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Erscheint «« Xttsst^me bet $»ne= Mb Sefcrtage. Werfel, jährlicher veznsrprelr ohne Vringeriehn ttnb vestell-eld n» Fulda so. wie aurwZrtLl övM

Dtretttei. Redakteur;

«arl Schütte;

j.& Wochenbeilage: „Illustttette §0NNtagLZeitUNg"

«ujt>^ea: Der lln'.n einer ttitts.Soloneli zeile. <7 mm breit Met,Spsz.«?tl amen: v-r Kaum einer Lo.s- r.elzer r, 74 na b eit, k» «t O P?;. v 'iWie- dnhennzea Rcbait. FSrSffert u Lurwnst- cB}tigtK2jpfg. extra.

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aeiieudiuüerei l.Fu!)a Fernsprecher Ur. 9.

9.

3« öen ReichslaMahIe«.

Der Wahlakt bat heute, Freitag, vormittag 10 Uhr, begonnen und endet na* der Vorschrift dcS E Wahlreglements von 1903 nicht um 6 Uhr, m erst um 7 Uhr oben S. Die Wahlhand« darf während dieser 9 Stunden nicht unter« Kracher» werben. In kleinen Wahlbezirken kann es Vorkommen, daß aüe in die L ite eingetragenen Wähler sich schon lange vor 7 Uhr eingefunden und gewählt haben. In solchem Falle ist ein früherer Schluß statthaft. Der Zweck der Stundenseststellung ist ja, allen Wahlberechtigten Gelegenheit zur Abstimmung zu geben. Wenn dieser Zweck bereits voUstän"ig erreicht ist, läßt stch eine Fortsetzung der Wahlhandlung nicht mehr denken. Der Reichslag entschied e nmal gelegentlich einer Wahlprüfung:

, „Da sämlliche Wühler gestimmt haben, kann der -»»zeitige Eck uh bet Wahlhandlung nicht zur Raf« steruug der Wahl dieses Bezirkes führen."

Wichtig ist auch folgende Entscheidung deS Reichstags: Der Wahlvorsteher ist nicht berechtigt, nachdem er um 7 Uhr die Abstimmung für ge« schloffen erklärt bat, noch Stimmzettel solcher Wähler anzunehmen, die bereit- vor 7 Uhr im Wahllokale anwesend waren.

4- An die „Partei der Richwihler". Die „Partei Ker Nichtwähler war bei den Wahlen im Jahre 1903 mit rund 3 Millionen Stimmen die stärkste. Bei der letzten Wahl im Jahre 1907 zählte sie rund 2 Millionen Stimmen. Diese Zablm zeigen, wie einflußreich die Summe der Wahlberechtigten sein würde, die, statt zu Hause zu bleiben, ihrer Wahl­pflicht genügen würden. 9)iit vollem Recht schreibt daher die ,Kreuzieilunsff in letzter Stunde:

„ES kann nicht dringend genug an das Verant­wortung?- und Pflichtge»ühl jedes einzelnen Wahlbe­rechtigten gemahnt werden. Wer etwa meint, auf seine einzelne Stimme komme eS nicht an. es gehe auch ohne sie, bet ist auf einem fauchen Wege. Denn wie et denken schließlich noch andere, und am letzten Ende sind eS «den Millionen einzelner, die zu Hause .bleibe« und daS Wahlergebnis ungünstig beehfhtffen. In manchen Fällen aber kann sogar tatsächlich eine einzige SBahlftimme den Ausschlag geben. DaS möge jeder Wahlberechtigte bedenken und für seine Merson dafür sorgen, daß diesmal die „Partei der Nichtwähler" hinter der kleinsten aktiven Partei zurück­bleibt."

Dieser Mahnung der,Kreuzztg/ können wir uns nur anschließen. Pflicht jedes Zentrumsanhängers ist es, seiner politischen Ueberzeugung durch Abgabe .deS Stimmzettels Ausdruck zu geben. Nur wenn unsere Anhänger bis auf den letzten Mann sich dieser Pflicht bewußt sind, kann mit Sicherheit auf Unseren Sieg gerechnet werden.

