei­nem Sieg bei der Ersatzwahl als Wunderkind im Lande svarieren geführt haben, schon wieder Reichs­tagsabgeordneter a. D. Den Erfolg hat das Zen­trum ganz aus eigener Kraft errungen. Lide- rate und Sozialdemokraten haben gemeinsam die äußersten Anstrengungen gemacht, das Mandat dem liberalen „Volksmann" zu retten. Der „Volks­freund", das sozialdemokratische Hauptorgan in Karlsruhe, bebt ausdrücklich hervor, die sorialdemo- kraiische Wählerschaft in Konstanz habe ihre „Pflicht" bis aufs äußerste getan. Das Zentrum bat alle seine Gegner niedergeworfen. Aehnlich liegt die Sache in Donaueschingen, wo der Zen­trumsmann Duffner gegen die Liberalen und So­zialdemokraten durchgedrungen ist. In Frei­burg ist es den Sozialisten gelungen, dem fort­schrittlichen Professor von Schulze-Gävernitz eine Mebrbeit zu verschaffen. Das Zentrum verliert die­sen Wahlkreis. Ein adliger Professor ist zweifellos der rechte Kandidat für die Sozialdemokratie! Man sieht, die Herren können auch anders, sie können auch einen „Junker" wählen, wenn es nur gegen das verhaßte Zentrum geht. In Offenburg und Kehl haben die Liberalen und Sozialisten zu­sammen gegen den bisherigen Inhaber des Man­dats, den Zentrumsmann Schüler» eine Mehr­heit von nur acht Stimmen zusammenge­bracht. Da die Wabl voraussichtlich angefochten wich, kann man den Bezirk nicht als endgültig be­setzt ansehen. Die liberalen Kandidaten dieser vier Bezirke ba6en, um die Unterstützung der Sozialde­mokraten zu erhallen, die Jenaer Bedingun­gen unterschrieben. Sie haben also ihre parlamentarische Tätigkeit unter die Kontrolle der Roten gestellt. Und damit die Herren nicht wieder, tote es seinerzeit der kurzfristige ehemalige Abgeordnete Schmid für Konstanz getan hat, ah- leugnen können, daß sie die Jenaer Bedingungen unterschrieben haben, haben die Sozis zur Unter­schrift eine offizielle Urkundsperson beigezogen. Ge- toiß eine „Vertrauenskundgebung" einem angehen­den RerchStaaSobgeordneten gegenüber! Von her­vorragender Bedeutung ist, daß in der Stichwahl in Karlsruhe der Sozialdemokrat Geck gefallen ist. Er war in der Hauptwahl seinem Gegner, dem Fortschrittler HaaS, um mehrer« Tausend Stimmen über. DaS Zentrum hatte Wahlenthaltung prokla­miert. ES bestand aber bei ben ZentumSwählern

das glühende Verlangen, daß Geck durchfallen möchte. Insbesondere waren die katholischen Ar­beiter, die in den Werkstätten von den Genossen bis aufs Blut gequält werden,in einem Zustand äußer­ster Erbitterung. Als nun gar von den Oberländer Bezirken die Nachricht kam, die Sozialisten trieben dort ihren letzten Mann gegen das Zentrum an die Urne, gab es in Karlsruhe kein Halten mehr, und die StichwahlParole mußte in letzter Stunde zugun­sten des Fortschrittlers abgeändert werden und in zwei Stunden hatte das Zentrum dem bürgerlichen Kandidaten eine Mehrheit von 3000 Stimmen ver­schafft. Das Zentrum hat die rote Föhne von der badischen Residenz niederaeholt. Dabei ist zu be­achten, daß der nationalliberale Parte-ft'ef Ober­schulrat Rebmann nocb wenige Tage vorher ge­neigt gewesen war, die Residenz den Roten zu über lassen! Bon drei Mandaten fettet die Sozialdemo­kratie in Baden, dem Lande ihrer besten Hoffnung, nur ein einziges! Und lediglich das Zentrum ist es, dem sie es zu verdanken hat, daß ihr Pforz­heim und Karlsruhe entrissen wurden. Man macht sich keine Vorstellung von der ungeheuren W u t der Genossen, denn sie bezahlen die ganzen Kosten des Großblocks allein. Sie haben zivar den Libera­len 2 Zentrumssitze verschafft, aber dafür hat das Zentrum den Mann zu Falle gebracht, den sie nm jeden, auch den teuersten Preis im Reichstag ha­ben wollten. Das Gesamtergebnis ist also in Ba­den. 6 Zentrum gegen früher 7; 1 Bund der Landwirte wie früher; 4 Nationalliberale gegen früher 3; 2 Fortschrittler gegen früher 0; ein einzi­ger Sozialdemokrat gegen früher drei.

Wahlkreis Fulda-Gersfeld-Schlüchtern.

