Einzelbild herunterladen
 

M 4.

Zreitag 5. Iam«ar 1912

ä-9 lahrgang.

* Tuldaer 1

Zeitung«

5. Blatt.

»rwtf «n» D erlag »er fixlbaer Actitndrnckerel in Seite.

wochen-Kun-scha«.

fr] Fulda, 5. Januar 1912.

Am 2. Januar, genau zehn Tage vor den ReichS- tagswahlen, hat die Regierung in den Wahlkampf eingegriffen und dem Volke eine Wahlparole zugerufen. Die lautet: Für die Wetterführung un­serer bisherigen Wirtschaftspolitik, für eine beson- llene Sozialpolitik, für den Ausbau von Heer und Flotte, gegen die Sozialdemokratie! Leider ist dies­mal ein erheblicher Teil des deutschen Volkes nicht für die Regierungswahlparole zu haben. Der Na­tionalliberalismus und der Freisinn ziehen bei dieser Wahl mit der Sozialdemokratie an einem Strange. Um so ernster müssen daher diesmal alle wirklich national gesinnten Kreise ihre Pflicht im Kampfe gegen die Sozialdemokratie nnd ihre Verbündeten erfüllen. Es handelt sich um die Zukunft des deut­schen Vaterlandes, die am 12. Januar für weitere B Jahre entschieden wird. Das christliche deutsche luirb in dieser schweren Stunde nicht versagen. Namenilich die deutschen Katholiken werden am Wahltag alles daran sehen, einen Sieg des Groß- blocks, den ein liberales Matt treffend den antiultra- montanen Block genannt hat, zu verhindern. Wir haben in den letzten Tagen gesehen, was in Bayern, in einem Lande, das zu zwei Dritteln katholisch ist, und im Landtag eine ZrräcumZmehrheit hat, möglich ist. Msnistenapostel dürfe« ihren konfeffionslofeu »ethischen Unterricht" erteilen und werden dabei so­gar noch von der Kommunalbehörde finanziell unter­stützt; katholische Ordensleute sollen in kacholifchen Kirchen nicht mehr predigen, an „außerordentlichen" kirchlichen Festlichkeiten nicht mehr teilnehmen dür­fen. Die roten Umstürzler dürfen wahrend der Wahl­zeit i re Hetzversammlungen abhalten, in denen gegen Thron und Mar auf das heftigste loSgezogen wird; „außerordentliche kirchliche Feierlichkeiten" sind aber vorher bei der Behörde anzuzeigen, so schürst das Mt- nistcrium den Verwaltungsbehörden ein. Und da» ist im katholische« Bayern möglich. Wie würde es im R eiche gehen, wenn die nächsten Wahlen mit einem liberal sozialdemokratischen Siege endigen würden. Für die deutscher! Katholiken heißt es: geschloffen gegen die Sozialdemokratie und den Liberalismus, dec ihr Helfersdienste leistet! Wir lassen uns in un­serer .Wahlarbeit nicht stören. Die angestrengten Ver­suche unserer Gegner, noch vor den Wahlen Verwir­rung und Uneinigkeit in die Reihen der Zentrums- ivcihler zu tragen, werden nichts stuchten. Die Be­geisterung, die auf den Wählerversammlungen des Zentrums herrscht, zeigt, daß die Zentrumswähler- schasf gewillt ist, nun erst recht der alten Fahne treu zu bleiben und ihr zum Siege zu verhelfm.

Eine Sensation war die Flucht des stanzösischen Spions Hauptmann Lux, der ir der Festung Glatz seine Strafe absah. Es gelang ihm, unentbüfr nach Paris zu entkommen, wo Lux setzt als Nationalheld gefeiert wird. Alke französische« Zeitungen machen in „lleberpatrioti smns" und feier» den „tapferen Offizier" als Größe des Tages. Der „Matin", das deuts oseiudlichste der Pariser Straßenblätter, schlug in diesen Tagen förmlich Ittad bei dem Gedanken, Ivie sich Deutschland über die Flucht des Herrn Lux ärgern würde Zum Aergern liegt dabei für Deutschland kei­nerlei Veranlassung »or. Schließlich kann e? gleich teilt, ob der Spion aus feinte Festungshaft, die ohnehin viel zu milde ist, etliche Monate eher entlassen ist. Wohl aber gibt die Flucht uns Veranlassung zur Prüfung der Frage, ob wir auch weiterhin die Spione des Auslandes, sofern sie den Ofsiziersrock tragen und den Verrat unserer Interessen aus „Patriotismus" begehen, so glimpflich behandeln und nur einige Mo­nate auf die Festung schicken, während z. B. England die Spione ausnahmslos ins Zuchthaus sendet.