Wahlkreis Fulda - Gersftls - Schlüchtern.

sj Fulda, 12. Dez. 1912. Die Wahl hat heute vormittag in allen sieben Wahlbezirken mit star­ker Beteiligung begonnen.

Aus deut Laude haben sich vielfach alle ober fast alle Wähler gleich bei Eröffnung des Wahlaktes eingefunden und sofort abgestimmt. Der Wahlakt konnte darum in manchen Wahlorten schon bald geschloffen werden. Aus Eichenau meldete man uns bereits 10,25 Ahr, daß alle 36 Wahlberechtigten 'abgestimmt haben. Bald darauf kamen auch Rod­ges, Zillbach, Böckels, Lüdermünd, Pfaffenrod, Malkes und Mitelrode mit der gleichen Meldung. Es handelt sich hier um Orte, in derwn mir Zentrums­stimmen abgegeben wurden. Ein Bravo den Wackern Wählern! Eine Nebersicht über das Wahler- tzÄnis auS den einzelnen Bezirken unseres Wahl­kreises hoffen wir in der morgen früh erscheinende« ^Sonderausgabe geben zu können. Bereits .heute abend erscheinen nach Feststellung des Ergeb- nifles in der Stadt Fulda Extrablätter, die soweit

Fulda, Freitag den 12. Januar 191?.

3 >. Jahrgang.

dies möglich ist, verbreitet werden. Außerdem wer« den die einlaufenden Meldungen durch Schein­werfer an dem uns benachbarten Gebäude der „Gambrinushalle" bekanntgegeben. Die Zentrumswähler treffen fichimSaalederHar- m o n i e, wo die Wahlmeldungen sofort nach Ein­lauf verkündet werden.

Da die Telephone der Redaktion durch das Ein­holen der auswärtigen Wahlresultate stark überlastet sind, bitten wir, heute abend keinerlei Anfra­ge n an uns richten zu wollen.

X Uttrichshausen, 11. Ian. 1912. In einer vom hiesigen kkriegerverem einberufenen und gestern abend abflebaltenen Wahlversammlung hielten der frühere Kandidat der „nationalen* Parteien unseres Wahl­bezirks, Amtsgerichl^rat Hengsberg er aus Schlüch­tern sowie ein dortiger Lehrer scharfe Kampsreden gegen die Sozialdemokratie, ©ehr matt klang dareaen die in gefchraubien Wendnngen für den 12. d. Mts. ausge­gebene Parole „Wahlenthaltung". Pfarrer Gnatt be­dauerte diese Stellungnahme unter Hinweis aus das versprochene Eintreten des Zentrums für die Romer« vatwen in anderen Wahlkreisen. Es wurde erwidert, man habe die Wählermassen nicht so tn der Hand rote daS Zentrum und hätte befürchten müssen, datz eine Aufforderung zur Stimmabgabe für dasselbe nicht be­folgt worden wäre.

«JE Die allgemeine Ministerkrisis in Paris.

Wer einen anbem in den Abgrund stößt, wird leicht selber von dem Fallenden mitgerissen. Das hat der französisch: Ministerpräsident Caillaux erfah­ren müssen. Kaum hatte er seinen unbequemen Kol- kgm vom auswärtigen Amte „abgesagt, da brach unter ihm selbst der Ast.

