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Samstag 13. Januar (912 »9 Zaqrgeug.
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Zeitung
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3. Blatt.
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x Ein Lebensbin Windthorsts
„Der Katholik der Tat und der Ar. b e i't", als der uns der verewigte Führer der Zen. truuwpartei, Ludwig Windthorst, der ebenso tapfere wie kluge Verteidiger der katholischen Sache in oen schweren Zeiten des Kulturkampfes, entgegentritt, bietet durch sein glanzvolles Wirken em leuchtendes Beispiel dafür, was die auf gutes Recht gestützte Kraft selbst den mächtigsten Widersachern gegenüber anszurichten vermag.
Tiefes Beispiel uns allen, und namentlich der suugen (Generation vor Augen zu führen, welche die traurige» Ereignisse der Kulturkampfperiode nur vom Hörensagen kennt, ist gerade die jetzige Zeit besonders angetan, in der wir der Feier des Hutt- dertsten Gedenktages der Geburt des großen Mannes entgegcngehen. Beit Freude ist es daher zu begrüßen, daß die Verlagsbuchhandlung I. P. Bache m in Köln kürzlich eine billige Volksausgabe der von Dr. Ed. H ü s g c n verfaßten Windthorstbiographie veranstaltet hat — Ludwig Wind t b o r st. Sei» Leben, sein Wirken. Bon Dr. Ed. Husgen. 364 Seiten. Mit 148 Abbildungen und Titelblatt nach einer Zeichnung Albrecht Dürers. In Origi- nal-,Ka!iko--Einband 5 Mk. — Der Verlag bemerkt, daß diese Volksausgabe nicht etwa ein Auszug ist aus der bisherigen Prachtausgabe, sondern daß sie dieser gegenüber einen vermehrten Inhalt aufweist: es konnten die inzwischen bekannt gewordenen Er- gebnifse der neuesten Forschungen berücksichtigt !vcr- den, sodaß die neue Veröffentlichung durchaus auf der Höhe der Zeit steht.
.Mit Recht beklagt es der Verfasser, daß der seltene Mann, dessen gewaltige Worte während der wild r agenden Kämpfe der siebziger Jahre nicht nur in den Parlamenten, sondern in den Herzen aller Katholiken des Erdenrundes lauten Wiederhall sanden. den reichen Schatz seiner Erfahrung und seiner Keiun.nis von dem Zusammenhänge der politischen Vorgänge mit sich ins Grab genommen hat. Wohl nur wenige Parteiführer unterhielten so vielfältige Beziehungen zu Parteifreunden und Gegnern, zu einslu ßreichen Mitgliedern aller Stände, wie Windt- horfi. Aber wohl keiner hat so sorgsam Verschwie- genhcit geübt wie er. Eine seiner hervorsteckendsten Eigen schäften, die ihn jeden! vertrauenslvürdiq machte, der mit ihm in Berührung trat, war seine fast übertriebene Vorsicht in Punkto Diskretion. Nur ungern vertraute er Angelegenheiten, die eine dis- trete Behandlung erforderten, einem Briefe an. Seiner Kurzsichtigkeit weaen beschränkte er das Schreiben auf Ausnahmefalle. Gewöhnlich diktierte er seine Korrespondenz ergebenen Freunden, die ihin stets zur Verfügung standen. Windthorsts Briefe gehören heute zu den größten Seltenheiten. Auch alle an ibn persönlich gerichteten Briefe, sofern sie nicht amtlicher Natur waren, hat Windthorst der Vernichtung preisgegeben, sodaß sein Nachlaß nach dieser Richtung hin eine für den Geschichtsforscher bedauerliche Lücke aufweist. Ta et mit den meisten der maßgebenden Persönlichkeiten jener bedeutsamen Zeit in Verbindung gestanden hat, liegt es klar zutage, welche Summe von interessantem Material zur Beurteilung von Persönlichkeiten und Ereignissen auf diese Weise dem Historiker vorenthalten worden ist. Aber Windt horst lvar eben das Musterbild eines Ehrenmannes und Diploinaten. Niemals hat er ein Wort verraten, welches ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit bekannt geworden war, niemals eine Person kompromittiert, die ihm vertraut ick Mitteilungen gemacht hatte. Und wie er im Leben zu schweigen verstand, so entsprach es auch nur seiner vornehmen Denkungsart, auch über das Grab hinaus Diskretion zu wahren und dafür zu sorgen, daß nicht etwa der über'manchem Geheimnisse liegende Schleier gelüftet werlw.