In Oesterreich bildet die Rede Aehrenthals das Ereignis der Woche. Graf Aehrenthal äußerte sich auch über den Tripüliskrieg. Seine Rede gipfelte, soweit sie sich ans den Tripoliskriea bezog, schließlich in dem Wunsche, daß möglichst bald wieder normale Zustände hergestellt sein möchten. Graf Aehrenthal ging auch aus die Haltung Oesterreichs zu dem deusichAanzössschen Konflikt ein. Man Hai bedauert, daß ferne Sprache etwas zu zurückhaltend, zu kühl Deutschland gegenüber sei. Österreich wird seine Friedcnspräsen; um dreißigtausend Mann verstärken. Von deutschem Standpunkt aus können wir das nur begrüßen, denn je stärker Oesterreich militärisch da­

steht, um so wertvoller ist <S uns all» Bundesge­nosse.

In Frankreich richt sich bk Prüfung des RarockoabkommenS im Senat länger hin, al» man erwartet hatte. Dar französische Mn ist er!um muß förmlich Spießruten laufen! Eine Rechtfertigung für unsere deutsche Diplomatie, daß sie gut gearbeitet hat, wenn die Franzosen unzufrieden sind! Uebri- gen» deutet alles darauf hin, daß Caillaux mit seinen Getreuen in einigen Monaten, wenn der Senat seine Verhandlungen zu Ende geführt haben wird, gestürzt werden wird. Der aussichtsreichste Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten ist dann Elemenceau.

Der Tripolis-Krieg ist ins Stocken gera­ten. und Meldung en von Friedensbemühungen der Mächte tauchen wieder auf. Doch glauben wir nicht recht daran. Wen» Italien und die Türkei bald Frieden schließ«! sollte«, dann jedenfalls nur in der Einsicht, daß beide ein Interesse an der Wiederher­stelluz friedlicher Bezie^mgen Hecken.

Die RevolntioninChinaist jetzt Bet einem gewissen Abschluß angelangt. Dr. Sunyatsen, der geistige Leiter der Revolution, ist in Nanking zum Präsidenten' der Republck China ernannt worden. Die ganzen Südprovinzeu haben jubelnd ihre Zu- stimmung zu der Ernennung gegeben. Es scheint so, als ob die Revolutionäre die Oberhand behalten, und die Republik die endgültige Regierungsform beS zukünftigen Chinas fein werde. Juanfchikai, der schlaue, macht allerdings ^scheinend noch Rettungs­versuche für die Dynastie. Doch wird er sicher in dem Augenblicke, in dem er einfieht, daß nichts mchr zu retten ist, mit fliegenden Fahnen zu den Revolu- tionaten übergehen. Dieser Augenblick ist anscheinend sehr nahe, ^besondere, da auch der Regierung das Glld ausgegangen ist, und die Tsching schon in ihre Priovlschcllulle greifen müssen, um den Krieg weiter zu führen. Lange wird sich dieser Zustand nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Auch der Thron felbft fühlt den Zustand seiner Schwäche. Daher sein Vorschlag auf Einberufung einer Friedenskonferenz, deren Be­schlüssen sich der Thron bedingungslos unterwerfen will. Dieser Vorschlag ist anscheinend nur die Er­wirkung einer kurzen Galgenftist für die Regierende«. Die neue, mehr „repräsentative" Friedenskonferenz wird, wenn sie wirklich einberufen wird, kaum ar* derS beschließen, al» Me Schanghaier Friedenskonfe­renz beschlossen Haden würde.

$ -eil ReWaWMeiü

•* Gimpelfang.

