M 12.
Dien$tag 16. Januar |9(2 39 -ayrgang.
• Tuldaer W Zeitung «
2. Blatt
Br«<f ttitb Verleg der Suita« Xditnlrufttti in Zulda.
Ausland
sturme der Gegner von Baffermann bis Bebel ver- hältnismabig glücklich Stund gehalten hat. Aller-! dings haben die Freikonservativen und die ©nippe der Wirtschaftlichen Vereinigung einige Einbuße erlitten. so daß es immerhin möglich ist, daß das Zemmm mir der Rechte allein fortan eine Mehrheit nicht wird bilden können. Loch wäre diese Rückkehr zu den Parteiverhältnissen, die bis zur Auflösung vom Dezember 1905 bestanden, auch nock kein Unglück Wir hoffen, daß die friedliche Entwickelung ber Inner n Politik gesichert bleibt — t r o tz der Zunahme der sozialdemokratischen Mandate, — ' ~ ' der Niederlage der Großblock-Liberalen. I
Amt Geisa und Umgebung.
. M Geisa, 15 Ian. 1912. Wie schon bereit | nnlaetki t, scierie am gestrigen Sonntag der lalh. Ar bei ter verein sein »weites St iftu ngs fest. I Bereits vor Beginn der Vorstellungen war der Saal der „Linde" der größte in Geisa, vollständig besetzt. L'ie beiden Schauspiele: .Am Grabe der Mutter* und „Der Fürst komrvt"^ wurden gut nnedcrgegeben und fanden datier viel Beitall. In den Pause!» wurden Konzertstücke vorgetragcn, abwechselnd mit rliedcrvmträgen des Fräulein E. Möller, begleitet am Klavier von Herrn Lehrer Schuchcrk. Letztere ’ünben bewnders viel Belwll. Sodann solg'e eine - Verlosung, zu der etwa 150 Geschenke von Freunden und Gönnern gewidmet waren, sodaß der Pe:ein c:ne recht gute Einnahme halte. Alles in allem laun der junge Verein mit seinem Stiftungsseflj recht zufrieden sein. Das Fest zeigte jo deutlich, daß der Verein hier viel Anklang gesunden hat und ihm großes Interesse entgegengebiachl wird.
* Stadtkengsfels, 15. Ian. 1912. Durch die Gendarmerie wurde ein österreichischer Ar- beiter in Oechsen verhaftet und dem hiesigen Gefängnis zugesührt. Er Halle dort einen Einbruch verübt, wobei ihn! Wurst tu die Hände fiel. Seinem Logisherrn in Gehaus stahl er ein Paar Schube.
'Aus Thüringen, 15. Ian. 1912. In Eisenach wurde ein Arbeiter oerhasiet, der in der Trunkenheit sein Kind auss schwerste durch Messerstiche verletzt hatte. — Das Ministerium in Meiningen bringt unter dem Ausdrucke der Anerkennung zur ösfemlichen Kenntnis, daß Wilhelm Loden stein in Rewyork seiner Vaterstadt Ersfeld zum Bau
* Sechster sozialer Knrsns für Handwerker.
Für den sechsten tonalen Kurins für Handwerker, ben der Volksoerem für das katholische Deutichland in leit Tagen vom 5. bis 9. Februar zuM. -Glad - Ibact) im Vor ragssaa e des Volksvereinshause?, Kurre Straße 4, veranstaltet, ist das Programm folget dermaßen festgesetzt worden:
Vronlaa, 5. Febr. Borut.: Welche Brogramm- punkie der Mistelstandspolitik taffen stch für da? Hrnk>. weil in nächster Zeit verw rttichen ? — Nachm.: Wie I Indern wir dem Gesetze betieffeud den kletuen Befäht- I gung?nacktvets den Er>ola?
Dienstag, G. Febr. Bonn.: Reformen im Handwerk im ZtNammenbnnge mit der Handwertskaiiimer. I — Nachm.: Handweik und Re iheverncherungsordnung.
Miliwoch, 7. Febr. Botm.: Witticbastspotit'k und I Handwerk. Na m.: Arde teprogramm und Arbeits- metijoie der Innungen.
