Interessen, durch welchen der Tarif zu Stande gekommen sein soll, nur zu einem solchen Verlangen fuhren.
Der Eifer der Gegner, welcher der Ausführung der neuen Tarifpolitik keine Ruhe und keine ungefälschte Erfahrung gönnt, die Waffen, berenfie sich zu diesem Zweck bedienen, Alles zeigt deutlich, daß die Wirthschaftsreform, ungeachtet sie einen gesetzlichen Abschluß erreicht hat, die praktische Hauptfrage der nächsten Zukunft bleibt. Es kommt darauf an, das Werk in seinem Bestände und in seinen Wirkungen gegen eine feindliche Agitation zu schützen, die sich aller Mittel bedient. Die Dinge stehen in keiner Weise so, daß man dieses gesetzlich abgeschlossene Werk seinem natürlichen Gange überlassen und sich anderen Fragen zuwenden könnte. Auch die politischen Wahlen, die zunächst zu erwarten sind, können keinen anderen Gegen- stano haben. Es gilt, ein gesetzlich feststehendes Werk -stricht trotz dieses Abschlusses gefährden und vereiteln zu lassen. Die Wähler, die das Werk schützen wollen, werden das Abgeord- netenmandat nicht in die Hände von Feinden der Wirthschafts, reform legen dürfen, die ihr nicht einmal die Probe gestatten. Auf der einen Seite steht der Freihandel, der entweder das Deutsche Reich durch Verminderung seiner Staatsmittel schwächen oder zu unerträglichen direkten Steuern führen muß, während er die wichtigsten Zweige der nationalen Arbeit einem rasch sich vollziehenden Untergang überläßt. Aus der Gegenseite steht das System der mäßigen Schutzzollpolitik, verbunden mit einer Ausbildung der indirekten Steuern, welche den zur Erhaltung der deutschen Selbständigkeit und Staatsbedeutung unentbehrlichen Aufwand auf die für den Steuerzahler mindest drückende Weise einziehen, während den dauernden Quellen des nationalen Wohlstandes und der nationalen Ernährung die Möglichkeit gewährt wird, sich ungefährdet von einer erdrückenden Konkurrenz zu entfalten und zu behaupten. Die Losung derWahlen kann keine andere sein, als: nationale Arbeit und Selbständigkeit, oder Abhängigkeit des Nationalwohlstandes von den Handlangerdiensten für den Absatz fremder Erzeugungsländer, für die Leistungen fremder Industrien, die es in der Hand haben, biefe Dienste jeden Augenblick aufzukündigen, und dadurch dem deutschen Volk zugleich mit der wirthschaftlichen die politische Existenz zu schmälern oder zu rauben.
/®er sollte nicht bedauern, daß die Politik des Reichskanzlers so viele köstliche Kräfte vor der Zeit vernutzt?« So lautet der kürzlich gethane Ausspruch eines als Patriot und Gelehrter gleich hochachtbaren Abgeordneten. Man kann sich denken, mit welchem Eifer ein Ausspruch wiederholt wird, der von einer Seite kommt, die, wie man glaubt, nur tadelt, wo der Tadel auf keine Weise zu verschweigen ist. Es kommt aber auch vor, daß wohlmeinende Männer und treue Patrioten glauben, nach der Ruthe des Tadels greifen zu müssen, um nicht als befangene Freunde zu erscheinen. Dabei greift man dann nach dem ersten besten Anlaß, ohne die Thatsachen gründlich zu prüfen. Es kommt ja nicht darauf an, euren wirklich festgestellten Fehler zu rügen, sondern darauf, euren Krers zu beschwichtigen, der um jeden Preis ein Wort des Tadels hören will. Eine andere Erklärung ist für den obigen Ausspruch nicht wohl zu finden. Die Erinnerung an die in Betracht kommenden Thatsachen wird dies beweisen.
3m Dezember 1862 war das erste Ministerium Bismarck vollständig gebildet. Es zählte außer dem Minister-Präsidenten die Minister v. Roon, v. Bodelschwingh, v. Mühler, Graf Lippe, Graf Itzenplitz, Graf Eulenburg und v. Selchow. Die erste Personalveränderung erfolgte am 2. Juli 1866, wo der Finanz- minister v. Bodelschwingh in dieser Stellung durch v. d. Heydt ersetzt wurde. Die zweite Veränderung erfolgte am 2. Dezember 186/, wo der Iustizminister Graf Lippe durch Leonhardt ersetzt wurde. Die dritte Veränderung war die Ersetzung des Finanz- MiNisters v. d. Heydt durch Lamphausen im Oktober 1869; bald darauf wurde auch der Präsident des mit der Gründung des Norddeutschen Bundes geschaffenen Reichskanzler-Amtes, or. Delbrück, zum Staatsminister ernannt. Eine vierte Ver- erfolgte im Jahre 1872, wo Dr. Falk an Stelle v. Muhlers zum Kultusminister berufen wurde/ eine fünfte
Dnantwvrtiich: der Herausgeber Dr. Friedrich Dörr.