Der sozialdemokratische Kalender ,L)er Land­bote" wird zwar jedes Jahr m großen Massen in unserer Gegend verschleudert, aber eine solche Ueber- schwenrmung des Landes mit diesen grünen Hef­te» wie in diesem Wahljahre ist noch nicht dageivesen. Es ist ein kleines Vermögen, das da verpulvert wird; und daß eS ganz nutzlos verpulvert ist, das wird ja in einigen Tagen schon, tocim das Wahlergebnis vorliegt, offenbar werden.

In seinem grünen Umschläge sieht der Kalender sehr friedlich und hoffnungsvoll aus. Auf diesem Umschlag ist ein Landmann abgebildet, der die Saat ausstreut. Wahrscheinlich soll das ein Symbol sein; der Kalender soll auch eine Saat ausstreuen. Ader was ist das für eine Saat, die er ansstreut?

Liest man den Kalender durch, so findet man viel­fach die dreistesten Unwahrheiten und Verhetzungen; hin und wieder aQerbing» auch einiges Zutreffende. So z. B. wird ganz richtig auf Seite 7 itt einem Gedicht eine Beschreibung des „Protzen" gegeben. Das Gedicht lautet:

Da geht er, der vom Schweiß der Armen, vermögend sich und reich gemacht,

Dem unser« Rot und unser Hunger den Urberfluß WS Hau» gebracht.

Der feine Stoff an seinem Körper, die weiße Wäsche, wie pikant,

So blickt er fragend durch» Mouoclr: „Ach", sagt er, „bin ich nicht djannant?"

Tas erinnert lebhaft an jenen sozialdemokratischen Führer, der gewissermaßen als das „M o d e j o u r - nal des Reichstags" gilt, der in der elegante­sten Gewandung selbst die hohen Würdenträger in

den Schatten stellt, dem auch, wie in parlamentari­schen Kressen erzählt wird, seine Frau vor einigen Jahren einen ^Krawottenschrank" mit 78 Abteilun­gen für seine ebersso vielen Krawatten zu Weih­nachten schenkte, während er selbst seiner Fran ein feines Automobll für 28 OOO Mark zum Geburtstag verehrte.

DaS Gedicht erinnert vielleicht auch an jenen andern sozialdemokratischen Häupt­ling, der eS vom Waisenknaben zum vielfachen Millionär gebracht hatte, seinen Arbeiterinnen aber empfahl, sich noch einen gewissen schmachvollen Ne­benerwerb auf bett Straßen der Großstadt zu suchen, wenn sie mit den von ihm gezahlten Löhnen nicht auskommen könnten.

DaS Gedicht erinnert vielleicht auch an jenen sozialdemokratischen Abgeordnete», der sich gegen die Champagnerstener auSsvrach, und der die Gewohn- hest hatte, sich früh morgens, wenn er sich durch seinen Diener (!) ankleiden ließ, den MundmitChampagnerauszuspülen!

Er erinnert vielleicht auch an jenen Herrn So- zialdeuuckraten, dessen erstes Geschäft es sst, wenn er morgens im Auto im Reichstag ankommt, den Frsseur aufzusuchen und sich die Fingernägel putzenundpolirren und den Schädels« in frisieren $u lassen, damit er als vollendetes Gigerl im Reichstage besser imponieren kamt.

Sonderbarer Weise enthält der grüne Landbote auch allechand boshafte Anzüglichkeiten ge­gen die Juden; z. B. wich auf Seite 9 ein „steinreicher Kommerzienrat Rachulski" verhöhnt. Solfte der Verfasser des sozialdemokrati­schen Landbotrn nicht wisst«, daß ein großer Teil der sozialdemokratischen Partei und besonders fast alle Führer der Sozialdemokraten Inden find? Ihre Frank, Hoch, Singer, Stadthagen, Goldstein, Wurm, Bernstein sind doch all« Jude» vom reinsten Wasser. Weshalb müssen die Genossen nun doch den „steinreichen Kommerzienrat Rachulski" im Landbvten verspotten, haben sie nicht genug stein­reiche Juden und Kommerzienräte in ihrer eigenen Partei?

Sollt« der sozialdemokratische Landbote sich viel­leicht seiner nobeln Freunde in Ber­lin WW (bem teuersten Viertel des modernen Berlin, wo fast nur f o z i a l d e m o k ra t i s ch e Millionäre wohnen und wo um die Ausfahrt- stnnde ein Automobil am anderen steht) gar etwa schönten, wenn er in der einfachen Tracht des Sa­men streuenden Landmanns auf die Dörfer geht, nm Gimpel zu fangen?

