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M H.

vsnnerriag 18. Januar 1912 39 3e»ig«ng.

Tuldaer W Zeitung

2. Blatt.

druck «ad Verlag der Fuldaer Aetienbr, ckieel m Zatda.

Sie ReichMMchlei».

(t) Professor Thümmel aus Jena nxir uaiio- nalliberaler Kandidat für die Reichstagswahl in Jena-Neustadt. Er ist durchgefallen. Die Stichwahl iu Jena-Neustadt findet statt zwischen dem konservativen und dem sozialdemokratischen Kandida­ten. Wir gönnen dem be—rühmbn Häuptling des Evangelischen Bundes Prof. Thümmcl den Durchfall von Herzen, ja wir freuen uns sogar darüber. Man Ivird uns der Schadenfreude zeihen. Aber wer eini­germaßen menschlich empfindet, der wird unsere Freude verstehen, wenn wir einiges mitteilen aus einem Flugblatt, das für die Kandidatur Thümmel verbreitet tvurdc und das eine fo blindwütige Katholikenfeindschaft atmet, daß mau wahrhaftig an dem gesunden Menschenveistand des Verfassers zweifeln muß „Professor Thümmel", heißt es darin,' „ist in ganz Deutschland ckebkimt als Vor­kämpfer gegen die internationale Macht dar römischen Kirrste und ihres deutsch n Offtz-erskorps, des Zen tnfinS." Um den „Ruhm" dieses Thümm.'ls zu steigern, teilt das Flugblatt darauf mit, daß lebt- „Held'" schon als junger Pfarrer ein „scharfes Wort gegen die Verehrung der Hostie" gesprochen habe, wes­halb ec zu vier Wochen Gefängnis verurteilt worden sei. Wegen einer Streitschrift „Rhcinische Richter und römische Priester, eine trostreiche Be- lehrung über die römische Messe" sei er zu 9 M o n a- ten Gefängnis verurteilt worden. 23 ge­richtliche Anklagen habe er sich wegen Be­leidigung der katholischen Kirche zugezogen. Um zu verstehen, wie unerhört die Schmähungen Thümmels gegen die karhol. Kirche gewesen fein müssen, die ihm solche Gefängnisstrafen eintrugen muß man sich in Erinnerung rufen, daß der Wiesbadener freireligiöse Pfarrer Welker, der unaussprechliche Beschimpfungen der kathol. Kircke auf dem Kerbholze hatte, nur zu Geldstrafen verurteilt worden ist. Dex Verfasser des Flugblattes aber glaubt nicht besser seine Kandidatur empfehlen zu können, akz durch den Hinweis auf jene durch Gefängnis gebüßte Attentate Thümmels gegen die katholische Kirche! Er fordert zum Schlüsse

Stieb Wahlparole.

Unsere Patte freunde werden febeten, btt den am 20. tz, M. stattfindendLN SUchwuhlen für die Kandidaten der deutsch so,ialen Partei einzutreten:

Im Wahlkreise Marburg-Kirchhaitt-Frankenbera für Herrn

Schneidermstr. Rupp in Niederwalgern.

Sm Wahlkreise Ninteln-Hofgeismar-Wolfhagen für Herrn Dürgermstr. Rich. Herrog in Obernkirchen.

Sm Wahlkreise Fritzlar-Homberg-Ziegenhaiu für Herrn

Leneralsekretür tzenningsen in Treysa.

Sm Wahlkreise Eschwege-Schmalkalden für Hetrn

Zriedr. wilh. Raab in Hamburg.

Sm Wahlkreise Hünfelv-Herssew-Roteubrrrg für Herrn

Redakteur Ludw. Werner, Lharlottenburg.

prr ßkjPstslilhttndk Ansjchuß dtt ItnlrWSpüttei für dril Ktg-Ktt. K-ißti.

„die protestantischen Thüringer auf, den im fy. iß en Kampfe gereiften Verteidiger des Protestantismus Professor Thümmel" zu wählen. (Zwisckienfrage: zetert man nicht immer, das Zentrum verknüpfe Religion und Politik?) Ann, Thümmel ist durchgefallcn und dem Protestau- tiSmus wird ez deshalb In Deutschland nicht schlech­ter gehen. Sicherlich ober werden viele Leser sich mit uns freuen über Thümmels Durch fall. Es ist gar keine Schadenfreude, sondern eine Freude au3 nationalem Empfinden heraus, daß diesem Bundes- Häuptling keine Gelegenheit gegeben worden ist. von verantwortlicher Stelle aus die Flamme des Reli- gionShaders anzublasen.