* Ein ärgerliches Mißgeschick verfolg) die Ääm- merzeller Zentimmswähler in der „Fuldaer Zlg." In der ersten Veröffentlichung der Wahlergebnisse waren von dort 17 statt 70 Stimmen für Müller stö- tiert worden. In die Veröffentlichung des amtlichen Wahlergebnisses hat sich durch ein Versehen des tech­nischen Personals der „Fuldaer Zeitung" abermals dieser schon einmal berichtigte Fehler ringeschlichen. In der Tat haben, wie nochmals festgestellt sei, in Kämmerzell von 80 Wahlberechtigten 90 %, näm­lich siebzig ihre Stimme für den Zentrumskandi­daten abgegeben. Rur die Kranken und Abwesen­den haben "nicht gewählt.

Wahlkreis Marburg-klirchham-Frankenbere.

(i) Marburg, 22. Jan. 1912. Die „Hessische Lmidesztq." reibt auf ihren durchgesalleneu Pairon, Hrn. v. Gerlach, einen „Tr a u « r s a l a m a n d e r". Ter „Nachruf" strotzt vor Beleidigungen und Ver­leumdungen der Gegner des Herrn v. Verlach. Von den Deutsch Sozialen heißt cs:

sie führten den WattilMi.pl tu fcttiibat verlogiiiüec Weis«. All« Scham war ihnen zu den Hunden geflohen. In der denkbar gctueini'leii Werse beiogen und beschwindelten sie namentlich die ländliche Bevöl- kerima.

Interessant ist, was von der Marburger Bredl- gefotzschaft gesagt wird:

lieberc.u5 traurig haben sich auch werte Marburger. Kreise benommen, bi« den sogen unten „gerodeten" Schichten angr ören. Sonst kommen diese Leute zu uns gelaufen und verlangen flammende Ar­tikel gegen Rom, da von dort die Gerstesfreiheil bedroht werde. Bei der Stichwahl aber lauten st« bin und gebe« ihre Stimme einem Manne, d r für die Erhaltung der -ZentrumsHerrschaft ist! Daß Rupp in Marburg 115S erhalten konnte, ist eine unsterbliche Blamage für eine Universitätsstadt.

Tas gröbste Geschütz fährt natürlich die „Landes­zeitung" gegen das Zentrum und die „Fuldaer Ztg." auf. Diese haben dem Herrn v. Gerlach ja in der Tat die Pforte zum Wallotbau am Königsplatz in Berlin verrammelt und die Wut ist deshalb ver­ständlich. Sie äußert sich allerdings in der übelsten Weise. Man lieft da:

Die talbolijche Geistlichkeit mißbrauchte wie immer bei solche» Angrlegenheiten, ihr Aml und ließ sich von den Wählern d» ch Handschlag versprechen, nur für Rupp zu stimmen Zahlreich« Katholiken er­klärten uns, daß sie mit ihrem Herze» bet v Gerlach wären; nachd m sie aber von der Geistlichkeit zu einem Gelöbnis gezwungen wären, müßten sie dieses leider halten.

Da lachen ja sämtliche Kühe! Dieser blöd­sinnige Schwindel von dem erzwunge­nen Gelöbnis ist eine überaus rostige Waffe aus dem Arsenal der Zentrnmsseinde. Sie ist nur noch im Kasperle-Theater verwendbar, nicht im ern­sten politischen Gefecht. Unsere Zentrumswähler verbitten es sich ganz entschieden, von jenen libe­ralen „Welt am Montag"-Schriftstellcrn, diesen Sklaven der Schlagworte und Taqesqötzen, als Stimmvieh bezeichnet zu werden. Die Zentrums- Wähler find politisch geschult und aufgeklärt Sie wissen, was auf dem Spiele steht. Einmütig treten sie mit ihren Geistlichen ein für die bedrohten Güter der christlichen Kultur. Ihre Reihen schließen sich fester in einem Augenblicke, da das von teuflischem Zentrumshaß zeugende Triumphqeschrei der Libe­ralen über Kölns Fall auch den Verbohrtesten über die Absicht des Feindes aufklären muß. Die ge­meine Hetze der „Landesftg." gegen die Geistlichkeit wird nie und nimmer die Schlachtlinie sprengen, die im Januar 1912 in Oberhessen so glänzend ge­kämpft hat unter der Devise für Wahrheit, Freiheit und Recht.

Wahlkreis Eisenach-Dermbach.

(i) Eisenach, 23. Jan. 1912. In Eisenach herrschte am Abend des Stichwcchltages große Freude über den Sieg deS nationalliberalen Kandidaten .Lear« quart, der mit 1000 Stimmen Mehrheit gegen den Sozialdemokraten Leber gewählt wurde. Die „Eise­nacher Ztg." sagt in ihrem Siegesartikel:

Ein »rnster Tag, ein harter Kampf, «tu schöner Sieg! Draußen im Reich hat freilich der uns so freudig« Zag dl« Zahl der sozialdemokratischen Ab­geordneten «eiter «ttchroellen taffen; um so Helte- wird der Name Eisenach durch» deutsche Land tlingeut