Donnerstag, 8. Febr. Von».: Mittel und Wege tut Nutzbarmachung der Foitbrttung-schule. - Nackin. ! Die Geichästsfüi ruug des Handmer er? unl r Berück I iichtiguuq der Kredit- und Zahlungsverhättnisse
Freitag, 9. Febr. Borm.c Fragen d.S Arbeits- verhäIimffes(Haiivioetk und Gewe-stchastent. — Rachm.: Wie pflegt der kai'bwerterstand seine Eigenart in der bNiger ichen Geieüschasfk
Entsprechend der Anlage deS Kursus find als Teilnehmer vor allem jene Handwerker eitigeloden, d.e scheu selbständig sind oder bald selbständig »u werden beabsichtigen un& getollt sind, bei bet Standesbcweaung der Handwerker an leitender I Stelle mitzuwirken. Deu Handwerkskorpototionen (Innungen, Handwerker-, Gesellenveretiien niiu.) ist dringend zu empfehlen, tüchtigen, strebsamen und gcmemrützg denkenden Mitgliedern durch einen an b eie ;u gewährenden Zuschuß zu I Sen Konen der Reite und des sechst ägigev I Aufenthalts in M Gtadbach Ersatz m bieten für die ! Auslagen und den Ausfall an Verdienst, welche die I Teilnahme am Kursus — Gebühren werden nicht I erbeben — mit sich bringt. Wie das vorstehende Programm zeigt, werden in der Regel täglich zivei Vorträge gehalten, und z>var je einer vormtitags 9 Uhr und nachmittags 3 Uhr. Ter Kurins wird e.öffnet mit einem allgemeinen Handwerkerabend I Sonntag, 4 Februar, abends 8st, Uhr, aus dem ent Ltchlbtlderootlrag: „Ter Au bau unserer heutigen Volks,oirtichast unter bcfonbmr Berücksichtigung des I Handwerts* gehalten wird. Anmetdun en sind möglichst bald an das Voitsveretnehans zu M.Glad- dach zu richten, woher weitere AuStünite gern erteilt werden.
Mus dem Nachbargebleie.
* Vom Dammersseld. 15. Ian. 1912. Dem Kgl. Wteienmarle T aniel Sck mitt auf dem Dawmers- felde wurde vom Prinzregenten bas Luitpoldkreuz verliehen. 43 jährige treue und eifrige Dienstleistung fand hierdurch die wohlverdiente Anerkennung. Schon der Vater und der Großvater des dekorierten Schmitt begleiteten die gleiche Dienstes-
stelle. Der Großvater erhielt seine Bestallung im
Langsam, mit schleppenden Schritten, geht sie zum Sofa und nimmt ha rauf Platz. Etwas wie finsterer Starrsinn ist über sie gekonnnen, eine unnatürliche Ruhe, vor der Orlando graut.
Noch kurze Zeit zögert sie. Dann erzählt sie kurz und klar, mit eintöniger Stimme, all die furchtbaren Ereignisse, dir in ihr junges Leben eingegcisfen hatten: von jenem Moment an, da sie, das halbwüchsige Mädchen, erfuhr, daß ihr Vater und Großvater an dem Larinfli'schen Diamantendiebstahl beteiligt waren und aus diesem Grunde nach Sibirien verbannt wurden — bis zu jener Stunde, in bet sie, im Einverständnis mit ihrem Großvater, in Nom zurück blieb, damit Orlando moralisch gezwungen werde, sie zu heiraten. Sie verheimlicht nichts und versucht auch nicht ihre Fehler und Schwächen zu beschönige,».
In einiger Entfernung von ihr stehend, die Hand auf dir Lehne eines Sessel? gestützt, hört Orlando ungläubig zu. Auf seinem Gesicht wechseln Erstaunen, Mitleid:« und Empörung.
Als sie ihre Erzählung beendet und — eines Zornes gewärtig — ihn traurig anblickt, sagt er finster:
»Was du mit da allez erzählst, klingt so unglaub- lich, daß ich dir nicht gleich darauf antworten kann. Heut- nachmittag kommt dein Großvater; von ihm werde ich Klarheit fordem Vorläufig nehme ich noch immer an, daß du unter Sinnestäuschungen leidest. — Wenn du ab-.r die Wahrheit gesprochen hast —" et tritt dicht vor sie hin und bohrt feine Augen in ihr bleiches Gesicht, mit einem Ausdruck, der sie erbeben macht — „wenn du aber die Wahrheit gesprochen hast, so verwünsche ich den Tag, an dem ich dich zum erstenmal gesehen habe!'