* Zn der Rhemprovinz sind 654 000 Stimmen für daS Zentrum abgegeben worden gegen 641UOO im Fahre 1907 Hierbei ist noch in Rechnung zu stellen, daß das Zentrum in Lennep-Mettmann (mit 6250!, Kreuznach und Wetzlar (nrr 15 <)0Q Stimmen) gleich. im ersten Wahlgang für den rechtsstehenden KMldidat « eingdrelen ist. Die Ratwnällibercssea haben einen Rückgang, die Fortschrittler ein kleines Plus zu verzeichnen: Die Sozialdemokraten haben nicht die Zahl erreicht, die sie glaubten ermatten zu fcnneu.

X Die Ergeb,risse in Bauern. In Bayern hat. wie schon sestgesteüt wurde, das Zentrum von 33 Mandaten im ersten Wahlgang 25 glatt gesichert. Da? int Jahre 1907 mit knapper Mehrheit gewonnene Mandat in Pfarrkirchen fei wieder an den Bauern­bund zurück. I» der Stichwahl sind zu verteidigen: Straubing, Germersh im, Zweibrücken, Kronach, Würzburg, Schweinfurt und Augsburg. Sodann steht das Zentrum noch in Kempten-Jmmenstadt in Stichwahl. Von diesen acht Stichwahlen sind die meisten aussichtsvoll, so daß das Z ntrum seinen früheren Besitzstand ungefähr behaupten wird. Im allgemeinen darf festgestellt werden, daß sich das Zentrum glänzend geschlagen hat. In den Stich­wahlen steht es durchweg an erster Stelle und verfügt beispielsweise" in Augsburg über 17 269 Stimmen (1907: 16961) gegenüber 8410 (8907) liberalen und 10895 (6706) sozialdemokratischen In Zmmen- stadt hat e3 auch gegenüber der letzten Ersatzwahl

seine Stimmen um etwa 700 vermehrt und steht nur um 1500 Stimmen hinter den beibin Gegnern zurück. In den beiden Münchener Wahlkreisen hat das Zen­trum allerdings 1500 Stimmen verloren, was u. a. darauf zurückzuführen fein mag, daß es in Anbetracht der Aussichtslosigkeit, zu einem positiven Ergebnis zu gelangen und mit Rücksicht auf die Inanspruch­nahme der Kräfte durch den Landtagswahikrmpf nicht die Agitation entfaltet hat wie in anderen Fällen. München 2 wurde diesmal durch die So­zialdemokratie (v. Vollmar) wieder im ersten An- fturr,. genommen, in München 1 wird das Zentrum den Ausschlag geben zwischen dem Liberalismus und der Sozialdemokratie die hier an erster Stelle in der Stichwahl steht Die Sozialdemokratie hat im ersten Wahlgang fünf Mandate errungen. Zwei davon, Hof und Erlangen, hat sie dem Liberalismus abgenommen und hat damit her its den Besitzstand von 1907 erreicht. Der „verein. Liberalismus", der bis jetzt sechs Mandate besaß, zählt nach der Hauptwahl 0 Mandate. Drei der bisherigen, Hof. Erlangen-Fürth und Forchheim, hat er verloren, dir ersten zwei an die Sozialdemokratie das letztere an dss Konservativen. Wenn man die Firma „Deutscher Bauernbund", der in Rothenburg in die Stichwahl gelangt ist, mirzciblt, ist der Lib.raliZinus an sieben Stichwahlen beteiligt, die sicher nickt alle aussichts­reich sind, so daß es ohne Verluste wohl nicht abgehen dürfte. Daher denn auch: Bei Philippi sehen wir uns wieder.

