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Zreltag 5. Ianuar 1912

59 Jahrgang,

Fuldaer

Leitung

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4. Blatt.

Orutf und Verlag der 5»ldaer Actiesdr« in Znlda.

Anslasö.

** Der Brüsseler Gemeinderat hatte vorgestern hie Cidesleistimg der Gemeinderäte entgegenzuneh- Xnen, die am 15. Oktober gewählt wurden. Tic peuen Räte sind sämtlich Sozialisten und Liberale. Der trib lautet folgendermaßen: „Ich schwöre beni ö it i g, Gchorsam der Verfassung und den Gesetzen des belgischen Volkes." Nachdem alle Räte den Cid geleistet hatten, erklärte der Genosse Für- nemont un Namen der Sozialisten, daß die So* »ialisten den Eid nur geleistet hätten, weil er eben auferlegt sei, daß er aber nach ihrer Anschauung den Eifer in der Betätigung ihrer republika­nischen Ueberzeugmm in nichts mindern könne. j$)er Bürgermeister verweigerte die Annahme dieses Vorbehalts. (Die Sozialdmokraten betrachten dem­zufolge den Eid als eine Art Komödie.) Nach der Eidesleistung schritt man zur Wahl der drei Schöf­fen, d. i. den Beigeordneten. Es wurden zwei So- zialisien und ein Liberaler gewählt. Eines dieser ,Aer:'. . y bekleidet der Genosse Griinard, ein reicher Advokat, der besonders für die großen Finanzgefell* schliffen arbeitet. Grimard verwaltet sein Amt mit tzroßer Korrektheit und ging sogar zu Hofe. Tie Denossen warfen ihm dies öfter vor; besonders aber Ivar es ihnen in die Nase gefahren, daß er bei dem Besuch des deutschen Kaisers in Brüssel seinem Töchterchen erlaubt hatte, einen Blumenstrauß zu Überreichen. Grimard hat daher, von den Quer- lreibc«eien der Genossen angeekelt, sein Amt als Schöffe niedergelegt. Die neuen Schöffen dürfen eiach dem Beschluß des Brüsseler sozialistischen Ver­sandes das Amt nur unter der Bedingung anneh- Dien, daß sie in Angelegenheiten, bei denen sozia- slististtze Grundsätze in Frage kommen, keine Beschlüsse fassen, ehe sie die Meinung der sozialistischen Liga seingeholt haben. Es ist ihnen auch verboten, unter Irgend welchen Vorwänden zu Hofe zu gehen und ^offiziellen Festlichkeiten beizuwohnen; ferner ist es fthnen verboten, die Uniform der Schöffen zu tra­gen. Es scheint, daß die silbernen Borden dieser Uniform die Eigenschaft haben, die demokratische Ge- ffinnung der Genossen zu trüben. Solche Herren 'zählt nun die Hauptstadt Belgiens zu ihren Schöffen, ijunb das ist das Resultat des zwischen den Liberalen (und Sozialisten gegen die Katholiken beschlossenen "Paktes. Sozialistische Schöffen sind auch mit Un­terstützung der Liberalen in einer großen Reihe von Mädten und größeren Gemeinden gewählt.

* Die Fälle, in denen alles erlaubt ist. Wir lesen in der „K. V.": Mit den belgischen Liberalen und Dozialdemokraten svmpathisiert unsere ganze liberale ftmd sozialdemokratische Presse; sie ersehnt deren bal­digen Regierungsantritt. Tas ist ja an sich nicht sherwunderlich, lachen muß man nur, iremr ab nnd K auch von der „deutsck-feindlicben Gesinnung des lgischen Klerikalismns" die Rede ist. Schreiber Dieses weiß ans persönlicher Erfahrung, daß die bel­gischen „Klerikalen" auf Te>rtschland weit besser zn sprechen sind als auf Frankreich. Uebrigens ließ inan auch in der Silvesternummer des in dieser Be- Hlehuug gewiß unverdächtigen „Berl. Lokalanz." den Brüsseler Korrespondenten dieses Blattes wie folgt ^urteilen:

„Im Mai soll die Vermebrung der Mandate auf Grund der Volkszählung dem radikalen Block an? Müder verhelfen. Ob's gelmaen wird, ist zweifeltzast; )p,ch zweiselbasler, ab eine liberal-sozialistische Rsgie- xung mit auch nur geringen Majorität in der Depn- Riertenkammen dem Land« gedeihlicher sein wird, als hie vielgrschmähte klerikale. Sicher nicht in jedem Be­fracht; denn ans den öffenllickum Erörterungen der Marokkokrills in bet liberalen Presse ging eines mit leider zweifelloser Gewißheit hervor, nämlich: daß die Magnetnadel der auswärligen Politik ein«? libe- jtzalen Kabinetts ihren orientierenden Pol nur in Pari? suchen wird. Das aber dürfte der Sicherheit be8 Landes in kritischen Zeitläuften weniger dienlich i fein alS die weise, abwägende Politik, die das klerikale Ministerium in 1911 so verdieuktlich verfolgt hat."

Sehr wahr. Aber auch ausländische Liberale U»d Sozialdemokraten dürfen auch d eu t sch- feindlich fein; ihnen wird alles vergeben.

* Persien gerät immer stärker in einen den beiden -interessierten Mächten Rußland und England ganz erwünschten Zustand heilloser Verwirrung. Der ;Exlchah ist wieder aufgetaucht. Seine Truppen haben sich am Montag bei Damghan eine Schlappe geholt. England und Rußland zeigen eine be« oavernswerte Nackkä'sigkeit mit ihren angeblich n

Reformierungsplänen. Insbesondere ist die Tat­sache des erzwungenen Rücktrittes Morgan Shusters und die Saumseligkeit, emen sähigen Nachfolger zu ernennen, nur dazu angetan, das Chaos der Fnumzen noch zu vergrößern.

Abgelehnte Begnadigung eines katholischen Geistlichen. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Der Geistliche an der katholischen Kasimirkirche in Petersburg, Akolo-Kulak, Redakteur des religiösen Blattes „Glaube und Leben", war auf Anordnung der Regierung abgesetzt worden, weil er in diesem Blatte das Apostolat des Gebetes empfohlen und die Jesuiten gelobt hatte. Die Regierung rechnete es Akolo-Kulak als besonders schwere Verfehlung an, daß der Papst an den Leiter des Apostolates, einen Jesuiten, ein Schreiben gerichtet hatte. Dadurch soll der Kampscharakter des Apostolates gegen die rus­sische Kirche offenbar geworden fein. Der abge­setzte Geistliche richtete ein Gnadengesuch an den Zaren, das aber abgelehnt wurde.

Aus dem Nachbargebiete.

0 Hauau, 4. Jcm. 1912. Nach dem Voranschläge des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1912 wird es sich ermöglichen taffen, die seitherigen Prozentsätze bet direkten Gemeindesteuern, näm­lich 151 Proz. Zuschlag zur Staats-Einkommensteuer und 171 Proz. Grund-, Gbäude-, Gttverbe- und Be­triebssteuer beizube' ilten.

* Sontra, 2. Jan. 1911. In der Silvesternacht imtrbe der 21jährige unverheiratete Carl E. von sei­nen Angehörigen im Schlafzimmer erhängt aufgefun­den. E. zeigt« bereits einig« Zeit Spuren geistiger Umnachttmg.

* Heubach, 3. Jan. 1912. Die Gemeinde Heu­bach irr Kreise Schlüchtern ist am 1. Januar 1912 von dem Standesamte Oberkalbach abgetrennt und bildet von jetzt ab ein eigenes Standesamt. Die Geschäfte des Standesamtes Heubach werden von dem Bürgermeister Ringler als Standesbeamter und von dem Beigeordneten Klüh als Standesbeamten- Stellvertreter versehen.

Ami Geisa und Umgebung.

* Kaltenwestheim, 4. Jan. 1911. Ein hiesiger Einwohner schoß sich aus Furcht vor Strafe mit eitvem Revolver eine Kugel unter das rechte Auge. Die Kugel blieb indes in der Augenhöhle stecken und mußte der Unglückliche nach der Augenklinik in Jena geschafft werden, too ihm die Kugel auf operativem Wege entfernt werden wird.