Ans dem Inhalt des hochinteressanten Buches, welck -s von einem Manne herrührt, der Windthorst wohl gekannt hat und bei der Sammlung des Ma- teriots von den Freunden und Schülern des Ber- ewiawn, den heute maßgebenden Parlamentariern der Zentrumspartei, in umfassender Weise unterstützt worden ist, entnehmen wir nachfolgende kurze Skizze über dessen Lebensaang und Bedeutung als Katholik, Politiker und Mensch.
Dem kernigen «rdeutschen Volksstamm der Nie-- dersachfen, der bis aus den heutigen Tag seinen eigenartigen Cbarakter: die Anhänglichkeit an das erprobte Alte, die nachhaltige Zähigkeit am verbrieften Recht, die Auflehnung gegen jede Beschränkung vernünftiger Frechen, die derbe, knorrige Art, be- wahrt hat, ist Ludwig Windthorst entsprossen. In dem euva drei Wegstunden nordöstlich von Osnabrück gelegenen Städtchen Ostercappeln kam er am 17. Januar 1812 zur Welt. Schon von alters- her waren aus der Familie Windthorst tüchtige Beamte und Juristen hervorgegangen. Des kleinen Ludwig Vater war Or. juris und Advokat am uralten Gaugericht in Ostercappeln und wohnte in dein kaum 20 Minuten davon entfernten Gute Kaidcn« Hof, -welches et für den Besitzer, den Reichsgrafen von Droste Bischering, verwaltete. Als Gattin hatte et die achter eines ebenfalls in Ostercappeln tätigen Advokaten, Antoinette 'Niewedde heimgeführt. Dr. Joseph Windthorst wird als ein überaus fleißiger und pflichttreuer Mann, seine Hlatiin als eine schlichte, sehr kluge und tatkräftige Frau geschildert, die nach dem frühen Tode ihres Mannes im November 1822 die Gntsverwaltung allein weiterführte und durch ihre Sparsamkeit die Mittel zum Studium des Sohnes ausbrachte. Dessen einfache Lebensweise, feine praktische Art, das Leben zu erfassen und in seinen vielgestaltigen Bedürfnissen zu begreifen, kann wohl als das Erbteil der Mutter gelten, wie ihm als väterliches Erbe der nie ermüdende Fleiß und die unbedingte Pflichttreue überkommen war.
Mit dem Studium wollte es anfangs nicht recht vorwärts gehen, woran Wohl der mehrfach wechselnde Unterricht die Schuld trug. Ludwigs geringe Wissenschaftliche Fortschritte veranlaßten den Kaplan von Deh, den Eltern zu raten, ihn Drechsler werden M. lagen, weil er aus Holz und Robr f > lmmcke ^Sfeifen zu schnitzen verstände. Erst als Windthorst auf das Gymnasium Carolinum in Osnabrück kam, Wandte sich das Blatt. Nach anfänglichen Schwie- «feiten, die durch die Lücken der Vorbildung her- beigesührt wurden, wiesen Ludwigs Zeugnisse stets „gut" als geringste Note auf. Bei der Reifeprü- sung im Sommer 1830 erhielt er das Zeugnis Nr. 1. Er hatte also den Beweis geliefert, daß es nur der richtig leitenden Hand bedurfte, ihn zur fruchtbaren Entwicklung zu bringen. Bedauerlicherweise stellte stch infolge seines Uebereifers eine so hochgradige
Kurzsichtiakeit ein, daß er schließlich nur mit Hilfe der schärfsten Brillengläser zu lesen vermochte. Bei der BerUjswahl verleugnete stch in ihm das Juristenblut nicht, er entschied stch für das Studium der Rechte, welches er im Jahre 1843 durch das mit Auszeichnung bestandene erste juristische Examen zum Abschluß brachte. Mit demselben glänzenden Erfolge legte er 1836 die zweite Prüfung beim Ober- appellationSgericht ht Celle ab. 1836 konnte er sich als Advokat und Notar in Osnabrück niederlasten.