Zum Streit zwischen Caillaux und de Selves fügten wir gestern, es sei nicht Nar zu ersehen, wer von den beiden di: Wahrheit spräche. Offenbar sind in den maßgebenden französischen Kreisen auch Zwei­fel aufgetaucht, ob denn der Ministerpräsident wirk­lich Recht habe, wenn er so entrüstet alle Nebenver­handlungen und jedes Hineinpfuschen in die auswär­tige Politik in Abrede stellt. Herr Caillaux fand kein Verträum mehr. Als er zum Ersatz fiir den versetzten Delcassä einen neuen Marineminister suchte, bcimste er vier Körbe nacheinander ein. weil die Kandidaten nicht in das lecke Schiff dieses Ministe­riums fteigen wollten. Und zum Ueberflufle stellte Herr Delcassö, obschon er das Ressort des Auswär­tigen übernommen hatte, schließlich noch allerhand Bedingungen, die von wenig Vertrauen zeugten. Die Voraussetzung des Herrn Caillaux, daß alle übrigen Minister, abgesehen von dem einen Ausgeschifften, sich mit ihm solidarisch fühlten, erwies sich als unzu­treffend. Zu seinem Unheil war er auch noch mit Herrn Clemenceau, dem altbewährten Mnister- stürzer, in Konflikt geraten. Dieser Ränkeschmied hatte bekanntlich die peinliche Frage veranlaßt, die zum offenen Krach zwischen de Selves und Caillaux flihrte. Caillaux ließ nun die Nachricht verbreiten. Herr Clemenceau habe auf sein Vorhalten zerknirscht bedauert, daß er über die Enthüllungen. die ihm (Clemenceau) von Herrn de Selves gemacht worden, nicht sofort mit dem angeschuldigten Ministerpräfi- deuten Rücksprache genommen habe. Diese Büßer- rolle gefiel aber dm ehrgeizigen Clemenceau nicht; er ließ alsbald öffentlich erklären, daß ex keines­wegs sein Bedauern ausgesprochen, sondern vielmehr erllärt habe, da? hochfahrende Wesen Caillaux mache es einem selbstbewußten Parlamentarier unmöglich, ihn zu einer Aussprache aufzusuchen. Man nimmt nun an, daß Clemenceau, nachdem er den Sturz des Herrn de Selves besorgt hatte, sich mit Erfolg be­müht habe, Horm Caillaux fdbft und seinem ganzen Ministerium das Weiterleben unmöglich zu machen.

Ob Clemenceau bei dieser Betätigung seiner alten Künste von der Hoffnung geleitet war. daß er schon jetzt zur Rückkehr an die Spitze des Ministeriums be­rufen würde, ist noch zweifelhaft. Unter den zahl­reichen Persönlichkeiten, die man als künftige Mini­sterpräsidenten nennt, wird auch Clemenceau ange­führt: ober das sind nur Kombinationen, da der Präsident der Republik jetzt erst mir der üblichen Befragung der Präsidenten der beiden Kammern und sonstiger hervorragender Politiker den Anfang macht. Die gegenwärtige Krisis erfordert zu ihrer Lösung besonders viel Umsicht und Ueberlegung, da sie nicht auf dem gewöhnlichen Wege eines orientierenden Kammerbeschlusses, sondern durch persönliche Reibe­reien im Senatsausschufse, entstanden ist, und da an das künftige Ministerium die außerordentliche Auf­gabe geftettt wird, das Marokko Abkommen, das die vorhrgehende Regierung abgeschlossen hat, möglichst schnell durch den Senat zu drücken.

Alle diese Schwierigkeiten können uns deutsche Zuschauer kalt lassen da zweifellos der Senat schließlich ebenso wie die Kammer das deutsch-ftanzö- stsche Abkommen genehmigen wird. Das ge­nügt uns. Mit der fortdauernden Unsicherheit ihrer Regierungsverhälwisse mögen sich die Franzosen selbst abfinden. Sie schwärmen ja in ihrer Mehrheit für ihre republikanische Verfassung, wählen fortgesetzt die­selben freimaurerischen und sozialistischen Abgeord­neten wieder und halten ihre ewigen Ministerkriftn für einen höheren Grad der Kultur, namentlich im Vergleich mit Deutschland, das nach ihrer Ansicht von dem monarchischen Regierungssystem „geknechtet" wird. Wir können demgegenüber sagen: An seinen Früchten werdet ihr den Wert des Systems erkennen. Wie fruchtbar war die Gesetzgebung des deutschen Reichstags in den verflossenen Jahren, und in den letzten Monaten der Wahlperiode erst recht! Welch' eine Fülle von Reformen und Fortschritten auf den verschiedensten Gebieten! Dagegen werden in Frank­reich die wichtigsten und dringendsten Reformwerke von einem Jahr zum andern verschleppt, da kein Mi­nisterium Lebensdauer genug hat. um eine Gesetz­gebung von größerem Umfange und eingreifender Be­deutung richtig vorzubereiten und erfolgreich durch- zufchten. Nur in kirchenfeindlichen Gesehen vermag die kulturkämpferische Mehrheit in ihrem Verfolgungs­eifer flott und fest zu arbeiten. Zerstören wird ihr leichter, als aufbauen, und wenn sie die christlichen Elemente verzewalfigen kann, fo ist ihr das die höchste Blüte der „Freiheit". — Wie in der Gesetz .bung Frankreichs, so stnd auch; in der Verwaltung, in dem Dienstbetrieb' der einzelnen Ressorts, die Mängel und Mißstände bisher unüberwindlich, da cd an der durch­greifenden Hand einer dauerhaften Autorität fehlt.

