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ZuldaerW Zeitung

Mochenbeiiage: „rllnstckette Sonntagszeitung" Mon-trbeilag-: „Zuldaer Geschichtrblätter"

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Betetlon rbruck i. verleg bei gelbaer Xctiexbtnierei L$ilbe Serif Dreier Nr. 9.

3), Jahrgang.

Fulda, Samstag den 20. Januar 1912

Erstes Blatt

Vi 16.

♦ Der erste Stichwahllag. Heute finden tn 77 Wahlkreisen die Stichwahlen start, u. a. m Labiau« Wehlau, Verden^roya, Hameln-Liuben, Harburg- Rothenburg, Minden-Lübbccke, Herford-Halte, Biele- seld-Wiedenbrück, Hamm-Soest, Wiesbaden, Weil­burg-Limburg, Diüenburg-Unlerwcstcrivald, Riuteln- HofgeiLmar, Kaffel-Meliuiigcn, Antzlar-tzomberg, Eschwege-Schmalkaldcn, Marburg-Kirchhain, Hers­feld-Rotenburg, Wetzlar-Altenkirchcu,^ Kreuznach- Simmern, Saarbrücken, Ottweiler - 2t. Wendel, Kronach, Schweinfurt, Würzburg, Augsburg, Jmmrn- ftadt, Konstanz«Ueberliugen, Do muejchiugen - Bil- lingen, Freiburg-Waldkrrch, Kehl-Offenburg, Karls- ruhe, Heidelberg, Memingen-Hildburabaufcn.

energischem kintreteu für den liberalen Kandidaten anfforderte. beute abend spricht Engler in einer liberalen Versammlung in Konstanz, wo neben -hm

nicht die geringste» Bedenken, die sozialdemokratischen Jenaer Beding«

begehe. Weiter heißt cs dann: „$kr mit dem so­zialdemokratischen Stimmzettel protestieren wollte gegen eine einseitige Regierungspolitik, gegen den schwarz-blauen Block, hat es durch seine Stimm­abgabe in der Hauptwahl getan. Wer jetzt für die Sozialdemokratie eintritt, erklärt sich identisch mit ihren Endzielen, mit ihrem Programm, mit ihren Grundanschauungen." — Dazu bemerkt das Regie-

find. Darum geht unser Wunsch nach wie vor da­rin, daß m ö g l i ch st v i e l e von den Liberalen sich ms der Verstrickung der Großblockpolitik befreien und fick wieder zu positiver Tätigkeit im An- chluß an die anderen bürgerlichen Parteien ent­schließen niogen Die Rückkehr zur positiven, staats- erhaltenden und nationalen Arbeit muß bei den Stichwahlen anfangen und ist im nächsten Reichs­tag fortzusehen. Wer die zersetzende Parole von der Front gegen rechts" abweist rmd sich der Posa- dowsky'schen Parole von der „Front nach außen" anschließt, wird nicht bloß die Interessen des Bater- landes, sondern auch die Interessen der eigenen Partei am besten fördern. Die besonnenen Ra­tionalliberalen wüßten doch schon aus den bisheri­gen Erfahrungen gelernt baden, daß ihr Heil nicht in der Desperado-Politik der Verneinung und Zer- trümmernng liegt, sondern in der soliden Mit­arbeit — gemäß dem Borbilde, das chre Vorgän­ger tn der Zett bts 1907 gegeben haben.

Sollte es der: Hassern und Hetzern auf der Lin- leit gelingen, mit Hilfe der Roten das Zustandekom- nei: einer arbeitswilligen und arbeitsfähigen Mehr» helt zu verhindern, — nun, dann wird von der irre» gleiteten Wählerschaft an eine besser informierte appelliert werden, und dann kommt es doch zu einer Frout nach außen!

gesagt.

♦ Wetzlar, 19. Ian. 1912. Im Wahlkreise Wetzlar-Altenlirchen unterstützen die Fortschrittliche Vollspartei, die Sozialdemokraten und der Hansa- bunb den nationalliberalen Kandidaten vom Rat, das Zentrum, die Konsetvaliven und der Bund der Landwirte den christlichsozialen Kandi­daten Behrens.