* Langenfeld, 4. Jcm. 1912. Da mit dem Schluß des Jahres 1911 das MuiungSrecht der Gewerkschaft Ham.oüerDhüringen in hiesiger Flur erlosch, wurde in den letzten Tagen mit den Arbeiten zum Gra­ben des Schachtes hinter dem Dorfe rechts am Walde begonnen.

* Tiefenort, 3. Jan. 1911. Ein Zjähriger Knabe von hier kam gestern nachmittag abhanden und konnte bi? heute vormittag trotz eifrigen Suchens seiner An­gehörigen und vieler Ortseinwohner nicht aufgesunr den Hierhin. Um 10 Uhr rückte die Feuerwehr aus, nm nach den! Knaben zu forschen. Da aber kam die Nachricht, daß ihn Waldarbeiter aus Röhrigshof im Walde schlafend aufgefunden und nach Röhrigshof gebracht hätten. Trotzdem das Kind die ganze 9!a<f)$ im Walde zugebracht hat, scheint es wohl und munter zu fein.

* Aus Thüringen, 4. Jan. 1912. Tie Rentnerin Hofteuer in Kobnrg, die sich vor einigen Tagen aus Gram über den Tod ihres Mannes vergiftet hat, vermacht: testamentarisch der Stadt München 260 000 Mk., deren Zinsen zur Hälfte für arme Schmkmder, zur anderen Hälfte zur Unterstützung hilfsvednrstiger Künstler Verwendung findenssollen. — Oer Fremdenverkehr, der in Ersen ach stets groß iucr, wies im vergangenen Jahre einen grötzern Rückgang auf. Er betrug 1909 105 805, 1910 103196 und 1911 93856 Personen.— Für das in Ilmenau zu errichtende Krankenhaus stiftete ein Bürger, der nicht genannt fein will, 5000 Mark, und Kommerzienrat H. Naumann jun. 10000 Mk. — Auf die Bahnstrecke Schmalkalden —Klein­schmalkalden haben, wie sich erst nach lang­wieriger Untersuchung ergab, zwei kleine Jungen

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Ae Ächter ito Verbannten.

v 86 Rowan von Adele Böttcher.

Sonja sitzt am Fenster und blickt hinein in die ssanuenbeschienene Herbst!andschast.

j Traubenschwer die Weinberge. Knisterndes rote» Laub auf Gartenwegen. Halbverwelkte Rosen und

. Gemgmen an mosbÄiachscnen Mauern.

lieberreif die ganze Natur.

KerbMnmmng.

Ein quälendes Geftihl der 'Venemsamung be- flchleicht fle plötzlich. Und eine grenzenlose Sehnsucht hiach Orlando.

Es ist das erstemal in ihrer fast vierteljährigen ; Ehe, daß sie — wenn auch mir aus einen Tag — ‘ vom dem ®atttn getrennt ist. Und die Stund«, er- (scheinen ihre: Sehnsucht wie eine Ewigkeit.

' ' Plötzlich horcht sie ans. — — In der Feme Schritte. Sie springt empor und eilt hinaus. Ach, es ist nur der Miefbow?

Enttäuscht wirst sie den Pack Miese und Zeitn -gen auf den Tisch. Sie. bat gar keine Lust, die zu- nreisr an fte adressierten Postsachen öurchzuseheu.

Nur ein grobes Kuvert mit holperigen, ungeübten Sclftiftzügen erregt ihre Aufmerksamkeit. Es sticht s» merkwürdig ab von all dm zierlichen, parfümier* Den Briefen.

Fast zaghaft nimmt sie es in bte Hand und be­trachtet es von allen Seiten. Dabei befällt sie eine Htfaine Angst — eine den Slawen oft eigentümliche "rohnung hon etwas, das ihr Schicksal, bedroht.

