Extra-Keilage
zum Intelligenz-Blutt der Stadt Frankfurt.
Str. 95. Samstag den 24. April 1875.
Uebersicht der Tagesgerichte.
Berlin. Die „Rordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Meldung des „Osservatore Romano" über das Verhalten und die Aeußerungen Antonelli's betreffs der Centrums-Fraction für unwahr und theilt zum Beweise im Wortlaute das Telegramm des Reichskanzlers an den Gesandten Graf Tauffkirchen vom 17. April 1871 mit, worin er denselben beauftragt, bei gelegentlichen Gesprächen hervorzuheben, daß die wenig tactvolle Art, womit das Centrum gegen das neue deutsche Reich vorgehe, der Curie die Sympathien Deutschlands entfremde und die Spaltung verschärfe. Ferner theilt das Blatt ein Telegramm Tauffkirchen's an den Reichskanzler vom 21. April desselben Jahres mit, wonach Antonelli erklärte, daß er die Haltung der Centrums-Fraction im Reichstage als tactlos und unzeitgemäß mißbillige, und endlich einen Bericht ,'des Grafen Tauffkirchen vom 10. Mai 1871, wonach der Papst selbst einem anderen katholischen Gesandten gegenüber das Auftreten der Katholikm-Partei im Reichstage als inopportun und unpraktisch beklagte.
Berlin. Die „Prov. Corresp." bespricht die jüngsten kirchcnpolitischen Debatten im Herrenhause und hebt hervor, zum ersten Male auch von streng conservativen evangelischen ^^tgliedern des Herrenhauses die unumwundene Berechtigung und Nothwendigkeit des Vorgehens der Regierung anerkannt worden sei. Diese Aeußerungen seien Anzeichen einer bedeut- wmen Wendung der Stimmung innerhalb der conservativen Partei und würden auch von dem Fürsten Bismarck freudig begrüßt. Letzterer habe bei dieser Gelegenheit seinen evangeli- ichen Glaubensgenossen vorgehalten, was sie ihrem Glauben ber fetzigen Zeit des Kampfes schuldig seien, und hob hervor, aß der evangelische Christ nicht vom Kampfe gegen die Kirche überhaupt reden dürfe, wo es sich blos um einen Kampf das absolute Papstthum handle. Hierbei habe dem Bismarck ferngelegen, sich als Feind der katholischen .y.'^ufteDen, vielmehr sei er gerade als Anhänger der ; stoischen Lehre durchaus verpflichtet, auch die Glaubcus- der deutschen Katholiken zu achten. Gerade die Rede die *,cn Eièmarck im Herrenhaufe beweise, wie sehr ihm uregung konfessioneller Feindschaft fern liege.
n e ^e*Mw* Tas Abgeordnetenhaus nahm in dritter l ng die Vorlage betreffend die Ucberweisung von 41/« neid ^^ Qn den schleswig-holsteinischen Provinzialverband an m'^ dann in erster u. zweiter Lesung die Gesetz-Entwürfe rue Betheiligung des Staates an^der Eisenbahn Neu-
k münster-Tönning und über die Uebertragung der Auseinandersetzungs-Geschäfte innerhalb des Bezirks des Ehrenbreitsteiner Justiz-Senats an die General-Commissionen in den Regierungs- Bezirken Münster und Kassel. Hierauf wurden die §§. 11 bis zum Schluß des Gesetz-Entwurfs über die Dotirung der Kbeis und Provinzial-Verbände theils nach den Anträgen der Commission, theils in der Fassung der wiederhergestellten Regierungs-Vorlage in zweiter Lesung angenommen.
Berlin Das Abgeordneten - Haus genehmigte in dritter Berathung den Gesetzentwurf, betreffend die Uebertragung der Auseinandersetzungs-Geschäfte innerhalb des Bezirks des Ehrenbreitsteiner Justiz Senats an die General- Commissionen zu Münster und Cassel, desgleichen eine Aenderung des Geschäfts-Regulativs für die Ober-Rechnungskammer, und überwies die Vorlage über die staatsrechtliche Stellung des fürstlich Sain-Wittgenstcin-Berleburg'schen Hauses an eine Commission von 14 Gliederns
Stuttgart. Der „Staats-Anzeiger" reproducirt eine Stuttgarter Correspondenz der „Köln. Ztg.", welche die Ernennung des Stadtpfarrers Schwarz in Ellwangen zum päpstlichen Haus-Prälaten als Schlag ins Gesicht der Diöcese Rottenburg bezeichnet^
Paris. Die „Ägence Havas" erklärt dass Gerücht von einer demnächstigen Zusammenziehung der ganzen Armee svon Paris für unbegründet. — Der Finanzminister gibt am Dienstag ein großes Diner zu Ehren des deutschen Botschafters.
London. Im Unterhaus erfülle’ bet' Untcrstaats-Se-
crerer im auswärtigen Ministerium auf eine Anfrage Cochrane's: der britische Gesandte in Madrid habe die von beiden Theilen im Bürgerkriege begangenen Grausamkeiten bestätigt. Tie Regierung beabsichtige aber nicht, wie 1835, dagegen eine Vorstellung zu thun, obschon sie keine Gelegenheit vorübergehen lasse, zu Gunsten des Friedens und der Humanität ihren Einfluß geltend zu, machen. Auf eine Anfrage Wait's antwortete Tisraeli: er habe Grund zur Annahme, China werde auf die Forderung Englands, betreffend die Untersuchungfüber die Ermordung Margary's, eingehen, halte es aber für angenief- sener, nähere Mittheilungen jetzt nicht zu machen.
London. Im Unterhause kündigt Sullivan in Folge den Ablehnung Disraeli'è ein Gesetz an betreffs Regelung der Beziehungen zwischen Parlament und Presse, auch werde er m jeder Sitzung beantragen, Journalisten von der Galerie auszuschließen. ;