** Saarbrücken, 19. Jan. 1912. Die Sozial­demokraten beschlossen, in Saarbrücken mit ihren 4157 Stimmen für den nationalliberalen Führer Basser mann (25 108) gegen den Zentrums- kandldaten Sauermann (24 228) einzutreten. — Für Ottweiler-St. Wendel beschlossen sie mit chren 1627 Stimmen Wahlenthaltung zwi­schen dem Nationalliberalen Schubert (18 628) und dem Zentrumskandidaten Koßntann (20192).

*♦ Köln, 19. Januar 1912. Die national« liberale Partei hielt heute abend eine Bersammlung ab zwecks Stellungnahme zur Stichwahl im Wahlkreise Köln-Stadt. Alle Redner erklärten, daß eS die Auf­gabe der nationalliberalen Partei sei, die Linke nach Möglichkeit derart zu stärken, daß sie die Mehrheit im Reichstage erhalte. Schließlich wurde von der mehrere tausend Personen zählenden Versammlung fast ein­stimmig beschlossen, den Anhängern der Partei Wahl- freiheit zu geben. Von der nationalliberalen Partei in Saarbrücken war ein Telegramm eingelaufen, in dem diese Entscheidung mit Rücksicht auf Basser- mann erbeten wurde. Die Kölner Entscheidung ist also der Dank der Liberalen an die Saarbrücker Sozialdemokraten für die Wahl Bassermanns.

♦ Hamm, 19. Jan. 1912. Die Fortschritt- liche Volkspartei des Wahlkreises Hamm-Soest beschloß die Ausgabe einer bestimmten Wahlparole zwischen Nationalliberalen und Zentrum abzu- lehnen.

* Karlsruhe, 19. Jan. 1912. In Baden ist die Verbrüderung zwischen Nationallibere- len und Sozialdemokraten schon weit ge­diehen. Die Sozialdemokratie begnügt sich nicht da­mit, die Parole für die liberalen Kandidaten ans- zugcb-n, sondern entfaltet auch eine äußerst rege Tätigkeit zugunsten der liberalen Kandidaten. In einer gestern in Freiburg veranstalteten liberalen B'lksverfammlung beteiligte sich auch der bekannte sozialdemokratische Slrbeitcrfefretär Engler, der zu

KausmannSstand, dem Lehrerstand usw. rekrutierten. Das Geld, so wird unS von dem Gewährsmann oer- sichert, sei nur so geflossen. Allein zirka 15000 Mark sind am Freitag für Autos, Droschken und anbete Schlepperdienste ausgegeben worden. An die Witte, bei denen sie Wahlbureaus etabliert halten, zahlten He 12 bis 15 Mark für Vier, Kaffee und Kuchen. Am Stichwahltage wird dieser «uswaud von «rast uuv Geld natürlich verdoppelt werden, um daS Mandat zu holen. Den» bet den Fortschritt­lern sind nicht mehr Grundiätze, sondern Geld, Geld und wieder Geld ausschlaggebend.

Wenn selbst ein sozialdemokratisches Blatt die metallischen Ideale der Bolkspartei derart an den Pranger stellt, so brauchen wir über diese Liberalen kein Wort mehr zu verlieren. Aber man erkennt ans diesen Enthüllungen, wie teuer der Hansa» bund den geringen Stimmenzuwachs, mit der die Freisinnspresse geprahlt hat, erkaufen rnuß.

Mosaikbilöer ans dem Orient.

Reisekizzen ton Tr. Jos. Lamm eper, Beirut (Syrien) Vom Sion nach Bethlehem.