Bald konnte er sich einer gesicherten Lebensstellung erfreuen. Seine hervorragenden juristischen Kenntniste in Verbindung mit seiner Scklaofertig- keit und dem Geschick, den umständlichen Vorträqen der Leute den Kern zu entnehmen, führten ihm eine große Clientel zu, so daß er nach wenigen Jahren der gesuchteste Anwalt in Osnabrück wurde. Die Ritterschaft der dortigen Landschaft wählte chn zu ihrem Syndikus und 1842 übertrug man ihm tie Stelle des Vorsitzenden Rates im Katholischen Konsistorium. Neben seiner umfangreichen Anwalts- tätigteit reizte ihn die Beteiligung am öffentlichen Leben mit seinen vielseitigen Aufgaben; schon als Student hatte er den politischen Vorgängen reges Interesse zugewandt. Daß sich fein ausgeprägter Rechtssilm gegen die Niederhaltung der Katholiken in dem lutherischen Hannover avfhäitmte, ist Wohl erklärlich. Für die fragliche Stelle waren zwei Juristen in Vorschlag gebracht. Graf Wedel hielt Windthorst für den „tüchtigsten und qualifiziertesten von beiden". Der eine, so schrieb er in dem erwähnten Berichte, würde das Amt so verwalten, daß ihn fein begründeter Tadel treffe, der kräftige Windthorst aber werde „ein reges Leben in das Geschäft bringen und es so treiben, daß er Lob und Auszeichnung verdienen wird." Besonders werwoll ist dieses Zeugnis, weil cs von einem hohen Protestantischen Beamten abgegeben wird. Es hebt in objektiver Weise ebenso die Tüchtigkeit wie die Furchtlosigkeit und das selbstlose Wesen des jungen An- walts hervor und charakterisiert dadurch treffend die Eigenschaften, die dem mächtigen Politiker und Parteiführer bis zu seinem letzten Hauch eigen geblieben sind als strahlende Zierden seines Wesens.
Erklärlich ist es, daß ein Mann, der nach des Grafen Wedel Aeußerung die Geschäfte als Kon- sistorialrat maxima cum laude führte, hiermit seine Laufbahn nicht abschloß. Im August 1848 wurde er auf Präsentation der Osnabrücker Provinzialland- I schäft zum Oberappellationsrat am höchsten Gerichtshöfe des Königreichs Hannover in Celle ernannt, wodurch sich seine materielle Lage, die ihm in seiner bisherigen Stellung vielerlei Einschränkungen auferlegt hatte, zu einer durchaus sorgenfreier! gestaltete, lind bald darauf begann er seine parlamentarische Tätigkeit. Bei den Wableu auf Grund der neuen Verfassung vo» 1848 entsandte ihn der erste ländliche Bezirk des Fürstentums Osnabrück in die Zweite Hannoversche Kammer, wo sich seine hervorragende politische Befähigung in hellstem Lichte zeigte. Vor allem trieb er praktische Politik. I Richt einseitig und willenlos stellte er sich in den i Dienst einer Partei, sondern er berechnete jede Maß : nähme nach ihrem Wert für die Wohlfahrt der Ge- i scnntheit Ebenso wie es gatt, den Widerstand zu brechen, den der an hergebrachten Vorrechten starr festhaltende fürstliche und ständische Absolutismus jeder neuen Strömung entgegensetzte, so