Der Blick auf die Wirren und Wehen im Nachbar­lande sollte uns abhalten, an den Zuständen in Deutschland jene verletzende Kritik zu üben, die auch bei unserer linksliberalen Linken seit zwei Jahren im Schwung ist. Vergessen wir nicht, daß der Groß­block darauf ausgeht, Deutschland mit fran­zösischen Zuständen zu beglücken.

Deutsches Reich.

• Berlin, 11. Jan. 1912. Der Kaiser hörte Donnerstag vormittag die Vorträge des Kriegs« Ministers, des Chefs des Generalstabes der Armee und des Chefs des Militärkabinett?. — Der Kronprinz ist Donnerstag in Sangfubr einge­troffen. — Tas preußische Staatsministerium trat Donnerstag zu einer Sitzung zusammen. — Der Gouverneur von Kamerun, Dr. Gleim, ist in Berlin eingelroffcn. Er leibet schrver an Rheu­matismus. — Die Kaiserjacht „Hohenzollern" erhielt »ach einer Meldung aus Kiel den Befehl, zum 15. Februar seeklar zu sein für die Mittel- meerreife des Kaisers. Der ,Deuls». Tages« geitung' zufolge steht es jekt fest, daß der Kaiser auch in diesem Jahre Aufenthalt auf Korfu nehmen wird. Ueber die Reiseroute ist noch nichts bestimmt.

G Die Miliiarvorlage. Die auch von uns wieder- gegebenen Angaben der MM. Pol. Storr über den Inhalt der neuen Mili tär v or l a g e Meinen verfrüht zu sein. Fest steht vorläufig nur die Tat« fache, daß der neue Reichstag sich mit einer M il V t a r b o r t a g e zu beschäfrigen haben wird. Die mitgeteilftn Einzelheiten dagegen werden halb­amtlich als reine Vermutungen bezeichnet. Der Um« fang der künftigen Heeresvorlage stehe noch nicht fest. In der mitgeteilten Form aber werde sie nicht erfolgen. Wenn neue Armeekorps notwendig sind, muß auch die Friedenspräsenzstärke erhöht werden. Ob das der Fall ist, darüber sind sich die Mlliläge- lehrten noch nicht einig. Auf Grund von Erkundi­gungen an zuständiger Stelle erklärt ein Berliner Mittagsblatt, daß die Meldung von der Einführung eines Retchszuschlages zur Ausbringung der erforderlichen Kosten glatt erfunbe.n fftz Dir Reichsregierung könne schon aus dem Grunde, an dir Einführung eines Reichszuschlages nicht denken, weil dieses den schärfsten Widerstand aller Bundesstaaten Hervorrufen würde, welche die Einkommensteuer durch­aus und im gangen für sich allein haben wollen.