♦♦ In Württemberg hat das Zentrum sein.- vier Sitze im ersten Anlauf wb der erhalten, und zwar mit noch größerer Stimmenzahl als im Jahre 1907. In Freudenstadt, wo es sofort den konserva­tiven Kandidaten unterstützte, hat es diesen In die Stichwahl gebracht. In mehreren Wahlkreisen hat das Zentrum die Enfsch idnng über den Sieg des einen oder anderen Kandidaten in der Hand, so in Balingen und in Gmünd-Göpvingcn. Dem Bau­ernbund ist ein Mandat, das im zwölft n Wahl­kreis (Crailsheim-Mergentheim), sofort zuaefallen, aber nur mit Hilfe des Zentrums, das den Bauern- bundkanvidalen schon im ersten Wahlgang kräftig nntecsiützt. Verlöret,, hat der Bauernbund Böblingen, gefährdet ist BackucmgHaÜ. Der Bauernbund kommt iirht i weiteren Kreisen in die Stichwahl, die früher von b.T Volkspartei vertreten war. In Heilbronn hak er sich mit der Sozialdemokratie zu messen, hi Freudenstadt und in Ulm mit der Volkspartei, wobei umgekehrt die Sozialdemokratie entscheidet. D«r Rotblock wird also zweifellos in gemeinsame Aktion treten. Die Sozialdemokratie bat ihre zw i Sitze, Stuttgart und Cannstatt, beibebalten. Sie nmd aller Voraussicht nach Eßlingen und He'lbronn erobern; dazu tritt die Möglichkeit eines Sieges in Balingen, wo sie mit Haußmann (F. Vp.) ringt und in Gmünd Göppingen. Der liberale Block vermochte nickt ein cinzmes Mandat aus eigener Kraft zu erringen. Die Volkspartri verlor vielmehr einen ihre. Führer, Naumann, in Heilbronn. Das Schicksal Konrad Haußmanns in Balingen hängt von den Zen4ru,is>vLblern ab. Auch in ttvci weiteren Wahlkreisen, in Calw-Naaold und Göppingen, wo die Voltspartei gleichfalls mit der Sozialdemokratie in Stickzvähl sicht, liegt die Entscheidung bei den Konservative» und d tu Zentrum. Die National- liberalen müffett ihr letztes Mandat, das sie noch besaßen Eßlingen, gegen die Sozialdemokratie in dec Stichwahl verteidigen und können nur siegen mit Halse der rechtsft benden Parteien und des Zen- trmnS-; ganz das Gleiche ist der Fall in Böblingen.

* Kein einziger Kandidat des Hansobundes ist int ersten Wahlaange gewählt worden. Es gab in Berlin lange Gefickter, als man d'"ss>s erfuhr, lieber 150 Kandidaten des Bundes sind sofort durchge- scckle». lind was hat man sich die Geschichte nicht Geld koste» lassen!

* Wie sehr es auf jede Stimme ankommen kann, zeigt das Resultat int mecklenburgischen Wahlkreise Haaenow, dort fiel der liberale Kandidat aus, weil et 16 Stimmen weniger batte wie der sozialdemo­kratische Mitbewerber.

Tie Stichwahlen.

* Ans dem Wahlkreis Götti,igen-Duderstaftt. Nach Dem rui’trcbt tcfriirgenöeu Erg>vnis Oer Wa l i|t der Zentrumsho'pitant Götz v. Olenhausen (Weise) leider untetlcgnt. Es hat eine Stichwahl stalizu«

finden zwilchen dem Sozialdemokraten iviais und dem Rationaillberaien (Sif'iiba'gn* Ichlosser Jckler. Die Entscheidung l egt allein bei dem Zentrum, das mit seinen 6000 Stimryen, die der Kreis Dud rftabt ausbringt, den Ausschlag gibt. Ratürlich schaut das Duderstädter Zentrum bei der Entscheidung für die Stichwahl out die Liberalen in Köln, Düsseldorf und Essen Augen« blicthd) ist die Sttmmnng für die Rationalltbera'cn nicht ungünstig. Hier wird es jedoch keinem Zen« mimsmann ctnfaUen, für dm Ratioualiw raten zu stimmen, wenn tn anderen Wahltresten dieselben Liberalen mit den Sozialdemokraten gegen das Zentrum stimmen. Dte Wirtschaftliche Peieungnug uat die Parole ausgegeben, für Ick er (nalt.s tin« Antreten. Dagegen werden die Welsen voranssichl- lich keine Stichwahlparole ausgeben; sie werden aber, wie verlautet, nicht für den nattviiaüibeialen Kandidaten stimmen.