SUS" * - "*

fen Buchstaben zu entziffern: *’ • °ie 1

„„Signora! Ich muß Sie tn den nächsten Tagen in einer sehr wichtigen Angelegenheit spre­chen. Soll ich zu Ihnen kommen oder wollen Sie mich besuchen? Ich wohne Bia Flaminia Nr. 22, draußen vor der Porta bei Popula. Mir ist es egal, was Sie tun. Rur bemerke ich, daß die Sache ganz gcheim ist.

Ergebmst Nina Lungs."

Sonja blickt starr auf den Zettel. Soll sie das Geschretbsick ihrem Gatten zeigen. — Stein. Dis .Wendungen »sehr wichtige Angelegenheit"' und „ganz geheim" würden seinen Argwohn erregen.

Was also tun? Was tun? —

Sie grübelt und grübelt und kommt endlich zn benr Entschluß, den Brief zu ignorieren und bei einer zufälligen Begegnung der Frau kost und furchtlos aegenüb-erzutreten.

Im Bewußtsein ihrer Kraft reckt sie mit einer energischen Bewegung ihren geschmeidigen Körper.

Ja, das will sie! Die Leute so lange wie müg- lich von sich halten will sie! Denn wenn sie ihnen -such nichrs schuldet, also nichts von ihnen zu fürchten

— so kennt sie die lisiige Person doch zur Go- >>üga, um zu wissen, daß sie irgend etwas im Schilde fuhrt, das ihr Vorteil bringen soll.

I» Denken unb Grübeln versunken, überhört sie gawt, daß Orlando eingetreten ist. Erst, als er ihr Reckend die Augen zuhält, wird sie seine Anwes-aheit gewahr. Leise schreit sie auf.

»Alles in Ordnung, mein Lieb!" ruft er hetter, nrrter wiederholten Küssen. Uebernrorgen übersiedeln wir für den Winter nach Rom!"

Jlefermorgen?" ruft fle mit einem tiefen Atem-

„Sft es dir W frühtz"

„Sein, ntm!'

„@ek Wohnung habe ich gefunden — reijenb! 5» der Via Babuin». Drei entzückerlde Zimmer mit einer großen $ erraffe nach dem Monte Pmcio zu. Und gar nicht teuer! Du sollst sie nur erst sehen!"

„Hebermerg« sch««!' wiederholt sie tn fieber- mux Erregung. ,Uebermorgen schon!'

einen Steinblock von 84 Pfund Schwere gewälzt. Der Stein, der eine Entgleisung des Zuges herbei- geführt haben würde, tonnte glücklicherweise recht- zettig beteiligt werden.

Au§ Oberheffen u. den hesi. Aemtern.

A Marburg, 4. Jan. 1911. Im Lokal der städti­schen Spackasse auf dem Rathause kam es heute früh zu einem eigenartigen Zwischenfall. Während die Beamten eifrig beschäftigt waren, die sehr zahlreich anwesenden Einleger abzufettigen, rief plötzlich eine Frau: „Mir hat jemand in die Tasche gegriffen". Al? bald darauf ein daneben stehendes Mädchen sessstellte, daß ihm das Portemonnaie mit 140 Mk. abhanden gekommen fei, entstand eine große Aufregung. Das Kaffenlokal wurde sofort geschloffen, sodaß niemand hinaus und hinein konnte unb dann erschien die Polizei. Eine Fran, auf die sich der Verdacht lenkte, mußte sich tn einem Nebenzimmer einer Visitation unterwerfen, die indes keinen Er­folg hatte. Später stellte sich heraus, daß weiter nichts fehlte, wie die 140 Mark, und diese hatte das betreffende Mädchen zu Hause auf dem Tische liegen gelassen. Das in Betracht kommende Publikum, darunter viele Frauen, die zu Hause er­wartet wurden, waren über die Freiheitsentziehen nicht sonderlich erbaut.

r. Kirchhai«, 4. Jan. 1912. Die im Kreise Kirch­hain wohnenden ehemaligen Angehörigen des Füsilier-Regiments v. Gersdorf Nr. 80 werden zu einer Besprechung des 100jährigen Regnnents- jubiläums auf Sonnlag, 7. Januar in das Casö Mumenthaler in Kirchhain eingeladen, (vergl. Anzeige.)