Ohne ihr Zeit zu einer Erwiderung zu lassen, geht er mir raschen Schritten au? dem Zimmer.
Das junge Weib aber sinkt mit einem unterdrückten Wehlaut zurück in die Kissen.
Sie weiß: mit ihrem Glück ist e? vorbei — vor- bei für immer!
21.
Gegen fünf Uhr nachmittag».
Schrilles Läuten an der Entrcetür der Campael- lische» Wohnung in der Via Babuin».
z DieNredtr age ves Liberalismus
Die Liberalen ivaren ausgezogen, um mit Hilfe der Sozialdemokratie die Rechte und das Zentmm ohnmächtig zu machen, und für sich selbst die Herrschaft zu erringen. Eine neue liberale Aera sollte begründ, t werden. Und am Abend des 12. Januar sah man das Fundament dies« liberalen Aera: es waren gewählt ganze 4 Nationalliberale und 0 Fortschrittler; sage und schreibe n u-ll. Der bisherige Besitzstand der beiden liberalen Parteien betrug 100 Mandate. Von denen ging am ersten Wahl-ag über ein Viertel (27) verloren. Wenn bei der engeren Wahl der alte liberale Stand wieder err.ichr weiden 'oll, so müssen die Fortschrittler und Nationalliberalen von den 126 Stichwahlen, an denen sie beteiligt sind, 96 Stück gewinnen. Das wird sehr schwer halten. Denn di« fraglichen Siichival'trn scheiden sich in zwei Gruppen, für die sich Leiste gemein ame Taktik finden läßt. In etwa 55 Fi:!' n sind die liberalen Srichwahlkandidaten au die Hilfe ber Sozialdemokraten angewiesen, und in etwa 65 Fällen dagegen auf bic.£i(fe der 3 e n t :• m § I e u t e und der Konservative n. Wird nun ein Stichwahlbündnis mit der Sozialdemokratie geschlossen, so werden die Konservativen und Zentru'.nslente sich in den kritischen 65 Wahlkreisen neutral halt n, und kommt es zu einer Stichwahlver- einigung mit den bürgerlichen Parteien, so können die enttäuschten Sozialdemokraten in den übrigen 55 Kreisen an den liberalen Stichwahlkandidaten sich rächen.
I Jahre 1797 von ber damals fürstbischöflich IFulda>schen Rcgierung, so daß sei 115 fahren die Stelle eines Wlesenwaris auf dem
I Dammersfelve sich in der gleichen Familie vererbt bat
* Rothenkirchen, 13. Ian. 1912. Die hiesige m bres 'che Ganwirtschaft ist durch Kauf in den Besitz des B. Ruppel von hier übetgeaanaen Ter Kaufpreis beträgt 13 000 Mark.
* Oberhaun, 14. Jan. 1912. Als der Landwirt Peler Dehnharvt mit dem Füliern des Viehes de- Ichä'tigt war, wurde er von einem Pterd so unglücklich gegen den Kopf geschlagen, daß er I besinnungslos vom Platze gebracht werden mußte. I Er hat eine schwere Verletzung der Schädelsecke I erlitten.
♦ Bebra, 15. Jan. 1912. Eine u IN g e l) u n g s. Ibabn bei Bebra ist, rote früher schon berichtet wurde, in der nächsten Anleihe für die Staats, bahnen vorgesehen. Bebra ist jetzt bekanntlich Koch- statwn, roo alle Züge halten müssen. Die Her-, nellimg der Umgebnogsbahn wnd es ermörlichcu, in Bedra biirchzusahren. Auch d.e schnellsten Züze rwi'chen Berlin und Frankfurt halten 'dort 6 Minuten. Mit dem Verlust durch Brennen und Wicderanfabren werden durch den Aiichall der Nation 8—10 Mimsten gewonnen werden. Dieselbe Maßnahme ist für ffilnt in Aussicht genommen, roo jetzt ebenfalls alle Züge halten. Im ganzen werben durch den Anstalt der be den Stationen ctroa 15 Minuten gewonnen werden, und man wird von Erfurt bis Franlfurt seinerzeit ohne Aufenthalt durchfahren. Tie Strecke ist fchon jetzt etwas kürzer als z. B. die Strecke Berttn-L'egnitz, die seit dem vorigen Jahre ohne Ausenthalt durchfahren wird. Berlin-Frankfurt wird man dann in weniger als 7 Stunden erreichen, stfon jetzt braucht der schnellste Zug nur 7 Stunden 10 Minuten. Er hält nur in Halle, Erfurt und an den beiden später ausfallenden Stationen Bebra und El-n.