Ja, auf den Gimpelfang ist es wohl nur allein im Landboten abgesehen, denn er erzählt auf vielen Seiten, was die Sozialdmokratie für den Bauers­mann, den kleinen Beamten und Arbeiter hab« tun wollen, aber nicht getan hat-

Er vergißt aber auch so manches zu erwähnen, ivas die Sozialdemokratie auch nicht getan hat; wir müsse« deshalb dem sozialdemokratischen Land­boten etwa» da? Gedächtnis auffrischen.

Kann er uttS vielleicht sagen, weshalb die So­zialdemokratie gegen die Automobilste«« stimmte, weshalb sie gegen die Steuer und den Zoll auf alle Luxuswaren und Leckerbissen, Auster«, Kaviar und Champagner stimmte.

Kann uns der Landbote vielleicht sagen, weshalb die Sozialdemokratie gegen alle vörsensteuern, gegen eine Dividendensteuer, gegen besondere Steuerzuschläge für alle Leute mit großem Vermö- Ehampagrr« stimmte?

Kann uns der Landbote jagen, weshalb die So­zialdemokratie gegen die Kotierungsabgabe für Mir» stimmte, die nur die allerreichsten Leute getroffen hätte, die niemals einen Armen oder klein Bemittelte« auch nur einen Pstnnig ge­kostet hätte?

Kann uns der Landbote sagen, weshalb die libe­rale« und sozialdemokraüfchen Bankiers und Mll- limiäic diese Kotierungsgabe beim Bundesrat zu Fall brachten, nachdem im Reichstage eine Mehrheft von Zentrum und Konservativen sie be- schloüen hatte.

Weiß der Landbote vielleicht nicht, daß man keine Zündholzsteuer und keine Tabaksteuer gebraucht hätte, wenn diese Kotierungsabgabe, welche Liberale und Sozialdemokraten verhindert haben, von ihiteu und vom Bundesrat angenommen worden wäre?

Wir tonnten den Landboten auch fragen, ob er uni nicht darüber Ausschluß geben will, wie viel lozlaldemokransche Millionäre allein in Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt und München woh­nen, die das ganze Jahr in Prunk, Luxus und Ge­nußsucht schwelgen, für ihr« Mitmenschen aber gleich dem „steinreichen Kommerzienrat Rachulski", wie ihn der Landbote so schön beschreibt. Nichts übrig haben; steinreiche sozialdemokratische Millionäre, die noch niemals von ihrem Vermögen etwas von Bedeutung für Armen- und Krankenhäuser, niemals etwas für das öffentliche Wohl, nie­mals für die schwachen und kränklichen Kinder der Armen hergegeben haben?

Fürwahr, der „steimeiche Kommerzienrat Ra­chulski", von dem es im Landboten heißt, daß er den armen Bettler durch seinen Diener Hinauswersen läßt, erinnert uns recht lebhaft an diese sozialdemo­kratischen Millionäre, deren Götze die Prasserei und Genußsucht sst, deren Paläste überhaupt kein Bett­ler betreten darf und an deren Türen in goldenen Buchstaben angeschrieben steht:

„Eingang nur für Herrschaften!"

+ Der antiultramontane Reichs- verband gegen das Zentrum!

Es wäre wirklich ein Wunder gewesen, wenn der antiultramontane Reichsverband nicht mit einer Kundgebung gegen das Zentrum in die Wahlbe­wegung eingegriffen hätte. Die Zentrumspartei wird als der schlimmste Schädling in unserem po­litischen Leben bezeichnet, aber dies schädliche Zentrum fei die stärkste Partei im Reichstag, hier muffe Wandel geschaffen werden.

„Der einzige Weg, die Zentrumspartei zu schwächen, ist der Nachweis ihrer kalholttch-konfeistoneüen Natur, ihrer politischen und kulturellen Abhängigkeit vom außetdeutschen internationalen Papsttum. Kurz, der Nachweis, daß da» Zentrum weder eine poli­tische noch deutsche Partei ift. Denn dieser Nachweis wirkt auch m kathol.sch-religiöien Kreisen, die im Papst wohl ihr religiöses Haupt verehren, nicht aber ihren politischen Oberherrn anerkennen wollen... Grundsatz muh sein: Keine Stimme einem Zentrums­kandidaten ! Kompromisse oder gar Bündnisse mit dem Zentrum sind Versündigungen an Kultur und natio­naler Selbständigkeit!'