1873, wo an dre Stelle der Minister v. Selchow und tw Itzenplitz Graf Königsmarck und Achenbach traten- Ä sechste im November desselben Jahres, als di ÄmÄ des Kriegsministers v. Roon ihm die Fortführrma ÄS unmöglich machte. Im Jahre 1875 übernahm
das landwirthschaftliche Ministerium unb im C S trat der erste und einzige Wechsel im Präsidium des» kanzler-Amtes ein. Im Jahre 1878 trat Graf Eulenburg 2 dem Ministeriittn des Innern zurück, welches er 16 Ä kleidet hatte/ desgleichen Herr Camphausen von dem Finac Ministerium, welches er 9 Jahre verwaltet, und Herr w bach von dem Handelsministerium, welches er 5 Jahre waltet hatte > laufenden Jahre ist dann der Rücktritt da Minister Falk, Friedenthal und Hobrecht erfolgt.
Ueberblickt man diese Veränderungen, welche sich auf t« 17jährigen Zeitraum vertheilen, einen Zeitraum überdies die folgenreichsten Entwickelungen und Neugestaltungen, so M man über ihre geringe Zahl erstaunt sein. Die ausscheidM Minister waren zum Theil hochbejahrte Männer, wie Sobel« schwingh, Heydt, Roon, oder sie hatten, wie Graf Friedrich zu Eulenburg, einen schweren Posten 16 Jahre hindurch unter schweren Zeltumständen verwaltet. Nur einer von den Ministern, welche Kollegen des Reichskanzlers geworden, hat sein Amt wenig über ein Jahr bekleidet, Herr Hobrecht, sonst ist die geringste Zeit im ministeriellen Amt 4 Fahre, wenn man von der ebenfalls kürzeren Amtszeit des Grafen Königsmark absieht. Andere Dienstzeiten betragen 9 bis 10 Fahre, wie fei Delbrück und Camphausen/ die Rücktritte sind meist wegen langer Anstrengung im Dienst erfolgt, oder die wesentliche Veränderung der politischen Verhältnisse hat, aber dies nur in den selteneren Fällen, einen Einfluß geübt. Kann man da wohl im Ernst sprechen von einer massenhaften »Vernutzung köstlicher Kräfte vor der Zeit?«
In dem 17jährigen Zeitraum der Amtsführung des Fürsten Bismarck haben andere Länder 20 — 30 Wechsel der ganzen Ministerien und außerdem noch Wechsel wichtiger Posten in denselben erlebt. Was England betrifft, so haben seit Palmer- stons Tode, 1865, nach einem kurzen Ministerium Ruffel verschiedene Combinationen von Toryministerien bis IM cm- ander abgelöst, wo das Ministerium Gladstone kintrat, welches 1874 durch das jetzige Ministerium ersetzt mrde. Innerhalb der Ministerien gleichen Gesammtcharakters haben aber fortwährend zahlreiche Personalwechscl stattgefunden. W ist keine Uebertreibung, sondern die statistisch begründete Wahrheit, daß eine Festigkeit der höheren Staatsämter wie im Deutschen Reiche und in Preußen sich in keinem Lande der wiederfindet.
Sim 30. Juli fand im vierten Erfurter Wahlkreis eine WB zum Reichstag statt, nachdem der Abgeordnete vr. Lucius^ seiner Beförderung zum Staatsmmistcr das Mandat m derg S hatte. Es wurden im Ganzen 9398 Stimmen abgcgelm. diesen erhielt Staatsminister Dr. Lucius 5051, der Kandwa Fortschrittspartei Rechtsanwalt Träger 2267, dcr Ka mdat » Sozialdemokraten Kapell 1648 Stimmen. Danach ist der „ Dr. Lucius wiederum zum Abgeordneten des Kreises gewählt.
Unser Kaiser hat den Gebrauch der Bäder zu Gaftin mit dem erfreulichsten Erfolge fortgesetzt und täglich dl mäßigen Vorträge entgegengenommen. Am Sonmag i ^ Kaiser an dem Gottesdienst in der evangelischen Kapell
Unsere Kaiserin bat sich von Schloß Mainau MD such der fürstlich hohenzollernschen Familie nach Schloß w w wies begeben. Von Krauchenwies aus bcsuchtcZH K am 31. Juli den König und die Königin von Württemberg Frièdrichshafen.