O Hanau, 15. Jan. 1912. Die Gründung eines V o g c l i ch u tz v e r e i n 9_jür die Kreise Hanau, Ge!n« hauten und Schlüchtern ist nunmehr definitiv vollzogen worden, nachdem ein vorher geb ldeter Ausschuß dte erforderlichen Vorarbeiten in. die Wege geleitet hat. Den Vorstand bittet ber derzeitige Vorstand des Hanauer T>erfchutzvereins, der bekanntlich die Anregung zu befer Rcnaründuug gegeben hat.
* Aschaffenburg, 15. Jan. 1912. Ein aus Damm gebürtiger, in Würzburg dienender Feldartillerist wurde bet einer Hebung tm Walde von dem icheuen- den Pierde abgerooren und wurde zu Tode ge« Ichleist. 0
scheu Diamantenbtebstahl in der Villa Fortuna ru- fammen?"
„Sa*, bebt es über ihre Sipp-.n.
„Die elenden Kreaturen wollten dafür bezahlt , fein, daß sic jenen ungerechtfertigten Verdacht, den mein Vater kurze Zeit gegen deinen Großvater hegte, nicht an di- breite Oeffentlichkeit brachten. Ist es nicht fo?*
„Der Verdacht deines Vater? war nicht unge- , rechtfertigt, Orlando!*
Klar, schacf kommen die Worte von ihren Lippen.
Er starrt sie fassungslos an.
Leidenschaftslose, kalte, nackte Wahrheit steht in : jedem Zuge ihres bleichen, jetzt seltsam tubigen Gesichts geschrieben.
„Du weißt nicht, was du sagst, Sonja!*
„Doch, Orlando! Glaubst du, ich hätte mit so gegeben, hätte gelogen und geheuchelt und ore -hübe meines Herzens geopfert, um die Wahrh.it frrrfn*ilL- fr^er$,tn■ tTmn diese Wahrheit weniger r'rTwh? — Dein Vater nannte uns Diebe, t-rlanbö. Er hatte recht. Wir sind Diebe. Selbft stählende' Un*;t sichern du mich kennst, ist — ge-
„Sonja! l* ächzt er. beide Hände ansteckend, als wolle er sich vor einem nahenden Ungeheuer putzen, das 'M Begriff steht, sich auf ihn zu stürzen. »Du — eine Diebin? Unmöglich!!*
nm lushes Lächeln irrt um ihre Lippen.
"^uß ich aufs neue lügen, damit du mir glaubst?* et, "^$ntoieb,er^°[t: Dm weißt nicht, was du redest! Du stehst unter dem Einfluß irgendeiner Halluzination, einer heftigen Gemütsbervegung — heroor- gerufen durch die Verfolgung jener gemeinen Kreaturen*
Einige Sekrmden ist e$ als kämpfe sie einen schweren Kampf mit sich selbst. Dann schüttelt sie traurig den Kopf.
»Nein, ich will nicht mehr lügen", sagt sie fest. Es hatte mich keinen Zweck. Nach und nach würde doch deine Liebe zu mir erkalten. Und du müßtest mich noch tiefer verachten, wollte ich abermals versuchen, dich zu täuschen.*
41] Ron an von Adele Böttcher.
Die Röte der Entrüstung färbt Orlandos Stirn, als er den Brief heftig auf den Tisch wirst.
. „Schurken!" knirscht er.