X Die Staatskasse spielt nicht mehr! Wie die ,Norvd. Allgem. Zlgck schreibt, hat sich die Finanz- Verwaltung, zahlreichen aus den Kreisen der Lotte­rie - Einnehmer und Spieler an sie berantretenbeu Wünschen entsprechend, dazu entfdiloflcn, von der im Sommer b. I. abzuspielenden 227. Lotterie an auf das sogen. Mitspielen bet Freilose für die Staatskasse dauernd zu verzichten. Dieser Entschluß dürste der Fmanz-Verwallung nicht ganz leicht geworden sein, denn es wird damit dauernd aus eine Mindereinnahme von rund einer hal­ben Million aus dem Betrieb der Staatslottkrie verzichtet, um welchen Betrag sich die Ansfichten der Spieler gleichreitig dauernd bester".

+ Die Wohnungssürsorge der Reichs-, Post- und Telegraphenverwaltung für ihre Unterbeamten, die in ständiger Ausdehnung begriffen ist. hat bisher im ganzen annähernd 9 200 009 Mack erfordert. Von diesen Mitteln wurden insgesamt 8 083 000 Mark zum Ankauf von Wohnhäusern und 1114 000 Mark für Meten in Wohnhäusern ausgewendet. In mehr als 800 Orten mürben 653 Häuser mit 1781 Fami- lienwohmmgen und 179 Zimi.tern für Unverheiratete angekauft sowie 245 Häuser mit 638 FamilUnwoh- nungen und 79 Zimmern für Unverheiratete gemietet. Die Häuser, meist in den östlichen Bezirken gelegen, entsprechen in Größe und Einrichtung den Anforde- rungen, die man an gesunde Unwrbramtenwohnungen stellt. Zu jeder Wohnung an Landorten gehört ein Stück Ackerland. Dem etatsrnäßig angestellteu, ver­heirateten Personal werden die Wohnungen fast durch­weg als Dienstwohnungen überwiesen, in den übrigen Fällen haben die Wohnungsinbaber eine den örtlichen Verhältnissen entsprechende Miete zu zahlen. Von dem Aufenthalt in eigenen Erholungs- und Ge­nesungsheimen (Blankenburg a. Harz und Bad Nau­heim) haben bisher 983 Personen Gebrauch gemacht. Die Heime wurden 1907 bezüglich 1909 eingerichtet. Ferner besi tzen Erholungsheime von Unterbeamten­vereinen der Oberpostdirektionsbezirke Berlin, Bres­lau und Dresden in Templin, Zobten und Hohen­stein. Diese Heime haben von der Verwaltung an un­verzinslichen Beihilfen insgesamt 155 000 Mark er­halten, die nach 30 Jahren in das Eigentum der Ver­eine übergehen.

* * Di« deutsche Auswanderung im Jahve 1911 ist gegen die Vorjahre im abgelaufenen Jahre erheblich zurückgegangen, namentlich hat der Auswan- derungsveckehr nach den Bereinigten Staaten von Nordamerika nachgelassen. Wäbrend im Jahre 1910 über Hamburg 118131 und über Bremen 182 454 Auswanderer ausgewandert sind, sind die entsprechen­den Zahlen für 1911 für Hamburg 86 895 und für Bremen 139 605. Es wanderten also über 47 000 Personen weniger aus als im Jahre 1910. Die Gründe für den Rückgang sind auf der einen Sette in

M Tochter i>es Strtamten.

40] Roman von Adele Böttcher.

O eiltet Wahn! All diese Menschen meinen, die junge Marchese Emnpanelli müsse glücklich fein, weil sie jung und schön und klug und begabt und bewundert und gefeiert . . .

Wie eS in ihrem Herzen aussieht, ahnt niemand. Und daß der Hunger in ihr nach jenem Wunderba­re«, Unendlichen, nach dem ftilfcn Frieden einer >vunschlos glücklichen Ehe auch jetzt noch manchmal 'tzren Körper zu verzehren droht.

Auch jetzt noch, da e» — zu spät ist!