* Bielefeld-Wiedenbrück. Tie Ha.piwahl hat wider Erwarten nicht die Entscheidung herbergeführt, sondern den Grafen P o s a d o w s k y in die Stich­wahl mit dem Sozialdemokraten gebracht. Der Wahlausschuß der Verbündeten Parteien ist darauf an die Fortschrittliche Volkspartei mit dem Gesuch herangetreten, nunmehr ebenfalls Posadowsky zu unterstützen. Sollte die Fortschrittspartei auch den Lockungen der Sozialoemokratie folgen und die Ge­neralprobe „Ter Feind steht rechts!" ausgeben, so ist, wie der bürgerliche Wahlausschuß in Bielefeld- Wiedenbrück mitteilt, selbst dann für Posadowskys Sieg nichts zu befürchten, wenn die Verbündeten PaÄeien bis auf beit letzten Mann wieder ihre Schuldigkeit tun, da in den 4800 fortschrittlichen Stimmen etwa 3000 nationalliberale stecken, die in der Stickwahl den Grafen Posadowsky nicht iw Stiche lassen werden.

vcuttches Nttch

* Der Besuch Wilhelms II. in der Schweiz soll, u:e seht verlautet, vom 3 —7. September währen. Der Kaiser gedenkt den HeMmanSvcttt des ostschwei- zecischeu Arm ekrrps beizuwohnen unh dann einen Ausflug ins Hochgebirge zu machen Die Schweiz­reise des deutschen Kaisers stellt sich, trotzdem sie naturgemäß in der Form einer Staatsvisite erfolgen wird, als ein gänzlich unpolitischer Höflichkeitsbesuch dar. Allerdings ist zu erwarten daß die französische und vielleicht auch ein Teil der schweiz rischen Press« das Gegenteil behaupten wird. Die international« Stellung der Schweiz und die deutsch-schweizerischen Beziehungen sind jedoch so klar und unzweideutig, daß selbst die Teilnahme des deutsch n Kaisers an dm schweizerischen Manövern keinen berechtigten Aw laß zu politischen Kombinationen liefern kann.

-{- Die Zunahme der Poststellen auf dem Lande, Die Entwicklung der Berkehrsverhältnisse auf dem Lande und insbesondere des Postbetriehes zeigt na» mentlich die verhältnismäßig große Bermehrnng der Poststellen, die soft um das zehnfache äuge» wachsen sind. Während Ende 1880 3339 Poststellen gezählt wurden, stellt sich diese Zahl Ende 1910 auf 29181. Roch deutlicher kommt die Ausdehnung der Postbetriebe durch die Einrichtung der Posthilfs­stellen zum Ausdruck, deren es im Jahre 1880 keine gab, während Ende 1910 18 868 gezählt wurden. Unter den jetzt vorhandenen 135 450 Landorten und sonstigen Wohnstätten habe» 65 600 eine mehr als lvecktäglich einmalige Bestellung.

Ausland.

* In der belgischen Kammer erklärte auf eine An­frage der Minister de? Aeußeren. daß der Kardinal« staatssekretär der belgischen Regierung versichert habe, daß das M o t u p r o p ri o des Papstes über den Gerichtsstand der Geistlichen wie für Deutschland auch für Belgien keine G e l tu n g habe.

Ami Geisa iinö Umgebung.

)::( Geisa, 16. Jan. 1912. Mit dem 1. Januar trat Herr Rektor Trabert von hier in den Ruho- stand. Di- Schuljugend hatte stch bereits am 21. D»

ruft Sonja mit stehend

erhobenen Händen.

Tu's nicht!!

er zum Schreibtisch.

„Tu's nicht. Orlando l

Er achter nicht auf sie. Hastig schreibt er ein paar Zeilen auf ein Stück Papier und reicht es dem Alten, der es mit einer stummen Verbeugung in Em­pfang nimmt. ’

*

filaraek ®’t.Dtü Campanelli ist gerade im • eoldigglänzende Orange zu schälen, ♦u”* ^“'3xen ^ie Mahlzeit feinen rich-

ttgen Abschlug har. als der Diener den Marchese Or- lando meldet.

Ohne sich In seiner wichtigen Beschäftigung stSren |u lassen, befiehlt er, seinen Sohn zu ihm zu führen.

