von mir durchaus gewürdigtes Maß von Vertrauen,' ich würde glauben, demselben nur unvollkommen zu entsprechen, wenn ich nicht schließlich dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck geben wollte, daß der Augenblick nicht mehr fern sein möge, wo die veränderte Haltung der katholisch-kirchlichen Organe gegenüber den Staats- gesetzen cs der Regierung thunlich erscheinen lassen wird, zur Abstellung der auf dem besprochenen Gebiete hervorgctretencn Schwierigkeiten ihrerseits eine wirksame Initiative zu ergreifen, und wo dann auch eine ersprießliche Betheiligung der Geistlichkeit bei Lösung der Aufgaben des öffentlichen Unterrichts wieder eintreten kann.
Ew. Hochwürden stelle ich ergebenst anheim, den Inhalt obiger Erwiderung auf die Zuschrift vom 13. v. M. gefälligst in geeignet scheinender Weise zur Kenntniß der übrigen Herren Unterzeichner bringen zu wollen.
V. Puttkamer.
Der Erlaß des neuen Kultusministers wird unzweifelhaft von erheblicher und, wie man hoffen darf, wohlthucnder Wirkung nach verschiedenen Seiten sein.
Was die katholische Bevölkerung betrifft, so wird dieselbe in der Antwort deS Ministers, ungeachtet der Abweisung des von der wcst- fâlischcn Geistlichkeit erhobenen Anspruchs, doch nicht blos ein Entgegenkommen »der Form nach«, sondern in dem warmen Ton und in dem Geiste, welcher die Kundgebung beseelt, ein ernstes Eingehen auf das wirkliche Interesse und die unzweifelhafte Aufgabe der Kirche an der Jugenderziehung und den dringenden Wunsch erkennen, daß in dieser Beziehung das normale Verhältniß, das der gemeinsamen Arbeit von Staat und Kirche auf dem Gebiete der Schule, einer »heilsamen Mitwirkung der Kirche bei dem Unterricht und der sittlich- religiösen Erziehung der Jugend- bald wieder zu ungetrübter Geltung gelangen könne.
Daß cs auch beim Erlaß des Schulaufsichts-Gcsetzcs nicht in der Absicht der Regierung lag, diese Gemeinschaft zwischen Staat und Kirche zu zerreißen, dafür geben die damaligen Aeußerungen des Ministers Falk selber unzweifelhaftes Zeugniß. Zur Entkräftung jener Meinung wies er darauf hin, daß der Artikel 24 der Verfassung in Kraft bleibe, wonach nicht bloß bei der Einrichtung der Volksschule die konfessionellen Verhältnisse mög- Ilchst zu berücksichtigen seien, sondern den religiösen Unterricht in der Volksschule auch die betreffenden Rcligionsgesellschaften zu leiten haben. Es könne daher nicht davon die Rede sein, daß man die Kirche aus der Schule hinauswcisen wolle. Nach den Ausführungen des Ministers Falk sollte es sich vor Allem um die Wahrung des staatlichen Aufsichtsrccbts in den katholischen Schulen polnischer Landcstheilc gegenüber den deutschfeindlichen Bestrebungen handeln. Erst durch das Verhalten der Geistlichkeit in dem weiteren kirchlichen Kampfe sah sich die Regierung zu einer umfassenderen Anwendung des Schulaufsichtsgesetzcs genöthigt, und der Minister von Puttkam er erinnert daran, »daß eS der beinahe einstimmige und systematische Widerstand der katholischen Geistlichkeit gegen die Staats- geseße gewesen ist, welcher den Geistlichen an so vielen Orten die Schulen verschlossen hat.«
DeS Ministers Wunsch und zugleich seine bestimmte Hoffnung geht dahin, daß der Augenblick nicht mehr fern sein möge, wo die veränderte Haltung der katholischen Geistlichkeit gegenüber den Gesetzen der Regierung es thunlich machen werde, zur Abstellung der thatsächlich vorhandenen Schwierigkeiten wirksam vorzugchen. Einstweilen stellt er die Abhülfe in einzelnen dazu angethanen Fällen in Aussicht.
In diesen Aeußerungen deS Ministers ist in der That nicht blos ein äußerliches scheinbares Entgegenkommen zu finden, sondern der ernste und tiefe Wunsch einer Ausgleichung der Gegensätze, welche seit Jahren daS richtige und heilsame Verhältniß zwischen dem Staate und der Kirche getrübt haben, — und darin wird die Geistlichkeit eine Bestätigung des Vertrauens finden können, welches sie dem Minister ausdrücklich entgegengebracht hat.
Wenn freilich als eine' »Rückkehr zu den alten bewährten Ueberlieferungen« die Aufhebung des Schulaufsichtsgesetzcs in Aussicht genommen worden ist, so weist der Minister 'dies als auf eurer irrthümlichcn Auffassung beruhend zurück, da das genannte Gesetz gerade einem Grundsatz entspreche, auf welchem die Erfolge des preußischen Schulwesens von jeher beruhen.
Mit unbediUter Entschiedenheit nimmt Herr von Puttkamer für den Staat auch ferner das Recht in Anspruch, über
Maaß und Umfang der kirchlichen Betheiligung an ocr Pflege der Schule zu bestimmen, — und erklärt, daß auch von einer Aenderung der Anwendung des Gesetzes im Großen und Ganzen nicht eher die Rede sein könne, als bis dem Staate von Seiten der katholischen Kirche die thatsächliche An- feines unveräußerlichen Gesetzgebungsrechts zu Theil werde.