Ost, wem, des Nacht» Orlandos tiefe Atemzüge r cä 5en' b°6 der Gatte ruhig schläft — erhebt Lager, beugt sich über ihn und S blrich/GW^ *U9en tn baS liebe, jetzt ... 5° bleicht Ach, sie weiß, auch er

bieft Erkenntnis trifft sie £ iLr Äit welch guten Vor­

sätzen war ue in Die Ehe gegangen'

Abschütteln wollte sie olles Niedrive' Schlachte da» durch die trüben Verhältnisse mTihrem inVam Jeden hasten geblieben war und da« doch _ ce fühlte es damals voll inniger Dankbarkeit — den Vern ihres Wesens nicht berührt hatte, so daß fie mit kla­re« Augen zu dem Ziel ifrtr Sehnsuchr cmporblicken konnte: zu einem höheren, besseren Lehen . . .

Da begegnete ihrer Unendlichkettrsehnsucht durch •te Sungoi plötzlich eine hohe Mauer, übet die selbst Wie stacken Flügel fie nicht Hinwegtragen konnten.

»er Angst und Entsetzen geweiteten Augen .***[* furchtbar« Maner an.. Mit ihren _"6'8en Händen will fie daran rütteln, will .^pe urn^ßen. Vergebens. Di« Mauer wankt nicht.

s und wächst, bis da« arme • ! Himmel, die wär-

Sri* »XtaS**»" «f u»«l»

Und Trotz beginnt sich in dem verzweifelten Weibe zu regen. Meinethalben denn! Schicksal, gehe deinen Lauf! —

Eines Abends während einer Tanzpause nähert sich Leutnant Borgoni der gefeierten Marchesa Cam- panclli.

Dieser vielversprechende junge Mann hatte im letzten halben Jahre viel von stch reden gemacht, in­dem er die Halste seines beträchtlichen Vermögens bei Pferderennen verlor, die andere zur Gründung eines Vergnügungsetabliffements großen SttlS — halb Musikhalle, halb Sptzialitätentheater — vrv- wandte.

Er nmßte deshalb seinen Abschied nehmen und ist nun äußerst swlz auf feinen Ruf als „Pferdekenner ersten Ranges" und „Patentgigcrl". Sonja hat ihn seit jenem verhängnisvollen Tag in der Villa For­tuna nicht wiedergesehen.

Doch daZ stört Signor Borgoni nicht im gering­sten. Er besitzt die beneidenswerte Gabe, alles von der leichten Seite zu nehmen und mit jedermann „gut Freund" zu fein.

„Wollen mir gnädigste Marchesa fünf Minuten Promenade schenken?" fragt er nach einer liefen Ver­beugung. „Habe interessante Neuigkeit. Kam mir deshalb hierher, auf scheußliches Fest, um mit Gnä- bigfte zu sprechen — auf Ehre!"

Verwundert blickt Sonja den jungen Mann an, den sie in seinem TiPP-topp-Zivilrock zuerst gor nicht er­kennt.

„Borgoni — äh, hm ---* räuspert er stch —

früher Leutnant Borgoni, Entsinnen sich gnädigste Marttiesa nicht?" F

»Ach so! Ja." '

, Leffcs Lächeln umspielt Sonjas Lippen, al» ste die Fingerspitzen leicht auf den bargebotene» Arm legt

~ verflixt delikate Sache!" fährt tt « geckenhaft schnarrendem Tone fort, indem er mit der ort" 0,1 seinem spärlichen Schnurrbart zupft. „Aber Gnädigste sind so deftg klug, daß —" tert ÄlÄ'tä. "****" ****

„Gerade so wollt' ich sagen! Gerade so!" schnarrt Borgoni. „Also —onsteur Ludin, der Impresario von der „Alhambra" — Sie wissen. Gnädigste: meine Gründung — deutete mir kürzlich an, daß gnädigste Marchesa sich einen Riesenberg von Geld erwerben könnten —'

Sonia hebt den Kops. Ihr Int-resse erwacht.

„Selbstredend machen Gnädigste sich aus Geld ver­flixt wenig —" fährt der junge Geck zögernd fort.

„Im Gegenteil," erwidert Sonja trocken.