Sie Tuchler Ses $tr6iranleii.

46; Roman von Adele Böttcher.

„Das nötige Geld zum Ankauf deS Diamanten herbeischaffenk Die GeschästSeinteilung ist ganz kor­rekt: ich bringe den Verstand mit. Sie bringen das nötige Geld. Zweihundcrttaufend Franken! Bah, eine Klcinigksit für Seine Hochwohlgeboren das Parlamentsmitglied Marchese Silvio.Campanelli!"

„Ich verstehe —* erwidert Orlando spöttisch. « 'r ÖCj cn' »»erbe Ihnen die Summe aeqen Ihr Versprechen, den Diamanten an ben Oberst Morgan» ^°"digen - Ihnen! - Haha haha! Halten Sie mich für einen Idioten?"

'Xec Ute scheint sich durch ben beißenden Sarkas­mus durchaus nicht beleidigt zu fühlen. Im Gegen­teil. Würdevoll erhebt er sich und legt bl; Hand auf Orlandos Schulter.

„Nein, mein Sohn. Ick halte Sie für einen Ehrenmann und werde Ionen dies sofort beweisen. Ich verpflichte mich, dem Oberst den Diamanten zu- zustelle», nur auf Ihr geschriebenes Wort hin, daß bk Summe in meine Hände gelangt, sobald der Dia­mant von feinem Eigentümer als der feinige aner­kannt wurde."

Wenige Augenblicke überlegt Orlando. Dann eilt

Was hinter verschlossenen Türen zwischen Vater und Sohn verhandelt wurde, bat niemals jemand er­fahren. Aber als Orlando eine halbe Stunde später das Zimmer virläßt, scheint das Einvernehmen zwi­schen ihnen noch nickt völlig hergestellt.

„Tu siehst, es ist alles so gekommen, toie ich es voraussah, mein Sobn", sagte der Marchese Silvio ohne jede Spur von Erregung beim Abschied. „M in Scharfblick hat mich noch nie getäuscht. Nur tapfer vorwärts! Du kannst alsdann auf meine Hilfe rech­nen. Und vergiß eines nicht: trenne dich von deiner Frau sobald wie irgend möglich! <:i der ganzen Familie — Großvater, Pater, Tochter — hast du ein plastisches Beispiel der Äererbungstheorie. Be­denke. wenn ihr Kinder hättet und sie auch —"

Mit einer heftigen Geste tvebrt Orlando ab.

Dann greift er nach seinem Hut und verläßt wie geistesabwesend den Palazzo Campanelli.

*

Es ist bereits spät am Abend. Grell beleuchtet das elektrische Bogenlicht den beinahe menschenleeren Corso Umberto.

Sn finstere Gedanken versunken geht Orlando langum die Straße dahin.

Was fein kluger Vater ihm da alles sagte — er muß ihm recht geben. Und doch wecken die logischen Auscinandersetzun"en und Vernunftgründe keinen Wi­derhall in ihm. Besonders das eine schreckliche Wort Trennung gellt beständig in seinen Ohren nach — wie eine Warnung vor drohendem Unheil.

~ Inzwischen verlebt Sonja daheim todesbange Stunden. Wie soll sie ihrem Gatten begegnen — jetzt, nachdem er alles weiß? — Soll sie, die Schul­dige, wie ein gescholtenes Kind stumm auf Verzeih» ung warten? Oder den ersten Schritt zur Versöhnung tun? Und ist überhaupt eine Versöhnung möglich nach dem, was zwilchen ihnen vorgefallen? — Sie versucht sich zu beschäftigen, die quälenden Gedanken abzuleftcn — vergebens.

Endlich — es ist schon spät am Abend — hört sie Orlandos Schritt auf der Treppe. Nicht wie sonst eilt sie ihm entgegen. Klopfenden Hqrzens wartet sie. wie er sich s» ihr benehmen wird.

Er jedoch gebt sogleich in fein Zimmer, ohne sie Zu begrüßen. Sie roarht und wartet mit dem Abendessen — alles still nebenan. Endlich faßt sie sich ein Herz und tust durch die geschlossene Tür, ob er nicht zum Essen kommen wolle.

Er habe keinen Appetit — kautet die kurze Ant­wort: sie solle allein essen.