* Großseelheim, 3. Jan. 1912. Der Jagdauf­seher Henkel aus Großseelheim schoß im Schön­bacher Walde einen prachtvollen Edelmarder. Das selten schöne Tier wurde von einem Pelz­händler mt‘ 40 Mark bezahlt.

? Amöneburg, 4. Jan. 1912. Am 13. d. M., nachmittag? 4*4 Uhr, wird die nächste Zusammen­kunft der ,5 uri.i unb Spielvereinigung Marburgs-Kirchhain in dm Nordschule zu Marburg statffinden. Die Tagesordnung weist auf: Freiübungen, Stabübungen u. Spiele — Die im Laufe des Jahres folgenden Uebungen re­gen zum Besuche umsomehr an, als Herr Turnlehrer Fischer das ganze volksschulmäßige Turn- und Spiel­gebiet sttlfenweise durchgehen wird; wer die Darbie- tungen lückenlos haben will, wird regelmäßig erschei­nen müssen. — Die einzelnen Turnübungen werden an der Hand der „Anleitungen' durchgenommen, was nebenbei auch zur nötigen Klarstellung des Texte» Gelegenheit bietet An dieser Stelle seien die Mit­glieder auch erinnert an die bei voriger Zusammen­kunft erörterte Angelegenheit der Turnplätze in ihrgr Gemeinde zwecks Veranlaffung etwaiger Abhilfe durch Herrn Fischer.

♦ Fritzlar, 4. Jan. 1912. Ein mit Aemtern gesegneter Mann ist der Gemeindedieuer eines Dorfes in der Nähe von Fritzlar. Dieser Ge­meindediener besitzt nach der,Fritzlarer Jtgck nicht weniger als 13 Nebenämter, die ihm ein JahreS- einkonuveu von 1835 Mark einbringen. Er be­zieht: als Totenbefchauer 100 Mk., als Schweine­hirt 400 Mk., als Feldhüter 150 Mk., als Bälge­treter 50 Mk., als Vollziehungsbeamter 50 Mk., als Ortspolizeidiener 450 Mk., als Nachtwächter 150 Mk., als Orlsbeleuchtungsiuspektor 75 Mk., als Zeitungsbote 10 Mk., als israelitischer Schul­diener 50 Mk., als Totengräber 200 M., als Besen- binder 100 M., endlich als Ausrufer von Bekannt­machungen 50 Mk. — Da dieser Gemeindediener trotz seiner zahlreichen Funktionen, die nur bei Tageslicht ausgeführt werden können, auch noch Nachtwächter ist, so fragt man sich, zu welcher Zett dieser geschäftige Mann eigentlich des Schlafes pflegt.

vermischtes.

* Im Streit mit seinem Sohne wurde in A l - t e r a in Westfalen ein 59jähriger Invalide von ersterem erstochen.

* Zwei Arbeiter erdrückt. Beim Abladen von großen Hokzbottichen von einem Eifenbahnwaggon siel in enter chemischen Fabrik in Hönningen am Rhein eines dieser riesigen Gefäße um und begrub zwei Arbeiter unter sich. Beide blieben tot.

* Zu dem Diebstahl im Stuttgarter Hauptpost, amt ist jetzt feftgeficHt worden, daß insgesamt z-e h u W e r t b r i c f e, die an die Württembergische Hypo- chekenbank gerinnet waren, gestohlen wurden. Die gestohlenen Wertbriefe sind zns unten mit rund 5000 Mk. deklariert. Es befinden sich darunter 300C Mark itt bar, der Rest besteht aus Pfandbriefen und Zinskoupons. Die Nachforschungen der Krnninal- polizei sind noch ohne Ergebnis.