„Aeh, hm — wirklich? . . . Famos! Dachte immer, Gnädigste dachten nur an Ruhm und ähnliche- Gemüse . . . Also: Gnädigste können unmäßig viel Geld machen und mir armen Kerl nebenbei aus scheuß­lich fataler Sage helfen, wenn —"

Er stockt.

„9hm?" ermuntert Sonja, aufs höchste gespannt. „Werden Gnädigste auch nicht böse fein?" „Rein. Reden Sie mir!"

Großartig äh! Tausendfachen Dank! . . . Also — Gnädigste haben dämlichen Blatt Neue Horizonte auf die Beine — Pardon! — geholfen. Dach? ich mir: warum sollten Gnädigste nicht auch in meiner „Alhambra" singen —"

„Das ist eine Musikhalle, nicht wahr?"

„Hm, ja — so was AehnlicheS. Lassen gnädige Marchesa mich erklären, bevor Absage steigen lassen? Di« Umstände sind ganz eigentümlicher Art — 8H — ganz außergewöhnlich. Name braucht nicht ge­nannt zu werden und Identität nur vermutet —

«Ich verstehe nicht

i „Komme gleich bagu. Also: Monsieur Ludin hatte den Einfall, nach Riesenerfolgen der Gnädigsten auf jedem Gebiet, er wollte Dame ausstöbern, die der GnSdigsten tn Figur und Haltung möglichst ähnelt ihr ein paar russische Lieder einpauken, fie anzichen wie Gnädigste selbst und mit Maske auftreten lassen!" ! „Also eine Düpierung des Publikums!"

„Gerade so! Gerade fol . . t Nicht ganz ele­gante Affäre — äh — aber Pyramidal originell, waStz" . ., Monsieur Ludin will Sängerin als mal» tipte Dame anzergen und d«rch geheimnisvoll« No­

tizen und Bilder Publikum vermuten lassen, daß gnä­digste Marchesa selber maskiecke Dame sind . . ."

Als Sonja nicht entrüstet auffährt, wie Borgoni gefürchtet, srndcrn schweigend vor sich hinblickt, fährt er ermutigt fort:

„So Weir Monsieur Ludin! Jetzt kommt meine Idee . . . Dacht' mir: wo finden wir Dame, die der Gnädigsten aufs Haar ähnelt und Russisch fingen kann? Sehr schwer — — auf Ehre! Sagte mir deshalb wenn Gnädigste selber maskierte Dame vor­stellten, wäre Sache für alle Teil- profitabler. Für uns, weil wir nicht mehr zu suchen hätten. Für Gnä­digste, weil dann nicht fremde ordinäre Chmisonette Allüren von Gnädigster nachzumachn braucht . . . Aber Allergnädigste sind nicht beleidigt — nein? Wäre untrösllich — auf Ehre!"

Mit größter Aufmerksamkeit ist Sonja dm Wortm deS jungen Mannes gefolgt. Jetzt fragt sie hastig:

„Haben Sie Ihre Idee schon jemand mitgeteilt?*

„Aus Ehre — nein. Wollt' zuerst Meinung von der Gnädigsten hörm . . ."

Ein seltsam harter Ausdruck tritt in Sonias schön« Züge, ihnm für einen Augenblick jede weibliche An­mut raubend.

„Gut. Wenn ich auf Ihren Vorschlag eingehe, so kwm eS nur unter der Bedingung geschehen, daß niemand etwas davon erfährt. Kein Mensch — auch mein Gatte nicht. . ."

Sie bricht ab. Ein entsetzliches Gefühl der Scham bemächtigt sich ihrer. Ahnt sie, daß ste tm Begriff steht, ein nie wieder gut zu machendes Unrecht zu begeben?

Einen Augenblick schwankt fie.

„Laß ab davon!" flüstert ihr guter Engel. „Es ist dein Verderben!"

„Nur zu! Rur zu!" höhnt ihr böser Dämon. Verdiene Geld! Sonst koinmen die LungoS und ver­hetzen dich bei deinem Gattew. Wad tuft du denn Schlimmes? ES ist ja alles für euer beider Glück, für euer beider Ruhr!"

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