war es auch aeboten, überschwenglichen Ausbrüchen ungeregelten i Freiheitsdranges entgegenzuwirken. Darum nannten ihn die einen einen konservativen Reaktionär, während er von den anderen als liberaler Umstürzler angesehen wurde. Er war beides in gesunder j Mischung: konservativ im Erhalten erprobter, ■ auch den neuen Zeitverbältnisseu entsvreckeitder ! Dinge: liberal, wenn sich die Notwendigkeit er- ! gab, Neberlebtes nach den modernen Bedürfnissen in freiheitlichem Sinne umzuformen. Windthorsts einflußreiche Wirkfamkeit blieb nicht unbeachtet; auch in den Reihen der Gegner fand sie, wie deren Aeuße- rungen beweisen, volle Würdigung. Bemerkens- luert ist namentlich bet Ausspruch des späteren nationalliberalen Führers im Reichstage, von Bennigsen, er sei nicht vergebens bei Windthorst in die parlamentarische Schule gegangen, schon in Hannover habe ihm dieser als u n e r r e i ch t e s M u st er eines parlamentarifchei! Taktikers imponiert, ihm und den Hannoveranern überhaupt flehe Wndthorll noch in Dcr($rtv.ici uug alsBenpn ! un« gewöbnlickervroktUckcr pofifh-erKell? ättStü->ni-'keit.
Lediglich der letzteren und feiner untadelhciften Gesinnung hatte der begabte Mann es zu verdanken, daß er — obwohl Katholik und ohne irgendwelche Konnexionen, noch nicht 40 Jahre alt — im November 1851, bald nach dem Regierungsantritte König Georgs V. zum Jusftzminister ernannt wurde. Der e r st e k a t h o l i s ch e M i n i st e r in Han - n ober ! Was das sagen will, kann nur derjenige ermessen, welcher das große Vorurteil kennt, welches in der fast durchweg lutherischen Bevölkerung Hannovers gegen den Katholizismus bestand? Im Lande wurde daher manche unwillige Stimme gegen die Ernennung ■ laut. Was Windthorst in dieser Stellung geleistet bat, die er von 1851—53 und dann von 1862—65 bekleidete, haben seine Freunde wie seine Gegner einmütig anerkannt. Auch im Deutschen Reichstage ist wiederholt auf die musterhafte Gesetzgebung Hannovers bingewiefen, die dem Windthorst scheu Kopfe entsprossen war. Jnteresiant ist, daß bei dem ersten Rücktritte Windthorsts vom Mi- msterposten der damalige preußische Bundestags- gesandte von Bismarck die Hand im Spiele gehabt hat. Windthorst selbst hat es Bismarck am 26. Januar 1886 im Mgeordnetenhause auf den Kops zu- gesagt, daß er es gewesen fei, der damals seinen Sturz herbeigeführt habe. Mit der im Herbst 1865 erfolgten Entlassung des Ministeriums, dem Windthorst zum zweften Male angehörte, verlor König Georg feine zuverlässigsten Stützen. Ihre Nachfolger waren den bald an sie herantretenden schwierigen Aufgaben nicht gewachsen und Hannover büßte infolge seiner schwankenden Haltung seine Selbständigkeit ein. „Ich bin froh, daß ich nicht verantwortlich bin für die Ratschläge, die da erteilt worden sind," äußerte Windthorst, als das eintrat, was er vorausgesehen, aber nicht zu bindern vermocht hatte.
