Intelligenz-Blatt
der Stadt Frankfurt a. M.,
verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
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(Expedition am h. Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
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Ks. 220 Samstag hm 19. September 1874.
Aeberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
FraMfE, den 19. September. fGuizot f.] Samstag Abends um halb 8 Uhr ist auf sein-r Besitzung in Bal Richer der berühmte französische Staatsmann und Geschichtsschreiber gestorben. Er hat sich jede Grabrede verbeten, und Leben und Wirken des Verstorbene« ist allerdings den Zeitgenosse hiuläLglich bekânnt, auch ohne daß ein Schönredner den feierlichen Moment d:r Beerdigung benützt. um die historische Wahrheit durch sentimentale Phrsfen zu fälschen,
Suijot hat das Alter von fast b7 Jahren erreicht. Er ist cm 4. Oktober 1787 zu Niemes geboren. Seine Familie litt unter der religiösen Unduldsamkeit deS alten Regimes; die Revolution sollte ihr neue Verfolgungen bringen; der Vater Guizot's, ein auSakzeichneier Advoeat, starb auf dem Schsffot am 8. April 1794. In seèmn jungen Jahren war Guizot vielfach als Journalist thätig; in die Schriststellerwelt et»- geführt, machte er die Bekanntschaft von Pauline de Meulan, die er § et ratete, obwohl sie viel älter war, elS er. Unter Napoleon 1. trat er 1812 in den Staatsdienst. Die Rückkehr der Bourbonen brachte ihm ein bedeu'eudes Avauerwent, er wurde zum Generalsekretär im Ministerium des Innern er» narmt. Nach der Rückkehr deS Kaisers von der Jusel Elba legte er die Stelle nieder, um wieder als eirfocher Professor zu fuAgiren. Der Verwechselung mit seinem Bruder Hrt er die Beschuldigung zu danken, daß er den Bourbonen untreu geworden wäre und das Kaiserreich anerkannt hätte. Vielmehr reiste Guizot nach Gent, um die Aw ahme bet Ludwig XVIII. zu betreiben. Bemerkcnswerttz ist, daß Guizot schon in der damaligen Epoche sich der Preßfreiheit wenig günstig erwiesen hat. Mit d?r zweiten Rückkehr trat Guizot wieder in den Staatsdienst und wurde dsè Hmpt der Drkirinäre, welche vor vielen Worten niemals zu Thaten kommen konnten. Von «un an ist Guizot ein Leiter der pol tischen Bewegung seines Landes. Bald gehört er dem Misistelium an, bald scheidet er wieder aus demselben, um seinen schriftstellerischen Arbeiten zu leben. Nach dem Tode seiner ersten Frau (1827) heiratete er deren Nich'e Elisa Villm; man sagt, daß seine erste Frau auf dem Todtenbettr ihm diese zweite Heirâty empfohlen habe. Er bekämpft 1830 das Ministerium Polignac, protr« flirt aber auch gegen die Julirevolution, indem er der gefallenen Dynastie seine Treue bezeugt. Dennoch sollte es gerade den glänzendsten Theil seiner Laufbahn dem Julikönig« thum verdanken.
Nrch dem Sturze des Ministeriums Thiers gelingt eS Guizot, an die Gewalt zu kommen. Mißerfolge in der äußeren Politik ließen sich nicht vermeide«, aber die Gründung der Eisenbahnen regte die Sveculation an uud Guizot sprach das berüchtigte Wort: „Enrichissez vousw, „Bereichert Euch". Bern Schwindel folgte die öcouomischr Krise; es mehren sich die Klagen und die Agitstio« nimmt zu. Aber das Ministe- rium Guizot verschließt sich allen Forderungen und unterstützt die Reaction allenthalben, namentlich in Jtalies. Die Ka- tastrople ist ««vermeidlich geworden, der Thron Louis Philipp's wird zertrümmert und Guizot flüchtet rach England. — Guizoi'S Lieblingsgedauke, die Fusion zwischen de« bourbonischen Linien, ist bekanntlich erst nach Sedan realisirt worden. Die Orleans Hrbes <8 Gu'zot zu verdanken, daß sie jeden Anspruch auf die Zukunft verloren habe«. Guizot s h die zweite Invasion, wie er dir erste gesehen hat, aber der Manu» dessen L.-ben vo r den glorreichen Triumphen des ersten Kaiserreiches bis zum traurige« Niedergänge des zweiten reichte, hat keine für sein Land wohlthätige Erfahrungen gesammelt.
Aus der Nähe.
* Wiesbaden, IS. Sept Die Hirsize» Bierwirths und die Frankfurter Bierbrauer sind auf ihre Eingabe an den HandelSminister um Herstellung einer besseren Befrachtung des Biere- von Frankfurt nach Wiesbade« dahin beschieden worden, daß für die Zukunft die Bier-Sendungen mit dem Zehn- Uhr-Zug Bormittags befördert werden, w un das Bier eise Stunde vorher aufgegeben ist.
* Hanau, 18. Sept. Auf eine» Forstbeamten wurde beim Nachhausegehen in Großkrotzenburg tiefer Tage von eisern Unbekannten geschossen und dem Bk amen das rechte Ohr durchgeschossen. Hoffentlich gelingt eS, den unbekannten Thäter zu ermitteln und der verdienten Strafe zu Lberlirf-rn.
* Amorbach, 13. Sp^. Am 24. September wird der rühmlichst bekannte Organist Herr A. Hö nlein aus Mannheim unter Mitwirkung der Großh. badischen Hofoprrnsängeri» Frau Seubert Hausen und des Herrn K Weltmeisters Nickel ein geistliches Concert in der hiesigen protestantischen Kirche geben.