* Im Aeroplan über den Atlantischen Ozean. Wie der „Evening Standard" erfährt, beabsichtigt der amerikanische Flieger James Martin, hn näch­sten August einen Aeroplanflug von Reufoundland nach Irland auszuführen. Martin hofft, die Strecke' von 2000 Seemeilen in vierzig Stunden zu­rückzulegen. Der Aeroplan wird fünf Motoren be­sitzen. Er soll Flöße erhalten, so daß Martin vorn Wasser aufsteigen kann. Der Aeroplan soll mit einer zehn Fuß langen und sechs Fuß breiten Kabine versehen werden, in der zwei Gehilfen und ein Me­chaniker Platz haben. Martin beabsichtigt, etwa 5000 Fuß hoch zu fliegen und der Fahrstraße der Dampfer zu folgen, mit denen er sich durch Signale verständigen will. Der Aeroplan soll 5000 Pfd. Benzin unb Oel mit sich führen.

* Eine Telephouerösfnuug mit Hindernissen. Bor einigen Tagen wurde gemeldet, daß vom 1. Januar ab die Hauptstädte Frankreichs und Spaniens nun auch telephonisch Verbund»» seien. Amüsant ist nun die Tatsache, daß diese neue Linie ihren Betrieb gleich mit einer „Störung" be­gann. Da man in Madrid annahm, daß am Neu. jahrstage die Geschäftswelt t uen Gebrauch von der neuen Einrichtung machen werde und man am Er­öffnungstage doch wenigstens einige Gespräche füh­ren wollte, hatten der spanische Minister des Innern und der Generalpostmeister die Idee, den franzö­sischen Unterstaatssekretär der Posten ans Telephon rufen zu lassen; sie hatten aber wenig Glück, denn der Minister war an diesem Tage von den ofsi- . ziellen Neujahrvisiten so in Anspruch genommen, daß er absolut nicht zu erreichen war. Die Madrider mußten also, da das Ereignis doch nicht ohne offi­zielle Kundgebung vonstatten gehen sollte, zu dem altbewährten Bruder des Telephons, dem Telegra- phen, greifen und sandten an den französischen Mini­ster der Posten Herrn Chaumet ein Telegramm, in dem der Freude des offiziellen Spaniens über die neue Verbindung Ausdruck gegeben wurde. Aber auch das Telegramm konnte Herrn Chaumet erst recht spät zugestellt werden und so kam seine Ant- tvort — ebenfalls telegraphisch — gerade noch knapp am Eröffnungstage in Madrid an. Hoffentlich funktioniert von nun an das Telephon um so besser.

Handel nnd Industrie. ,

* Berlin, 4. Jan. 1912. Auch heute war die Stimmung an der Börse wieder sehr zurückhaltend. Nach Verlauf der ersten Geschäftsstunde aber voll­zog sich eine Befestigung. Bankaktien fest; Deutsche Bank sogar volle 3,5 Prozent höher. Montanatkien schwankend. Schiffahrtsaktien schwach. Elektrizi» tätswerte abgeschwacht. — Am 12. Januar, dem Wahltage, bleibt die Börse geschlossen.

* Diskontermäßiqnng der Sächsische» Lank in Dresden. Das Institut, welches durch sein ein­seitiges Vorgehen mit einer Diskonterhöhung am 18. Dezember in Bank- und Handelskreisen Auf­sehen erregte, hat nunmehr den Wechseldiskont toiebee, von 5,5 und 5 Prozent herabgesetzt. s

* Neue bayerische Staatsanleihe. Die Begebung einer neuen größeren bayerischen Staatsanleihe steM unmittelbar bevor. Die' Emission wird, wie bt' früheren Fällen, wieder durch die Gruppe der Dis- konto-Gefellschaft stattfinden.

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“ H. Kalb Sohn, BBtteranrkt 5,

„Ja. Wenn du nicht, wie gewöhnlich, Bedenken hast!" lachte er mit neckendem Spott.

„Nein, o nein!'

Mit bebenden Händen versteckt sie rasch Nina Lungos Brief in ihrer Tasche.

Darm fällt sie dem Gatten um den Hals und weint und lacht In einem Atem.

Er aber schMelt verwundert den Kopf über ihre seltsame Aufregung. Er weiß ja nicht, wie es in dem Jnnem seines Weiebes aussteht; weiß nicht, daß ste ailfjubeli in dem Gedanken, der verhaßten Begegnung mit ihrer früheren Kammerftau aus dem Wege gehen zu können — wenigstens noch für einige Zeit.