Ob und wie der antiultramontane Reichsverband — so schreibt man uns dazu aus Berlin — bem Zentrum feine angebliche katholisch-konfessionelle Natur „nachweist", ist uns herzlich gleichgültig. Dem antiultramon tonen Neichtzverbaud kommt es ja nicht darauf an, die Wahrheit über das Zentnrm zu verbreiten, es kommt chm lediglich auf seine Be­kämpfung an und als einzigen Weg zu diesem Ziele sicht er «Nachweis der katholisch-konfessio­nellen Natur des Zentrum»". Der antiultranwn- tane Reichsverband hat bekanntlich nicht nur die Be­kämpfung des Zentrums sich al» Ziel gesteckt, son­dern auch die „Bekämpfung der katho­lisch e n K i r ch e". Zu diesem ZwÄk würde der sich „liberal" nennende antiultramontane Verband auch nicht vor A n s n a h m e g r s e tz en zurückscheuen, wenn er die Macht in der Hand hatte. In zahlrei­che». Resolutionen hat et schon Ausnahmegesetze gegen die Katholiken und ihre politische Betätigung verlangt. Um aber den Kampf gegen die ka­tholische Kirche durch Ausnahmegesetze führen $it können, muß zunächst die „stärkste Partei im Reichstag", das Zentrum, nteder- g e s ch meliert werden, dann, hofft bet anti­ultramontane Reichsverband mit Recht, würde sein Weizen blühen.

Und er hat auch Grund dazu. Die Linkskiberalen hÄben seine Kundgebung mit Freude mifgenommen und ihn herzlich als Kampfgenossen begrüßt. Wäh­rend der antiultramontane Reichsverband noch — wie zartfühlend! — Verständnis bafür haben will, daß „katholisch-religiöse Kreise" im Papst ihr reli­giöses Haupt verehren, scheuen sich Linksliberasie nicht, auch dagegen Front zu machen. Es ist ungemein bezeichnend, daß dieser Linksliberalismus sich sogar vor den Wahlen, wo et doch in manchen Kreisen auch auf katholische Stimmen spekuliert, nicht scheut, seinen wahren Absichten unumwunden Ausdruck zu geben. Der Fortschritts führet Karl Schrader belehrt uns darüber im Berliner Tage­blatt toidber auf» neue:

Kleines Feuilleton.

— Das Lebe» der Pflanze« im Winter. Nu« hat die kälteste Jahreszett ihren Einzug gehalten, und wenn es nach dem Kalenderjahr auch wieder vot- wärbs geht, bem Frühling entgegen, mit seinen täg­lich länger werdenden Tagen, so wollen unsere Pflan­zen doch erst einmal cmsruheu und neue Kräfte sam­meln. So scheint es, mid so denkt man allgemein. Aber der Naturforscher weiß, daß die Pflanzen und Bäuu>c keineswegs schlafen und rmsruhen. Ex ist eingebiungen m die Eieheimmss« des sogen. SBinter- schlafts und m jie außen zwar unmerkliche, innen aber noch rätselhafte Arbeit des kahlen Baumes und ®m -:man auf chemische Weise zu versch-edenen Seiten de» Winters z. B. abgeschnittene Zwei..- einer Luide, so Tann man die Arbeit deS Baumes genau verfolgen. Anfang November steckt das Holz noch voll von Stärke, und ein mikroskopi­scher Schnitt, der über die Jodfläche gelegt wird, färbt sich tiefblau. Wiederholt man feen Versuch im Dezember an einem neuen Zweig, so tritt die blaue Jndigofaibung nicht mehr ein: die Stärke ist sonach verschwundm. Taucht man den Dezemberschnitt in Alcanna-Tinktur, so färbt sich das Holz jetzt rot, was dewesst, daß der Inhalt der Holzzellen zu fett ge= roorben ist. Ende Februar ist auch das Fett oder C,,,. to;t6e_r verschwunden, und das Holz reagiert gi-J ■ ““T Sobt«^«: es har sich also von neuem JrP.WÄ' Ul£ der Starke entsteht in kur- 1' . Welchen Zweck diese Vorgänge ha-

smden das itt Umwandlungen statt-

ff Skri? «J6 ^bekannt. Jedenfalls muß aber traft boi? «h£ $nun£§ im Winter für bie LebenS- rrafl_bon emer gewissen Bedeutung fein. -ix.