Seine treue, niedersächsische Art hing auch im Unglück an dem Könige, dem er Treue geschworen und viele Jahre als Berater zur Seile gestanden hatte. Er bewies sie auch durch die Tat, indem er unermüdlich für die Jnteresien der Entthronten in der Frage der sogenannten Welfenfonds wirkte. Menn er auch unter der neuen He"-^chaft in seiner
Amtsstellung nicht verbleiben wollte, so wollte er doch auf eine öffentliche Tätigkeit nicht verzichten. Trotz der von der welfischen Partei ausgegebenen Losung, daß ein echter Hannoveraner an der politischen Arbeit in Preußen nicht teilnehmen und den Eid auf die Verfassung nicht leisten dürfe, glaubte er es mit seinem Pflichtgefühl nicht vereinen zu können, im Schmollwinkel zu bleiben und die Geschicke einfach gehen zu laffen. Er nahm deshalb nicht nur ein Mandat für den Norddeutschen Reichstag, sondern auch einen Sitz im Preußischen Abgeordnetenhause an und zwar als Vertreter des Wahlkreises Meppen, der er unterbrochen bis an sein Lebensende blieb. Die wiederholt an ihn herange- tretenen Anerbietungen, in den Staatsdienst zu treten, hat er konsequent abgelehnt. Man suchte ihn für das bayerische Ministerium zu gewinnen, auch hieß es, er sei für den Posten des preußischen Ju- stizmiuisters gewählt getvesen, den sein hannoverscher Mitarbeiter Leonhardt 1867 übernahm. Beim Empfange der Abgeordneten int Spreeschloß nach Eröffnung des Parlaments 1867 beehrte ihn die Königin Augusta durch die Ansprache: „Wir sind von Ihrer hohen Begabung überzeugt und wünschen, daß Sie dem Vaterlands Ihre Kräfte widmen möchten. In welcher Weise dies geschehen soll, überläßt Seine Majestät Ihnen selbst zu bestimmen." Man zeigte damals an maßgebender Stelle bett königstreuen Hannoveranern großen Entgegenkommen, während die nationalliberalen Ueberlänfer, bereit Gesiunungs- tüchtigkeit berechtigter Weise Zweifeln unterliegen mußte, nicht beliebt waren.
Winbthorsts parlamentarische Tätigkeit in den nun folgenden Jahrzehnten, die uns den Kulturkampf brachten, aus dem er als Sieger hervorging, gehört der Geschichte an. Zuerst stand er ganz allein, die „Fraktion Meppe n" — wie er scherzhaft genannt wurde — um sich dann in der Legislaturperiode 1870-73 der neugebildeten Z e n - trumsfraktion anzuschließeu, deren P o l i t i - s che n, nicht einseitig konfessionellen Charakter er jederzeit betonte. Bald war infolge seines glänzenden Anstreteits sein Name weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, „gesegnet von denen, bereit Rechte er so geschickt vertrat, gefürchtet von den andern, deren Pläne er erfolgreich durchkreuzte, hochgeachtet von allen, gesucht und umworben von Freund und Feind." — „Wollen Sie wissen, wer die gescheitesten Lente bei uns jetzt find," äußerte der altliberale v. Vincke kurz nach 1866 zu A. Reichens- berger, „das sind drei annektierte Hannoveraner Der eine ist Bennigsen, der ist sehr gescheit; der zweite ist Miauel, der ist ttocsi gescheiter; der dritte aber ist Windthorst, der ist so gescheit, wie die beiden andern zusammen." Auch sein gewaltiger Gegner Bismarck, der ibu aufrichtig haßte, konnte nicht um« hin, seinen Wert anzuerkenncn. Nie ist cs dem eisernen Kanzler in den Sinn gekommen, wegwerfend von der „kleinen Erzellenz" zu sprechen, tvie er es von Bennigsen und Miauel tat, die er als „unfähige Politiker" und „Karlchen Miesnick-Ter- tiauer" betcicfmele, wie er auch deren Partei recht gering einschätzte. „Die Kerle (die Nationalliberalen- sind so dumm, baß mit ihnen nichts anmfanaen ist," erwiderte er dem Fürsten Hohenlohe, als dieser sie ihm als Stütze vorschlug. - Aber seine Feindschaft gegen den gewandten Gegner blieb bestehen, auch nachdem er nickt mehr gezwungen war, rednerische Zweikämvfe mit ihm auszufeckien. Als Windthorst am 14. März 1891 aus diesem Leben abberufen wurde und alle Parteien dem scharfsinnigen Parlamentarier, dem actr-onbten Politiker, dem überleit« gungstre "en Katholiken und selbstlosen, edlen Charakter ihre Anerkennung dorbrackten, konnte der Alte im Sachsenwalbe ein Gefühl des Neibes nickt unterdrücken unb grollte: „Man hat ihn vor und nack feinem Tode »u rin m Natioua'hctliaev aema+t."