Dost Bangen beobachtet ihn Sonja, auch den andern!"
k.r Jergreift den zweiten umfangreichen Brief, arapbstchen Dämchen trägt und in der kalli- b!n ist iiue» bezahlten Sekretärs geschrie-
„Mein teures Kind! ,
nirf m-in-n Bri-k mia «. ^inelt keine AntivoN auf uutn.n ött.f aus Hamburg. Trukvein ich mit dem Instinkte, den nur liebende Eitern oder Großeltem besitzen, daß Du Sorgen hast und Dich nod) Trost sehnst Ich habe nämlich in den Z>i iuirgen von Deinen Erfolgen gelesen und ersehe barait§, daß Du Dich übermäßig anstrengst, um 2_Ct6 zu verdienen. Ich fürchte, dieses saucr er= rZa?e ®^b wandert in die Tasche unserer frühe- '. ^'^ffrschcrff Da ich ihre Bitte um Schweige- aaiMniLrutf9e,x>it^n habe, werden sie sich an Dich Glück «5*? $lT unerfahrenem Kind mehr gleicben wiib Ich kenne die LungoS; sie sobald sie /innm?«^"' berfn steigert,
Meine Cork ^lut oeleckt habcn.
Zögern zu Deiner Y1? Dich veranlaßt mich, ohne unterwegs und 3U eilen. Ich bin bereits Rom ein. Die gZ’6 übermorgen nachmittag in qualm. Sag- Dein-^? IoII-n Dich nicht länger Deines alten Großo»^ ?°ttett, daß die Liebe Deine gegen meinen n ^coll besiegt hat, den in mit entfacht- n geschlossene Verbindung Dein zärtlicher r- .
Orlando läßt die Hand Ä Boris Orloff* blickt Sonia an. Eine 'lest ven, Brief sinken und ihr aus seinen Augen entgegen. me Freude strahlt Fetzt ist nur ßLie' klar.
die die Lung»» dem-m Greb^ Schweigegelder, und vor welchen et W w« nt, wollten
U den, mbstt-
Gleich darauf von draußen her der Klang einer sonorm Männerstimme:
»Ist die Frau Marchefa zu Hause?*
Orlando schiebt das kleine Dienstmädchen bei L-crte und tritt feiltm Schwiegervater entgegen.
.Ich bin hier — Orlando Campanelli"
Höflich neigt Orloss das Haupt und streckr, wie emem plötzlichen Impulse folgend, die Hand aus, die Orlando jedoch nur flüchtig berührt. Dann wendet er sich zu feinem ihm folgenden Diener und bedeutet ihm, zurück zu bleiben.
Gleich darauf treten beide, der alte Russe und ber junge Marchese Campanelli, ein in das kleine Wohnzimmer.
Kein Wort, kein (s-eräusch verrät dem blinde» Greis die Anwesenheit seiner Enkelin. Die t mb auf den Tisch gestützt, steht Sonia unbeweglich da, die brennenden Augen auf die Eintretenden gerichtet
.Ich darf wohl annehmen, daß meine Enkelin Sie auf meinen Besuch borbereitet hat —", beginnt der Ate würdevoll, indem ec nach einem Sessel taste! und sich in die Polster fallen läßt.
„Fa*, lautet die kalte Erwiderung.
und daß sie Ihnen gesagt hat, daß ich ihr verziehen habe —", fährt er feierlich fort, !nährend er 'vngsmn seinen kostbaren Zobelpelz ausknöpst. „Sa, die Lieb- ist stärker als ber Stolz — ich schäme mich nicht, es zu gestehen. Ha, wer mir noch vor Wochen gesagt hätte, daß ich ihr jemals vergeben würde — ihr, die Schmach und Schande über mein weißes Haupt brachte —*
„Mein Mann weiß alles!* ertönt plötzlich Sonjas klare Stimme mitten hinein in den pathetischen Ton des Alten.
Orloff richtet seine glanzlosen Augen nach ber Stelle, von ber die unerroarteien Worte Herkommen. Doch — so überrascht er auch ist — nicht eine Sekunde verliert er seine Fassung.
.Das freut mich schr, mein Kind*, lächelt et geschmeidig. „Besonders, da dein Gatte ttotzdem mir meinem Besuche einverstanden zu sein scheint.*
(Fottjetzung folgt.)