Noch erinnere ich mich lebhaft der kostbaren Augenblicke, die ich gelegentlich meiner Iernfalem- reise auf dem Sion zubringen durfte. Mit ernster, weihevoller Stimmung betraten wir das Coenam- lum, jenen ehrwürdigen Ort, wo nach alter lieber» neferung der Heiland vor seinem bitteren Leiden daS allerheiligste Altarssakrament eingesetzt hat. Und von hier nach Bethlehem, wie gering ist die Entfernung und doch welch eine Fülle von Ereig- ncheu ml reden des Herrn von Bethlehem, dem Oe» burtcort, bi? Sion, wo er uns das Lebensbrot brach und Golgatha, Ivo er sein Herzblut sür die Sünden der Welt vergoß! Wiederum naht das Weihnachts­fest und mit ihm die Erinnerung an den, der es ims geschenkt hat. Ick sollte in diesem Jahre meine Weihnachten schon früher feiern. An einem herr­lichen Septembermorgen brach ich auf von Jeru­salem, der heiligen Stadt. Vom romantischen Jasfa- tore aus an der zinnengekrönten Stadtmauer vor­über gings hinab ins Hinnomtal zwischen ärmlichen .Häusern, christlichen Niederlassungen hindurch, vor­über am Berge des bösen Nates und dem Blutacker. Nach geraumer Zeit kannten wir auf einer Hoch- ebene an, von der man einen herrlichen Blick auf die hl. Stadt mit ihren Kirchen, Kuvveln und Tür- inen hat. Zahlreiche Karawanen begegneten uns, die ans der Richtung von Bethlehem kamen und deren Führer in ihren zerlumpten, aber malerischen Trachten einen echt orientalischen Anblick. boten, gdb haben totr das auf der Höbtz gelegene griechische Jv^r M^r Elchs erreicht, das einer Festung Überall wegen feiner erhöhten Lage als ?? n Schon winkt inmitten von

fntt unter denen der Franken-

r^^m fieriiber1 "U >rvorragt, die Terrasse von z^thlchem berühr. W,r zweigten rechts vom Wege L T- «5 katholischen Malteser-

rnchens tn TanGr einen Besuch abzustatten Dies-r (stattliche Ban bwat em Krankenhaus nebst Apotheke,

ungen zu unterschreiben.

♦ BreSlan, 19. Jan. 1912. D« konfervali- nen unterstützen die Nationalliberalen in Breslau- Ost; die Nationalliberalen uulerstützen d:e Konservativen in Kreuzburg, Jaucr, Schweidnitz, Grünberg, Saga» und Rothenburg und das Zenttum in Breslau-Ost. Die Nalionallideralcn uulecstütziu das Zentrum in Oppeln, Gleiwitz, Großftrelitz und Kofel für die Gegenleistung in Breslau-Ost. Das Zentrum unterstützt die Polen gegen die Sozial­demokratie in Kattowitz - Zabrze. Tas polnische Zentral-Wahlkomilee hat die Parole ausgigeben, das Zentrum im Westen zu unterstützen.

X Die Regierung gegen den Fortschritt. Die Re­gierung greift uochnlals in den Streit der Parteien über die Stichwahlen em und nagelt in ihrer Sams- tagsnummer die Worte aus dem freisinnigen Stich- lvahlaufrnf aus dem 1. Berliner Wahlkreise fest, wo der Fortschrittler Kaempf mit dem Sozialdemokra­ten Düwell in Stichwahl steht. In diesem Stich- Wahlaufrufe wird gesagt, daß jeder, der nicht für den sreisinniaen Kandidaten eintrete, „Verrat an der Sache des Bürgertunrs, an den Grundsätzen des Liberalismus, an der Zukunft unseres Vaterlandes"

“ ’ heißt es dann: „Wer mit dem so­ll Stimmzettel protestieren wollte

der Prstektor bet Freiburger Universität, Professor Fabricnis, und Geheimrat Aschoff, auftreten. Aschoff hat gestern in Frcibr als nationalliberaler