18.

Woche» find vergangen.

Die Kvette Nummer der Neuen Horizonte ist er­schienen. Ünd auch die dntte. Unb in ihnen weitere Artikel von Sonjas Flucht «ms Sibirien.

Jetzt, da ste fich einmal vorgenommen, Persön­liches in die Beschreibungen mit zu verflechten, wird eg ihr nicht mchr so schwer, wie sie zuerst gefürchtet.

Ihr Ehrgeiz erwacht. Es ist nicht der heiße süd­liche Ehrgeiz, Mlch nicht der verichlossene nordische. Es ist ein Dürsten nach etwas Wunderbarem, Voll­kommenen, das ihre glühende Phantaste befällt. Sie will etwas wirklich Gutes leisten — um ihres Gat­tes willen.

Denn ste in plastischen Farben die Greuel Sibi­rien» schildert und dabei die politische Lage streift oder geschickt ein paar Andeutungen über den Grund ihrer Verbannung macht — so trägt das Ganze den Stempel vollster Wahrhaftigkeit. Unb niemand zwei­felt bar an, daß es die Prinzessin Sonja Orloff ifi, bte ihre eigenen Erlebnisse schildert

Orlando hatte damals recht gehabt: mit offenen Armen nimmt die römische Gefelllchaft die junge schöne Frau wieder auf. Unb besonders diejenigen, die hn geheimen einen Groll gegen den strengen hoch­mütigen Marchese Silvio hegen unb neidisch auf ferne pokttffchen unb gesellschaftlichen Erfolge blicken. Denn es ist allbekannt, baß die Heirat des jungen

Marchese Campanelli zu einem vollständigen Bruch zwischen Vater unb Sohn geführt hat.

Der Marchese Silvio hält sich jetzt ganz von be$ Gesellschaft zurück, da er überall seiner Schwiege« tochter begegnen kann unb sein Stolz es ihm vek- bietet, der Welt das unerquickliche Schauspiel einetz Fomilienzerwürfniffes zu geben.

Sonja selbst beginnt, wieder freier aufzuatmen.

Die erste Zeit nach ihrer Ueberstedelung nach Rom iuar sie noch angstvoll zusammengezuckt bei jedem Klopfen an bet Tür. Auf ben Straßen, im Theater — überall spähte ste nach bem hagqm spitz« Gesicht ihrer früheren Kammerftau. —

Als jeboch Tag auf Tag vergeht — unb Woche auf Woche — unb keine Nina läßt sich blicken — da verschwinden nach und nach diese nervösen Symp­tome.

Sicher haben die Latte Rom bereits verlassen — denkt sie und faßt neuen Mut.

Das Zusammenleben des jungen Paares gestaltet sich immer harmonischer. Trotz der mannigfach« Vergnügungen wtb gesellschaftlichen Verpflichtungen findet Sonja stets Zeit für ben Gatten. Die liebsten Stunbcn bleiben ihr biejenigen, bte sie mit ihm von- bringt. Ja, manchmal ist es ihr, als müsse sie das ganze konventionelle Gefelllchaftsleben über Bord werfen unb sich wieder zurückziehen in geistige Ein­samkeit — in die so herrliche „Einsamket zu zweien".

Doch die? ungetrübte HerzenSgkück — ach, eS soll 'nicht lange Vorhalten!

Eines Vormittags — Sonja ist gerade bei der .Toilette und das kleine Dienstmädchen macht Ei»- kaufe — wird heftig an ihrer Entreetür geläutet.

„Ich werbe aufmachen!' ruft Orlando »em Wohnzimmer her. . ,

Ruhig seht Sonja ihre Toilette fort. Plötzlich horcht ste auf und erblaßt jählings.

„Meine Frau ist jetzt nicht zu sprechen", hört fr ihren Gatten sagen.

„Schade!" envidert eine Frauenstimme, die ih» alles Blut zum Herze» treibt. „Wirklich sch, schade!"

lFortsetzung folgt.)