Traurig setzt sich das junae Weib an den einsamen Ttsch, von dem das -Hühnerfrikaffee — Orlandos Lieblingsspeise — verlockend zu ihr herüber dampft. Zluch ihr ist cs unmöglich, einen Bissen herunterzu- schlIngen. Unberührt läßt sie die Schüssel hinaus- tragen. Dann seitt sie sich wieder ans Fenster und grübelt. —

Er ist auss tiefste n-rletzt; aber hat er nicht recht? f Kann sic seine Sse^e.'ung sofort erwarten? — Nein. Geduldig will sie harren, von Tag zu Tag, bis das Herz ihres Gatte» sich ihr wieder zuwendet. Kein falscher Stoh, keine unangebrachte Empfindlichkeit soll sie in diesem festen Vorsatz stören. Ach, wie schreit ihr Herz danach, nock einmal mit vollen Zügen zu leben, noch ein einziges Mal das große, das ganze Weltall cinschließende reine Eheglück zu empfinden!

Stunden vergehen. Draußen Rare südlich milde Aiuternacht. Am dunklen Firmament das Aufblitzen imzähliger Sterne.

Da erhebt sieh Sonja von il>;em einsamen Sih am Fenster und klopft an Orlandos Tür.

Er öffnet. Sein Gesicht trägt einen kalten, har­ten Ausdruck.

„Verzeihe, Orlando — aber ich möchte dich etwas fragen", beginnt sie zögernd.

Nicht blickt er sie an, die in demütiger Haltung, mit gesenktem Kopf, vor ihm steht.

„Nun?"

„Soll die Welt die Wahrheit erfahren?"

„Selbstverstündlich. Hast du die Absicht, weiter zu lügen und zu heucheln?"

„Nein, Orlando — nicht vor dir. Aber um beb netwillen wünschte ich, die Welt hielte den Namen deiner Gattin für fleckenlos."

„Ist nicht der Mühe wert! Bald wird die Welt übechaupt aufhören. sich mit mir Klcheschäftige»

Mit angstvollen Blicken blickt sie ihn an.

„Wie meinst du das?"

„Ich werde wich von der Gesellschaft zurückziehen/

Sie senkt das Haupt.

„Wünschest du, daß tck meine Abmachungen mit der Societa musicale löse?"

„Wie es dir beliebt. Tu kannst deine Zeit nach Gutdünken benutzen, fo lange du rnttnern Namen keine Schande machst. Schaff dir Vergnügen —*

„Ich finge nicht zum Vergnügen, sondern um des Geldes willen I"

„So finge weiter für Geld! Ich kann dir ohnehin in nächster Zeit nichts geben, da mein Vater mit nach dem Vorgefallenen jede Hilfe verweigert. Wenn dein Großvater fein Wort hält, hatte ich das meine. Alles, was ich noch besitze, soll zu Geld gemacht wer­den. Ich will nicht ruhen, bis diese Ehrenschuld ge­tilgt ist!"

Voll tiefen Ernstes schlägt sie die Augen zu ihi- auf.

„Auch ich nicht, Orlando. Wir werden an ec Last nickt lange zu tragen haben. Sieh, was für bedriitende Summen ich bereits in den letzten Wochen verdient habe! Wieviel w.rde ich erst in Zukunft vxrdienen, la ich jetzt nicht mehr von allen-Seiten Durd) Heimlichkeiten gehemmt bin! O,' ich will ar­beiten, will neue Engagements eing^hen, will schrei­ben bis in die Nacht hinein — bis endlich die ganze Summe beisammen ist!"

Immer lascher, immer begeisterter springen die Worte von ihren Lippen. Es erscheint ihr in diesem Moment der Exaltation, als würde ihr Vergehen mit der Tilgung jener Ehrenschuld ausgelöscht.

Da Orlando beharrlich schweigt, fährt sie clrr* dringlich fort:

„Ist es nicht, als befänden wir beide — Zwei einsame, hilflose Menschen — uns auf einem Wrack inmitten brandender Wogen? Nur durch Stuf bieten aller Kräfte und festes Aneinanderschmiegen fönneu wir uns über Wasser halten und uns retten! — O, Geliebter — ist es nicht gerade so, wie zu Anfang unserer Ehe in Frascati! — Wir müssen gleich da­mit anfangen —* !Forts, folgt.)