5*" ,®"ÖC beim Jahreswechsel. Ein Jah- f IU0^ immer auch ernste Gedankens bcjonberg bort, ivo wirkliche Sorgen herrschen! Unb Sorgen hat eigentlich jeder! Immer teurer wird die Lebermgalrmig, «umer mehr muß man leisten, immer schöner möchte man sein Leben gestalten! Der Arme

möchte heraus aus de» Schulden, und bet Reiche möchte immer reicher werden. Mancher glaubt Sor­gen zu haben, wo ein anderer in gleicher Sage sich vor Glück kaum fassen könnte! Sieht man die Sache indes richtig a», so merkt man bald: die meisten ha­ben gar keme Sorgen, sie machen sich nur welche! Sie Silben sich nur welche ein! Sie meinen: andere haben es besser! Dach, wie gesagt, im Grunde hat jeder fein Päckchen zu tragen, man blicke nur nicht immer nach oben, sondern nach unten! Der Kluge und Vernünftige handelt nach dem Rate des Dichters Logau: „Leichter trägt, was er trägt, wer Geduld zur Bürde legt." Dick betrüblichste Zeicheu unser« Zeit ist die Ungenügsamkeit, die Hast, der äußere Schein! Hand auf» Herz: Würde man wirklich glücklich sein, wenn man gar keine Songen hätte? Liegt nicht in den Sorgen auch ein gewaltiger Se­ll vn? Zwar gibt es drückende Sorgen in Menge und wohl überall, sie werden auch nicht leichter, sondern nur umso schwerer, je mehr daran tragen, ab« man vergesse nicht da» Gute, da» sie dennoch schaffen! Ehegatten werde« gestärft in gegenseitig« Liebe. Und muß man rechnen, um nur durchzukommen, auch das hat sein Guter: man lernt sparen und einteilen, man lebt nach den Regeln dec Verminst zum Bartell sei­ner Gesundheit! Und wenn die Sorgen gar zu mäch­tig werde«: nun, bann soll der Mensch feine schönsten Eigenschaften entwickeln: Fleiß und Ausbau« Tap­ferkeit und Mut Pflichtbewußisein und Selbstach­tung! Allen Kleinmut, alle» falschen Ehrgeiz, alle Begierde nach Besitz werfe man hinter sich, dmm wird dar neue Jahr ein Jahr, wenn auch noch nicht detz äußeren, fe doch des inneren Glücke» werden, also auch ein J<chr de? Segens sein! -hf.

— Eine Wärmflasche in» Bett zu legen und «da­durch das Bett und besonder» die Füße zu erwär­men halten ville für ihr« unwürdig. Das ist ab« sehr verkehrt! Jeder wird schon bemerkt haben, daß er nach einem warmen Bade oder in einem tempe­rierten Zimmer viel leicht« einschläft und vill fester, also auch gesund« schläft, al» wenn der Körper baS effigkalte Bett erst ermänneu muß. Besonder» Ha­den Personen, die an falten Füßen leiden, ihre liebe

Rot mit bem Einschlafen und flogen direkt üb« Schlaflosigkeit. Da sie dadurch überhaupt nicht ge­nügend schlafen, enfftehen leicht noch andere Nach­teile in gesundheitlicher Beziehung. Ein gar zu kal­tes Bett und noch dazu kalte Füße führen stets zu Störungen hn Wohlbefinden de» ganzen Organis­mus. Ein warmes Bett aber und warme Fuße sind Schlafbrüiger und daher in gesundheitlicher Bezieh­ung nur zu empfehlen. Man scheue sich also nicht, dm lltmodtschen Wärmflaschen und Wärmsteinen die ihnen gebührende Ehre wieder zutell werden zu lassen. Die Gesundheit ist taufentmal wichtiger als ein gänz­lich unbegründetes Vorurteil. Es gibt ja wohl Ra- turfallatik«, die sllbst im kältestm Wnter bll offe­nem Fenster schlafen; vernünftig ist das aber jeden­falls nicht. Alle Aerzte sage«, daß baß Schlafzim­mer nie zu warm, aber auch nie zu kalt fein darf, im Wint« also temperiert sein mu.ß Wird hierfür geforgt, so ist auch das Bett genügend vorgewärmt unb man hat dann nur noch bar auf zu sehen, daß nicht kalte Fuße den Schlaf verzögern! gf.