Was in bei! vorstehenden Zeilen nur skizzenhaft und andeutungsweise voraefuhrt werden konnte, bietet ausführlich und in ebenso formvollendeter wie lebhafter Darstellung das Hüsaenscke Buck. Deutlich tritt aus diesem zu Taoe, daß die Geschichte des großen Parteiführers zugleich eine Geschichte der Zentrumspartei unb des Kulturkampfes ist. Das herrliche Bild, welches uns das Buch entrollt, zeigt uns ohne überschwengliche Lobeserhebungen — deren bedurfte es nicht — daß Windthorst gleich groß und edel war als Mensch, Familienvater und Verfechter seines Glaubens unb ber allgemeine» Wohlfahrt. Der Mann, ber für Deutschlands Katholiken unermüdlich nearbeitet und so unendlich viel erreicht bat, muß in ihrer Erinnerung dauernd fortleben, in seiner Vielseitigkeit, mit allen seinen liebenswürdigen Zügen. Hierzu beizutragen und aiiznregen ist die treffliche Hüsgenscke Schrift ganz besonders geeignet. Sie bietet eine reiche Ausbeute nach jeder Richtung hin — es sei hierbei auf das Schlußkavitel „Windthorst in der Karikatur" verwiesen — unb sollte in keinem katholischen Hause fehlen.
Schiffe ans Zement (Eisenbeton).
Bon H. 9}ebbet. Nachdruck nicht peftattet.
Vor einiger Zeit ist das erfte deutsche, in Eisenbeton ausgeführte Schiff von 200 Tonnen Ladefähigkeit in Frankfurt a. M. vom Stapel gelaufen' Damit dürfte dieser neue eigenartige Baustoff auch in Deutschland Interesse erregen, nachdem schon vor einem Jahrzehnt in Italien Sckifse aus Zement hergestellt worden sind und sich gut bewährt haben. Das deutsche Schiss ist zum Transport von Kies und Sand auf dem Rhein und Main bestimmt unb ist 42 Meter lang unb 6,3 Meter breit. Es hat bret Querschoten aus Eisenbeton erhalten; die Kabinen von rund 5 Meter Spnge finb ebenfalls aus Eisenbeton hergestellt, besgleichen auch die Fahne bes Steuerruders. Die Betonierung mußte wegen der Längenveränderung des Zements während des Abbindens sehr vorsichtig vorgenommen werden, um Riste zu vermeiden.
Ebenso wie die alten Aegypter Nil-Fahrzeuge bauten, welche aus Weidengeflecht bestanden und mit Lehm überzogen waren, so ist gewistermaßen auch die neue Konstruktionsmethode, bei welcher Stahlstangen und -Drähte und Beton benutzt wer- den. Bahnbrechend ist auf diesem eigenartigen Gebiete die italien. Firma Soeietir Gabellini in Rom gewesen.