gen: Stille Nacht, heilige Nacht, Ihr Kinderlein kommet, Zu Bethlehem geboren usw. Alle diese Weisen gingen durch meinen Geist, als ob er der Resonanzboden und das Echo der Jugendzeit wäre. Ich versuchte wieder zu beten. Doch von neuem glaubte ich zu vernehmen die gewaltigen Stellen aus dem Credo: Et incamatus est de Spiritu sande ex Maria virgine. Et homo factus est, als ot ein Chor neben mir stände, hörte ich scheinbar bif Tonwellen der verschiedensten Kompositionen an mein Ohr schlagen, herzergreisend, markerschütternd klang es immer wieder: Et verbum caro factum est. Da fiel mir eine Stelle aus Alban Stolz ein, der einmal erwähnt, daß ein Kind bei "bem poly­phonen Gesang des „Tncarnatus est" des Credo zu einer Dame, allem Anschein nach seiner Mutter, ausgeschant und sagte: „Tas ist aber schön!", wo- rmtf die Dame geantwortet habe: „So werden Wohl die Hirten gesungen haben." Schlagfertig rief das Kind aber: „Nein, die Enge l." Leider ist es dem katholischen Klerus nicht gestattet, am Altäre der Geburt die hl. Messe zu lesen. Ein paar Stufen führen hinab m die Kapelle der Krippe, wohin bas Jesuskind gelegt Würbe. Die eigentliche Krippe befmbet sich heute in S. Maria Maggiore in Rom. Am anberu Morgen hatte ich bas Glück, in diesem Raume an bem hier befindlichen Altar ber hl- 3 Kö­nige bie hl. Messe zu lesen, am berfeiben Stelle, wo einst bie Weisen aus bem Morgen laude gekniet und gebetet. Das kleine Städtchen Bethlehem, noch nie hatte es in jenen Zeiten einen solchen reicbgeschmück- ten Zug gesehen. Tie ganze Szenerie ist aus ein­mal verändert. Wo früher nur tiefe Armut herrschte, ein armes Kind, eine arme Muller und arme Hir­ten waren, treffen wir jetzt Männer an, König« von Geburt, Könige an Haltung und Wurde, Ko- uiae an Sibel ber Gesinnung, Könige in V- ort und Gebärde, Könige an Reichtum und Pracht. AuS bem fernen Morgenlande kamen sie gezogen, fol- genb bem wunderbaren Stern, bem Stern von Beth­lehem, jenem einzigartigen Sterne, der noch heu*" leuchtet, bem Sterne unseres Glaubens und Hof bem Sterne unserer Kultur und aller Kultur

* Kassel, 19. Jan. 1912. Der Laudesausschuß der Deutschsozialen Partei in Kurhessen beschloß: wenn die Fortschrittler am Samstagen E s ch w e g e den Deutschsozialen Raab nicht wäh­len, bann verkündet die Deutsch-soziale Partei für die Wahlen am Montag in Weimar, Meiningen, Nordhansen und Frankfurt Wahlenthaltung und läßt die fortschrittlichen Führer Enders, Müller-Meinin­gen und Oeser durchfallen.

* Fiavksmt, 19. Ian. 1912. Die sozialde- mokra tisch e Parteileitung sür den Agitations- bezirk Frankfurt beschloß die N n l e r st ü tz u n g d e r Nationalliberalen in Limburg-Diez und in Wetzlar-Altenkirchen ebenso die Unierstützung des demokratischen Kandidaten v. Gcrlach in Marburg- Rirdihnin.

♦ Frankfurt, 19. Jan. 1912. Das Zentrum, die Konservativen, die Christlich-Sozialen und die Deutsch-Sozialen beschlossen, in der Stichwahl zwi­schen Oeser (Fortschr. Bpt) und Quark (Soz.) Stimmenthaltung. Für die Stellungnahme des Zentrums war mstbesttmmend das feindliche Verhalten ber Volkspartet gegen das Zentrum in Köln und Höchst-Homburg.

(i) Frankfurt, 18. Jan. 1912. Es ist zum Totlachen, wenn man jetzt bie Frankfurter so­zialdemokratische Bolksstirnme sieht, wie sie aus An­laß der bevorstehenden Stichwahl auf dem Bauche der Frankfurter Fortschr. Bolkspartei mit geschwun- genem Tomahalvk einen Indianertanz stampft. Armer Fortschritt, denkt man, daß du dich so miß­handeln lassen mußt von der Sozialdemokratie, der du doch bereit bist, ein paar Dutzend Reichstags­mandate bei den Stichwahlen zuzuschanzen. In der Tonnerstagsnummcr der Volksstimme handelt ein Artikel von ber „fortschrittlichen Un­verschämtheit", ein anderer von Libero» 1 e r S ä n g l i n g S w e i S h e i t". In einem drit- ten, sehr interessanten Artikel, überschrieben „Der rollende Rubel" heißt es:

Mit welchem Aufwand von Straft und Geld bie Fortschrittler am vorletzirn Freilag ihre Wahl betrieben haben, beweisen die folgenden Angaben, bie uns von einem Kundigen gemacht werden, der „mitten mang" war. Es liefen für die Fortschrittler 40 Autos und 76 Droschken. Außerdem waren auf den Beinen 130 Dienstmänner und Helfer zur Flugblattverteilung, und 70 Dienstmänner nfn>. als Reserve Dazu gefeilten sicb die „Roten Radler" und die Leute vom Ausführungs- tnftitut „Blitz". In den Wahlbureaus waren 130 be­zahlte Schreiber und 70 Reseroefchreiber tätig, unge- rechnet ber vielen freiwilligen Helfer, bie sich ouS dem

Tie Front noch anßen.

Graf Posüdowsktz hielt am Donnerstag i« Jena eine Rede über die politische Lage, die in den Latz ausklang: Ich f&ie nicht: „Die Front gegen rechts!" sondern: „Schließen wir nnsere Reihen nut der Front nach außen!" . .

Der ehemalige Vizekanzler und fetzige bürger­liche Stichwahttandldat von Bielefeld ging। bon ber zweifellos richtigen Ansicht aus, daß Deutschland bei bet gegenwärtigen hochpolitischen Spannung dem Auslände nicht das Schauspiel der Zersetzung unb der nationalen Schwäche bieten darf, sondern daß vielmehr bie- ganze Welt WPM muß, tote ent­schlossen und bemf das deutsche Boll ist, erforder­lichenfalls fern Hab und Gut, seinen letzten Manu e'mznsetzen. _ ,,

Es ist ja leider Tatsache, daß die Femde Deutsch­lands int Auslände ttenen Mut geschöpft haben aus den Wahlersvkgen der iuteniatwnaten unb revolutio­nären Sozialdemokratie. Dieser Eindruck, der für Dcmschlcmds Anfehen und Wettinteresfeu schädlich jst, wird noch verstärkt werden, wenn die Sozial­demokratie auch Bei den Stichwahlen noch weitere Erfolge erringt. Unb wer wird für diesen Schaden Verantwortlich fein? Diejenigen Libera­ra l e n, welche das anttsoziakdemokratrsche Wahl- gbkonmren ctbgeleftnt haben und aus blindem Parleihaß ber Umstrrrzparter noch wei­tere Wahldienstc leisten wollen.

Gerade die Erfahrungen tom letzten Sommer müffeit dock jedem Deutschen, der noch offene Au­gen hat, die Nctwcudigkeit klar gemacht haben, daß wir alle nationalen Kräfte z n s a m m e n h a l t e n, uni sür Deutschland gegenüber den mächtigen 9leU tern und Feinden jenen „Platz an der Sonne" zu ichern, den wir für unsere SebcnSinlereffen »rauchen Mehr als jemals in den letzten Jahr­zehnten ist jetzt 2ne „Front nach mißen" die Forde- rttng des Tages, um einen Ausdruck des Fürsten Bülow im rechten Sinne zu wiederholen.

Die „Front »ach meßen" fordert von keiner reichs- linb staatstreueu Partei eine Selbstaufopferung. Sie tonnen alle ihre Grundsätze und Interessen in s-edlichem Wettstreit De?treten, auch in einem loya­len Wahlkampf: nnr müssen sie ihre nationale Sache reinlich geschieden hakten van allen den umstürzle­rischen Bestrebungen, Me nicht bloß bie innere Ent­wickelung, sondern auch die weltpolitischen Juter- tsscn des Vaterlandes bedrohen.