Katholikenfeindliche Kundgebungen in Lissabon, vlm Sonntag fanden in Lissabon große knchenfeinv- licbe Kundgebungen statt. Viele Ta. sende, unter denen sich zahlreiche Parlamentsrnllgtieder und Beamte be'anben, durchzogen die Straßen und gaben ibter Genugtuung Ausdruck über die gewaltsame Ausweisung der Biswöie. Gleichzettig ver- langten fie strikteste Durchtührung des Gesetzes , . betreffend Trennung von Staat und Kirche. An
— in Folge der Demonstration nahmen, wie sich das gehört, auch dte Frettenter- und treimaurerifchen Verbind I bunaen teil Die F>eidenkerorgani>ation landte eine Deputation an das Ministerium mit d-m Verlangen u!n so'orttge Aufkei una der portng esischen Gesandt- ueunöfts HCla). 'chatt beim Vatikan. Der M nistet Präsident erschien
t m . 1/1 m Fenster und hielt ritte Rede. Er faate daß der
auktnolunb -öerlnter Hof. In den Beziebttn! ihn grüßende Be fall ihm Beweis wäre ' daß d-e
^"'Sshauses zum Berliner Maßnahmen der Re terung die Anerkennung des
richteter gut unter- Volkes finde, und tilgte hinzu, daß der .Merikalis.
richtet« Seite — ist nicht alles so, tote es mus* rte tmltanBc lein werde, die Ausübung der
sein soll. Daß von einer Herzlichkeit und Ver- Gerechtigkeit zu verhindern. Ö
trautheir, wie ste zwischen Wien und B rltn besteht, und auch von dm freundschaftlichen Empfindungen die das persönliche Verhältnis des Deutschen Kai- sers zum Zaren kmnzeichnm, schon seit Jahren zwischen dem Quirinal und Brlin keine Rede ist, konnte nicht unbemerkt Bleiben. Man will wissen, daß seit dem Besuche Kaiser Wilhelms in Rom tm Jabre 1903 eine gewisse Verstimmung im italienischen Kö- mgspalast zurückgeblieben ist. Neben der Art und Weise, in wclchex die mitoebrachten Potsdamer Gar- drmannschastm vom Kasser präsentiert wurden soll der mir großem Gepränge dem Papste ab gestattete kaiserliche Besuch ben Königshos verschnupft haben. Der von mächtigen Strömungen von jeher betriebenen national-chauvinistischen Agtta- tion war dadurch ein günstiger Boden bereiter Es fehlte von dieser Seite her nicht an entsprechend zu- gewchten Ausstreuungen 'n deren Mittelpunkt die nahen Bestehungen zwis > dem D e u t s ch e n K a i- ser und dem äste r r ei ch isch--u n g a r isch e n Thronfolger und dessen angebliche, gegen Italien gerichtete Bestrebungen, tote beispielsweise der Ausbau der Kriegsflotte, stehen sollen. Auf Grund verschiedener Tatsachen mußre sich die Ueberzeugung aufbtängeu, daß namentlich die Königin Elena geneigt sei, berartrgen Einflüsterungen bereitwillig I tfrr Oyr zu leihen und ihr-n recht bedeutenden Ein- fluh in ben Dienst der erwähnten Strömungen zu I ttriieu. Ihre persönlichen Empfindungen nach dieser Richtung hm an den Tag zu legen, bot sich ihr mehrfach Gelegenheit. So hat sie beispielsroeise sich nicht dazu entschließen können, vor vier Jabren an der Begegnung ihres Gemahls mit dem deutschen Kaiser- paar in Venedig t ilznnehmen. Es wird erzählt, daß die Königin auf ihrer Weigerung, nad) der Lammem- taM u! reifen, beharrte, obwohl der d-amal'ge deutsche Botschafter am Quirinal, Graf Monts, sich aus das Lebhafteste bemühte, sie zum Erscheinen zu bewegen, , c^u>x>hl_ die italienische'! Staatsmänner feinen I Zwerfel- darüber ließen, daß ihnen das demonstrative j ,Fernbleiben unorwünscht war. Auch manche ber Begleiterin immqen, mit benen der Besuch des Zaren in Raeeonigi verknüpft war mögen in Berlin das Geübt bestärkt baden, daß eine deutschfreundliche Stimmung im italienifchm Kön'gspalast nicht herrsche Und schließlich konnte ber Umstand, daß Italien sich der Taktlosigkeit schuldig machte, ohne den offiziellen Verbündeten in Berlin zu informieren, dst Expedl- hon nach Tripolis zu unternehmen, natürlich nur dazu beitragen, die ohnehin vorhandene Kühle zu einer I auc-gefpoochenen VEmmung zwischen, ben beiden zu steigern. Um so nnglaubwürbiaer mußte I daher dte vor einigen Tauen von ein m italienischen I Korresvondenzbureau veröffentlichte Nachricht erscher- "ril. Kaiser Wilhelm würde geleg'ntlich seiner diesjährigen Fahrt nach Korfu mebttevr itati» I « iswe Häfen berühren und wahrscheinlich in Neapel mit dem Könige Viktor Emanuel z u s a m- | men treff en. Sehr bald wurde diese Mitteilung mit d:m vielsagenden Bemecken dementiert, daß selbst im Falle einer Korfureise des Kaisers der Plan einer I derartig:n Zusmmnenkunft kaum ertoogen werden I burffe. Inzwischen kommt bie Nachricht, daß die I u-llche^kaiserliche Reise nach Korfu in diesem Jahre I voraussichtlich ganz unterbleiben wird.