— Wan» beginnt der Sonntag? Mit dieser Frage hatte sich sogar das Reichsgericht vor zwei Jahren zn beschäftigen. Dem Sette» liegt btt Frage zweifellos außerordentlich klar, aber dennoch: wie schon so oft im Leben, waren die Herren Juristen auch hier einer ganz anderen Meinung als — die Nichtjuristen! Man frage jedermann und jeder­mann wird sagen: natürlich beginnt der Sonntag Mitternacht 12 Uhr zwischen Samstag und Sonntag. Aber dies ist eben, was besonders bte Polizeibehör­den interessieren dürste, nach dem Urteil des Reichs- «richts nicht richtig. Der Sonntag beginnt erst beim Morgengrauen, beim Sonnenaufgang! Bis dahin, so sagt das Reichsgerichtsurteil, ist die Nacht Frischen Samstag und Sonntag nichts anderes, als eilte Nacht Mischen zwei Werktagen. Das Volk beginnt die Feier des Sonntags nicht schon in der Nacht, sondern erst friih beim Aufftehen. Folglich: Man kann und darf in geschlossenen Gesellschaften bis zum tagenden Morgen tanzen und musizieren, und wenn die löbliche Polizei irgendwo „verordnen" sollte, daß der Sonntag schon um 12 Uhr Mitternacht

beginnt, und daß danach alle Geselligkell ein Ende haben müsse, so hat sie eben falsch verordnet. Man sieht also wieder einmal: Der Polizei muß man uächst gehorchen, aber man braucht deshalb sie nicht jit fürchten, das Reichsgericht weiß vieles besser. Allerdings, fo sagen auch die höchsten Richter im Reiche: Die hohen Fest- und Feiertage, wie Weih­nachten, Bußtag usw., diese beginnen nachts um 12 Uhr! rb

— Eine Stadt, in der nur Wassertrinker leben. Eine.Stadt von nwralsscher VoBommmheit ist St. Johnsbuey in Nordamerika, da man in ihr torOer Vagabunden, noch Bettlern noch Trmckenbolden be­gegnet. Müßiggang scheint hier niemand zu kennen. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Arbeitern, von 'benen fast jeder Eigentümer eines kleinen Hau­se» ist. Das Innere des Hauses ist ein Muster von Reinlichikit und Behäbigkeit. Noch im Jahre 1830 war St. Johnsburtz ein sehr unerquicklicher Aufent­halt, beren schottische Bevölkerung dem Branntwein­genuß übermäßig «geben war. Die Verkehrsmittel toaren abscheulich. Da gelang es Thaddäus Fair- bank, durchzusetzen, daß durch das Orisstatut nicht nur das Trinken, sondern auch das Fcithalten gei­stiger Getränke stark verboten wurde. Dieses Gesetz wurde und wird auch noch sitzt mit unbarmherziger Konsequenz durchgesührt. Es gibt in üer Stadt keine einzige Schenke, und der Fremde i:mß auf den Gemtß vim Wein oder Sier verzichten. Auch in den Hotels wird nur Wasser kredenzt. Man be- h.indllt berauschende Getränke wie Gift und erhält sie nur in der Apotheke, in der sie genau zugemcffen werden^ und deren Empfänger wird zugleich mit Angabe der von ihm entnommenen Quantität in den Zeitungen veröffentlickt, auch haftet er für den Un= fug der damit etwa getrieben werden könnte. Die Mehrzahl der Bevölkerung sst der Ueberzeugung, daß sic ihr Gedeihen zum größten Telle dies« wohl­tätigen Bestimmung verdankt, und sst auch fest ent­schlossen, an dem Msetz festzuhalle», welches St. Johnsburh zu ein« Stadt von Wasseririnkern ge­macht hat. «a-