Zuerst baute man in Italien einige kleine Ruderboote, mit welchen Festigkeits- unb Elastizitäts- Proben angestellt wurden. Als besonders günstig erwies es sich, das da» Baumaterial, nachdem die Boote zwei Jahre lang im Seewaster benutzt worden waren, keinerlei Anwuchs zeigte und auch nicht
im mindesten angegriffen war. Diese beftiebigen- den Resultate rerzten zu tveiteren Versuchen und haben dem Eisenbeton eine aussichtsreiche Zukunft eröffnet, selbstverständlich nicht für Schisfsriesrn, welche den Ozean zu durchfurchen haben, fonberit nur für kleinere Boote. Besonders dürfte die Fluß- schiffahrt von ber neuen Erfindung ausgiebigen Gebrauch machen, da nämlich der armierte Beton bei gleiche»! Eigengewicht den Bau von Schiffen mit. größerem Fassungsraume als bei dem bisherigen Konstruktionsmaterial gestattet und überdies sehr billig zu stehen kommt.
Eine sehr wichtige Frage war cs, ob sich der Zement so innig mit dem Eisengerüste verbindet, daß eine Loslösung ausgeschlossen ist. Durch eine praktische Probe gab Gabellini hierauf eine unwiderlegliche Antioort. In seiner Versuchsanstalt wurde ein größerer Zementblock, in den eine Reihe von Rundeisenstäbe eingesetzt waren, ausprobiert, b. h. es wurden an die Rundeisenstäbe schwere Gewichte aitgebättgt, um ein Lösen derselben vom Zement zu veranlassen. Nach Verlauf von drei Mouaten zeigte sich nicht die geringste Ablösung, die Verbindung von Beton und Eisen hatte dem schweren Zug vollauf widerstanden.
Ebenso wichtig war die Frage, ob dieser Baustoff auch widerstandsfähig genug war, um heftigen Stößen gegen die Piers unb anbere starke Schiffe standzuhalten. Diesbezügliche Versuche haben gezeigt, was freilich überraschen bürste, baß das Material trotz seiner großen Starrheit einen gewissen Grad von Elastizität besitzt. Ueberbies beschränken sich etwaige, durch sehr starke Stöße hervorgernfene Beschädigungen nur auf die betreffende Stelle und lönucn innerhalb kurzer Zut leicht ausgebeksert werde».
Tie Vorzüge des Eisenbetonbaues dürften sich kurz folgendermaßen zusammensassew Eisenbeton-Fahrzeuge bestehen gewissermaßen aus einem festen Stück unb besitzen daher eine hohe Elastizität gegenüber örtlichen Beanspruchungen. Sie haben geringen Reibungswiderstand unb be»z dürfen infolgedessen schwächere Maschinen zu ihrer Fortbewegung. Reparaturen sind äußerst einfach und schnell auszuführen. Die Außenfläche wird ganz glatt poliert unb nicht, wie Eisen und Holz, im Laufe der Zeit rauh unb bewachsen, sondern immer glatter. Tas in Beton eingebettete Eisen verrostet, wie durch jahrelange Versuche nachgewieseu worden ist, nicht, weshalb auch keine Kosten für Instandhaltung des Schiffskörpers aufzuwenden finb. Dies ist gegenüber beu Bauten aus Eisen ober Holz ein wesentlicher Vorzug, beim hölzerne Kähne bedürfen erfahrungsgemäß nach fünfjähriger Dienst- zeil einer gründlichen Reparatur, welche etwa 30 Prozent des Anschaffungspreises kostet. Eisenbeton- kähne sind indessen nach acht Jahren noch keinesfalls reparaturbedürftig. Der Beton ist keiner Abnutzung durch Abwaschen, Desinfizieren, Ausräuchern ufro. ausgesetzt; er nimmt auch keinerlei Feuchtigkeit an unb ist gegen chemische Einwirkungen von Salz, Kali unb bergt unempfindlich. Dadurch wird ein außerordentlicher Schutz ber Ladung erzielt; auch flüssige Ladungen können mit größter Sicherheit befördert werden. Besonders wichtig ist es jedoch, daß feine schwierigen Werst- und Helling-Anlagen zu schaffen sind, da sich das Baumaterial überall leicht unb billig hinbefördern läßt.