Es ist wahr, Ivas die Großblock-Agitatoren sa­gen : daß der Liberalismus um seiner Selbst er­halt u n g willen mit den Sozialdemokraten zn- fmtnitengeben müsse. Die Ergebnisse vom 12. Ja- intar bestätigen vielmehr die alte Wahrheit, daß der parlamentarifche Besttzslmib bes Liberalismus von keiner anderen Partei so stark bedroht und ge- jchmLlerl wird, als von der Sozialdemokratie. Das Zentrum und die Rechte suchen natürlich ihre Kräfte ^ei den Wahlen möglichst geltend zu machen. Aber sie haben auch in der Erregung des gegenwärtigen Wahlkampfes und kroß der argen liberalen Hetzerei stets bie Bereitwilligkeit bekundet, mit den Liberalen ein Wahlabstnumeu aus der Grundlage ehrlicher Gegenseitigkeit abzuschließen. So entschieden wir auch gegen die Herrschaft des Liberalismus an« kämpfen, so wenig Ivüusckien wir die Vernichtung Oder systematische Ausschaltung des parlmneutari- schcn Ltberakismus. So lange es im Volke eine er­hebliche Zahl von giberakn gibt, muß es auch eine oigetnelfette Zahl von liberalen Abgeordneten ge­ben Eine liberale Fraktion, die in ihrer Art red­lich N'.itarbeiteu will für daS Wohl des Reiches und des Staaies, ist existenzberechtigt unb erwünscht. Das gilt sreilich nicht von solchen Leuten, bie sich liberal nennen, aber in Wirklichkeit nur Vasallen ber Ilmfturzpartei, Handlanger ber Sozialdemokratie

rungsorgan:

„Das ist bie schärfste Verurteilung der Schwenkung, die die Fortschrittliche Volks­partei mit ihrer Sttchwahlparole zugunsten der Sozialdemokratie vollzogen Hal."

An anderer Stelle bemerkt die Nordd. Allg. Ztg.:

„Wie gi vß ober klein auch der unmittelbare Gewi«» an Mandaten sein mag, den bie Forlschritttiche Volks- partet durch ihrm Anlchluß an bie Richtung des .Berliner Tagebialtes- erhält, — was den Proporz ber polittschrn Verantwortung betrifft, fo fällt jedenfalls der Löwenanteil der Fortfchrittlichen Bolks­partei zu."

* Mgemeines Stichwahl-Abkommen zwischen Bollspartei und Sozialdemokratie. Von einer Stelle, welche über bie Beschlüsse ber Leitung der Fortschritt­lichen Bolkspartei wohl unterrichtet sein kann, unb beren Zuverlässigkeit außer Zweifel steht, wird, ber „Post" zufolge, auf das bestimmteste versichert, daß bie von dem geschästsführenben Ausschuß bieser Par­tei ausgegebene Wahlparole auf einem allgemeinen Stichwahlabkommen zwischen der Bolks­partei und den Sozialdemokraten beruht. Diese Nachricht erscheint uns nicht imglaubwürdia,

deren Verwaltung den barmherzigen Brüdern des Provinzialats Graz übertragen ist. Der Prior übt dortselbst die ärztliche Praxis aus. Er ist Doktor der Medizin unb trat al- solcher in den Orden ein. Sein Vorgänger, vor kurzem zum Provinzial ge­wählt, ist ebenfalls Doktor der gesamten Heilwisien- schaften, tote der Titel in Oesterreich heißt. Diese Nieberlafsung stiftet hier großen Segen. Von wett unb breit kommen bie Patienten zur Konsultation unb zur Pflege. Nochbem wir bie Gastfreundschaft ber Bewohner nicht ausgeschlagen, fuhren wir am Nachmittage weiter und begegneten einem Kup­pelbau, ber nach jüdischer, christlicher und mohamme­danischer Tradition als das Grab ber Rachel gilt, ber Frau des Patriarchen Jakob, von ber es 1 Mos. 35, 19 heißt: „Also starb Rachel unb ward begraben am Wege, ber gen Ephrata führt, welches Bethle­hem ist." Im Gegensatz zu Jerusalem haben wir hier ein liebliches GebtrgSlanb mit üppigem Psian- zenwuchS und sorgfältiger Bodenkultur, auch gedeiht hier Wein. In kurzer Zeit erreichen wir bie ersten Häuser von Bethlehem. So sind wir an unserem Ziele onqelangt, nach bem ich mich so lange gesehnt- Die ganze fromme Begeisterung meiner Jugenb- johre stand vor meiner Seele. Wie oft hatte ich als Kinb vor ber Krippe gekniet unb gebetet, wie hingen meine Äugen an dem Jesuskind, das bie moderne Kunst unb Technik so lieblich zu gestalten weiß, als ob e8 Obern und Leben hätte! Wie oft batte ich gebärt und gesungen im Liede von den Hirten auf BrtblebemS Fluren, und nun war ich selbst hier! Bethlehem, sehr bezeichnend in der he- brätschen Sprache, beißt ,^»aus ber Brotes", im Ara­bischen noch zutreffender „Haus des Fleisckjes". Tie ehemalige Heimat des Königs David und Geburts- stadt Jesu Christi, vordem „klein unter den Tausen­den Judas", bat heule ungefähr 11 000 Einwohner, sost ausschließlich Christen, darunter etwa 5000 Äa» iholiken. Tie Bethlemnen, das rühmen alle Orient- reisenden, sind ausnehmend schöne Leute. Wenn ber Orientale in feinem ganzen Benehmen schon etwas Würdevolles, Aristokratisches hat, bann be­sonders der Bechlebemite. als ob dar Bewußtsein im»