Schon aus diesem Gesichtspunkt läßt sich erkennen, welch' große Bedeutung die S t i ch w a 6 tta f t tl' bet bürgerlichen Parteien hat und wie en Ische i- b e n b g-.rabe die Entschlüsse bet liberalen Par- le i e i! in dieser Hinsicht sind. Darum hat auch die Regierung sofort in der „viorbb. Alla Ztg." einen MuUnf erlassen, daß die bürgerlichen Parteien im ^ntereue ber Zukunft bet Nation sich einigen sol- •en „...rij.t gemeinsamen Abwehr einer weiteren Verstauung b r Sozialdemokratie bei ben Stichwahl len. Diese Parole der Gemeinburglchaft aller au ?em. Stoben der gegenwärtiaen Staats- und Geiell- schaftscrbnung st henben Parteien ist in ber Tat "ein Gebot des Patriotismus und der politischen Weis- §ett. Die Rechte und das Zentrum würden ttrne "L'chtoierigttlten machen, wenn sie nut auf ted- ti(f)c, ehrliche Gegenseitigk.tt rechnen dürfen. Aber könne» die Liberalen »och rechtzeitig von dem Jrr- ivege der Großblokipekulation umschwenken zu einer Itaateu altenben üamnieipotitit? Die F ort- ! ch t i t > s v c ,-tet ist ar-; ärgsten vechrickt 'm oen roten Fffffff Die nationalliheral- Partei V. •s " UH r'.ehx Handlungsfreiheit gqvahrt, als UI! nutzen, roo die kulturkämpserische Verbissenheit und -andtägliche Großblockexverimente die Geister verwirren. Es müßte ein halbes Wunder geschehen, iwnn noch ein allgemeines bürgerliches St ch- wahlm-ndnis zustande tarne. Man wird schon w< Triebe:: fein müssen, wenn in : inzelnen G egen- d e n i'/r 6 estimmie Wahlkreise zwischen ben Nationaiuberflen einerseits und dem Zentmm oder der Konservativen andererseits ein Abkommen über gegenseitige Stichwahlhilfe getroffen wird.
Wir tourten in Ruhe ab, was bei ben Verhandlung:". ber zentralen und den örtlichen Parieileitungeil in den nächsten Tagen, hcrauZkommen wird. Unsere Parteigenossen, dessen sind n>ir sicher, werden überall der Parole, bie ihre Führer ausgeben, getreulich Folge leisten. Und sollt; unsere Partei in ben Stich- -vcchlen in Folge ber liberalen Verblendung auf bie eigene .Kraft allein angerpiefcn bleiben, nun so verzagen mir auch noch nicht. Bis jetzt hat das Z e n- trnm trotz der außerordentlich schwierigen Verhäli- nisse nur 4 von seinen zweifelhaften Wahlkreisen ein« gebüp*: etwa 15 Mandate sind noch zu berfeibigen; dasu' habest ir>ir aber auch in neu errungenen Stichwahl-Stellungen die Möglichkeit, noch Zuwachs zu erobern Tie Hauptsache ist, daß bie Zentrumspartei im Ganze» sich roieberum be- 1»äb11 hat als der unerschütterlich? Tunn, weitaus am besten von allen Parteien im ersten Wablgang abgeschnitten hat. Wie auch die stichn.v. jlroüriel fallen mögen, die Zentrumsfraktion ist und bleibt das unentbehrliche Glied jeder positiven Me br h e its b i l d u » g im neuen Reichstage
Zweitens gereicht es uns zur Genugtuung daß die konservative Partei dem grimmigen An-