Zum Bau eines Eifenbeton-Schiffes sind keine ausgebildeten Schiffbauer nötig, zumal das Material nur aus Zement, Sand, eifernett Rund- und Bierkantstäben unb grobem unb feinem Drahtgewebe besteht. Ter Kiel wirb mit Vierkant- Eifenstangen armiert, bereit Enden sich überlappen. Sie Iverben durch kurze Eifeustangen unb Draht in richtigem Abstand von einander gehalten unb sind nach ber beabsichtigten Form des Schiffes gebogen. Unter den Kielstaugen hindurch werden im rechten Winkel dazu Ruitdeisenstangen angebracht, die itt Spautsorm gebogen finb. Diese werben wieder durch läitgsschifsslaufenbe Runbeisenstaitgen mit Hilfe von Drähtuinwicklungen miteinanber verbunden. Dadurch ist die Schiffsform feftgelegt. Dies Gerippe wird nun von außen mit Drahtgewebe umkleidet, auf welches der Beton in ähnlicher Weise wie ber Putz auf Ziegelmauerwerk aufgetragen wirb. Die Innenseite bes Eiseitgerippes wirb ebenfalls nut einer dünnen Schicht Zement überzogen. Hieraus beginnt die Konstruktion des inner« Bodens. Zunächst werden Rippen aus armiertem Beton, welche in besonderen Formen gegossen sind, längs- unb querschisfs über den noch durch die innere Verputzuug erkennbaren Haupt-, Längs- unb Quer-Eiscnstanaeu angebracht unb mit Zementmörtel befestigt. Auf der Innenseite dieser Rippen wird wieder ein feinmaschiges Drahtgewebe angebracht, auf welches besonders sorgfältig in Verbindung mit den Rippen eine Zementschicht aufgetragen wird. Ehe diese ganz getrocknet ist, wird darüber ein weitmaschiges Drahtnetz ausgebreitet unb hierüber wieder eine Zenteni- schicht aufgetragen. Diese wird ganz glatt gerieben und dadurch vollständig wasserdicht. An jedem Ende des Schiffes wird in etwa acht Fuß Abstand vom Steven ein Querschott und zwischen diesem Schott und dem Steven ein Länqsschott eingebaut. Tie Steven werden über der Wasserlinie mit einer Eisenplatte bekleidet.
Gegenwärtig ist man damit beschäftigt, Eiseu- beton-Schiffe mit SKotorantrieb zu bauen; in Amerika sind bereits zahlreiche Flußmotorboote aus Zementbeton in Betrieb.
Unter den bisherigen Bauten ber genannten italienischen Gesellschaft verdienen drei Pontons von 80 Fuß Länge, 10 Fuß Breite unb 3,5 Fuß Höhe erwähnt zu'werben. Sie finb in sechs Abteilungen eingeteilt, werben burch eine Plattform und starke Träger aus Eisenbeton miteinanber ver« bunben und bienen als Baudock für Neubauten. Zum Stapellauf werben zwei ober bret Endabteilungen jedes Pontons voll Wasier gelassen, so daß eine sckiefe Ebene entsteht, von der der Ablauf bequem ftattfinben kann. Nach dem Stapellauf werden die Abteilungen wieder leer gepumpt. Weitere Hellina- und Krananlagen sind auf einer Werst htr Eisenbeton-Fahrzeuge nicht erforderlich. Im Jahre 1906 hat die Gesellfchaft für die italienische Marine einen 150-Tonnen-Leichter erbaut, mit welchem schwere Proben vorgenommen wurden. Beispielsweise wurde er vor einen Kai gelegt unb daun mit einem starken Schlepper gerammt. Der Erfolg war so günstig, daß sofort vier gleiche Fahrzeuge für die Marine bestellt wurden. Sie haben doppelte Seiten unb Boden unb wasserdichte Endabteilungen, so daß sie unsinkbar sind.