Und nicht blos für die Frage des Schulaufstchtsgesetzes macht der Dnantwvrtiich: ter Herausgeber Dr. Friedrich Dörr,
Minister diesen Standpunkt geltend, sondern zugleich für die Reae- Staat inIdÄrche^°" rechtlichen Beziehungen zwischen
Es ist derselbe Standpunkt, welchen Fürst Bismarck seit An- beginn des kirchlichen Streites als die unausweichliche Vorbedingung des Friedens bezeichnet hat. “ “
. Durch diese klare Kundgebung deS Kultusministers rvssd all dem Gerede von kirchlicher Reaktion, welches seit Wochen den Mittelpunkt der liberalen Wahlagita- tion bildet^ der Boden entzogen: je weniger man hoffen konnte, dem Fürsten BiSmarck auf dem Gebiete der praktischen Fragen, um deren Lösung es sich zuiiächst handelt, erfolgreich ent- gegenzutreten, um so beflissener suchte man den jüngsten Minister- wechsel zu benutzen, um den Wählern das Schreckbild einer rück- schreitenden Bewegung unb namentlich von einer Preisgebung der Rechte des Staats in kirchlichen Dingen vorzuspiegeln, welches in den Thatsachen keine Begründung hat.
Die jetzigen Aeußerungen des Ministers werden diesem Treiben hoffentlich ein Ziel setzen: man wird der Regierung, an deren Spitze nach wie vor Fürst Bismarck steht, das Vertrauen schenken, daß sie unser Schulwesen in Wahrheit auf dem Boden der alten bewährten Ueberlieferungen fortzuentivickcln entschlossen ist, — zu- gleich aber Wirb man in weiten Kreisen des Bürgerthums, wie der ländlichen Bevölkerung der Ueberzeugung des Ministers zustimmen, »daß mit dem Tage, wo wir aufhören würden, für den Volksunterricht aus dem unversieglichen Heilsbrunnen des Evangeliums zu schöpfcii, der Niedergang unseres gesummten nationalen Kulturlebens besiegelt wäre.«
Unser Kaiser ist von der vierzehntägigen Reise durch Ost- und Wcstpreußen und Pommern, welche dem Monarchen täglich erneute Anstrengungen, aber auch täglich neue erhebende Eindrücke brachte, wohlbehalten und in erfreulicher Frische in Berlin wieder eingelroffen.
In Danzig,'wo Sc. Majestät am Mittwoch (10.) eintraf, wurde er mit gleicher Begeisterung, wie vorher in Königsberg empfangen. Bei einem von der Provinz Wcstpreußen gegebenen Festmahl sprach der Kaiser seine Freude darüber aus, daß er, den Wünschen der Provinz entsprechend, derselben die alte Selbstständigkeit habe wiedcrgebcn können. Mit Bezug auf einen Hinweis auf die großen Thaten, welche der Kaiser vollbracht habe, erwiderte er: daß das Alles nur Gottes Werk und er nur dessen Werkzeug zur Ausführung gewesen sei.
Am Donnerstag (11.) erfolgte die Weiterreise und am Nachmittag die Ankunft in Stettin. Auf der ganzen Fahrt durch Pommern und bei bem Einzuge in Stettin fand die altbewährte vommersche Treue und Hingebung an das Königshaus ben allseitig freudigsten und begeistertsten Ausdruck. , .
Am Freitag (12.) fand die große Parade des II. Armee-Corps bei Stettin statt. Bei dem darauf folgenden Festmahl brachte der Kaiser folgenden Trinkspruch auf das Armee-Corps aus:
»Ich trinfe auf das Wohl des II. Armee - Corps. Es hat sich heute von Neuem Meine vollkommenste.Zufriedenheit erworben. Hierbei aber schließe Ich vorzugsweise das Regiment des Hochseligen Königs mit ein, welches der Verewigte das zweite in der Armee, aber stets das erste vor dem Feind genannt bat. Das II. Armee-Corps hoch!«
Vom Sonnabend (13.) bis Dienstag (16.) wurden die Corps- Manöver in der Nähe von Stettin abgehalten, welche zu höchster Befriedigung verliefen . „ . , . „
lieb erbauet machten bic Uebungen im Bereiche der beiden Armec-Corps den günstigsten Eindruck und besta- tigtcn nach allseitigem Zeugniß die erfreuliche ^Ueberzeugung von der stetig fortschreitenden Ausbilcung unserer Armee. „ , „ .
Nach einer nur eintägigen Rast gedenkt der unermüdlich thätige Kaiserliche Kriegsherr am Mittwoch (1/.) Abends zu gleichen Truppenmusterungen nach ^cir Reichslanden Clatz- Lothringen abzureisen und am Donnerstag (18.) schon über Karlsruhe in Straßburg einzutreffen, wo am Freitag (Ick) die große Parade des XV. Armee - Corps, vom 20. bis 23. Corps- und Fclvmanövcr stattsindcn sollen, dann.am ^. mc Reise nach Metz, am 24. die Parade der dortigen 16. D Vision, am 25. Besichtigung der Schlachtfelder von Vionville und Mars la Tour, am 26. die Abreise von Metz.
Das Abgeordnetenhaus, dessen Mandat Oig Aorist, um nicht durch die Neuwahlen du bevorsicM brechen zu lassen, durch Allerhöchste, Verordn» « vom IS. v. aufgelöst worden. Die Wahlen sind für die Wah , . fcgriefe6t. 30. September, für die Abgeordneten auf den ^Oktober WW
Die Berufung des Landtags ist etwa für den 23. Ottover
Aussicht genommen.
Gedruckt Bnlio in der Reichödruckerei,