in ihm lebendig wäre, ein Landsmann und Mit­bürger des Weltheilands zu sein. Sonderbar ist bie Tatsache, baß eS in Bethlehem feine Juben gibt, auch in Nazareth nicht. Schon bie bescheidene äußere eble Haltung und reinliche Kleidung der Bewohner des Sllhnenstädtchens der allerseligsten Jungfrau läßt auf echte Religiosität schließen. So­fort lenkte ich meine Schritte zur Geburtsgrotte, bie sich seit 1757 in ber ben Griechen gehörenden großen Marienkirche befindet, bie auch Geburtskirche ober Basilika ber hl. Helena Genannt wirb. Dieses Got­teshaus ist über ber Höhle erbaut, die nach uralter schon durch den Apolooefen Justinus, der im 2. Jahrhundert lebte, bezeugten Ueberlieserung als der Stoll bezeichnet wird, in dem Jesus Christus das Licht der Welt erblickte. Dieser sehr alte christli^i 5schiffige mit gewaltigen Säulenmotiven geschmückte Kirchenbau hat im Laufe der Jahrhunderte manche Wandlungen erlebt. Unter dem Chor liegt die Ge­burtskapelle, zu der man auf zwei Treppen hinunter­steigen kann. Jahraus, jahrein. Tag unb Nacht brennen hier 31 Oellampen, bie Wände sind mit Marmor belegt. Zwei kostbare Altäre zieren diesen ehrwürdigen Raum. Unter bem m ber östlichen Nische befinblichen Altar sieht men am Boden einen silbernen Stern mit ber ergreifenden Inschrift: „Hie de virgine Maria Jesus Chris» tusnatuses t", b. h. Hier ist von ber Jungfrau Maria Jesus Christus geboren worben. Wir knie­ten nieder, küßten ehrstirtsvoll den Stern unb be­teten an im Geiste unb in Wahrheft zugleich. Alte Erinnerungen aus ber Kinbbeit tauchten wieder auf in meiner Seele. Wie oft hatte ich vor der .Krippe gekniet! Da stauen sie wieder vor meinen Augen die Figuren der Mutter Gottes und bes hl. Joseph so treu und deutlich und lebenswahr, daß ich jedes Kleidungsstück bis ins Einzelne angeben könnte. Unb nun war ich wirklich an ber Stelle, wo einst ber hl. Joseph stand ganz versunken in hei­lige Meditation, wo die Hirten anbeteten. Alle Me­lodien ans ber Jugendzeit lebten auf, ich glaubte den Gesang zu hören, mein Puls schlug den natürlichen Tatt dazu, bie Zunge schien sich rhytmisch zu bewc-

* Wiesbaden, 19. Jan. 1912. Die Leitung der Zentrumspartei hn Wahlkreis Wiesbaben- Rheingau gibt die Parole aus, in der morgigen Stichwahl für den nationalliberalen Kandidaten Bartling geschloffen zu stimmen. Damit ist die Wahl Bartlings gesichert. Das Zentrum gab bte Parole für Bartling aus, trotzbem die Verhandlun­gen mit ben Nationalliberalen in Köln - Stadt wegen Wahlunterstützung des Zentrumskandidaten, oic als Gegenleistung anfänglich ou§bebungen war, zu feinem Ergebnis geführt haben. In H ö ch st» Homburg dagegen ist von nationalliberaler Sette bie Wahlunterstützung des Zentrumskandidaten zu-